Wort, das wirkt

Apostelgeschichte 2, 37 – 41

 37 Als sie aber das hörten, ging’s ihnen durchs Herz und sie sprachen zu Petrus und den andern Aposteln: Ihr Männer, liebe Brüder, was sollen wir tun? 

Das, was sie hörten, war: Gott hat Jesus zum Herrn und Christus gemacht. Das ist die Botschaft, die Herzen durchdringen soll und kann. Wie es dazu kommt, dass es ihnen durchs Herz ging, wird nicht erklärt. Am Erklären, am Zusammenhang von Ursache und Wirkung, der uns so beschäftigt, hat Lukas oft nicht allzu viel Interesse. Ich sage: Es ist die Wirkung des Geistes, der sie ja auch zuvor hat hören lassen, wie die Jünger von den großen Taten Gottes reden. 

Das legt nahe zu sagen: Es gibt nur ein Hören, das das Herz berührt, wenn Gott seinen Geist gibt. Darum ist es angemessen, zu tun, was wir in unseren Gottesdienst tun, um geöffnete Ohren zu bitten, um das Wirken des Geistes zu bitten: „Gib uns ein Wort für unser Herz und öffne unser Herz für Dein Wort.“

Eine biographische Erinnerung. In meiner Bibel steht am Rand zu dieser Stelle ein Datum: Pfingsten 1967. Da hat Gott mir zu Herzen gesprochen, durch einen Menschen und seine Predigt. An diesem Tag liegt der Anfang meiner Umkehr. Abgeschlossen ist sie bis heute nicht. „Wort, das wirkt“ weiterlesen

Wir sind Zeugen

Apostelgeschichte 2, 29 – 36

 29 Ihr Männer, liebe Brüder, lasst mich freimütig zu euch reden von dem Erzvater David. Er ist gestorben und begraben, und sein Grab ist bei uns bis auf diesen Tag. 30 Da er nun ein Prophet war und wusste, dass ihm Gott verheißen hatte mit einem Eid, dass ein Nachkomme von ihm auf seinem Thron sitzen sollte, 31 hat er’s vorausgesehen und von der Auferstehung des Christus gesagt: Er ist nicht dem Tod überlassen, und sein Leib hat die Verwesung nicht gesehen.

 Was Petrus sagt, ist vielleicht nebenbei auch ein Beitrag zur Debatte um die Auslegung des Psalm 16. Petrus weiß: David redet nicht von sich selbst, wenn er die Hoffnung der Auferstehung formuliert. David redet prophetisch. Darüber sind sich Juden ja einig, wenigstens damals: David ist ein Prophet. Und seine Psalmen wollen als Prophetie gelesen werden, so wie es Petrus hier tut. Was David noch unbestimmt sagen musste, dass ist für Petrus bestimmtes Wort, gebunden an einen Menschen. Alles, was David gesagt hat, erschließt sich wunderbar, wenn es auf Christus bezogen wird. Er ist die „Auslegung“ des Psalms.

 32 Diesen Jesus hat Gott auferweckt; dessen sind wir alle Zeugen. 33 Da er nun durch die rechte Hand Gottes erhöht ist und empfangen hat den verheißenen Heiligen Geist vom Vater, hat er diesen ausgegossen, wie ihr hier seht und hört.

 Jetzt kommt so etwas wie das urchristliche Credo: Diesen Jesus hat Gott auferweckt; dessen sind wir alle Zeugen.Das ist der zentrale Inhalt der Predigt des Petrus: Jesus ist nicht im Grab geblieben. Der vor ein paar Wochen als Verbrecher ans Kreuz geschlagen worden ist, der in ein Grab gelegt worden ist, bewacht von Totenwächtern, der ist nicht im Grab geblieben. Gott hat ihn auferweckt. Und die Jünger – und ich sehe regelrecht, wie Petrus jetzt auf die zeigt, die um ihn stehen – wir sind dafür Zeugen. „Wir sind Zeugen“ weiterlesen

Der Fürst des Lebens

Apostelgeschichte 2, 22 – 28

22 Ihr Männer von Israel, hört diese Worte: Jesus von Nazareth, von Gott unter euch ausgewiesen durch Taten und Wunder und Zeichen, die Gott durch ihn in eurer Mitte getan hat, wie ihr selbst wisst – 23 diesen Mann, der durch Gottes Ratschluss und Vorsehung dahingegeben war, habt ihr durch die Hand der Heiden ans Kreuz geschlagen und umgebracht. 24 Den hat Gott auferweckt und hat aufgelöst die Schmerzen des Todes, wie es denn unmöglich war, dass er vom Tode festgehalten werden konnte.

