Dominus flevit

Lukas 19, 41 – 48

 41 Und als er nahe hinzukam, sah er die Stadt und weinte über sie 42 und sprach: Wenn doch auch du erkenntest zu dieser Zeit, was zum Frieden dient! Aber nun ist’s vor deinen Augen verborgen. 43 Denn es wird eine Zeit über dich kommen, da werden deine Feinde um dich einen Wall aufwerfen, dich belagern und von allen Seiten bedrängen 44 und werden dich dem Erdboden gleichmachen samt deinen Kindern in dir und keinen Stein auf dem andern lassen in dir, weil du die Zeit nicht erkannt hast, in der du heimgesucht worden bist.

„Dominus flevit“ – auf halber Höhe des Ölbergs steht die Kirche, die von dieser Stelle ihren Namen hat. Es ist der Schmerz dessen, der mehr sieht als den Glanz einer wunderschönen Stadt. Er sieht das kommende Unheil. Er sieht den kommenden Untergang. Der die Herzen kennt, der die Gedanken liest, der sieht auch, was sich da über Jerusalem zusammen braut.

 Jesus ist nicht der erste Prophet, der Unheil über Jerusalem kommen sieht. Und so wenig die Leute in Jerusalem, vor allem die Mächtigen, es von Jesaja und Jeremia, bei Amos und all den anderen hören wollten, so wenig wollen sie es zur Zeit Jesu hören. Es sind Worte zur Unzeit und sie treffen auf taube Ohren. Es ist ein Ruf zur Umkehr, der kein Gehör findet. Wer sich leiten lassen will von der eigenen Größe, der sieht nicht, was da an Rissen um Mauerwerk ist. Aber es ist kein Vorwurf in dem, was Jesus sagt. Es ist keine Schuldzuweisung, keine Anklage. Blindheit kann man niemand zum Vorwurf machen. Nur: Der Schmerz wird dadurch nicht geringer.

 „Der Herr weint“ weil er die eigene Ohnmacht spürt. Er hat ja keine Gewaltmittel und will keine Gewaltmittel, um in Jerusalem ein Umdenken herbei zu führen.Was er hat, ist sein Wort, ist seine Liebe, ist die Botschaft vom kommenden Reich. Damit sucht er in Jerusalem Glauben. Damit will er Jerusalem „heim suchen“, auf den Heimweg zu Gott bringen. „Dominus flevit“ weiterlesen

Lobe den Herrn – sonst schreien die Steine

Lukas 19, 28 – 40

 28 Und als er das gesagt hatte, ging er voran und zog hinauf nach Jerusalem.

 Nur ein Übergangsvers? Oder jetzt doch die endgültige Eröffnung der letzten Wegetappe? Jesus geht voran, seine Jünger folgen, obwohl das nicht ausdrücklich gesagt wird. Es geht hinauf über die Berge nach Jerusalem. Es gilt, den letzten Berg des Weges zu überwinden.

 29 Und es begab sich, als er nahe von Betfage und Betanien an den Berg kam, der Ölberg heißt, da sandte er zwei Jünger 30 und sprach: Geht hin in das Dorf, das vor uns liegt. Und wenn ihr hineinkommt, werdet ihr ein Füllen angebunden finden, auf dem noch nie ein Mensch gesessen hat; bindet es los und bringt’s her! 31 Und wenn euch jemand fragt: Warum bindet ihr es los?, dann sagt: Der Herr bedarf seiner.

 Vom Ölberg her wird er sich der Stadt nähern. Darum geht es jetzt an die Dörfer heran, die am Ölberg liegen – Betfage und Betanien. Wie schon so oft, sendet Jesus seine Jünger – diesmal nicht mit dem Auftrag, die Botschaft auszubreiten, sondern den Weg zu bereiten. Es ist sein geheimnisvollen Vorwissen, das ihnen den Weg zeigt. Das ist bei Lukas ein durchgehender Zug: Jesus kennt die Gedanken, kennt die Herzen und er kennt auch die Zukunft. Zumindest so, dass er mit ihr umgehen kann. Hier: Er weiß um das Reittier, den noch nie gerittenen Esel.

