Von Anfang an

Epheser 1, 11 – 14

 11 In ihm sind wir auch zu Erben eingesetzt worden, die wir dazu vorherbestimmt sind nach dem Vorsatz dessen, der alles wirkt nach dem Ratschluss seines Willens; 12 damit wir etwas seien zum Lob seiner Herrlichkeit, die wir zuvor auf Christus gehofft haben.

            Immer noch: in ihm. In Christus. Darum kreisen die Verse 3 – 14. In Christus haben sie ihre Mitte. Es ist eine einzige, weit ausgreifende Darstellung dessen, was den Christen mit Christus, in Christus gegeben ist. Darstellung ist dabei ein sehr zurückhaltendes Wort. Denn im Grunde ist dieser ganze Abschnitt ein großes Gebet. Beschreibendes Lob nennt man so etwas in den Psalmen. Genauso empfinde ich auch diese Passagen: Sie sind beschreibendes Lob der Gaben Gottes an uns, zugeeignet in Christus.

In Christus – das ist eine Wendung, die Paulus oft hat. Das neue Leben der Christen ist ein „in Christus sein“. Vielleicht am deutlichsten: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ (2. Korinther 5,17) Man mag das mystisch nennen. Aber es ist klar, worum es geht: Um Schicksalsgemeinschaft, um Lebensgemeinschaft. Unterschieden und doch untrennbar. Glauben ist mehr als ein paar Überzeugungen über Gott und die Welt haben, die sich an diesem Jesus Christus aufhängen. Glauben ist eine Zugehörigkeit zu ihm, die sich mit diesem geradezu räumlichen in Christus am stärksten ausdrücken lässt.

In ihm sind wir auch zu Erben eingesetzt worden ist wörtlich anders zu übersetzen: „In ihm empfingen wir auch unser Los.“ (H. Conzelmann, Der Brief an die Epheser NTD 8, Göttingen 1976,  S. 89) Was uns vor dem Wort Los zurückschrecken lässt, ist die Zufälligkeit. Los ist uns immer zufällig. Aber im Griechischen steht – einmalig im ganzen Neune Testament κληρθημεν. κληρόω -„losen, das Los werfen, durchs Los bestimmen, auswählen. Durchs Los zugeteilt bekommen.“(Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- u. Handwörterbuch, München 1957, S. 440) Man wird also zu fragen haben: Warum wird dieses Wort verwendet, das im Gegensatz zum Erben steht. Erben – das klingt nach Rechtsanspruch. Los – schließt jeden Rechtsanspruch aus. „Ohne menschliches Zutun ist dieses „durchs Los getroffen worden sein“ geschehen, oder anders ausgedrückt: Dieses „das Los ist uns gefallen“ heißt: ohne eigene Arbeit oder eigenes Verdienst ist die uns zugedachte Verheißung unser geworden.“ (F. Rienecker, Der Brief des Paulus an die Epheser, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1961, S. 66) So also gehören wir zu Gott –  durchs Los. „Von Anfang an“ weiterlesen

Der feste Grund: Christus

Epheser 1, 1 – 10

1 Paulus, ein Apostel Christi Jesu durch den Willen Gottes, an die Heiligen in Ephesus, die Gläubigen in Christus Jesus: 2 Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!

            Mit diesen Worten stellt sich `Paulus‘ vor. „Die Sitte des Altertums setzte im Briefstil den Namen des Schreibers immer an den Anfang.“(F. Rienecker, Der Brief des Paulus an die Epheser, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1961, S. 26)  Dass Paulus ein Apostel Christi Jesu ist, ist nicht seine Wahl. Es ist der Wille Gottes, der ihn dazu gemacht hat. Kein Hochmut, sondern Gewissheit hat hier das Wort. Dieses Selbstverständnis wird auch sonst in Paulusbriefen sichtbar: „Paulus, ein Knecht Christi Jesu, berufen zum Apostel, ausgesondert zu predigen das Evangelium Gottes.“ (Römer 1,1) Und noch näher: „Paulus, berufen zum Apostel Christi Jesu durch den Willen Gottes.“ (1. Korinther 1,1)

