Der Vorläufer kommt

Maleachi 3, 13 – 24

13 Ihr redet hart gegen mich, spricht der HERR. Ihr aber sprecht: »Was reden wir gegen dich?« 14 Ihr sagt: »Es ist umsonst, dass man Gott dient; und was nützt es, dass wir sein Gebot halten und in Buße einhergehen vor dem HERRN Zebaoth? 15 Darum preisen wir die Verächter; denn die Gottlosen gedeihen, und die Gott versuchen, bleiben bewahrt.«

 Normalerweise geht es anders herum. Wir klagen, dass Gott sich hart gegen uns stellt. Heutzutage sitzt Gott oft auf der Bank des Beklagten. Wenn er überhaupt noch wichtig genommen wird, dann als Angeklagter. „Und sie fluchten Gott, der ihnen doch das Glück schuldig war. ER war doch der liebe Gott!“ (Jörg Zink, Die letzten sieben Tage der Schöpfung, 1970). Wie anders hier. Durch das Buch Maleachi zieht sich eine Kette von Anklageworten Gottes. Er klagt an, das Volk sitzt auf der Anklagebank und gerät in Verteidigungsposition.

 Die Anklage Gottes lautet: Ihr sagt, es lohnt sich nicht, Gott zu dienen, sein Gebot zu halten. Und in Sack und Asche gehen bringt es auch nicht.

 Ich ereiferte mich über die Ruhmredigen,                                                                           als ich sah, dass es den Gottlosen so gut ging.                                                                  Denn für sie gibt es keine Qualen,                                                                                         gesund und feist ist ihr Leib.                                                                                                  Sie sind nicht in Mühsal wie sonst die Leute                                                                        und werden nicht wie andere Menschen geplagt.                                                           Darum prangen sie in Hoffart und hüllen sich in Frevel.                                                      Sie brüsten sich wie ein fetter Wanst,                                                                                  sie tun, was ihnen einfällt.                                                                                                      Sie achten alles für nichts und reden böse,                                                                             sie reden und lästern hoch her.                                                                                            Was sie reden, das soll vom Himmel herab geredet sein;                                                was sie sagen, das soll gelten auf Erden.                                                                      Darum fällt ihnen der Pöbel zu                                                                                             und läuft ihnen zu in Haufen wie Wasser.                                                                           Sie sprechen: Wie sollte Gott es wissen?                                                                             Wie sollte der Höchste etwas merken?                                                                         Siehe, das sind die Gottlosen;                                                                                              die sind glücklich in der Welt und werden reich.               Psalm 73, 3 – 12

 Es ist die Anfechtung der frommen Leute: Den Gottlosen gelingt ob ihrer Unverschämtheit das Leben, während es uns oft genug unter den Fingern zerbricht. Eine Anfechtung, die bis heute nicht verstummt: Warum haben wir es so schwer? Warum gibt es im eigenen Leben so viel Scheitern? Warum – und jeder kann die Frag-Kette beliebig verlängern und aus den eigenen Erfahrungen konkretisieren.

 16 Aber die Gottesfürchtigen trösten sich untereinander: Der HERR merkt und hört es, und es wird vor ihm ein Gedenkbuch geschrieben für die, welche den HERRN fürchten und an seinen Namen gedenken. 17 Sie sollen, spricht der HERR Zebaoth, an dem Tage, den ich machen will, mein Eigentum sein, und ich will mich ihrer erbarmen, wie ein Mann sich seines Sohnes erbarmt, der ihm dient. 18 Ihr werdet am Ende doch sehen, was für ein Unterschied ist zwischen dem Gerechten und dem Gottlosen, zwischen dem, der Gott dient, und dem, der ihm nicht dient.

 Es braucht, um diese Anfechtung bestehen zu können, ein Hören auf andere Stimmen und eine andere Blickrichtung. Es braucht die wechselseitige Tröstung. Consolatio fratruum ( M. Luther, Schmalkaldische Artikel, 1537), brüderliche Ermahnung. Heute: Geschwisterliche Ermutigung. Es braucht den Blickwechsel, der sich vom kurzzeitigen „Erfolg“ nicht blenden lässt, sondern auf das Ende sieht.

