Lass Dir genügen

Jeremia 45, 1 – 5

1 Dies ist das Wort, das der Prophet Jeremia zu Baruch, dem Sohn Nerijas, redete, als er die Worte, wie Jeremia sie ihm sagte, auf eine Schriftrolle schrieb, im vierten Jahr Jojakims, des Sohnes Josias, des Königs von Juda:

            Was hier steht, das gehört an eine andere Stelle – in eine andere Zeit und an einen anderen Ort. Es ist die Zeit vor 597 und es ist doch wohl Jerusalem, wo dieses Wort ergeht. Die Frage ist: Warum steht es hier? Gibt es auch in Tachphanes keinen anderen Trost als es ihn in Jerusalem gegeben hat?

 2 So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels, über dich, Baruch: 3 Du sprichst: Weh mir, wie hat mir der HERR Jammer zu meinem Schmerz hinzugefügt! Ich seufze mich müde und finde keine Ruhe. 4 Sage ihm: So spricht der HERR: Siehe, was ich gebaut habe, das reiße ich ein, und was ich gepflanzt habe, das reiße ich aus, nämlich dies mein ganzes Land. 5 Und du begehrst für dich große Dinge? Begehre es nicht! Denn siehe, ich will Unheil kommen lassen über alles Fleisch, spricht der HERR, aber dein Leben sollst du wie eine Beute davon bringen, an welchen Ort du auch ziehst.

            Baruch scheint geklagt zu haben. Schreiber sind wohl nicht unbedingt tapfere Leute. Die Schreibfeder ist kein Schwert. Baruch scheint nicht damit fertig geworden zu sein, wie sich die Situation seines Lebens mehr und mehr verschlechtert.  „Sein „Weh mir“, ein Klageruf aus der Totenklage, nimmt die schrecklichen Leiden, die im Tod enden werden, vorweg.“ (R.Then, Der unbequeme Mahner. Jeremia, Bibelauslegung für die Praxis 12. Stuttgart 1993, S. 141) Tröstet das wirklich, wenn ich um mich herum nur Untergang sehe und mir dann sagen lassen muss: Aber du bist ja noch da. „Lass Dir genügen“ weiterlesen

Gott, schön und gut. Aber besser….

Jeremia 44, 15 – 30

 15 Da antworteten dem Jeremia alle Männer, die sehr wohl wussten, dass ihre Frauen andern Göttern opferten, und alle Frauen, die dabeistanden, eine große Menge, samt allem Volk, das in Ägyptenland und in Patros wohnte, und sprachen: 16 Den Worten, die du im Namen des HERRN uns sagst, wollen wir nicht gehorchen, 17 sondern wir wollen all die Worte halten, die aus unserm eigenen Munde gekommen sind, und wollen der Himmelskönigin opfern und ihr Trankopfer darbringen, wie wir und unsere Väter, unsere Könige und Oberen getan haben in den Städten Judas und auf den Gassen Jerusalems. Da hatten wir auch Brot genug und es ging uns gut, und wir sahen kein Unglück. 18 Seit der Zeit aber, da wir es unterlassen haben, der Himmelskönigin zu opfern und Trankopfer darzubringen, haben wir an allem Mangel gelitten und sind durch Schwert und Hunger umgekommen. 19 Und wenn wir Frauen der Himmelskönigin opfern und Trankopfer darbringen, das tun wir ja nicht ohne den Willen unserer Männer, wenn wir ihr Kuchen backen, um ein Bild von ihr zu machen, und ihr Trankopfer darbringen.

                       Am Ende ist es wie eine Zuspitzung der Berufungsworte an Jeremia: „Ich will dich heute zur festen Stadt, zur eisernen Säule, zur ehernen Mauer machen im ganzen Lande wider die Könige Judas, wider seine Großen, wider seine Priester, wider das Volk des Landes,“ (1,18) Jetzt steht Jeremia gegen alle – einer allein gegen alle. Alle Männer, alle Frauen, alles Volk. So einsam kann es werden für den, der Gott vertritt.

               Jetzt kommt aus dem Mund der Vielen, Männer, Frauen, Volk, eine klare Absage: Wir wollen dem HERRN nicht mehr gehorchen. Wir wollen uns nicht mehr unter dieses Wort stellen. Wir wollen unseren eigenen Worten folgen und der Himmelskönigin opfern. Da hatten wir auch Brot genug und es ging uns gut, und wir sahen kein Unglück. Die Himmelskönigin  ist wohl irgendeine Astarte-Gottheit, die immer schon eine heimliche Konkurrentin Jahwes war, die Fruchtbarkeit garantieren sollte und die irgendwie einleuchtender erschien als der Gott des Himmels und der Erde, der so anspruchsvoll in seiner Gehorsams-Forderung ist.

            Und es ist ein harter Gegensatz: „Das Kuchenbacken macht eben Spaß und es bietet sich bei diesem Kult richtig an, Volksfeste zu feiern. Es ist eine liebliche Frömmigkeit, während Jahwe-Gott von ihnen Gehorsam verlangt.“ (D. Schneider, Der Prophet Jeremia, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1977, S.330) Nicht verschweigen und unterschlagen will ich doch auch sehr problematische Sätze des gleichen Kommentars: „Zu beachten ist, dass dieser Götzendienst von den Frauen ausgeübt wird, V.15.25 (vgl. die Paradieserzählung, wo auch die Frau den Mann zur Sünde und zum Ungehorsam verleitet!)“ (D. Schneider, ebda.) Zu so kurzschlüssigen Gedankengängen fällt mir nichts mehr ein.

