Wo ist ein Gott wie Du?

Micha 7, 8 – 20

8 Freue dich nicht über mich, meine Feindin! Wenn ich auch darniederliege, so werde ich wieder aufstehen; und wenn ich auch im Finstern sitze, so ist doch der HERR mein Licht.

Wer ist die Feindin? Hat sie schon Siegesgesänge angestimmt, weil Samaria zerstört ist und Jerusalem vor dem Fall steht? Dann könnte man an die Jahre um 701 denken. Und die Feindin könnte „Babel oder eines der Nachbarvölker in Palästina“(A. Weiser, aaO. S. 289) sein. Wie auch immer – trotz der desaströsen Lage regt sich Hoffnung. Hoffnung auf ein neues Aufstehen, Hoffnung auf Licht im Dunkel. Es liegt nahe: Die trotzige, glaubensstarke Haltung des Propheten hat „abgefärbt“ – auf das Ich, das hier das Wort nimmt. Auf die Stadt, die darniederliegt.

9 Ich will des HERRN Zorn tragen – denn ich habe wider ihn gesündigt –, bis er meinen Rechtsstreit führe und mir Recht schaffe. Er wird mich ans Licht bringen, dass ich meine Freude an seiner Gerechtigkeit habe. 10 Meine Feindin wird’s sehen müssen und in Schande dastehen, die jetzt zu mir sagt: Wo ist er, der HERR, dein Gott? Meine Augen werden’s sehen, dass sie dann wie Dreck auf der Gasse zertreten wird.

Das ist die Anerkennung eigener Schuld, ein Bußwort. „Es gibt sehr wohl den Zorn Gottes über unsere Sünden, aber er dauert nur solange, bis wir sie bekennen und aufrichtig bereuen.“(D. Schibler, aaO. S. 121) Mit dieser Ankerkennung wird der Weg nach vorne frei. Und Gott wird sich als der erweisen, der auf das Eingeständnis der eigenen Schuld antwortet – nun eben nicht mit Urteil und Vernichtung, sondern mit Erbarmen. Mit seiner Gerechtigkeit, die keinen fallen lässt, auch die nicht, die sich hoffnungslos in eigene Schuld verstrickt haben. Gott wird seiner Stadt, seine Volk Recht schaffen. „Wo ist ein Gott wie Du?“ weiterlesen

Wehe mir

Micha 7, 1 – 7

1 Ach, es geht mir wie einem, der Obst pflücken wollte, der im Weinberge Nachlese hielt, doch keine Traube gab’s zu essen, keine Frühfeige, nach der ich verlangte!

Wer ist der, der hier so spricht? Der Prophet? Oder Gott? Diese Sätze haben eine Parallele im Weinberglied des Jesaja: „Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte.“(Jesaja 5, 1 – 2) Die Ernte fällt aus. „Auch die genaueste Nachlese erbringt nicht die erhofften Lichtblicke.“(D. Kinet, aaO. S. 150) Der Frucht sucht, steht mit leeren Händen da – betrogen um seine Mühe.

2 Die frommen Leute sind weg in diesem Lande, und die Gerechten sind nicht mehr unter den Leuten. Sie lauern alle auf Blut, ein jeder jagt den andern, dass er ihn fange. 3 Ihre Hände sind geschäftig, Böses zu tun. Obere und Richter fordern Geschenke. Der Gewaltige redet nach seinem Mutwillen, und so verdrehen sie alles. 4 Der Beste unter ihnen ist wie ein Dornstrauch und der Redlichste schlimmer als eine Dornenhecke.