Die Exegeten sind sich weitgehend einig: Hier nimmt ein Autor späterer Zeit die „Autorität des Paulus“ (R. Schnackenburg, Der Brief an die Epheser, EKK X, Neukirchen 1982; S.41)für sein Schreiben in Anspruch, weil er sich „im Geist des großen Heidenmissionars“ (s.o.) an seine Leser wendet. Er unternimmt den Versuch, die grundlegenden Gedanken des Paulus neu in die eigene Zeit hinein zu formulieren, sie weiter zu denken. Er „leiht“ sich den Namen `Paulus‘, nicht um zu fälschen, sondern weil er nachsprechen will, was ihm wichtig ist.

An die Heiligen ist sein Brief gerichtet. So bezeichnen sich schon die ersten Christen in Jerusalem, wie wir es der Redeweise des Paulus entnehmen können: „Jetzt aber fahre ich hin nach Jerusalem, um den Heiligen zu dienen. Denn die in Mazedonien und Achaja haben willig eine gemeinsame Gabe zusammengelegt für die Armen unter den Heiligen in Jerusalem.“ (Römer 15,25-26) Es sind die ganz gewöhnlichen Glieder der Gemeinde, die so benannt werden, unabhängig von aller moralischen Qualität. Heilig aus dem einen Grund, weil sie dem heiligen Gott angehören.

Synonym zu den Heiligenγοι –  steht im Griechischen πίιστοί Gläubige. In der neuen Luther-Übersetzung ist das in eine Verb-Konstruktion umgewandelt: die an Christus Jesus glauben. Damit geht die Parallelität des Ausdrucks leider verloren und auch, dass die Heiligen keinen anderen sind als die Gläubigen. Keine Super-Christen.

Der Segensspruch stellt den ganzen folgenden Brief unter diese Überschrift. Alles, was er schreiben wird, soll Gnade und Frieden von Gott mit sich bringen, bei den Leserinnen und Lesern wachsen lassen. Beides, Gnade und Frieden kommt gleichermaßen von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus! Damit ist die Beziehung gekennzeichnet – nicht die himmlische zwischen dem Vater und Christus, sondern die irdische,  „zu uns, den Gläubigen.“ ( H. Conzelmann, Der Brief an die Epheser NTD 8, Göttingen 1976, S. 89)  „Der feste Grund: Christus“ weiterlesen

Hinter Jesus her

Johannes 21, 20 – 25

20 Petrus aber wandte sich um und sah den Jünger folgen, den Jesus lieb hatte, der auch beim Abendessen an seiner Brust gelegen und gesagt hatte: Herr, wer ist’s, der dich verrät? 21 Als Petrus diesen sah, spricht er zu Jesus: Herr, was wird aber mit diesem?

Wie irritierend menschlich geht es in diesem Evangelium zu. Da wird ein Petrus durch Jesus „rehabilitiert“, neu berufen – und findet doch nicht heraus aus seinem Konkurrenzdenken. Oder ist das schon zu viel gesagt? So kann man das ja lesen: Er sieht den Jünger folgen, den Jesus lieb hatte, und sofort fragt er: Und er? Was ist mit ihm? Was wird mit ihm? Man könnte hinter der irritierten Frage des Petrus eine Fortsetzung vermuten: Gehört er auch zu denen, die ich weiden, hüten soll? Dann wäre es eine Frage nach der Fürsorge-Pflicht. Erstreckt sich der Hirtendienst auf alle Jünger, dann ist es doch so, dass er „also auch den namenlosen Jünger einschließt.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 329)  Dann wäre das Verhältnis der beiden neu zu definieren.