            Was in den Worten geschieht, ist die Aufkündigung des Bundes, in dem Israel zu Israel geworden ist, in dem es bewahrt war. Weil sie glauben, dass es einen anderen, besseren Weg gab: „Solange sie der Himmelkönigin opferten, ging es ihnen gut; erst das Aufhören dieses Kultes habe ihnen Hunger und Schwertnot eingebracht.“ (A.Weiser, Das Buch Jeremia, Kap. 25,15 – 52,34, ATD 21, Göttingen 1966, S.372) Nicht der Ungehorsam gegen Jahwe hat das Elend ausgelöst, sondern die Vernachlässigung der Fruchtbarkeitsgöttin.

            Was in diesen Worten geschieht, ist, aber noch viel mehr. Wir wollen all die Worte halten, die aus unserm eigenen Munde gekommen sind. Sie haben beschlossen, dass sie sich selbst leiten. Sie beschwören die Autonomie, die nur das eigene Wollen kennt, nur den Einfällen des eigenen Herzens folgt. Wenn man so will, sind sie in diesen Worten eine frühe Vorwegnahme der Postmoderne, in der die eigene Existenz, das eigene Wollen und das eigene Wohl zum alleinigen Maßstab werden. „Geh, wohin dein Herz dich führt.“ Niemand sonst darf führen, auf den Weg einwirken. Sie sind sich selbst Gott, letztlich alleiniger Maßstab. Hinter diesen Worten lauert die abgrundtiefe Einsamkeit des autonomen Menschen.

            Ich leide im Augenblick genau daran, dass ich sehe und erfahre, wie solche Autonomie, die jedes Wort von außen verweigert, zerstörerisch ist, Leben bedroht, auch das eigene Leben in eine unauflösliche Gefangenschaft führt, Gemeinschaft vernichtet. Ich leide darunter, dass ich sehe, wie dieser Mechanismus auch heute noch wirkt: Wer nur sich selbst als letzte Instanz hat und anerkennt, wird unzugänglich, gerät in die Gefangenschaft in sich selbst, wird zum „homo in se incurvatus“ (M. Luther), zum in sich selbst verkrümmten Menschen. Für Luther ist das das Wesen der Sünde, aus der wir nicht selbst in die Freiheit treten können und herausfinden, sondern der einzige Weg ins Freie ist Erlösung.

            Die Fronten werden klar: Glaube steht gegen Glaube. Wort gegen Wort. Die Deutung des Untergangs könnte verschiedener kaum sein. In ihren Worten wird es überdeutlich: sie sind inzwischen regelrecht immun gegen die Rückrufe zum Gott der Väter, zum Gehorsam gegen das Gesetz, zum Vertrauen auf den HERRN.  „Gott, schön und gut. Aber besser….“ weiterlesen

Vor Gott ist Flucht Unsinn

Jeremia 44, 1 – 14  

 1 Dies ist das Wort, das zu Jeremia geschah an alle Judäer, die in Ägyptenland wohnten, nämlich in Migdol, Tachpanhes und Memfis, und die im Lande Patros wohnten.

             Sie sind wirklich nach Tachphanes gegangen. Sie haben sich dort sogar sesshaft gemacht. Vielleicht sind sie ja auch dorthin gegangen, weil es schon zuvor „in Oberägypten eine jüdische Diaspora gegeben hat.“ (A.Weiser, Das Buch Jeremia, Kap. 25,15 – 52,34, ATD 21, Göttingen 1966, S.370) Das würde zumindest ein wenig helfen zu verstehen, warum es zu diesem Weg gekommen ist.

 2 So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels: Ihr habt gesehen all das Unheil, das ich habe kommen lassen über Jerusalem und über alle Städte in Juda; siehe, heutigentags sind sie wüst und niemand wohnt darin; 3 und das um ihrer Bosheit willen, die sie taten, als sie mich erzürnten und hingingen und opferten und dienten andern Göttern, die weder sie noch ihr noch eure Väter kannten. 4 Und ich sandte immer wieder zu euch alle meine Knechte, die Propheten, und ließ euch sagen: »Tut doch nicht solche Gräuel, die ich hasse.« 5 Aber sie gehorchten nicht und kehrten auch ihre Ohren nicht zu mir, dass sie sich von ihrer Bosheit bekehrt und andern Göttern nicht geopfert hätten.  6 Darum ergoss sich auch mein Zorn und Grimm und entbrannte über die Städte Judas und die Gassen Jerusalems, dass sie zur Wüste und Öde geworden sind, so wie es heute ist.

            Auch im fremden Land sucht Gott sein Volk. Auch in Ägypten hört er nicht auf, durch den Propheten um das Herz seines Volkes zu werben. Noch einmal wird erklärt, warum es zu der Katastrophe gekommen ist, warum alle Städte in Juda wüst sind und niemand wohnt darin. Denen, die sich in Sicherheit bringen wollen, hält Jeremia vor, was der wahre Grund ihres Elends ist: „Die Sünden der Väter, ihren Götzendienst und Ungehorsam gegen die wiederholten Warnungen der Propheten als ihre innere Ursache, der das Zorngericht Jahwes notwendig folgen musste.“(A.Weiser, ebda.) Gott hat vergeblich zur Umkehr gerufen. Es ist eine lange Kette von Boten, die Gott gesandt hat – alle mit der einen Botschaft: „Werdet klar in eurem Leben. Kehrt euch zu mir.“ Aber es ist, als habe Gott zu verschlossenen Ohren und harten Herzen geredet, die Umkehr ist eine Sehnsucht Gottes geblieben, aber nicht die Wirklichkeit des Volkes geworden.

