Der Weg nach Europa

Apostelgeschichte 16, 6 – 15

 6 Sie zogen aber durch Phrygien und das Land Galatien, da ihnen vom Heiligen Geist verwehrt wurde, das Wort zu predigen in der Provinz Asien. 7 Als sie aber bis nach Mysien gekommen waren, versuchten sie, nach Bithynien zu reisen; doch der Geist Jesu ließ es ihnen nicht zu. 8 Da zogen sie durch Mysien und kamen hinab nach Troas.

             Weiter, immer weiter will Paulus mit seinen Leuten. Nach Ephesus, der Hauptstadt der Provinz Asien könnte der Weg gehen. „Das hätte der Strategie des Paulus entsprochen, die darauf ausging, jeweils von den städtischen Zentren aus das Umland missionarisch zu erschließen.“ (J. Roloff, Die Apostelgeschichte; NTD 5; Göttingen 1981, S. 241) Aber auf dem Weg in die Provinz Asien stößt er auf ein unüberwindliches Hindernis. Es wurde ihnen vom Heiligen Geist verwehrt wurde, das Wort zu predigen in der Provinz Asien. Wie dieses Verwehren des Geistes aussieht, erfahren wir nicht. Also wird die Route geändert. Doch auch auf dem neuen Weg geht es nicht weiter. Der Geist Jesu ließ es ihnen nicht zu.

                     Das klingt nach frommer Sprache für ganz normale Ereignisse. Hochwasser kann Straßen versperren. Räuberbanden können einen Weg unpassierbar machen. Erschöpfung kann am Weiterziehen hindern. Das mag alles so sein. Nur die Deutung, die Lukas diesen versperrten Reiserouten zuteilwerden lässt, geht weiter, tiefer: Es ist der Geist, der die Gruppe führt. Es braucht keine Mirakel vom Himmel, durch die der Geist sich zu Wort, zur Stelle meldet. Nur offene Augen, Ohren und Herzen.

Haben wir bis dahin in der Apostelgeschichte den Geist nur als vorwärts drängend, innovativ, weiterführend kennen gelernt, so zeigt sich hier: Er kann auch Hindernisse in den Weg legen. Führungen Gottes, so lehrt Lukas, sind nicht nur da, wo sich Türen öffnen. Sie können auch da sein, wo sich Türen schließen und Wege versperrt werden. Auch die beste und sinnvollste Strategie steht unter dem Vorbehalt: Wie Gott will. „Der Weg nach Europa“ weiterlesen

Sich trennen und frei geben

Apostelgeschichte 15, 36 – 16, 5

36 Nach einigen Tagen sprach Paulus zu Barnabas: Lass uns wieder aufbrechen und nach unsern Brüdern sehen in allen Städten, in denen wir das Wort des Herrn verkündigt haben, wie es um sie steht.

             Es hält Paulus nicht überlang in Antiochia. „Die Initiative zu der neuen Reise geht von Paulus aus.“(J. Roloff, , Die Apostelgeschichte, NTD 5, Göttingen 1981, S.237) Ist es Sehnsucht, ist es Sorge, die ihn treibt, die Brüder zu sehen? Er spürt Verantwortung für die, die er auf den Weg des Glaubens gerufen hat. Es gehört zu den Erfahrungen der Missionare aller Zeiten, dass es gut ist, die immer wieder einmal aufzusuchen, die den Weg des Glaubens begonnen  haben.

