Am Ende: Gnade genügt

Hebräer 13, 15 – 25

15 So lasst uns nun durch ihn Gott allezeit das Lobopfer darbringen, das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen. 16 Gutes zu tun und mit andern zu teilen vergesst nicht; denn solche Opfer gefallen Gott.

Es ist ein Springen von Satz zu Satz. So wie es manchmal am Ende eines Gespräches ist. Da fällt einem auch noch dies und das ein. Von außen betrachtet ein wenig zusammenhanglos. Von innen her aber – Reflex auf die früheren Gedanken. Es ist keine Zeit mehr für lange, tiefe Ausführungen – diese Zeit war vorher. Und der Hebräer-Brief hat sie sich genommen. Jetzt bleiben nur noch „letzte Worte.“ Gute Worte füreinander, kurz vor dem Aufbruch.

Vor meinem inneren Augen entstehen Bilder. Immer wieder in unendlich vielen Variationen Bilder einer Gottesdienst feiernden Gemeinde. Sie singen miteinander, beten miteinander, achten aufeinander, stärken einander, helfen einander.

Der Hebräerbrief weiß: die Zeit der Sühnopfer ist ein für alle Mal vorbei. „Das Lobopfer dagegen bleibt auch im messianischen Zeitalter erhalten.“(O. Michel, aaO. s. 351)

 „Lasset uns singen, dem Schöpfer bringen
Güter und Gaben; was wir nur haben,
alles sei Gotte zum Opfer gesetzt!
Die besten Güter sind unsre Gemüter;
dankbare Lieder sind Weihrauch und Widder,
an welchen er sich am meisten ergötzt.“                                                                              P. Gerhardt, 1666 EG 449

Es sind Bilder meiner Sehnsucht, die ich hier sehe und in denen ich meine Sehnsucht nach dem Ankommen am Ziel, nach der Vollendung im Himmel spüre. Über aller Freude am Gottesdienst darf  es nicht in Vergessenheit geraten, Gutes zu tun und mit andern zu teilen. Das ist Wegweisung in den Alltag des Lebens. Paulus würde sagen: vernünftiger Gottesdienst.“(Römer 12,1) Gott sei Dank – es bleibt nicht bei schönen Worten, bei sehnsuchtsvollen Visionen. Es kommt zum schönen Tun. Gott hat seine Freude daran. „Am Ende: Gnade genügt“ weiterlesen

Unterwegs zum Vaterhaus

Hebräer 13, 1 – 14

 1 Bleibt fest in der brüderlichen Liebe. 2 Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. 3 Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil ihr auch noch im Leibe lebt.

Mit den Beinen auf der Erde. Es zeichnet diese Schrift aus, dass sie zwar viel von der Wirklichkeit des Himmels redet,  aber darüber nicht die Erde vergisst. Die Hoffnung auf die himmlische Ruhe setzt Verhalten frei, prägt es, formt es. Gerade die am Himmel orientierten Christen bleiben der Erde treu. Sie überfordern sie nicht in ihren Erwartungen. Sie müssen auch nicht – womöglich gewaltsam – aus ihr ein Paradies machen. Solche Versuche hat es gegeben und sie sind, nicht nur bei den Wiedertäufern in Münster und im Bauernaufstand in Blutvergießen geendet. Es reicht, die Verhältinsse, vor allem die sozialen Verhältnisse, so zu „verbessern“, dass sie dem Leben dienen.

Es ist eines der großen Anliegen des Briefes, dass die Gemeinschaft unter den Christen tragfähig bleibt. Keiner soll zurück gelassen werden, keine abgehängt, keine allein und sich selbst überlassen. Wenn es stimmt, und es legt sich durch viele Bemerkungen im Text ja nahe – So lasst uns nun mit Furcht darauf achten, dass keiner von euch etwa zurückbleibe (4,1); Lasst uns festhalten an dem Bekenntnis der Hoffnung und nicht wanken(10,23);Werft euer Vertrauen nicht weg(10,35; Stärkt die müden Hände und die wankenden Knie (12,12)als kleine Auswahl –, dass die Adressaten des Briefes Christen in der Bedrängnis sind, unter Druck von außen, dann leuchtet sofort ein, dass die gegenseitige Unterstützung so überaus wichtig ist. Darum schlägt die Übersetzung Bleibt fest einen richtigen Ton an, auch wenn im Griechischen nur einfach μεντω – bleibt steht. Aber diese Wort kann auf „ausharren, standhalten im Kampf“(Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- u. Handwörterbuch, München 1957, S. 494) bedeuten. Ein Hinweis darauf, dass es Kraft und Stehvermögen braucht, auch in der Brüderlichkeit. Wir heute würden sagen: in der Geschwisterlichkeit.

