Mutig!

  1. Korinther 1, 1 – 11

1 Paulus, Apostel Christi Jesu durch den Willen Gottes, und der Bruder Timotheus an die Gemeinde Gottes in Korinth samt allen Heiligen in ganz Achaja:

             So fängt man in der Antike einen Brief an, indem man sich selbst vorstellt und den Empfänger angibt. So hält es auch Paulus immer, weshalb sich auch seine Briefanfänge so ähneln. Auch im ersten Brief nach Korinther hat er es hervorgehoben: er ist was er ist – Apostel Jesu Christi – weil das Gottes Wille ist. Paulus schreibt seinen Brief, wieder wie beim ersten Brief auch diesmal nicht allein: Timotheus wird als Mit-Autor genannt.

            Allerdings: „Der Brief lässt sonst nirgends erkennen, dass Timotheus mit zu Wort käme.“ (T. Schmeller, Der zweite Brief an die Korinther 1,1 – 7,4, EKK VIII/1, Neukirchen 2010, S. 52) Darauf aber kommt es wohl auch gar nicht an. Sondern die Nennung des Timotheus ist ein Signal: „Der Brief gibt mehr als nur den Standpunkt des Paulus wieder.“ (T. Schmeller, ebda.) Es ist ein Schreiben, das aus der Paulus-Gruppe stammt. Sie steht kollegial hinter dem Apostel. Das unterstreicht den offiziellen Charakter – „amtlich“ wäre in dieser Früh-Zeit des Glaubens allerdings zu viel gesagt.

Es ist mutig, diesen Brief zu schreiben! An eine Gemeinde, in deren Verhältnis zwischen ihm und der Gemeinde ziemlich alles festgefahren. war. Er schreibt einen „Versöhnungsbrief.“ (W. Schenk, Gemeinde im Lernprozess, Die beiden Korintherbriefe, Bibelauslegung für die Praxis 22, Stuttgart 1979, S.17) Paulus hat diese Gemeinde gegründet, sich um sie gekümmert und sich für sie stark gemacht. Aber dann hatten sich andere eingemischt und es kam zu Streit und Missverständnissen. Schließlich hatte Paulus für einige Verhaltensweisen sehr deutliche Worte gefunden – das machte ihn der Gemeinde fremd. Plötzlich stehen zwischen dem Gemeindegründer Paulus und der Gemeinde in Korinth gegenseitige Verurteilungen. Sie werden zu schier unüberwindlichen Mauern. „Mutig!“ weiterlesen

Beschenkt leben

Markus 10, 28 – 31

 28 Da fing Petrus an und sagte zu ihm: Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt.

             Erschrecken über die Worte Jesu ist das eine. Auch Petrus sitzt der Schrecken über diese harte Botschaft: Bei den Menschen unmöglich in den Knochen. Aber er weiß ja, was ihn und die anderen, die um Jesus herum sind, von dem, der da eben gegangen ist, unterscheidet: wir haben alles verlassen.

             Für Petrus ist das keine theoretische Überlegung geblieben: loslassen. Sich lösen vom Besitz. Sich lösen aus der Geschichte des eigenen Lebens, wie sie bis dahin gelaufen ist.  Petrus mag begriffsstutzig sein, aber er ist kein Theoretiker des Glaubens. Und dass er und die anderen jetzt hier bei Jesus sind, irgendwo auf dem Weg in Galiläa, das ist doch Folge: wir sind dir nachgefolgt.

             Das Missliche an der Feststellung des Petrus: sie klingt wie eine Erfolgsmeldung. Sie hat etwas von: Wir haben es doch gemacht. Gut gemacht. „Beschenkt leben“ weiterlesen

Loslassen und gewinnen

Markus 10, 17 – 27

17 Und als er sich auf den Weg machte, lief einer herbei, kniete vor ihm nieder und fragte ihn:

             Jesus bricht auf zu seinem Ziel, auch wenn das nicht benannt wird. Irgendwo auf dem Weg in Judäa geschieht es. Da kommt einer und kniet vor ihm. Nicht, dass er ihn anbetet. Ein Akt der Verehrung, vielleicht auch der Erwartung, die ihn fragen lässt. Wer das ist, bleibt völlig in der Schwebe. Der Leser erfährt nichts über seine Status, sein Alter, seine Herkunft. Noch nichts. Es ist halt „einer“.

 Guter Meister, was soll ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?

