Das Land ist hell und weit

Sacharja 14, 1 – 14

1 Siehe, es kommt für den HERRN die Zeit, dass man in deiner Mitte unter sich verteilen wird, was man dir geraubt hat. 2 Denn ich werde alle Heiden sammeln zum Kampf gegen Jerusalem. Und die Stadt wird erobert, die Häuser werden geplündert und die Frauen geschändet werden. Und die Hälfte der Stadt wird gefangen weggeführt werden, aber das übrige Volk wird nicht aus der Stadt ausgerottet werden.

             Es hört sich an wie eine Zukunftsansage. Dann ist die Frage: Auf welche Zukunft zielt die Wendung: Es kommt für den HERRN die Zeit. Aber es  gibt im Text keine Antwort auf die Frage: wann? Sieht der Prophet die politische Situation in der Gegenwart so bedrohlich? Sieht er neues Unheil, das dem alten Unheil des Untergangs 586 gleicht, auf Jerusalem zukommen?  Ich scheue ein bisschen vor der Deutung zurück: „Sacharja schaut weit in die Zukunft. Er sieht den Tag Gottes kommen, der die Tage der Menschen und Völker ablösen wird….Es ist, als zöge sich über Jerusalem eine dunkle Gewitterwolke zusammen, aus der jeden Augenblick der Blitz herniederfahren könnte.“ (F. Laubach, Der Prophet Sacharja, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1984, S. 159) Das ist eine Deutung auf den Gerichtstag Gottes am Ende der Zeiten.

Mir drängt sich ein anderer Gedanke auf, der nicht so stark von den apokalyptischen Bildern bestimmt ist. Es könnte doch auch sein, dass Sacharja hier wieder in den Blick rückt, als Warnung an seine Gegenwart, was die Botschaft der Propheten vor dem Exil war. Als Jerusalem sich Gottes so sicher war, als es eine zur Ideologie verkommene Zions-Theologie gab. Als Gott sich gegen das Volk, gegen das Königshaus, gegen den Tempel stellte und Gericht hielt. Erinnerung als Bußruf an die Gegenwart – so machen diese Worte für mich Sinn.

Über den unmittelbaren Text hinaus: Jerusalem ist erst im Jahr 70 nach Christus wieder so bedrängt worden. Aber ich tue mich schwer mit der Deutung, dass dies der Gerichtstag Gottes an Jerusalem sei. Trotz der Worte Jesu: „Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken versammelt unter ihre Flügel; und ihr habt nicht gewollt! Siehe, »euer Haus soll euch wüst gelassen werden«“ (Matthäus 23,37-38) Es hat viel Unheil gebracht, dass solche Sätze mit einem christlichen Überlegenheitsgefühl gelesen worden sind. „Das Land ist hell und weit“ weiterlesen

Eine Zufluchts-Quelle

Sacharja 12, (1 – 8) 9 – 13,1

1 Dies ist die Last, die der HERR ankündigt. Über Israel spricht der HERR, der den Himmel ausbreitet und die Erde gründet und den Odem des Menschen in ihm macht:

             Der hier das Wort nimmt, ist nicht irgendwer. Es ist Gott selbst. Der Schöpfer des Himmels und der Erde. Der den Menschen den Lebensatem gibt. Schöpfungsglaube und die Erwartung, dass Gott in die Geschichte hinein spricht und handelt, sind in Israel spätestens seit dem zweiten Jesaja eng miteinander verknüpft. Der feierliche Anfang klingt nach hymnischer Sprache aus dem Gottesdienst. Er unterstreicht die Bedeutung der folgenden Worte. Wieder eine Last. Kein Wort so leichthin.

 2 Siehe, ich will Jerusalem zum Taumelbecher zurichten für alle Völker ringsumher, und auch Juda wird’s gelten, wenn Jerusalem belagert wird. 3 Zur selben Zeit will ich Jerusalem machen zum Laststein für alle Völker. Alle, die ihn wegheben wollen, sollen sich daran wund reißen; alle Völker auf Erden werden sich gegen Jerusalem versammeln.

             Was über den Schöpfer gesagt wird, drängt immer hin auf die Wirklichkeit. In Israel wird die Schöpfung nie bedacht ohne diesen Blick. Es ist der Schöpfer, der Jerusalem zum Taumelbecher der Völker zurichtet. Alle, die sich gegen Jerusalem, gegen Juda stellen, werden sich daran verheben. Daran ändert sich auch nichts dadurch, dass sich alle Völker auf Erden verbünden in ihrem Streit gegen Israel. „Im Hintergrund der Aussagen steht die Zionstradition von der Unangreifbarkeit Jerusalems, die aktualisiert wird.“(H. Graf Reventlow, Die Propheten Haggai, Sacharja, Maleachi, ATD 25,2; Göttingen 1993. S.115) Überflüssig zu sagen, dass das kein Freibrief für israelitische Abenteuerlust im Land der Politik ist. Aber es ist eine Warnung an alle, die auf dieses Volk Gottes  eindringen, um es zu vernichten.

