Rettungs-Zeichen

  1. Mose 21, 4 – 9

4 Da brachen sie auf von dem Berge Hor in Richtung auf das Schilfmeer, um das Land der Edomiter zu umgehen.

             Erneuter Aufbruch, ein Aufbruch, der wie ein Rückweg aussehen muss –  in Richtung auf das Schilfmeer. Das ist ein erzwungener Umweg, um das Edomiterland zu umgehen. Erzwungen durch die Weigerung der Edomiter, freien Durchgang zu gewähren. Es ist aber auch der Weg, den der HERR geboten hatte, nach den Tumulten, die die negativen Botschaften der Kundschafter ausgelöst hatten: Morgen wendet euch und zieht in die Wüste auf dem Wege zum Schilfmeer!“(14,25). „Das ist zu viel. Sollen wir wieder dorthin gelangen, wo wir begonnen haben? Sollen alle Entbehrungen umsonst gewesen sein? Israel gerät in eine seelische Depression hinein, aus der es nur durch ein Schockerlebnis gerettet wird.“(R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen. Bd. 2, Stuttgart 1987, S. 60) von der Rettung — später.

Und das Volk wurde verdrossen auf dem Wege 5 und redete wider Gott und wider Mose: Warum habt ihr uns aus Ägypten geführt, dass wir sterben in der Wüste? Denn es ist kein Brot noch Wasser hier, und uns ekelt vor dieser mageren Speise.

              Erst kommt die Schilderung der Depression. Umwege haben es in sich. Vermeintlich Rückwege auch und erst recht. Sie machen verdrossen, aufmüpfig, maulig. Erst recht dieses Volk, das schon Übung in Widerspenstigkeit und Murren hat. Wie so oft – es sind die Lebensumstände, die zur Beschwerde führen – gegen Gott und gegen Mose: kein Brot, kein  Wasser nur ekelhaft magere Speise. Gemeint ist mit der mageren Speise, léchem q’loqél,  wohl das Manna, das Brot vom Himmel. „Dass Ägypten gut, die Wüste demgegenüber schlecht ist, wird ohne Wimperzucken vom sich bedrängt fühlenden Volk behauptet…. Damals war der Magen voll – das alleine zählt. Heute ist er leer oder jedenfalls nur kümmerlich genährt.“ (R. Gradwohl, aaO.  S. 64) Das alles führt dazu, dass „die Seele zu kurz wurde.“ (G.Maier, Das 4. Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT 2, Wuppertal 1989; S.287) – so die wörtliche Übersetzung. Aber es gilt schon: „Auch wenn man Undankbarkeit zu begründen vermag, ist sie noch lange nicht zu rechtfertigen.“(R. Gradwohl, aaO. S. 65)

 6 Da sandte der HERR feurige Schlangen unter das Volk; die bissen das Volk, dass viele aus Israel starben.

Kein Wort von Gott zu diesem Gemaule. Kein Wort auch an Mose. Nur eine stumme Aktion – wie eine der Plagen in Ägypten: Der HERR sandte feurige Schlangen unter das Volk.

               Feurige Schlangen oder Serafim-Schlangen oder Saraph-Schlangen. Es mag ein Hinweis sein, dass es eben nicht nur um eine einfache Schlangenplage geht. Sondern hier geht die Erzählung „von äußerlich sichtbaren Giftschlangen aus, versteht diese aber nur als Erscheinungsform von Engelmächten.“ (G.Maier, aaO. S.289)

Eine originelle, wenn auch nicht mit dem Text  bruchlos in Übereinstimmung zu bringende Sicht liefert Jan Dobraczyński. Er erzählt vom Angriff der Israeliten auf eine Stadt Phunon und die Plünderung des Heiligtums der Allat. „Weißt du, wen die Einwohner von Phunon anbeten? Die Göttin Allat, eine Schlange mit Weiberbrüsten und einem Frauenleib“ .“(J. Dobraczyński, Die Wüste, Heidelberg, o. J., S. 243) Die Stadt wird erobert, die Sieger morden und machen Beute. Sie plündern das Heiligtum und vergewaltigen die aus der Stadt geraubten Mädchen. Wenn man so will: Kriegsalltag aus den Zeiten vor der Haager Kriegsordnung     „Rettungs-Zeichen“ weiterlesen

