Wo ist Zuflucht?

Nahum 3, 1 – 19

1 Weh der mörderischen Stadt, die voll Lügen und Räuberei ist und von ihrem Rauben nicht lassen will! 2 Man hört die Peitschen knallen, die Räder rasseln, die Rosse jagen, die Wagen rollen. 3 Reiter rücken herauf mit glänzenden Schwertern und mit blitzenden Spießen. Da liegen viele Erschlagene, eine Unzahl von Leichen; ihrer ist kein Ende, sodass man über sie fallen muss.

             Immer noch: Meldungen des Korrespondenten Nahum aus Ninive. Es sind die Bilder eines Vormarsches, eines Einmarsches, der nicht stillsteht, den eine Unzahl von Leichen am Straßenrand kennzeichnet. Bilder, wie sie Kriege und Vormärsche bis heute liefern. Ninive ist überall.

4 Das alles um der großen Hurerei willen der schönen Hure, die mit Zauberei umgeht, die mit ihrer Hurerei die Völker und mit ihrer Zauberei Land und Leute an sich gebracht hat.

             Es ist eine eingeschobene Deutung. Ninive zerbricht an seinem eigenen Verhalten. Es hat Völker verführt, weil es sie verlockt hat. Es hat die Völker verführt, sie angelockt durch das Versprechen „politischer, kultureller organisatorischer Vorteile“.(G. Maier, Nahum, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1986, S. 46) Es hat sie gelockt mit der Befriedigung eigener Interessen im Mitmachen. Die Völker aber  sind der Verblendung durch den Erfolg anheimgefallen. Jetzt, wo der Erfolg von Ninive gewichen ist, weichen sie zurück. So wie man sich als Freier von der Hure zurückzieht.

 5 Siehe, ich will an dich, spricht der HERR Zebaoth; ich hebe den Saum deines Gewandes über dein Angesicht und zeige den Völkern deine Blöße und den Königreichen deine Schande. 6 Ich werfe Unrat auf dich, schände dich und mache ein Schauspiel aus dir, 7 dass alle, die dich sehen, vor dir fliehen und sagen: Ninive ist verwüstet; wer will Mitleid mit ihr haben? Und wo soll ich dir Tröster suchen?

             Jetzt wird der Blick auf den gelenkt, der hinter dem Geschehen steht. Gott, der HERR Zebaoth, nimmt das Wort. Es ist eine Bildersprache, die Vergewaltigung anklingen lässt. „Entblößen bedeutet, die Schuld aufdecken, den anderen beschämen. Wenn das Kleid über das Angesicht gelegt wird, kann die Frau nicht mehr sehen, wer sie vergewaltigt.“(G. Maier, aaO. S. 47) Die Stadt Ninive wird entblößt, preisgegeben, zum Schauspiel gemacht.  Es ist geradezu eine Flut an Maßnahmen, die alle nur ein Ziel kennen: die Stadt der Gewalttäter zu erniedrigen. Sie spüren zu lassen, wie es ist, wenn man der größeren Gewalt wehrlos ausgeliefert ist.

Dennoch: man wird fragen dürfen, mehr noch fragen müssen, ob diese Gewalt zu rechtfertigen ist. Es ist ein Versuch: Ninive wird „zum Schaustück dafür, dass Gott das Geschick derer zu wenden weiß, die der Macht so wehrlos ausgeliefert waren.“ (L. Perlitt, Nahum, ATD 25,1, Göttingen 2004, S. 29) Die bange Frage ist doch: wird damit Gott nicht wie die, deren Macht er so zerbricht – selbst gewalttätig. „Wo ist Zuflucht?“ weiterlesen

Trügerische Stärke

Nahum 2, 1 -14

 1 Siehe auf den Bergen die Füße eines guten Boten, der da Frieden verkündigt! Feiere deine Feste, Juda, und erfülle deine Gelübde! Denn es wird der Ruchlose nicht mehr über dich kommen; er ist ganz ausgerottet.

             Friedensboten sind Freudenboten. Erst recht, wenn sich ihre Botschaft mit der Beistands-Zusage Gottes verbindet. Ein Wort, wie es auch bei einem anderen Propheten zu finden ist. „Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße des Freudenboten, der da Frieden verkündigt, Gutes predigt, Heil verkündigt, der da sagt zu Zion: Dein Gott ist König!“(Jesaja 52,7) Bei Jesaja ist es im Zusammenhang der Rückkehr zum Zion hinein gesprochen – der Heimweg wird angekündigt.

