Innehalten

  1. Mose 1, 1 – 18

1 Dies sind die Worte, die Mose zu ganz Israel redete jenseits des Jordans in der Wüste, im Jordantal gegenüber Suf, zwischen Paran und Tofel, Laban, Hazerot und Di-Sahab. – 2 Elf Tagereisen sind es vom Horeb bis Kadesch-Barnea auf dem Wege zum Gebirge Seïr. – 3 Und es geschah im vierzigsten Jahr, am ersten Tage des elften Monats, da redete Mose mit den Israeliten alles, wie es ihm der HERR für sie geboten hatte, 4 nachdem er Sihon geschlagen hatte, den König der Amoriter, der in Heschbon herrschte, dazu bei Edreï den Og, den König von Baschan, der in Aschtarot herrschte. 5 Jenseits des Jordans im Lande Moab fing Mose an, dies Gesetz auszulegen, und sprach:

             Es ist ein bisschen umständlich. Eine Einleitung, die überfrachtet ist erscheint mit Mitteilung über den Ort und die Zeit der nachfolgenden Rede. Das aber ist schon hier festzuhalten: diese Einleitung charakterisiert den ganzen folgenden Buch-Text als eine Rede des Mose – gehalten im Übergang. Schon das Land vor Augenschrift, jenseits des Jordans in der Wüste, aber eben noch nicht am Ziel.

Der Ort dieser Rede ist in Blickweite des Gelobten Landes, am Jordangraben – so die Bezeichnung ʽaraba – auf dem „moabitischen Hochplateau“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, S. 26) Die Aufzählung so vieler Orte und der Hinweis auf die Entfernung zum Horeb legt es nahe, dass hier nicht der eine Ort präzise benannt werden soll, sondern eher ein Raum. Ein Raum in der Nähe zum Horeb – und es wird in dem ganzen Buch ja darum gehen, dass das Volk die Nähe zum Horeb bzw. zur Weisung Gottes, die es am Horeb empfangen hat, bewahrt.   „Innehalten“ weiterlesen

Himmel und Erde

Johannes 3, 22 – 36

22 Danach kam Jesus mit seinen Jüngern in das Land Judäa und blieb dort eine Weile mit ihnen und taufte. 23 Johannes aber taufte auch noch in Änon, nahe bei Salim, denn es war da viel Wasser; und sie kamen und ließen sich taufen. 24 Denn Johannes war noch nicht ins Gefängnis geworfen. 25 Da erhob sich ein Streit zwischen den Jüngern des Johannes und einem Juden über die Reinigung.

Genug geredet? Ohne klaren Grund und Abschluss ist die Rede an Nikodemus zu Ende. Danach ein Ortswechsel. So schließt der Evangelist gerne neue Situationen an. Wo der Ort der Begegnung mit Nikodemus war, bleibt unklar. Jetzt ist Jesus mit seinen Jüngern – wo kommen die so plötzlich wieder her? – in Judäa. Und dann, völlig einmalig, im Gegensatz zu den anderen Evangelien: Er taufte. „Nirgends sonst findet sich in der urchristlichen Überlieferung eine solche Nachricht.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 75) Haben wir es hier mit einem historischen Irrtum des Johannes-Evangeliums zu tun oder weiß der Evangelist etwas von einen Anfang Jesu in Konkurrenz zu dem Täufer? Die Frage muss ohne Antwort bleiben. Die anderen Evangelien wissen auch nichts von einer Tauftätigkeit seiner Jünger vor Auferstehung und Himmelfahrt. Weiß das Johannes-Evangelium also mehr, Älteres als die anderen? Später wird vom Evangelisten richtig gestellt werden: – obwohl Jesus nicht selber taufte, sondern seine Jünger -,(4,2) Es bleibt dennoch irritierend.

Aus dem Nebeneinander der beiden „Täufer“ ergibt sich eine Konkurrenz-Situation. Historisch richtig mag daran sein, dass es eine Zeit gegeben haben kann, in der Jesus wie ein Johannes-Jünger wirkte. Dann löste er sich von dem Täufer. Auch seine Jünger waren  – zum Teil – Johannes-Jünger, bevor sie ihm folgten. Auch da erzählen die anderen Evangelien anders. „Die Angabe einer parallelen Taufwirksamkeit von Johannes und Jesus widerspricht dem Zeitschema der synoptischen Tradition, nach der Jesu Wirksamkeit erst nach der Gefangennahme des Täufers begonnen hat.“ (U. Wilkens, ebda.) Mir will es scheinen, als sei das Johannes-Evangelium nicht sonderlich daran interessiert, der Erzähl-Reihenfolge der anderen Evangelien getreulich nach zu eilen. Es folgt seiner eigenen Historie.