 4 Zu der Zeit, spricht der HERR, will ich alle Rosse scheu und ihre Reiter irre machen, aber über das Haus Juda will ich meine Augen offen halten und alle Rosse der Völker mit Blindheit plagen. 5 Und die Fürsten in Juda werden sagen in ihrem Herzen: Die Bürger Jerusalems sollen getrost sein in dem HERRN Zebaoth, ihrem Gott! 6 Zu der Zeit will ich die Fürsten Judas machen zum Feuerbecken mitten im Holz und zur Fackel im Stroh, dass sie verzehren zur Rechten und zur Linken alle Völker ringsumher. Aber Jerusalem soll auch fernerhin bleiben an seinem Ort.

             Es ist, als würden jetzt Zuschauer einen Kommentar abgeben. Die Fürsten in Juda sehen, was geschieht und staunen. Sie sind nicht aktiv. Aktiv ist allein Gott. Er bringt die feindliche Rosse dazu zu scheuen. Er macht die Reiter irre. Es ist sein Werk, dass Juda wie ein Feuerbecken für die Feinde ist und Jerusalem sicher an seinem Ort. „Eine Zufluchts-Quelle“ weiterlesen

Hirtenbilder

Sacharja 11, (1-3) 4 – 17

1 Tu deine Türen auf, Libanon, dass das Feuer deine Zedern verzehre! 2 Heult, ihr Zypressen; denn die Zedern sind gefallen und die Herrlichen vernichtet. Heult, ihr Eichen Baschans; denn der feste Wald ist umgehauen. 3 Man hört die Hirten heulen, denn ihre Herrlichkeit ist vernichtet; man hört die jungen Löwen brüllen, denn die Pracht des Jordans ist vernichtet.

             Gerichtsworte. Sie knüpfen an dem an, was wohl auch schon damals jeder und jede kannte: Waldbrände, Abholzungs-Aktionen, die nur Kahlschlag hinterlassen, Weideverluste. „Gottes Gericht kommt wie ein Waldbrand.“(F. Laubach, Der Prophet Sacharja, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1984, S. 122) Der Gedanke ist nahe liegend, drängt sich auf: Gerichte treffen nicht nur die Menschen, sondern auch die Natur. Und umgekehrt: Was der Natur widerfährt, ihr angetan wird, fällt als Gericht auf die Menschen zurück. Ich glaube nicht, dass das zu modern gedacht ist. Diese Verbindung von Natur-Ereignis und Menschenschicksal begegnet ziemlich häufig in der Schrift.

Hilflos stehen die Hirten da. Sie beklagen den Verlust ihrer Herrlichkeit. Das trifft das vernichtete Weideland so gut den Verlust an Tieren, die in den Flammen umkommen. Diese Hilflosigkeit sehen wir noch heute erschreckend oft in den Berichten über Waldbrände in Südeuropa, in den USA,  in anderen Weltgegenden. Wie erschreckend hilflos steht auch eine technisch hochgerüstete Feuerwehr oft diesen Flächenbränden gegenüber. „Hirtenbilder“ weiterlesen

Tochter Zion….

Sacharja 9, (1-8) 9-12 (13 – 17)

1 Dies ist die Last, die der HERR ankündigt, im Hadrach, und auf Damaskus lässt sie sich nieder – ja, der HERR schaut auf die Menschen und auf alle Stämme Israels -, 2 dazu auf Hamat, das daran grenzt, auch auf Tyrus und Sidon, die doch sehr weise sind.

             War in den ersten acht Kapiteln des Buches der Blick ganz auf Jerusalem, mehr noch, auf den Zion ausgerichtet, so weitet er sich hier. Die Völker kommen ins Blickfeld, die Umwelt Israels. Der HERR schaut auf die Menschen. Es ist auch bei anderen Propheten zu beobachten, wie die Konzentration auf Israel nie dazu führt, dass vergessen wird, dass Israel Nachbarn hat und dass der Weg Israels nie ohne   diese Nachbarn zu verstehen ist. Das Land Hadrach, Damaskus, Hamat, Tyrus und Sidon werden ausdrücklich genannt. Vor allem zu Tyrus und Sidon gibt es viele Beziehungen, sind sie doch Hafenstädte und Israel, selbst keine Seefahrer-Nation, ist darauf angewiesen, gute Kontakte zu ihnen zu pflegen.

Eine Last wird angekündigt. Das Wort maṡṡaʼ kann „sowohl Last als auch „Ausspruch“ bedeuten; meist handelt es sich um ein Wort drohender Art.“(Luther 2017, Sach- und Worterklärungen, S. 345) Hier ist es wohl eher bedrohlich in seinem Klang.

  3 Denn Tyrus baute sich eine Festung und sammelte Silber wie Sand und Gold wie Dreck auf der Gasse. 4 Siehe, der Herr wird Tyrus erobern und wird seine Seemacht schlagen, und es wird mit Feuer verbrannt werden. 5 Wenn Aschkelon das sehen wird, wird es sich fürchten, und Gaza wird sehr angst werden, dazu Ekron, denn seine Zuversicht wurde zuschanden. Es wird aus sein mit dem König von Gaza, und in Aschkelon wird man nicht mehr wohnen, 6 und in Aschdod werden Mischlinge wohnen. Und ich will den Hochmut der Philister ausrotten. 7 Und ich will das Blut aus ihrem Munde wegnehmen und ihre Gräuel zwischen ihren Zähnen, dass auch sie unserm Gott übrig bleiben und wie ein Verwandter für Juda werden und Ekron wie die Jebusiter.