Φιλαδελφία, brüderliche Liebe ist geboten. Weil der Glauben in Beziehung stellt, zu Gott und zu den Schwestern und Brüdern, deshalb ist es auch eine Frage der Bewährung des Glaubens, wie Christen liebevoll miteinander umgehen. Zuspruch, Aufmerksamkeit, Trost, Beistand in Nöten, gute Worte – alles das sind Zeichen der Liebe. Diese Liebe ist zentrales Thema in der Christenheit, nicht nur für den Hebräer-Brief. „Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben.“ (1. Johannes 4,11) heißt es in einer Meditation, die das Thema breit entfaltet. „Unterwegs zum Vaterhaus“ weiterlesen

Antworten

Hebräer 12, 25 – 29

 25 Seht zu, dass ihr den nicht abweist, der da redet.

             Heute hat der Schreiber früher gemahnt (3,13). Heute ist die Zeit, in der es zu hören gilt, in der es den Glauben zu bewähren gilt. Das greift er hier wieder auf. Seht zu, dass ihr den nicht abweist, der da redet.  Damit ist das Wort gemeint, das zum Glauben ruft, zum Durchhalten, zum Vertrauen. Es ist nicht sein Wort, sondern das Wort dessen, der zur Rechten Gottes ist. Wer den Ruf der Gnade versäumt, der versäumt das Leben.

Denn wenn jene nicht entronnen sind, die den abwiesen, der auf Erden redete, wie viel weniger werden wir entrinnen, wenn wir den abweisen, der vom Himmel redet. 26 Seine Stimme hat zu jener Zeit die Erde erschüttert, jetzt aber verheißt er und spricht (Haggai 2,6): »Noch einmal will ich erschüttern nicht allein die Erde, sondern auch den Himmel.«

             Wieder stellt er die früheren Zeit und die Zeit jetzt einander gegenüber. Es gibt, meiner Einsicht  nach, zwei Möglichkeiten, dieses „früher – jetzt“ zu verstehen. Man kann in dem früheren Reden die Offenbarung am Sinai hören, das Gebot, die Weisungen Gottes. Er hat επί γη̃ς, auf Erden geredet. Jetzt aber kommen seine Worte in anderer Weise, aus dem Himmel, von dem, der aus den Himmeln, απ̀ ουρανω̃ν, auf die Erde gekommen ist, Jesus. Das wäre der „klassische“ Gegensatz zwischen altem und neuen Bund, Mose und Christus. Und Christus überbietet Mose.

Aber ich sehe noch eine andere Möglichkeit zu verstehen. Früher hat Jesus geredet als der, der auf Erden ist, einer wie wir, verwechselbar auch seine Worte mit allen anderen Worten von Menschen. Ihn in diesem Reden nicht hören war schon: seinen Ruf nicht hören, alleine unterwegs bleiben, sich nicht sammeln lassen in die Schar derer, die bei ihm Ruhe für ihre Seelen finden (Matthäus 11, 29). Jetzt aber redet er aus der Wirklichkeit des Himmels. Erhöht in die Herrlichkeit Gottes, die er denen öffnen will, die ihn hören und ihm folgen. Jetzt ist sein Wort der Ruf  ins Heil und Nicht-Hören ist Heillosigkeit. „Antworten“ weiterlesen

Ganz anders

Hebräer 12, 18 – 24

18 Denn ihr seid nicht gekommen zu dem Berg, den man anrühren konnte und der mit Feuer brannte, und nicht in Dunkelheit und Finsternis und Ungewitter 19 und nicht zum Schall der Posaune und zum Ertönen der Worte, bei denen die Hörer baten, dass ihnen keine Worte mehr gesagt würden; 20 denn sie konnten’s nicht ertragen, was da gesagt wurde (2.Mose 19,13): »Und auch wenn ein Tier den Berg anrührt, soll es gesteinigt werden.« 21 Und so schrecklich war die Erscheinung, dass Mose sprach (5 .Mose 9,19): »Ich bin erschrocken und zittere.«

