Gedenke

Klagelieder 5, 1 – 22

1 Gedenke, HERR, wie es uns geht; schau und sieh an unsre Schmach!

             In der Vulgata wird dieser Text „Gebet des Jeremia“ genannt. Nach der Stimme eines Einzelnen haben wir jetzt wieder die Klage des Volkes vor Augen. Und wieder das Rufen: Gedenke doch. Schau und sieh. Es ist die Hoffnung Israels, die Hoffnung auch der Einzelnen: Wenn Gott unser gedenkt, unsere Not sieht, dann wird das der Anfang seiner Hilfe sein. Darum macht es auch Sinn, nach ihm zu rufen, zu ihm zu beten. Ihm zu sagen, wie es um das Volk steht.

  2 Unser Erbe ist den Fremden zuteil geworden und unsre Häuser den Ausländern. 3 Wir sind Waisen und haben keinen Vater; unsre Mütter sind wie Witwen. 4 Unser Wasser müssen wir um Geld trinken; unser eigenes Holz müssen wir bezahlen. 5 Mit dem Joch auf unserm Hals treibt man uns, und wenn wir auch müde sind, lässt man uns doch keine Ruhe. 6 Wir mussten Ägypten und Assur die Hand hinhalten, um uns an Brot zu sättigen. 

            Das Land, Gottes gelobtes Land, das Land der Verheißung – jetzt ist es in der Hand von Fremden, Ausländern. Es ist, als würde die große Gabe Gottes an Israel hinfällig. „Das Land war der Inbegriff des göttlichen Lebensraumes, der Schutz und Geborgenheit, Ruhm und Lebensfülle bot. Die ganze Heilserwartung hatte sich über Jahrhunderte damit verbunden.“ (C-D.Stoll, Die Klagelieder, Wuppertaler Studienbibel AT 7, Wuppertal 1986, S.139)

             Neben den Landverlust tritt die Mühsal des Lebens. Die eigenen Häuser sind zerstört oder enteignet. Menschen sind  wie Waisen ohne Vater, wie Witwen ohne Mann. Rechtlos. Preisgegeben. Wasserrecht und Holzrecht sind dahin. Für die elementarsten Lebensmittel müssen sie schwer bezahlen. Sklavenarbeit verrichtet. Unter dem Joch gehen wie das Vieh. In dem Land, das einmal die Verheißung der Ruhe Gottes getragen hatte, gibt es keine Ruhe. Sie werden gnadenlos getrieben.

            Von Ägypten und Assur hat man sich Hilfe versprochen, Versorgungssicherheit, durch Handelsverbindungen wollte man die eigene Freiheit sichern. Das Überleben. Jetzt sieht der Beter: Das war falsch. Die Versprechungen waren trügerisch. „Vertrauen auf Gott gegen den Augenschein, das ist bis heute eine unermessliche Herausforderung, gerade wenn es um die Grundbedürfnisse des Lebens geht.“ (C-D.Stoll, aaO.; S.141) An dieser Herausforderung sind sie in Jerusalem immer wieder gescheitert. Man kann schon fragen, ob wir nicht auch mit unseren Sorgen und Vorsorgen an der Herausforderung des Vertrauens oftmals scheitern. Es ist ein so schmaler Grat, dieser Übergang von berechtigter Vorsorge und Fürsorge zu einen Vertrauensverlust auf Gotts Sorge für uns.       

 7 Unsre Väter haben gesündigt und leben nicht mehr, wir aber müssen ihre Schuld tragen.

             Es ist ein Schmerz, der oft angesprochen wird: Wir bezahlen in der Gegenwart für die Sünden der Väter. Wir tragen die Lasten, die sie uns auferlegt haben. „Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden“ (Hesekiel 18,2) Das notiert der Prophet als beständige Redensart. Es ist die Sorge, die wir heute ja such kennen: Wir hinterlassen, wenn wir so weitermachen mit dem Raubbau an den Gütern der Erde, den Enkeln und Urenkeln eine geplünderten Planeten. Hinter der Forderung nach nachhaltigem Wirtschaften steht der Gedanke, diesen Schuldzusammenhang  durch sorgsames Handeln aufzuheben. Der Nachfahren-Generation nicht die Entsorgung unserer „Sünden“ – Umwelt-Sünden, Klima-Sünden, Ausverkauf der Werte – aufzuhalsen. „Gedenke“ weiterlesen

