Ein neuer Weg ist offen

Hesekiel  33, 10 – 20

10 Und du, Menschenkind, sage dem Hause Israel: Ihr sprecht: Unsere Sünden und Missetaten liegen auf uns, dass wir darunter vergehen; wie können wir denn leben? 11 So sprich zu ihnen: So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: Ich habe kein Gefallen am Tode des Gottlosen, sondern dass der Gottlose umkehre von seinem Wege und lebe. So kehrt nun um von euren bösen Wegen. Warum wollt ihr sterben, ihr vom Hause Israel?

             Gott lässt sich auf einen Disput ein. Mit seinen Leuten. Hesekiel wird sein Sprecher in diesem Disput. Er reagiert auf das, was sie ihm vorhalten. Unsere Sünden und Missetaten liegen auf uns, dass wir darunter vergehen; wie können wir denn leben? Das ist Eingeständnis von Schuld und gleichzeitig Klage aus tiefster Not. „Es sind Worte, in denen der ganze Zusammenbruch des Restvolkes zum Ausdruck kommt und die unzweifelhaft in die Zeit nach 587 gehören…. Aller Hochmut ist vergangen, alles Sichanklammern an mögliche Hoffnungen ist zerbrochen, aller Glaube an  eine Zukunft und ein Fortgehen des Lebens ist erloschen.“ (W. Zimmerli, Ezechiel, BKAT XIII/2, Neukirchen 1969, S. 804)Anders gesagt: Israel erkennt und anerkennt, dass der Untergang die Folge der eigenen Sünden und Missetaten ist. Das Tragische ist: mit dem Anerkennen und Aussprechen  dieser  Schuld verbinden sie die Vorstellung, „der Weg zum Leben sei versperrt.“ (K.F. Pohlmann, Der Prophet Hesekiel, Kap. 20 – 48 ATD 22,2, Göttingen 2001, S. 452) Für immer. Das Gericht sei Gottes letztes Wort.

Dieser Hoffnungslosigkeit setzte Gott sein Wort entgegen, mehr noch, seinen Schwur – So wahr ich lebe ist eine Schwurformel. Er bietet denen, die ganz am Ende sind, in der Schwurzusage eine neue Lebenschance an. Sie sehen nur das Gericht, er aber sagt ihnen, dass sein verborgener Wille eine anderer ist, hinter dem Gericht verborgen: dass der Gottlose umkehre von seinem Wege und lebe. Dieser Weg steht für ganz Israel, für jeden einzelnen Israeliten und für jede einzelne Israelitin, so muss man genauer sagen, offen. Umkehr ist möglich, weil Gott in die Umkehr ruft. Immer noch.

Die Frage Warum wollt ihr sterben, ihr vom Hause Israel? bringt es noch einmal auf den Punkt. Auf dem Weg der endlosen Klage über das Schicksal zu beharren, heißt den Weg zum Leben zu versäumen. Das aber gilt ja nicht nur für Israel im Jahr 587 oder später. Das gilt immer. Sein Leid, seinen Schmerz, seine Verfehlung für endgültig und unüberwindliche zu beklagen, lässt den Weg nach vorne verfehlen. Wer glaubt, dass seine Schuld so groß sei, dass Gottes Vergebung für sie nicht gelten könne, der überschätzt seine Schuld und unterschätzt den Willen Gottes zu neuen Anfängen. Man könnte auch sagen: der macht sich des Kleinglaubens schuldig. Keine, wirklich keine Schuld ist so groß, dass Gott nicht durch sein Vergeben den Weg zu einem neuen Anfang öffnen könnte. „Ein neuer Weg ist offen“ weiterlesen

Worauf vertrauen wir? Heute?

Hesekiel 20, 30 – 44

 30 Darum sprich zum Hause Israel: So spricht Gott der HERR: Macht ihr euch nicht unrein in der Weise eurer Väter und treibt Abgötterei mit ihren Gräuelbildern? 31 Ihr macht euch unrein mit euren Götzen bis auf den heutigen Tag dadurch, dass ihr eure Gaben opfert und eure Söhne und Töchter durchs Feuer gehen lasst. Und da sollte ich mich von euch, Haus Israel, befragen lassen? So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: Ich will mich von euch nicht befragen lassen.