             Wenn ich summarisch zusammenfasse: Die Völker um Israel herum erfahren so etwas wie den Gottesschrecken. „All diesen Völkerschaften kündet Sacharja das Ende an.“ (F. Laubach, Der Prophet Sacharja, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1984, s. 99) Es wird ihnen nichts nützen, dass sie sich aufrüsten, eine Festung bauen, dass sie Kampftruppen wie ihre Seemacht haben. Sie, die sich zeitweise gegen Israel gestellt hatten, die oft genug Allianzen beigetreten waren, die Jerusalem gefährdeten, sie werden jetzt selbst in Furcht und Schrecken versetzt. Es sind Schrecken, hinter denen der Herr steht.

Es ist ein kurzer Weg von dieser Schilderung zu Psalm 46

Die Heiden müssen verzagen und die Königreiche fallen,             das Erdreich muss vergehen,                                                                wenn er sich hören lässt.                                                                    „Der Herr Zebaoth ist mit uns,“                                                                „der Gott Jakobs ist unser Schutz.“                                                  Kommt her und schauet die Werke des HERRN,                                 der auf Erden solch ein Zerstören anrichtet,                                         der den Kriegen steuert in aller Welt,                                                 der Bogen zerbricht, Spieße zerschlägt                                              und Wagen mit Feuer verbrennt.                                                       Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin!                                        Ich will der Höchste sein unter den Heiden,                                       der Höchste auf Erden.                          Psalm 46, 7 – 12

Dieser Psalm ist kein Lobgesang auf die militärische Stärke Israels. Auch die Worte bei Sacharja nicht. Es ist aber das Rechnen mit dem Gott, dessen Augapfel Israel (2,9) ist.

Am Ende lese ich dennoch so etwas wie eine „versteckte Verheißung“:  Der Rest der Philister, gereinigt vom alten Wesen, soll wie ein Stamm in Juda werden und die Bewohner Ekrons wie die Jebusiter. Da meldet sich die Hoffnung auf die Umkehr der Völker. Sie wird festgemacht in der Erwartung eines Handeln Gottes, dass diese Völker auf den Weg Israels führt.

Ob historisch fassbare Ereignisse hinter diesen Worten stehen, ist – für mich jedenfalls – unklar. Es gibt die Deutung auf den Sturmlauf Alexanders des Großen, dem die Region zum Opfer fällt. „Ein erster Schritt der Verwirklichung dieser Gerichtsdrohung erfolgte gegen Ende des 4. Jh. v. Chr. Alexander d.Gr. fasste nach dem Sieg bei Issus 333 v. Chr. der Plan, die persische Seeherrschaft zu brechen. Darum zog er nach Phönizien… Nur Tyrus, Mittelpunkt der persischen Schifffahrt im Mittelmeer leistete Widerstand.“ (F. Laubach, aaO. S. 100) Dieser Sturm des großen Mazedoniers wird im Danielbuch zum Teil sehr deutlich angesprochen. Er kann auch hier schon angedeutet sein. Aber die Worte bleiben so in der Schwebe, dass Vorsicht geboten erscheint.

8 Und ich will mich selbst als Wache um mein Haus lagern, sodass keiner dort hin- und herziehe und nicht mehr der Treiber über sie komme; denn ich sehe nun darauf mit meinen Augen.

             Der Abschluss der ersten Verse ist eine Beistands-Zusage. Gott selbst will die Wache um sein Haus sein. Hatte er 586 den Tempel den Feinden preisgegeben – jetzt tritt er selbst als Wächter auf.  Wieder legt sich der Bezug zu einem Psalm nahe.

 

 Wenn der HERR nicht die Stadt behütet,                                           so wacht der Wächter umsonst.                    Psalm 127,1

 Weil der Herr im hohen Himmel wacht, ist Jerusalem von nun an behütet und wachen auch die menschlichen Wächter auf den Zinnen nicht vergeblich.

Und auch die folgende Passage aus den Königsbüchern ist nicht weit entfernt von diesem Wort. Eine Heeresgruppe des Königs von Aram soll Elisa gefangen nehmen. Elisas Diener erblickt die Feinde und will schon alles verloren geben Aber Elisa tröstet ihn: Er sprach: Fürchte dich nicht, denn derer sind mehr, die bei uns sind, als derer, die bei ihnen sind! Und Elisa betete und sprach: HERR, öffne ihm die Augen, dass er sehe! Da öffnete der HERR dem Diener die Augen und er sah, und siehe, da war der Berg voll feuriger Rosse und Wagen um Elisa her.“ (2. Könige 6, 15-17) Elisa ist in Gottes Obhut. So auch hier: Weil Gott ein Auge auf die Stadt Jerusalem geworfen hat, darum ist sie sicher.

 9 Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin. 10 Denn ich will die Wagen vernichten in Ephraim und die Rosse in Jerusalem, und der Kriegsbogen soll zerbrochen werden. Denn er wird Frieden gebieten den Völkern, und seine Herrschaft wird sein von einem Meer bis zum andern und vom Strom bis an die Enden der Erde. 11 Auch lasse ich um des Blutes deines Bundes willen deine Gefangenen frei aus der Grube, in der kein Wasser ist. 12 Kehrt heim zur festen Stadt, die ihr auf Hoffnung gefangen liegt. Denn heute verkündige ich, dass ich dir zweifach erstatten will.