Diese Fruchtlosigkeit gilt für die guten Früchte. Schlechte Früchte dagegen gibt es in Hülle und Fülle. Das Unrecht blüht, die Korruption ist ein einträgliches, normales Geschäftsmodell. Gewalt überall. Die Wahrheit wird verdreht, die Lüge feiert Triumphe. Das alles führt dazu, dass die frommen Leute emigrieren, auswandern. Die Gerechten, denen an chæsæd liegt, an Güte und Gerechtigkeit und die man deshalb chasid nennen kann, sind nicht mehr zu finden. Das heißt auch: Um Micha wird es einsam. Darum auch ein Seufzer: Ach, Weh mir. „Wehe mir“ weiterlesen

Mehr als ein Prozess

Micha 6, 1 – 16

1 Hört doch, was der HERR sagt: »Mach dich auf, führe einen Rechtsstreit mit den Bergen, auf dass die Hügel deine Stimme hören!« 2 Hört, ihr Berge, den Rechtsstreit des HERRN, ihr starken Grundfesten der Erde; denn der HERR will mit seinem Volk rechten und mit Israel ins Gericht gehen!

Das ist die Aufforderung zu einem Rechtsstreit. Zu eine ordentlichen Verfahren vor Gericht. Mit Zeugen, mit Klagen und Gegenreden. Diese Vorstellung, dass Gott zu einem regelrechten Gerichtsverfahren ruft, ist nicht so selten, vor allem bei den Propheten nicht. Jesaja kennt das, Hosea auch und ebenso der spätere Hesekiel. Es ist prophetische Überzeugung: Gott stellt sein Volk in solchen Verfahren, aber zugleich stellt er auch sich und entzieht sich dem Verfahren nicht. „Der Prophet ist aufgerufen, im Namen Jahwes einen Rechtsstreit gegen das Volk zu führen. Berge und Hügel werden als zeugen herbeizitiert, so dass die Auseinandersetzung in der größtmöglichen Öffentlichkeit stattfinden kann.“(D. Kinet, aaO. S. 145)

Es mag für heutige Leser*innen ungewohnt sein. Aber Micha – und nicht nur er unter den Propheten – glaubt an einen streitbaren Gott. Gott ist nicht soft, zieht bei Widerstand nicht erschrocken zurück, sucht nicht den faulen Frieden, weil er Streit fürchtet. Mag sein: wer streitet, macht sich unbeliebt. Er gilt als rechthaberisch, weil er sein Recht behauptet. Man sammelt keine Sympathien, wenn man andere vor Gericht zerrt. Gott, so scheint es, hat keine Angst vor dem Entzug von Zustimmung. Ihm geht es um die Wahrheit. Um Klarheit in der Beziehung zu seinem Volk.

3 »Was habe ich dir getan, mein Volk, und womit habe ich dich beschwert? Das sage mir! 4 Habe ich dich doch aus Ägyptenland geführt und aus der Knechtschaft erlöst und vor dir her gesandt Mose, Aaron und Mirjam.

Wenn das Volk Grund zur Klage hat – jetzt ist dafür Raum und Zeit. Hat Gott nur Ansprüche gemacht? Nur den HERRN gegeben – ohne jede Gegenleistung oder Vorleistung? „Micha spielt mit zwei im Hebräischen gleichlautenden Wörtern, nämlich „ermüden“ (hæl᾽etika)und „herausführen“ (hæ‛ælitika)Frei übersetzt lautet die Frage ungefähr so: „Habe ich dich etwa fallen lassen? Habe ich dich nicht herausgeführt?“(D. Schibler, aaO. S. 98)

Es ist ja der Verdacht bis heute: Gott macht Ansprüche, aber es gibt keinen Grund dafür. Jeder Konfirmand hat es gelernt: „Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“(M. Luther, Kleiner Katechismus, EG 806,1) Ausgefallen ist, woran Micha erinnert: „Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.“(2. Mose 20,2) Das ist Gottes Argument: Du beschwerst dich, du Volk. Aber ich habe dich aus Ägyptenland geführt und aus der Knechtschaft erlöst. Ich habe dir Freiheit gegeben. Gott hat Israel nicht allein gelassen – Mose, Aaron und Mirjam sind seine Gesandten gewesen, Führer auf dem Weg. Hilfen Gottes.