Dieses Verhältnis dieser beiden Jünger wird ja wiederholt im Evangelium angesprochen.   Die Mutter Jesu wird dem anderen anvertraut. Er ist auch der Schnellere beim Lauf zum Grab. Der Schnellere auch im Erkennen, als Jesus am Ufer steht. Und jetzt? Ganz spannungsfrei ist das Miteinander jedenfalls nicht.   Aber das wäre auf der anderen Seite ja auch verwunderlich und würde jeder Erkenntnis der Gruppendynamik widersprechen, wenn es in so einer Gruppe, noch dazu einer, die von außen misstrauisch beobachtet wird, nicht auch Rivalitäten und Konkurrenzen gäbe. Noch dazu, wenn es unterschiedliche „Führungs-Typen“ sind, die da nebeneinander stehen.      „Hinter Jesus her“ weiterlesen

Hast Du mich lieb?

Johannes 21, 15 -19

15 Als sie nun das Mahl gehalten hatten, spricht Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieber, als mich diese haben? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Lämmer!

            Das Mahl ist gehalten. Jetzt wendet sich der Auferstandene einem Einzelnen zu. Einem aus dem Jüngerkreis. Simon Petrus. Schon die Anrede ist ein Signal. Simon, Sohn des Johannes. Nicht Kephas. Nicht Felsenmann. Aber was für eine Frage: Hast du mich lieber, als mich diese haben? Nur, diese Frage wirft Simon zurück auf sich und seine Geschichte. Ist er wirklich der eine Tapfere, der standgehalten hat, als alle anderen sich in Sicherheit gebracht haben? Hat er als Einziger die Liebe durchgehalten?

Es ist eine merkwürdige doppelt schillernde Frage: „Grammatikalisch kann das γαπς με πλον τοτων; ebenso bedeuten: „Liebst du mich mehr als mich diese lieben?“ wie „Liebst du mich mehr als du diese liebst?“ (R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Kritisch-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1957, S. 550)Es ist nicht nur Spielerei, sich beide Möglichkeiten vor Augen zu halten. Und es ist mir ein wenig zu rasch, theologisch korrekt geantwortet: „Wenn es sich um das Objekt der Liebe eines Jüngers handelt, steht doch der Auferstandene außer jeder Konkurrenz.“ (R. Bultmann, ebda.) Es singt sich jedenfalls leichter als es sich lebt:

 „Alle die Schönheit Himmels und der Erden                              ist verfasst in Dir allein.
Nichts soll mir werden lieber auf Erden                                      
als Du, der schönste Jesus mein.“                                                               H. A. von Fallersleben, 1842, EG 403

 Mir jedenfalls gebietet nüchterne Selbsteinschätzung, mir zuzugestehen, dass diese Frage nicht von vornherein eindeutig zu beantworten ist. Es kostet Mühe und innere Klärung, zu einer ehrlichen Antwort zu kommen.   „Hast Du mich lieb?“ weiterlesen

Am Ufer – ER

Johannes 21, 1 – 14

Nach dem Buch-Schluss in Kapitel 20 geht es jetzt doch weiter. Ein Nachtrag. Von fremder Hand? Eine Art Nachwort der „Herausgeber“? Trotz der Sprache, die „johanneisch“ klingt, spricht viel dafür, dass hier ein anderer oder andere als der Evangelist der ersten 20 Kapitel das Wort genommen haben. Das aber mindert die Autorität des Erzählten nicht.  Es ist Wegweisung für den zukünftigen Weg der Kirche.

1 Danach offenbarte sich Jesus abermals den Jüngern am See Tiberias.

            Wenn ich dem Johannes-Evangelium folge, war bislang Jerusalem der Schauplatz der Begegnungen mit dem Auferstandenen. Der Ort seines Sterbens. Aber Johannes wird die Überlieferung der anderen Evangelisten kennen. Bei ihnen ist Galiläa der Raum, in dem es zu den neuen Erfahrungen kommt.

So erzählt auch er jetzt aus Galiläa, vom jüdischen Meer. Wie die Jünger dorthin gekommen sind, auch warum, ist nicht erwähnenswert. Sie sind da. Sofort stellt er alles unter eine Überschrift: Jesus offenbarte sich. Es ist nicht nur glückliches Wiedersehen nach langer Trauer. Es ist ein Einblick in die Weltwirklichkeit Gottes, in die Wesenswirklichkeit Jesu, um die diese Erzählung kreist.