             Wie wechselt hier der Ton. Kein Wunder, dass man ursprünglich verschiedene Textteile vermutet. Und doch: Weil das Auge Gottes auf Jerusalem ruht, darum hat die Tochter Zion allen Grund zur Freude. Erst recht, wenn Gott sich in der Gestalt des Königs auf den Weg zu seiner Stadt macht.

Für mich ist kein Zweifel: Hier wird das Bild des kommenden Königs bewusst über das historische Maß hinaus aufgesprengt. Es geht nicht um irgendeinen König im Jahr 515 oder 500 oder auch 450. „Anscheinend wagt man in Juda nach dem Sieg Alexanders des Großen über Syrien, also unmittelbar nach dem Abzug der Perser, wieder so deutlich eine messianische Erwartung zu äußern, dass man gar das Wort „König“ in den Mund nimmt. Mit Alexanders Weltherrschaft sah man anscheinend eine neue Ära angebrochen, ohne aber in Alexander selbst seine Heilsfigur zu sehen.“ (Th. Pola /K. Offermann, Augen auf und durch, Texte zur Bibel 31, Neukirchen 2015, S. 87)So kann man den Text deuten, wenn man ihn zeitlich in die Jahre um 333 einordnet..

Ein Königmelek – ist angesagt. Ihm gilt der Aufmerksamkeitsruf: Siehe. Augen auf! Der Kommende wird in einer Weise charakterisiert, die die Macht-Attribute des Königtums doch auf den Kopf stellt. „Der Heilskönig wird einer sein, der Gottes Beistand genießt. `àni heißt hier nicht „arm“, jedenfalls nicht im wirtschaftlichen Sinne, sondern als Geisteshaltung:“demütig“. Auch damit ist die Gottesbeziehung gemeint. Der wahre König weiß seine Macht von Gott abhängig. Das heißt aber nicht, dass er ohnmächtig sein wird.“(H. Graf Reventlow, Die Propheten Haggai, Sacharja, Maleachi, ATD 25,2; Göttingen 1993. S. 95 )

Es geht um den kommenden König, der die Zeitenwende bringt. So sanftmütig er ist – er wird auch ein machtvoller Friedenskönig sein: Denn er wird Frieden gebieten den Völkern, und seine Herrschaft wird sein von einem Meer bis zum andern. Eine zeitgeschichtliche Einordnung wird in der Schwebe bleiben müssen. Es wird auch nicht ganz falsch sein: Das Bild des demütigen Friedenskönigs auf dem Esel ist ein Gegenbild gegen den stolzen, siegreichen, machtbewussten Mazedonier. Aber darin erschöpft es sich nicht. Und ob und in welcher Weise der Seher eine konkrete Gestalt vor Augen hat, die er so  sehen konnte, mit der er seine Worte in Einklang bringen konnte, ist kaum zu entschlüsseln.

Soviel aber steht für mich fest: Es ist gewiss Vorsicht geboten, in diesem Friedenskönig schon im Denken des Sacharja den Mann Jesus von Nazareth vorgeformt zu sehen, die Sicht des Sacharja über Jahrhunderte hinweg schon mit ihm zu verbinden. Wir als Leser heute, wir können und dürfen diese Worte zusammenschauen mit dem Einzug Jesu in Jerusalem. Wir lesen sie von unserer Glaubenserfahrung her.  Wir müssen uns allerdings dabei hüten, dass wir sie damit Israel nicht wegnehmen. Wir lesen sie nur über die Zeit hinaus.

Denn heute verkündige ich, dass ich dir zweifach erstatten will. Es liegt nahe, diesen Satz zusammen zu lesen mit dem Satz aus dem Trostbuch des Jesaja: „Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist; denn sie hat doppelte Strafe empfangen von der Hand des HERRN für alle ihre Sünden.“(Jesaja 40, 2, Luther 1984) Volle Strafe übersetzt Luther 2017. Salopp formuliert: Da ist keine Rechnung mehr offen. Es ist alles abgegolten durch das Exil. Darum ist der Weg zur Heimkehr auch frei.

13 Denn ich habe mir Juda zum Bogen gespannt und Ephraim darauf gelegt und will deine Söhne, Zion, aufbieten gegen deine Söhne, Griechenland, und will dich zum Schwert eines Helden machen. 14 Und der HERR wird über ihnen erscheinen, und sein Pfeil wird ausfahren wie der Blitz, und Gott der HERR wird die Posaune blasen und wird einherfahren in den Stürmen vom Südland. 15 Der HERR Zebaoth wird sie schützen, dass sie essen und Schleudersteine unter sich treten, dass sie trinken und lärmen wie vom Wein und voll werden wie die Opferschale und wie die Ecken des Altars.

             Wieder ist es der HERR, der den Feinden entgegen tritt. Ob mit dem Kampf gegen deine Söhne, Griechenland, eine Auseinandersetzung mit Alexander dem Großen ins Spiel gebracht wird, muss nach meiner Einschätzung offen bleiben. Vielleicht ist Griechenland ja nur ein Symbol-Name für eine neue Übermacht. Allerdings stellt auch diese Möglichkeit die Frage nach der zeitlichen Einordnung dieser Worte. Am leichtesten verständlich sind sie für eine Zeit, in der die Militärmacht Griechenland schon im Blick ist, also in der Alexander-Zeit Aber die Ankündigung eines erfolgreichen Widerstandes von Juda, Ephraim und Zion  wäre, konkret auf Alexander bezogen, Verdrehung der historischen Wahrheit: Alexander hat das ganze Gebiet regelrecht überrannt.