Zeit zu sterben

  1. Mose 20,22 – 29

22 Und die Israeliten brachen auf von Kadesch und kamen mit der ganzen Gemeinde an den Berg Hor.

 Israel bricht aus Kadesch auf- in Richtung auf das verheißene Land. Zuvor gab es erfolglose Verhandlungen mit den Edomitern über eine Wegfreigabe. Weil die ausbleibt, wird wohl der Weg eingeschlagen, der an den Berg Hor führt. „Über die Lage dieses Berges ist nichts Sicheres mehr zu ermitteln.“ (M. Noth, Das 4. Buch Mose – Numeri, ATD 7, Göttingen 1982, S. 134) So wie es ja häufig ist, dass uns Ortangaben der alten Texte verlegen und ratlos zurücklassen, weil wir sie nicht wirklich zuordnen können.

 23 Und der HERR redete mit Mose und Aaron am Berge Hor an der Grenze des Landes der Edomiter und sprach: 24 Aaron soll versammelt werden zu seinen Vätern; denn er soll nicht in das Land kommen, das ich den Israeliten gegeben habe, weil ihr meinem Munde ungehorsam gewesen seid bei dem Haderwasser.

             Dort, am Berg Hor redet der HERR mit Mose und Aaron. Es ist eine harte Rede. Gott kündigt den Tod des Aaron an. Jetzt, hier. An der Grenze des Landes der Edomiter. Die Begründung liegt nicht etwa in der Altersschwäche des Aaron, sondern in dem früher erzählten Geschehen am Haderwasser. Der verweigerte Glaube dort ist es, der Aaron den Weg in das Land versperrt. So soll er zu seinen Vätern versammelt werden. Es ist die gleiche Wendung, mit der auch der Tod Abrahams, Ismaels, Isaaks, Jakobs beschrieben wird. Ich zögere ein wenig, fraglos zuzustimmen: „Man kann ihn wohl nur so verstehen, dass die verstorbenen Vorfahren in irgendeiner Weise fortexistieren. Dann aber stecke darin ein Hinweis auf die Möglichkeit der Auferstehung.“ (G. Maier, Das 4. Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT 2, Wuppertal 1989; S. 282)

           Für die ältesten Schichten der hebräischen Bibel lässt sich die Erwartung der Auferstehung schlecht belegen. Nur wenn ich davor ausgehe, dass das 4. Buch Mose vielleicht doch erst seine Endgestalt nach dem Exil gewonnen hat, dann mag die Schlussfolgerung stimmen, dass hier Auferstehungshoffnung angedeutet wird.    „Zeit zu sterben“ weiterlesen

Am Haderwasser

  1. Mose 20, 1 -13

 1 Und die ganze Gemeinde der Israeliten kam in die Wüste Zin im ersten Monat, und das Volk lagerte sich in Kadesch. Und Mirjam starb dort und wurde dort begraben.

 Man kann den Eindruck haben: Die Wüstenwanderung hat gerade erst begonnen. In Wahrheit aber führt die Erzählung an den Ende der Wüstenwanderung, „kurz vor dem endgültigen Aufbruch ins Verheißene Land.“ (G. Maier, Das 4. Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT 2, Wuppertal 1989; S. 270) Kadesch soll der Ort werden, von dem aus der Weg angetreten wird.

Dort, im Lagerort Kadesch, in der Wüste Zin – zwischen Kanaan und der Sinaihalbinsel – stirbt Mirjam. Die Lobsängerin vom Schilfmeer. Die eifersüchtige Schwester Mose´s. Dort wird sie auch begraben. Ein anonymes Grab im Wüstensand. Es gibt keine genauere Angabe zu ihrem Begräbnisort, nur das ungefähre und dort.