 Als Schüler musste ich es lernen, auswendig, als Jahresmotto unserer ehrwürdigen Schule: „Quidquid agis. prudenter agas et respice finem.“ – Was du auch tust, handele bedacht – und bedenke das Ende! Oder, wie es der Volksmund sagt: Wer zuletzt lacht, lacht am besten.

 Biblisch hört sich das so an:

Die mit Tränen säen,                                                                                                               werden mit Freuden ernten.                                                                                                   Sie gehen hin und weinen und streuen ihren Samen                                                            und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.             Psalm 126, 5-6 „Der Vorläufer kommt“ weiterlesen

Wer soll umkehren?

Maleachi 3,6 – 12

 6 Ich, der HERR, wandle mich nicht; aber ihr habt nicht aufgehört, Jakobs Söhne zu sein: 7 Ihr seid von eurer Väter Zeit an immerdar abgewichen von meinen Geboten und habt sie nicht gehalten.

 Gott ist treu. Gott ist sich treu. Gott ist nicht heute so und morgen ganz anders. Auf ihn ist Verlass. Aber – das ist Gottes Anklage: Ihr seid nicht, wie ihr es sein sollt und sein könnt. Ihr lebt unter dem Niveau, dass ich euch zugedacht habe. Es ist eine harte Kritik: Der Stammvater Jakob war ein Täuscher und Betrüger und ihr seid von seiner Art. Es ist eine eigenwillige Lektüre der Jakobs-Erzählung, die hier sichtbar wird: Nicht sein zähes Festhalten an der Verheißung ist im Blick, sondern sein Tricksen und Täuschen, seine Wandelbarkeit bis hin zur Falschheit. Was bei ihm sichtbar wird an Winkelzügen, List, Wandlungen, das hat Israel als Treulosigkeit und Ungehorsam immer neu wiederholt.

Manchmal denke ich, dass das der Lernweg ist, der uns abverlangt wird: Aus einer Religiosität, aus einem Glauben heraus zuwachsen, der Gott nur um unseretwillen suchen. Weil es mir Vorteile bringt, weil es gut für mich ist, weil Gott es bringt. So sieht es ja bei Jakob am Anfang. So unterstellt es der Satan auch Hiob: „Meinst du, dass Hiob Gott umsonst fürchtet? Hast du doch ihn, sein Haus und alles, was er hat, ringsumher beschützt. Du hast das Werk seiner Hände gesegnet, und sein Besitz hat sich ausgebreitet im Lande. Aber strecke deine Hand aus und taste alles an, was er hat: was gilt’s, er wird dir ins Angesicht absagen!“ (Hiob 1,9-11)

 

Hineinwachsen aber sollen wir in einen Glauben, der Gott um Gottes willen sucht, der nichts will als Gott selbst. „Wenn ich nur dich habe, frage ich nicht nach Himmel und Erde“ (Psalm 73,25) An Gott festhalten, selbst wenn er mich in die Hölle schickt. Ich schaue mich an und weiß: Das ist noch ein weiter Weg, bis mein Glaube so tief in Gott verankert ist. Und ob ich je so weit kommen, ich weiß es nicht.

 

 So bekehrt euch nun zu mir, so will ich mich auch zu euch kehren, spricht der HERR Zebaoth.

 Aber diese Kritik ist nicht das letzte Wort. So seid ihr – sagt der Prophet – und ruft doch im Namen Gottes zur Umkehr. Der Ruf zur Umkehr gilt nicht makellosen Leuten. Er gilt denen, die sich abgekehrt haben, ihre eigenen Wege und Ziele verfolgt haben, denen Gott oft genug nur ein Mittel für ihre Zwecke war. Es gilt zu hören auf diesen Ruf, weil dahinter die Verheißung groß ist: so will ich mich auch zu euch kehren. Indem Gott so ruft, macht er den Weg frei und sichert seine Zuwendung zu, dem, der sich rufen lässt.

 Ihr aber sprecht: »Worin sollen wir uns bekehren?« 8 Ist’s recht, dass ein Mensch Gott betrügt, wie ihr mich betrügt? Ihr aber sprecht: »Womit betrügen wir dich?« Mit dem Zehnten und der Opfergabe! 9 Darum seid ihr auch verflucht; denn ihr betrügt mich allesamt.