             So martialisch solche Texte auch in unseren Ohren klingen, sie sind in Wahrheit doch ein Vorbehalt gegen den hemmungslosen Gebrauch der Waffen und gegen die Verherrlichung des Krieges. Es ist Gottes Sache, sein Volk zu schützen. Gott aber ist kein Papiertiger. Er hat Macht. Daran hält Israel neu fest, auch nach allen Erfahrungen der katastrophalen militärischen Niederlagen: Unser Gott ist stark. Die Propheten eignen sich nicht für Parolen, die zum Aufgeben und Klein-beigeben aufrufen.

 16 Und der HERR, ihr Gott, wird ihnen zu der Zeit helfen, der Herde seines Volks; denn wie edle Steine werden sie in seinem Lande glänzen. 17 Ja, wie gut es ist und wie schön! Korn lässt Jünglinge und Wein lässt Jungfrauen blühen.

Das ist ein Komplementär-Ausdruck zu dem Bild vom Augapfel. Israel ist in den Händen Gottes, und nur so, wie ein Edelstein. „Gott erhebt sein Volk wieder zu paradiesischer Schönheit und Fruchtbarkeit.“ (F. Laubach, aaO. S. 110) Das steht im krassen Gegensatz zur erfahrenen Wirklichkeit der Rückkehrer aus dem Exil in den Jahren nach dem Neuanfang. Erklärlich wird so etwas nur, wenn man die Größe Gottes in Anschlag bringt und dass er Israel in Händen hält und sein Angesicht auf es richtet. Zukunft hat Israel, weil Gott es in seinen Händen hält und lieb hat!

Von der Sache her erinnere ich hier an Martin Luther. „Die Liebe Gottes findet ihren Gegenstand nicht vor, sondern schafft ihn sich erst. Menschliche Liebe entsteht an ihrem Gegenstand“ – „Denn die Sünder sind deshalb schön, weil sie geliebt werden, sie werden nicht deshalb geliebt, weil sie schön sind.“ (1518 in der Heidelberger Disputation – 28. These) So also ist Israel ein Edelstein, weil der Herr es als Edelstein ansieht. Sein Sehen schafft den Glanz Israels.

 

Heiliger Gott, immer wieder sprichst Du, sagst uns Dein Wort, schenkst uns Deine Verheißungen, rufst uns auf Deinen Weg.

Wie oft steht uns im Weg, wie wir vorher gelebt haben, Wir hängen fest in der alten Spur wie in ausgefahrenen Weggleisen.

Danke, dass Du auch dann nicht aufhörst, nach uns festgefahren und festgelegten Menschen zu rufen. Du glaubst an unsere Kraft zu neuen Anfängen. Amen

 

Gottesgerücht

Sacharja 8, 1 – 3. (4-13). 14- 23

1 Und es geschah des HERRN Wort: 2 So spricht der HERR Zebaoth: Ich eiferte um  Zion mit großem Eifer und mit großem Zorn eiferte ich um seinetwillen. 3 So spricht der HERR: Ich kehre wieder auf den Zion zurück und will zu Jerusalem wohnen, dass Jerusalem „Stadt der Treue“ heißen soll und der Berg des HERRN Zebaoth „heiliger Berg“.

             Der Zion ist Gott nicht gleichgültig. Das zeigt sich in der Liebe, im Eifer wie im Zorn. „Die hebräischen Worte qӕzӕph, Zorn, qinʼah, Eifer und chemah, Glut, Zorn sind in ihrer Bedeutung nahe verwandt.“(F. Laubach, Der Prophet Sacharja, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1984, S. 85) Zorn Eifer und darin die Liebe  zeigen sich auch in seiner Rückkehr auf den Zion. Dahinter steht offensichtlich die Vorstellung, dass Gott mit der Zerstörung des Tempels auch die Stadt verlassen hatte. Beim Propheten Hesekiel gibt es ja ein inneres Ringen um das Verstehen: Gott ist nicht menschenlos auf dem Zion zurück geblieben (Hesekiel 11, 22-25). Hier nun ist der umgekehrte Weg im Blick: Die Heimgekehrten sind auch in einem verwüsteten Jerusalem und mit den Trümmern des Tempels vor Augen nicht aus der Gegenwart Gottes heraus gefallen. Er ist da, wieder da. Es gibt einen Neuanfang für den Zion. Dieser Neuanfang schlägt sich auch in den Namen wieder: Stadt der Treue“ und „heiliger Berg“. Diese beiden Namen  sind nicht nur einfach Benennungen, sie „sind ein Zeichen dafür,  dass Gott etwas völlig Neues beginnt.“(F. Laubach, aaO. S. 87)

 4 So spricht der HERR Zebaoth: Es sollen hinfort wieder sitzen auf den Plätzen Jerusalems alte Männer und Frauen, jeder mit seinem Stock in der Hand vor hohem Alter, 5 und die Plätze der Stadt sollen voll sein von Knaben und Mädchen, die dort spielen.

