Eine vorbereitete Bahn

Jesaja 35, 1 – 10

1 Die Wüste und Einöde wird frohlocken, und die Steppe wird jubeln und wird blühen wie die Lilien. 2 Sie wird blühen und jubeln in aller Lust und Freude. Die Herrlichkeit des Libanon ist ihr gegeben, die Pracht von Karmel und Scharon. Sie sehen die Herrlichkeit des HERRN, die Pracht unsres Gottes.  

            Die Wüste lebt auf. Ein unübersehbares Meer von Schönheit entfaltet sich vor den Augen des Jesaja. Nicht mehr karg, nicht mehr nur Einöde und Steppe, nicht mehr verbrannte Erde. Blütenpracht, so weit das Auge reicht.  In der Herrlichkeit, die so vor Augen ist, spiegelt sich die Herrlichkeit des HERRN, die Pracht unseres Gottes.  Damit ist für mich angedeutet: die das alles sehen, sind Glieder des Volkes Gottes.  Ihnen gehen die Augen auf.

             Freuet euch der schönen Erde, denn sie ist wohl wert der Freud.
O was hat für Herrlichkeiten unser Gott da ausgestreut.

            Und doch ist sie seiner Füße reich geschmückter Schemel nur,
ist nur eine schön begabte, wunderreiche Kreatur.

            Wenn am Schemel seiner Füße und am Thron schon solcher Schein,
o was muss an seinem Herzen erst für Glanz und Wonne sein.
                                                                                   K.J.P. Spitta 1827, EG 510

          Das ist mehr als nur Staunen über die Schönheit der Natur. Es ist das Sehen der Natur in ihrer Schönheit als Schöpfung, die durchsichtig auf den hin ist, der sie ins Leben gerufen hat und der in ihr seinen Willen zeigt, das Leben neu zur Entfaltung kommen zu lassen. Diese Art zu sehen versteht sich nicht von selbst. „Eine vorbereitete Bahn“ weiterlesen

Ein anderer Tag wird kommen

Jesaja 33, 17 – 24

17 Deine Augen werden den König sehen in seiner Schönheit; du wirst ein weites Land sehen.

            Unmittelbar vor diesem Abschnitt steht eine gewichtige Doppelfrage: .»Wer ist unter uns, der bei verzehrendem Feuer wohnen kann? Wer ist unter uns, der bei ewiger Glut wohnen kann?« (33,14) Sie erinnert an die Fragen aus Psalm 24:  

Wer darf auf des HERRN Berg gehen,                                                                               und wer darf stehen an seiner heiligen Stätte?        Psalm 24,3

Beide Male geht es darum: Gibt es Voraussetzungen, die Menschen erfüllen müssen, um für eine Gottesbegegnung bereit zu werden? Ist es unsere Möglichkeit, Gott zu entsprechen, so dass wir bei dem verzehrende Feuer wohnen können, bei der ewigen Glut?  Es gibt, so der Psalm und so auch Jesaja, Verhalten, um sich auf Gottesbegegnungen vorzubereiten. Dazu gehört die Reinheit des Herzens, die Lauterkeit des Handelns, ein Ringen um Gerechtigkeit und Wahrheit.

Und doch bleibt im Letzten unableitbar und Geschenk, was hier gesagt wird: Deine Augen werden den König sehen in seiner Schönheit. Wenn der König kommt, gehen die Augen über vor Staunen. So hat es Jesaja selbst auch erfahren in seiner Vision im Tempel. „Da sprach ich: Weh mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König, den HERRN Zebaoth, gesehen mit meinen Augen.“ (6,5) Staunen und Schrecken vermischen sich in diesem Ausruf.

Wer ist mit dem König gemeint? Von der Vision Jesajas im Tempel her könnte man sagen: Der HERR ist der König, von dem hier die Rede ist. Handelt es sich also „um eine Gotteserscheinung oder um das Sehen des Messias“? (O. Kaiser, aaO.  S. 275). Das wäre ja die andere Möglichkeit.