 Immer noch trifft das Rufen Gottes auf begriffsstutzige Hörer. »Woran sehen wir, dass du uns lieb hast?- »Wodurch verachten wir denn deinen Namen?« »Womit opfern wir dir denn Unreines?« – »Womit machen wir ihn unwillig?« – »Womit betrügen wir dich?«. Fragen, die eine Unschuld beteuern, die es nicht gibt. Es gehört zur Eigenart dieses Propheten Maleachi, dass er die Worte des Volkes aufnimmt, mit denen es die Anklagen Gottes abzuwehren versucht und sie dann entkräftet.

 Wir doch nicht – das ist der Chor bis heute. Es gehört zum guten Ton, seine Hände in Unschuld zu waschen, sich als unbeteiligt zu verstehen, überhaupt nicht begreifen zu wollen, was denn der andere hat. Darum fragen sie auch: »Worin sollen wir uns bekehren?« Wer gelernt hast zu sagen: Ich bin o.k. – Du bist o.k., der versteht diese Rufe Gottes zur Umkehr nicht. Umkehr – das ist doch nur etwas für die, die auf falschen Wegen sind – Räuber, Diebe, Mörder, Gewalttäter, Huren… Aber für uns doch nicht. „Wer soll umkehren?“ weiterlesen

Gegen das Unrecht

Maleachi 2,17 – 3,5

 17 Ihr macht den HERRN unwillig durch euer Reden! Ihr aber sprecht: »Womit machen wir ihn unwillig?« Dadurch dass ihr sprecht: »Wer Böses tut, der gefällt dem HERRN, und an solchen hat er Freude«, oder: »Wo ist der Gott, der da straft?«

 G.o.t.t. – das kann man auch so lesen: Guter Opa, total taub. Das ist mehr als der freche Spruch unreifer Jugendlicher. Es ist ein Lebenshaltung, die es zu allen Zeiten gegeben hat, damals in Israel und die es auch heute noch gibt. Gott ist doch nicht (mehr) wichtig. Er hat ja keine Durchsetzungsmacht. Er ist doch ein lieber Gott, der nie straft. „Vergeben ist sein Geschäft.“ (Voltaire) Er kann ja gar nicht anders. Wer wird sich da schon nach Gott richten?

 Es sind perverse Verdrehungen. Es sind Verfälschungen, die aus dem Wort Gott eine Leerformel, eine Worthülse machen. Und es sind Worte, die den Weg zu Gott verstellen, weil sie ihn für lebensfern und unwichtig erklären.

 3,1 Siehe, ich will meinen Boten senden, der vor mir her den Weg bereiten soll. Und bald wird kommen zu seinem Tempel der Herr, den ihr sucht; und der Engel des Bundes, den ihr begehrt, siehe, er kommt!, spricht der HERR Zebaoth.

 Das ist die Antwort Gottes: Ein Bote. Ein Wegbereiter. Einer, der es aufleuchten lässt, dass Gott nicht irgendwo hinter den Sternen die Welt versäumt, sondern dass er nah ist, gegenwärtig. Ein Engel, der die Sehnsucht, die sich auch noch in den schrägen Sprüchen und Spötteleien zeigt, ans Licht bringt. Gott bleibt nicht in dem Schmollwinkel, in den Menschen ihn verbannen wollten. Er kommt. „Gegen das Unrecht“ weiterlesen

Wegweiser und Wegweisung

Maleachi 2, 1 – 16

 1 Und nun, ihr Priester, dies Wort gilt euch: 2 Wenn ihr’s nicht hören noch zu Herzen nehmen werdet, dass ihr meinem Namen die Ehre gebt, spricht der HERR Zebaoth, so werde ich den Fluch unter euch schicken und verfluchen, womit ihr gesegnet seid; ja, verfluchen werde ich euren Segen, weil ihr’s nicht wollt zu Herzen nehmen. 3 Siehe, ich will euch den Arm zerbrechen und den Unrat eurer Festopfer euch ins Angesicht werfen, und er soll an euch kleben bleiben.

 Die Priester sind massiv beteiligt an der Entwertung des Opfers. Sie lassen es durchgehen, warum auch immer, dass „Unrat“ auf dem Opfertisch landet. Darum werden sie zur Umkehr gerufen. Ihre Umkehr wäre: Die Reinheit des Opfers wahren. Bleiben sie ihren Dienst schuldig, so wenden sich ihre Taten und ihre Worte gegen sie. Wenn sich Segen in Fluch verwandelt, wenn das Opfer nicht mehr rettet, dann ist kein Ausweg mehr. Das macht diese Worte so bitter ernst.