Es ist ein karger Text, der keine Würdigung der Verstorbenen erkennen lässt. Späteren Zeiten wird es vorbehalten sein, ein helles Bild von Mirjam zu malen: „Es ist eindrucksvoll, dass die spätere Sicht von Mirjam sehr positiv ist. Das beginnt schon bei Micha 6,4 – Habe ich dich doch aus Ägyptenland geführt und aus der Knechtschaft erlöst und vor dir her gesandt Mose, Aaron und Mirjam – wo sie Glaubensbeispiel ist und setzt sich im Talmud und bei Josephus fort. Schwankend und doch vom Herrn gehalten, das könnte man als Überschrift über ihr Leben setzen.“ (G. Maier, aaO.; S. 271) Wie zurückhaltend ist dem gegenüber der biblische Text.

 2 Und die Gemeinde hatte kein Wasser, und sie versammelten sich gegen Mose und Aaron. 3 Und das Volk haderte mit Mose und sprach: Ach dass wir umgekommen wären, als unsere Brüder umkamen vor dem HERRN! 4 Warum habt ihr die Gemeinde des HERRN in diese Wüste gebracht, dass wir hier sterben mit unserm Vieh? 5 Und warum habt ihr uns aus Ägypten geführt an diesen bösen Ort, wo man nicht säen kann, wo weder Feigen noch Weinstöcke noch Granatäpfel sind und auch kein Wasser zum Trinken ist?

        Hört es denn nie auf? Durch die ganze Zeit der Wüstenwanderung, vierzig Jahre lang, hat Gott sein Volk versorgt. Haben sie daraus nichts gelernt? So möchte man fragen und muss sich doch gleich selbst erinnern: So sind wir Menschen. Schwierigkeiten werfen uns aus der Bahn und sie lassen uns alle guten früheren Erfahrungen gering achten. Wassermangel ist schrecklich – und in der Wüste eine tödliche Gefahr. Da ist Kadesch dann kein guter Ort mehr. Es ist „die übliche Klage und Anklage des Volkes“ (M. Noth, Das 4. Buch Mose – Numeri, ATD 7, Göttingen 1982, S. 128), geboren aus der Überzeugung: Gott ist es uns schuldig, uns zu versorgen, für unsere Wohlfahrt und unser Wohlergehen zu sorgen. In diesem Fall für Wasser.

  Einmal mehr die Klage: wenn wir doch umgekommen wären. Was wäre uns an Elend und Angst erspart geblieben! Diese ganze Wüste, das Verenden unseres Viehs. Das alles hätte man doch in Ägypten anders haben können – und plötzlich erscheint das Haus der Knechtschaft verlockend wie ein Schlaraffenland. Hier aber fehlt es an allem. An Feigen, Weinstöcken, Granatäpfel auch am Wasser zum Trinken. Was für ein böser Ort. Es ist die immer gleiche Klagelitanei, die sie anstimmen, nur ein wenig aktualisiert. „Am Haderwasser“ weiterlesen

Aus dürrem Holz Leben

  1. Mose 17, 16 – 26

16 Und der HERR redete mit Mose und sprach: 17 Rede mit den Israeliten und nimm von ihnen zwölf Stäbe, von jedem Fürsten ihrer Sippen je einen, und schreib eines jeden Namen auf seinen Stab. 18 Aber den Namen Aarons sollst du schreiben auf den Stab Levis. Denn für jedes Haupt ihrer Sippen soll je ein Stab sein. 19 Und lege sie in der Stiftshütte nieder vor der Lade des Zeugnisses, wo ich mich euch bezeuge. 20 Und wen ich erwählen werde, dessen Stab wird grünen. So will ich das Murren der Israeliten, mit dem sie gegen euch murren, zum Schweigen bringen.