            Aber vielleicht ist die Frage in ihrer Alternative ja falsch gestellt! „Wer mich sieht, sieht den Vater“(Johannes 14,9) Es könnte doch tatsächlich so sein: Im Messias leuchtet die Schönheit Gottes auf. Es kommt – und darauf hofft doch die Christenheit, eine Zeit des Heils, „in der man Gott und seinen Gesalbten oder Gott in seinem Gesalbten sehen wird.“ (D. Schneider, aaO.  S. 450) „Ein anderer Tag wird kommen“ weiterlesen

Dem Leben dienen

Jesaja 32, 1 – 8 

1 Siehe, es wird ein König regieren, Gerechtigkeit aufzurichten, und Fürsten werden herrschen, das Recht zu handhaben, 2 dass ein jeder von ihnen sein wird wie eine Zuflucht vor dem Wind und wie ein Schutz vor dem Platzregen, wie Wasserbäche am dürren Ort, wie der Schatten eines großen Felsens im trockenen Lande.

Jesaja darf auch – wieder einmal – andere Zeiten ansagen. . Zeiten wie aus dem Märchenland, aus einer schönen, neuen Welt. Zeiten, in denen der König für Gerechtigkeit steht und die Fürsten im Land für Zuflucht. Man kann sich bei ihnen bergen. Es ist ein „realistischer Zug“(O. Kaiser, aaO. S. 256), dass es nicht nur einen gerechten König, sondern auch gute Beamte, gleich Fürsten,  braucht, damit das Land auf die Beine kommt.

Fast zwei Jahrtausende später wird man singen in der Hoffnung auf diesen einen König, der das Erbarmen als den Kern aller Gerechtigkeit als Regierungserklärung nicht nur sagt sondern lebt:

„O wohl dem Land, o wohl der Stadt, so diesen König bei sich hat.
Wohl allen Herzen insgemein, da dieser König ziehet ein.
Er ist die rechte Freudensonn, bringt mit sich lauter Freud und Wonn.
Gelobet sei mein Gott, mein Tröster früh und spat.“        G. Weissel 1642- EG 1

Was für ein Segen das ist – eine gerechte Regierung. was für ein guter Ort – eine Welt, in der die Großen und Mächtigen für die da sind, die auf sie angewiesen sind, die ihre Hilfe rauchen, die Verhältnisse brauchen, in denen auch die am unteren Ende der gesellschaftlichen Skala noch genug zum Leben haben, noch Möglichkeiten zur Teilhabe am sozialen Miteinander nutzen können.

 3 Und die Augen der Sehenden werden nicht mehr blind sein, und die Ohren der Hörenden werden aufmerken. 4 Und die Unvorsichtigen werden Klugheit lernen, und die Zunge der Stammelnden wird fließend und klar reden. 5 Es wird nicht mehr ein Narr Fürst heißen noch ein Betrüger edel genannt werden.

            Die Verhältnisse werden zurecht gerückt. Das fängt damit an, dass Menschen neu sehen lernen, Durchblick gewinnen, und neu hören lernen, aufmerksam werden für Wahrheit und Unwahrheit. Die Verstockung wird aufgehoben werden, unter der die Verkündigung des Jesaja seit Beginn gestanden hat. (6,10). Es kommt zu so etwas wie einer „Aufklärung“.. „Dem Leben dienen“ weiterlesen

Gottes Wende kommt

Jesaja 29, 17 – 24

Die Ansagen von Gericht und Heil wechseln im Jesaja-Buch hin und her. Eines folgt dem anderen. Aber eines hebt das andere nicht auf. Es ist wichtig, das zu verstehen: Es ist nicht so, dass die Ankündigungen des Heils das Gericht aushebeln, auch umgekehrt nicht so, dass die Gerichtspredigt das Heil unmöglich macht. Beides wird angesagt – und beides wird kommen. Die ganze Wirklichkeit der Welt ist Heil und Gericht, Gericht und Gnade. Die Bibel erlaubt es nie, sich in eine „heile Welt“ zu flüchten.