Aus meinem eigenen Leben weiß ich, wie sehr ich durch solches Besuchen und Besucht-werden gestärkt worden bin. Ich weiß, wie mich der wiederholte Kontakt  zu Gemeinden, bei denen ich irgendwann einmal war und dort predigen und lehren durfte, ermutigt hat. So gesehen ist es nicht reine Selbstlosigkeit, die Paulus zum Aufbruch treibt. Er wird in diesen Begegnungen selbst auch gestärkt und ermutigt werden, eine Erfahrung, die er später auch als Erwartung in Worte fasst: „Denn mich verlangt danach, euch zu sehen, damit ich euch etwas mitteile an geistlicher Gabe, um euch zu stärken, das ist, dass ich zusammen mit euch getröstet werde durch euren und meinen Glauben, den wir miteinander haben.“(Römer 1, 11-12)

 37 Barnabas aber wollte, dass sie auch Johannes mit dem Beinamen Markus mitnähmen. 38 Paulus aber hielt es nicht für richtig, jemanden mitzunehmen, der sie in Pamphylien verlassen hatte und nicht mit ihnen ans Werk gegangen war. 39 Und sie kamen scharf aneinander, sodass sie sich trennten.

                      Wie oft hat sich das seitdem wiederholt. Über strittigen Personalentscheidungen können Freundschaften zerbrechen. Über Personalentscheidungen können Wege sich trennen. Barnabas will seinen Verwandten mitnehmen, Paulus ist strikt dagegen, weil er sich von Johannes Markus im Stich gelassen fühlte in Pamphylien. Es gibt keine Brücke zwischen den beiden. Sie finden nicht zueinander, sie kamen scharf aneinander, deshalb bleibt nur die Trennung.  „Sich trennen und frei geben“ weiterlesen

Es gefällt dem Geist und uns

Apostelgeschichte 15, 22- 35

22 Und die Apostel und Ältesten beschlossen samt der ganzen Gemeinde, aus ihrer Mitte Männer auszuwählen und mit Paulus und Barnabas nach Antiochia zu senden, nämlich Judas mit dem Beinamen Barsabbas und Silas, angesehene Männer unter den Brüdern. 23 Und sie gaben ein Schreiben in ihre Hand, also lautend:

             Es kommt zu einem Gemeindebeschluss, dem offensichtlich alle zustimmen. Sorgfältig werden alle Beteiligten noch einmal genannt: die Apostel und Ältesten samt der ganzen Gemeinde. Es werden Männer ausgewählt, die das Vertrauen der Gemeinde haben, und zusammen mit Paulus und Barnabas nach Antiochia geschickt. Silas und der „Sabbatsohn“ Judas sind angesehene Leute. Das wird hervorgehoben, weil es die Bedeutung ihrer Gesandtschaft unterstreicht. „Damit, dass man das Schreiben nicht Paulus und Barnabas mitgibt, sondern es von einer besonderen Delegation überbringen lässt, wird einerseits sein offizieller Charakter betont, andererseits die antiochenische Gemeinde geehrt.“(J. Roloff, Die Apostelgeschichte, NTD 5, Göttingen 1981, S.233) Sie sollen die Gemeinde dort über die Verabredungen unterrichten. Um das gesprochene Wort zu unterstreichen, wird ihnen ein Brief mit gegeben.

  Wir, die Apostel und Ältesten, eure Brüder, wünschen Heil den Brüdern aus den Heiden in Antiochia und Syrien und Zilizien. 24 Weil wir gehört haben, dass einige von den Unsern, denen wir doch nichts befohlen hatten, euch mit Lehren irregemacht und eure Seelen verwirrt haben, 25 so haben wir, einmütig versammelt, beschlossen, Männer auszuwählen und zu euch zu senden mit unsern geliebten Brüdern Barnabas und Paulus, 26 Männer, die ihr Leben eingesetzt haben für den Namen unseres Herrn Jesus Christus. 27 So haben wir Judas und Silas gesandt, die euch mündlich dasselbe mitteilen werden. 28 Denn es gefällt dem Heiligen Geist und uns, euch weiter keine Last aufzuerlegen als nur diese notwendigen Dinge: 29 dass ihr euch enthaltet vom Götzenopfer und vom Blut und vom Erstickten und von Unzucht.