Es folgt wieder die schon bekannte Denk-Figur, die dem Kleineren das Größere gegenüber stellt, dem Alten das Neue, dem Unvollkommenen das Vollkommene. Israel wurde an den Gottesberg geführt und erlebte dabei den Schrecken vor Gott. Feuer, Dunkelheit, Finsternis, Ungewitter, Schall der Posaune  – „In solchen Erscheinungen offenbart Sich Gott nach dem Erzähler ebenso wie er Sich durch sie verhüllt.“ (O. Michel, Der Brief an die Hebräer, Krit.-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1949, S. 314) Israel erfuhr am Gottesberg, dass der heilige Gott und das unheilige Volk nicht zusammen passen. „Weh mir, ich vergehe!“(Jesaja 6,5) ruft der Prophet, als er im Tempel die Gottesgegenwart erfährt. Wir passen nicht zusammen – der heilige Gott und wir Sünder. Das ist eine Grunderfahrung des Menschen schlechthin. Und doch: Es ist nur eine vorläufige Erfahrung. „Ganz anders“ weiterlesen

Und mit unsrer kleinen Kraft

Hebräer 12, 12 -24

 12 Darum stärkt die müden Hände und die wankenden Knie 13 und macht sichere Schritte mit euren Füßen, damit nicht jemand strauchle wie ein Lahmer, sondern vielmehr gesund werde.

Einmal mehr: Darum. Weiter geht es mit den Folgerungen, dem Aufzeigen von Konsequenzen. Es geht um Achtsamkeit, aber nicht nur für sich selbst. Achtsamkeit als Ermutigung für die, die erschöpft sind, müde geworden, von tiefer Resignation bedroht. Nicht: „Feuert euch selbst an“, sondern: Ermutigt euch gegenseitig. Imperative, die nicht befehlen, sondern befreien, aufmuntern, den Rücken stärken. Helft einander, „einen geraden Gang anzustreben und somit nicht zu schwanken.“ (A. Strobel, Der Brief an die Hebräer, NTD 9, Göttingen 1975, S. 235) 

                Es kommt mir wie ein dichtendes Nachsprechen der Worte des Hebräer-Briefes vor:  

Kommt, Kinder, lasst uns gehen,                                                                 der Abend kommt herbei;
es ist gefährlich stehen                                                                                       in dieser Wüstenei.
Kommt, stärket euren Mut,                                                                            zur Ewigkeit zu wandern
von einer Kraft zur andern;                                                                            es ist das Ende gut.

Sollt wo ein Schwacher fallen,                                                                     so greif der Stärkre zu;
man trag, man helfe allen,                                                                      man pflanze Lieb und Ruh.
Kommt, bindet fester an;                                                                               ein jeder sei der Kleinste,
doch auch wohl gern der Reinste                                                                 auf unsrer Liebesbahn.         G. Tersteegen 1738, EG 393

Darum gibt es Gemeinde, dass Eine*r der/dem Anderen den Rücken stärkt, dass wir gute Worte füreinander finden, dass wir uns helfen, dass wir gemeinsam weitermachen, dass wir einander den Blick nach vorne öffnen, auf das Ziel gerichtet unterwegs bleiben helfen. „Ich bin nicht nur auf meinen eigenen windschiefen Glauben angewiesen. Wir teilen den Glauben wie man Brot teilt in kargen Zeiten….Es entsteht eine neue Sehnsucht: sich einzufügen in den Gesang aller – der anwesenden Geschwister, der Engel und der Toten“ (F. Steffensky, in: Andere Zeiten, 3/2013, S.5)    „Und mit unsrer kleinen Kraft“ weiterlesen

Aufsehen auf Jesus

Hebräer 12, 1 – 11

 1 Darum auch wir: Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns ständig umstrickt, und lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist, 2 und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens, der, obwohl er hätte Freude haben können, das Kreuz erduldete und die Schande gering achtete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes.

Wieder Darum. Τοιγαροῦν. Aus alledem folgt… Die Argumentation des bisherigen Textes wird weitergeführt. Es kommt nicht etwas Neues, ein anderes Thema, sondern es werden Folgerungen aus dem bisher Gesagten  gezogen. „Wir stehen wieder vor der eigentlichen Mahnrede.“ (O. Michel, Der Brief an die Hebräer, Krit.-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1949, S. 287)

Vorgeführt hat uns das Schreiben zuvor aus der hebräischen Bibel die Wolke von Zeugen. Die vor uns gelebt haben, sind für den Schreiber nicht einfach weg. Sie sind als Wolke um uns. Nicht lauter Einzelne, sondern dichtgedrängt, viele. Myriaden. „Wolke“ ist weiter der Hinweis auf die himmlische Wirklichkeit. Jesus wird von einer Wolke vor den Augen der Jünger weggenommen (Apostelgeschichte 1,9). In ihr ist er in die Wirklichkeit Gottes eingegangen. Die  nicht weit weg ist, sondern nahe, um uns. Alle, die vor uns geglaubt haben, sind präsent in der Gegenwart Gottes.