Hier, bei Nahum ist die Situation eine andere „Nur ein einzigesmal ist das Wort überhaupt an Juda gerichtet, und zwar durch den Freudenboten, der dazu auffordert, die Stunde des Festes vor Jahwe wahrzunehmen.“(G. von Rad, Theologie des AT, Bd. II, München 1960, S. 195) Der Hintergrund dürfte sein: der drohende Feind ist besiegt. Weil Die Herrschaft der Assyrer in den Jahren um 610 im Zusammenbrechen begriffen ist, kann Juda aufatmen. šālôm – Heil, Frieden ist vor den Türen. Das ist umfassend, nicht nur politische Befriedung, nicht nur gesellschaftlicher Friede, nicht nur Ruhe und Ordnung.  Ein Friede, der es erlaubt, wieder Feste zu feiern. Gemeint ist wohl „die Wiederaufnahme des geordneten gottesdienstlichen Lebens in Jerusalem.(L. Perlitt, Nahum, ATD 25,1, Göttingen 2004, S. 15) Die angstvolle Lähmung vor dem drohenden Unheil weicht einer neuen Freude an Gott.

Es ist ein Trostwort und eine Aufforderung in einem. Ein Wort, dass widerstandsfähig macht gegen die Angst. Wer Gottesdienst feiert, wer seinen Gott wieder feiert, der hält es sich ja vor Augen: die Welt ist nicht an die Mächtigen ausgeliefert. Wir brauchen diese Erinnerung an Gott, nicht nur ab und zu, sondern oft, damit unsere Herzen fest werden. Das ist das Geheimnis alle Rituale: sie gründen unser Herz in einem Grund, den wir nicht selbst gelegt haben, in der bergenden Gegenwart Gottes. Diese Erfahrung steht hinter den auf den ersten Blick so idyllischen Worten:

„Du durchdringest alles; lass dein schönstes Lichte,                                                  Herr, berühren mein Gesichte.
Wie die zarten Blumen willig sich entfalten und der Sonne stille halten,
lass mich so still und froh deine Strahlen fassen und dich wirken lassen.“                                            G.
Tersteegen 1729, EG 165

Wer sich so Gott hinhält, wieder und wieder,  gewinnt und erwirbt Widerstandskraft- neudeutsch: Resiliienz.

 2 Es ist gegen dich heraufgezogen, der dich zerstreut. Bewahre die Festung! Gib acht auf die Straße, rüste dich aufs Beste und stärke dich aufs Gewaltigste! – 3 Denn der HERR erneuert die Pracht Jakobs wie die Pracht Israels, denn Verwüster haben sie verwüstet und ihre Reben verderbt.

Es ist eine unübersehbare Spannung – hier das Heilswort, offensichtlich für Juda und dem gegenüber die Androhung einer Belagerung. Oder sind diese Worte noch der nachklang der Gefahr, in der Jerusalem sich befunden hat? „V. 3  steht mit dem Bezug auf Jakob so sperrig in diesem Ninive-Kontext, dass ein ursprünglicher Zusammenhang ausgeschlossen ist.“ (L. Perlitt, aaO. S. 19) Es wäre einfach, wenn die Reihenfolge von V. 2 und V. 3 zu vertauschen wäre. Dann ginge das Heilswort gegen Jerusalem den Schilderungen der Belagerung und Eroberung von Ninive voraus.

Nimmt man Abstand von einer Umstellung, bleibt nur ein Weg zum Verstehen: Der Seher sieht wie im Zeitraffer die Vergangenheit – Bedrohung Jerusalem und die heranziehende Zukunft – Wiederherstellung Jerusalems und Fall Ninives zusammen.  Er unterliegt in seinen Worten nicht unserer linearen Logik – er kann doppelsichtig denken und ansagen.