             Der Brief folgt der gewohnten Form eines Briefes dieser Zeit. Als Absender werden die Apostel und Ältesten genannt, die sich mit der Formel eure Brüder zu den Empfängern des Briefes bekennen. Wir gehören zusammen. Was wie eine Formel klingt, ist doch inhaltlich weitreichend. Da ist kein Unterschied mehr zwischen Judenchristen in Jerusalem und Heidenchristen in Antiochia. Die Boten, die den Brief überbringen werden ausdrücklich gewürdigt: Es sind Männer, die ihr Leben eingesetzt haben für den Namen unseres Herrn Jesus Christus. Darin stehen sie Paulus und Barnabas nicht nach. Es unterstreicht die Bedeutung der Botschaft, dass sie solchen Leuten anvertraut ist.  „Es gefällt dem Geist und uns“ weiterlesen

Wegweisende Tage in Jerusalem

Apostelgeschichte 15, 1 – 21

1 Und einige kamen herab von Judäa und lehrten die Brüder: Wenn ihr euch nicht beschneiden lasst nach der Ordnung des Mose, könnt ihr nicht selig werden.

             Das ist erst einmal Topographie: Das Bergland von Judäa liegt höher als Antiochia. Aber vielleicht ist es doch  nicht nur Topographie. Die da herab kommen, wissen, was Sache ist und sie belehren die da unten. Es geht nicht um Kleinigkeiten. Die Seligkeit steht auf dem Spiel. Und die aus Jerusalem kommen, wissen, dass die Pforte zur Seligkeit eng und der Weg schmal ist. Ohne Beschneidung geht es nicht.

Das heißt im Klartext: Man muss Jude werden, um durch den Messias Israels, durch Jesus, gerettet werden zu können. Das Heil kommt von den Juden (Johannes 4, 22) heißt es aus dem Mund der höchsten Autorität der Christen, aus dem Mund Jesu. Wie sollte da der Weg der Beschneidung nicht heilsnotwendig sein, weil erst er ja zum Juden macht?

„In der Kirchengeschichte hat sich dieser Vorgang bis heute immer wieder  neu wiederholt. Das Christentum wird nicht nur von außen bestritten und angegriffen, sondern auch in der Gemeinde selbst erheben sich Männer, die mit Nachdruck und aller Bestimmtheit lehren: Wenn ihr nicht dies und das tut, was doch als Gottes Gebot biblisch zu belegen ist, dann könnt ihr nicht errettet sein.“ (W. de Boor,  Die Apostelgeschichte, Wuppertaler Studienbibel; S. 269) Es ist die Gefahr eines biblizistischen Denkens, dass es meint, den Weg Gottes normieren zu können, dass es Bedingungen formuliert, die zu erfüllen sind und so das Tun des Menschen zur Voraussetzung für die Seligkeit macht und darüber  vergisst, dass alles an der Gnade hängt. An Jesus allein und dem Glauben allein.

 2 Als nun Zwietracht entstand und Paulus und Barnabas einen nicht geringen Streit mit ihnen hatten, ordnete man an, dass Paulus und Barnabas und einige andre von ihnen nach Jerusalem hinaufziehen sollten zu den Aposteln und Ältesten um dieser Frage willen.

             Offensichtlich sind Paulus und Barnabas nicht gewillt, diese Sicht so hinzunehmen. Sie haben ja niemanden beschnitten, weder in Antiochia noch auf ihrer Reise nach Kleinasien. Aber sie haben erlebt, dass Menschen zum Glauben an den Herrn Jesus gekommen sind. Es gibt also Klärungsbedarf: Wie ist das mit der beschneidungsfreien Heidenmission? Wird sie anerkannt oder wird sie verworfen? Dahinter taucht ja die Grundsatzfrage schon auf: Was ist mit dem Gesetz des Mose?