             Jetzt kommt der Text zurück auf den Anfang des Kapitels. Auf den Versuch der Befragung und die Verweigerung der Antwort. Weil die gegenwärtige Generation nicht anders ist als die Vorfahren schweigt Gott. Weil sie den Götzen nachlaufen wie eh und je und – ihnen? – ihre Gaben – hebräisch: qorban –  opfern. Weil  sie, schauerlicher Höhepunkt des Götzendienstes, Söhne und Töchter durchs Feuer gehen lassen. Was wäre Gott für ein Gott, wenn er sich da noch befragen ließe. Sie hören ja doch nicht auf ihn.

 32 Dazu soll euch fehlschlagen, was euch in den Sinn kommt, wenn ihr sagt: Wir wollen sein wie die Heiden, wie die Völker in den andern Ländern, und Holz und Stein anbeten.

             Gott sieht den Ausweg, den sie wählen könnten. Sein wie die Heiden, wie die Völker in den andern Ländern Das hat ja Tradition in Israel. Als es darum geht, dass die Israeliten eine König wollen und nicht mehr angewiesen sein wollen darauf, dass sich Richter finden lassen, da sagen sie zu Samuel: „So setze nun einen König über uns, der uns richte, wie ihn alle Völker haben.“ (1. Samuel 8,6) In der Luther-Übersetzung von 1984 heißt es noch: „wie ihn alle Heiden haben“. Gốjȋm steht im Hebräischen da und das hat zweifelsfrei neben der Bedeutung Völker auch den Beiklang Heiden, „der das Nichtisraelitische, Heidnische hervorhebt.“(H.W. Hertzberg Die Samuelbücher, ATD10, Göttingen 1965, S. 55)   

             Das Wort, das zitiert wird, ist nicht Trotz. Das ist nicht stolzer Widerspruch und Widerstand gegen Gott. Sondern hier sprechen Menschen, „die in großer Verzagtheit nicht mehr glauben können, dass die Gemeinde Gottes, über die das Gericht zu Recht ergangen ist, noch eine Zukunft habe, und die sich in dieser Verzagtheit fallen lassen wollen wie jene, die den lebendigen Gott nicht kennen.“ (W. Zimmerli, Ezechiel, BKAT XIII/1, Neukirchen 1969, S. 458) Die es nur noch als eine Last empfinden, von Gott erwählt zu sein, an Gott und seine Weisungen gebunden zu sein.

Sie wollen lieber gott-los werden. Gott los werden. Sie wollen nicht mehr Gottes „Muster-Volk“ sein. Meine Lebenserfahrung lässt mich sagen: Das wird nicht funktionieren. Wer einmal von Gott berührt worden ist, der wird ihn nicht los, auch dann nicht, wenn er Gott längst gekündigt hat. Es bleibt selbst in der Negation Gottes so, dass er das Geschehen bestimmt, nicht mehr gewollt, nicht mehr akzeptiert. Und doch ist er da. Weil alles, was man sagt und tut, immer von der Abgrenzung gegen ihn bestimmt sein wird, vom Aufstand gegen ihn, von der Absage. Es ist das Dilemma derer, die Gott geschmeckt haben – sie kommen nicht mehr von ihm weg, selbst wenn sie es noch so sehr wollen, um endlich frei zu sein, nicht mehr gebunden an seine Worte, nicht mehr getragen von seiner Liebe. Ihnen, die so vor dem Versuch stehen, zu werden wie alle anderen, tritt Gott entgegen:

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Gott, schweige nicht!

Hesekiel 20, 1 – 17

1 Und es begab sich im siebenten Jahr am zehnten Tage des fünften Monats, da kamen einige von den Ältesten Israels, den HERRN zu befragen, und setzten sich vor mir nieder. 2 Da geschah des HERRN Wort zu mir:

Zwei Jahre später, vermutlich im Jahr 592,  Juli oder August. Genauer zu datieren geht kaum. Aber es ist schon bemerkenswert genau. So, als läge dem Propheten daran, dass die späteren Leser genau einordnen können: an diesem Tag. Eine Abordnung der Ältesten Israels kommt, Hinweis auch auf die große Anerkennung, die der Prophet im Exil genießt. Solche Anerkennung eines Propheten ist alles andere als selbstverständlich. Sie wollen, dass Hesekiel den HERRN befragt. Immerhin: Da ist noch ein Fragen nach den Wegweisungen Gottes. Mit ihm zusammen – sie  setzten sich vor mir nieder – warten sie auf eine Eingebung, auf ein „Wort-Ereignis“. Es kommt wirklich dazu.