 Er weiß es, weil der seinen Propheten kennt: „Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin.“ (Sacharja 9,9) Und es mag sein, im Hintergrund spielt der Segen Jakobs für Juda eine Rolle: „Er wird seinen Esel an den Weinstock binden und seiner Eselin Füllen an die edle Rebe.“ (1.Mose 49,11)

 Dieses Vorwissen verbindet sich mit einer lapidaren Begründung: Der Herr bedarf seiner. Das muss denen reichen, die nachfragen. Der Herr – das ist hier genau so hoheitlich zu verstehen, wie es in unseren Ohren klingt. Es ist aus dem Mund Jesu eine ziemlich seltene Selbstbezeichnung. Er redet von sich sonst so nicht. Aber hier, wohl, weil es nötig ist, weil er so in der Erfüllung der Prophetie in die Stadt kommen will. .

 32 Und die er gesandt hatte, gingen hin und fanden’s, wie er ihnen gesagt hatte. 33 Als sie aber das Füllen losbanden, sprachen seine Herren zu ihnen: Warum bindet ihr das Füllen los? 34 Sie aber sprachen: Der Herr bedarf seiner.

Die Jünger gehorchen und es kommt alles so, wie es Jesus gesagt hat. Die ganze Szene entwickelt sich wie nach dem Drehbuch. So sollen wir es wohl auch lesen. Was jetzt geschieht, läuft nach einem vorgegeben Plan ab – der Autor dieses Planes ist Gott im Himmel. Es ist sein Wille, der hier geschieht – und das gilt nicht nur für das bereitgestellte Reittier, sondern für den Weg, der mit diesem Tag beginnt. Und weil das so ist, können die Fragen der Menschen den Ablauf auch nicht mehr aufhalten, sondern sie erhalten nur noch die Auskunft, die alles ins rechte Licht rückt: Der Herr bedarf seiner. Auch der Esel muss dem Willen Gottes dienen. „Lobe den Herrn – sonst schreien die Steine“ weiterlesen

Vergrabener Glauben

Lukas 19, 11 – 27

 11 Als sie nun zuhörten, sagte er ein weiteres Gleichnis; denn er war nahe bei Jerusalem und sie meinten, das Reich Gottes werde sogleich offenbar werden.

 Das klingt nach Gesprächen auf dem Weg. Jericho bleibt im Tal zurück. Jerusalem wird in den Blick genommen. Und mit jedem Schritt auf dem Weg steigt die Spannung und die Aufmerksamkeit. Deshalb hören „sie“ nun zu. Sie rechnen damit, dass jetzt entscheidendes passieren wird: Das Reich Gottes werde sogleich offenbar werden. Wer sind die „sie“? Die Jünger? Die Zwölf? Die Mitwandernden? Oder sind es die Christen, die zur Zeit des Lukas immer noch darauf warten: Jetzt!

 Mir scheint, dass die Geschichte, die Jesus im Folgenden erzählt, auch einen Antwort auf diese Erwartung ist, auf das sogleich. Und zwar eine Antwort, die die Erwartung korrigiert. Eine Antwort, die die Erwartungsvollen befremden muss, so wie mich diese ganze Geschichte befremdet. Ich habe nachgeschaut. Es gibt kaum eine Passage im Lukas-Evangelium, die in meiner Bibel so ohne Kommentar ist wie diese Geschichte. Am Rand von V. 27 habe ich notiert: hart? – sonst nichts. Und es ist wahr: diese Parabel Jesu macht mich ratlos.

12 Und er sprach: Ein Fürst zog in ein fernes Land, um ein Königtum zu erlangen und dann zurückzukommen. 13 Der ließ zehn seiner Knechte rufen und gab ihnen zehn Pfund und sprach zu ihnen: Handelt damit, bis ich wiederkomme! 14 Seine Bürger aber waren ihm Feind und schickten eine Gesandtschaft hinter ihm her und ließen sagen: Wir wollen nicht, dass dieser über uns herrsche.

