Vom kommenden Tag

Sacharja 14, 1 – 11

1 Siehe, es kommt für den HERRN die Zeit, dass man in deiner Mitte unter sich verteilen wird, was man dir geraubt hat. 2 Denn ich werde alle Heiden sammeln zum Kampf gegen Jerusalem. Und die Stadt wird erobert, die Häuser werden geplündert und die Frauen geschändet werden. Und die Hälfte der Stadt wird gefangen weggeführt werden, aber das übrige Volk wird nicht aus der Stadt ausgerottet werden.

 Es hört sich an wie eine Zukunftsansage. Dann ist die Frage: Auf welche Zukunft zielt die Wendung: Es kommt für den HERRN die Zeit. Aber es gibt im Text keine Antwort auf die Frage: wann? Sieht der Prophet die politische Situation in der Gegenwart so bedrohlich? Sieht er neues Unheil, das dem alten Unheil des Untergangs 586 gleicht, auf Jerusalem zukommen?  Oder muss man hier eine Andeutung auf den Gerichtstag Gottes am Ende der Zeiten lesen? Ich weiß es nicht.

 Mir drängt sich ein anderer Gedanke auf, der nicht so stark von den apokalyptischen Bildern bestimmt ist. Es könnte doch auch sein, dass Sacharja hier wieder in den Blick rückt, als Warnung an seine Gegenwart, was die Botschaft der Propheten vor dem Exil war. Als Jerusalem sich Gottes so sicher war, als es eine zur Ideologie verkommene Zions-Theologie gab. Als Gott sich gegen das Volk, gegen das Königshaus, gegen den Tempel stellte und Gericht hielt. Erinnerung als Bußruf an die Gegenwart – so machen diese Worte für mich Sinn.

 Über den unmittelbaren Text hinaus: Jerusalem ist erst im Jahr 70 nach Christus wieder so bedrängt worden. Aber ich tue mich schwer mit der Deutung, dass dies der Gerichtstag Gottes an Jerusalem sei. Trotz der Worte Jesu: „Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken versammelt unter ihre Flügel; und ihr habt nicht gewollt! Siehe, »euer Haus soll euch wüst gelassen werden« (Matthäus 23,37-38) Es hat viel Unheil gebracht, dass solche Sätze mit einem christlichen Überlegenheitsgefühl gelesen worden sind. „Vom kommenden Tag“ weiterlesen

Warten

Sacharja 12, 9 – 13,1

9 Und zu der Zeit werde ich darauf bedacht sein, alle Heiden zu vertilgen, die gegen Jerusalem gezogen sind.

Was uns befremdet, wird in der Schrift oft artikuliert. Die Feinde Jerusalems sind in eins gesetzt mit den Feinden Gottes. Alle Heiden sollen keinen Raum mehr finden, um ihre Feindschaft zum Ziel zu bringen. Sie haben ihr Lebensrecht verspielt.

Mein Auge ist trübe geworden vor Gram und matt,                                                    weil meiner Bedränger so viele sind.                                                                                  Weichet von mir, alle Übeltäter;                                                                                               denn der HERR hört mein Weinen.                                                                                        Der HERR hört mein Flehen;                                                                                                 mein Gebet nimmt der HERR an.                                                                                           Es sollen alle meine Feinde zuschanden werden und sehr erschrecken;   sie sollen umkehren und zuschanden werden plötzlich.       Psalm 6, 8 – 11

oder:

  Die Sünder sollen ein Ende nehmen auf Erden                                                             und die Gottlosen nicht mehr sein.                        Psalm 104,33

 Wer ist konkret gemeint mit alle Heiden zu vertilgen, die gegen Jerusalem gezogen sind? Es bleibt ein wenig in der Schwebe. Es geht gegen die Weltmächte, damals im Orient, in rascher Volke – Assur, Babylon, Alexander, Seleukiden. Es trifft sie alle. Das verleiht diesen Worten etwas Zeitloses, immer Gültiges. An Feinden hat Jerusalem bis heute keinen Mangel.