Geschändet und traumatisiert

Klagelieder 3, 34 – 66

34 Wenn man alle Gefangenen auf Erden unter die Füße tritt 35 und eines Mannes Recht vor dem Allerhöchsten beugt 36 und eines Menschen Sache verdreht, – sollte das der Herr nicht sehen? 37 Wer darf denn sagen, dass solches geschieht ohne des Herrn Befehl 38 und dass nicht Böses und Gutes kommt aus dem Munde des Allerhöchsten?

             So kann man sich vorkommen, wenn die Menschenrechte verletzt werden, wenn man ohne jeden Schutz dem übermächtigen Feind ausgeliefert ist: wie unter einem verschlossenen, bleiernen Himmel. Da ist keiner, der hört, keiner, der sieht, keiner, der Anteil nimmt. Das will der Beter des Klageliedes nicht mehr akzeptieren. Er ringt sich zu einer Einsicht durch, vor der bis heute viele zurückschrecken: „Die Fäden von allem, was dem Menschen widerfährt, Freude wie Leid, Glück wie Unglück, laufen in Gottes Hand zusammen.“ (C-D.Stoll, Die Klagelieder, Wuppertaler Studienbibel AT 7, Wuppertal 1986, S.108) Schon Amos hatte viel früher gesagt:Ist etwa ein Unglück in der Stadt, das der HERR nicht tut?(Amos 3,6)

             Die frommen Versuche, Gott zu entlasten von dem Bösen, schweren, dem Unheil, das geschieht, scheitern. Sie scheitern auch an der herben Botschaft des Jeremia. Am Klagelied:  Wer darf denn sagen, dass solches geschieht ohne des Herrn Befehl und dass nicht Böses und Gutes kommt aus dem Munde des Allerhöchsten? Es ist mit der Bibel nicht zu machen: Das Böse in der Welt wird dem Satan angelastet. Wenn man so will: Seine Handlungsfreiheit ist immer nur das Zugeständnis des Stärkeren, Gottes.

 39 Was murren denn die Leute im Leben? Ein jeder murre wider seine Sünde!

                   Umgekehrt gilt aber auch: es scheitert auch die heutige Variante: was gut geht in der Welt, das haben wir gemacht. Wir sind die guten. Aber wo etwas schief geht, da hat „der liebe Gott gepennt.“ Seine Hausaufgaben nicht gemacht. Der Versuch, sich zulasten Gottes als Menschen aus der Verantwortung zu stehlen, scheitert gleichfalls, eindrucksvoll bestätigt durch Jeremia, auch durch die Klagelieder. Es ist unsere Schuld, dass es in der Welt zugeht, wie es zugeht. Es ist immer wieder unser Tun, das uns in unserem Ergehen einholt.

Eindrücklich findet sich diese Sicht wieder im Passionslied aus dem 17. Jahrhundert:

„Ich, ich und meine Sünden,                                                                                                       die sich wie Körnlein finden, des Sandes an dem Meer,
die haben dir erreget das Elend,                                                                                                  das dich schläget, und das betrübte Marterheer.“             P.
Gerhardt,1647, EG 84

           So etwas singt man heutzutage nicht mehr gern, seit wir es vorziehen, statt uns selbst auf der Anklagebank Gottes wiederzufinden, Gott auf unsere Anklagebank zu setzen. Das Merkwürdige dabei ist: Seit wir so agieren, finden sich dauernd Menschen auf der Anklagebank anderer Menschen wieder.     „Geschändet und traumatisiert“ weiterlesen

Täglich zu singen: All`Morgen…..