 „Wenn das Salz nicht mehr salzt, ist es zu nichts mehr nütze.“(Matthäus 5,13) Wo das Evangelium schal geworden ist, stumpf und leer, da bleibt nichts Rettendes mehr übrig. Manchmal überfällt mich abgrundtiefe Angst, wenn ich das bedenke – im Blick auf mein eigenes Reden, Lehren, Beten, aber auch im Blick auf den Weg der Kirche. „Wegweiser und Wegweisung“ weiterlesen

Geiz ist nicht geil

Maleachi 1, 1 – 14

Dies ist die Last, die der HERR ankündigt für Israel durch Maleachi.

 „Ausspruch“ – so kann man auch übersetzen. Die Luther-Übersetzung wählt eine andere Möglichkeit: Last. Das macht von vornherein deutlich: Es geht nicht nur um Information, nicht um Ankündigungen von Neuigkeiten oder gar Nettigkeiten. Es gibt etwas zu tragen. Last – die Worte, die für Israel gesagt werden, muten ihm auch einiges zu. Sie sind dem Boten – Maleachi – auch Last.

 2 Ich habe euch lieb, spricht der HERR. Ihr aber sprecht: »Woran sehen wir, dass du uns lieb hast?« Ist nicht Esau Jakobs Bruder?, spricht der HERR; und doch hab ich Jakob lieb 3 und hasse Esau und habe sein Gebirge öde gemacht und sein Erbe den Schakalen zur Wüste. 4 Und wenn auch Edom spricht: Wir sind zerschlagen, aber wir wollen das Zerstörte wieder bauen!, so spricht der HERR Zebaoth: Werden sie bauen, so will ich abbrechen, und man wird sie nennen »Land des Frevels« und »Ein Volk, über das der HERR ewiglich zürnt«. 5 Das sollen eure Augen sehen und ihr werdet sagen: Der HERR ist herrlich über die Grenzen Israels hinaus.

Mit der Liebe ist es so eine Sache. Woran kann man sie sehen, sie spüren? Mit Worten ist es ja nicht getan bei der Liebe. Der Wahrheitsbeweis für seine Liebe ist das Handeln Gottes zugunsten Israel. Er lässt die Gegner nicht groß und stark werden, Esau nicht, Edom nicht. Dass Gott Israel gegenüber Edom bevorzugt, Jakob gegenüber Esau, ist Zeichen genug für seine Liebe.

Es zeigt sich auch: Diese Liebe Gottes ist nicht fair. Sie gilt nicht allen gleich. Das ist das Skandalöse an dieser Begründung, zumindest in unseren Ohren: Gottes Liebe ist nicht frei vom Ansehen der Person. Sie wählerisch. Sie gilt Jakob und Israel und sie gilt Esau und Edom nicht. Das ist eine ziemliche Zumutung für uns, die wir meinen, Gott müsste doch auf jeden Fall unserer Erklärung der Menschenrechte zustimmen: Alle Menschen sind gleich. „Geiz ist nicht geil“ weiterlesen

Die Sehnsucht wach halten

Sacharja 14, 1 – 14

 1 Siehe, es kommt für den HERRN die Zeit, dass man in deiner Mitte unter sich verteilen wird, was man dir geraubt hat. 2 Denn ich werde alle Heiden sammeln zum Kampf gegen Jerusalem. Und die Stadt wird erobert, die Häuser werden geplündert und die Frauen geschändet werden. Und die Hälfte der Stadt wird gefangen weggeführt werden, aber das übrige Volk wird nicht aus der Stadt ausgerottet werden.

 Es hört sich an wie eine Zukunftsansage. Dann ist die Frage: Auf welche Zukunft zielt die Wendung: Es kommt für den HERRN die Zeit. Jerusalem ist erst im Jahr 70 nach Christus wieder so bedrängt worden. Aber ich tue mich schwer mit der Deutung, dass dies der Gerichtstag Gottes an Jerusalem sei. Trotz der Worte Jesu: „Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken versammelt unter ihre Flügel; und ihr habt nicht gewollt! Siehe, »euer Haus soll euch wüst gelassen werden«“ (Matthäus 23,37-38) Es hat viel Unheil gebracht, dass solche Sätze mit einem christlichen Überlegenheitsgefühl gelesen worden sind.