Er offenbarte sich aber so:

Damit die Leser die Bedeutung auch ja verstehen, wiederholt er sofort noch einmal seinen Hinweis auf den Verstehenshorizont. ἐφανέρωσεν – er macht sich „sichtbar, deutlich, bekannt, zeigt sich. Er offenbart sich.“(Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- u. Handwörterbuch, München 1957, S. 778) Es geht um Offenbarung. „Die Erscheinungen des Auferstandenen sind hier als Offenbarung seiner selbst verstanden.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 322) Das ist mehr als Zeichen und Wunder! Nicht seine Wundermacht, nicht sein Erbarmen, nicht seine Treue – er selbst ist das Thema. Enthüllung der Wirklichkeit.

2 Es waren beieinander Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Nathanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere seiner Jünger. 3 Spricht Simon Petrus zu ihnen: Ich will fischen gehen. Sie sprechen zu ihm: So wollen wir mit dir gehen.

Die Jünger unter der Führung der „Führungskräfte“ Simon und Thomas sind in den Alltag in Galiläa zurückgekehrt. Erstmals im ganzen Evangelium auch benannt: die Söhne des Zebedäus. Es sind nur sieben, nicht die Zwölf. „Sieben – Zahl der gottgefügten Fülle.“ (J. Heer, Das größere Leben, Bibelauslegung für die Praxis, Stuttgart 1988, S. 152) Vielleicht darf man mitlesen: In ihnen ist die ganze zukünftige Kirche vor Ort. In ihrem Galiläa, ihrem Alltag. „Am Ufer – ER“ weiterlesen

Unser Zwilling

Johannes 20, 24 – 31

24 Thomas aber, der Zwilling genannt wird, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam.

            Einer hat alles verpasst. Thomas, der Zwilling genannt. Einer, der bereit ist, auch den Weg zum Sterben mit Jesus zu gehen „Da sprach Thomas, der Zwilling genannt wird, zu den Jüngern: Lasst uns mit ihm gehen, dass wir mit ihm sterben!“(11,16) Ein Fragender, der Jesus herausfordert, mehr von sich zu sagen und zu zeigen. „Spricht zu ihm Thomas: Herr, wir wissen nicht, wo du hingehst; wie können wir den Weg wissen? Jesus spricht zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ (14, 5-6) Ein Zwilling, einer mit zwei Seiten. Und darin wohl einer wie wir.

25 Da sagten die andern Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen.

       Die Jünger sind ganz außer sich. Sie erzählen, sie sind irgendwie aufgekratzt  sie haben Großartiges erlebt. Wir haben den Herrn gesehen. Was Maria erzählt hat, ist ihre eigene Erfahrung geworden. Und sie bezeugen es ihm, der es verpasst hat. Wollen, dass er Anschluss an ihre Erfahrung gewinnt, an ihr Sehen.

Er aber sprach zu ihnen: Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und meinen Finger in die Nägelmale lege und meine Hand in seine Seite lege, kann ich’s nicht glauben.

           „Wovon redet ihr eigentlich?“ möchte Thomas vielleicht fragen. „Ich komme da nicht mit“  Und wenn die Jünger auch noch anfangen zu erklären, zu beschreiben, zu überzeugen, dann ist es ganz aus und vorbei.

Thomas ist mit ihrem Erzählen und Erklären nicht zufrieden. Glauben aus 2. Hand – das reicht mir nicht. Es ist schließlich mein Leben – es ist mein Liebe, es ist meine Hoffnung, um die es geht. Da kann ich mich doch nicht aufs Hörensagen verlassen oder aufs Gefühl vertrauen. Da will ich wissen, wo ich dran bin. „Handgreiflich will er sich überzeugen, dass der, der seinen Mitjüngern erschien, wirklich der ist, der am Kreuz starb.“ (W. de Boor, Das Evangelium des Johannes, 2. Teil, Wuppertaler Studienbibel. Wuppertal 1976, S. 243) Der Zweifler besteht auf seine eigene Erfahrung, auf das Recht, sich ein eigenes „Bild“ zu machen. „Unser Zwilling“ weiterlesen

In den Raum der Furcht tritt ER

Johannes 20, 19 – 23

19 Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch!