Es ist ein unglaublich wichtiger Beschluss, schon in Antiochia: Wir entscheiden das nicht regional oder lokal. Wir brauchen zur Klärung dieser Frage die Apostel und Ältesten in Jerusalem. Es geht nicht an, dass eine Gemeinde, und sei sie noch so aktiv, erfolgreich und missionarisch gesegnet,  allein definiert, was richtig ist in Sachen Glauben und Mission. Es geht aber auch nicht an, sich ohne grundlegende Gespräche einfach einem Beschluss der „Zentrale“ zu unterwerfen. „Wegweisende Tage in Jerusalem“ weiterlesen

Unsere Freiheit – ein Geschenk

Apostelgeschichte 14, 20b – 28

Am nächsten Tag zog er mit Barnabas weiter nach Derbe; 21 und sie predigten dieser Stadt das Evangelium und machten viele zu Jüngern.

               Der dem Tod gerade noch einmal Entkommene zieht weiter. Ob es logisch ist, dass einer gestern gesteinigt worden ist und heute schon einen Weg über das Gebirge von mehr als 150km auf sich nehmen kann, interessiert Lukas nicht. Er hält einfach fest: Keine lange Rekonvaleszenz nach der Steinigung. Auch das ist ein Wunder, selbst wenn es nicht ausdrücklich so benannt wird. Sie kommen nach Derbe und predigen das Evangelium. Es wird nicht gesagt, wo, auch nicht, wie lange. Wichtig ist nur: Viele werden Jünger.

Hier steht μαθηεύσαντες, „zu Jüngern machend“ – das gleiche Wort, das im Matthäus-Evangelium im Sendungswort des Auferstandenen an seine Jünger steht: „Darum geht hin und macht zu Jüngern alle Völker.“(Matthäus 28,19) Indem das Evangelium verkündigt wird, die Boten zum Glauben rufen, kann das geschehen, dass Menschen Jünger werden. Dafür sind Paulus und Barnabas unterwegs. Sie wollen Jünger machen.

Das mag sich für unsere Ohren befremdlich anhören. Aber es ist kein Vorgang, in dem Menschen zum Objekt gemacht werden, nicht mehr frei sind. Es ist die Intention aller Verkündigung, dass Menschen Jünger werden oder in ihrem Jünger-Sein gestärkt werden. Nur in einer Situation, in der man lange so getan hat als wäre Christsein ein Existenzform, die sich mit der Geburt in einem christlichen Land wie von selbst einstellt, kann man es übersehen: Von Natur aus ist kein Mensch Christ. Er wird dazu „gemacht“ durch die Verkündigung des Evangeliums, die er sich gefallen lässt, die er bejaht.

 Dann kehrten sie zurück nach Lystra und Ikonion und Antiochia, 22 stärkten die Seelen der Jünger und ermahnten sie, im Glauben zu bleiben, und sagten: Wir müssen durch viele Bedrängnisse in das Reich Gottes eingehen.

             Mit Derbe ist der Zielpunkt der Reise erreicht. Jetzt beginnt der Rückweg. Auch für die Wahl dieses Weges liefert Lukas wieder keine Begründung. Es ist einfach so, sie kehren zurück. Es ist eine Rückkehr an die Orte, durch die sie ihre Reise bereits geführt hatte. Ein Rückweg, der die Gefahr nicht scheut. θλπσις, Bedrängnis ist nicht nur das, was über diesem Weg steht. Sondern es wird grundsätzlich gedeutet „als ein Kennzeichen christlicher Existenz.“ (G. Schille, Die Apostelgeschichte des Lukas, Theol. Hand-Kommentar zum NT, Bd. 5; S.309) Eine Nähe zu Gedanken, wie sie sich in Briefen des Paulus finden, liegt auf der Hand: „Wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.“(Römer5, 3-5) So positiv von Schwierigkeiten und Enge-Erfahrungen zu denken, fällt heute schwer in einer Zeit, in der Glück mancherorts – z. B. in den USA – schon Verfassungsrang erreicht hat, auch wenn es nicht immer einklagbar ist. Nur haarscharf am Rand des Erlaubten und voll Ironie kann man noch sagen, unter Masochismus-Verdacht: „Was uns nicht umbringt, macht uns nur härter.“ „Unsere Freiheit – ein Geschenk“ weiterlesen

Wir sind auch nur Menschen

Apostelgeschichte 14, 8 – 20a

 8 Und es war ein Mann in Lystra, der hatte schwache Füße und konnte nur sitzen; er war gelähmt von Mutterleib an und hatte noch nie gehen können. 9 Der hörte Paulus reden. Und als dieser ihn ansah und merkte, dass er glaubte, ihm könne geholfen werden, 10 sprach er mit lauter Stimme: Stell dich aufrecht auf deine Füße! Und er sprang auf und ging umher.