             Was er aber erfährt ist die Frage, die diesen einen bewegt, die ihn zu Jesu treibt, die er ihm stellt. Doch wohl, weil er sich Antwort von ihm erwartet. Er redet Jesus ehrfurchtsvoll an -nicht übertrieben, trotz des Kniefalls nicht devot, aber voller Respekt:  Guter Meister.

             Es ist die drängende Frage, die ihn beschäftigt. Sie entsteht wohl auch daraus, dass es sich nicht mehr von selbst versteht: Wer Israelit ist, hat Anteil am ewigen Leben.  Es steht ja – auch im Markus-Evangelium – schon hinter dem Ruf zur Umkehr, zur Buße die Einsicht, „dass nicht mehr die Bindung an das Volk Heil garantierte, sondern der einzelne zu sittlicher Entscheidung und Bewährung herausgefordert war.“ (J. Gnilka, aaO. S.85)

Dem entspricht, dass wir heute lernen, dass die Taufe keinen Heilsautomatismus nach sich zieht, sondern dass  zur Taufe der Glauben hinzu treten muss, ein Vertrauen, dass sich in den Zusagen der Taufe festmacht und sie lebt.

Angelegt ist das schon in alten Texten und für den Juden nachvollziehbar in der „Einlass-Liturgie“ zum Tempel:

Wer darf auf des HERRN Berg gehen,                                                                               und wer darf stehen an seiner heiligen Stätte?                                                                   Wer unschuldige Hände hat und reinen Herzens ist,                                                      wer nicht bedacht ist auf Lug und Trug und nicht falsche Eide schwört:                      der wird den Segen vom HERRN empfangen                                                                 und Gerechtigkeit von dem Gott seines Heiles.         Psalm 24, 3 – 5

Es geht dem Frager um Wegweisung für ein Leben, das Gott entspricht. Das will er von dem Lehrer Jesus wissen. „Loslassen und gewinnen“ weiterlesen

Geschenkt

Markus 10, 13 – 16

13 Und sie brachten Kinder zu ihm, damit er sie anrühre. Die Jünger aber fuhren sie an.

             Diese Szene wird wohl, so legt es der Zusammenhang nahe, im Haus stattfinden. Es kommen Leute, die nicht näher bezeichnet werden und bringen Kinder zu Jesus. παιδα. Für den Vorgang spielt es keine Rolle, wer diese Leute sind – ob die Eltern, Verwandte oder wer auch immer. Ihr Anliegen: Er soll sie anrühren. πτω„berühren erfassen“ (Gemoll, aaO. S. 117). Das griechische Wort hat nicht wie von selbst eine religiöse Bedeutung. Es taucht an sehr bedeutsamer Stelle im Mund des auferstanden auf: Rühre mich nicht an. (Johannes 20,17) Worum es also denen geht, die die Kinder zu Jesus bringen, muss offen bleiben. Es kann sein: Er soll sie durch ein Berühren segnen. Ihnen Kraft aus seiner Kraft vermitteln.

Es ist wie eine Wiederholung: In Betsaida „brachten sie zu ihm einen Blinden und baten ihn, dass er ihn anrühre.“ (8,22) Da ging es um Heilung. Davon ist hier aber keine Rede. Sondern die Parallele ist eher, dass manche Rabbis segnen, dass Eltern ihre Kinder segnen.

Es ist schwer zu verstehen, was die Jünger dazu bringt, diese Leute so anzufahren, abzuweisen. Zu bedrohen. Liegt es nur daran, dass sie sich gestört fühlen? Oder spielt mit, dass Kinder im Grunde noch nicht zählen? Spielen sie sich nur auf, als die, die über die Zugangsberechtigung zu Jesus verfügen? Sie wirken wie Leute, die sagen: So einfach kann man doch nicht zu Jesus kommen. Da muss man schon etwas vorzuweisen haben, den Willen, ihm nahe zu sein, die Bereitschaft, hinter ihm her zu gehen. „Jedenfalls ist das geschilderte Gebahren der Jünger herrschsüchtig und wenig liebevoll. Gegenüber Kinder konnte man es sich leisten, sie standen innerhalb der Rangordnung der Gesellschaft ziemlich weit unten.“ (J. Gnilka, aaO., S.80) Die früheren Auftritte der Jünger in ihrem Streit um die eigene Größe (9,33ff.) und ihr Abweisung des fremden Exorzisten (9,38f.) lassen solche Motive nicht unmöglich erscheinen. „Geschenkt“ weiterlesen

Herzfehler

Markus 10, 1 – 12

1 Und er machte sich auf und kam von dort in das Gebiet von Judäa und jenseits des Jordans. Und abermals lief das Volk in Scharen bei ihm zusammen, und wie es seine Gewohnheit war, lehrte er sie abermals.