             Das Bild für diesen Neuanfang sind die belebten Plätze Jerusalems. Alte und Junge finden dort ihren Platz. Sie müssen nicht arbeiten, sie können sitzen und spielen. Es ist sicher kein Zufall, dass hier Bilder auftauchen, wie sie auch Jesaja kennt: „Ich will fröhlich sein über Jerusalem und mich freuen über mein Volk. Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens. Es sollen keine Kinder mehr da sein, die nur einige Tage leben, oder Alte, die ihre Jahre nicht erfüllen, sondern als Knabe gilt, wer hundert Jahre alt stirbt, und wer die hundert Jahre nicht erreicht, gilt als verflucht. Sie werden Häuser bauen und bewohnen, sie werden Weinberge pflanzen und ihre Früchte essen.“ (Jesaja 65, 19-21) Was da in Jerusalem anfängt, soll im Himmel an sein Ziel gelangen. Die Erde ist als Ort der Erfüllung zu klein.

Es sind alters-adäquate Verhaltensweisen – die Alten dürfen ausruhen, die Kinder in das Leben hineinwachsen. In armen Gesellschaften ist das anders – da müssen Alte bis zu ihrem Sterben arbeiten und Kinder haben keine Zeit, Kinder zu sein, weil auch sie arbeiten müssen, oft genug für einen Hungerlohn. So malen die Worte nicht das Bild eines kargen Neuanfanges, sondern da ist Wohlstand, weil Gott da ist.  Zugleich: das sind Hoffnungsbilder, die weit über die konkreten Erfahrungen in der Zeit des Sacharja hinausreichen.   „Gottesgerücht“ weiterlesen

Wem zugute?

Sacharja 7, 1 – 14

 1 Und es geschah im vierten Jahr des Königs Darius am vierten Tag des neunten Monats, der Kislew heißt, dass des HERRN Wort zu Sacharja geschah.

             Manchmal werden biblische Texte sehr genau, was die Zeit angeht. So auch hier.  Am 7. Dezember 518 geschieht das Wort des HERRN zu Sacharja. Mir fällt auf: Es heißt nicht „zu mir“, sondern von Sacharja wird in der 3. Person gesprochen, als würde ein anderer über ihn berichten. Ich bin mir nicht sicher, was das zu bedeuten hat. Es kann Hinweis auf eine Art „Fremdbericht“ sein. Ein anderer hat aufgeschrieben, was Sacharja erfahren hat. Vielleicht ist aber auch  ja nur ein Signal: Es geht nicht um mich, sondern um den Auftrag, um die Botschaft. Das genannte Datum liegt ziemlich genau 70 Jahre nach der Zerstörung Jerusalems im Jahr 586

 2 Damals sandte Bethel den Sarezer und den Regem-Melech mit seinen Leuten, um den HERRN anzuflehen, 3 und ließ die Priester, die zum Hause des HERRN Zebaoth gehörten, und die Propheten fragen:

             Zwei Leute werden gesandt. In der Übersetzung des ATD  wird aus Bethel den Sarezer  der Name Bet-el-sar-eser und das hieße dann auf  Deutsch „Bethel beschirme den König“ (H. Graf Reventlow, Die Propheten Haggai, Sacharja, Maleachi, ATD 25,2; Göttingen 1993. S. 75) ) Ein Name aus alter Zeit, wie eine Erinnerung und eine Hoffnung zugleich.

             Es ist nicht klar, woher die beiden Gesandten kommen, ob aus dem Exil oder aus dem Umfeld Jerusalems. Es liegt nahe: Sie kommen aus der Stadt Bethel. Ebenso unklar ist, zu wem sie gesandt sind. Geht ihre Sendung an Sacharja, der ihre Fürbitte, ihr Flehen sich zu eigen machen soll? Das könnte dazu passen, dass es eine der Aufgaben der Propheten sein kann, fürbittend für das Volk einzustehen. Oder geht sie doch an die Priester, und Sacharja wäre dann ein Mittler ihrer Anfrage? Für mich bleibt das ein wenig in der Schwebe. Das liegt auch daran, dass es ja noch keinen fertig gestellten Tempel in Jerusalem gibt. Dann wäre der Zielort der Sendung ja klarer.  „Wem zugute?“ weiterlesen

Krönung

Sacharja 6. 9 – 15

9 Und des HERRN Wort geschah zu mir: 10 Nimm von den Weggeführten, von Heldai und von Tobija und von Jedaja, und komm du am selben Tag, komm in das Haus Joschijas, des Sohnes Zefanjas, wohin sie von Babel gekommen sind,  11 nimm Silber und Gold und mache Kronen und kröne das Haupt Jeschuas, des Hohenpriesters, des Sohnes Jozadaks, 12 und sprich zu ihm:

             Keine Vision, sondern ein Auftrag. Es ist  des HERRN Wort, das Sacharja in Bewegung setzt. Es fällt mir auf, ohne dass ich es gleich zu deuten wüsste. Sacharja sagt: Es geschah zu mir. „Wort-Ergehens-Formel“ nennen die Exegeten diese Wendung. Sacharja ist unmittelbar in Anspruch genommen. Nicht vermittelt, indirekt, sondern von Gott selbst. Bei den Visionen sagt er: Ich hob meine Augen auf (2,1; 5,1; 6,1)  und die Worte an ihn sind Engelsworte. Hier aber: Des HERRN Wort. 