             Die Städte Judas und die Gassen Jerusalems sind zur Wüste und Öde geworden. Das Land wird wüst und öde. So ist es bei uns nicht. Unser Land ist nicht entleert, nicht verwüstet, wie direkt nach dem Krieg 1945, nicht menschenleer.  Die Verwüstungen bei uns sind nicht zerstörte Häuser und zertrümmerte Straßen, Die Verwüstungen bei uns sind hasserfüllte Herzen und verwirrte Sinne. Die nur noch sich selbst kennen, denen jedes Vertrauen auf Gottes Fügung abhanden gekommen ist.

            Sehe ich nur noch schwarz?  Weil Jeremia bis zum Ende keine neuen Worte erhält, keine andere Botschaft zu sagen als am Anfang deines Weges als Prophet? Was für eine bittere Treue ist das, die Gott über dreißig Jahre hin diesem Propheten abverlangt.

 7 Nun, so spricht der HERR, der Gott Zebaoth, der Gott Israels: Warum tut ihr euch selbst ein so großes Unheil an, dass bei euch ausgerottet werden aus Juda Mann und Frau, Kind und Säugling und nichts von euch übrig bleibt, 8 und erzürnt mich so durch eurer Hände Werke und opfert andern Göttern in Ägyptenland, wohin ihr gezogen seid, um dort zu wohnen, auf dass ihr ausgerottet und zum Fluch und zur Schmach werdet unter allen Völkern auf Erden? 9 Habt ihr vergessen die Sünden eurer Väter, die Sünden der Könige von Juda, die Sünden ihrer Frauen, dazu eure eigenen Sünden und die Sünden eurer Frauen, die sie getan haben im Lande Juda und auf den Gassen Jerusalems?

               Aber die Lebenspraxis in Israel war und ist eine andere. Auch jetzt, am vermeintlichen Ort der Zuflucht geht es so weiter: Ihr erzürnt mich durch eurer Hände Werke und opfert andern Göttern in Ägyptenland. Es ist kein Neuanfang in Ägypten, sondern die Fortsetzung, die immer gleiche Litanei: die Sünden eurer Väter, die Sünden der Könige von Juda, die Sünden ihrer Frauen, dazu eure eigenen Sünden und die Sünden eurer Frauen.  Es sind eben nicht nur alte Missetaten, es ist der fortgesetzte Götzendienst, der den Weg in eine gute Zukunft versperrt. Es sind neue Leute, eine neue Generation, aber die alten Verhaltensmuster. Sie scheinen unbelehrbar.

             Ist das so, auch bei uns? Ist das so, dass dieses Land Deutschland unbelehrbar ist? Wir sind schon lange nicht mehr die Generation derer, die im 3. Reich gelebt hat, hinter den braunen Horden hergelaufen ist. Manchmal aber denke ich: Dieses Land hat nur die Kleider gewechselt. Viele im Land sind in der Regel nicht mehr offen antisemitisch, „nur noch“ rassistisch und fremdenfeindlich. Aber wir scheinen, wie schon immer, auf der Suche nach Sündenböcken, denen man alles Elend und alle enttäuschte Erwartung des eigenen Lebens anlasten kann. Früher waren die Juden an allem schuld, jetzt sind die Ausländer, die Asylanten, die uns in die Misere führen.  „Die anderen waren schuld, dass alles anders kam“.(Alexandra, LP Lieder unserer Zeit in Licht und Schatten, o. J.) „Vor Gott ist Flucht Unsinn“ weiterlesen

Überall in Gottes Händen

Jeremia 43, 1 – 13

 1 Als Jeremia dem ganzen Volk alle Worte des HERRN, ihres Gottes, ausgerichtet hatte, wie ihm der HERR, ihr Gott, alle diese Worte an sie befohlen hatte, 2 sprachen Asarja, der Sohn Hoschajas, und Johanan, der Sohn Kareachs, und alle aufsässigen Männer zu Jeremia: Du lügst! Der HERR, unser Gott, hat dich nicht zu uns gesandt und gesagt: »Ihr sollt nicht nach Ägypten ziehen, um dort zu wohnen«, 3 sondern Baruch, der Sohn Nerijas, beredet dich zu unserm Schaden, damit wir den Chaldäern übergeben werden und sie uns töten oder nach Babel wegführen.

             Solange uns die Worte Gottes gefallen, ist es nicht schwer, sie anzunehmen. Wenn sie aber den eigenen Gedanken und Wünschen nicht entsprechen, kommen die Anfragen: „Das sagst doch Du. Das ist ein Interessen-geleitetes Wort. Das ist nicht Gott, der dir das gesagt hat. Du lässt dich instrumentalisieren.“ So klingt es Jeremia entgegen. „Der Verdacht der Lügenprophetie reißt bis zum Ende der Wirksamkeit des Jeremia nicht ab.“ (R.Then, Der unbequeme Mahner. Jeremia, Bibelauslegung für die Praxis 12. Stuttgart 1993, S.136) So bekommt es auch heute der zu hören, der quer liegt mit seinen „Gottesworten.“ Die Unterstellung an Jeremia: Du bist das Sprachrohr des Baruch. Und du willst nur, dass wir den Weg der Exilanten gehen müssen – nach Babel.