 Es ist eine Situation, wie sie die Zeitgenossen Jesu kennen. Die kleinen Fürsten müssen nach Rom, um sich ihr Fürstentum bestätigen zu lassen. So auch die jüdischen Könige und Herrscher. Und die Zeiten ihrer Abwesenheit sind sensible Zeiten. Man muss sich auf seine Gefolgsleute verlassen können, um gegen böse Überraschungen gesichert zu sein. Mancher ist als König weggegangen und als er zurück kam, war sein Thron nicht mehr. Und auch das war Erfahrung, dass es Teile der Bürgerschaften gab, die diese Bestätigungen zu unterlaufen suchten durch parallele Gesandtschaften nach Rom.

 Aber man kann diese Sätze auch lesen als eine Deutung des Weges Jesu: er geht weg, in die Himmel, um die Herrschaft zur Rechten Gottes anzutreten. In der Zwischenzeit sollen seine Jünger handeln. Sie sollen handeln in einer Welt, die seine Herrschaft nicht will. Das ist ja die Erfahrung der Christenheit. Ihre Botschaft vom in den Himmel aufgenommen Jesus Christus ist nicht überall erwünscht. Es gibt die Stimmen, die seine Herrschaft nicht wollen. Er aber hat seinen Jüngern seine Botschaft anvertraut, damit sie sie ausrichten. „Vergrabener Glauben“ weiterlesen

Komm herunter!

Lukas 19, 1 – 10

 Und er ging nach Jericho hinein und zog hindurch.

 Der Weg Jesu geht durch das Jordantal und wird sich dann über die Berge hinauf nach Jerusalem wenden. Jetzt geht es durch die uralte Stadt Jericho. Eine Durchgangsstation, mehr nicht. Man kann den Eindruck haben: Er ist fast schon durch die Stadt durch.

 2 Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich. 3 Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt. 4 Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen.

 Aus allen Einwohnern Jerichos wird einer herausgegriffen: Zachäus. Klein, reich, erfolgreich, unbeliebt. Ein Zöllner und als solcher verhasst, weil er mit den Römern zusammen arbeitet und weil er den Menschen das Geld aus der Tasche nimmt. Zöllner – das ist ein anderer Ausdruck für Sünder, für raffgierig, für übergriffig. Einer, der sich alles leisten kann, aber keine Freunde hat, weil man sich keine Freunde kaufen kann. Einer, der in Jericho wohnt, aber irgendwie nicht dazu gehört.

 Von ihm heißt es: Er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre. Das ist mehr als ein „es wäre nett.“ ζήτειν ist „suchen“, „sich bemühen“, „wollen“, und eben „begehren“. Es ist Leidenschaft und nicht Gleichgültigkeit. Es ist Hingabe. Zachäus liegt viel daran, Jesus zu sehen. Dabei geht es wohl um mehr als um die Frage: Wie sieht der aus? Es geht um die Frage: Wer ist der? Τίς εστιν Das ist nach der Meinung des Evangelisten die zentrale Frage – und sie wird ja wieder und wieder im Evangelium gestellt. Um diese Frage beantwortet zu bekommen, macht sich Zachäus auf den Weg, läuft durch die Stadt, steigt auf einen Baum. Er lässt sich seine Sehnsucht nach einer Antwort Mühe kosten.

 5 Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren. 6 Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden.

 Das Begehren des Zächäus ist das eine, das Sehen Jesu das andere. Die Leidenschaft des Zachäus wäre ins Leere gelaufen, wenn Jesus nicht stehen geblieben wäre, nicht von all denen am Straßenrand, von der Menge weg geschaut hätte, hin zu ihm, dem Mann im Baum. Das ist sein Glück, dass Jesus aufschaut und ihn sieht. Darum kann er herunter kommen vom hohen Baum und ihn aufnehmen. Er kann seine Suchhöhe verlassen, weil er gesehen, gefunden worden ist. „Komm herunter!“ weiterlesen

Einer schreit

Lukas 18, 35 – 43

 35 Es begab sich aber, als er in die Nähe von Jericho kam, dass ein Blinder am Wege saß und bettelte.

Da sitzt einer am Weg. Ein Blinder. Keinen Weg mehr vor Augen. Nur die anderen haben Wege, er nicht. Er sitzt fest, tagaus, tagein. Mit seinem Leben geht es nicht mehr vorwärts, ist es wohl nie wirklich vorwärts gegangen. Festgelegt, festgefahren. Erblindet. Das einzige, was er hat, ist eine kümmerliche Existenz als Bettler.