             Jesus bricht auf, aus Kapernaum in Richtung Jerusalem. Er wird nicht mehr nach Galiläa zurückkehren. Ein wenig umständlich erscheint der Weg: Man muss nicht in das Gebiet jenseits des Jordans, um nach Judäa zu gehen. Es könnte sein, Markus will andeuten, dass er einen Umweg wählt, um den Weg durch Samaria zu meiden. Sicher ist das aber nicht – andere Evangelien erzählen ja auch prompt, dass Jesus durch Samaria nach Jerusalem zieht (Lukas 9,51 – 57). Ähnlich auch Johannes (Johannes 4).

             Auf dem Weg zieht er immer noch die Volksmassen an. Es sind „die Bewohner der beiden Bezirke Judäa und Ostjordangebiet, die ihm zulaufen.“ (W. Grundmann, aaO. S.269) Seine Wirksamkeit, sein Lehren ist nicht auf das Gebiet Galiläas begrenzt. Er ist nicht nur eine lokale Provinzgröße. Es entspricht seiner Gewohnheit, dass er auch hier nicht aufhört zu lehren, das Volk zu unterweisen, den Willen Gottes auszurufen.

Es ist nicht der Hauptakzent der Erzählung und doch auch nicht ganz nebensächlich, weil Markus es sonst nicht erwähnt hätte: wie es seine Gewohnheit war.  ς εἰώθει. Genau die gleiche Wendung verwendet Lukas, wenn er erzählt: „Jesus ging nach seiner Gewohnheit am Sabbat in die Synagoge“ (Lukas 4,16). Jesus – ein Gewohnheitsmensch? Ja, meinen die beiden Evangelisten und finden nicht Schlimmes darin, sondern: Es gibt gute Gewohnheiten. Es gibt Gewohnheiten, die dem Glauben dienen. Glaube braucht die Regelmäßigkeit, die Gewohnheit, braucht gewohnte Formen und Rituale, in denen er „wohnen“ kann, aus denen er seine Bestätigung und seine Beständigkeit findet. „Herzfehler“ weiterlesen

Es gilt zu wählen

Markus 9, 42 – 50

 42 Und wer einen dieser Kleinen, die an mich glauben, zum Abfall verführt, für den wäre es besser, dass ihm ein Mühlstein an den Hals gehängt und er ins Meer geworfen würde.

 Hier werden Sprüche aneinander gereiht. Sie wirken nur lose verbunden. Es ist, als wirkte in ihrem Anfang in den Worten Jesu noch die Debatte um die Größe nach. Vielleicht, so überlege ich, muss man sich immer noch vorstellen: „Das Kind“ steht in der Mitte (9,36). Nicht nach oben, nach unten wird der Blick gelenkt. Auf die Kleinen. Μίκροι. Die Mikrigen. Die Geringen, die Letzten. Immerhin vermeidet Markus das in der Umwelt geringschätzige, abwertende ταπεινόϛ. Die Kleinen stehen unter besonderem Schutz. Wer sich an ihnen vergreift, vergreift sich an den besonders Geliebten und Geschützten Gottes.

Das ist ein starker Akzent in einer Umwelt, in der Kinder nicht wirklich zählen. Das ist heute ein starker Akzent in einer Umwelt, in der Kinderpornographie wie ein Kavaliersdelikt wirken kann, in der skrupellose Geschäftemacher millionenfachen Gewinn damit erzielen, dass sie Kinder seelisch und körperlich ausbeuten. Das ist auch ein starker Akzent in einem Land, in dem Kindergärten immer noch beklagt werden können, weil der Kinderlärm Anwohner stört und den Grundstückswert anliegender Ländereien mindert.