4 Die Schilde seiner Starken sind rot. Sein Heervolk ist in Purpur gehüllt. Feurig leuchten die Beschläge der Wagen, wenn er sie aufstellt. Die Rosse rasen, 5 die Wagen rollen auf den Gassen und rasseln auf den Plätzen; sie glänzen wie Fackeln und fahren einher wie die Blitze. 6 Er gedenkt an seine Gewaltigen, sie stürzen heran auf ihren Wegen, sie eilen zur Mauer, und aufgerichtet wird das Schutzdach. 7 Schon sind die Tore an den Wassern geöffnet, es wankt der Palast. 8 Die Königin wird gefangen weggeführt, und ihre Jungfrauen seufzen wie die Tauben und schlagen an ihre Brust.

             Es ist wie der Bericht eines Korrespondenten heute aus einer entfernten Hauptstadt. Nahum meldet sich zur Lage aus Ninive. Er verharrt der Prophet bei der Schilderung der Heermacht des Feindes. Es ist eine eindrucksvolle Beschreibung – man sieht förmlich denn Aufmarsch der Truppen vor sich, ihr Heranrücken, das kaum noch zu stoppen sein wird. Der Belagerungswall ist gezogen, die Tore stehen offen. Der Feind bricht in die Stadt ein.

9 Ninive ist wie ein voller Teich, aber seine Wasser müssen verrinnen. »Steht, steht!«, ruft man, aber niemand wendet sich um. 10 So raubt nun Silber, raubt Gold! Denn hier ist der Schätze kein Ende und die Menge aller kostbaren Kleinode. 11 Nun muss sie verheert und geplündert werden, dass aller Herzen verzagen und die Knie schlottern, aller Lenden zittern und aller Angesicht bleich wird.

             Die Frage stellt sich: Wird hier die Eroberung Ninives angedeutet? Die Eroberung der Haupt-Stadt der Weltmacht? Die wie ein voller Teich ist, gefüllt mit Silber, Gold, Schätzen ohne Ende. Das ist das Ergebnis der Raubzüge der Assyrer – sie haben weggeschleppt, was zu kriegen war. Ihre Stadt ist reich an Beutekunst. Dieser Teich wird leer gefischt. „Die Plünderer werden geplündert.“ (G. Maier, Nahum, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1986, S. 41)

 12 Wo ist nun die Wohnung der Löwen und die Höhle der jungen Löwen, wo der Löwe und die Löwin mit den jungen Löwen herumliefen und niemand wagte, sie zu scheuchen? 13 Der Löwe raubte genug für seine Jungen und würgte für seine Löwinnen. Seine Höhlen füllte er mit Raub und seine Wohnung mit dem, was er zerrissen hatte.

             Noch einmal wechselt das Bild: Nicht mehr ein friedlicher Teich, sondern die gefährliche Höhle des Löwen. Ninive – eine Stadt wie die Höhle von Löwen. Aber diese Höhle, die wohl gefüllt ist mit Raubgut, wird erobert, nicht standhalten können. Mit der Macht der Löwen ist es vorbei.

 14 Siehe, ich will an dich, spricht der HERR Zebaoth, und deine Wagen anzünden, und das Schwert soll deine jungen Löwen fressen. Und ich will deinem Rauben ein Ende machen auf Erden, dass man die Stimme deiner Boten nicht mehr hören soll.

             Es ist Gott, der HERR Zebaoth der diese Raubtierhöhle dem Untergang preisgibt. Siehe, ich will an dich. Alle Welt zittert vor Ninive, aber Gott macht ihrer Macht ein Ende. Es wird wohl so sein, auch wenn es der Tröster Nahum nicht ausdrücklich sagt: Dass Gott sich um die Feinde „kümmert“, dient der Rettung Judas. Es  kommt ein anderes Heer, herbeigerufen durch den Willen Gottes, das stürmt  die stolze Stadt.

Zum Weiterdenken  

„Auf Gestohlenem ruht kein Segen.“(G. Maier, ebda.) Dass ist eine so lapidare Feststellung, die sich aus dem Geschick Ninives ergibt. Was die Assyrer aus aller Welt zusammengeraut hatten, geht wieder verloren. Es ist kein Segen auf der Beute der Raubzüge. Darf man diesen Satz verallgemeinern – in die Geschichte heute hinein, auch die deutsche Geschichte? Die Eroberungsfeldzüge der Wehrmachts-Truppen sind in sich zusammen gebrochen. Aber bis heute tut Deutschland, die Bundesrepublik, sich schwer damit, sich von so manchen Beutestücken wieder zu trennen. Von der Beutekunst aus NS-Zeiten, von der Beute-Kunst aus Kolonialzeiten, von der Beutekunst aus Zeiten der Archäologie, in der es noch keine strengen Regeln gab.