36 Als er aber die Menge hörte, die vorbeiging, forschte er, was das wäre. 37 Da berichteten sie ihm, Jesus von Nazareth gehe vorbei. 38 Und er rief: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! 39 Die aber vornean gingen, fuhren ihn an, er solle schweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner!

 Und doch ist dieser Blinde nicht so abgestumpft, so fertig mit dem Leben, dass er wohl meistens gar nichts mehr wahrnimmt. Er ist nur noch ausgestreckte Hand nach einer milden Gabe. Aber irgendwie bekommt er mit, dass etwas im Gang ist und will nicht, dass es einfach so an ihm vorbei geht. Auf sein Nachfragen hört er, dass es Jesus ist, der da unterwegs ist, auf dem Weg, an ihm vorbei.

 Diese Nachricht lässt ihn rufen, schreien. Warum? Was mag er gehört haben an Geschichten, Gerüchten, die in seinen Ohren vielleicht wie Märchen geklungen haben: Er bringt Menschen neu auf den Weg. Er hilft Menschen aus verfahrenen, ausweglosen Lebenssituationen heraus. Er schenkt Menschen neue Hoffnung. Er hat Menschen geheilt, auf die Beine gestellt. Er hat Augen und Zeit für die, die immer übersehen werden. „Einer schreit“ weiterlesen

Hinauf nach Jerusalem

Lukas 18, 31 – 34

 31 Er nahm aber zu sich die Zwölf und sprach zu ihnen: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn.

 „Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, damit alles vollendet werde.“ Als Jesus das sagte, waren die Jünger da wie elektrisiert? Jetzt ist es soweit. Jetzt wird er in Jerusalem enthüllen, wer er ist. Jetzt nimmt er das Zepter in die Hand. Jetzt macht er den letzten Schritt   mit dem er zeigt, dass er der lang erwartete Messias ist. Jerusalem   da muss es offenbar werden, was in Galiläa immer wieder einmal aufgeblitzt ist. Jetzt tut er den letzten Schritt. Geht es ihnen das alles durch den Kopf?

 Die uralten Worte der Propheten erfüllen sich – das klingt doch gut. Das macht doch Hoffnung. Der HERR hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes.“ (Jesaja 52, 10) Jetzt ist es so weit.

 Was der alten Väter Schar
Höchster Wunsch und Sehnen war,
Und was sie geprophezeit,
Ist erfüllt nach Herrlichkeit.                                           Heinrich Held 1658

 Oder weniger heilig: Jetzt geht’s los!  „Hinauf nach Jerusalem“ weiterlesen

Eskalation

Lukas 11, 37 – 54

 37 Als er noch redete, bat ihn ein Pharisäer, mit ihm zu essen. Und er ging hinein und setzte sich zu Tisch. 38 Als das der Pharisäer sah, wunderte er sich, dass er sich nicht vor dem Essen gewaschen hatte.

 In diesen Sätzen ist noch nichts zu spüren von der folgenden Eskalation der Ereignisse. Da bittet ein Pharisäer Jesus freundlich zu sich nach Hause, an den Tisch, zum Tischgespräch. Er sucht das Gespräch mit dem „prominenten“ Gast. Die Worte, die Lukas gebraucht, signalisieren: er freut sich darauf. Die Auseinandersetzungen der vorigen Abschnitte scheinen vergessen – es könnte schön werden. Nur eine kleine Irritation verzeichnet Lukas bei dem Pharisäer, weil Jesus seine Reinlichkeitsgewohnheiten schlicht ignoriert.