17 Wohlan, es ist noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald werden. 18 Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen; 19 und die Elenden werden wieder Freude haben am HERRN, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels.

Wohlan ist eines der Worte, die Jesaja liebt. Es kommt doch öfters vor. Ich übertrage für mich selbst mit „Nun denn“. „Habt Acht.“ Hier folgt darauf ein Versprechen: Nicht mehr lange. Nur noch eine kleine Weile. Es hört sich an wie eine Antwort auf banges Fragen: Wie lange noch? Wann wird sich das Geschick Jerusalems, unser Geschick zum Guten wenden?  Und Jesaja sagt: noch eine kleine Weile.

Es kommt eine Wende, die tief greifen wird. Sogar die Landschaft wird sich wandeln. Der Libanon wird fruchtbar, Und wo jetzt dem Land mühsam ein karger Ertrag abgerungen wird, da wird Wald sein, nicht nur hier und da ein Baum, sondern wirklich Wald, das Zeichen üppiger Vegetation.

Diese Wende spiegelt sich in der Wende, die sich an Menschen vollzieht, begleitet sie, unterstützt sie wohl auch. Taube hören. Die Augen der Blinden werden aufgetan. Beide Aussagen meinen nicht nur wunderbare Heilungen, die die Welt neu erschließen. Die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen. Es ist ein geistliches Erwachen, ein neues Hören auf das Wort des Buches, ein neues Sehen seiner Wirklichkeit. Es ist die neue Öffnung, die die Verstockung des Volkes, nicht zu hören und nicht zu sehen, aufbricht. Weil Gott ein neues Hören und Sehen schenkt.

Diese Wendung Hören auf das Wort des Buches mag ein kleiner, unauffälliger Hinweis darauf sein, dass es einen Prozess der Verschriftlichung der Worte der Propheten, auch der alten Erzählungen und Geschichten gegeben hat. Nicht mehr nur ein aktuelles Hören. Das Wort ist Schrift, Buch geworden. Ohne diesen Vorgang wüssten wir nichts von Jesaja. Kein Grund also, das Buch-Werden der Propheten-Worte gering zu schätzen oder abzuwerten. „Gottes Wende kommt“ weiterlesen

Öffne mir die Augen

Jesaja 29, 9 – 16

Nicht nur Leser*innen heute finden es schwer, diesem immer schnelleren Wechsel von Gerichtsworten und Gnadenverheißungen zu folgen. Es ist wohl seit Anfang an so, dass es die Fragen gibt: wie denn nun? Gericht oder Gnade? Es ist ja schon bei dem einen Wort  beides im Klang:  Gott sucht sein Volk heim – immer das eine Wort:  – fagat,פקך    – das ist einmal Gnade und ein andermal ist es Gericht. Und dieaufmerksam Lesenden fragen wieder: wie denn nun? Darum aber geht es: „Es muss unmissverständlich klar bleiben, dass Gottes Gericht wirklich Gericht und seine Gnade wirklich Gnade ist.“(D. Schneider, Der Prophet Jesaja, 1. Teil; Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1988, S. 399) Diese Klärung zieht sich durch das ganze Propheten-Buch hindurch.

9 Starrt hin und werdet bestürzt, seid verblendet und werdet blind! Seid trunken, doch nicht vom Wein, taumelt, doch nicht vom Bier! 10 Denn der HERR hat über euch einen Geist des tiefen Schlafs ausgegossen und eure Augen – die Propheten – zugetan, und eure Häupter – die Seher – hat er verhüllt.