        Einer von diesen Menschen in Lystra ist ein Leben lang noch nicht auf die eigenen Beine gekommen. Gelähmt von Mutterleib an. Unfähig zu eigenen Schritten. Unfähig, für sich selbst zu sorgen. Unfähig zu kraftvollem Leben. Auf schwachen Füßen lassen sich keine großen Sprünge machen. Es wird wohl so sein: Von Kindesbeinen an hat er nie gehört und gelernt: du kannst auf den eigenen Füßen stehen. Immer ist er auf seine Schwäche reduziert worden. In ihr festgehalten, regelrecht eingemauert worden.

Bis heute ist das so: „Das kannst du nicht. das lernst du nie. Du hast nicht die Kraft und nicht das Geschick für so etwas. Du hast sowieso zwei linke Hände.“ Botschaften, die Kräfte rauben, lähmen, am Leben verzagen lassen. Unvergessen, wie einer erzählt: Die Mutter sagte immer: „Du musst dich anstrengen, damit was aus dir wird.“ Und der Vater: „Du kannst dich anstrengen, wie du willst. Aus dir wird nie was.“ Gewiss ein Extremfall, aber kein Einzelfall.

Nun kommt es zu folgenschwerer Kommunikation, zum größten Teil wortlos! Der hörte Paulus reden. Und Paulus sieht seinen Zuhörer an und spürt, dass sich da im Inneren etwas tut: Er glaubte, ihm könne geholfen werden. Wie gerne wüsste man, was Paulus gesagt hat, das plötzlich Hoffnung in einem bis dahin festgelegten, hoffnungslosen Leben aufglühen kann. Der Apostel des Herzenskenners Jesus wird selbst zu einem, der in einem Gesicht lesen kann, der Erwartungen erspüren kann. Da entsteht Erwartung im Herzen eines Menschen. Sie findet noch keine Worte, aber zeichnet sich ab auf dem Gesicht.

Es gibt ja auch das Andere, ein sich Abfinden mit dem Leben, das zwar an Gott glaubt, aber nicht mehr daran, dass sich die eigene Lebenssituation noch einmal ändern könnte. Hier fängt einer an zu glauben, zu hoffen, dass Änderung möglich sein könnte.

Das zu spüren macht für Paulus den Weg auch zu Worten frei: Stell dich aufrecht auf deine Füße! Dieser Befehl, wenn es denn ein Befehl ist, traut ihm zu, was er ein Leben lang nicht konnte. Dieser Befehl schenkt ihm und weckt in ihm ein Vertrauen, das er selbst ein Leben lang noch nicht einen Tag hatte. Vertrauen zu sich selbst und zu den eigenen schwachen Füßen. Selbstvertrauen. Es wird wohl so sein. Manchmal erlaubt uns erst das Wort von außen den Schritt über die eigenen inneren Barrieren, die uns gelähmt und festgehalten haben.

Es wirkt nebensächlich: Paulus wird laut. Er ruft mit lauter Stimme μεγλ φωνῇ.  Ich glaube nicht an eine zufällige Wortwahl:  Vom Einzug Jesu in Jerusalem berichtet Lukas: Und als er schon nahe am Abhang des Ölbergs war, fing die ganze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten.“ (Lukas 19,37)  In der Erzählung von der Auferweckung des Lazarus durch Jesus heißt es:  „Als er das gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus!“(Johannes 11,43) Schließlich – in Konkurrenz dazu: „Und an einem festgesetzten Tag legte Herodes das königliche Gewand an, setzte sich auf den Thron und hielt eine Rede an sie. Das Volk aber rief ihm zu: Das ist Gottes Stimme und nicht die eines Menschen! (12.21-22) Die Stimme des Paulus ist keine göttliche Stimme, aber die Stimme eines Menschen, der Jesus folgt und Jesus glaubt.  „Wir sind auch nur Menschen“ weiterlesen