Der erste Tag der Woche neigt sich dem Ende zu. Es ist Abend geworden. Der Evangelist schweigt sich aus über Gespräche unter den Jüngerinnen und Jüngern. Schweigt sich aus über ihre Fragen.  Darum ist es mir rätselhaft, wie es zu dem Urteil kommen kann: „Die Jünger haben die Osterbotschaft der Maria gehört. Wie sie sie aufgenommen haben, sagt uns Johannes nicht. Ein klarer und kraftvoller Glaube ist in ihnen jedenfalls noch nicht entstanden.“ (W. de Boor, Das Evangelium des Johannes, 2. Teil, Wuppertaler Studienbibel. Wuppertal 1976, S. 236) Nur zwei Anmerkungen sind dem Evangelisten wichtig. Zum einen: die Jünger sind versammelt. Sie haben sich nicht vereinzelt in alle Winde verstreut, sind nicht auseinander gelaufen „wie Schafe, die keinen Hirten haben.“(Matthäus 9,36) Zum zweiten: Sie sind nicht freudig erregt oder aufgeregt fragend beieinander, sondern aus Furcht vor den Juden, hinter verschlossenen Türen.

Nicht offen nach allen Seiten, gespannt auf Neues, sondern verschlossen. Aus Furcht. Es ist wie eine Beschreibung unzähliger Gemeinden bis heute. Wie oft machen die Christen die Türen nicht weit auf, sondern zu. Weil sie sich fürchten vor dem Neuen, vor dem Unerwarteten, vor dem Nichtplanbaren. Und auch vor der Welt. Die Juden stehen hier ja für alle, die draußen sind, für die Welt.

Richtig daran wird historisch sein, dass es in der Gemeinde, für die Johannes sein Evangelium schreibt, viel Furcht vor den Juden gab. Vor Feindseligkeiten, vor dem Versuch, die Christen zu einer Abkehr von diesem gekreuzigten Jesus zu bringen. „Denn die Juden hatten sich schon geeinigt: wenn jemand ihn als den Christus bekenne, der solle aus der Synagoge ausgestoßen werden.“ (9,22) Das ist ja damals mehr als der Ausschluss aus dem Gottesdienst – solche Drohung könnte heutzutage ja niemand mehr schrecken. Aber dieser Ausschluss aus der Synagoge ist der Verlust der sozialen Stellung, des sozialen Umfeldes. Da ist dann einer auf einmal allein, zurück geworfen auf den kleinen Haufen der Jesus-Jüngerinnen und -Jünger.  „In den Raum der Furcht tritt ER“ weiterlesen

Was weinst du?

Johannes 20, 11 – 18

11 Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte.

Die beiden Männer sind gegangen. Ihre Geschichte mit dem Grab ist fertig. Es beginnt eine andere Geschichte, die der Maria von Magdala. Sie ist geblieben, allein zurück gelassen. Sie ist noch nicht fertig mit dem, was sie gesehen hat, von außen, mit dem leeren Grab. Sie ist ja nicht in das Grab gegangen. Draußen vor dem Grab steht sie und weint. Um den Toten. Um ihre Hoffnungen, die mit ihm ins Grab gesunken sind. Um die Erinnerungen, die noch einmal mehr schmerzen, weil sie  weiß, wie viel Leben sie verloren hat mit ihm.

Als sie nun weinte, schaute sie in das Grab 12 und sieht zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu Häupten und den andern zu den Füßen, wo sie den Leichnam Jesu hingelegt hatten.

            Wie sieht man Engel? Wie erkennt man Engel? Ich weiß es nicht, ob das ein anderes Sehen ist als das Sehen, das wir für gewöhnlich so kennen. Manchmal braucht es Tränen, damit man mehr sieht. Maria sieht – durch ihren Tränenschleier hindurch – zwei Engel in weißen Gewändern. Erscheinungen in unserer Welt aus einer anderen Weltwirklichkeit.  Lichtdurchstrahlte Gestalten. Sie stehen da, wo Jesus gelegen hatte. Weiß der Evangelist, der auch weiß, dass es Engel sind, Boten Gottes, die Maria sieht. Diese beiden Engel sind dort, wo der Leichnam Jesu gelegen hatte. Im Griechischen steht σμα – das ist nicht Leichnam,  sondern Leib.