Ich mag diesen Ausdruck von der Wolke der Zeugen. Er hilft mir, in einer leeren Kirche, in der sich ein paar Einzelne verlieren, zu glauben, dass wir nicht unter uns sind, nicht die letzten Übriggebliebenen einer früher einmal  großen Geschichte. Auch deshalb sind manche Kirchen so groß, himmelwärts gerichtet, damit die Wolke der Zeugen in ihnen Platz hat. Das klingt, zugegeben, schräg. Mir macht es Mut.

Diesen Mut braucht es ja auch, um Ballast abzuwerfen. Lasst uns ablegen alles, was uns beschwert. Das Bild vom Start zu einem Marathon-Lauf erscheint vor meinem inneren Auge. „Was hindert und beschwert, wird von den Läufern abgelegt. Der Begriff des „Ballastes“ ist etwas zu hart gewählt, zeigt aber an, dass die Leser den Sachverhalt einer niederdrückenden Bürde ernstnehmen müssen, wollen sie ans Ziel kommen.“ ( A.Strobel, Der Brief an die Hebräer, NTD 9, Göttingen 1975; S. 230)  „Aufsehen auf Jesus“ weiterlesen

Nicht nur strahlende Sieger

Hebräer 11, 32 – 40

 32 Und was soll ich noch mehr sagen? Die Zeit würde mir zu kurz, wenn ich erzählen sollte von Gideon und Barak und Simson und Jeftah und David und Samuel und den Propheten. 33 Diese haben durch den Glauben Königreiche bezwungen, Gerechtigkeit geübt, Verheißungen erlangt, Löwen den Rachen gestopft, 34 des Feuers Kraft ausgelöscht, sind der Schärfe des Schwerts entronnen, aus der Schwachheit zu Kräften gekommen, sind stark geworden im Kampf und haben fremde Heere in die Flucht geschlagen.

τ τι λγω; Was soll ich noch mehr sagen? „Die Beschränkung erwächst aus der Kürze der Zeit.“ (O. Michel, Der Brief an die Hebräer, Krit.-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1949, S. 278)Das könnte ein Hinweis auf einen mündlichen Vortrag dieser Passagen sein. Nicht, weil es an Beispielen fehlen würde. Es ist eine bunte Schar, die uns der Schreiber hier vor Augen stellt – jeder Einzelne und jede Einzelne für sich genommen ein Zeuge des Glaubens. Vielfältig – manche Kämpfer, manche Sieger in blutigen Schlachten, manche Opfer. Starke und Schwache. Es sind nicht alles Heldengeschichten, die sich mit diesen Namen verbinden.

35 Frauen haben ihre Toten durch Auferstehung wiederbekommen. Andere aber sind gemartert worden und haben die Freilassung nicht angenommen, damit sie die Auferstehung, die besser ist, erlangten. 36 Andere haben Spott und Geißelung erlitten, dazu Fesseln und Gefängnis. 37 Sie sind gesteinigt, zersägt, durchs Schwert getötet worden; sie sind umhergezogen in Schafpelzen und Ziegenfellen; sie haben Mangel, Bedrängnis, Misshandlung erduldet. 38 Sie, deren die Welt nicht wert war, sind umhergeirrt in Wüsten, auf Bergen, in Höhlen und Erdlöchern.

Es sind auch nicht alles Bewahrungsgeschichten, die sich mit ihnen verbinden. Und nicht alle haben ihre Toten durch Auferstehung wiederbekommen. So wie die Witwe von Sarepta. (1. Könige 17,17 -22) Es geht nicht immer gut aus in der Zeit mit den Leuten Gottes. „Dass die Blutzeugen als selbstständige und letzte Gruppe innerhalb der Aufzählung auftreten, ist nicht zufällig“ (O. Michel, aaO. S. 280) Sie stehen in einer letzten Konsequenz für Gottes Wahrheit ein – durch die Art ihres Lebens bis in die Kleidung hinein und durch das Beharren in der Treue, bis zum Äußersten, bis zum Tod. „Darum spricht er der Welt, die diese Boten abschütteln will, das Urteil: Sie ist ihrer nicht wert.“ (O. Michel, aaO. S. 283)

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Nicht kopieren – den eigenen Weg suchen