5 Mein Volk, denke doch daran, was Balak, der König von Moab, vorhatte und was ihm Bileam, der Sohn Beors, antwortete; wie du hinüberzogst von Schittim bis nach Gilgal, damit du erkennst, wie der HERR dir alles Gute getan hat.«

Es ist der Versuch Gottes, „sein Volk zur Vernunft zu bringen.“(D. Schieler, aaO. S. 97) Er appelliert an ihre Erinnerung, er will es ihnen vor Augen halten, dass er sie bewahrt hat., Segen statt Fluch, Leben statt Untergang. Er ist es doch, der sie von der letzten Station in der Wüste, Schittim hinübergeführt nach Gilgal, dem ersten Lager im Westjordanland. Das alles führt Gott nicht an, um sie anzuklagen, sondern um sie zurechtzubringen: damit du erkennst, wie der HERR dir alles Gute getan hat. Erinnerung hat als Ziel die Dankbarkeit. Es wäre ein seltsamer Umgang mit der Geschichte, würde man nur auf die Fehlleistungen schauen, würde man nur auf die Noterfahrungen schauen und nicht sehen wolle, die Augen verschließen:

„In wie viel Not hat nicht der gnädige Gott                                                                           über dir Flügel gebreitet.“                    J. Neander 1680, EG 316 „Mehr als ein Prozess“ weiterlesen

Worauf vertrauen wir?

Micha 5, 4b – 14

Wenn Assur in unser Land fällt und in unsere festen Häuser einbricht, so werden wir sieben Hirten und acht Fürsten dagegen aufstellen. 5 Sie werden das Land Assur mit dem Schwert weiden und das Land Nimrods mit ihren bloßen Waffen. So wird er uns von Assur erretten, wenn es in unser Land fallen und in unsere Grenzen einbrechen wird.

Darin muss sich der Friede bewähren, dass er der waffenstarrenden Weltmacht in den Arm fällt. Sieben Hirten und acht Fürsten – der König des Friedens ist nicht allein. Nicht machtlos und ohne Helfer. Allerdings: „Wer die gewaltigen Helfer des Messias sind, wird nur angedeutet.“(A. Weiser, aaO. S. 275) Ausdrücklich Menschenfürsten, keine himmlischen Heerscharen. Es reicht, dass sie Assur entgegentreten, selbst Kampfbereit und gerüstet.

6 Dann wird der Rest Jakobs unter vielen Völkern sein wie Tau vom HERRN, wie Regen aufs Gras, der auf niemand harrt noch auf Menschen wartet. 7 Und der Rest Jakobs wird unter den Nationen inmitten vieler Völker sein wie ein Löwe unter den Tieren im Walde, wie ein junger Löwe unter einer Herde Schafe, dem niemand wehren kann, wenn er einbricht, zertritt und zerreißt.

Der Rest Jakobs – ist das die Exilsgemeinde? Oder sind es Flüchtlinge aus dem Nordreich? Die Assoziation bei Rest ist nahliegend: Kümmerlicher Rest. Nur dass hier dieser kümmerliche Rest machtvoll, wirkungsvoll gesehen wird. Lebenspendend wie der Tau, der einfach da ist und dadurch wirkt. Tau macht nichts her, aber er ist auf trockenem Land ein Segen. Oder gewaltig wie ein Löwe, der sich seine Beute sucht und reißt. Es sind zwei sehr gegensätzliche Bilder, die hier zusammengefügt werden. Vielleicht hat diese Kombination bei Micha ihre spätere Fortsetzung in den Sprüchen gefunden: „Die Ungnade des Königs ist wie das Brüllen eines Löwen; aber seine Gnade ist wie Tau auf dem Grase.“(Sprüche 19,12) Es kann sein, Micha sieht es so, das es auf das Verhalten der Völker gegenüber diesem Rest ankommt, ob er Segen und Gefahr ist, lebenspendender Tau oder Leben raubender Löwe.