Bleierne Zeit – sagt man heute gerne. Es geschieht nichts. Es bewegt sich nichts. alles leibt wie es ist. Hier, in den Worten des Jesaja ist es ungleich härter: Alle Versuche zu sehen scheitern. alle Versuche zu hören scheitern. Die Leute laufen herum wie besoffen. Luthers Wort fällt mir ein: „Die Welt ist wie ein betrunkener Bauer.“(M. Luther, Tischreden) Nur – das gilt hier nicht für die Welt. Es gilt für das Volk Gottes. Es gibt nicht nur die Blindheit und Taubheit der Welt für das Reden Gottes, für seine Werke – es gibt die gleiche Blindheit und Taubheit auch für das Volk Gottes. Ein Welt und ein Volk Gottes im

Es ist in meinen Augen ein Schlüsseltext, auch für unsere Zeit: wir hören und hören nicht. Wir sehen und sehen nicht. Wir suchen zu verstehen und verstehen nichts. Wir scheitern am Wort Gottes, an seiner Botschaft. Dieses Unverständnis ist ein Verhängnis – Gott hat es so verhängt! Schon bei der Berufung des Jesaja heißt es: „Geh hin und sprich zu diesem Volk: Höret und verstehet’s nicht; sehet und merket’s nicht! Verfette das Herz dieses Volks und ihre Ohren verschließe und ihre Augen verklebe, dass sie nicht sehen mit ihren Augen noch hören mit ihren Ohren noch verstehen mit ihrem Herzen und sich nicht bekehren und genesen.“(Jesaja 6, 9 – 10) 

Was hier wie eine aktuelle Handlung erscheint, wird in Texten des Neuen Testamentes zu einer grundsätzlichen Aussage erhoben:   „Der von oben her kommt, ist über allen. Wer von der Erde ist, der ist von der Erde und redet von der Erde. Der vom Himmel kommt, ist über allen. Was er gesehen und gehört hat, das bezeugt er; und sein Zeugnis nimmt niemand an.“(Johannes 3, 31-32) Oder noch einmal anders, jedoch  nicht weniger hart: „Wir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, damit wir wissen, was uns von Gott geschenkt ist. Und davon reden wir auch nicht mit Worten, welche menschliche Weisheit lehren kann, sondern mit Worten, die der Geist lehrt, und deuten geistliche Dinge für geistliche Menschen. Der natürliche Mensch aber nimmt nicht an, was vom Geist Gottes ist; es ist ihm eine Torheit und er kann es nicht erkennen; denn es muss geistlich beurteilt werden.“(1. Korinther 2, 12 -14)   „Öffne mir die Augen“ weiterlesen

Ein wendiger Gott

Jesaja 29, 1 – 8

1 Weh Ariel, Ariel, du Stadt, wo David lagerte! Fügt Jahr zu Jahr und feiert die Feste! 2 Ich will den Ariel ängstigen, dass er traurig und voll Jammer sei, und er soll mir ein rechter Ariel sein.

Ein Wehe gegen Jerusalem. „Vorausgesetz ist eine relativ sorgenfreie Zeit, in der die Jerusalemer offensichtlich gerade nicht erwarten, was ihnen der Prophet ankündigt, Eine Belagerung der Stadt.“ (O. Kaiser, Der Prophet Jesaja, Kapitel 13 – 39, ATD 18; Göttingen 1973, S. 211) Umso härter dieses Wehe Sie werden aus dem Schlaf der Sicherheit jäh aufgestört.

Ariel –  Es gibt die Deutung des Namens auf einen alten kananäischen Namen der Stadt Jerusalem, zurückgeführt „auf einen Teil der Stadtmauer, der mit einem Löwentor geschmückt war.“(O. Kaiser, aaO. D. 212) Es mag sein, so in der Geschichte verankert klingt es zunächst wie ein Ehrenname. Es bleibt ein aber. Selbst wenn das zutrifft, Ariel  kann auch mit Brandopferaltar übersetzt werden Dann wird das Wort zum Drohwort: Die Stadt wird, einmal von Feinden erobert, zur Brandstätte werden. Zum Brandopfer-Altar. Die Feste sind vorbei – was bleibt ist Trauer, Schmerz und Jammer.

 3 Denn ich will dich belagern ringsumher und will dich einschließen mit Bollwerk und will Wälle um dich aufschütten lassen. 4 Dann sollst du erniedrigt werden und von der Erde her reden und aus dem Staube mit deiner Rede murmeln, dass deine Stimme sei wie die eines Totengeistes aus der Erde, und deine Rede wispert aus dem Staube.