Es ist wie eine Erinnerung an die Jerusalemer Kommission, die Johannes befragt hatte. Es kommt zu einer Debatte der Johannes-Jünger mit einem Juden über die Reinigung. Die ganze „Tauferei“ macht Unruhe. Nicht nur bei den Behörden in Jerusalem. Auch bei denen, die aktiv verwickelt sind. Was gilt denn nun?

26 Und sie kamen zu Johannes und sprachen zu ihm: Meister, der bei dir war jenseits des Jordans, von dem du Zeugnis gegeben hast, siehe, der tauft, und jedermann kommt zu ihm.

Darum kommen die Johannes-Jünger zu ihrem Meister. Sie registrieren den Zulauf Jesu. Jedermann kommt zu ihm. Meldet sich hier Eifersucht auf den Erfolg Jesu zu Wort? Müssten sie sich nicht freuen – sie haben doch das Zeugnis des Täufers noch im Ohr: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!“(1,29) Vielleicht aber ist es auch schlicht menschlich, dass das Verstehen dieses Zeugnis noch nicht in ihre Herzen vorgedrungen ist. Wir erinnern uns: Von neuem, von oben geboren werden, ist die Voraussetzung um zu sehen. Diese Geburt steht wohl auch für die Johannes-Jünger noch aus.  „Himmel und Erde“ weiterlesen

Nachtgespräch

Johannes 3, 1 – 21

1 Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern mit Namen Nikodemus, einer von den Oberen der Juden. 2 Der kam zu Jesus bei Nacht und sprach zu ihm: Meister, wir wissen, du bist ein Lehrer, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm.

Aus den vielen tritt jetzt einer ins Licht. In der Dunkelheit der Nacht. Nikodemus, ein Pharisäer, Angehöriger des Synhedrium. „Der ursprüngliche griechische Name kommt auch im Aramäischen vor und taucht in jüdischen Quellen mehrfach auf.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 64) Nikodemus ist auf Jesus aufmerksam geworden – durch die Zeichen (2,23)? Jedenfalls will er mehr wissen und sucht Jesus auf. Die Nacht ist Zeit für das Studium der Schrift. „Von jeher hat die Nacht ihre Bedeutung für das Gespräch um letzte Dinge.“  (T. Jänicke, Die Herrlichkeit des Gottessohnes, Gelnhausen 1961, S. 47) Tag und Nacht sitzt der Fromme über den Weisungen Gottes – so weiß es der Psalm: Er „hat Lust am Gesetz des HERRN und sinnt über seinem Gesetz Tag und Nacht!“ (Psalm 1,3)Wer sich in der Nacht mit der Tora beschäftigt, über den zieht Gott den Faden der Huld bei Tage.“ (Strack-Billerbeck II; S. 420) Nicht die Furcht, der Wunsch nach Klarheit lässt Nikodemus bei Nacht zu Jesus kommen.

            Ein Lehrer ist Jesus für Nikodemus. Und es liegt Anerkennung, ja Ehrfurcht in seinen Worten. „Die Zeichen Jesu beglaubigen ihn ohne Frage als einen von Gott begnadeten Lehrer.“ (T. Jänicke, aaO. S. 48)  Er ist weit entfernt von denen, die sagen „Er hat den Beelzebul, und: Er treibt die bösen Geister aus durch ihren Obersten.“ (Markus 3,22) Für ihn steht Jesus auf der Seite Gottes, Gott an der Seite Jesu.

3 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen. 4 Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden?

Jesu Antwort geht nicht auf diese Worte ein. Er sucht nicht die Anerkennung des Nikodemus. Er will ihm den Weg weisen. Es ist, als würde er auf die Frage antworten, die ein anderer Oberster nach einem anderen Evangelium Jesus gestellt hat: „Guter Meister, was muss ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?“ (Lukas 18,18) Aber wir wissen nicht, ob Nikodemus so gefragt hat.