Ikonion – eine Stadt im Zwiespalt

Apostelgeschichte 14, 1 – 7

 1 Es geschah aber in Ikonion, dass sie wieder in die Synagoge der Juden gingen und so predigten, dass eine große Menge Juden und Griechen gläubig wurde. 2 Die Juden aber, die ungläubig blieben, stifteten Unruhe und hetzten die Seelen der Heiden auf gegen die Brüder.

                      Der Ort wechselt, die Abläufe bleiben gleich. Wieder, auch in Ikonion, suchen die Apostel den Weg in die Synagoge. Wieder predigen sie so, dass sie Glauben finden und Glauben wecken. Es sind Juden und Griechen, die gläubig werden. Der Weg zu den Heiden setzt sich also fort. Und wieder ist die Reaktion gespalten. Während die einen den Worten der beiden Christus-Zeugen anhängen, gehen die anderen dazu über, Feindschaft zu säen, die Seelen aufzuhetzen.

Das steht im Griechischen wörtlich da: ψυχς τν θνν  – Seelen der Heiden, der Völker. Und ist viel ausdrucksstärker als die abgeblasste Formulierung: sie hetzten die Heiden auf (Luther 2017) Es ist nicht nur ein bisschen Randale. Sondern es ist der Appell an die Herzen, an die Seelen. Es ist auch das Wissen des Lukas: Wer Menschen zu etwas bringen will, der muss sie in ihre Psyche – das ist ja das griechische Wort, das die alten Übersetzungen mit Seele wiedergeben –  ansprechen, nicht in ihrer Rationalität, der muss Emotionen wecken, so wie wir es heute erleben, wenn Menschen mit dumpfen Parolen aufgehetzt werden gegen Muslime, gegen Fremde, gegen alle, die anders sind als man selbst.   

„Verkündigung bewirkt Glauben und Widerspruch. (πειθεν ist das Oppositum zu πιστεύειν)“ (G. Schille Die Apostelgeschichte des Lukas, Theol. Hand-Kommentar zum NT, Bd. 5; S 299)Vertrauen oder verweigertes Vertrauen. Man kann Juden, die ungläubig blieben auch übersetzen: „Juden, die nicht gehorchen wollten.“(W. de Boor, Die Apostelgeschichte, Wuppertaler Studienbibel; S. 254) auffällig ist, dass hier von Paulus und Barnabas als den Brüdern die Rede ist, weil das im Grunde eine eher allgemeine Bezeichnung für die Christen ist. Der Aufruhr, so kann man von daher verstehen, richtet sich nicht gegen „Amtsträger“, sondern gegen die ganze Glaubensgemeinschaft, für die sie stehen.  „Ikonion – eine Stadt im Zwiespalt“ weiterlesen

Ein neuer Weg geht auf

Apostelgeschichte 13, 44 – 52

  44 Am folgenden Sabbat aber kam fast die ganze Stadt zusammen, das Wort Gottes zu hören. 45 Als aber die Juden die Menge sahen, wurden sie neidisch und widersprachen dem, was Paulus sagte, und lästerten.

Was zwischen den Sabbaten geschieht, zeigt Wirkung. Fast die ganze Stadt  ist vor Ort – Erfolg der intensiven Begegnungen auch im Alltag. Sie wollen das Wort Gottes hören – was ist damit inhaltlich gemeint? Das Zeugnis von Jesus als die Erfüllung der Verheißungen? Das Zeugnis von ihm als der Gestalt gewordenen Gnade? Das Zeugnis von dem Leben, das kein Tod mehr zerstören kann?