            Es bleibt eine große Herausforderung: Wird mir nur das zum Gotteswort, was mich bestätigt oder sind auch das Worte Gottes an mich – durch Menschenmund hindurch – die mich in Frage stellen und mir einen anderen als den selbst-bestimmten Weg zeigen? Höre ich nur das als Gotteswort, was ich gerne höre oder sind auch das Gottes Worte an mich, die mir quer liegen, mich verunsichern, mich aus dem gewohnten Tritt bringen und mir so einen neuen, anderen Weg zumuten?

            Ich kenne den Verdacht: Was mir da als Wort Gottes entgegentritt, ist in Wahrheit interessengeleitet. Sie wollen nur die Kirche stabilisieren. Es ist nur eine bestimmte Theologie, die sich zu Wort meldet. Dahinter steht der Versuch, mich auf Linie zu bringen. Mich in meinen ethischen Entscheidungen zu lenken. Ich leide darunter, dass ich eine Verkürzung der biblischen Botschaft auf Ethik beobachte, die den Zuspruch der Gnade, die das Wort von der Erlösung durch den gekreuzigten Christus, die den Ruf zum Glauben, zum Vertrauen auf den zuvorkommenden Gott irgendwie nicht als das Zentrum der Schrift sieht.

Ich kenne auch die Sorge: ich höre nur noch in ein bestimmtes Raster hinein. Der lebenslange Umgang mit der Schrift hat geprägt, hat Gedankengebäude und Eckpfeiler werden lassen, die Worte eingliedern, Es gibt kein Hören der Schrift, das nicht schon von einem „Vorverständnis“ begleitet und auch geleitet ist. Umso dringlicher ist, demütig zu lernen und zu üben, jeden Tag neu zu hören.. Sich freizumachen von den eigenen Lieblingsgedanken, von den eigenen Eckpfeilern des Begreifens. Gott reden lassen, was er sagt. Heute. Und hören und gehorchen.

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Zehn lange Tage

Jeremia 42, 1 – 22

 1 Da traten herzu alle Hauptleute des Heeres, Johanan, der Sohn Kareachs, Asarja, der Sohn Hoschajas, samt dem ganzen Volk, Klein und Groß, 2 und sprachen zum Propheten Jeremia: Lass doch unsere Bitte vor dir gelten und bete für uns zum HERRN, deinem Gott, für alle diese Übriggebliebenen – denn leider sind wir von vielen nur wenige übrig geblieben, wie du mit eigenen Augen siehst -, 3 dass der HERR, dein Gott, uns kundtun wolle, wohin wir ziehen und was wir tun sollen.

             Jetzt erst erfährt man als Leser: Jeremia ist unter denen, die in der Herberge Kimhams bei Bethlehem den Weg nach Ägypten antreten wollen. Er war bei Gedalja und ist dem Morden entgangen. Er war mitverschleppt in Richtung der Ammoniter und ist befreit worden.  Jetzt steht er unter denen, die von Furcht besetzt nach einem Weg suchen. Den Hauptleuten und dem Volk.

             Was ist das für eine Formulierung: Der Herr, dein Gott. Ist er nicht auch ihr Gott? Wie viel Distanz wird da schon in der Frage spürbar. Wollen sie das wirklich wissen? Wollen sie dem Wort, das Jeremia für sie empfangen könnte, wirklich gehorchen? Sie legen sich fest: Der HERR, dein Gott, wolle uns kundtun, wohin wir ziehen und was wir tun sollen. Haben sie die Lektion gelernt aus dem Untergang? Der Gehorsam gegen Gott eröffnet Wege. Es sind die Führer eines verzweifelten Haufens, die so fragen. Und vielleicht ist es ja so: Jeden Antwort ist besser als nichts.

 4 Und der Prophet Jeremia sprach zu ihnen: Wohlan, ich will gehorchen. Siehe, ich will zum HERRN, eurem Gott, beten, wie ihr gesagt habt, und alles, was euch der HERR antworten wird, das will ich euch kundtun und will euch nichts vorenthalten. 5 Und sie sprachen zu Jeremia: Der HERR sei ein zuverlässiger und wahrhaftiger Zeuge wider uns, wenn wir nicht alles tun werden, was uns der HERR, dein Gott, durch dich befehlen wird. 6 Es sei Gutes oder Böses, so wollen wir gehorchen der Stimme des HERRN, unseres Gottes, zu dem wir dich senden, auf dass es uns wohlgehe, wenn wir der Stimme des HERRN, unseres Gottes, gehorchen.