In den synoptischen Evangelien klingt es ähnlich, wenn es um den Zugang zum Reich Gottes geht: „Wenn ihr nicht werden wie die Kinder….“(Matthäus 18,3) Es braucht nicht weniger als eine neue Geburt, eine Neuschöpfung, um das Reich Gottes zu erlangen. Nicht Besserung, Steigerung, Vervollkommnung. Alles, was wir ethisch einsetzen könnten, reicht nicht. Eine neue Geburt. Άνωθεν, von oben, von neuem. Aus einem Handeln Gottes heraus. „Nachtgespräch“ weiterlesen

Ein anderer Weg?

Johannes 2, 13 – 25

13 Und das Passafest der Juden war nahe, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem.

War es das schon mit dem Wirken Jesu in Galiläa? Nur eine Verschnaufpause? Den vorhergehenden Zeitangaben – am nächsten Tag, am dritten Tag – folgt hier eine andere: das Passafest der Juden war nahe. „In der Formulierung „Das „Päsach der Juden“ drückt sich eine Distanz aus. Die Feste des Jahreskreises sind Sache „der Juden“. (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 60f.) Es wird nicht falsch sein, hinter dieser Wendung schon den Abstand zu spüren, der die Lesergemeinde des Johannes von der jüdischen Gemeinde trennt.  Der Abstand zur „jüdischen Mutterreligion“ ist in den Jahren des 1. Jahrhunderts mehr und mehr gewachsen.

Das Johannesevangelium sieht Jesus – im Gegensatz zu den anderen Evangelisten – mehrfach in Jerusalem. Es ist Zeit für das Passa und er zieht hinauf. Das wird er später noch einmal tun. Aber jetzt ist diese Zeit, seine Stunde noch nicht da (2,3).

14 Und er fand im Tempel die Händler, die Rinder, Schafe und Tauben verkauften, und die Wechsler, die da saßen. 15 Und er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle zum Tempel hinaus samt den Schafen und Rindern und schüttete den Wechslern das Geld aus und stieß die Tische um 16 und sprach zu denen, die die Tauben verkauften: Tragt das weg und macht nicht meines Vaters Haus zum Kaufhaus! 17 Seine Jünger aber dachten daran, dass geschrieben steht (Psalm 69,10): »Der Eifer um dein Haus wird mich fressen.«

                Wieder, zum wiederholten Mal, findet er. Diesmal Händler, Wechsler, samt ihrem Viehzeug, Handelsausstattungen und Handwerkszeug. Ob er sie bewusst gesucht hat oder zufällig auf sie gestoßen ist – diese Frage wage ich nicht zu entscheiden. Er hat sie gefunden. Und wird aktiv. „Ein anderer Weg?“ weiterlesen

Eine Hochzeit

Johannes 2, 1 – 12

1 Und am dritten Tage war eine Hochzeit in Kana in Galiläa, und die Mutter Jesu war da. 2 Jesus aber und seine Jünger waren auch zur Hochzeit geladen.

Es fängt Neues an. Am dritten Tag. Eine Hochzeit. In Galiläa. Vielleicht übertreibe ich ein bisschen. Aber für mich klingt das alles hintergründiger, tiefgründiger als dass nur eine äußere Szene angedeutet würde. Mag ja sein, dass der Evangelist diese Geschichte schon vorgefunden hat. Aber er stellt sie dann bewusst an den Anfang seiner Erzählungen und er gibt ihr bewusst diese Zeitangabe und diese Ortsangabe mit. Ich jedenfalls höre hier schon mit: Der dritte Tag ist der Tag der Auferstehung und der Weg des Auferstandenen führt nach Galiläa und dort trifft er seine Jünger. Es ist dies alles eine Hohe Zeit.

3 Und als der Wein ausging, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. 4 Jesus spricht zu ihr: Was geht’s dich an, Frau, was ich tue? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. 5 Seine Mutter spricht zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut.