 Mir drängt sich ein anderer Gedanke auf. Es könnte doch auch sein, dass Sacharja hier wieder in den Blick rückt, als Warnung an seine Gegenwart, was die Botschaft der Propheten vor dem Exil war. Als Jerusalem sich Gottes so sicher war, als es eine zur Ideologie verkommene Zions-Theologie gab. Als Gott sich gegen das Volk, gegen das Königshaus, gegen den Tempel stellte und Gericht hielt. Erinnerung als Bußruf an die Gegenwart – so machen diese Worte für mich Sinn.

 3 Und der HERR wird ausziehen und kämpfen gegen diese Heiden, wie er zu kämpfen pflegt am Tage der Schlacht. 4 Und seine Füße werden stehen zu der Zeit auf dem Ölberg, der vor Jerusalem liegt nach Osten hin. Und der Ölberg wird sich in der Mitte spalten, vom Osten bis zum Westen, sehr weit auseinander, sodass die eine Hälfte des Berges nach Norden und die andere nach Süden weichen wird. 5 Und das Tal Hinnom wird verstopft werden, denn das Tal wird an die Flanke des Berges stoßen.

 Es ist ein chaotisches Bild, dass sich da vor dem inneren Auge des Propheten zeigt. Und doch eine Umkehr zu den Worten unmittelbar zuvor. Da ist das Gericht im Blick – hier Rettung. Aber eine Rettung wie im Untergang. Gott greift in die Schlacht ein und die Erde kann nicht bleiben, wie sie immer war. Der Ölberg wird gespalten. Täler wie das Hinnom-Tal werden verstopft.

 Und ihr werdet fliehen, wie ihr vorzeiten geflohen seid vor dem Erdbeben zur Zeit Usijas, des Königs von Juda. Da wird dann kommen der HERR, mein Gott, und alle Heiligen mit ihm. 6 Zu der Zeit wird weder Kälte noch Frost noch Eis sein. 7 Und es wird ein einziger Tag sein – er ist dem HERRN bekannt! -, es wird nicht Tag und Nacht sein, und auch um den Abend wird es licht sein.

Was bleibt, ist Flucht. Es ist der Gottesschrecken, der in die Flucht treibt. Es ist der Schrecken vor der aufstrahlenden Gegenwart Gottes, der in die Flucht treibt. Da ist nichts von einer harmlosen Freude, die zu Gott sagen könnte: Schön, dass du da bist. Vor der Majestät dieses Kommenden kann keiner stand halten.

 Manchmal sage ich ein bisschen spöttisch: Charismatiker sind fast alle Royalisten. Sie singen immerzu vom König. Aber darin haben sie wohl Recht, dass sie mit diesem Gebrauch des Königs-Titels die Majestät auszudrücken versuchen – und wissen: Das ist ein völlig unzureichendes Bild!

 Dieser Tag des HERRN ist das Ende der Zeiten. Der Noah-Bund wird aufgehoben. „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“(1. Mose 8,22) Und die Schöpfungsordnung von Tag und Nacht wird aufgehoben. In der Offenbarung wird diese Ansage aufgenommen, bezogen auf das himmlische Jerusalem. „Und es wird keine Nacht mehr sein, und sie bedürfen keiner Leuchte und nicht des Lichts der Sonne; denn Gott der Herr wird sie erleuchten, und sie werden regieren von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ (Offenbarung 22,5)

 Das ist nicht mehr Geschichte innerhalb der Geschichte der Welt. Das ist Geschehen über die die Welt hinaus. Aber es ist uns und unserem Verstehen ganz entzogen. Und es steht auf keinem Fahrplan der Weltgeschichte. Wann immer versucht worden ist, hier ein Datum zu finden, zu errechnen, hat man gegen den Text gelesen. Nicht einmal der Sohn (Markus 13,32) weiß den Tag! „Die Sehnsucht wach halten“ weiterlesen

Eine harte Gnade

Sacharja 13, 2 – 9

 2 Zu der Zeit, spricht der HERR Zebaoth, will ich die Namen der Götzen ausrotten aus dem Lande, dass man ihrer nicht mehr gedenken soll; dazu will ich auch die Propheten und allen Geist der Unreinheit aus dem Lande treiben.