Vor allem: Wer kommt da in der Synagoge zusammen. Erst einmal natürlicherweise die Juden. Aber dann ja auch die Menge. „Die Kunde von der erregend neuen Botschaft der Missionare hat sich in der Bevölkerung der Stadt wie ein Lauffeuer verbreitet, und so quillt die Synagoge über von Heiden, die ihre Predigt hören möchten.“(J. Roloff, Die Apostelgeschichte; NTD 5; Göttingen 1981  S. 209) Das also ist die Menge, χλος – die heidnische Bewohnerschasft der Stadt. Es ist nicht das Volk, sondern nur eine großer Haufen.

Dass die beiden Prediger so viele Menschen erreichen, ruft Neid und Widerstand hervor. Es ist selten, dass Neid als Motiv so eindeutig benannt wird. Aber es ist wohl die Wirkung der Verkündigung – sie weckt Glauben und sie bringt auch den Widerstand ans Licht. Gleichgültigkeit hat hier keinen Platz.   „Ein neuer Weg geht auf“ weiterlesen

Allein der Gekreuzigte und Auferweckte

Apostelgeschichte 13, 26 – 43

26 Ihr Männer, liebe Brüder, ihr Söhne aus dem Geschlecht Abrahams und ihr Gottesfürchtigen, uns ist das Wort dieses Heils gesandt.

                     Noch einmal setzt Paulus neu ein, noch einmal spricht er beide Gruppen an, Juden und Gottesfürchtige aus den Heiden. Es ist die erneute Anrede, die auch ein Signal setzt: Ich hoffe, dass ihr mir bis hierhin gefolgt seid. Jetzt gehe ich einen Schritt weiter. Mit seinem uns schließt Paulus sich mit seinen Zuhörern zusammen. Wir alle sind Adressaten des Wortes des Heils. λόγος τῆς σωτηρίας„Wort der Rettung, Wort der Erlösung“ könnte man auch übersetzen. Der Verkündiger hat keine Botschaft zu sagen, die nur die anderen anginge. Wer immer predigt, predigt zugleich auch für sich selbst, ist und bleibt sein erster Predigthöreredigt, predigt zugleich auch für sich selbst, ist und bleibt sein erster Predigthörer.

  27 Denn die Einwohner von Jerusalem und ihre Oberen haben, weil sie Jesus nicht erkannten, die Worte der Propheten, die an jedem Sabbat vorgelesen werden, mit ihrem Urteilsspruch erfüllt. 28 Und obwohl sie nichts an ihm fanden, das den Tod verdient hätte, baten sie doch Pilatus, ihn zu töten.

Mit wenigen Sätzen wird die Passion Jesu in Blick gerückt. Wieder taucht das Motiv der Unwissenheit auf. Sie haben Jesus nicht erkannt – gemeint ist ja wohl: als den Messias Israels, als den Gesandten Gottes. Aber in diesem Nichterkennen haben sie, die Oberen und das Volk Jerusalems, das prophetische Wort erfüllt. „Nicht nur Pilatus, auch die Juden entdeckten keine todeswürdige Schuld.“ (G. Schille, Die Apostelgeschichte des Lukas, Theol. Hand-Kommentar zum NT, Bd. 5; S 295) So steht hinter dem Tod am Kreuz das göttliche Geheimnis, dass er die Worte der Propheten erfüllt.

Das ist eine Grundüberzeugung der jungen Gemeinde, auch des Paulus. Was da in  Jerusalem geschehen ist, ist um der Schrifterfüllung willen geschehen. „Denn als Erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift.“ (1. Korinther 15,3) Wirklich alles muss dem dienen, dass Gottes Heilswille an sein Ziel kommt. „Unausgesprochen steht hier die Prämisse im Hintergrund, dass das Leiden und Sterben Jesu Erfüllung des im Alten Testament bekundeten Gotteswillens sei.“(J. Roloff, Die Apostelgeschichte; NTD 5; Göttingen 1981  S. 206)  Darum auch wird aus diesen Worten keine Anklage gegen die Jesusmörder. Die spätere Kirche hätte besser auf Paulus hören müssen, um ihre Irrtümer über die „mörderischen Juden“ zu vermeiden.    „Allein der Gekreuzigte und Auferweckte“ weiterlesen

Von Gottes Treue reden

Apostelgeschichte 13, 13 – 25

 13 Paulus aber und die um ihn waren, fuhren von Paphos ab und kamen nach Perge in Pamphylien. Johannes aber trennte sich von ihnen und kehrte zurück nach Jerusalem.