             Wir haben unsere Psalm-Texte in den Gesangbüchern von solchen Rache-Ausrufen und Zornes-Ausbrüchen säuberlich gereinigt, wenigstens für den Gebrauch im Gottesdienst. Das macht uns aber hilflos im Umgang mit Emotionen wie Zorn, Wut, Hass, Rachgier. Wir verbieten sie uns. Aber sind wir sie damit auch tatsächlich los? Mir scheint, wir stellen sie so nicht vom Platz, sondern verbannen sie lediglich in den Untergrund der Seele, wo sie dann ungestört rumoren können – und manchmal ungezügelt hervorbrechen. Die Beter in der Bibel geben ihrer Emotion Ausdruck – und damit geben sie sich und ihre Emotionen in Gottes Hand. Sie müssen nicht selbst in die Hand nehmen, sich zu rächen, ihrem Zorn freien Lauf zu lassen. „Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes.“ (Römer 12,19) Das hilft, dass aus dem Gefühl kein Handeln wird. „Warten“ weiterlesen

Wenn Hirten scheitern

Sacharja 11, 4– 17

4 So sprach der HERR, mein Gott: Hüte die Schlachtschafe! 5 Denn ihre Käufer schlachten sie und büßen´s nicht, und ihre Verkäufer sprechen: Gelobt sei der HERR, ich bin nun reich! Und ihre Hirten schonen sie nicht. 6 Darum will ich auch nicht mehr schonen die Bewohner des Landes, spricht der HERR. Und siehe, ich will die Leute fallen lassen, einen jeden in die Hand des andern und in die Hand seines Königs; sie werden das Land zerschlagen und ich will sie nicht erretten aus ihrer Hand.

 Das Bild wechselt – in ein überaus vertrautes Bild: Hirte und Herde. Hier: Schlachtschafe. Im Unterschied zu Milchschafen, die man langfristig braucht. Hier sind Hirten und Käufer im Blick, die nur ihren Profit sehen, keine Fürsorge-Pflicht für die Schafe. Es ist ein geschäftsmäßiger Umgang. Business as usual. Es ist sicherlich ein kritisches Bild für alle, die Macht über Menschen haben, denen Menschen anvertraut sind: Suchen sie nur ihre Macht, ihre Stellung, ihren Profit? Sind Menschen für sie nur Human-Kapital?

Wenn das so ist, sagt der Herr, dann will ich dieses Verhalten auf die zurückfallen lassen, die sich so verhalten. Ich will die Leute fallen lassen, einen jeden in die Hand des andern und in die Hand seines Königs. „Homo homini lupus – der Mensch ist des Menschen Wolf.“ (Th. Hobbes, Leviathan 1794) Gott muss nicht vom Himmel her richtend mit Straf-Aktionen eingreifen. Es genügt, einfach geschehen zu lassen, was im Gang ist. Nicht retten aus den Willkürakten, die Menschen einander antun, weil jeder nur sich selbst und seinen Vorteil kennt, ist schlimm genug.

7 Und ich hütete die Schlachtschafe für die Händler der Schafe und nahm mir zwei Stäbe; den einen nannte ich »Huld«, den andern nannte ich »Eintracht« und hütete die Schafe. 8 Und ich vertilgte die drei Hirten in “einem” Monat. Und ich mochte die Schafe nicht mehr und sie wollten mich auch nicht mehr. 9 Und ich sprach: Ich will euch nicht hüten; was da stirbt, das sterbe; was verschmachtet, das verschmachte; und von den Übriggebliebenen fresse ein jeder des andern Fleisch! 10 Und ich nahm meinen Stab »Huld« und zerbrach ihn, um meinen Bund aufzuheben, den ich mit allen Völkern geschlossen hatte. 11 Und er wurde aufgehoben am selben Tage. Und die Händler der Schafe, die auf mich achteten, erkannten daran, dass es des HERRN Wort war.