             Eine Belagerung wird angesagt. allerdings nicht unter Verweis auf irgendwelche Feindmächte.  Ich will dich belagern. Gott selbst wird zum Belagerer seiner Stadt und wird dafür die Feinde von überall her heranführen. Sie sind, für sich genommen, nicht wichtig, sie sind nur Gerichtswerkzeug Gottes. „Jerusalem hat es mit Gott selbst zu tun, der sich wie ein Feind verhält.“ (D. Schneider, Der Prophet Jesaja, 1. Teil; Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1988, S. 397) Gegen diesen Angriff wird es keinen Schutz geben. Was dann noch übrig bleibt ist Totengeflüster, als ob es Totengeister gäbe, die nur noch wispern können. Was da noch an Geräuschen, Worten Klage erklingt, wird vom Staub verweht.

Endet der Text hier, bleibt nur ein Fazit: es ist vorbei mit Jerusalem, mit der Stadt Gottes. sie ist tief gestürzt und es gibt kein Aufstehen mehr. Es ist vorbei. „Ein wendiger Gott“ weiterlesen

Gegen die Populisten

Jesaja 28, 14 – 22

14 So höret nun des HERRN Wort, ihr Spötter, die ihr herrscht über dies Volk, das in Jerusalem ist. 15 Ihr sprecht: Wir haben mit dem Tod einen Bund geschlossen und mit dem Totenreich einen Vertrag gemacht. Wenn die brausende Flut daherfährt, wird sie uns nicht treffen; denn wir haben Lüge zu unsrer Zuflucht und Trug zu unserm Schutz gemacht.

Jetzt sind wir wieder in der Zeit, in der das Wirken des Jesaja verortet ist, der Zeit der Könige Ahas und Hiskia. Genauer ist es nicht zu sagen, weil der Bezug zu konkreten Ereignissen fehlt. Aber was deutlich wird ist die Geisteshaltung der Leute, mit denen Jesaja zu tun hat. Sie fühlen sich sicher. Sie sind Leute, die zu sagen haben, die herrschen über dies Volk in Jerusalem. Leute aus der Führungsschicht. Und weil sie herrschen und sich ihrer Sache so sicher fühlen, haben sie ihren Spott mit den Worten des Jesaja. Sie sind Spötter darin, dass sie seine Worte nicht ernst nehmen, sich nicht warnen lassen. Es ist ihnen nur hohles Geschwätz, überholtes frommes Gerede.

Es ist einigermaßen aufregend, was Jesaja ihnen in den Mund legt: Wir haben mit dem Tod einen Bund geschlossen und mit dem Totenreich einen Vertrag gemacht. Sind sie deshalb so furchtlos, weil sie ihren Frieden mit dem Tod gemacht haben. Wie mag das in den Ohren von Leuten klingen, die es noch nicht ganz vergessen haben: Der HERR hat einen Bund mit Israel geschlossen. Daran erinnern alle Feste in Israel. Das Volk hat sich zur Bundestreue verpflichtet.  Dieser Bund ist Lebensgrundlage.

Und jetzt reden Leute in Jerusalem von einem Bund mit dem Tod. Das trifft doch das seitherige Selbstverständnis Israel ins Mark. Nicht mehr: Der Herr ist unsere Zuversicht und Stärke. Eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben. Psalm 46,2

             Sondern Lug und Trug sind unsere Zuflucht und unser Schutz. Das ist mehr als ein bisschen gottloses Gerede. Das ist die Absage an Gott und gleichzeitig die Absage an den Weg der Väter. Wenn Jesaja nicht polemisch überzeichnet, dann haben wir hier Leute vor uns, die jede Bindung an den Gott der Väter verloren haben.