              Fast unmerklich verschieben sich die Verhältnisse in der Gruppe. Es heißt nicht Barnabas und Paulus, sondern Paulus aber und die um ihn waren. Er übernimmt die Führung. Kein Wort von einem „Machtkampf“. Es begibt sich so.  Und Johannes Markus kehrt nach Jerusalem zurück. Das griechische Wort αποχωρήσαςer trennte sich. „Er wich von ihnen“ – Luther 1957 – deutet, wenn auch verhalten, doch auf Meinungsunterschiede hin. Aber auch hier: Nichts von Begründung oder Erklärung. Es ist so.

 14 Sie aber zogen von Perge weiter und kamen nach Antiochia in Pisidien und gingen am Sabbat in die Synagoge und setzten sich. 15 Nach der Lesung des Gesetzes und der Propheten aber schickten die Vorsteher der Synagoge zu ihnen und ließen ihnen sagen: Liebe Brüder, wollt ihr etwas reden und das Volk ermahnen, so sagt es.

                In Antiochia in Pisidien (in der Mitte der heutigen Türkei) geht die Gruppe in die Synagoge. Es gibt offensichtlich eine weit verbreitete Präsenz von jüdischen Gemeinden im damaligen Kleinasien. An sie knüpft die christliche Verkündigung der ersten Zeit immer wieder an. Die Gäste, so würden wir sagen, werden eingeladen, im Gottesdienst das Wort zu nehmen. „An der Erklärung des Gesetzes, die regulärer Teil des Gottesdienstes war, konnte sich jedes erwachsene männliche Gemeindeglied beteiligen.“(J. Roloff, Die Apostelgeschichte, NTD 5, Göttingen 1981, S. 204) Erwartet wird also ein Kommentar, eine Auslegung zu dem, was zuvor als Lesung des Gesetzes und der Propheten zu hören war.

Es ist eine Ehre, die die Vorsteher der Synagoge den durchreisenden Gästen erweisen. Zugleich auch ein Signal der Verbundenheit:  Liebe Brüder. Sie haben sie als Juden erkannt. Vielleicht gab es vorher schon Begegnungen, Gespräche, so dass ein gewisses Maß an Neugier mitschwingen könnte. Man traut ihnen zu, dass sie das Volk – hier steht mit λαός das Wort, das nicht einfach nur die Anwesenden benennt, sondern sie als Gottes Volk andeutet – ermutigen. So besser statt ermahnen. Παρακλήσις – „Ermunterung, Ermahnung, Trost“ (Gemoll, aaO. S. 573) Die Gemeinde darf von diesen Gästen Mutmach-Worte erwarten.

„Tragt zu unserem Gottesdienst bei.“ Offensichtlich gibt es diesen Spielraum in den Gestaltungsmöglichkeiten des Treffens in der Synagoge. Wie festgelegt sind im Vergleich dazu unsere Gottesdienste heute. Es ist doch kaum vorstellbar, dass in einer Kirche, einem Gottesdienst ein Kirchenvorsteher, eine Kirchenvorsteherin oder die Pfarrperson Fremde entdeckt und sie einlädt: Sagt uns einen Gruß. Grußworte gibt es auch bei uns – abgesprochen. Von Prominenten, bei Verabschiedungen und streng reguliert in Umfang und Inhalt. Aber doch nicht spontan, weil man vermutet: diese Gäste haben einen Botschaft, die uns gut tun könnte.

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