 Ein Satz sprengt den Zusammenhang, steht isoliert da: Und ich vertilgte die drei Hirten in “einem” Monat. Ausleger rätseln. Gibt es ein geschichtliches Ereignis, auf das diese Worte anspielen? Wir kennen es nicht. Gibt es ein Trio von Menschen, auf das sie anspielen? Wir wissen es nicht. Könnten Könige des Nordreiches, Sacharja, Schallum und Menachem, die alle drei im gleichen Monat regiert haben und von denen zwei gemordet wurden, gemeint sein? Wir wissen es nicht. Es ist ein Rätselwort, das sich uns entzieht.   

  Die anderen Worte lesen sich wie die Erzählung einer prophetischen Zeichenhandlung, gerade auch in dem, dass es so alltäglich zugeht. Hirte ist in Israel nichts Ungewöhnliches, auch nichts, was sofort allen ins Auge springt. Es sind die Hirtenstäbe mit ihren Namen, die die Idee Zeichenhandlung stützen. Sie sind Hinweis darauf, dass es um mehr geht als einen „normalen Job“. Eintracht und Huld sind Werte, die dem Handeln Gottes zugrunde liegen, auf die es hinzielt.

Aber diese Werte zerbrechen in der Beziehung zwischen Hirte und Herde. Das ist wohl die Beschreibung einer Entfremdung, wie sie auch uns geläufig ist. „Die da oben wissen“ nicht, was „wir da unten“ erfahren. Im Bundestag werden die Diäten der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, die nach oben zeigt, „angepasst“. Die Renten der Rentnerinnen und Rentner am untersten Ende und die Löhne der untersten Lohngruppen sind schon lange von dieser gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, die nach oben zeigt, abgehängt.  Die oben folgen einer Wertskala, die sie untauglich macht als Hirten und die das Volk in den Ruin treibt.

Der Hirte der Zeichenhandlung überlässt seine Herde sich selbst. Er zerbricht seinen Hirtenstab Huld und zeigt damit seine Demission an: Ich bin nicht mehr euer Hirte. Ihr seid nicht mehr meine Herde. Und was geschieht, zeigt auch: Da ist nichts mehr von Huld zu spüren.

Was der Prophet hier tut, ist nicht folgenlose Symbolik. Er setzt – das ist der Ernst solcher Zeichenhandlungen – mit seinem Tun in Kraft was er tut. Hier also das Zerbrechen des Bundes. Dass Propheten das Volk führen könnten, hat sich als Täuschung erwiesen. Obwohl also das Experiment scheitert – dass es sich um ein Zeichen Gottes, um ein Wort Gottes handelt, wird erkannt. Zumindest von denen, die offene Augen haben, die auf diesen wunderlichen Hirten achten. Meine Frage ist: Wird damit die ganze Situation nicht noch gewichtiger? Denn dem erkannten Wort Gottes nicht zu folgen ist doch verweigerter Gehorsam und verweigerter Glaube.

 Es ist mitten im Buch eines Propheten ein ernüchterndes Fazit. Der prophetische Auftrag kann scheitern: Propheten findet mit ihren Worten und Taten nicht wie von selbst Gehör. Sie werden oft genug überhört.

Es ist wie ein fernes Echo auf diese Worte im Munde Jesu, wenn er erzählt: „Ein Mensch pflanzte einen Weinberg und zog einen Zaun darum und grub eine Kelter und baute einen Turm und verpachtete ihn an Weingärtner und ging außer Landes. Und er sandte, als die Zeit kam, einen Knecht zu den Weingärtnern, damit er von den Weingärtnern seinen Anteil an den Früchten des Weinbergs hole. Sie nahmen ihn aber, schlugen ihn und schickten ihn mit leeren Händen fort. Abermals sandte er zu ihnen einen andern Knecht; dem schlugen sie auf den Kopf und schmähten ihn. Und er sandte noch einen andern, den töteten sie; und viele andere: die einen schlugen sie, die andern töteten sie.“ (Markus 12, 1 – 5) Und doch hört Gott nicht auf, die Umkehr seines Volkes zu suchen. Er kann ja nicht anders. Sein Herz treibt ihn auf den Weg dieses Suchens.