           Die Mutter Jesu ist die erste, die handelt. Sie bemerkt, dass sich eine Blamage anbahnt. Eine Hochzeit, bei der der Wein ausgeht. Das wird Ortsgespräch in Kana sein, so wie es Ortsgespräch bei uns ist, wenn bei einem Fest alles zu knapp ist und alle hungrig und durstig gehen müssen.  Ist sie besorgt? Liegt ihr an den Gastgebern, dem Hochzeitspaar? Es lassen sich viele Gründe für ihre Intervention bei dem Sohn vorstellen. Genannt wird nur der sachliche Grund: Sie haben keinen Wein mehr. Manchmal ist die Feststellung einer Tatsache die stärkste nur denkbare Aufforderung zum Handeln: Es brennt! Und jeder weiß, was zu tun ist. „Eine Hochzeit“ weiterlesen

Finden – gefunden werden

Johannes 1, 35 – 51

35 Am nächsten Tag stand Johannes abermals da und zwei seiner Jünger; 36 und als er Jesus vorübergehen sah, sprach er: Siehe, das ist Gottes Lamm! 37 Und die zwei Jünger hörten ihn reden und folgten Jesus nach.

Ein neuer Tag, aber die gleiche Botschaft. Johannes hat an dem nächsten Tag nichts anderes zu sagen als am Tag zuvor. Siehe, das ist Gottes Lamm! Wir erfahren ja nicht, wer am ersten Tag die Worte des Johannes gehört hat und welches Gehör sie gefunden haben. Jetzt aber hören zwei Jünger des Johannes (!) und folgen Jesus. Bemerkenswert: „Johannes hindert sie nicht daran, sich dem Größeren“ zuzuwenden. Vielleicht haben sie sogar aus dem persönlich an sie gerichteten Zeugnis des Täufers die indirekte Aufforderung herausgehört, in die Nachfolge Jesu einzutreten.“ (J. Schneider, Das Evangelium nach Johannes, Theol.Handkommentar zum NT; Berlin 1985, S. 74)

Dahinter mag historische Erinnerung stehen, dass es Johannes-Jünger gab, die zu Jesus-Jüngern geworden sind. Aber dem Evangelisten liegt nicht an dieser historischen Richtigkeit. Ihm liegt daran zu zeigen, dass das Zeugnis: Siehe, das ist Gottes Lamm! erste Schritte hinter Jesus her und so Glauben, Nachfolge auslöst. Seine Leser*innen sollen es hören: Zum Glauben kommt es durch dieses Sagen von Jesus und Zeigen auf Jesus. Anders geht es nicht. Du kannst und musst keinen zum Glauben überreden.

38 Jesus aber wandte sich um und sah sie nachfolgen und sprach zu ihnen: Was sucht ihr? Sie aber sprachen zu ihm: Rabbi – das heißt übersetzt: Meister -, wo ist deine Herberge? 39 Er sprach zu ihnen: Kommt und seht! Sie kamen und sahen’s und blieben diesen Tag bei ihm. Es war aber um die zehnte Stunde.

Lese ich zu viel: Wo so auf Jesus gezeigt wird, da wendet er sich zu? Wo einer, eine anfängt, den Weg hinter Jesus her zu gehen, da wendet er sich zu. Da sieht er hin. Was sucht ihr? fragt Jesus. „Jesu Frage setzt voraus, dass sie etwas suchen, dass es eine Frage in ihnen gibt, deren Antwort sie bei ihm erwarten.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 47) Es gehört zur Eigenart Jesu, die auch bei den anderen Evangelisten sichtbar wird, dass er Menschen fragt: Was willst Du? Was erwartest Du? Und hier eben: Was sucht ihr?

τί ζητει̃τε; ist das erste Wort, das Jesus im Evangelium spricht; es ist offenbar die erste Frage, die an den gerichtet werden muss, der zu Jesus kommt, über die er sich klar werden muss.“ (R. Bultmann, aaO. S.70) Was sucht ihr? Solche Fragen sind Hilfen, sich selbst klar zu werden. Und wie wichtig ist das, vor dem Weg in die Nachfolge, für den Weg in die Nachfolge, sich selbst klar zu werden: Was erwarte ich – für mich, von ihm? So reicht die Frage Jesu über die beiden Johannes-Jünger hinaus bis zu uns, die wir heute das Evangelium lesen: Was sucht ihr?  Wir sind mit ihnen gefragt. „Finden – gefunden werden“ weiterlesen

Christe, du Lamm Gottes

Johannes 1, 29 – 34

29 Am nächsten Tag sieht Johannes, dass Jesus zu ihm kommt, und spricht: Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt! 30 Dieser ist’s, von dem ich gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, der vor mir gewesen ist, denn er war eher als ich. 31 Und ich kannte ihn nicht. Aber damit er Israel offenbart werde, darum bin ich gekommen zu taufen mit Wasser.