            Das ist eine Selbstbindung, die sie hier eingehen. Und auch sprachlich verändert sich einiges – dein Gott – euer Gott – unser Gott.  Ihre Bitte um Wegweisung ist eindringlich. „Und Jeremia lehnt nicht ab; denn Gott gibt ihnen allen noch einmal eine Chance.“ (D. Schneider, Der Prophet Jeremia, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1977, S.324)Es ist eine Selbstbindung, die an die Worte des Landtags von Sichem erinnert. Auch da die Mahnung: wisst ihr auch, was ihr sagt und die Antwort: „Josua sprach zum Volk: Ihr seid Zeugen gegen euch selbst, dass ihr euch den HERRN erwählt habt, um ihm zu dienen. Und sie sprachen: Ja!“ (Josua 24,22) Jeremia erinnert sie deutlich: Ich frage den Gott, der euer Gott ist. – Und ihr werdet antworten müssen. Durch euer Tun. Dann kommt es – widerstrebend? – wir wollen der Stimme des Herrn, unseres Gottes, gehorchen. Wer so spricht, bindet sich selbst – so wie früher eiben Josua, einem zögerlichen Volk gegenüber: „Ich aber und mein Haus wollen dem HERRN dienen.“(Josua 24,16)

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Wahnwütige Gewalt

Jeremia 41, 1 – 18

 1 Aber im siebenten Monat kam Jischmael, der Sohn Netanjas, des Sohnes Elischamas, aus königlichem Stamm, einer von den Obersten des Königs, und zehn Männer mit ihm zu Gedalja, dem Sohn Ahikams, nach Mizpa und sie aßen dort in Mizpa miteinander. 2 Und Jischmael, der Sohn Netanjas, erhob sich samt den zehn Männern, die bei ihm waren, und sie erschlugen Gedalja, den Sohn Ahikams, des Sohnes Schafans, mit dem Schwert, weil ihn der König von Babel über das Land gesetzt hatte. 3 Auch erschlug Jischmael alle Judäer, die bei Gedalja waren in Mizpa, und die Chaldäer, die dort waren, sämtliche Kriegsleute.

            Was für eine verworrene Geschichte.  Warum geschieht das alles? „Kaum zwei Monate war Gedalja Statthalter, da fiel er durch Mörderhand.“(A.Weiser, Das Buch Jeremia, Kap. 25,15 – 52,34, ATD 21, Göttingen 1966, S.355) Der Text schweigt sich über die Motive des Jischmael aus. Er ist ein Davidide, aus dem Königsgeschlecht. Ist also das der Grund, dass er dem Statthalter der Chaldäer seine Position neidet? Will er den Wiederaufbau hintertreiben, weil er eine andere Sicht hat? Soviel steht fest: „Der Mord an Gedalja hat weitreichende Folgen. Er bedeutet den Zusammenbruch des  verheißungsvoll begonnen Wiederaufbaus des neuen Gemeinwesens.“ (A.Weiser, ebda.) Es ist ein gefährliches Spiel und nicht nur ein innerjüdischer Konflikt. Er bringt ja auch alle Chaldäer mit um, die bei Gedalja waren. Das hat den Geschmack von Aufstandsversuch gegen die Besatzung.

4 Am andern Tage, nachdem Gedalja erschlagen war und es noch niemand wusste, 5 kamen achtzig Männer von Sichem, von Silo und von Samaria und hatten die Bärte abgeschoren und ihre Kleider zerrissen und sich wund geritzt und trugen Speisopfer und Weihrauch mit, um es zum Hause des HERRN zu bringen. 6 Und Jischmael, der Sohn Netanjas, ging heraus von Mizpa ihnen entgegen, ging und weinte. Als er nun an sie herankam, sprach er zu ihnen: Ihr sollt zu Gedalja, dem Sohn Ahikams, kommen. 7 Als sie aber mitten in die Stadt kamen, ermordete sie Jischmael, der Sohn Netanjas, er und die Männer, die bei ihm waren, und warfen sie in die Zisterne. 8 Aber es waren zehn Männer darunter, die sprachen zu Jischmael: Töte uns nicht; wir haben Vorrat im Acker verborgen liegen an Weizen, Gerste, Öl und Honig. Da ließ er ab und tötete sie nicht mit den andern. 9 Die Zisterne aber, in die Jischmael die Leichname der Männer warf, die er erschlagen hatte samt dem Gedalja, ist die, welche der König Asa hatte anlegen lassen im Krieg gegen Bascha, den König von Israel. Die füllte Jischmael, der Sohn Netanjas, mit den Erschlagenen.

            Jetzt wird es völlig unverständlich. Der alte Kultbrauch der Wallfahrt nach Jerusalem zum Herbstfest, das als das große Jahresfest Jahwes galt, wurde von Angehörigen des ehemaligen Nordreiches noch gepflegt.“(A.Weiser, aaO.; S.356) Unter diesen Pilgern richtet  Jischmael ein Blutbad an. Dieser Mord an den Pilgern riecht nach Blutrausch. Sie sind auf dem Weg nach dem zerstörten Jerusalem, keine Gefahr für Jischmael. Wahrscheinlich wissen sie nichts von dem Geschehen in Mizpa – und werden unschuldige Opfer eines Menschen, der keine Skrupel kennt. Zehn von ihnen retten ihr Leben, indem sie ihm ihre Vorräte übergeben.