So knapp fasst Petrus die Geschichte Jesu zusammen. So bringt er sie auf den Punkt. Jesus war Gottes Mann unter euch. Er hat es gezeigt in Taten und Wunder und Zeichen, die Gott durch ihn in eurer Mitte getan hat. Jesus hat aus der Kraft Gottes gelebt. Das ist sichtbar gewesen. Gott hat ihn unter euch ausgewiesen. Wenn Petrus das sagt, schließt das ja die Feststellung – oder ist es doch ein Vorwurf? – ein: Ihr habt nicht gesehen, was und wer Jesus in Wirklichkeit war. Ihr seid das Volk, von dem Jesus sagt: „Mit sehenden Augen sehen sie nicht und mit hörenden Ohren hören sie nicht; und sie verstehen es nicht.“ (Matthäus 13,13) Das ist die menschliche Seite: Ihr seid beteiligt an seinem Tod.

 Zu dieser menschlichen Seite gehört auch die Klarstellung: Ihr ward es nicht, die ihn zu Tode gebracht haben. Der Tod am Kreuz ist das Werk der Heiden. Aber ihr Juden ward beteiligt. Ihr habt ihn durch die Hand der Heiden ans Kreuz geschlagen und umgebracht. Es ist also kein Freispruch: Ihr habt nichts damit zu tun. Aber es ist auch nicht: Ihr seid die Gottesmörder. „Der Fürst des Lebens“ weiterlesen

Heil – jetzt

 Apostelgeschichte 2, 14 – 21

14 Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen:

Was im Verborgenen geschehen ist, kann nicht im Verborgenen bleiben. Es drängt ans Licht. So hat es Jesus seinen Jüngern gesagt. „Es ist aber nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. Darum, was ihr in der Finsternis sagt, das wird man im Licht hören; und was ihr ins Ohr flüstert in der Kammer, das wird man auf den Dächern predigen.“(Lukas 12, 2-3) Wenn man so will: Petrus tritt die Flucht nach vorne an. Bevor sich die Leute irgendwelche Gedanken, Geschichten, Erklärungen zurecht legen, will er lieber sagen, was ist, seine Deutung weitergeben.

 Das ist auch dringend nötig. Damit das, was da in dem Haus geschehen ist und ans Licht, in die Öffentlichkeit kommt, mehr ist als ein irres Spektakel, muss es geklärt werden, erklärt werden. Geschehen, auch geistliches Geschehen versteht sich nicht immer von selbst. Es braucht oft das erklärende, deutende Wort. Dieses deutende Wort zu sagen übernimmt Petrus. Er ist der Sprecher, so wie er früher der Sprecher der „Zwölf“ Jesus gegenüber war. So ist er jetzt der Sprecher der Jünger den Vielen gegenüber. Das ist der erste Wandel in der Kraft des Geistes, der sich vollzogen hat. Der vorher Jesus für die Jünger gesagt hat, was sie empfinden, was sie an Fragen haben, womit sie nicht zurecht kommen, der wird jetzt der erste Zeuge nach außen.

 Es wird auch später, durch die Geschichte der Kirche hin, oft so sein, dass man erst „nach innen“ fragen lernen muss, die eigenen Fragen ernst nehmen, die eigenen Zweifel nicht weg-drücken, bevor man in der Lage ist, „nach außen“ zu stehen, für andere einer zu werden, der auch etwas erklären kann. Wer für sich selbst nichts geklärt hat, kann auch für andere nichts erklären. „Heil – jetzt“ weiterlesen

Pfingsten – wenn der Geist weht, wo er will

Apostelgeschichte 2, 1 – 13

 1 Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an „einem“ Ort beieinander.