Es wirkt, als würde der – wohl spätere – Zusatz die an mich glauben die Reichweite des Satzes einschränken. Als wäre gemeint: „Wer einen Glaubenden um seinen Glauben bringt, für den wäre es besser, ein gewaltsamer Tod hätte ihn vor dieser Möglichkeit der Verschuldung getroffen.“ (W. Grundmann, aaO. S.265)

   Es ist nicht abzustreiten, dass damit ein Problem in der Gemeinde angesprochen ist. Paulus ist dafür Zeuge: „Seht aber zu, dass diese eure Freiheit für die Schwachen nicht zum Anstoß wird! Denn wenn jemand dich, der du die Erkenntnis hast, im Götzentempel zu Tisch sitzen sieht, wird dann nicht sein Gewissen, da er doch schwach ist, verleitet, das Götzenopfer zu essen? Und so wird durch deine Erkenntnis der Schwache zugrunde gehen, der Bruder, für den doch Christus gestorben ist. Wenn ihr aber so sündigt an den Brüdern und verletzt ihr schwaches Gewissen, so sündigt ihr an Christus. Darum, wenn Speise meinen Bruder zu Fall bringt, will ich nie mehr Fleisch essen, damit ich meinen Bruder nicht zu Fall bringe.“ (1. Korinther 8, 9 – 13) Aber es ist – in meinen Augen – nicht zulässig, die Achtsamkeit nur auf die in der Gemeinde zu richten. Sie gilt in gleicher Weise denen draußen vor der Tür.   „Es gilt zu wählen“ weiterlesen

Eine Athos-Erinnerung

Markus 9, 38 – 41

38 Johannes sprach zu ihm: Meister, wir sahen einen, der trieb böse Geister in deinem Namen aus, und wir verboten’s ihm, weil er uns nicht nachfolgt.

             Ist Johannes mutig geworden, dass er jetzt das Wort ergreift? Weil es eben nicht so sein muss, dass es nach Rangfolge geht und immer Petrus der Sprecher des Jüngerkreises ist. Aber, Vorsicht ist geboten: „Johannes gilt zusammen mit seinem Bruder in der synoptischen Überlieferung als eifernder, leidenschaftlicher und Ansprüche stellender Mensch.“(W. Grundmann, aaO. S.263) Darauf könnte auch sein Beiname „Donnersohn“ beruhen. Gesichert ist das allerdings alles nicht – weil Autoren wie Markus sparsam und äußerst zurückhaltend mit psychologisch fundierten Profilen umgehen.

Immerhin: Er hat keine Scheu zu erklären: wir haben nicht nur untereinander mit Eifersucht zu tun. Wir grenzen uns auch deutlich ab. Einem, der im Namen Jesu böse Geister ausgetrieben hat, dem haben sie das Handwerk gelegt. Es ihm untersagt. Aber nicht mit dem Argument: Das funktioniert bei dir nicht.

Das Erfolgskriterium spielt offenkundig keine Rolle – im Gegenteil:  er trieb böse Geister in deinem Namen aus. Es hat bei diesem unbekannten Exorzisten funktioniert. Er hat den Namen Jesus wie eine mächtige Zauberformel verwendet und damit Erfolg gehabt. „Der gegebene Fall belegt eine bestimmte Einschätzung Jesu seitens der Nichtchristen. Man sah in ihm einen mächtigen Thaumaturgen.“ (J. Gnilka, aaO.   S.60)

             Eine Bezugsgeschichte bietet sich an: „Es unterstanden sich aber einige von den Juden, die als Beschwörer umherzogen, den Namen des Herrn Jesus zu nennen über denen, die böse Geister hatten, und sprachen: Ich beschwöre euch bei dem Jesus, den Paulus predigt. Es waren aber sieben Söhne eines jüdischen Hohenpriesters mit Namen Skevas, die dies taten. Aber der böse Geist antwortete und sprach zu ihnen: Jesus kenne ich wohl und von Paulus weiß ich wohl; aber wer seid ihr? Und der Mensch, in dem der böse Geist war, stürzte sich auf sie und überwältigte sie alle und richtete sie so zu, dass sie nackt und verwundet aus dem Haus flohen.“(Apostelgeschichte 19, 13 – 16) Das hat man sicher in der ersten Gemeinde gerne und mit Lächeln erzählt: Das kommt davon, wenn man sich mit fremden Federn schmückt. „Eine Athos-Erinnerung“ weiterlesen

Wo geht es nach oben?