 Es fängt mysteriös an. Alle Fürsten aus Israel, aus jedem der zwölf Stämme  einer, sollen einen Stab zur Verfügung stellen. Er wird von Mose zu beschriften sein – mit dem Namen des Stammes. Besonders erwähnt wird, dass Aarons Namen auf den Stab des Stammes Levi geschrieben werden soll. Es wird ein wenig umständlich erzählt, bestimmt dadurch, dass  „Aaron, um den es in der ganzen Geschichte geht, den Stamm Levi vertreten muss , da die vorgesehene Zwölfzahl der Stäbe einen besonderen Aaronstab neben dem Stab Levis nicht erlaubt.“ (M. Noth, Das 4. Buch Mose – Numeri, ATD 7, Göttingen 1982, S.116)

Es geht um eine Zeichenhandlung, angeordnet durch Gott. Das Zeichen: einer der Stäbe wird grünen, wird sich als fruchtbar erweisen. „Aus dürrem Holz soll grünendes und sprossendes Holz werden.“ (G. Maier, Das 4. Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT 2, Wuppertal 1989; S. 245) Das ist ein Wunderund sein Ziel: Das Murren der Israeliten soll  zum Verstummen gebracht werden.

 Die Frage, die über das Wunder hinausführt, wird nicht beantwortet: wozu soll einer erwählt werden? Vielleicht aber geht es gar nicht um einen Auftrag, sondern es geht einfach um eine Demonstration der Schöpfermacht Gottes? Oder es geht in Wahrheit um eine Aussonderung, die die besondere Rolle eines Stammes hervorhebt. Dann ist das Wunder nicht Zielpunkt, sondern nur Mittel zum Zweck.

 21 Mose redete mit den Israeliten und alle ihre Fürsten gaben ihm zwölf Stäbe, ein jeder Fürst je einen Stab, nach ihren Sippen, und der Stab Aarons war auch unter ihren Stäben. 22 Und Mose legte die Stäbe vor dem HERRN nieder in der Hütte des Zeugnisses.

 Mose entspricht der Anweisung Gottes. Er sammelt  die Stäbe der Fürsten aus den Stämmen, unter ihnen auch den Stab Aarons. Das ist insofern eine Besonderheit, als Aaron zwar als Priester erwählt war, aber nicht als ein Fürst in Levi gelten muss. Wir wissen nichts von einer hierarchischen Position der Brüder Mose und Aaron im Stamm Levi, sie sind Leviten wie alle anderen auch.   „Aus dürrem Holz Leben“ weiterlesen

Der lange Weg zurück

  1. Mose 14, 39 – 45

39 Als Mose diese Worte allen Israeliten sagte, da trauerte das Volk sehr.

             Diese Worte – das ist wohl das Urteil Gottes. Das ist das Verhängnis vierzig Jahre Wüstenwanderung. Dass Mose die Worte weitergeben muss an das Volk, zeigt noch einmal: Das Urteil Gottes und das ganze Strafmaß war zunächst nur Mose anvertraut. Mose erfüllt mit seinem Weitersagen den Auftrag, den er empfangen hat: „Darum sprich zu ihnen.“ (14,28)

Jetzt also erfährt das Volk, was über es verhängt ist. Die erste Reaktion: da trauerte das Volk sehr. Wie diese Trauer ausgesehen hat, sich geäußert hat, dazu schweigt der sehr knappe Satz. Vielleicht steckt in diesem Schweigen verborgen schon eine Art Trauerkritik?  

 40 Und sie machten sich früh am Morgen auf und zogen auf die Höhe des Gebirges und sprachen: Hier sind wir und wollen hinaufziehen in das Land, von dem der HERR geredet hat; denn wir haben gesündigt.

             Ist das am nächsten Tag, früh am Morgen nach einer Trauernacht? Sie brechen auf – aber nicht in die Richtung, die Gott ihnen geboten hat, in die Wüste, zum Schilfmeer, sondern hinauf, auf die Höhe des Gebirges. Sie wollen in das Land, von dem der HERR geredet hat. Es ist eine merkwürdige Begründung für diesen Aufbruch: wir haben gesündigt. Das wirkt, als würden sie glauben, dass sie ihr Zögern jetzt durch Eile und Aktivität wieder gut machen können. Jetzt gehen wir den Weg, den wir zuvor verweigert haben. Das muss Gott doch gefallen.