3 Du Menschenkind, sage den Ältesten Israels und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Seid ihr gekommen, mich zu befragen? So wahr ich lebe: Ich lasse mich nicht von euch befragen, spricht Gott der HERR.

Der Inhalt dieses Wortes ist ernüchternd. Der HERR verweigert sich der Befragung. Salopp: mit euch rede ich nicht mehr. Eine Begründung erfolgt nicht. Darf man vermuten: Es hat also nichts mit den Ältesten zu tun. Es hat auch nicht mit Hesekiel zu tun. Der Grund der Verweigerung wird nicht genannt. Aber es ist eindeutig: Wenn Gott nicht mehr mit seinen Leuten spricht, sich von ihnen nicht mehr befragen lässt, dann bleiben sie ohne Orientierung. Dann sind sie ausgeliefert an das, was gerade geschieht.

Wir leben in einer Zeit, in der die Erwartung an Wegweisungen Gottes eher gering ist. Unsere Zeit setzt auf anderes – auf die Daten des DAX, auf die Prognosen der Meinungsforscher, auf den Geschäftszahlen-Index. Dass es lebenswichtig sein könnte für die Einzelnen, auch für das Ganze, erst recht für die Kirche, ob es ein aktuelles Wort Gottes gibt für den Weg, das scheint mir eher das Denken einiger Weniger, in den Augen der Modernen irgendwie Gestriger. Wir finden uns schon allein zurecht.  „Gott, schweige nicht!“ weiterlesen

Umkehr ist möglich. Umkehr ist nötig. Heute

Hesekiel   18, 1 – 3. 20 – 32

1 Und des HERRN Wort geschah zu mir: 2 Was habt ihr unter euch im Lande Israels für ein Sprichwort: »Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden«? 3 So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: Dies Sprichwort soll nicht mehr unter euch umgehen in Israel.

Gott hört mit. Gott nimmt wahr, was im Volk so gesprochen wird. Gott, der die Klagen seines Volkes über das Unrecht und den Schmerz hört, hört auch das Gemurmel, hört die Sprichwörter und die Anklagen. Es ist ein „geflügeltes Wort“: Kinder müssen ausbaden, was die Eltern ihnen eingebrockt haben. Das klingt wie Worte aus unserer Zeit: „Wir hinterlassen, wenn wir so weitermachen, den Enkeln eine ausgebeutete, geplünderte Welt mit tausend Problemen.“ Das hört, wer aufmerksam zuhört, heute jeder und jede, vielfach. Damit wird Nachhaltigkeit angemahnt, verändertes Verhalten hier und heute. Was ist daran falsch? Oder ist es gar nicht falsch, je nachdem, wie es gesagt wird?

„Seit der exilischen Zeit nimmt das Bewusstsein der überindividuellen und metaphysischen Dimension der Schuld auffällig zu. Die Ursache für diesen offenkundigen Lernprozess liegt auf der Hand: die Katastrophe Judas. Damals hat man in dramatischer Weise die Erfahrung des kollektiven und geschichtlichen Schuldzusammenhangs gemacht, den es auch theologisch zu bewältigen galt. Das Sprichwort von den stumpfen Zähnen ist dafür einer der ersten Belege und zugleich einer der ersten Belege für das Bewusstsein des überindividuellen Schuldzusammenhangs überhaupt.“(Chr. Levin, Die Verheißung des neuen Bundes, FRLANT 123, Göttingen 1985, S. 46) Es ist eine überaus schmerzhafte Erfahrung: Ich bin hineinverflochten in eine Schuldgeschichte, der ich mich nicht entziehen kann. Im Nachkriegsdeutschland haben wir diese Erfahrung wieder und wieder diskutiert unter dem Stickwort: Kollektivschuld. Manch einer fordert bis heute deshalb einen Schlussstrich unter die ganze Geschichte.       