Klagelieder 3, 1 – 33

 1 Ich bin der Mann, der Elend sehen muss durch die Rute des Grimmes Gottes.

             Nicht mehr die Stadt, nicht mehr die junge Frau. Ein Einzelner, ein Mann hat hier das Wort. „Was Stadt und Volk als Ganzes durchgemacht haben, wird nun am Beispiel eines bestimmten Menschen anschaulich, der offenbar als Soldat an vorderster Front gestanden hatte.“ (C-D.Stoll, Die Klagelieder, Wuppertaler Studienbibel AT 7, Wuppertal 1986, S.99) Es ist aber auch möglich, in diesen Worten den Propheten, Jeremia, zu hören. Denn was er hier sagt, passt zu seiner Botschaft, die ihm aufgetragen war: Das Elend Israels ist die Folge des Grimmes Gottes.

 2 Er hat mich geführt und gehen lassen in die Finsternis und nicht ins Licht. 3 Er hat seine Hand gewendet gegen mich und erhebt sie gegen mich Tag für Tag. 4 Er hat mir Fleisch und Haut alt gemacht und mein Gebein zerschlagen.  5 Er hat mich ringsum eingeschlossen und mich mit Bitternis und Mühsal umgeben. 6 Er hat mich in Finsternis versetzt wie die, die längst tot sind. 7 Er hat mich ummauert, dass ich nicht herauskann, und mich in harte Fesseln gelegt.

             Er, er, er. Nicht mehr das vertrauensvolle Du. Keine Anrede an Gott. Sondern ein Klagen, das doch kein Lamentieren ist. Denn in diesen Worten ist die Einsicht ausdrücklich, dass es kein blindes Schicksal ist, nicht die anonyme Macht irgendwelcher Götter, sondern er. Der HERR. Jahwe. Gott. Es ist nicht einfach: mitgehangen, mitgefangen. Man muss das Schicksal des  Volkes eben teilen und wird mit in das Elend gezogen. Sondern es ist auf das persönliche Geschick angewendet, was der Prophet glaubt: Jahwe ist der Herr der Geschichte und der, von dem jedes einzelne Leben seinen Weg empfängt. Nicht als stummes Fatum, nicht blind. Sondern im wahrsten Sinn des Wortes als Zumutung. Es ist Gott, der ihm diesen Weg zumutet.

            Er hat eingeschlossen, eingeschnürt, ins Eisen, in Fesseln gelegt. Eingemauert. Es sind die Strafmethoden der Assyrer, mit denen sie Gefangene zu Tode quälten. Foltermethoden, an denen es keinen Mangel hat und die von Sieger zu Sieger regelrecht „vererbt“ werden. Wehe den Besiegten. Das alles legt der Beter Gott zur Last. Ob das noch sein „guter Gott“ ist? Es wirkt, als ginge der Beter auf Distanz. Weil Gott sich zuvor distanziert hat von ihm und seinesgleichen  – aus dem Du zum Er geworden ist.

            Dieser Wechsel vom Du zum Er ist genau umgekehrt wie in dem Psalm wachsendes Vertrauens – da wechselt der Beter von Er zum Du:

„Er erquicket meine Seele.                                                                                                         Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.                                            Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück;                  denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“              Psalm 23,3-4

             Es ist der Kontrast zu diesem Vertrauen, der den Schmerz der Worte der Klagelieder erst richtig spüren lässt. Was für ein Verlust an Gottesnähe und Gottesgewissheit. „Täglich zu singen: All`Morgen…..“ weiterlesen

Aus der Tiefe des Schmerzes

Klagelieder 1, 1 – 11- 17 – 22

 Es wird wohl zutreffend sein: „Regelmäßig haben die Überlebenden sich in Trümmern zusammengefunden, auch als immer wieder feindliche Soldaten die Ruinen und unzerstörten Häuser durchkämmten und nach den Vornehmen und waffenfähigen suchten, auch an Frauen und Kindern ihren Mutwillen trieben. Sie haben es miterlebt, wie Stadt und Tempel vollständig eingerissen wurden… All das hat sich in den Klagegesängen niedergeschlagen. Es lebt dort so unmittelbar auf, dass Vergangenheit und Gegenwart nicht auseinander zu halten sind. So ist die Abfassung der Klagelieder in dieser Zeitspanne von ungefähr zwei Monaten nach einnahmen und Zerstörung der Stadt anzusetzen.“ (C-D.Stoll, Die Klagelieder, Wuppertaler Studienbibel AT 7, Wuppertal 1986, S.23)Im ursprünglichen hebräischen Text heißt das Buch einfach nur „Klagelieder“ – qinot –  während der Name Jeremia erst in der griechischen Übersetzung der Septuaginta zugewachsen ist, aus einem Wort vor dem ersten Vers, wie er in den Bibelausgaben heute steht: „Es geschah, nachdem Israel gefangen geführt und Jerusalem verwüstet worden war, da setzte sich Jeremia weinend nieder und beklagte Jerusalem mit diesem Klagelied und sprach…“ Diese Zuweisung ist nicht aus der Luft gegriffen, hat doch der Prophet den Schmerz des Untergangs mit getragen und hat er auch darunter gelitten, dass Gott ihm die Fürbitte für die so störrische Stadt untersagt hatte. So bleibt ihm jetzt nur noch die Klage.