Es fällt schon auf: „Es gibt keine Beratung, weder mit Gott noch mit Mose. Der jüdische Ausleger Josephus erklärt mir Recht, dass sie sich weigerten, den Worten Moses gehorsam zu bleiben. Wie soll aus Ungehorsam Segen werden?“ (G. Maier, Das 4. Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT 2, Wuppertal 1989; S. 207) Sie sind immer noch die, die ihrem eigenen Kopf folgen. Ihren eigenen Ideen. „Der lange Weg zurück“ weiterlesen

Vierzig Wüstenjahre

  1. Mose 14, 26 – 38

26 Und der HERR redete mit Mose und Aaron und sprach: 27 Wie lange murrt diese böse Gemeinde gegen mich? Ich habe das Murren der Israeliten, womit sie gegen mich gemurrt haben, gehört.

             Es ist wie ein Neuansatz. Die Vermutung der Exegeten: Hier wird aus einer anderen alten Quelle der gleiche Sachverhalt noch einmal dargestellt. Dann wäre es eine Art Doppelung.  Aber auch so kann man denken: diese Wiederholung trägt dem Ernst der ganzen Situation Rechnung, zeigt das Gewicht der Verfehlung und der Antwort Gottes. „Jahwe will den Aufruhr der bösen Gemeinde nicht mehr ertragen.“(M. Noth, Das 4. Buch Mose – Numeri, ATD 7, Göttingen 1982, S. 97)Das Maß ist voll, die Geduld Gottes erschöpft. Auch das mag mitschwingen: Das Vergeben Gottes, seine Gnade darf nicht billig gemacht werden.

Schließlich: sie sollen wissen, dass ihr Murren bemerkt wird, gehört wird. Gott ist nicht so weit weg, dass ihn nicht erreicht, was sie tun. Er ist auch nicht in der Weise weit weg, dass es ihn nicht angeht, ihm nichts ausmacht, wenn sie murren. Gott wird berührt von dem, was seine Menschen denken und sagen.     „Vierzig Wüstenjahre“ weiterlesen

Aufstand

  1. Mose 14, 1 – 25

1 Da fuhr die ganze Gemeinde auf und schrie, und das Volk weinte in jener Nacht.

             Es ist kein Wunder: solche Schreckensnachrichten müssen verstören. Sie lösen Panik aus. Die ganze Nacht nimmt das Weinen kein Ende. Es sind nicht nur Einzelne, die so reagieren, es ist die ganze Gemeinde.

 2 Und alle Israeliten murrten gegen Mose und Aaron, und die ganze Gemeinde sprach zu ihnen: Ach dass wir gestorben wären in Ägyptenland oder in dieser Wüste, ach wären wir doch gestorben. 3 Warum führt uns der HERR in dies Land, damit wir durchs Schwert fallen und unsere Frauen und unsere Kinder ein Raub werden? Ist’s nicht besser, wir ziehen wieder nach Ägypten? 4 Und einer sprach zu dem andern: Lasst uns einen Hauptmann über uns setzen und wieder nach Ägypten ziehen!