 Es mag eine tröstliche Erinnerung sein: Gott selbst hält diese Abkehr vom Hirtenamt nicht aus. Er hält es nicht aus, dass die Hirten nur sich selbst und ihr Wohlergehen suchen. Es ist ein Prophet, lange vor Sacharja, der sicher für diese Worte auch mit seinen Worten die Spur gelegt hat. „Denn so spricht Gott der HERR: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen… Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der HERR. Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist.“ (Hesekiel 34, 11. 15-16) Erst wenn man diese Worte als Hintergrund sieht, versteht man die ganze Härte in dem Zeichen des Hirten, den Sacharja beschreibt.

 12 Und ich sprach zu ihnen: Gefällt’s euch, so gebt her meinen Lohn; wenn nicht, so lasst’s bleiben. Und sie wogen mir den Lohn dar, dreißig Silberstücke. 13 Und der HERR sprach zu mir: Wirf’s hin dem Schmelzer! Ei, eine treffliche Summe, deren ich wert geachtet bin von ihnen! Und ich nahm die dreißig Silberstücke und warf sie ins Haus des HERRN, dem Schmelzer hin. 14 Und ich zerbrach meinen andern Stab »Eintracht«, um die Bruderschaft zwischen Juda und Israel aufzuheben.

 Der Seher bleibt noch in seiner Rolle. Er fordert seinen Hirtenlohn, der kärglich genug ausfällt. 30 Silberstücke! Das ist keine Entlohnung, sondern eine Missachtung. Es gibt Löhne, die schon durch ihre „Höhe“ die Missachtung der geleisteten Arbeit und des Arbeitenden zum Ausdruck bringen. Darum fordert Gott (!) seinen Propheten auf: Schmeiß das Drecksgeld weg. Denn es ist ja Gott selbst, der in seinem Propheten missachtet wird.

Diese Worte werden in der frühen Christenheit neu gelesen. Dreißig Silberstücke sind der Lohn für den Verrat des Judas. Und er braucht, als er die Folgen seines Verrates sieht, keine göttliche Stimme, die ihm sagt, was er zu tun hat. „Als Judas, der ihn verraten hatte, sah, dass er zum Tode verurteilt war, reute es ihn, und er brachte die dreißig Silberlinge den Hohenpriestern und Ältesten zurück und sprach: Ich habe Unrecht getan, dass ich unschuldiges Blut verraten habe. Sie aber sprachen: Was geht uns das an? Da sieh du zu! Und er warf die Silberlinge in den Tempel, ging fort und erhängte sich.“ (Matthäus 27, 3-5) Hungerlohn, Blutgeld. Es liegt kein Segen drauf.

Dem weggeworfenen Lohn folgt die andere Handlung: Auch der zweite Hirtenstab Eintracht wird zerbrochen. Wie viel Gewicht auf diesem Geschehen liegt, zeigt sich schon daran: Nur an dieser Stelle, die vom Scheitern der Eintracht spricht, taucht das Wort im alten Testament auf. . Der Bund sichtbar für alle gekündigt. Die Einheit zwischen Juda und Israel ist zerbrochen. Eine Wiedervereinigung der beiden Teile Groß-Israels wird es nicht mehr geben.

 15 Und der HERR sprach zu mir: Nimm abermals zu dir das Gerät eines Hirten, aber eines nichtsnutzigen!16 Denn siehe, ich werde einen Hirten im Lande erwecken, der nach dem Verlorenen nicht sehen, das Verlaufene nicht suchen, der das Zerbrochene nicht heilen und das Gesunde nicht versorgen wird; aber das Fleisch der Fetten wird er fressen und ihre Klauen zerreißen. 17 Weh über meinen nichtsnutzigen Hirten, der die Herde verlässt! Das Schwert komme über seinen Arm und über sein rechtes Auge! Sein Arm soll verdorren und sein rechtes Auge erlöschen.