             Dieses Wort lässt ihn Weggefährten suchen und finden. Was Sacharja tun wird, ist kein prophetischer Alleingang. Weggefährten von den Weggeführten, Heldai, Tobija und Jedaja. So werden also die Heimkehrer neu gewürdigt. Sie sind mit dabei, wenn es zu neuen Schritten kommen wird.  Es sind drei, die mit ihm gehen werden. Ob sie Silber und Gold als Spende für den Wiederaufbau des Tempels mitgebracht haben? Ob sie in dieser Dreier-Zahl Pate gestanden haben für „unsere“ Drei Weisen? Wir erfahren nichts darüber. Manchmal ist Sacharja nicht sonderlich auskunftsfreudig.

Sie haben einen ebenso klaren wie anspruchsvollen Auftrag und er duldet keinen Aufschub: am selben Tag. „Das hebräische bajom hahuʼ kann heißen: an jenem Tag, der zur Offenbarungsnacht gehört; denn der Tag geht von einem Abend bis zum nächsten Abend.“ (F. Laubach, Der Prophet Sacharja, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1984, S. 74)Sie sollen Jeschua, den Hohenpriester krönen. Aber nicht zum König. Das Königtum ist in Juda mit dem Untergang Jerusalems und dem Ende der Davids-Dynastie Geschichte. Was also soll diese Krönung?       „Krönung“ weiterlesen

Es ist eine Ruhe vorhanden

Sacharja 6, 1 – 8

 Und ich hob meine Augen abermals auf und sah, und siehe, da waren vier Wagen, die kamen zwischen den zwei Bergen hervor; die Berge aber waren aus Kupfer. 2 Am ersten Wagen waren rote Rosse, am zweiten Wagen waren schwarze Rosse, 3 am dritten Wagen waren weiße Rosse, am vierten Wagen waren scheckige Rosse, allesamt stark. 4 Und ich hob an und sprach zum Engel, der mit mir redete: Mein Herr, wer sind diese?

    Wagen sieht der Seher. Sehr wahrscheinlich Kampfwagen. „Das hebräische Wort mӕrkabah, das hier steht ist gleichbedeutend  mit dem hebräischen rekeb;  beide Worte sind austauschbar und bezeichnen an fast allen Stellen, wo sie vorkommen, Kriegswagen.(F. Laubach, Der Prophet Sacharja, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1984, S. 69)Also keine Kutschen für Spazierfahrten. Sie werden von verschiedenfarbigen Pferden gezogen. Dieses Bild mit den verschiedenfarbigen Pferden wiederholt sich in der Offenbarung(6, 1 – 8). Aber dort sind es nicht Pferde, die einen Wagen ziehen, sondern Reitpferde. Und es kommt dort vor allem auf die Reiter an, die jeder ihre eigene „Funktion“ im Geschehen haben. In den „Apokalyptischen Reitern“ Dürers ist das Offenbarungsbild ins Bild gesetzt worden.

Der Seher sieht, aber er versteht nicht. Das zieht sich ja durch das Sacharja-Buch als ein roter Faden. Und dieses andauernde Unverständnis macht darauf  aufmerksam, dass das Verstehen himmlischer Botschaften sich eben nicht von selbst versteht, auch nicht für Gottesgelehrte, Theologen. Es braucht den „Mittlerengel“, den angelus interpres, den Boten, der das Gesehene zu deuten vermag. Wenn das Bild nicht entschlüsselt werden kann, hilft es nicht. Ohne Engel sind wir aufgeschmissen. Verstehen nicht und kriegen auch nichts mit – wie damals in Bethlehem, wo eine ganze Stadt alles verschlafen hat. Nur auf dem Hirtenfeld kam die Botschaft an – durch die Engel. „Es ist eine Ruhe vorhanden“ weiterlesen

Land ohne Sünde

Sacharja 5, 1 – 11

Und ich hob meine Augen abermals auf und sah, und siehe, da war eine fliegende Schriftrolle. 2 Und er sprach zu mir: Was siehst du? Ich aber sprach: Ich sehe eine fliegende Schriftrolle, die ist zwanzig Ellen lang und zehn Ellen breit.

             Ich verstehe nicht wirklich. Eine überdimensionierte Schriftrolle fliegt durch den Himmel. Nicht geworfen. Sie fliegt. Aus eigenem Antrieb? Sacharjas Ratlosigkeit diesem Gesicht gegenüber zeigt sich in der scheinbar völlig nebensächlichen Feststellung der Größenverhältnisse der Schriftrolle. „Sie ist überdimensional groß, so dass keine menschliche Hand sie zu halten vermag. Die Maße werden mit etwa 10 m Länge und 5m Breite angegeben.“ (F. Laubach, Der Prophet Sacharja, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1984, S.61)

 3 Und er sprach zu mir: Das ist der Fluch, der ausgeht über das ganze Land; denn alle Diebe werden nach dieser Schrift von hier ausgefegt und alle Meineidigen werden nach dieser Schrift von hier ausgefegt. 4 Ich will ihn ausgehen lassen, spricht der HERR Zebaoth, dass er kommen soll über das Haus des Diebes und über das Haus dessen, der bei meinem Namen falsch schwört. Und er soll in dem Haus bleiben und soll’s verzehren samt seinem Holz und seinen Steinen.