             Mein Vater, Jahrgang 1917, war Soldat. Einer von denen, die den Russlandfeldzug von Anfang an mitmachten. Lange Monate in vorderster Frontlinie in Stalingrad. Ein feinfühliger, sensibler Mann, der in Feuerpausen im Schützengraben manchmal seine Piccolo-Flöte hervor holte und auf ihr spielte. Ich vermag mir nicht vorzustellen, dass er in dieser Frontlinie ganz vorne nur Warnschüsse in die Luft abgegeben hat. Er wird Blut an den Händen gehabt haben. Es ist ein glückliches Geschick, dass er mit einem Kopfdurchschuss aus dem aufgegebenen Kessel Stalingrad ausgeflogen worden ist. Kaum geheilt wurde er nach Italien abkommandiert und mit seinem Regiment wiederholt in Partisanenkämpfe verwickelt. Wieder vermag ich mir nicht vorzustellen, dass er dort nur Rotwein getrunken hat und ab und zu in die Luft geschossen hat. Er wird an der Jagd nach Partisanen und Erschießungen beteiligt gewesen sein. Was er da erlebt hat, hat ihn über jedes erträgliche Maß hinaus belastet. Er konnte die individuelle Schuld, die er  sehr wohl empfunden hat, auch wenn er sie nie artikuliert hat, nicht bewältigen. Sie hat ihn immer wieder überwältigt. Er konnte ihr nicht entgehen und sie auch nicht auf ein überindividuelles Schuldsystem abwälzen. Ich bin an dem allem, an den Handlungen, nicht beteiligt, wohl aber davon berührt und in meinem Denken beeinflusst. Was er erlitten hat – nach dem Krieg – das ist Teil meiner Biographie. „Umkehr ist möglich. Umkehr ist nötig. Heute“ weiterlesen

Bündnistreue oder neue Partnerschaft?

Hesekiel    17, 1 – 24

1 Und des HERRN Wort geschah zu mir: 2 Du Menschenkind, lege dem Hause Israel ein Rätsel vor und ein Gleichnis 3 und sprich:

             Hesekiel muss reden, immer wieder. Weil Gott es ihm aufträgt. Neben die Zeichen, die er selbst durchlebt, tritt, was er zu sagen hat. Hier: ein Rätselwort, einen Gleichnisspruch. Hebräisch: maschal.Bei Hesekiel häufen sich solche Gleichnisse.“ (G. Maier,  Der Prophet Hesekiel, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1998, S. 234) – so in 12,22; 16,44; 18,2; 21,5; 24,3. Das Gleichnis fordert heraus, weil es den Hörern das eigene Denken nicht abnimmt, sondern vielmehr von ihnen die Mühe des Verstehen Wollens einfordert. Es kommt dem nahe, dass Geschichten stärker wirken als abstrakte Definition, Bilder die Seele anders, tiefer berühren als Begriffe.

 So spricht Gott der HERR: Ein großer Adler mit großen Flügeln und langen Fittichen und vollen Schwingen, die bunt waren, kam auf den Libanon und nahm hinweg den Wipfel einer Zeder 4 und brach die Spitze ab und führte sie ins Land der Händler und setzte sie in die Stadt der Kaufleute. 5 Dann nahm er ein Gewächs des Landes und pflanzte es in gutes Land, wo viel Wasser war, und setzte es am Ufer ein. 6 Und es wuchs und wurde ein ausgebreiteter Weinstock mit niedrigem Stamm; denn seine Ranken bogen sich zu ihm und seine Wurzeln blieben unter ihm; und so wurde es ein Weinstock, der Schösslinge hervortrieb und Zweige.

             Es ist ein Bild, das die Realität sprengt: Adler kappen keine Zedernwipfel und pflanzen keine Bäume. Damit ist für die Hörer schon klar: Dieses Bild ist Symbolrede. Wovon ist die Rede? Die Hörer ahnen wohl: Im Bild des Adlers ist von Nebukadnezar die Rede. Und im Weinstock wie im Weinberg wird in den Schriften Israels oft Israel selbst bezeichnet. Die Führungsschicht Israels ist – so wissen wir – nach Babylon, ins Land der Händler und die Stadt der Kaufleute deportiert worden. Dort kommt es, durchaus überraschend, zu einer neuen Blüte, zu neuen Wachstum.  Im Wipfel, der eingepflanzt wird ist wohl von Zedekia die Rede. Zedekia ist ja nicht mitdeportiert worden. Er ist König von Nebukadnezars Gnaden, von ihm eingesetzt, eingepflanzt. Begrenzt durch die Macht des Babyloniers.  Abhängig. Deshalb nicht hoch hinaus: ein ausgebreiteter Weinstock mit niedrigem Stamm. Ein niedriges, erniedrigtes Königtum. Aber eben doch noch immer Königtum.