 Das ist wohl mehr als nur eine Ortsangabe. Sie sind beieinander und sie sind eins, einig. Sie haben sich dieser Zeit des Wartens nicht entzogen. Sie haben ein paar Sachen geregelt, wie die Nachwahl des 12. Apostels. Aber der eigentliche Inhalt der Zeit ist: Warten. Die Frage, die sich stellt: Ist dieses beieinander Sein eine Voraussetzung für das Kommen des Geistes? Oder wäre er auch gekommen, wenn jeder irgendwo anders gewesen wäre?

So zu fragen führt zu der Beobachtung: Die Geistverleihung Jesu ist auch in dem anderen Evangelium, das davon erzählt keine individuelle Erfahrung, sondern sie geschieht an die Jüngerschar. „Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den Heiligen Geist! Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.“(Johannes 20, 21-23) Es scheint so zu sein, dass der Geist die sucht, die in einer Gemeinschaft sind. Der einsame Geistempfang ist wohl eher die Ausnahme. „Pfingsten – wenn der Geist weht, wo er will“ weiterlesen

Es sind wieder Zwölf

Apostelgeschichte 1, 15 – 26

 15 Und in den Tagen trat Petrus auf unter den Brüdern – es war aber eine Menge beisammen von etwa hundertzwanzig – und sprach:

Zwei Informationen sind hier zu finden. Petrus ist der Sprecher des Jünger-Kreises. Er ergreift die Initiative. Die Nacht im Palast des Hohenpriesters, seine Verleugnung Jesu hat daran nichts geändert. Es wird kein Wort darüber verloren, ob und wie er rehabilitiert worden ist. „Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und Simon erschienen.“ (Lukas 24,34) Die Begegnung mit Jesus ist genug. Diese Begegnung wird im Johannes-Evangelium erzählt – Lukas schweigt sich darüber aus. Es reicht: Petrus hat das Wort.

 Die andere Information: Es ist ein Kreis von etwa hundertzwanzig zusammen. Gemeint sind wohl nur die Männer. Wenn die nicht gezählten Frauen dazu kommen, sind es noch weit mehr. Unser Bild vom aufrechten Häuflein der Zwölf stimmt also nicht. Die Jesus-Bewegung hat mehr Leute umfasst als die, deren Namen wir gelernt haben.

 Was darüber hinaus wichtig ist. Petrus wirbt bei diesen 120 um Zustimmung zu seinem Vorschlag. Es geht nicht, die Jesus-Bewegung autoritär, durch schlichtes Befehlen zu führen. Das Wissen darum, dass nur einer „Der Herr“ ist, ist dieser ersten Gemeinde tief eingepflanzt. „Aber ihr sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn einer ist euer Meister; ihr aber seid alle Brüder.“ (Matthäus 23,8) Der Herr selbst, der Meister hat es sie gelehrt, dass sie eine Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern sind. Hierarchien, „heilige Rang-Ordnungen“ sind nicht die Sache dieser ersten Gemeinde. „Es sind wieder Zwölf“ weiterlesen

Nicht gaffen – Himmelfahrt

Apostelgeschichte des Lukas

So haben es Generationen von Konfirmanden gelernt, Generationen von Bibellesern gelesen. Aber es steht nicht über dem griechischen Text: Apostelgeschichte des Lukas. Ist es denn dann die richtige Überschrift über dem deutschen Text? Keine Frage – es ist der zweite Teil des „lukanischen Doppelwerkes“, wie es in der Wissenschaft gerne heißt. Der Verfasser des Lukas-Evangeliums schreibt einen zweiten Teil. Das ist korrekt.

 Nur, noch einmal gefragt: Ist das, was er schreibt, eine Apostelgeschichte? Sind es wirklich die Apostel, die Geschichte machen – oder machen sie doch nur Geschichten? Das ist die Frage, die mich beschäftigen wird: Wenn es aber nicht die Apostel sind, um die es in erster Linie geht, wer ist dann der „Motor“ dieser Geschichte? Wer ist der „Akteur“ hinter den „Aktionen“? Was ist die Kraft, die hier Menschen in Bewegung setzt? Und wie hängt das mit dem zusammen, was Lukas in seinem Evangelium erzählt und gedeutet hat?