             Besser tot. Besser in Ägypten gestorben als das. Plötzlich scheint der Rückweg nach Ägypten wie ein Ausweg aus dieser hoffnungslosen Lage. Bibelleser kennen diese Klage, diesen Aufschrei schon aus früheren Situationen. Am Schilfmeer, als die Truppen des Pharao anrücken: „Sie sprachen zu Mose: Waren nicht Gräber in Ägypten, dass du uns wegführen musstest, damit wir in der Wüste sterben? Warum hast du uns das angetan, dass du uns aus Ägypten geführt hast? Haben wir’s dir nicht schon in Ägypten gesagt: Lass uns in Ruhe, wir wollen den Ägyptern dienen? Es wäre besser für uns, den Ägyptern zu dienen, als in der Wüste zu sterben.“ (2. Mose 14,11-12) Auch nach dem Durchzug durchs Schilfmeer, nach der spektakulären Rettung beim Zug durch die Wüste: „Und die Israeliten sprachen: Wollte Gott, wir wären in Ägypten gestorben durch des HERRN Hand, als wir bei den Fleischtöpfen saßen und hatten Brot die Fülle zu essen. Denn ihr habt uns dazu herausgeführt in diese Wüste, dass ihr diese ganze Gemeinde an Hunger sterben lasst.“(2. Mose 16,3) Es ist das Murren, das Klagen, die Furcht, die diese Wüstengeneration prägt, die sie immer wieder dazu verführt, sich den Wegen Gottes zu verweigern.

Eindringlich schildert der Psalm-Sänger diese Haltung und greift sicherlich auch die Situation hier, die Zweifel an der guten Führung Gottes auf:

„Und sie achteten das köstliche Land gering;                                                               sie glaubten seinem Worte nicht und murrten in ihren Zelten;                                sie gehorchten der Stimme des HERRN nicht.“                  Psalm 106,24-25

Der ganze Psalm 106 ist ein einziges Spiegelbild der Wankelmütigkeit des Volkes. Nur: man hüte sich als Leserin und Leser, das gewissermaßen als moralischen oder geistlichen Defekt des Volkes Israel zu  bewerten und zu beurteilen, oder gar zu verurteilen. Wer ehrlich ist, entdeckt die gleiche Wankelmütigkeit wahrscheinlich oft genug im eigenen Leben. Solange es gut geht, geht es auch gut mit dem Gottvertrauen. Wenn aber die Schwierigkeiten kommen, die Wege verbaut erscheinen, das Unglück überhandnimmt ….     „Aufstand“ weiterlesen

Kundschafter – ohne Echo

  1. Mose 13, 1 – 3. 17 – 33

1 Und der HERR redete mit Mose und sprach: 2 Sende Männer aus, die das Land Kanaan erkunden, das ich den Israeliten geben will, aus jedem Stamm ihrer Väter je einen vornehmen Mann. 3 Da sandte sie Mose aus der Wüste Paran nach dem Wort des HERRN. Allesamt waren sie Häupter der Israeliten.

             „Gott selbst ordnet die Aussendung der Kundschafter an.“(G. Maier, Das 4. Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT 2, Wuppertal 1989; S. 181) Was auf den ersten Blick als ein Akt militärischer Vernunft erscheint, ist in Wahrheit doch ein Gehorsamsschritt. Es ist zugleich auch ein Zeichen dafür, dass es in Israel wirklich keinen Bereich gibt, der nicht unter Gottes Leiten gesehen wird. So etwas wie Eigengesetzlichkeit von Sachverhalten kennen die Schriften Israels nicht. Alles steht unter dem Gebot und der Weisung Gottes. Bis ins Detail regelt Gott: aus jedem Stamm ihrer Väter je einen vornehmen Mann. Fürsten sind damit gemeint, Männer, die in ihrem Stamm etwas gelten. Das müssen keine Militär-Spezialisten sein.

 17 Als sie nun Mose aussandte, das Land Kanaan zu erkunden, sprach er zu ihnen: Zieht da hinauf ins Südland und geht auf das Gebirge 18 und seht euch das Land an, wie es ist, und das Volk, das darin wohnt, ob’s stark oder schwach, wenig oder viel ist; 19 und was es für ein Land ist, darin sie wohnen, ob’s gut oder schlecht ist; und was es für Städte sind, in denen sie wohnen, ob sie in Zeltdörfern oder festen Städten wohnen; 20 und wie der Boden ist, ob fett oder mager, und ob Bäume da sind oder nicht. Seid mutig und bringt mit von den Früchten des Landes.