 Im Land Gottes ist kein Platz für andere Götter, für Götzen. Es ist eine schmerzhafte Auseinandersetzung, die sich durch die ganze Geschichte Israels erstreckt. Es gibt nicht die Zeit des reinen Jahwe-Glauben, in der er allein das Vertrauen des Volkes hat. Es gibt immer nur den Kampf um diese Reinheit. Um dieser heiligen Einseitigkeit willen sollen auch alle anderen Propheten und aller Geist der Unreinheit aus dem Lande vertrieben werden. Wobei mir wieder wichtig erscheint: Das ist Gottes Werk und nicht die Aufgabe irgendeiner Glaubensbehörde. Wann immer Menschen die Reinheit es Glaubens herzustellen suchen, drohen Unmenschlichkeit und Intoleranz.

 3 Und so soll es geschehen: Wenn jemand weiterhin als Prophet auftritt, dann sollen sein Vater und seine Mutter, die ihn gezeugt haben, zu ihm sagen: Du sollst nicht am Leben bleiben; denn du redest Lüge im Namen des HERRN! Und es werden Vater und Mutter, die ihn gezeugt haben, ihn durchbohren, wenn er als Prophet auftritt.

 Davon legen auch diese Verse ihr Zeugnis ab. Vater und Mutter wenden sich von dem falschen Propheten ab. Wahr ist: Glaube ist nicht immer familien-verbindend. Er kann auch zu Trennungen führen. Das spiegelt sich auch in neutestamentlichen Worten. „Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern und dazu sich selbst, der kann nicht mein Jünger sein.“ (Lukas 14,26) Wie schrecklich aber, wenn aus solchen Worten regelrechte Säuberungsprogramme ihre hochmütige Rechtfertigung nehmen. Es sind Beschreibungen einer Tiefendimension, auch von Entfremdungs-Erfahrungen, aber in keinem Fall Handlungsanweisungen!

 4 Denn es soll zu der Zeit geschehen, dass die Propheten, wenn sie weissagen, in Schande dastehen mit dem, was sie geschaut haben, und sie sollen nicht mehr einen härenen Mantel anziehen, um zu betrügen; 5 sondern jeder wird sagen müssen: Ich bin kein Prophet, sondern ein Ackermann; denn vom Acker habe ich meinen Erwerb von Jugend auf. 6 Und wenn man zu ihm sagen wird: Was sind das für Wunden auf deiner Brust?, wird er sagen: So wurde ich geschlagen im Hause derer, die mich lieben.

 Es ist eine völlige Verkehrung. Aus dem hochgeachteten Amt der Propheten, aus dem geistlichen Dienst wird eine Farce. Das wird geradezu meisterhaft dargestellt an der Umkehrung der Berufungserfahrung des Amos. „Ich bin kein Prophet noch ein Prophetenjünger, sondern ich bin ein Hirt, der Maulbeeren züchtet. Aber der HERR nahm mich von der Herde und sprach zu mir: Geh hin und weissage meinem Volk Israel! So höre nun des HERRN Wort!“(Amos 7, 14-16) Amos wird von seinen Herden weg gerufen in seine prophetische Aufgabe. Diese falschen Propheten werden in Umkehrung dieser Berufung aus ihrem angemaßten Dienst ausgetrieben, um Ackerbauern zu sein. Und es ist Spott, wenn ihre Wunden, die sie sich in Ekstase zugefügt haben, für Spuren von Prügeleien erklärt werden, die sie sich auf Liebesabwegen eingehandelt haben. „Eine harte Gnade“ weiterlesen

Zuflucht

Sacharja 12, 9 – 13,1

 1 Dies ist die Last, die der HERR ankündigt. Von Israel spricht der HERR, der den Himmel ausbreitet und die Erde gründet und den Odem des Menschen in ihm macht:

 Der hier das Wort nimmt, ist nicht irgendwer. Es ist Gott selbst. Der Schöpfer des Himmels und der Erde. Der den Menschen den Lebensatem gibt. Der feierliche Anfang klingt nach hymnischer Sprache aus dem Gottesdienst. Er unterstreicht die Bedeutung der folgenden Worte.