Es mag sein, dass im Hintergrund die Bündnispolitik Hiskias in den Jahren 703 – 701 steht, ein Pakt, der den Beistand Ägyptens und der Kleinstaaten in Palästina sichern soll. „“Jesaja lehnt  sie (die Bündnispolitik Hiskias) ab, weil sie in seinen Augen Ausdruck dessen ist, dass das Volk seine Hilfe nicht von Jahwe, sondern von irdischen Mächten erwartet.“  (O. Kaiser, aaO.  S. 201) Diese Erwartung aber wird sich als Lug und Trug erweisen. „Gegen die Populisten“ weiterlesen

Hineinkriechen in die alten Worte

Jesaja 26, 7 – 21

Der nachfolgende Psalm knüpft an das vorher gegangene Lied an. Schreibt es weiter, denkt in seiner Spur nach über das Handeln Gottes.  Mir kommt er vor wie die Glieder einer Kette. Ein Gedanke hängt am anderen, manchmal nur lose verknüpft, aber doch nicht wirklich gut voneinander zu trennen. Die Betenden, Singenden, tasten sich regelrecht, Schritt für Schritt, in ihren Worten voran. –

7 Des Gerechten Weg ist eben,                                                                                             den Steig des Gerechten machst du gerade.

Das könnte auch in einem weisheitlich geprägten Buch stehen. In den Sprüchen, beim Prediger. Es wirkt wie eine Summe aus den Beobachtungen und Visionen. Gott lässt seine Leute auf geraden Wegen gehen.  Da ist er ganz der fürsorgliche Gott. Ein bisschen ist es so, als würden hier schon die späteren Worte des Jesaja-Buches mitschwingen: „In der Wüste bereitet dem HERRN den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott! Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden.“(40, 3-4) Auch da die beiden Worte eben und gerade. Gewiss nicht ganz zufällig. Dem Gott, der seine Gerechten auf geraden und ebenen Wegen führt, dem soll sein Volk den Weg ebnen und seinem Kommen gradlinig zuarbeiten.

8 Wir warten auf dich, HERR, auch auf dem Wege deiner Gerichte;                        des Herzens Begehren steht nach deinem Namen und deinem Lobpreis.                9 Von Herzen verlangt mich nach dir des Nachts,                                                             ja, mit meinem Geist suche ich dich am Morgen.

Auf diesen Gott zu warten ist Sehnsucht. Für uns heutige Leser*innen ist es eine große Herausforderung: auch auf dem Wege deiner Gerichte. Das Warten gilt nicht nur dem „lieben, guten Gott“, Es gilt Gott. Auch dann, wenn er in seiner Gerechtigkeit kommt, die sein Urteil über unser Leben mit einschließt. Sehnsucht – ein Herzensanliegen. Nicht nur eine Festzeit im Jahr, die mehr oder weniger intensiv begangen wird. Es ist sachlich richtig, dass aus dem Wir der Wartenden ein Ich wird: Von Herzen verlangt mich nach dir des Nachts. Es ist immer so, dass der Glaube das Wir braucht, damit er anfängt und wächst, dass er aber auch das Ich braucht, die ganz persönliche Aneignung dessen, was alle glauben, hoffen, bekennen. Nie nur wir, nie nur ich, sondern immer ein Ich, das aus der Gemeinschaft des Wir erwächst und auch wieder in sie zurückführt.

Auch in der Nacht, nein, besonders in der Nacht verlangt den Beter nach Gott. Wenn das Leben hart wird, wenn man konfrontiert ist mit den eigenen Unzulänglichkeiten und dem eigenen Versagen. Wenn es nicht mehr funktioniert, sich verfahrene Situationen schön zu reden, dann ist die Nacht-Zeit der Seele. Und dann erwacht bei denen, die sich an Gott gebunden und gewiesen wissen, die Sehnsucht nach ihm, dem Helfer und Heiland, noch einmal anders brennend als in guten Tagen.     „Hineinkriechen in die alten Worte“ weiterlesen

Gott, der Herrr, ist ein ewiger Fels

Jesaja 26, 1 – 6

1 Zu der Zeit wird man dies Lied singen im Lande Juda:

Überblickt man die Textfolge nach vorne, dann ergibt sich folgendes Bild: 25, 1-5  Lobpreis, 25, 6–13 eine Beschreibung des kommenden Heils, 26, 1-6 Lobpreis. Die Beschreibung des Heils wird also von zwei Lobgesängen gerahmt. Diese sind auch aufeinander bezogen. Darauf weist die knappe Wendung, die  Jesaja so oft hat, zu der Zeit hin. Wann diese Zeit sein wird, bleibt auch hier in der Schwebe.

