Schlechte Botschaft für Gaffer

Obadja 1 – 21

1 Dies ist es, was Obadja geschaut hat.

            Obadja – schon der Name ist voller Bedeutung: Diener Jahwe. ebed jahwe. Der Namen kommt häufiger vor. So heißt ein Mitarbeiter des König Ahab so – einer, der für viele eine Hilfe Gottes ist: „Und Ahab rief Obadja, seinen Hofmeister – Obadja aber fürchtete den HERRN sehr; denn als Isebel die Propheten des HERRN ausrottete, nahm Obadja hundert Propheten und versteckte sie in Höhlen, hier fünfzig und da fünfzig, und versorgte sie mit Brot und Wasser.“(1. Könige 18, 3-4)

     Wir wissen nicht, wer der Prophet Obadja ist. Über seine Lebensumstände schweigt diese kleinste Schrift aus dem Zwölfprophetenbuch. Auch wann er lebt und seine Botschaften ausrichtet, ist nicht klar. Es gibt eine Nähe zu den Fremdvölker-Texten aus dem Buch Jeremia – Kapitel 49. Aber auch das erlaubt keine genaue zeitliche Einordnung.  

            Nur seine Botschaft ist wichtig. Seine Botschaft ist geschaut, eine „Schau“ – chazōn – Offenbarung. „Das Wort ist ein aramäisches Lehnwort für den Empfang eines Wortes Gottes durch den Propheten. Auch wenn es bei Nacht empfangen wird, ist es doch vom Traum zu unterscheiden.“(M. Holland, Der Prophet Obadja, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1980, S. 238) Daran liegt viel, im Grund alles: „Es ist nicht das Wort und die Meinung eines Menschen, was die Gemeinde hört, sondern Gottes Wort.“(A. Weiser, Obadja, ATD 24, Göttingen 1967, S. 209) Was in unseren Ohren möglicherweise wie Anmaßung klingt – sind wir doch gewöhnt, immer nur menschliche Worte und menschliche Gedanken, religiöse Überzeugungen von damals zu hören, ist doch der Grund der Weitergabe dieser Worte über Jahrtausende hin. Im Menschenwort erreicht uns das Gotteswort. 

So spricht Gott der HERR über Edom: – Wir haben vom HERRN eine Botschaft gehört, ein Bote ist unter die Völker gesandt: Wohlauf, lasst uns wider Edom streiten! – 2 Siehe, ich habe dich gering gemacht und sehr verachtet unter den Völkern. 3 Der Hochmut deines Herzens hat dich betrogen, weil du in den Felsenklüften wohnst, in deiner erhabenen Höhe, und sprichst in deinem Herzen: Wer will mich zu Boden stoßen? 4 Wenn du auch in die Höhe führest wie ein Adler und machtest dein Nest zwischen den Sternen, dennoch will ich dich von dort herunterstürzen, spricht der HERR.

            Am Anfang heißt es: über Edom  Daraus wird dann Wort an Edom. Du – das ist das Brudervolk Israels. Israel besonders nahe durch den Stammvater Esau. Es sind die Nachkommen Esaus, die südlich vom Toten Meer wohnen. Das Wort ist beides – Botschaft an die Völker – als eine Warnung zu verstehen und als Gerichtswort an Edom. Beides überbringt der Bote – ist das Obadja?

            Was der Bote anzusagen hat, ist zukünftiges Geschehen. Auch über Edom kommt unsagbares Unheil. Der Prophet sagt es an, als sei es schon jetzt erfüllt. Siehe, ich habe dich gering gemacht und sehr verachtet unter den Völkern. perfectum propheticum nennen das die Theologen. Es steht schon fest, was werden wird, darum wird es als Perfekt benannt. Was bei Gott beschlossen ist, das ist abgeschlossen, unveränderlich.   „Schlechte Botschaft für Gaffer“ weiterlesen

Wo ist Zuflucht?