13 Und die sprachen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.

            Die Botschaft dieser Boten Gottes ist ihr Mitgefühl, ihr Fragen: Frau, was weinst du? Sie sind nicht Herolde mit einer starken Botschaft, einem Auftrag – so wie bei den anderen Evangelisten. Sie sind Fragende, die Maria erlauben, „auszusprechen, was sie beunruhigt und bekümmert.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 308) Manchmal ermöglicht solche Erlaubnis zu fragen und zu klagen den erste Schritt auf einen neuen Weg. Und wie viel Glauben, ja, Glauben meldet sich in dem, dass Maria schon vor diesen Engeln von dem, den sie sucht als von meinem Herrn redet.  „Was weinst du?“ weiterlesen

Vor dem leeren Grab

Johannes 20, 1 – 10

 1 Am ersten Tag der Woche kommt Maria von Magdala früh, als es noch finster war, zum Grab und sieht, dass der Stein vom Grab weg war.

Es ist ein schlichter Anfang: Am ersten Tag der Woche – das ist der Tag nach dem großen Sabat des Passah.  Maria von Magdala geht zum Grab. Früh. Im Halbdunkel. Warum wird nicht erzählt. Ist es Kummer, der sie auf den Weg bringt? Sucht sie die Nähe des Grabes, weil die Nähe zu Jesus nicht mehr möglich ist? Alles bleibt ungesagt. „Gefühle schildert die Bibel nicht.“ (W. de Boor, Das Evangelium des Johannes, 2. Teil, Wuppertaler Studienbibel. Wuppertal 1976, S. 227)Nur, was sie sieht, lesen wir: Der Stein vom Grab war weg. Wir haben es zuvor nicht erfahren, dass ein Stein vor dem Grab lag. Aber jetzt sehen, hören, lesen wir: Er ist weg!

2 Da läuft sie und kommt zu Simon Petrus und zu dem andern Jünger, den Jesus lieb hatte, und spricht zu ihnen: Sie haben den Herrn weggenommen aus dem Grab, und wir wissen nicht, wo sie ihn hingelegt haben.

Das offene Grab lässt sie – erschrocken und ratlos – umkehren. Zurück zu Simon Petrus und zu dem andern Jünger, den Jesus lieb hatte. Wieder erfahren wir nicht, was interessant sein könnte: Sind die ohnehin in der Nähe, auch auf dem Weg zum Grab? Gibt es ein Versteck der Jünger in der Gegend? Was wir erfahren, ist lediglich die Überlegung der Maria: Sie haben den Herrn weggenommen aus dem Grab, und wir wissen nicht, wo sie ihn hingelegt haben. Wie sie auf ihren Gedanken kommt, ob sie in das Grab hineingesehen hat, dazu schweigt der Evangelist. Ihm genügt ihre erschrockene Meldung. Sie, die ihn weggenommen haben, mögen die Juden sein oder Römer oder: Unbekannte. Und weder der neue Ort noch der Grund der Entfernung aus dem Grab sind Maria klar.

Auffällig auch: Maria sagt nicht: Den Leichnam. sie sagt: den Herrn. Ο κύριος ist sonst im Johannes-Evangelium ungebräuchlich für Jesus (Ausnahmen: 6,23, 11,2). Es ist die „Bezeichnung für den Auferstandenen!“(J. Heer, Das größere Leben, Bibelauslegung für die Praxis, Stuttgart 1988, S. 144) Ist es schon eine Andeutung auf das Folgende?

Auch das kann auffallen. Maria, die doch alleine zum Grab unterwegs war, sagt: wir wissen nicht, wo sie ihn hingelegt haben. οκ οδαμεν im griechischen Text: wir wissen nicht  Und nicht: Ich weiß nicht. Vielleicht spielt hier hinein, dass die anderen Evangelisten immer von einer Zweier- oder Dreier-Gruppe der Frauen erzählen, die sich auf den Weg zum Grab gemacht hat.