Markus 9, 30 – 37

30 Und sie gingen von dort weg und zogen durch Galiläa; und er wollte nicht, dass es jemand wissen sollte. 31 Denn er lehrte seine Jünger und sprach zu ihnen:

             Dort – das ist wohl nach wie vor die Gegend um Cäsarea Philippi, am Fuß des Hermon. Diese Gegend verlassen sie und ziehen weiter durch Galiläa. Heimlich. Verborgen vor den Augen der Öffentlichkeit. Ein Motiv für dieses Versteckspiel? Man kann es sich  aussuchen: Die Ahnung, dass es gefährlich wird, dass Feindseligkeiten zu erwarten sind. Ausweichen von Herodes? Oder weil er „auf dem Weg nach Jerusalem nicht unnötig aufgehalten werden will“ (J. Gnilka, aaO. S.53) Es ist ja unvermeidlich: weil überall Wunder erwartet und erbeten werden, geht es nicht vorwärts auf dem Weg.

Markus deutet die Zeit der Verborgenheit als Zeit, die Jesus braucht, um seine Jünger zu lehren. Bis dahin ist meistens das Volk, die Menge, der Adressat des Lehrens Jesu. Die Jünger dagegen müssen immer wieder daheim nachfragen, damit sie verstehen. Gerade weil es nach Jerusalem geht und Jesus weiß, was ihn da erwartet, ist es umso dringlicher, dass er jetzt Zeit für seine Jünger hat.  Dass er sie lehren kann. Er, der Lehrer, διδάσκαλος, lehrt sie, δίδασκεν, weist sie ein, schließt ihnen den Weg auf, der auf ihn und sie zukommt. Das braucht nach den vorausgegangen Erfahrungen Zeit. Die Jünger sind nicht so rasch im Verstehen. „Wo geht es nach oben?“ weiterlesen

Hin nud her gerissen

Markus 9, 14 – 29

14 Und sie kamen zu den Jüngern und sahen eine große Menge um sie herum und Schriftgelehrte, die mit ihnen stritten. 15 Und sobald die Menge ihn sah, entsetzten sich alle, liefen herbei und grüßten ihn.

             Mit der Ruhe des Berges, der Bergstille, ist es endgültig vorbei. Die Verklärung verblasst geradezu im Getümmel. Die Jünger und Schriftgelehrten inmitten einer Menschenmenge und sie streiten. Worum der Streit geht, bleibt zunächst offen. Als die Menge – hier steht immer wieder χλος, was eine unspezifische Mengenangabe ist und nie den Klang „das Volk“ hat – Jesus wahrnimmt, lassen sie die Streitenden stehen und laufen auf ihn zu. Die Luther-Übersetzung lockt auf eine Fragespur, die keine ist: Warum sind sie entsetzt? Es kommt näher an den Wortsinn: „In großer Erregung“ (Einheitsübersetzung, Neue Genfer Übersetzung), „aufgeregt“ (Hoffnung für alle) – nicht unbedingt entsetzt. Eine merkwürdige, auffallende Mischung. „Bei Markus rufen Wunder und Lehre Jesu das erregte Erstaunen der Menge hervor.“ (J. Gnilka, aaO., S. 46)

 16 Und er fragte sie: Was streitet ihr mit ihnen?

             Wen fragt Jesus nach dem Streit? Die Menge, aber die sind doch nur Zuschauer? Oder fragt er seine Jünger, warum sie sich mit den Schriftgelehrten streiten – sie, die doch selbst alles sind, aber gewiss keine Schriftgelehrten.

  17 Einer aber aus der Menge antwortete: Meister, ich habe meinen Sohn hergebracht zu dir, der hat einen sprachlosen Geist. 18 Und wo er ihn erwischt, reißt er ihn; und er hat Schaum vor dem Mund und knirscht mit den Zähnen und wird starr. Und ich habe mit deinen Jüngern geredet, dass sie ihn austreiben sollen, und sie konnten’s nicht.

             Die Antwort kommt von einem aus der Menge. In der Antwort zeigt sich, dass es der Vater ist, der mit seinem Sohn gekommen ist, weil er sich Hilfe erhofft. Merkwürdig: Er sagt: ich habe ihn hergebracht zu dir. Er wollte zu Jesus und ist bei den Jüngern gelandet. Weil Jesus nicht da war, sondern mit den Dreien auf dem Berg. Jetzt aber, so hat es den Anschein, ist der Vater da, wo er sein wollte, wo er sich Hilfe erhoffte: Bei Jesus.