 7 Da kam ein anderer großer Adler mit großen Flügeln und starken Schwingen. Und siehe, der Weinstock bog seine Wurzeln zu diesem Adler hin und streckte seine Ranken ihm entgegen; der Adler sollte ihm mehr Wasser geben als das Beet, in das er gepflanzt war. 8 Und er war doch auf guten Boden an viel Wasser gepflanzt, sodass er wohl hätte Zweige bringen können, Früchte tragen und ein herrlicher Weinstock werden.

        Es kommt ein anderer Adler, der in Konkurrenz zu dem ersten tritt. Seine Anziehungskraft ist so groß, dass sich der Weinstock ihm zuneigt, von ihm Wachstum und Gedeihen erhofft. Mehr Wasser. Unüberhörbar schon hier die Kritik an diesem Verhalten. Es geht um Abfall, um Untreue, um den Versuch, unabhängig zu werden von dem ersten Adler. Offenkundig: diese beiden Adler stehen in Konkurrenz zueinander. „Bündnistreue oder neue Partnerschaft?“ weiterlesen

Geliebtes Findelkind

Hesekiel  16, 1 – 22

1 Und des HERRN Wort geschah zu mir: 2 Du Menschenkind, tu kund der Stadt Jerusalem ihre Gräuel 3 und sprich: So spricht Gott der HERR zu Jerusalem: Nach Herkunft und Geburt bist du aus dem Lande der Kanaaniter, dein Vater war ein Amoriter, deine Mutter eine Hetiterin.

             Irgendwann soll Hesekiel diese Worte sagen. Es ist nicht möglich, genauer zu datieren. Die Vermutung geht dahin, dass dieses Wort vor der großen Katastrophe des Jahres 587/586 ergeht. Jerusalem – eine Stadt mit einer verwickelten Herkunft. Aus dem Lande der Kanaaniter mit Eltern, die aus verschiedenen Völkern stammen. Amoriter und Hetiter. Die Aussage „entspricht den geschichtlichen Tatsachen. Sie charakterisiert die Ureinwohner Jerusalems als Nichtisraeliten amoritischen und hetitischen Ursprungs.“ (G. Maier,  Der Prophet Hesekiel, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1998, S. 209) Wenn man so will: Mischlingsvolk.

Es sind harte Worte für Leute, die stolz auf ihre Herkunft sind. Die sich gerne auf die Väter berufen. Die sich sicher wähnten in der Stadt Gottes, die er doch zu seinem Wohnsitz erwählt hatte. Die die Geschichte als stolze Vergangenheit pflegen. Wie anders der Prophet: „Allem  eitlen Rühmen der eigenen Erwähltheit stellt der die harte Behauptung entgegen, dass bei nüchterner Betrachtung der irdischen Ursprünge Jerusalems nichts Rühmenswertes zu finden ist: Kanaan, Amoriter, Hetiter, das ist die menschliche Erbmasse. Und was die „Lebensfähigkeit“ angeht: In der Verlorenheit des ausgesetzten Findelkindes fing es an.“ (W. Zimmerli, Ezechiel, BKAT XIII/1, Neukirchen 1969, S. 364) 

 4 Bei deiner Geburt war es so: Als du geboren wurdest, hat man deine Nabelschnur nicht abgeschnitten; auch hat man dich nicht mit Wasser gebadet, damit du sauber würdest, dich nicht mit Salz abgerieben und nicht in Windeln gewickelt. 5 Denn niemand sah mitleidig auf dich und erbarmte sich, dass er etwas von all dem an dir getan hätte, sondern du wurdest aufs Feld geworfen. So verachtet war dein Leben, als du geboren wurdest.