 Eine weitere Überlegung: Ich habe gelernt und denke auch, dass das richtig ist, dass die Evangelien, auch das Lukas-Evangelium, nicht Bericht sein wollen, nicht eine Art Biographie, sondern Verkündigung. Es sind „Predigten“, die da zusammen gestellt sind. Was hindert mich, dann aber auch die Texte der Apostelgeschichte so zu lesen, als Predigten und nicht als den Versuch, eine Geschichte der jungen Christenheit und ihrer missionarischen Bemühungen zu schreiben. Wenn das stimmt, sind alle diese Geschichten offen zu uns hin und wollen uns bewegen – nicht weil alles so sein muss wie es damals war, sondern weil die hier angefangene „Predigt“ bei uns weitergehen soll und wir unseren Part anfügen dürfen.

 Viele Fragen – wir werden sehen, was als Antwort tragfähig ist.

 Apostelgeschichte 1, 1 – 14

  Den ersten Bericht habe ich gegeben, lieber Theophilus, von all dem, was Jesus von Anfang an tat und lehrte 2 bis zu dem Tag, an dem er aufgenommen wurde, nachdem er den Aposteln, die er erwählt hatte, durch den Heiligen Geist Weisung gegeben hatte.

Es ist noch nicht alles gesagt. Es ist noch nicht alles erzählt. Lukas ist am Ende seines Evangeliums noch nicht am Ende mit dem Evangelium. Es geht weiter. Wie es weitergeht, das wird der Inhalt dessen sein, was der Gottesfreund Theophilus zu lesen bekommt.

 Ich erinnere mich an Jungen-Namen meiner Kindheit: Gottfried, Gottlob, Gotthilf, Gotthart. Das waren Hoffnungsnamen der Eltern für ihre Kinder, ein erhofftes Lebensprogramm steckte in diesen Namen. So ist es auch mit dem Namen Theophilus – es ist ein Name, angefüllt mit der Hoffnung, er möge ein Gottesfreund werden. Und was Lukas seinem Leser erzählt, soll doch wohl dieser Hoffnung aufhelfen.

Dem Glauben hilft auf die Beine, wenn etwas erzählt wird. Das ist ja anders als bei uns. Bei uns scheint man zu denken: Dem Glauben hilft auf die Beine, wer ihn erklärt, wer ihn auf den Begriff bringt. Lukas dagegen möchte erzählen, weil er seinem Erzählen zutraut, dass es Kraft hat und Mut macht, Mut zum Glauben. „Nicht gaffen – Himmelfahrt“ weiterlesen

Die Lehre einer Mutter

Sprüche 31, 1 – 9

 Dies sind die Worte Lemuels, des Königs von Massa, die ihn seine Mutter lehrte.

               So wenig ich weiß, wer Agur ist, weiß ich auch, wer Lemuel ist. Und Massa kenne ich nur als einen Nachkommen Ismaels. Aber das ist nicht so wichtig. Wichtiger ist, was über Lemuel hier geschrieben steht. Es geht um seine Worte, die ihn seine Mutter lehrte. Das ist einzigartig im Alten Testament, dass eine Textpassage ausdrücklich einer Frau zugeschrieben wird. Dies gibt den nachfolgenden Worten noch einmal ein besonderes Gewicht.

Lemuel hat diese Worte mit bekommen auf den Weg seines Lebens. Worte einer königlichen Mutter. Sie haben sich so tief eingeprägt, dass er sie wieder hervorholen kann aus der Erinnerung. Es ist ein Schatz, Worte zu haben, an die man sich erinnern kann, die einem die auf den Weg des Lebens gesagt haben, die es gut mit einem meinen. Worte der Großeltern, der Väter, der Mütter.