            Meine Frage: Tobt sich hier das ethische Chaos nach dem Untergang aus? Folgt sozusagen auf die politische die moralische Katastrophe? Diese Untat ist „zur plumpen, sinnlosen und kleinlichen Befriedigung des Machtbedürfnisses eines kleinen Mannes geworden.“ (D. Schneider, Der Prophet Jeremia, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1977, S.320) Dass Kriege Seelen verrohen lassen, wissen wir hinlänglich. Dass es in Bürgerkriegen und instabilen Verhältnissen zu völlig unsinniger Gewalt kommen kann, wird hier beschrieben.   „Wahnwütige Gewalt“ weiterlesen

Geh Deinen Weg

Jeremia 40, 1 – 16

1 Dies ist das Wort, das vom HERRN geschah zu Jeremia, als ihn Nebusaradan, der Oberste der Leibwache, losließ in Rama, wo er ihn gefunden hatte; denn er war auch, mit Fesseln gebunden, unter allen Gefangenen aus Jerusalem und Juda, die nach Babel weggeführt werden sollten. 2 Als nun der Oberste der Leibwache Jeremia hatte zu sich holen lassen, sprach er zu ihm: Der HERR, dein Gott, hat dies Unglück über diese Stätte vorhergesagt 3 und hat’s auch kommen lassen und getan, wie er geredet hat; denn ihr habt gesündigt wider den HERRN und seiner Stimme nicht gehorcht; darum ist euch solches widerfahren.

            Ein großer Feldherr und ein kleiner Kriegsgefangener – größer kann der Kontrast kaum sein. Einer, der tausende kommandiert und der andere, der gebunden in der Reihe derer steht, die auf ihren Abtransport ins Exil warten Zu Fuß natürlich, ein paar tausend km weit. Der eine ein Sieger, der andere ein Jude, wie sie zu tausenden gestorben sind beim Fall Jerusalems. Es wirkt realistisch: Unter dem großen Haufen der Gefangenen hat Nebusaradan  Jeremia  gefunden, in Rama. Es gab so etwas wie einen Suchauftrag: Findet Jeremia. Und der Auftrag hat Erfolg.

            Und dann aus dem Mund des Siegers Worte, wie sie der Prophet gesagt hatte. Er bekommt von dem heidnischen Sieger „Recht“: Dein Gott hat seine Stadt fallen lassen. Dein Gott hat die Sünde seines Volkes gestraft. Heißt das: Ich erkenne, dass unser Sieg Gabe dieses Gottes ist? Heißt das, dass da einer spürt: Wir hätten Jerusalem nicht erobern können, wenn es sich im Gehorsam und im Vertrauen in die Treue Gottes geborgen hätte? „Was die Judäer später in Babylon immer wieder reumütig bekennen müssen: Gott selbst hat uns in die Gefangenschaft geführt – ein Heide ist es, der es ihnen vorspricht.“ (D. Schneider, Der Prophet Jeremia, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1977, S.315)

              Man muss das nicht zu gewichtig nehmen. Und doch: Ist das so etwas wie ein Gottesbekenntnis durch einen Heiden – schon im Alten Testament? Eine frühe Parallele zu dem römischen, heidnischen Hauptmann unter dem Kreuz Jesu? Eine Ausweitung: Gottes Wege in der Geschichte zu erkennen ist nicht Exklusivrecht der Juden, der Frommen? Manchmal sieht eine Heide mehr.

4 Und nun siehe, ich mache dich heute los von den Fesseln, mit denen deine Hände gebunden waren. Gefällt dir’s, mit mir nach Babel zu ziehen, so komm, du sollst mir befohlen sein. Gefällt dir’s aber nicht, mit mir nach Babel zu ziehen, so lass es sein. Siehe, du hast das ganze Land vor dir; wo dich’s gut dünkt und dir’s gefällt, da zieh hin. 5 Denn weiter hinaus wird kein Wiederkehren möglich sein. Darum magst du umkehren zu Gedalja, dem Sohne Ahikams, des Sohnes Schafans, den der König von Babel über die Städte in Juda gesetzt hat, und bei ihm bleiben unter dem Volk; oder geh, wohin dir’s gefällt. Und der Oberste der Leibwache gab ihm Wegzehrung und Geschenke und ließ ihn gehen. 6 So kam Jeremia zu Gedalja, dem Sohne Ahikams, nach Mizpa und blieb bei ihm unter dem Volk, das im Lande noch übrig geblieben war.

            Aber dabei bleibt es nicht: Du bist frei. Du kannst gehen, wohin Du willst. Der Sieger löst dem Besiegten die Fessel und gibt ihm die Wahl frei: Exil oder Heimat, – das ganze Land steht dir offen.  Es ist wie in dem Gespräch zwischen Abraham und Lot: Sieh, wohin du gehen willst – du bist frei. Du bist dein eigener Herr und wählst dir, was du willst.

            Siehe, du hast das ganze Land vor dir; wo dich’s gut dünkt und dir’s gefällt, da zieh hin.. Kein Druck. Angebote. Mitgehen nach Babylon unter der Obhut des Nebusaradan. Oder im Land bleiben. Wo immer er will. Auch eine Empfehlung: wenn du im Land bleibst, gehe zu Gedalja, dem Sohne Ahikams, dem Statthalter Nebukadnezars. Aber noch einmal, um nur jede Beeinflussung zu vermeiden: geh, wohin dir’s gefällt. „Geh Deinen Weg“ weiterlesen

Einzelschicksal

Jeremia 39, 1 – 18

 1 Denn im neunten Jahr Zedekias, des Königs von Juda, im zehnten Monat kam Nebukadnezar, der König von Babel, und sein ganzes Heer vor Jerusalem und belagerten es. 2 Und im elften Jahr Zedekias, am neunten Tage des vierten Monats, brach man in die Stadt ein. 3 Und alle Obersten des Königs von Babel zogen hinein und hielten unter dem Mitteltor, nämlich Nergal-Sarezer, der Fürst von Sin-Magir, der Oberhofmeister, und Nebuschasban, der Oberkämmerer, und alle andern Obersten des Königs von Babel.