Von Geburt an unrein, missachtet, unsauber. Von Geburt an mitleidlos und erbarmungslos ausgeliefert. „Hätte Gott nicht eingegriffen, dann wäre das soeben geborene Jerusalem im Nichts gelandet.“ (G. Maier,  aaO. S. 210) Jerusalem wird behandelt wie ein unerwünschtes Kind, ausgesetzt, preisgegeben. Es wird zum Findelkind.   „Geliebtes Findelkind“ weiterlesen

Öffentliche Zeichen

Hesekiel 12, 1 – 16

 1 Und des HERRN Wort geschah zu mir: 2 Du Menschenkind, du wohnst in einem Haus des Widerspruchs; sie haben Augen zu sehen und sehen nicht, und Ohren zu hören und hören nicht; denn sie sind ein Haus des Widerspruchs.

             Wieder spricht Gott zu Hesekiel. Aber dass es besonders erwähnt wird, zeigt auch: Des HERRN Wort ist kein Dauerbesitz des Propheten. Er ist immer neu auf Empfangen angewiesen. Auf Hören. Zum wiederholten Mal: Menschenkind. bn ’dm. Es wird gut sein, die Wendung nicht zu überfrachten: „Diese Bezeichnung macht auch die Isolierung deutlich, in der er sich befindet. Denn er lebt unter Menschen, die nicht mehr Kinder Gottes sein wollen.“ (G. Maier,  Der Prophet Hesekiel, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1998, S. 170) Dieses Gegenüber Menschenkind – Gotteskind ist eher frommer Theologie als dem biblischen Wort geschuldet. Es ist vielmehr so, dass Hesekiel eben mitten unter solchen Menschenkindern lebt und in ihrer Mitte gerufen wird, auch er einer aus dem Haus des Widerspruchs.

Das also bleibt: Hesekiel lebt nicht in der besten aller Gesellschaften, nicht in der vollkommenen Verwirklichung des Gottesvolkes. Er lebt in einem Haus des Widerspruchs. Das wirft Fragen auf: Ist das nur eine Bezeichnung für seine Zugehörigkeit zu Israel, dessen ganzer Weg durch die Geschichte von Widerspruch und Ungehorsam geprägt ist? Oder ist das doch auf die konkrete Gruppe bezogen, in der Hesekiel jetzt zuhause ist, in der Gola? Ausschließen möchte ich, dass es sich auf die in Jerusalem Zurückgebliebenen bezieht. Denn da ist Hesekiel ja nicht.

Wenn aber die Gola-Gruppe gemeint ist, dann heißt das doch: Dort, wo die Herrlichkeit Gottes sich hat sehen lassen, dort, wo die Gegenwart Gottes aufgeleuchtet hat, dort ist es nicht wie von selbst vorbei mit dem Widerspruch, mit der Blindheit und der Taubheit. Es sind nicht die Guten, die Frommen, die Heiligen, die Gehorsamen, die in der Gola sind, sondern die ganz normalen. Es sind genau die, mit den Gott es schon immer zu tun hat. Sie haben Augen zu sehen und sehen nicht, und Ohren zu hören und hören nicht. „Öffentliche Zeichen“ weiterlesen

Gottes neuer Anfang

Hesekiel 11, 14 – 25

 

14 Da geschah des HERRN Wort zu mir: 15 Du Menschenkind, die Leute, die noch in Jerusalem wohnen, sagen von deinen Brüdern und Verwandten und dem ganzen Haus Israel: Sie sind ferne vom HERRN, aber uns ist das Land zum Eigentum gegeben. 16 Darum sage: So spricht Gott der HERR: Ja, ich habe sie fern weg unter die Heiden vertrieben und in die Länder zerstreut und bin ihnen nur ein wenig zum Heiligtum geworden in den Ländern, in die sie gekommen sind.

             Hesekiel ist im Zweistromland, tausende Kilometer weg von Jerusalem. Da geschieht ein neues Wort des HERRN an ihn. Eines, das über das Gerede in der Heimat informiert, das dort umgeht. Eines auch, das ihn zusammenschließt mit der Exilsgemeinde. Die, unter denen er jetzt lebt, sind deine Brüdern und Verwandten. Das Wort an Hesekiel hält fest, nach wie vor: Haus Israel. Wie anders dagegen denken die, die dort zurück geblieben sind, die der Deportation entgangen sind. Sie bilden sich ihr geistliches Urteil über die Exilierten. Sie sind ferne vom HERRN. Außer Reichweite. Nicht mehr unter dem Schutz und in der Gnade Gottes. In letzter Konsequenz: Nicht mehr Haus Israel.