 39 Der Herr aber sprach zu ihm: Ihr Pharisäer, ihr haltet die Becher und Schüsseln außen rein; aber euer Inneres ist voll Raubgier und Bosheit.40 Ihr Narren, hat nicht der, der das Äußere geschaffen hat, auch das Innere geschaffen? 41 Gebt doch, was drinnen ist, als Almosen, siehe, dann ist euch alles rein. 42 Aber weh euch Pharisäern! Denn ihr gebt den Zehnten von Minze und Raute und allerlei Gemüse, aber am Recht und an der Liebe Gottes geht ihr vorbei. Doch dies sollte man tun und jenes nicht lassen. 43 Weh euch Pharisäern! Denn ihr sitzt gern obenan in den Synagogen und wollt gegrüßt sein auf dem Markt. 44 Weh euch! Denn ihr seid wie die verdeckten Gräber, über die die Leute laufen und wissen es nicht.

 Jesus kann Gedanken lesen – das hat Lukas seine Leser hinlänglich gelehrt. So auch hier: Er weiß, was sich im Kopf seines Gastgebers abspielt. Aber weit entfernt davon, damit freundlich und ein wenig ironisch umzugehen, startet Jesus einen Frontalangriff. Sein Gastgeber wird in Sippenhaftung für die ganze Bewegung der Pharisäer genommen. Ihr seid Spezialisten in Sachen Reinheit – und seid dabei doch merkwürdig blind. Ihr seid auf Äußerlichkeiten getrimmt, aber die innere Unreinheit ist euch gleichgültig. Ihr pflegt Fassaden, aber wie es dahinter aussieht, ist für euch kein Thema. Ihr seid Formalisten, und über dem Dringen auf die Einhaltung der Formalia vergesst ihr, worauf es wirklich ankommt: auf Liebe und Gerechtigkeit.

 Ich stelle mir das einen Augenblick vor. Da sagt einer heute, in eine Veranstaltungen hinein, die sich um die Ordnung der Kirche müht: „Am Recht und an der Liebe Gottes geht ihr vorbei.“ Ich muss nicht Prophet sein, um mir die tumultartigen Reaktionen vorzustellen. Da werden auch besonnene Geister nicht ruhig sein können. Der Widerspruch gegen solche Worte ist vorprogrammiert. Denn sie kränken, weil sie das eigene Bemühen um Gott schlicht für verfehlt erklären. Was ihr tut, entspricht nicht dem, was Gott will. Wer Menschen gegen sich aufbringen will, der muss sie so angreifen.

 45 Da antwortete einer von den Schriftgelehrten und sprach zu ihm: Meister, mit diesen Worten schmähst du uns auch. 46 Er aber sprach: Weh auch euch Schriftgelehrten! Denn ihr beladet die Menschen mit unerträglichen Lasten und ihr selbst rührt sie nicht mit einem Finger an. 47 Weh euch! Denn ihr baut den Propheten Grabmäler; eure Väter aber haben sie getötet. 48 So bezeugt ihr und billigt die Taten eurer Väter; denn sie haben sie getötet, und ihr baut ihnen Grabmäler!

 Jesus ist nicht der einzige Gast und das Befremden auch der anderen Gäste über ihn ist offenkundig. Darum interveniert jetzt ein Schriftgelehrter – ehrfurchtsvoll aber doch deutlich: Meister, mit diesen Worten schmähst du uns auch. Er nennt Jesus Meister, erkennt ihn also an als einen, der weiß, was er sagt, der ein Lehrer in Israel ist. Aber er signalisiert auch persönliche Betroffenheit. Es geht um mehr als um eine Debatte. Was Jesus sagt, schmäht Menschen, setzt sie herunter, entwertet die Frömmigkeit einer ganzen Gruppe. Und man möchte ihm zurufen: So redet man nicht über das, was anderen wichtig ist! „Eskalation“ weiterlesen

Das eine Zeichen

Lukas 11, 29 – 36

 29 Die Menge aber drängte herzu. Da fing er an und sagte: Dies Geschlecht ist ein böses Geschlecht; es fordert ein Zeichen, aber es wird ihm kein Zeichen gegeben werden als nur das Zeichen des Jona. 30 Denn wie Jona ein Zeichen war für die Leute von Ninive, so wird es auch der Menschensohn sein für dieses Geschlecht. 31 Die Königin vom Süden wird auftreten beim Jüngsten Gericht mit den Leuten dieses Geschlechts und wird sie verdammen; denn sie kam vom Ende der Welt, zu hören die Weisheit Salomos. Und siehe, hier ist mehr als Salomo. 32 Die Leute von Ninive werden auftreten beim Jüngsten Gericht mit diesem Geschlecht und werden’s verdammen; denn sie taten Buße nach der Predigt des Jona. Und siehe, hier ist mehr als Jona.