            Der Befehl Gottes wird umgesetzt in den Anweisungen, die Mose an die Kundschafter gibt. Wenn man so will: Gottes Auftrag macht die menschlichen Ausführungsbestimmungen nicht überflüssig, sondern geradezu notwendig. Die Kundschafter sollen sich ein Bild machen, damit man weiß, womit zu rechnen ist, wenn man den Weg in dieses Land auf sich nimmt.  Geographie, Anbauverhältnisse, Stadtbefestigungen, Mentalität der Einwohner – alles ist von Interesse. So wie Mose fragt, wird ein verantwortungsbewusster Führer des Volkes zu fragen haben.

 Es war aber eben um die Zeit der ersten Weintrauben. 21 Und sie gingen hinauf und erkundeten das Land von der Wüste Zin bis nach Rehob, von wo es nach Hamat geht. 22 Sie gingen hinauf ins Südland und kamen bis nach Hebron; da lebten Ahiman, Scheschai und Talmai, die Söhne Anaks. Hebron aber war erbaut worden sieben Jahre vor Zoan in Ägypten. 23 Und sie kamen bis an den Bach Eschkol und schnitten dort eine Rebe ab mit einer Weintraube und trugen sie zu zweien auf einer Stange, dazu auch Granatäpfel und Feigen. 24 Der Ort heißt Bach Eschkol nach der Traube, die die Israeliten dort abgeschnitten hatten.

             Die Kundschafter brechen auf. Es ist Erntezeit, Zeit der ersten Traubenlese. Sie kommen durch den Negev, hinauf aufs Gebirge, bis nach Hebron. Bis dorthin auch, wo die Enaks-Söhne leben, Riesenkerle. „Es scheinen Gestalten einer sagenhaften Vorzeit bezeichnet zu sein, von denen eine Lokalüberlieferung von Hebron zu erzählen wusste, und zwar mächtige, riesenhafte Gestalten, die für Fremde, die etwa der Stadt Hebron sich zu bemächtigen versuchen wollten, abschreckend und furchtbar waren.“ (M. Noth, Das 4. Buch Mose – Numeri, ATD 7, Göttingen 1982, S.94) Im „Traubental“, so der Name Eschkol erfüllen sie einen Teil ihres Auftrages. Sie schneiden dort eine Weinrebe ab, die so riesengroß ist, dass zwei Männer sie an einer Stange tragen müssen – ein beliebtes Bildmotiv für Bilderbibeln bis in unsere Zeit. „Kundschafter – ohne Echo“ weiterlesen

Geschwisterstreit

  1. Mose 12, 1 – 16

1 Da redeten Mirjam und Aaron gegen Mose um seiner Frau willen, der Kuschiterin, die er genommen hatte. Er hatte sich nämlich eine kuschitische Frau genommen. 2 Und sie sprachen: Redet denn der HERR allein durch Mose? Redet er nicht auch durch uns? Und der HERR hörte es. 3 Der Mann Mose war sehr demütig, mehr als alle Menschen auf Erden.

             Auch geistliche Leute bieten Angriffsflächen für Kritik, Eifersucht, vermeintlich notwendige Klarstellungen. Das Problem, um das es geht, wird benannt: Gibt es einen Alleinvertretungsanspruch Mose´s auf Offenbarungsempfang? Ist nur Mose der Mund, durch den der HERR sprechen will, durch ihn allein? Oder ist Mose nicht doch nur einer unter vielen – so wie es sich ja gerade gezeigt hat, als die Siebzig angefangen haben, verzückt prophetisch zu reden begonnen haben. Und wenn schon die Siebzig, dann doch sicher auch die Familienmitglieder, Aaron und Mirjam. Der eine ist doch schon lange der Sprecher Mose´s. Und Mirjam hat doch das Siegeslied am Schilfmeer angestimmt, inspiriert durch den Geist.