„Nach dieser landläufigen Theorie ist man Gott nur im Israelland verbunden. Wer „ferne“ ist, wen sogar „Jahwe“ selbst in die Ferne geführt hat, der hat keinen Anspruch mehr auf eine Gemeinschaft mit Gott.“ (G. Maier, Der Prophet Hesekiel, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1998,  S. 163)Aus dem Nest gefallen, aus den Augen, aus dem Sinn. Es ist hart, aber die Sicht dieser Worte: „Die Exilierten spielen für Jahwe keine Rolle mehr.“ (K.F. Pohlmann, Der Prophet Hesekiel, Kap. 1 – 19, ATD 22,1, Göttingen 1996, S. 166 ) Man wird wohl auch nicht zu weit gehen, wenn man hinter diesem Urteil fern weg geführt vermutet: Ihre Schuld hat sie eingeholt. Sie ernten, was sie gesät haben.

Ganz anders dagegen der Blick auf sie selbst – in Jerusalem, im Land: aber uns ist das Land zum Eigentum gegeben. Was meldet sich da  zu Wort? Hochmut? Selbstgerechtigkeit? Wir sind noch einmal davon gekommen – weil: wir sind die Guten. Es ist eine enge Sicht, die sich von alters her nährt: sie greift zurück darauf, dass das Land Israel das Gott gegebene Land ist. Und das die, die das Land erhalten, das wahre Israel sind. Die ganze Landnahme-Tradition, wie sie sich im Josua-Buch findet, nährt diese Sicht. Das Land ist eines der Heilsgüter Gottes und Zeichen der bleibenden Zustimmung Gottes. Wenn man so will: Bestätigung Israels. Bis in die Tage heute ist dieses Denken in den Aktionen israelischer Siedler im Westjordan-Land virulent.

Die unbewusste Kehrseite dieses Denkens: Gott wird darauf reduziert, dass er doch nur ein Lokal-Gott ist, gebunden an das Land. Die Selbstbindung Gottes wird so zur Selbstbeschränkung. Wer Gott an irgendwelche heiligen Orte bindet, ob Tempel, Steine, Flüsse, Kraftorte, auch Zeiten, der glaubt an einen beschränkten Gott. „Gottes neuer Anfang“ weiterlesen

Du – in unserem Schmerz

Hesekiel 10, 1 – 22

 1 Und ich sah, und siehe, an der Himmelsfeste über dem Haupt der Cherubim glänzte es wie ein Saphir, und über ihnen war etwas zu sehen wie ein Thron. 2 Und er sprach zu dem Mann in dem leinenen Gewand: Geh hinein zwischen das Räderwerk unter dem Cherub und fülle deine Hände mit glühenden Kohlen, die zwischen den Cherubim sind, und streue sie über die Stadt. Und er ging hinein vor meinen Augen.

             Der Blick des Propheten wird nach oben gezogen – hoch zur Himmelfeste. Aber, so lese ich: Hesekiel ist immer noch im Tempel. Er hat die Cherubim vor Augen, die dort als Wächter des Allerheiligsten stehen, daneben auch so etwas wie einen Thron. Nur: Gott selbst sieht er nicht.

Was er sieht ist der Mann in dem leinenen Gewand. Der Mann, ein Engel, Schreiber-Engel, von dem schon zuvor das Gesicht zu zeugen wusste. Aber es war einer unter ihnen, der hatte ein leinenes Gewand an und ein Schreibzeug an seiner Seite.“(9,2) Dieser Schreiber-Engel ist mitten im Chaos ein Rettungsbote. Im Auftrag Gottes: „Geh durch die Stadt Jerusalem und zeichne mit einem Zeichen an der Stirn die Leute, die da seufzen und jammern über alle Gräuel, die darin geschehen.“(9,4) Wenn dieser Mann glühende Kohle über die Stadt streuen soll, dann ist das womöglich nicht Gerichtssignal, sondern eher ein Reinigungsversuch – ähnlich wie er Jesaja widerfährt: „Da flog einer der Serafim zu mir und hatte eine glühende Kohle in der Hand, die er mit der Zange vom Altar nahm, und rührte meinen Mund an und sprach: Siehe, hiermit sind deine Lippen berührt, dass deine Schuld von dir genommen werde und deine Sünde gesühnt sei.“(Jesaja 6, 6-7) Daher vermag ich nicht dem exegetischen Urteil zu folgen: „Das Streuen über die Stadt ist also ein Gerichtsakt: Jerusalem wird dem Gericht gewidmet.“(G. Maier, Der Prophet Hesekiel, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1998, S. 150) Mir scheint vielmehr, hier ist noch einmal ein letztes Zögern vor dem Gericht zu sehen.