Es folgt, dass er ausführlich die Krankheit des Sohnes beschreibt. „Diese Schilderung der Symptome des Leidens des Kindes ist die präziseste Krankheitsbrechreibung, die wir im neuen Testament finden. Zusammen mit den Angaben in V. 20 und 22 weist sie eindeutig auf das Krankheitsbild, das wir heute „Grand-Mal-Epilepsie“ nennen. Die Krankheit wurde auch schon in der Antike in ihrer Besonderheit erkannt und auf göttliche oder dämonische Einwirkung zurückgeführt.“ (W. Klaiber, aaO. S.169) Es mindert das Leiden an dieser Krankheit nicht, dass sie im Volk auch als „heilige Krankheit“ galt. 

             Auf Hilfe aus dieser Not hat der Vater gehofft und ist bitter enttäuscht. Auf ein Ende der Qualen – die seines Jungen und seiner eigenen hat er gehofft. „Stets, wen der Vater zum unfreiwilligen Zeugen eines neuerlichen Anfalls seines Sohne wurde, muss in ihm dieselbe, sich jedesmal verstärkende Angst und Panik ausgebrochen sein: er stand einem Ereignis gegenüber, für das er weder Erklärung noch Hilfe finden konnte.“(E. Drewermann, Das Markusevangelium, Zweiter Teil, Zürich 1988. S. 25) Man kann darüber nachdenken, wie hier Krankheit des Jungen und Hilflosigkeit des Vaters sich zu einem unentwirrbaren Schicksal verwickeln. „Hin nud her gerissen“ weiterlesen

Tabor

Markus 9,2 – 13

 2 Und nach sechs Tagen nahm Jesus mit sich Petrus, Jakobus und Johannes und führte sie auf einen hohen Berg, nur sie allein.

             Eine lange Woche vergeht. Aus diesen sechs Tagen gibt es nichts zu erzählen. Diese Tage verrinnen. In diesem ereignislosen Dahingehen der Tage mag nachwirken, was zuvor alles war, in Galiläa, in der Gegend von Tyrus, im Gebiet der Zehn Städte. Sein Tun und seine Worte. Aber geprägt sind diese Tage von dem einen:  Jesus ist bei den Jüngern.

Als die Zeit vorüber ist, nimmt er dann drei von ihnen mit sich, Petrus, Jakobus und Johannes. Nur diese drei. Es wird seltsam betont: nur sie allein. Es sind, wenn man so will, „die üblichen Verdächtigen“. Sie sind bei der Erweckung der Tochter des Jairus dabei (5,37), sie wird er mitnehmen nach Gethsemane (14,33). Ohne jede Begründung auserwählt unter den Zwölfen. Weil er sie mitnimmt. Es gehört zu den Lernprozessen, die uns das Evangelium abverlangt: Es gibt nicht für alles, was geschieht, eine Begründung.     

             Sie gehen auf einen hohen Berg. „Die Tradition identifiziert ihn mit dem Tabor, der als hohe Kuppe in der Ebene Jesreel liegt.“ (W. Klaiber, aaO. S. 164) Markus liegt nichts daran, diesen Berg durch einen Namen unvergesslich zu identifizieren, ihn zur Wallfahrtsstätte zu machen: Da war es….

Es wird wohl stimmen, wenn es auch erst durch den Fortgang der Geschichte begreiflich wird: „Der hohe Berg erinnert an den Gottesberg Sinai.“ (J. Gnilka, aaO. S. 33) Für die drei Jünger aber ist es erst einmal einfach nur ein Berg. Allerdings so viel wissen sie: Jesus sucht immer wieder Berge auf, weil er in ihnen die Nähe Gottes sucht. .

 Und er wurde vor ihnen verklärt; 3 und seine Kleider wurden hell und sehr weiß, wie sie kein Bleicher auf Erden so weiß machen kann.

             Verklärt. Verwandelt. μετεμορφθη.  Metamorphose. Transfiguration – auf Englisch. An ihm wird eine Wirklichkeit sichtbar, wie sie vorher nicht zu sehen war.

            „Ein Mensch gewinnt seine wahre Gestalt, die im Grunde schon immer in ihm lebte…. Dieser eine Augenblick seiner Verwandlung enthüllt den ganzen Kern seines Wesens; zum ersten Mal zeigt sich jetzt deutlich, mit wem wir eigentlich, womöglich über Jahrzehnte hin geredet und zusammengelebt haben, ohne dass wir auch nur entfernt ihn wirklich gekannt hätten.“ (E. Drewermann, aaO. S.593) Es ist ein Versuch wie gestottert, sich durch die Analogie zu unseren „normalen Erfahrungen“ zu erklären, was da geschieht. „Tabor“ weiterlesen