Für die heuten Leser*innen ist es eine Zumutung: dass Gott hier als der auftritt, der den Krieg gegen Ninive anzettelt. Unsere Zeit fremdelt mit Sätzen, wie sie der Psalmbeter ausspricht:

„Kommt her und schauet die Werke des HERRN,                                                             der auf Erden solch ein Zerstören anrichtet,                                                                      der den Kriegen ein Ende macht in aller Welt,                                                                  der Bogen zerbricht, Spieße zerschlägt und Wagen mit Feuer verbrennt.“                                     Psalm 46, 9-10

Gott wirft nicht mit Wattebäuschen, um den Kriegen ein Ende zu machen. Er steuert (so die alte Lutherübersetzung bis 1964) die Kriege so, dass sie ein Ende finden. Gott ist den Kriegen nicht ohnmächtig ausgesetzt und nicht hilflos gegenüber. Es ist die Erwartung und Prophetie Nahums: Gott ist kriegsmächtig zugunsten seines Volkes.

 

Du, Gott, bist mächtig. Du bist nicht nur der ohnmächtige Gott, der dem Treiben der Welt zusehen muss, weil er keine Divisionen ins Feld führen kann. Du bist nicht der Ohnmächtige, weil du Dich selbst entwaffnet hättest, auf Frieden um jeden Preis festgelegt.

Du greifst ein in den Gang der Geschichte. Du willst, dass Menschen ihre Macht nützen, um der Gewalt zu wehren, um die Ungerechtigkeit zu überwinden, um Frieden zu schaffen, der allen zugutekommt.

Gib Du doch, dass wir unsere Sinne darauf richten, Schritte des Friedens einzuüben, die das Unrecht eindämmen, die dem Leben Raum schaffen, die Deinen Willen zum Heil spiegeln.

Leite du uns dazu durch Deinen Geist. Amen

 

Ninive wird untergehen

Nahum 1, 1 – 14

1 Dies ist die Last für Ninive, das Buch der Weissagung Nahums aus Elkosch.

 Eine Überschrift, die einer Schlagzeile gleicht. Es wird um Ninive gehen. Um die Stadt, die für eine gnadenlose Weltmacht steht, die von Sieg zu Sieg geeilt ist. Der Prophet allerdings sieht nicht die Siege – er sieht die Last, die auf Ninive zu liegen kommen wird. Das hebräische maṥṥa᾽ – bedeutet Last oder Ausspruch als „Überschrift über prophetischen Unheilsankündigungen gegen fremde Völker.“(L. Perlitt, Nahum, ATD 25,1, Göttingen 2004, S. 5)

 Das wird dieses Buch – man könnte auch sagen: diese Aufzeichnung kennzeichnen. Es ist eine einmalige Überschrift im Alten Testament. Kein anderes Prophetenbuch wird so angekündigt. Es steht nicht gut um die Weltmacht sagt der Prophet mit Namen Nahum, ein Namen, in dem der Wortstamm  für „trösten“ mitschwingt. Nahum – ein Tröster? Es ist ein Name, der im ganzen Alten Testament nur hier vorkommt, der – zufällig? – im Dorfnamen κεφαρναουμ – Kapernaum – Dorf des Nahum weiterlebt.

Mir scheint es für das ganze Buch eine wichtige Seh-Hilfe: „Der Prophet eifert nicht für den Sieg seines eigenen Volkes als solchen, sondern für den Gottes über eine brutale Weltmacht.“(O. Kaiser, Einleitung in das Alte Testament, Gütersloh 1969, S. 180) Der Blick Nahums, eines Zeitgenossen des Jeremia, ist vordergründig nicht auf Juda gerichtet, immer nur auf Ninive, auf die Assyrer. In vielem ist sein Reden mit den „Fremdvölkersprüchen“ anderer Propheten wie Jeremia (Kap. 46 – 50) oder Hesekiel (Kap. 25 – 32) verwandt. Seine Botschaft ist die der Macht Gottes auch über die Weltmacht, vor der alle Völker im Schrecken erstarren.      „Ninive wird untergehen“ weiterlesen