 2 Siehe, ich will Jerusalem zum Taumelbecher zurichten für alle Völker ringsumher, und auch Juda wird’s gelten, wenn Jerusalem belagert wird. 3 Zur selben Zeit will ich Jerusalem machen zum Laststein für alle Völker. Alle, die ihn wegheben wollen, sollen sich daran wund reißen; denn es werden sich alle Völker auf Erden gegen Jerusalem versammeln. 4 Zu der Zeit, spricht der HERR, will ich alle Rosse scheu und ihre Reiter irre machen, aber über das Haus Juda will ich meine Augen offen halten und alle Rosse der Völker mit Blindheit plagen.

 Was über den Schöpfer gesagt wird, drängt immer hin auf die Wirklichkeit. In Israel wird die Schöpfung nie bedacht ohne diesen Blick. Es ist der Schöpfer, der Jerusalem zum Taumelbecher der Völker zurichtet. Alle, die sich gegen Jerusalem, gegen Juda stellen, werden sich daran verheben. „Im Hintergrund der Aussagen steht die Zionstradition von der Unangreifbarkeit Jerusalems, die aktualisiert wird.“(H. Graf Reventlow, Die Propheten Haggai, Sacharja, Maleachi, ATD 25,2; Göttingen 1993. S.115) Überflüssig zu sagen, dass das kein Freibrief für israelitische Abenteuerlust im Land der Politik ist. Aber es ist eine Warnung an alle, die auf dieses Volk Gottes eindringen, um es zu vernichten.

5 Und die Fürsten in Juda werden sagen in ihrem Herzen: Die Bürger Jerusalems sollen getrost sein in dem HERRN Zebaoth, ihrem Gott! 6 Zu der Zeit will ich die Fürsten Judas machen zum Feuerbecken mitten im Holz und zur Fackel im Stroh, dass sie verzehren zur Rechten und zur Linken alle Völker ringsumher. Aber Jerusalem soll auch fernerhin bleiben an seinem Ort.

 Es ist, als würden jetzt Zuschauer einen Kommentar abgeben. Die Fürsten in Juda sehen, was geschieht und staunen. Sie sind nicht aktiv, Aktiv ist allein Gott. Es ist sein Werk, dass Juda wie ein Feuerbecken für die Feinde ist und Jerusalem sicher an seinem Ort.

 7 Und der HERR wird zuerst die Hütten Judas erretten, auf dass sich nicht zu hoch rühme das Haus David noch die Bürger Jerusalems wider Juda. 8 Zu der Zeit wird der HERR die Bürger Jerusalems beschirmen, und es wird zu dieser Zeit geschehen, dass der Schwache unter ihnen sein wird wie David und das Haus David wie Gott, wie der Engel des HERRN vor ihnen her. 9 Und zu der Zeit werde ich darauf bedacht sein, alle Heiden zu vertilgen, die gegen Jerusalem gezogen sind.

 Es gibt eine Reihenfolge für Rettungsmaßnahmen in Seenot: Kinder und Frauen zuerst. Es scheint, als habe der HERR auch so eine Reihenfolge: zuerst die Hütten Judas. Zuerst die Armen, dann erst die, deren Leben nicht so gefährdet ist. Hier meldet sich der Gott zu Wort, der eine Vorliebe hat für Witwen und Waisen, Fremde und Unterdrückte. Der die Schwachen aus dem Staub erhebt, der die Niedrigen ansieht und zu Ehren bringt. „Zuflucht“ weiterlesen

Eine Aufforderung zur Selbstprüfung

Sacharja 11, (1-3) 4 – 17

1 Tu deine Türen auf, Libanon, dass das Feuer deine Zedern verzehre! 2 Heult, ihr Zypressen; denn die Zedern sind gefallen und die Herrlichen vernichtet. Heult, ihr Eichen Baschans; denn der feste Wald ist umgehauen. 3 Man hört die Hirten heulen, denn ihre Herrlichkeit ist vernichtet; man hört die jungen Löwen brüllen, denn die Pracht des Jordans ist vernichtet.

 Gerichtsworte. Sie knüpfen an dem an, was wohl auch damals schon jeder und jede kannte: Waldbrände, Abholzungs-Aktionen, die nur Kahlschlag hinterlassen. Weideverluste. Der Gedanke drängt sich auf: Gerichte treffen nicht nur die Menschen, sondern auch die Natur. Und umgekehrt: Was der Natur widerfährt, ihr angetan wird, fällt als Gericht auf die Menschen zurück. Ich glaube nicht, dass das zu modern gedacht ist. Diese Verbindung von Natur-Ereignis und Menschenschicksal begegnet ziemlich häufig in der Schrift.