            „Jesus betritt die Szene. Johannes steht allein, wie auf einer leeren Bühne und die Leser sehen mit Johannes Jesus auf ihn zukommen. Man erfährt nicht, woher er kommt und was er will.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 40 )Es ist der erste Auftritt Jesu. Wortlos. Der das Wort ist, muss nicht immerzu Worte machen.

Manchmal haben Texte Hinweise, die wir leicht überlesen. Gleich zweimal sagt Johannes: „Und ich kannte ihn nicht“! Wer die Texte des Lukas im Ohr hat, wundert sich: Johannes und Jesus sind doch Verwandte! Aber darauf bezieht sich das Wort des Johannes offensichtlich nicht. Selbst wenn er wusste: Das ist Jesus von Nazareth, Sohn der Cousine meiner Mutter: Er kennt ihn nicht.

Das heißt doch: Das natürliche Wissen über die Herkunft Jesu sagt noch nichts über ihn. Johannes kennt – vorläufig gesagt – die Bestimmung Jesu nicht aus eigener Kraft und Weisheit. Was an ihm „dran“ ist, wer er in Wahrheit von Gott her ist, das weiß Johannes nicht aus seiner Bekanntschaft.

Bei den Synoptikern wird die Taufe Jesu so erzählt: In der Taufe Jesu wird sichtbar, wer er ist – für Jesus selbst. Er hört den Satz vom Himmel her: Du bist mein geliebter Sohn. Im Johannes-Evangelium wird das so nicht erzählt. Wohl aber wird gesagt: Dem Täufer gehen die Augen auf, weil sie ihm geöffnet werden. Das ist kein Zufall – das ist die Absicht, Sinn  seiner Sendung. Dazu war Johannes zum Täufer geworden, dass er in der Taufe dieses einen, Jesus, erkennt, wer der ist – und dass er dann auch zu seinem Zeugen wird. „Christe, du Lamm Gottes“ weiterlesen

Johannes weiß, wer er ist.

Johannes 1, 19 – 28 

19 Und dies ist das Zeugnis des Johannes, als die Juden zu ihm sandten Priester und Leviten von Jerusalem, dass sie ihn fragten: Wer bist du?

Der Täufer Johannes hat im Jordantal Zulauf aus allen Bevölkerungsschichten. Er tauft und predigt. Was am Jordan geschieht, bleibt der Aufmerksamkeit der pharisäischen Führer und Autoritäten in Jerusalem nicht verborgen. Eine Über-Prüfung wird gestartet. Diese Kommission wird in den Kommentaren leicht negativ registriert. Beispiel: „Die Juden werden als obrigkeitliche Behörde vorgestellt, die eine Gesandtschaft von Priestern und Leviten zum Zweck der Inquisition dirigiert.“ ((S. Schulz, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen 1975, S. 36) Aber solche Zeichnungen sagen mehr über das Verhältnis der Exegeten zu Behörden aus als über das, was im Text steht.

Ich denke, die Jerusalemer, die Juden, haben das Recht dazu, ja sogar die Pflicht zu fragen. Sie sind „für die Auslegung der Lehre der Tora und damit zugleich für die Gerichtsbarkeit nach der Tora zuständig.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S.37) Sie üben also lediglich ihren Auftrag aus. Was ist da los? Was oder wer steckt hinter Johannes? Welchen Anspruch hat er – an sich selbst und damit auch an uns? Der Erfolg, der Zulauf zu Johannes ist doch noch kein Qualitätsmerkmal in sich, kein Letzt-gültiger Wahrheitsbeweis, auch keine theologisch-geistliche Rechtfertigung. Man kann nicht einfach sagen: Weil alle es toll finden, muss es auch toll sein. Darum kommt eine Kommission, mit Fachleuten zum Thema Taufe/Reinigung, um nach dem Rechten zu sehen.

Das Wort „martyria“, μαρτυρία im griechischen Text, weist auf den offiziellen Charakter der Gesandtschaft hin. Es ist ein Wort aus der Rechtssprache. Es geht um Zeugnis vor Gericht. das auch vor Gericht Bestand hat. Zeugnis ist nie nur: „ich denke mal“; „Ich möchte meinen“; „Meine Meinung ist….“ „Johannes weiß, wer er ist.“ weiterlesen

Zugänglich – anschaulich: Gott in Jesus

Johannes 1, 14 – 18

14 Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.