1 Wie liegt die Stadt so verlassen, die voll Volks war! Sie ist wie eine Witwe, die Fürstin unter den Völkern, und die eine Königin in den Ländern war, muss nun dienen. 2 Sie weint des Nachts, dass ihr die Tränen über die Backen laufen. Es ist niemand unter allen ihren Liebhabern, der sie tröstet. Alle ihre Freunde sind ihr untreu und ihre Feinde geworden.

             Das erste Wort: Ach. Was für ein Schmerz. Verlassen. Leer. Nur noch eine tote Hülle. Aus einer strahlenden Stadt, einer Fürstin unter den Völkern, einer Königin in den Ländern ist ein Trümmerhaufen geworden. Eine Witwe, um die sich keiner mehr sorgt, die auch keiner tröstet. Die früher um sie geworben haben, haben sich alle abgekehrt. In den Liebhabern sind sicher die Verbündeten einer gescheiterten Politik gemeint, aber zugleich auch die, die Jerusalem zur Untreue gegen Gott gelockt haben, zum Götzendienst mitfremden Gottheiten.    Alle sind sie weg. Es ist der Gegensatz, der beklagt wird. Die glanzvolle Vergangenheit und das grauenhafte Elend jetzt. Worte aus dem Sprachmuster der Totenklage. Der Schmerz hat das Wort.

 3 Juda ist gefangen in Elend und schwerem Dienst, es wohnt unter den Heiden und findet keine Ruhe; alle seine Verfolger kommen heran und bedrängen es. 4 Die Straßen nach Zion liegen wüst, weil niemand auf ein Fest kommt. Alle Tore der Stadt stehen öde, ihre Priester seufzen, ihre Jungfrauen sehen jammervoll drein, und sie ist betrübt. 5 Ihre Widersacher sind obenauf, ihren Feinden geht’s gut; denn der HERR hat über die Stadt Jammer gebracht um ihrer großen Sünden willen, und ihre Kinder sind gefangen vor dem Feind dahingezogen.

                 Vielleicht stimmt es sogar: „Wie in der natürlichen menschlichen Trauersituation steht der Tote in der Erinnerung weit besser da, als man bei nüchterner Betrachtung urteilen würde.“ (C-D.Stoll, aaO.; S.49) So auch Jerusalem. Aber der Blick verklärt nicht die Vergangenheit, sondern er sieht vor allem das gegenwärtige Elend. „Das pulsierende Leben, das früher die Stadt erfüllte, ist vorbei. Solange der Tempel stand, war sie der kulturelle und religiöse Mittelpunkt des Landes.“ (C-D.Stoll, aaO.; S.55) Da ist keine Wallfahrt mehr zum Zion. Da drängen keine Pilger mehr in die Stadt. Die, die früher im großen Scharen kamen, sind weggeführt.

                 Aber dieser Klagende überspringt nichts. Schon gar nicht den Grund für das Elend, das er vor Augen hat: Der HERR hat über die Stadt Jammer gebracht um ihrer großen Sünden willen. Wenn man so will: Die Katastrophe ist hausgemacht. Sie hat ihre Ursache in der Sünde, an der alle ihren Anteil haben – die Großen an der Spitze der Stadt und des Landes und das gemeine Volk. Es ist der HERR, der Jerusalem das alles auferlegt.   „Aus der Tiefe des Schmerzes“ weiterlesen