Nahum 3, 1 – 19

1 Weh der mörderischen Stadt, die voll Lügen und Räuberei ist und von ihrem Rauben nicht lassen will! 2 Man hört die Peitschen knallen, die Räder rasseln, die Rosse jagen, die Wagen rollen. 3 Reiter rücken herauf mit glänzenden Schwertern und mit blitzenden Spießen. Da liegen viele Erschlagene, eine Unzahl von Leichen; ihrer ist kein Ende, sodass man über sie fallen muss.

             Immer noch: Meldungen des Korrespondenten Nahum aus Ninive. Es sind die Bilder eines Vormarsches, eines Einmarsches, der nicht stillsteht, den eine Unzahl von Leichen am Straßenrand kennzeichnet. Bilder, wie sie Kriege und Vormärsche bis heute liefern. Ninive ist überall.

4 Das alles um der großen Hurerei willen der schönen Hure, die mit Zauberei umgeht, die mit ihrer Hurerei die Völker und mit ihrer Zauberei Land und Leute an sich gebracht hat.

             Es ist eine eingeschobene Deutung. Ninive zerbricht an seinem eigenen Verhalten. Es hat Völker verführt, weil es sie verlockt hat. Es hat die Völker verführt, sie angelockt durch das Versprechen „politischer, kultureller organisatorischer Vorteile“.(G. Maier, Nahum, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1986, S. 46) Es hat sie gelockt mit der Befriedigung eigener Interessen im Mitmachen. Die Völker aber  sind der Verblendung durch den Erfolg anheimgefallen. Jetzt, wo der Erfolg von Ninive gewichen ist, weichen sie zurück. So wie man sich als Freier von der Hure zurückzieht.

 5 Siehe, ich will an dich, spricht der HERR Zebaoth; ich hebe den Saum deines Gewandes über dein Angesicht und zeige den Völkern deine Blöße und den Königreichen deine Schande. 6 Ich werfe Unrat auf dich, schände dich und mache ein Schauspiel aus dir, 7 dass alle, die dich sehen, vor dir fliehen und sagen: Ninive ist verwüstet; wer will Mitleid mit ihr haben? Und wo soll ich dir Tröster suchen?

             Jetzt wird der Blick auf den gelenkt, der hinter dem Geschehen steht. Gott, der HERR Zebaoth, nimmt das Wort. Es ist eine Bildersprache, die Vergewaltigung anklingen lässt. „Entblößen bedeutet, die Schuld aufdecken, den anderen beschämen. Wenn das Kleid über das Angesicht gelegt wird, kann die Frau nicht mehr sehen, wer sie vergewaltigt.“(G. Maier, aaO. S. 47) Die Stadt Ninive wird entblößt, preisgegeben, zum Schauspiel gemacht.  Es ist geradezu eine Flut an Maßnahmen, die alle nur ein Ziel kennen: die Stadt der Gewalttäter zu erniedrigen. Sie spüren zu lassen, wie es ist, wenn man der größeren Gewalt wehrlos ausgeliefert ist.

Dennoch: man wird fragen dürfen, mehr noch fragen müssen, ob diese Gewalt zu rechtfertigen ist. Es ist ein Versuch: Ninive wird „zum Schaustück dafür, dass Gott das Geschick derer zu wenden weiß, die der Macht so wehrlos ausgeliefert waren.“ (L. Perlitt, Nahum, ATD 25,1, Göttingen 2004, S. 29) Die bange Frage ist doch: wird damit Gott nicht wie die, deren Macht er so zerbricht – selbst gewalttätig. „Wo ist Zuflucht?“ weiterlesen

Trügerische Stärke

Nahum 2, 1 -14

 1 Siehe auf den Bergen die Füße eines guten Boten, der da Frieden verkündigt! Feiere deine Feste, Juda, und erfülle deine Gelübde! Denn es wird der Ruchlose nicht mehr über dich kommen; er ist ganz ausgerottet.