 4 So sprach der HERR, mein Gott: Hüte die Schlachtschafe! 5 Denn ihre Käufer schlachten sie und halten’s für keine Sünde, und ihre Verkäufer sprechen: Gelobt sei der HERR, ich bin nun reich! Und ihre Hirten schonen sie nicht. 6 Darum will ich auch nicht mehr schonen die Bewohner des Landes, spricht der HERR. Und siehe, ich will die Leute fallen lassen, einen jeden in die Hand des andern und in die Hand seines Königs; sie werden das Land zerschlagen und ich will sie nicht erretten aus ihrer Hand.

 Das Bild wechselt – in ein überaus vertrautes Bild: Hirte und Herde. Hier: Schlachtschafe. In Unterschied zu Milchschafen, die man langfristig braucht. Hier sind Hirten und Käufer im Blick, die nur ihren Profit sehen, keine Fürsorge-Pflicht für die Schafe. Es ist sicherlich ein kritisches Bild für alle, die Macht über Menschen haben, denen Menschen anvertraut sind: Suchen sie nur ihre Macht, ihre Stellung, ihren Profit? Sind Menschen für sie nur Human-Kapital?

 Wenn das so ist, sagt der Herr, dann will ich dieses Verhalten auf die zurück fallen lassen, die sich so verhalten. Ich will die Leute fallen lassen, einen jeden in die Hand des andern und in die Hand seines Königs. Gott muss nicht vom Himmel her richtend mit Straf-Aktionen eingreifen. Es genügt, einfach geschehen zu lassen, was im Gang ist. Nicht retten aus den Willkürakten ist schlimm genug. „Eine Aufforderung zur Selbstprüfung“ weiterlesen

Über die Angst hinaus

Sacharja 10, 1 – 12

 1 Bittet den HERRN, dass es regne zur Zeit des Spätregens, so wird der HERR, der die Wolken macht, euch auch Regen genug geben für jedes Gewächs auf dem Felde. 2 Denn die Götzen reden Lüge, und die Wahrsager schauen Trug und erzählen nichtige Träume, und ihr Trösten ist nichts. Darum geht das Volk in die Irre wie eine Herde und ist verschmachtet, weil kein Hirte da ist.

 Die Erinnerung sitzt tief in Israel: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ (1. Mose 8,22) Gott ist kein Wettergott. Aber er weiß, dass die Erde Regen braucht, dass Wasser in Wüstengegenden Leben ist. Zu ihm gilt es zu rufen. Nach seinem Erbarmen, das keine Grenze kennt, keinen Schluss-Strich. Die Volksklage aus dem Buch Jeremia liest sich wie ein Vorwegnehmen der Worte hier: „Ist denn unter den Götzen der Heiden einer, der Regen geben könnte, oder gibt der Himmel Regen? Du bist doch der HERR, unser Gott, auf den wir hoffen; denn du hast das alles gemacht.“ (Jeremia 14,22)

 Auch das geht mir durch den Kopf. Matthäus nimmt die Worte des Sacharja auf um zu beschreiben, wie Jesus dem Volk gegenüber tritt. „Als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren verschmachtet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben.“ ( Matthäus 9,36) Er wird selbst der Hirte für diese verwahrloste Herde und er beruft seine Jünger als Hirtenhelfer. Das ist die Aufgabe der Gemeinde bis heute.

 3 Mein Zorn ist entbrannt über die Hirten, und ich will die Böcke heimsuchen; denn der HERR Zebaoth wird seine Herde heimsuchen, nämlich das Haus Juda, und wird sie zurichten wie ein Ross, das geschmückt ist zum Kampf.

 Ein merkwürdiger Bildwechsel. Aus der Herde, gemeint ist doch wohl eine schutzbedürftige Herde von Schafen und Ziegen, werden Schlachtrosse. Es gibt eine Zeit des Hütens und es gibt eine Zeit der Vorbereitung auf den Kampf. Ohne hier großartig Zeitanalyse treiben zu wollen: Immer, wenn in der Christenheit nur der eine Aspekt betont und der andere vernachlässigt wird, gerät die Gemeinde in eine Schieflage. Dass Christsein auch Kampf ist, ist heute nicht so im Blick. Wir betonen mehr die Geborgenheit in Gott, die behütete Herde. „Über die Angst hinaus“ weiterlesen