 Die Menge drängt sich um Jesus, von dem sie gerade gehört hat, wie eine Seligpreisung über ihm gesprochen wird. Will sie Anteil daran, an ihm haben? Ahnt sie doch, dass er mehr ist als nur ein Wundertäter? Ist dieses zu ihm hin Drängen nicht ein Zeichen dafür, dass sie nicht wie die Wortführer von eben denken, dass sie ihn von Gott gesegnet sehen?

 Und dann dies: Dies Geschlecht ist ein böses Geschlecht. Das ist der nasse Lappen ins Gesicht der Leute um ihn herum. Das ist Angriff, Attacke. Woher kommt das? Jesus ist jedenfalls kein Gefälligkeitsredner. Es ist manchmal vielmehr so, als sei er auf Konfrontation aus. Jesus knüpft mit seinen Worten ja an das an, was unmittelbar vorher verhandelt wurde: Die Forderung an ihn, sich durch Zeichen zu legitimieren. Andere aber versuchten ihn und forderten von ihm ein Zeichen vom Himmel.(11,16) Jesus aber hört darin die Stimme des Versuchers und darum reagiert er so hart: Wer von ihm Zeichen fordert, ruft ihn heraus aus dem Weg des unbedingten Gehorsams, will von ihm die Selbstinszenierung und nicht den Gehorsam des Sohnes.

 Ein einziges Zeichen wird die Zeit empfangen – aber nicht aus seinen Händen. Es ist das Zeichen, das Gott selbst aufrichten wird – das Zeichen des Jona. Und jetzt verkürzt Lukas gegenüber Matthäus so sehr, dass eigentlich nur ein Rätselwort übrig bleibt. Bei Matthäus wird das Jona-Zeichen erläutert: „Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde sein.“ (Matthäus 12, 40) Weil dieser Zusatz hier bei Lukas fehlt, verhüllt dieses Wort Jesu mehr als es erklärt.

 Zum wiederholten Mal nimmt Jesus so das Wort, dass er seine jüdischen Hörer geradezu gnadenlos provoziert. Die heidnische Königin von Saba, das üble Volk der Niniviten – sie werden gegen Israel als Zeugen des Glaubens auftreten, denn sie haben auf Salomo und Jona gehört, während Israel sich der größeren Weisheit und der endgültigen Erfüllung der Prophetie verschließt. Es ist wie in Nazareth (Lukas 4, 24 – 30) – da hält Jesus seinen Hörern die Witwe von Sarepta vor und Naeman aus Syrien. Es ist wie in Kapernaum, wo er den Glauben des römischen Hauptmanns als größer als allen Glaubens Israels bezeichnet. Es ist wie in seiner Erzählung, in der er den barmherzigen Samaritaner dem unbarmherzigen Priester und Leviten gegenüber stellt. Immer wieder die gleiche Figur: Bei den Heiden ist ein Glaube zu finden, den er in Israel vergeblich sucht.

 Wie viel enttäuschtes Suchen, wie viel entäuschtes, ins Leere gelaufenes Rufen, wie viel enttäuschte Liebe meldet sich in diesen scharfen Worten Jesu zu Wort! Und wie viel enttäuschte Suche nach dem Glauben der jüdischen Schwestern und Brüder hat wohl die Gemeinde des Lukas in diesen Worten mit gehört und mit empfunden. „Das eine Zeichen“ weiterlesen

Gottes Finger

Lukas 11, 14 – 28

 14 Und er trieb einen bösen Geist aus, der war stumm. Und es geschah, als der Geist ausfuhr, da redete der Stumme. Und die Menge verwunderte sich.

 Es ist von einer geradezu lapidaren Kürze, wie Lukas hier erzählt. Fast so, als hätte er sich schon an Wunder gewöhnt. Ein Stummer kann wieder reden. Was ihm den Mund verschlossen hatte, hat keine Macht mehr über ihn. Er findet Worte. Und die es miterleben, staunen und geraten ins Wundern, ins Fragen.