Im Unterschied aber zu 25, 1 – 6 wird hier ein Ort für das Singen des Liedes angegeben: im Lande Juda. Das ist deshalb bedeutungsvoll, weil es dem Lobpreis einen Ort gibt. Er ist nicht irgendein weltweit singbares Lied. Er hat einen konkreten Ort. Anknüpfend an das Heilsbild darf ich mir den Berg Zion als den Ort vorstellen, der hier gemeint ist. Dort wird das Fest gefeiert. Dort wird deshalb auch das Lob Gottes gesungen.

Das ist die Spannung, aus der uns Jesaja nicht entlässt: Er kündigt die große Wende an, den Tag Jahwes, den Tag, an dem die Welt neu wird. Und bindet zugleich diese Erwartung an den einen bestimmten Ort Jerusalem, an den Berg Zion. Ortsgebunden, geerdet.

Wir haben eine feste Stadt, zum Schutze schafft er Mauern und Wehr.

       Wir vermögen das Lob der festen Stadt heute nicht mehr so zu verstehen. Uns sind Stadtmauern allenfalls romantische Erinnerungen an frühere Zeiten. Für Jesaja und seine Zeitgenossen ist das anders: Stadtmauern bieten Schutz. Sie bieten Sicherheit. Sie ermöglichen ein unbeschwertes Miteinander. Sie erlauben es, ohne Angst aus dem Haus zu gehen.

Es ist Gott, der diese Stadt, Jerusalem, zur festen Stadt macht. Es ist Gott, der sie im Schutz der Mauern gedeihen lässt. Sicher und uneinnehmbar ist die Stadt.

Gott ist unsre Zuversicht und Stärke,                                                                                  eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben. ….                                     Dennoch soll die Stadt Gottes fein lustig bleiben mit ihren Brünnlein,                    da die heiligen Wohnungen des Höchsten sind.                                                                Gott ist bei ihr drinnen, darum wird sie festbleiben;                                                     Gott hilft ihr früh am Morgen.                      Psalm 46, 2.5-6

Es sind nicht die hohen Mauern, die die Stadt zur festen Stadt machen.Es sind auch nicht die Wächter auf den Mauern, die für Sicherheit sorgen, für sorglosen Schlaf und sorglose Tage. Es ist der Herr, der in der Stadt ist, dort sein Haus, seine Wohnung hat. „Gott, der Herrr, ist ein ewiger Fels“ weiterlesen

Ein großes Hoffnungsbild

Jesaja 25, 1 – 12

1 HERR, du bist mein Gott, dich preise ich; ich lobe deinen Namen. Denn du hast Wunder getan; deine Ratschlüsse von alters her sind treu und wahrhaftig.

            Ein Loblied auf Gott. Nein, ein Lobpreis zu Gott, direkt an ihn adressiert: Du bist mein Gott.  Ein Einzelner stimmt ihn an. Aber er will und wird nicht allein bleiben mit seinem Lob. Er ist nur der Vorsänger, dem andere folgen werden. Er „übt mit der Gemeinde eine Liturgie ein, die einmal Gestalt annehmen wird.“(D. Schneider, aaO.  S. 355) Es kennzeichnet das Lob Gottes, dass in ihm die Zeiten zusammenfließen. Das Wunder in der Gegenwart öffnet den Mund und ruft zugleich die Erinnerung hervor: So ist Gott ja schon immer, von altersher. Und es macht sehnsüchtig auf die Zukunft hin.