Und immer noch ist es nicht genug mit Zeichenhandlungen. Der Prophet soll sich die Ausrüstung eines nichtsnutzigen Hirten zulegen. Im Kommentar lese ich: „Die Anweisung Jahwes, sich die Gerätschaften eines schlechten (gottlosen) Hirten zu beschaffen, ist unanschaulich, denn wie sollte sich die von denen eines guten Hirten unterscheiden?“ (H. Graf Reventlow, aaO.  S. 112) Der Bauern-Enkel in mir schmunzelt über die Ratlosigkeit des Exegeten: Das sieht jedes Dorfkind, ob Geräte gepflegt sind, in Ordnung, sauber, oder ob das Gerät, mit dem alltäglich gearbeitet wird, vor sich hin verrottet, ob der Hof  im Dreck erstarrt und infolge der Faulheit des Besitzers vergammelt. Daran kann man schon Qualitäten des Besitzers erkennen.

Aber darum geht es nicht wirklich. Die Auslieferung des Landes, des Volkes an Hirten, die nur sich selbst kennen – das ist die eigentliche Botschaft. Was bei Hesekiel zum Grund des Gerichtes über die Hirten wird, dass sie nur sich selbst kennen – „Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? Aber ihr esst das Fett und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemästete, aber die Schafe wollt ihr nicht weiden. Das Schwache stärkt ihr nicht und das Kranke heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht zurück und das Verlorene sucht ihr nicht; das Starke aber tretet ihr nieder mit Gewalt.“ Hesekiel 34, 2-4) – das wird hier bei Sacharja zum Gericht über das ganze Volk. Durch diesen schlechten Hirten ist das Volk gestraft. Aber auch er selbst wird für seine Nichtsnutzigkeit zu büßen haben.

Das Gegenbild zu diesem schlechten Hirten ist der gute Hirte. Jesus. „Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht – und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie -, denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe. Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich, wie mich mein Vater kennt und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe.“ (Johannes 10, 11-15)

 Zum Weiterdenken

Ich ziehe die Linie aus zu uns heute: Wer gerechte Löhne verweigert, der zerstört nicht nur die Solidarität innerhalb der Gesellschaft. Der setzt auch die Gottesbeziehung aufs Spiel. Es ist ja nicht nur dieser eine Vers bei Sacharja, den man dann als prophetischen Ausreißer abtun könnte. „Wer dem Geringen Gewalt tut, lästert dessen Schöpfer.“ (Sprüche 14,31) Es ist eine Form von Gewalt, Menschen klein zu machen durch Löhne, die ihnen ihre Würde rauben. Und es ist kein Wunder, dass Gesellschaften, die diese Verhalten der Ausbeutung der Armen dulden, erblinden für die Wirklichkeit Gottes. Die Gottesfinsternis der Zeit ist nicht nur Ergebnis der individuellen Blindheit, sondern auch des gesellschaftlichen Versagens in Sachen Gerechtigkeit. Wer den Willen Gottes permanent missachtet, wird irgendwann taub für sein Wort und blind für seine Gegenwart.

 Es ist in meinen Augen müßig, nach geschichtlichen Identifikations-Möglichkeiten für diesen nichtsnutzigen Hirten zu suchen. Ich lese diese Passagen eher als eine Aufforderung zur Selbstprüfung: Wie gehst du mit denen um, die dir anvertraut sind? Suchst du ihr Leben oder suchst du nur deine Vorteile? Bist du ein Hirte, der die Herde verlässt? Fragen, die an jeden gestellt sind, der mit Menschen umgeht, und die sich deshalb nicht so leicht weg schieben lassen. Antworten? Die Antworten gibt mein Leben und nicht eine Erklärung, die ich abgebe.

Du bist ja doch der gute Hirte, mein Gott. Dir darf ich mich anvertrauen. Du willst Dein Volk weiden. Wir aber haben Dir oft nicht geglaubt, sind unsere eigenen Wege gegangen, haben uns selbst geweidet, haben uns selbst genug sein wollen als Hirten und Herde.

 

Ich danke Dir, dass Du Dich für Deine Herde hingegeben hast. Dein Leben, damit wir Deine Stimme neu hören, die uns in Liebe ruft. Amen 

 

Hoffen auf Spätregen

Sacharja 10, 1 – 12

1 Bittet den HERRN, dass es regne zur Zeit des Spätregens, so wird der HERR, der die Wolken macht, euch auch Regen genug geben für jedes Gewächs auf dem Felde. 2 Denn die Götzen reden Lüge, und die Wahrsager schauen Trug und erzählen nichtige Träume, und ihr Trösten ist nichts. Darum geht das Volk in die Irre wie eine Herde und ist verschmachtet, weil kein Hirte da ist.