Hebräer 11, 23 – 31

23 Durch den Glauben wurde „Mose,“ als er geboren war, drei Monate verborgen von seinen Eltern, weil sie sahen, dass er ein schönes Kind war; und sie fürchteten sich nicht vor des Königs Gebot. 24 Durch den Glauben wollte Mose, als er groß geworden war, nicht mehr als Sohn der Tochter des Pharao gelten, 25 sondern wollte viel lieber mit dem Volk Gottes zusammen misshandelt werden als eine Zeit lang den Genuss der Sünde haben, 26 und hielt die Schmach Christi für größeren Reichtum als die Schätze Ägyptens; denn er sah auf die Belohnung.

              „Mit dem Beispiel des Mose beginnt die Entfaltung dessen, was sich im Glauben als Widerspruch gegen die sogenannte Wirklichkeit äußert.“(W. Löw, Der Glaubensweg des Neuen Bundes, Die urchristliche Botschaft 18, Berlin 1931, S. 95) Mose und der Glaube – das ist eine Geschichte, die vor den Entscheidungen des Mose beginnt. Vielleicht muss man das lernen, in einer Zeit, die so sehr auf das setzt, was wir selbst zustande bringen. Unser Glauben hat immer eine Vorgeschichte, in der wir nicht die Aktiven sind. Es sind die Eltern, die ihn verbergen – aus Glauben. Erst dann folgt sein Schritt, dass er sich verweigert, nicht Karriere macht am Hof des Pharao, sondern sich zu seinem Volk stellt.

Er wählt die Schmach Christi! So sieht es der Brief, der im Weg des Mose den Niedrigkeitsweg der Inkarnation des Gottessohnes schon mit sieht. Das ist schon eine christliche Mose-Deutung: Wie Mose stellt sich Christus, wie Christus stellt sich Mose zu seinen Brüdern. Es ist die Denkweise, die diesen Verfasser kennzeichnet: er sieht im Alten Testament eine typologische Vorabbildung des Heils in Christus.

Es ist ein wichtiger Hinweis: Dieser Weg des Mose ist nicht so gradlinig, wie wir uns das gerne vorstellen: „Mose wäre nie zum Befreier des Volkes geworden, wenn er nicht die Torheit begangen hätte, eines Tages jemanden zu erschlagen und Angst bekam, er würde dafür bestraft werden. Er hatte eine Torheit begangen und deshalb war es nicht bloß der Weg des Glaubens, in die Wüste zu gehen, sondern er wusste, es war nun auch besser, dass er in der Wüste verschwand.“ (O. Michel, Aufsehen auf Jesus, Metzingen 1969, S. 176) Und dann zieht der Autor Otto Michel daraus eine Konsequenz im Blick auf uns Christen heute: Das  gehört  mitten in unser Leben hinein, dass uns der lebendige Gott manchmal durch unsere Fehler und unsere Schwäche packt und sagt: So gehst du nun!“( O. Michel, aaO.) Es ist ja ein bisschen die Gefahr, dass wir solche Sätze über Mose als Heldengeschichten lesen und nicht sehen, wie Gott seine Schwächen mit in seinen Weg nimmt.  „Nicht kopieren – den eigenen Weg suchen“ weiterlesen

Im Aufbruch leben

Hebräer 11, 8 – 22

8 Durch den Glauben wurde „Abraham“ gehorsam, als er berufen wurde, in ein Land zu ziehen, das er erben sollte; und er zog aus und wusste nicht, wo er hinkäme. 9 Durch den Glauben ist er ein Fremdling gewesen in dem verheißenen Lande wie in einem fremden und wohnte in Zelten mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung. 10 Denn er wartete auf die Stadt, die einen festen Grund hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist.

Abraham ist das große Beispiel des Glaubens. Vater des Glaubens für Juden und Christen. Er ist im Vertrauen aus dem gewohnten Umfeld aufgebrochen. Er hat sich rufen lassen. Er hat es auf sich genommen, ein Fremdling zu sein im verheißenen Land. Er lebt, darauf kommt es hier an als einer, der wartet, weiß, dass er noch nicht am Ziel ist.   Wenn man aktuell zuspitzt: er lebt als einer, der nur eine Duldung hat, keine solide bestätigten Aufenthalts-Status. Aber er wartet dennoch nicht ins Leere hinein. Was der Text aus 1. Mose nicht sagt, das sieht der Schreiber des Hebräer-Briefes: Er wartet, weil er ein Fremdling bleibt, ein πάροικος,  über die Zeit hinaus auf die Stadt Gottes – ich ergänze aus meinem Wissen um das biblische Zeugnis: auf „das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel.“ (Offenbarung 21, 2)