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Alles vorbereitet

Johannes 19, 31 – 42

31 Weil es aber Rüsttag war und die Leichname nicht am Kreuz bleiben sollten den Sabbat über – denn dieser Sabbat war ein hoher Festtag -, baten die Juden Pilatus, dass ihnen die Beine gebrochen und sie abgenommen würden. 32 Da kamen die Soldaten und brachen dem Ersten die Beine und auch dem andern, der mit ihm gekreuzigt war.

            Die Sorge um den hohen Fest-Tag, der ansteht, die Feier des Auszugs aus Ägypten, treibt die Juden um. Sie sind gesetzestreue Leute, die die Schriften kennen:  „Wenn jemand eine Sünde getan hat, die des Todes würdig ist, und wird getötet und man hängt ihn an ein Holz, so soll sein Leichnam nicht über Nacht an dem Holz bleiben, sondern du sollst ihn am selben Tage begraben – denn ein Aufgehängter ist verflucht bei Gott -, auf dass du dein Land nicht unrein machst, das dir der HERR, dein Gott, zum Erbe gibt.“ (5. Mose 21,22.23) Sie wollen Schaden von dem Land abwenden. Dazu kommt, dass sie darauf dringen „das Ärgernis des von den Römern gekreuzigten „Königs der Juden“ so schnell wie möglich zu beseitigen.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 299) Darum soll der Tod der Gehenkten beschleunigt und ihre Leichname verscharrt werden.

Es liest sich wie ein Kommentar zu dieser Bitte: „Ihr verblendeten Führer, die ihr Mücken aussiebt, aber Kamele verschluckt!“(Matthäus 23,24) Als ob alles gut wäre, wenn diese drei Gekreuzigten nur nicht mehr an ihren Kreuzen hingen! Pilatus gewährt die Bitte und die Soldaten tun an den beiden Mitgekreuzigten, wie sie geheißen worden sind.

33 Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon gestorben war, brachen sie ihm die Beine nicht; 34 sondern einer der Soldaten stieß mit dem Speer in seine Seite, und sogleich kam Blut und Wasser heraus.

Bei Jesus erübrigt sich das Brechen der Beine – er ist schon tot. Man muss nicht mehr nachhelfen. Nur die eine Probe wird noch gemacht – der Stich mit einer Lanze in die Seite. „Das Austreten von „Blut und Wasser“ wird nach Meinung antiker Medizin als Todeszeichen angesehen. Der wirkliche Tod eines wirklichen Menschen.“  (G. Voigt, aaO. S. 273) Jesus bleibt – so gesehen – unversehrt.

35 Und der das gesehen hat, der hat es bezeugt, und sein Zeugnis ist wahr, und er weiß, dass er die Wahrheit sagt, damit auch ihr glaubt. 36 Denn das ist geschehen, damit die Schrift erfüllt würde (2.Mose 12,46): »Ihr sollt ihm kein Bein zerbrechen.« 37 Und wiederum sagt die Schrift an einer andern Stelle (Sacharja 12,10): »Sie werden den sehen, den sie durchbohrt haben.«

            Das ist eine spannende Einfügung. Hier wird ein Augenzeuge aufgerufen. Ist es der Evangelist selbst? Das ist nicht zwingend aus dem Wortlaut zu lesen. Einer, der dabei war, erzählt, genauer: bezeugt – mit nur einem Ziel: Nicht, dass wir Lesenden lediglich wissen, was geschehen ist, sondern dass wir glauben. Es geht nicht um historisches Bescheidwissen, sondern um Zeugnis, das Glauben weckt. „Die Faktizität des hier Berichteten“ (G. Voigt, aaO.; S.273) ist das Eine, Glauben an den Gekreuzigten das Andere. Es geht wieder einmal um tragfähige Wahrheit – αληθεία -, für die das Zeugnis μαρτυρία, Martyria – abgelegt wird. „Alles vorbereitet“ weiterlesen