Der Auslöser der Kritik ist allerdings äußerlich. Die Ehe des Mose mit einer Frau aus Kusch. Allerdings wird überhaupt nicht erklärt, was an dieser Heirat anstößig war. Schließlich war ja auch die frühere Ehe Mose´s mit Zippora nicht beanstandet worden. Erst in der Zeit nach dem Exil gibt es ein offensives Drängen darauf, keine Ehe mit fremdstämmigen Frauen einzugehen! Es könnte sein, das diese Begründung der Kritik an Mose ein winziger Hinweis darauf ist, dass  in den Text Gedanken eingeflossen sind, die nicht aus der Anfangszeit stammen, sondern eben aus den Jahren nach dem Exil. Vorher, in früheren Zeiten, sind solche Fremdehen kein Anlass zur Kritik. Nicht bei Joseph, der ein Ägypterin geehelicht hat, nicht bei Boas, der die Moabitern Ruth zur Ehefrau nimmt, nicht bei David. Es ist wohl so: In Wahrheit meldet sich geschwisterliche Eifersucht zu Wort. Die Ehe ist nur ein Vorwand.

            Es stellt sich die Frage: Wo reden Aaron und Mirjam so? Wo wird ihre Kritik laut? Unter vier Augen, miteinander oder Mose gegenüber? Es ist so: „Mose wird überhaupt nicht angeredet. Vielmehr geben Aaron und Mirjam nur – offenkundig innerhalb des israelischen Lagers – deutlich kund, dass nach ihrer Meinung zu Unrecht es so aussehe, als rede Jahwe nur mit Mose.“(M. Noth, Das 4. Buch Mose – Numeri, ATD 7, Göttingen 1982, S.84) So gesehen ist es keine Sache nur zwischen den Geschwistern. Man kann diese Geschichte nicht im geschwisterlichen Gespräch regeln. Dazu ist sie zu öffentlich geworden. Selbst wenn Mose das gerne wollte. „Vielleicht hat Mose gehört, aber er reagiert nicht. Denn der Mann Mose ist sehr bescheiden.“ (R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen. Bd. 3, Stuttgart 1988, S. 107) „Geschwisterstreit“ weiterlesen

Klarheit ins Leben bringen

Maleachi 2,17 – 3,5

17 Ihr macht den HERRN unwillig durch euer Reden! Ihr aber sprecht: »Womit machen wir ihn unwillig?« Dadurch dass ihr sprecht: »Wer Böses tut, der gefällt dem HERRN, und an solchen hat er Freude«, oder: »Wo ist der Gott, der da straft?«

             Wieder wird man Zeuge einer Disputation. Sie fängt mit dem Vorwurf an: Euer Reden ist für Gott eine Last. Unangemessen. Aber euer Reden verhallt nicht einfach im luftleeren Raum. Die Zurückweisung kommt prompt: Wir machen doch gar nichts – nur Worte. Was für eine armselige Vorstellung von Gott, wenn ihm unsere Worte zu schaffen machen könnten! Wir reden doch nur. Das macht Gott doch nichts. G.o.t.t. – das kann man auch so lesen: Guter Opa, total taub. Das ist mehr als der freche Spruch unreifer Jugendlicher. Es ist eine Lebenshaltung, die es zu allen Zeiten gegeben hat, damals in Israel und die es auch heute noch gibt. Gott ist doch nicht (mehr) wichtig. Er hat ja keine Durchsetzungsmacht. Er ist doch ein lieber Gott, der nie straft. „Vergeben ist sein Geschäft.“ (Voltaire) Er kann ja gar nicht anders. Wer wird sich da schon nach Gott richten?

Es sind perverse Verdrehungen. Es sind Verfälschungen, die aus dem Wort Gott eine Leerformel, eine Worthülse machen. Es sind Spöttereien, wenn sie sagen: »Wo ist der Gott, der da straft?« Schon damals zur Zeit des Propheten gab es wohl die Stimmen, die sagten und fragten: Wo ist er denn? Warum macht er nichts? Warum straft er nicht? Es sind Worte, die den Weg zu Gott verstellen, weil sie ihn für lebensfern und unwichtig erklären.  „Klarheit ins Leben bringen“ weiterlesen