Die Erinnerung sitzt tief in Israel: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ (1. Mose 8,22) Gott ist kein Wettergott. Aber er weiß, dass die Erde Regen braucht, dass Wasser in Wüstengegenden Leben ist. Regen genug, damit es Wachstum geben kann, Ernten gedeihen können. Zu ihm, dem HERRN gilt es zu rufen. Nach seinem Erbarmen, das keine Grenze kennt, keinen Schluss-Strich.

Das ist die Warnung vor der Wahl falscher Adressen für die eigenen Hilferufe. Die Götzen hören nicht und was sie reden ist Lüge. Wahrsager fallen ihren eigenen Täuschungen anheim. Darum ist auch ihr Trösten nur leeres Gerede. Die Volksklage aus dem Buch Jeremia liest sich wie ein Vorwegnehmen der Worte hier: „Ist denn unter den Götzen der Heiden einer, der Regen geben könnte, oder gibt der Himmel Regen? Du bist doch der HERR, unser Gott, auf den wir hoffen; denn du hast das alles gemacht.“ (Jeremia 14,22)

Auch das geht mir durch den Kopf. Matthäus nimmt die Worte des Sacharja auf um zu beschreiben, wie Jesus dem Volk gegenüber tritt. „Als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren verschmachtet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben.“ (Matthäus 9,36) Er wird selbst der Hirte für diese verwahrloste Herde und er beruft seine Jünger als Hirtenhelfer. Das ist die Aufgabe der Gemeinde bis heute. „Hoffen auf Spätregen“ weiterlesen

Tochter Zion

Sacharja 9, 9 – 12

9 Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin. 10 Denn ich will die Wagen vernichten in Ephraim und die Rosse in Jerusalem, und der Kriegsbogen soll zerbrochen werden. Denn er wird Frieden gebieten den Völkern, und seine Herrschaft wird sein von einem Meer bis zum andern und vom Strom bis an die Enden der Erde.

 Wie wechselt hier der Ton. Kein Wunder, dass man in der wissenschaftlichen Exegese ursprünglich verschiedene Textteile vermutet. Und doch: Weil das Auge Gottes auf Jerusalem ruht, darum hat die Tochter Zion allen Grund zur Freude. Erst recht, wenn Gott sich in der Gestalt des Königs auf den Weg zu seiner Stadt macht.

Für mich ist kein Zweifel: Hier wird das Bild des kommenden Königs bewusst über das historische Maß hinaus aufgesprengt. Es geht nicht um irgendeinen König im Jahr 515 oder 500 oder auch 450. Ein Königmelek – ist angesagt. Ihm gilt der Aufmerksamkeitsruf: Siehe. Augen auf! Der Kommende wird in einer Weise charakterisiert, die die Macht-Attribute des Königtums doch völlig auf den Kopf stellen. Es geht um den König, der alle anderen Könige in ihre Schranken weist, an die zweite Stelle.

Es geht um den kommenden König, der die Zeitenwende bringt. So sanftmütig er ist – er wird auch ein machtvoller Friedenskönig sein: Denn er wird Frieden gebieten den Völkern, und seine Herrschaft wird sein von einem Meer bis zum andern. Eine zeitgeschichtliche Einordnung wird in der Schwebe bleiben müssen. Es wird auch nicht ganz falsch sein: Das Bild des demütigen Friedenskönigs auf dem Esel ist ein Gegenbild gegen den stolzen, siegreichen, machtbewussten Mazedonier Alexander den Großen. Aber darin erschöpft es sich nicht. Ob und in welcher Weise der Seher eine konkrete Gestalt vor Augen hat, die er so sehen konnte, mit der er seine Worte in Einklang bringen konnte, ist kaum zu entschlüsseln. Ich sehe hier eher eine visionäre Weite, die geschichtliche Rahmenbedingungen hoffend übersteigt. „Tochter Zion“ weiterlesen