             Es sind nicht unbedingt die Väter, die königliche Söhne lehren. Es sind vor allem – so ist das ja auch heute noch – Mütter, die Kinder auf den Weg des Lebens stellen. Sie lehren sie sprechen, laufen, die Welt sehen. Sie wenden sich ihnen zu und helfen ihnen damit, sich selbst der Welt zuzuwenden. Sie bieten ihnen Schutz und helfen ihnen damit, sich in die Welt zu wagen. Und sie geben ihnen ihre Worte mit auf den Weg. „Die Lehre einer Mutter“ weiterlesen

sich bescheiden

Sprüche 30, 1 – 19

            Was hier folgt klingt anders als die vorigen Kapitel. Es ist offensichtlich eine andere Stimme, die das Wort hat. Das zeigt schon der Sprach-Stil, das zeigen die länger zusammen gefügten Einheiten, das zeigt sich an der strengeren thematischen Verbindung der einzelnen Abschnitte.

 

1 Dies sind die Worte Agurs, des Sohnes des Jake, aus Massa.

             Wer ist Agur? Ich weiß nichts von ihm und ich habe keinen Kommentar, in dem ich etwas über ihn  erfahren würde. Aber immerhin: Er gehört in eine Generationenfolge und an einen bestimmten Ort.

Es spricht der Mann: Ich habe mich gemüht, o Gott, ich habe mich gemüht, o Gott, und muss davon lassen. 2 Denn ich bin der Allertörichtste, und Menschenverstand habe ich nicht. 3 Weisheit hab ich nicht gelernt, und Erkenntnis des Heiligen habe ich nicht. 4 Wer ist hinaufgefahren zum Himmel und wieder herab? Wer hat den Wind in seine Hände gefasst? Wer hat die Wasser in ein Kleid gebunden? Wer hat alle Enden der Welt bestimmt? Wie heißt er? Und wie heißt sein Sohn? Weißt du das? 5 Alle Worte Gottes sind durchläutert; er ist ein Schild denen, die auf ihn trauen. 6 Tu nichts zu seinen Worten hinzu, dass er dich nicht zur Rechenschaft ziehe und du als Lügner dastehst.

Das ist ein bitteres Eingeständnis: Ich kann Gott nicht begreifen.  Trotz aller Mühe – es reicht nicht aus. Ich bin mit meiner Weisheit am Ende. Es liegt nicht am eigenen Denkvermögen, am guten Willen auch, Gott zu verstehen. Es liegt daran, dass Gott Gott ist und der Mensch nur ein Mensch. Es liegt daran, dass die Größe Gottes sich unserem Begreifen schlicht entzieht. Es ist das ein wenig resignierende Akzeptieren der Weisheit Israels: Wir vermögen es grundsätzlich nicht, Gott zu fassen.

Die Worte Agurs erinnern mich an die Rede Gottes an Hiob: „Wer ist’s, der den Ratschluss verdunkelt mit Worten ohne Verstand? Gürte deine Lenden wie ein Mann! Ich will dich fragen, lehre mich! Wo warst du, als ich die Erde gründete? Sage mir’s, wenn du so klug bist! Weißt du, wer ihr das Maß gesetzt hat oder wer über sie die Richtschnur gezogen hat? Worauf sind ihre Pfeiler eingesenkt, oder wer hat ihren Eckstein gelegt, als mich die Morgensterne miteinander lobten und jauchzten alle Gottessöhne? Wer hat das Meer mit Toren verschlossen, als es herausbrach wie aus dem Mutterschoß, als ich’s mit Wolken kleidete und in Dunkel einwickelte wie in Windeln, als ich ihm seine Grenze bestimmte mit meinem Damm und setzte ihm Riegel und Tore und sprach: »Bis hierher sollst du kommen und nicht weiter; hier sollen sich legen deine stolzen Wellen!«? Hast du zu deiner Zeit dem Morgen geboten und der Morgenröte ihren Ort gezeigt, damit sie die Ecken der Erde fasste und die Gottlosen herausgeschüttelt würden? Hiob 38, 2 – 13) Mit einer Kaskade an Fragen wird die Sicherheit des Menschen zerschlagen. Er weiß ja nicht eine Antwort.