Die doppelt gebrauchte Wendung unter vielen Völkern bzw. unter den Nationen inmitten vieler Völker spricht dafür, dass Micha heimatlos Gewordene vor Augen hat. Verschleppt nach Assur. Es würde auch stimmen für die, die über hundert Jahre später verschleppt sind in die Gola, Nach Babylon. Beide mal gilt: „Mag die Lage von außen gesehen hoffnungslos sein, so sind doch die Verheißungen, die einst dem Volk von Gott gegeben wurden, nicht hinfällig geworden und das Dasein des Volkes ist nicht zur Zwecklosigkeit bestimmt.“(A. Weiser, aaO. S. 276) Auch für das zerstreute Volk gelten die Verheißungen Gottes. Ungebrochen. „Worauf vertrauen wir?“ weiterlesen

Er kommt

Micha 4, 9 – 5,4

9 Jetzt aber, warum schreist du denn so laut? Ist kein König bei dir? Und ist dein Ratgeber fort, dass dich die Wehen erfasst haben wie eine Gebärende? 10 Leide doch solche Wehen und stöhne, du Tochter Zion, wie eine Gebärende; denn jetzt musst du zur Stadt hinaus und auf dem Felde wohnen und nach Babel kommen. Dort wirst du errettet werden, dort wird dich der HERR erlösen aus der Hand deiner Feinde.

Genug Heil. Es kommt wieder Gericht. Es ist, als würde der Blick in die ferne Zukunft abgelöst durch den Blick auf eine unheilsschwangere Gegenwart. Der Ton dieser Bildrede liegt auf dem ausweglos Ausgeliefertsein. Man kann eine Geburt nicht in den Wehen stoppen, für eine Weile nach Gutdünken aussetzen. Darum darf die Tochter Zion stöhnen und schreien. Die Wehen gehen über sie und erschüttern sie. Und das, was zu gebären ist, muss regelrecht ausgetrieben werden. Es gibt keinen anderen Weg – Micha sieht schon die lange Schlange der Menschen, die aus Jerusalem heraus müssen auf den Weg nach Babel.

„Man kann fragen, ob die Nennung von Babel ursprünglich ist oder erst nach dem späteren Gang der Geschichte eingetragen wurde; für die Michazeit würde man eher vermuten, dass Assur genannt war.“(A. Weiser, aaO. S. 268) Wichtiger ist aber das andere: an diesem Ort des Exils, des Elends wird es einen neuen Anfang geben. Einen Anfang, den der HERR setzt. Ja, er ist der Richtende, aber eben auch der Rettende.

11 Jetzt aber haben sich viele Heiden wider dich zusammengerottet und sprechen: Zion sei entweiht; unsere Augen sollen sich daran weiden! 12 Aber sie wissen des HERRN Gedanken nicht und kennen seinen Ratschlag nicht, dass er sie zusammengebracht hat wie Garben auf der Tenne.

Das ist der Blick über die Mauern: Eine Truppe aus vielen Völkern belagert Jerusalem. Das legt eine Zeitzuordnung nahe: „Die assyrische Armee kann wegen ihrer höchst heterogenen Zusammensetzung treffend als viele Nationen bezeichnet werden.“(D. Schibler, aaO. S. 81) Es könnte also sein, die Worte führen in das Jahr der Belagerung durch Sanheribs Truppen im Jahr 701. Dazu passt, dass und was die Völker planen. „Sie haben ihren Zweck im Auge und ihre Macht zum Entscheidungsschlag zusammengeballt; Gott verfolgt jedoch einen anderen Plan.“(A. Weiser, aaO. S. 271)Sie wollen das Heiligtum entweihen. Sie wissen nicht, was ihnen droht – die wie Garben auf der Tenne sind. Denen auch schon das Gericht droht.

13 Darum mache dich auf und drisch, du Tochter Zion! Denn ich will dir eiserne Hörner und eherne Hufe machen, und du sollst viele Völker zermalmen und ihr Gut dem HERRN weihen und ihre Habe dem Herrscher der ganzen Welt.

Die Reaktion: Jerusalem wird zum Handeln aufgerufen. Nicht zur Ergebung, sondern zur Wehrhaftigkeit. Gott selbst wird es stark machen, sich zu wehren. Die das Volk wie mit einem Dreschschlitten zermalmen wollen, werden selbst zum Dreschgut werden. Die den Tempel entweihen wollen, werden erleben, wie das Beutegut aus ihren Besitz Gott geweiht wird. „Er kommt“ weiterlesen