 Wichtiger als die Ausmaße wäre doch zu wissen, was auf der Schriftrolle steht. Hier kann man nur aus dem Zusammenhang vermuten. Es müssen Worte sein, die den Diebstahl und den Meineid ächten. Die einzelne Übertretung macht sichtbar: Das ganze Gebot Gottes wird missachtet.  Das Ausmaß der Missachtung der Gebote ist so groß, dass es sich in der Größe der Schriftrolle spiegelt. Dann wäre die Größenangebe doch nicht völlig überflüssig. Sie leitet sich aus dem Übermaß der Sünde ab und signalisiert zugleich das Gewicht des Fluches, der ausgeht über das ganze Land. Sie muss wohl deshalb so groß sein, weil auf ihr die Unsumme aller Übertretungen verzeichnet ist.

Es gilt festzuhalten: Das Gebot ist da, vom Himmel her. Aber hier ist es nicht Wort, das leitet, sondern Wort, das richtet. Da kommt einer – mit den Anklagen dieser Schriftrolle! Und er kommt als Richter. Ein Fluch kommt. Keine Person, sondern ein Wort, Fluch als ein Gerichtswort. Und es werden eine Menge Gründe angedeutet, die sein Kommen zum Gericht  rechtfertigen – Diebstahl und falsche Eide zuerst. Aber sie sind wohl nur die Spitze des Eisberges. Die Schrift an der Wand fällt mir ein – gezählt, gewogen und zu leicht befunden (Daniel 5).  Aber ob es das ist? Nur so viel scheint mir deutlich, dass es keine freundliche, keine tröstliche Vision ist, sondern eher eine, die Furcht auslöst.  „Land ohne Sünde“ weiterlesen

Fragen, Fragen

Sacharja 4, 1 – 14

1 Und der Engel, der mit mir redete, weckte mich abermals auf, wie man vom Schlaf erweckt wird, 2 und sprach zu mir: Was siehst du? Ich aber sprach: Ich sehe, und siehe, da steht ein Leuchter, ganz aus Gold, mit einer Schale oben darauf, auf der sieben Lampen sind und sieben Schnauzen an jeder Lampe, 3 und zwei Ölbäume dabei, einer zu seiner Rechten, der andere zu seiner Linken.

             Sacharja wird aufgeweckt, als ob er zuvor geschlafen hätte. Ist es also Erinnerung, was er sieht, und es müsste in Wahrheit heißen: Was hast Du im Schlaf gesehen? Es kann aber auch so sein – das nachfolgende Bild erscheint vor den Augen des aufgeweckten Sacharja. Er muss wach sein, damit er sehen kann. Was er sieht, ist so auf jeden Fall kein Traumgesicht. Er sieht Kult-Gegenstände. Ein Leuchter, eine Schale, sieben Lampen, zwei Ölbäume. Eine Menorah – das Urbild des siebenarmigen Leuchters. Sacharja, der im Exil geboren ist und nie den Tempel gesehen hat, der sieht nun doch diesen Leuchter, „die einzige Lichtquelle im Heiligtum (erg.: in Jerusalem) und das Licht seiner Lampe sollte nie verlöschen“ (F. Laubach, Der Prophet Sacharja, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1984,Ss. 55)  Was Sacharja sieht, ist Ausstattung des Tempels. Meine Vermutung: Es ist eine Eingangs-Situation – ob am Tempel, ob zum Himmel, das ist unklar. Aber es geht um Zugang, wie auch immer.

 4 Und ich hob an und sprach zu dem Engel, der mit mir redete: Mein Herr, was ist das? 5 Und der Engel, der mit mir redete, antwortete und sprach zu mir: Weißt du nicht, was das ist? Ich aber sprach: Nein, mein Herr.

             Mit meinen unsicheren Fragen bin ich in guter Gesellschaft. Sacharja weiß auch nicht zu deuten, was er da sieht. Er ist auf den Engel angewiesen. Das ist wohl oft so: Ohne Engel, ohne die Boten aus der Wirklichkeit Gottes, sind wir aufgeschmissen. Wir sehen nur, was vor Augen ist. Wir sehen nicht die tiefere Wirklichkeit, des Himmels, Gottes. Wenn man so will: wir Menschen sind von Natur aus oberflächlich und nicht tiefgründig. Auch wir Deutschen mit unserem Hang zum Tiefsinn nicht.

Die Gegenfrage des Engels hört sich fast erstaunt an: Du kommst aus einem Priestergeschlecht und weißt das nicht? Es scheint für den Engel nicht vorstellbar, das durch das Exil das Wissen um die inneren Zusammenhänge des Tempels mit dem Handeln Gottes verloren gegangen ist. Mit fällt zu der Engelrückfrage eine neutestamentliche Parallele ein: Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist ein jeder, der aus dem Geist geboren ist. Nikodemus antwortete und sprach zu ihm: Wie mag das zugehen? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Du bist Israels Lehrer und weißt das nicht?“(Johannes 3, 8-10) So also ist es: auch die Gottesgelehrten, auch die Propheten wissen und verstehen nicht immer alles und schon gar nicht alles gleich, sofort. Das ist auch – irgendwie – tröstlich.

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