Beide Texte sind wohl zeitlich und inhaltlich nahe beieinander. Die Weisheit Israels mutet es zu, dem Glauben an Gott Raum zu geben ohne auch nur annähernd Antwort auf alle Fragen zu haben. Sie verurteilt zu einem Schweigen, das sich unter die Größe Gottes beugt. Gott ist Schild denen, die auf ihn trauen. Mehr ist nicht zu sagen. Das alte Israel der Mosebücher und der Propheten hatte diese Zuversicht aus dem Geschichtshandeln Gottes gewonnen, aus seiner Führung und seiner Bewahrung. Davon reden die Bücher der Weisheit (Hiob, Prediger, Sprüche) nicht mehr. Sie sehen auf die Schöpfung und ahnen dahinter einen schweigenden, verborgenen Gott. Vor ihm beugen sie sich – und beschränken sich dann auf praktische Lebensweisheiten.  „sich bescheiden“ weiterlesen

Gegen die Maßlosigkeit

Sprüche 29, 1 – 18

1 Wer gegen alle Warnung halsstarrig ist, der wird plötzlich verderben ohne alle Hilfe. 2 Wenn der Gerechten viel sind, freut sich das Volk; wenn aber der Gottlose herrscht, seufzt das Volk. 3 Wer Weisheit liebt, erfreut seinen Vater; wer aber mit Huren umgeht, kommt um sein Gut. 4 Ein König richtet das Land auf durchs Recht; wer aber viel Steuern erhebt, richtet es zugrunde.

Zusammenleben. Miteinander auskommen. Dafür sind Tugenden nötig, die heute nicht mehr allzu hoch im Ansehen zu stehen scheinen. Sich zurück nehmen können. Auch anderen Raum lassen. Bereit sein, sich raten zu lassen und Rat zugeben, aber nie ungefragt. Wahr erscheint mir: Wo solche Leute am Werk sind, da entsteht ein Freiraum, da kann man aufatmen und sich entfalten.

Das Wort mit den Steuern begleitet mich seit Jahren. Ein König richtet das Land auf durchs Recht; wer aber viel Steuern erhebt, richtet es zugrunde. Es ist ja ein Fünkchen Wahrheit drin. Wo die Steuern gefühlt unerträglich werden, entstehen Fluchtreflexe. Wann allerdings Steuern unerträglich sind, das ist eine sehr individuelle Wahrnehmung. Entscheidend ist allerdings der andere Hinweis: Es sind nicht die Steuern, die ein Land in Ordnung bringen, sondern die Art und Weise, wie mit dem Recht umgegangen wird. Damit wird einem deutschen Irrglauben gewehrt: Es ist nicht die Höhe der Steuereinnahmen, die die Qualität eines Landes ausmacht. Sondern es ist eher die Art, wie Recht und Gerechtigkeit zum Tragen kommen.

5 Wer seinem Nächsten schmeichelt, der spannt ihm ein Netz über den Weg. 6 Wenn ein Böser sündigt, verstrickt er sich selbst; aber ein Gerechter geht seinen Weg und ist fröhlich. 7 Der Gerechte weiß um die Sache der Armen; der Gottlose aber weiß gar nichts. 8 Die Spötter bringen leichtfertig eine Stadt in Aufruhr; aber die Weisen stillen den Zorn. 9 Wenn ein Weiser mit einem Toren rechtet, so tobt der oder lacht, aber es gibt keine Ruhe.

Das ist eine harte Gegenüberstellung: Hier die Toren, da die Weisen. Aber es ist Wahrheit darin. Wo die das Sagen haben, die nur laut sind, auf Effekt und Beifall aus, da wird eine Gesellschaft zwar lautstark, vielleicht auch schrill und interessant. Aber sie verliert an Tiefe. Der Blick geht nicht mehr dahin, wo Not am Mann und an der Frau ist, sondern dahin, wo der Erfolg hell glänzt. Der Blick geht nicht mehr auf die Frage, wie allen geholfen wird, sondern wer sich am besten selbst hilft. Es ist eine unsolidarische Gesellschaft, in der die Toren das Sagen haben.  „Gegen die Maßlosigkeit“ weiterlesen