 15 Einige aber unter ihnen sprachen: Er treibt die bösen Geister aus durch Beelzebul, ihren Obersten. 16 Andere aber versuchten ihn und forderten von ihm ein Zeichen vom Himmel.

 Einige aber müssen nichts mehr fragen. Sie wissen. Sie haben ihre Deutung für das, was sie sehen: Es ist die Macht des Bösen, des Widergöttlichen, der Bestreitung des Gottes Israels, die in Jesus, durch Jesus am Werk ist. Das ist ein frontaler Angriff auf Jesus: du verdankst deine Macht nicht der Güte Gottes, sondern du paktierst mit dem Teufel.

 Es ist merkwürdig: Der Güte Gottes, sich eines Menschen zu solchen Werken zu bedienen, trauen sie offensichtlich nicht wirklich viel zu. Das „Zutrauen“ zur Macht des Bösen scheint ausgeprägter zu sein. Und das Rechnen damit, dass der Böse sich verstellt, sich als vermeintlicher Wohltäter tarnt. Aber es ist wohl so: Wo das Vertrauen auf Gottes Güte klein wird, wird die Angst vor dem Bösen und seiner Macht groß und man sieht ihn überall am Werk.

 Eine andere Gruppe, die nicht ganz so weit zu gehe scheint, fordert ein Legitimationszeichen vom Himmel her. Es ist nicht zu weit her geholt, hier an die Versuchung zu denken: Und er führte ihn nach Jerusalem und stellte ihn auf die Zinne des Tempels und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich von hier hinunter; denn es steht geschrieben (Psalm 91,11-12): »Er wird seinen Engeln deinetwegen befehlen, dass sie dich bewahren. Und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.« (4, 9 – 11) Beide Male geht es um seine Macht – Und Jesus wird gefordert, sich zu erklären oder sich zu demonstrieren. „Gottes Finger“ weiterlesen

Nachbar Gott

Lukas 11, 5 – 13

 5 Und er sprach zu ihnen: Wenn jemand unter euch einen Freund hat und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote; 6 denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann, 7 und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben. 8 Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, dann wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, soviel er bedarf.

 Gute Geschichten können häufig etwas viel besser deutlich machen als noch so viele Erklärungen. Jesus lebt in einer Umwelt der Geschichtenerzähler und er ist auch selbst einer. Er lehrt seine Jünger, in dem er erzählt. Da steckt ja auch Zutrauen mit drin: Sie werden verstehen. Sie werden hören. Sie sind nicht unempfänglich für die Botschaft einer Geschichte.

 Weil er sie zum Beten ermutigen will, erzählt er – von der Freundschaft. Er zielt darauf ab, dass sie sagen werden: Ja, so ist es. Einem Freund kannst du ungelegen kommen. Einem Freund kannst du Ärger machen. Einem Freund kannst du auf die Nerven gehen. Und doch wird er am Ende des Tages zu dir stehen. So sind gute Freunde. Er sucht mit seiner Geschichte ihr Einverständnis.

 Die Situation ist so klar: Wenn ich selbst nichts mehr im Haus habe, es kommt Besuch und alle Läden sind dicht – wo gehe ich hin – zum Freund, zum freundlichen Nachbarn. Und er wird helfen – murrend vielleicht, knurrend, gestört – aber er wird helfen.

 So ist Gott. So dürft ihr über Gott denken – wie von einem guten Freund, der euch nicht im Stich lässt. Wie von einem guten Freund, bei dem ihr zur Zeit und zur Unzeit auf der Matte stehe dürft. „Gott redete mit Mose wie mit einem Freund“ – das wissen wir gerade noch und finden es eine Beweis der Freundlichkeit Gottes, dass er sich so herablässt. Jesus aber kehrt den Gedanken um: Rechnet mit Gott wie mit einem guten Freund! Zieht ihn hinein in eure Nöte. In eure Probleme. Sagt ihm, was ihr braucht. Er wird helfen. Gott, der euer Freund ist, wird euch nicht im Stich lassen. „Nachbar Gott“ weiterlesen