             „Nach Eineinhalbjähriger Belagerung gelang es den Babyloniern im August des Jahres 587, in die Mauer, der durch die Hungersnot geschwächten Stadt eine Bresche zu legen, durch welche die Belagerer eindrangen.“ (A.Weiser, Das Buch Jeremia, Kap. 25,15 – 52,34, ATD 21, Göttingen 1966, S.346) Der Einzug in die Stadt ist mehr ein Triumphzug als eine militärische Operation.

 4 Als nun Zedekia, der König von Juda, und seine Kriegsleute das sahen, flohen sie bei Nacht zur Stadt hinaus auf dem Wege zu des Königs Garten durchs Tor zwischen den beiden Mauern und entwichen zum Jordantal hin. 5 Aber die Kriegsleute der Chaldäer jagten ihnen nach und holten Zedekia ein im Jordantal von Jericho und nahmen ihn gefangen und brachten ihn zu Nebukadnezar, dem König von Babel, nach Ribla, das im Lande Hamat liegt.

             Der König wird nicht zum heroischen Helden, der in der Schlacht fällt. „Offenbar war der Ring um die Stadt nicht ganz geschlossen, so dass der König Zedekia mit seiner Familie zunächst unbemerkt die Stadt verlassen konnte.“ (D. Schneider, Der Prophet Jeremia, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1977, S.314) Es passt zu diesem glücklosen König, dass die Flucht scheitert. Er und seine Leibwache werden im Jordantal gefangen gesetzt.  

 Der sprach das Urteil über ihn. 6 Und der König von Babel ließ die Söhne Zedekias vor seinen Augen töten in Ribla und tötete auch alle Vornehmen Judas.7 Aber Zedekia ließ er die Augen ausstechen und ihn in Ketten legen, um ihn nach Babel zu führen. 8 Und die Chaldäer verbrannten das Haus des Königs und die Häuser der Bürger und rissen die Mauern Jerusalems nieder.

            Das Ende der Verblendung ist Untergang und Blendung. Die Stadt Jerusalem fällt, ihre Mauern werden geschleift, ihre Häuser zerstört. Das letzte, was Zedekia sieht, ist die Hinrichtung seiner Söhne. Dann wird Zedekia geblendet. So, ein gebrochener, hilfloser Mann, wird er nach Babylon verschleppt. In welchem Dunkel er von nun an in Babylon lebt, mag ich mir kaum vorstellen – das innere Dunkel wird noch schlimmer sein als das Dunkel der Augen. „Einzelschicksal“ weiterlesen

Auf Gedeih und Verderben – sich ergeben

Jeremia 38, 14 – 28

 14 Und der König Zedekia sandte hin und ließ den Propheten Jeremia zu sich holen unter den dritten Eingang am Hause des HERRN. Und der König sprach zu Jeremia: Ich will dich etwas fragen; verbirg mir nichts! 15 Jeremia sprach zu Zedekia: Sage ich dir etwas, so tötest du mich doch; gebe ich dir aber einen Rat, so gehorchst du mir nicht. 16 Da schwor der König Zedekia dem Jeremia heimlich und sprach: So wahr der HERR lebt, der uns dies Leben gegeben hat: Ich will dich nicht töten noch den Männern in die Hände geben, die dir nach dem Leben trachten.

            Wieder sucht Zedekia den Kontakt zu dem Propheten. Wieder heimlich. Wenn man so will: am Hintereingang. „Offenbar fühlt sich der König in seinem eigenen Schloss nicht mehr sicher, dass er, um unbeobachtet zu sein, den Jeremia an den dritten Eingang des Tempels bestellt, wo für die Unterredung wohl ein besonderer Raum zur Verfügung stand.“ (A.Weiser, Das Buch Jeremia, Kap. 25,15 – 52,34, ATD 21, Göttingen 1966, S.340)

             Und wieder die Bitte um ein Wort. Doch nicht nur einen Rat des Propheten. Ratgeber hat Zedekia immer noch genug. Was er sucht, ist ein Wort Gottes. Spruch Jahwes.

            Zedekia – der König. Jeremia – der verfolgte Prophet. Wer ist hier der Starke? Wer ist hier der Abhängige? Jeremia jedenfalls macht sich über die Wankelmütigkeit des Zedekia nichts vor. Er weiß, dass dieser König Opfer seiner Stimmungen, seiner Ängste, seiner Ratgeber ist. Er weiß, dass seine Worte wie in den Wind gesprochen sein werden. Und dennoch lässt er sich rufen und fragen und steht Rede und Antwort.

            Das ist ein Lehrbeispiel für Geduld, für das lange Mitgehen, das den anderen nicht fallen lässt, obwohl es seine Schwäche überdeutlich sieht. Es ist leicht, bei klaren Menschen auszuhalten. Es ist unendlich schwer, bei Menschen zu bleiben und ihnen Solidarität zu zeigen, die heute so und morgen anders sind, die sich selbst im Weg stehen und die andere womöglich mitreißen in den eigenen Untergang. Wo ist die Grenze solcher Solidarität? Dieser Frage darf niemand, auch um seiner selbst willen, ausweichen.