             Dieser Engel-Mann – tritt zwischen das Räderwerk – heißt doch: hinein in die Herrlichkeit Gottes.

3 Die Cherubim aber standen zur Rechten am Hause des Herrn, als der Mann hineinging, und die Wolke erfüllte den inneren Vorhof. 4 Und die Herrlichkeit des HERRN erhob sich von dem Cherub zur Schwelle des Hauses, und das Haus wurde erfüllt mit der Wolke und der Vorhof mit dem Glanz der Herrlichkeit des HERRN. 5 Und man hörte die Flügel der Cherubim rauschen bis in den äußeren Vorhof wie die Stimme des allmächtigen Gottes, wenn er redet.

             Es ist der gleiche Tempel, von dem zuvor so viel Missbrauch berichtet worden ist, der dennoch von der Gegenwart Gottes – der Wolke – erfüllt wird. Es wirkt wie eine Anhäufung immer gleicher Ansagen: die Herrlichkeit des HERRN, die Wolke, der Glanz der Herrlichkeit des HERRN. Diese Häufung von Wendungen  ist ein Signal für das Überwältigende dieser Visionserfahrung. „Du – in unserem Schmerz“ weiterlesen

Geistlich verblendet

Hesekiel  8, 1 – 18 

1 Und es begab sich im sechsten Jahr am fünften Tage des sechsten Monats. Ich saß in meinem Hause, und die Ältesten von Juda saßen vor mir. Da fiel die Hand Gottes des HERRN auf mich.

             Ein Jahr später. Hesekiel liegt nicht mehr gebunden auf der Seite. Auch seine Einsamkeit ist durchbrochen. Er ist wieder ein gesuchter Mann. Die Ältesten von Juda saßen vor mir. Was wie eine schlichte Besuchsnotiz wirkt, erzählt doch weit mehr. „Die jüdischen Exulanten begannen schon bald, sich zu organisieren. Diese jüdische Selbstorganisation wurde dadurch erleichtert, dass die Exulanten teilweise eigene Siedlungen bildeten, wie z. B. Tel-Abib. Als Vertretung nach außen und wohl auch als die Spitze ihrer internen, bescheidenen Selbstverwaltung erscheinen die Ältesten. Hier werden sie genauer noch die Ältesten Judas genannt. Vielleicht war dies sogar ihr offizieller babylonischer Titel.“ (G. Maier,  Der Prophet Hesekiel, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1998, S. 134) Diese Männer also sind bei Hesekiel, doch wohl, um mit ihm zu ratschlagen, oder um ihn zu befragen, womöglich auch, um durch ihn ein „wegweisendes Jahwewort“ (K.F. Pohlmann, Der Prophet Hesekiel, Kap. 1 – 19, ATD 22,1, Göttingen 1996, S. 137) zu erhalten. Und: es ist im Hesekiel-Buch keine einmalige Situation. „Nicht weniger als viermal ist es im Buch erwähnt, dass Menschen, die auf ein (heilvolles) Gotteswort des Propheten warten, vor diesem sitzen.“ (W. Zimmerli, Ezechiel, BKAT XIII/1, Neukirchen 1969, S.209) So auch in 14,1; 20,1; 33,31.

In dieser Situation, die offen ist, vom Warten geprägt, geschieht es. Die Hand Gottes fällt auf den Propheten. Erwartet und doch nicht berechenbar. Es ist nicht ein Eindruck, den Hesekiel gewinnt, keine innere Stimme – es ist ein überwältigendes Geschehen. Ein Geschehen von außen her.

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