 2 Denn du hast die Stadt zum Steinhaufen gemacht, die feste Stadt, dass sie in Trümmern liegt, die Paläste der Fremden, dass sie nicht mehr eine Stadt seien und nie wieder aufgebaut werden. 3 Darum ehrt dich ein mächtiges Volk, die Städte gewalttätiger Völker fürchten dich.

             Das ist das Wunder, das den Propheten zum Vorsänger macht. Gott hat aus der Weltstadt einen Trümmerhaufen gemacht. Einmal mehr ist es wohl müßig zu fragen: Ist damit Babylon gemeint oder Ninive, oder sonst eine Metropole? Natürlich liegt es nahe, an Babylon zu denken. Sie ist ja von alters her im Blick als die Stadt, die sich zum Himmel erheben will, an den Himmel kratzen und die von Gott zum Trümmerfeld gemacht wird. Paradebeispiel dafür ist die Erzählung vom Turmbau (1. Mose 11) Aber Babel findet wieder und wieder Städte, die in seine Fußstapfen treten, Kopien dieser Lebenshaltung, die nur auf sich selbst vertraut und baut.

Das Ende aber dieser Groß-Städte ist Zerstörung. Selbstzerstörung? Gehen sie an inneren Widersprüchen in die Brüche? So könnte man denken und sich die Vorgänge erklären: Gigantomanie richtet sich zwangsläufig gegen die Städte und macht sie irgendwann zu Steinwüsten. Der Sänger sieht auf den Hintergrund des Geschehens, wenn er sagt: Es ist Gericht Gottes, das sich an ihnen vollzieht, das sie so dahin sinken lässt. Über den Trümmern dieser Städte wächst Gras. Sie verschwinden aus dem Gedächtnis der Menschen. Es gibt genügend Beispiele dafür – die Archäologie unserer Tage gräbt so manchen verflossenen Glanz neu aus.

4 Denn du bist der Geringen Schutz gewesen, der Armen Schutz in der Trübsal, eine Zuflucht vor dem Ungewitter, ein Schatten vor der Hitze, wenn die Tyrannen wüten wie ein Unwetter im Winter, 5 wie die Hitze in der Zeit der Dürre. Du demütigst der Fremden Ungestüm, wie du die Hitze brichst durch den Schatten der Wolken; du dämpfst der Tyrannen Siegesgesang.

             Gott tritt den großen Städten entgegen, den Mächtigen, auch, weil es ihm um die Anderen geht, die Geringen, die Armen, die Schutzlosen. Darauf zielt der zweite Vers des Liedes. Er besingt Gott als der Geringen Schutz, der Armen Schutz in der Trübsal, als die Zuflucht der Bedrängten. Wieder und wieder ist das Thema in den Schriften des Alten Testaments, nicht nur bei Jesaja: Gott tritt auf die Seite der Armen und Geplagten. Er ist Partei – jedenfalls immer dann, wenn die Mächtigen ihre Macht missbrauchen und ihren Auftrag verfehlen, die Ohnmächtigen zu stärken und zu bewahren. Er ist der, der den Tyrannen Grenzen setzt, denen in Israel und auch denen aus den Völkern.

Wenn und weil sie das sehen, gehen den Völkern die Augen auf. Sie erkennen, dass Gott der Herr ist, sie ehren ihn – und das heißt doch, den Gott Israels, Jahwe, den HERRN. Was hier in einem dürren Satz angedeutet wird, findet sich erzählt wieder im Buch des Propheten Daniel, wenn König Darius nach der Rettung Daniels aus der Löwengrube anordnet: „Das ist mein Befehl, dass man in meinem ganzen Königreich den Gott Daniels fürchten und sich vor ihm scheuen soll. Denn er ist der lebendige Gott, der ewig bleibt, und sein Reich ist unvergänglich, und seine Herrschaft hat kein Ende.“ (Daniel 6,27) Diese Erwartung, die Völker werden den HERRN Israels ehren und fürchten, teilt Jesaja mit Daniel und anderen Propheten.   „Ein großes Hoffnungsbild“ weiterlesen