Jahr für Jahr steht dieses Wort über Weihnachten. Ich taste an ihm herum, seit vielen Jahren. „Er ist Mensch geworden. Er ist Fleisch geworden; ich sage  ein Drittes: Er ist Sünde geworden.“ (H. Bezzel, 1903, zit. nach M. Seitz, Hermann Bezzel, München 960, S. 140) So unfassbar weit geht Bezzel. „Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.“(2. Korinther 5,21)  Trägt Bezzel mit seinem Wort hier Paulus in das Evangelium des Johannes hinein? Oder sind sich Paulus und Johannes an dieser Stelle ganz nah? Höre ich das, in dieser Tiefe? „Einer wie wir“, sage ich gerne. Das stimmt. Er wird Fleisch, wird einer wie wir. Und bleibt doch ganz anders.

Es fängt ja schon da an: Das Wort wohnte unter uns. So übersetzt Luther. „Er, der das Wort ist, wurde ein Mensch von Fleisch und Blut und lebte unter uns.“(Neue Genfer Übersetzung) Da steht im Griechischen εσκήνωσεν. Wörtlich übersetzt: Er schlug sein Zelt auf, zeltete bei uns. Das zeigt Leichtigkeit an, signalisiert Zugänglichkeit. Das gleiche Wort kommt in der Offenbarung vor: „Siehe da, die Hütte Gottes (σκήνη) bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen (σκηνώσει), und sie werden seine Völkewr sein und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein.“ (Offenbarung 21,3) Gott, der bei seinen Leuten zeltet in seinem Zelt. So nahe, so zugänglich. „Zugänglich – anschaulich: Gott in Jesus“ weiterlesen

Von Gott geboren

Johannes 1, 9 – 13

9 Das war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen. 10 Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn gemacht; aber die Welt erkannte ihn nicht. 11 Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf.

Nach den Worten über den Täufer kehrt Johannes zu seinem Thema zurück. Er nimmt die Spur des Lobgesangs der Gemeinde wieder auf. Er redet jetzt wieder, so lese ich, von Christus. Das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet.Als das einzig wahre Licht hat er eine universale Bedeutung. Sein erleuchtendes, Offenbarung und Erkenntnis vermittelndes Wirken war nicht auf Israel beschränkt, sondern galt jedem Menschen, der in die Welt kommt.“(J. Schneider, Das Evangelium nach Johannes, Theol. Handkommentar zum NT; Berlin 1985, S. 58) Wenn es hier heißt, dass das Licht alle Menschen erleuchtet, so ist das ein Wort über das Licht, über Christus, „ohne Rücksicht darauf, ob und inwieweit sich die Menschen seiner Offenbarung erschließen.“ (R. Bultmann, aaO. S. 33) Es ist kein Wort über den „Erfolg“ des Lichtes, sondern eines über sein Wesen: Es erleuchtet. Es bringt ans Licht.

Ein Lobgesang sind diese Worte und doch auch ein Schmerz. Die Welt erkannte ihn nicht. Die Seinen nahmen ihn nicht auf. Obwohl er doch in seine Welt kam, in sein Eigentum. Obwohl doch alles durch ihn ist. Obwohl er doch ans Licht bringt. Das ist keine unbeteiligte Feststellung. Es geht ja nicht nur um einen intellektuellen Defekt, der hier sachlich diagnostiziert wird. „Das Erkennen ist nicht ein theoretisches Apperzipieren, sondern Anerkennen.“ (R. Bultmann, aaO. S. 34) Das Licht findet nicht die Anerkennung, um derentwillen es gesandt ist. Es kommt bei denen, für die es bestimmt ist, den Seinen, nicht an. So meldet sich hier schon der Schmerz zu Wort, der das Evangelium auch durchziehen wird. Man kann schon jetzt ahnen: Dieser Weg in seine Welt, die für ihn blind ist, die ihn, das Licht der Welt, nicht erkennt, ist ein Weg in die Niedrigkeit.

„Er entäußert sich all seiner G’walt,                                       wird niedrig und gering
und nimmt an eines Knechts Gestalt,                                       der Schöpfer aller Ding.

Er wechselt mit uns wunderlich:                                                Fleisch und Blut nimmt er an
und gibt uns in seins Vaters Reich                                               die klare Gottheit dran.“                   N. Hermann 1560, EG 27
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