Ich stimme zu: „Der Verfasser vertritt die Auffassung, dass das eigentliche Ziel Abrahams und Moses schon immer die himmlische Stadt war, nicht das irdische Land Kanaan.“ (W.R.G. Loader, Glaube in der Bewährung, Bibelauslegung für die Praxis 25, Stuttgart 1990, S. 75)Gleichzeitig weiß ich: Jüdische Auslegung würd dagegen heftig protestieren. Ihr geht es immer um das reale Land in der Zeit jetzt.  „Im Aufbruch leben“ weiterlesen

Glauben – feste Zuversicht

Hebräer 11, 1 – 7

1 Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.

Das klingt wie eine zeitlose Definition des Glaubens. So wird es auch gerne gelesen und zitiert. In der ein wenig dümmlichen Kurzform: Glauben ist Nichtwissen. Aber das steht da nicht. Sondern was hier steht, ist die Summe der seitherigen Argumentation: Im Himmel ist schon Wirklichkeit, was wir noch nicht sehen, worauf wir aber hoffen: Jesus sitzt zur Rechten Gottes und vertritt uns. Das ist das Wissen des Glaubens. Darin macht er sich fest. Das schafft feste Zuversicht, lässt feststehen. So legt es auch das griechische Wort υ̉πόστασις, Gewähr, feste Position, nahe. Also alles andere als: Man weiß nicht so recht…. Anders gesagt: „Glauben umschließt sowohl die gewisse Hoffnung auf das für die Zukunft Verheißene als auch die feste Überzeugung von der Wirklichkeit der himmlischen Welt.“ (W.R.G. Loader, Glaube in der Bewährung, Bibelauslegung für die Praxis 25, Stuttgart 1990, S. 74) Wer die Wirklichkeit reduziert auf die diesseitige Welterfahrung, der wird nur den Kopf schütteln können.

Die Konzentration auf den einen Ausdruck Glauben – πστις – darf nicht darüber hinweg täuschen: es geht um ein ganzes Bündel an Verhaltensweisen. „Die neben dem Glauben genannten Forderungen und Gaben Gottes wie Zuversicht, Geduld, Gehorsam, Hoffnung und Vertrauen stehen in Wirklichkeit nicht neben dem Glauben, sondern drücken sein Wesen und seine Eigenart nach verschiedenen Seiten aus.“ (O. Michel, Der Brief an die Hebräer, Krit.-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1949, S. 243) Es ist eine Schwäche heutigen Redens vom Glauben, dass es diese Bandbreite des Verhaltens oft vernachlässig und stattdessen so klingt wie die Zustimmung zu irgendwelchen unverständlichen Glaubens-Sätzen. Dogmen.

2 Durch diesen Glauben haben die Vorfahren Gottes Zeugnis empfangen.3 Durch den Glauben erkennen wir, dass die Welt durch Gottes Wort geschaffen ist, sodass alles, was man sieht, aus nichts geworden ist.

     Das ist die Wirkung solchen Glaubens. Er macht offen für das Reden Gottes. Er öffnet den Blick, so dass die Wirklichkeit und Wirksamkeit Gottes in der Welt  gesehen wird.  Das ist der Vorgang, der hier zugrunde liegend gedacht wird: Von Schöpfung kann nur reden, wer den Schöpfer glaubt und sich ihm anvertraut. Im Glauben wird uns eine Sicht auf die Wirklichkeit geschenkt, die uns ohne den Glauben verschlossen bleibt. Dieser Glaube bringt Erkennen hervor. Er macht nicht blind, sondern hellsichtig, die Wirklichkeit durchsichtig auf ihren Grund hin: Die Welt ist durch das Wort Gottes geschaffen. „Und Gott sprach“ (1. Mose 1) sollen Leserinnen wohl hier mithören.

Es verdient, hervorgehoben zu  werden: „Die unmittelbare, ein intellektuelles Moment einschließende Verkoppelung von Glauben und Wissen ist sonst ohne Beispiel im Alten und Neuen Testament.“ (E. Grässer, Der Brief an die Hebräer, EKK XVII/III; Neukirchen 1997; S. 106) So erweist sich auch hier bei aller Verwurzelung in der gemeinsamen Glaubenssicht die Originalität des Hebräer-Briefes. „Glauben – feste Zuversicht“ weiterlesen