 17 Und Jeremia sprach zu Zedekia: So spricht der HERR, der Gott Zebaoth, der Gott Israels: Wirst du hinausgehen zu den Obersten des Königs von Babel, so sollst du am Leben bleiben und diese Stadt soll nicht verbrannt werden, sondern du und dein Haus sollen am Leben bleiben; 18 wirst du aber nicht hinausgehen zu den Obersten des Königs von Babel, so wird diese Stadt den Chaldäern in die Hände gegeben und sie werden sie mit Feuer verbrennen, und auch du wirst ihren Händen nicht entrinnen.

            Übergabe auf Gedeih und Verderben. Bedingungslose Kapitulation. Das ist das Wort Gottes an Zedekia. Dass ist eben nicht nur der lebenskluge und politisch alternativlose Rat des Jeremia. Es ist das Wort Gottes. „Der Glaube an Gott würde hier zugleich eine Unterwerfung unter den König von Babel mit sich bringen.“(D. Schneider, Der Prophet Jeremia, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1977, S.310) Ich würde lieber sagen: „Das Vertrauen auf Gott.“ – weil es die konkrete Situation trifft. Glaube an Gott  ist in meinen Ohren ein wenig allerweltsmäßig.

            Es ist das Wort, das tausendfach überhört worden ist – nicht nur von Zedekia. Immer wieder ist der Kampf bis zum letzten Atemzug heroisiert worden. Die Toten von Sparta an der Meer-Enge der Thermopylen, die Toten auf Massada, die Toten aus der Rolands-Schlacht, die Toten bei Langemarck und Verdun, die Toten in  Stalingrad – sie sind der Stoff für Heldenlieder. Wer sich auf Gedeih und Verderben ergibt, der wird nicht besungen. Wer überläuft und sich ergibt, der geht als Feigling in die Geschichte ein. „Auf Gedeih und Verderben – sich ergeben“ weiterlesen

Wehrkraftzersetzer im Auftrag Gottes

Jeremia 38, 1 – 13

 1 Es hörten aber Schefatja, der Sohn Mattans, und Gedalja, der Sohn Paschhurs, und Juchal, der Sohn Schelemjas, und Paschhur, der Sohn Malkijas, die Worte, die Jeremia zu allem Volk redete.

             Ob die Zahl der Zuhörer Jeremias im Lauf der Zeit gestiegen ist, mag dahin gestellt sein. Aber: „Die Ereignisse hatten seinen wiederholten Unheilsdrohungen Recht gegeben und die Zahl derer gemehrt, die ihm ihre Aufmerksamkeit und Achtung entgegenbrachten.“ (A.Weiser, Das Buch Jeremia, Kap. 25,15 – 52,34, ATD 21, Göttingen 1966, S.338) Es steht dahin – sind die aufgezählten Namen identisch mit denen, die ihn besorgt wachsam beobachten oder mit denen, die ihn achten?

 2 So spricht der HERR: Wer in dieser Stadt bleibt, der wird durch Schwert, Hunger und Pest sterben müssen; wer aber hinausgeht zu den Chaldäern, der soll am Leben bleiben und wird sein Leben wie eine Beute davonbringen. 3 Denn so spricht der HERR: Diese Stadt soll übergeben werden dem Heer des Königs von Babel und es soll sie einnehmen.

            Das ist eine Botschaft, die eine belagerte Stadt mürbe machen muss. Es bleibt nur eine Wahl: entweder Kämpfen bis zum Untergang oder Sich ergeben. Das klingt wie der Aufruf zum Überlaufen – und für die Ohren der Zuhörer bestätigt sich nur der Verdacht gegen Jeremia: er wollte selbst überlaufen. Es muss die Hörer bis ins Mark treffen: Gott selbst hat den Untergang seiner Stadt beschlossen – es gibt keinen Ausweg mehr. Und es gilt nur noch, das Schlimmste zu vermeiden, den massenhaften Tod.

4 Da sprachen die Oberen zum König: Lass doch diesen Mann töten; denn auf diese Weise nimmt er den Kriegsleuten, die noch übrig sind in dieser Stadt, den Mut, desgleichen dem ganzen Volk, weil er solche Worte zu ihnen sagt. Denn der Mann sucht nicht, was diesem Volk zum Heil, sondern was zum Unheil dient.

             Für die Hardliner in Jerusalem liegt es auf der Hand. Jeremia muss zum Schweigen gebracht werden. „Solche Rede untergräbt jeglichen Widerstandswillen der Verteidiger.“ (R.Then, Der unbequeme Mahner. Jeremia, Bibelauslegung für die Praxis 12. Stuttgart 1993, S.127) Wer will, das auch in hoffnungsloser Lage der Kampf durchgehalten wird, der darf Jeremia nicht weiter reden lassen. Es klingt schräg: Aber Aufgeben, sich Ergeben ist für sie das schlimmere Unheil als der Untergang der ganzen Stadt und der Tod aller.

            Wer so redet wie Jeremia, der schadet der Kampfmoral. Der schadet dem unbedingten Willen zum Widerstand. Vielleicht war das ihre Überlegung: Wir brauchen Geschichten vom Durchhalten und der Rettung in letzter Not. „Erzähle vom Schilfmeer, Jeremia, und vom Gotteswunder gegen die Weltmacht, wenn dir dein Leben lieb ist. Aber schweige still vom Ergeben oder wir machen dich still.“ „Wehrkraftzersetzer im Auftrag Gottes“ weiterlesen