             Friedensboten sind Freudenboten. Erst recht, wenn sich ihre Botschaft mit der Beistands-Zusage Gottes verbindet. Ein Wort, wie es auch bei einem anderen Propheten zu finden ist. „Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße des Freudenboten, der da Frieden verkündigt, Gutes predigt, Heil verkündigt, der da sagt zu Zion: Dein Gott ist König!“(Jesaja 52,7) Bei Jesaja ist es im Zusammenhang der Rückkehr zum Zion hinein gesprochen – der Heimweg wird angekündigt.

Hier, bei Nahum ist die Situation eine andere „Nur ein einzigesmal ist das Wort überhaupt an Juda gerichtet, und zwar durch den Freudenboten, der dazu auffordert, die Stunde des Festes vor Jahwe wahrzunehmen.“(G. von Rad, Theologie des AT, Bd. II, München 1960, S. 195) Der Hintergrund dürfte sein: der drohende Feind ist besiegt. Weil Die Herrschaft der Assyrer in den Jahren um 610 im Zusammenbrechen begriffen ist, kann Juda aufatmen. šālôm – Heil, Frieden ist vor den Türen. Das ist umfassend, nicht nur politische Befriedung, nicht nur gesellschaftlicher Friede, nicht nur Ruhe und Ordnung.  Ein Friede, der es erlaubt, wieder Feste zu feiern. Gemeint ist wohl „die Wiederaufnahme des geordneten gottesdienstlichen Lebens in Jerusalem.(L. Perlitt, Nahum, ATD 25,1, Göttingen 2004, S. 15) Die angstvolle Lähmung vor dem drohenden Unheil weicht einer neuen Freude an Gott.

Es ist ein Trostwort und eine Aufforderung in einem. Ein Wort, dass widerstandsfähig macht gegen die Angst. Wer Gottesdienst feiert, wer seinen Gott wieder feiert, der hält es sich ja vor Augen: die Welt ist nicht an die Mächtigen ausgeliefert. Wir brauchen diese Erinnerung an Gott, nicht nur ab und zu, sondern oft, damit unsere Herzen fest werden. Das ist das Geheimnis alle Rituale: sie gründen unser Herz in einem Grund, den wir nicht selbst gelegt haben, in der bergenden Gegenwart Gottes. Diese Erfahrung steht hinter den auf den ersten Blick so idyllischen Worten:

„Du durchdringest alles; lass dein schönstes Lichte,                                                  Herr, berühren mein Gesichte.
Wie die zarten Blumen willig sich entfalten und der Sonne stille halten,
lass mich so still und froh deine Strahlen fassen und dich wirken lassen.“                                            G.
Tersteegen 1729, EG 165

Wer sich so Gott hinhält, wieder und wieder,  gewinnt und erwirbt Widerstandskraft- neudeutsch: Resiliienz.

 2 Es ist gegen dich heraufgezogen, der dich zerstreut. Bewahre die Festung! Gib acht auf die Straße, rüste dich aufs Beste und stärke dich aufs Gewaltigste! – 3 Denn der HERR erneuert die Pracht Jakobs wie die Pracht Israels, denn Verwüster haben sie verwüstet und ihre Reben verderbt.

Es ist eine unübersehbare Spannung – hier das Heilswort, offensichtlich für Juda und dem gegenüber die Androhung einer Belagerung. Oder sind diese Worte noch der nachklang der Gefahr, in der Jerusalem sich befunden hat? „V. 3  steht mit dem Bezug auf Jakob so sperrig in diesem Ninive-Kontext, dass ein ursprünglicher Zusammenhang ausgeschlossen ist.“ (L. Perlitt, aaO. S. 19) Es wäre einfach, wenn die Reihenfolge von V. 2 und V. 3 zu vertauschen wäre. Dann ginge das Heilswort gegen Jerusalem den Schilderungen der Belagerung und Eroberung von Ninive voraus.

Nimmt man Abstand von einer Umstellung, bleibt nur ein Weg zum Verstehen: Der Seher sieht wie im Zeitraffer die Vergangenheit – Bedrohung Jerusalem und die heranziehende Zukunft – Wiederherstellung Jerusalems und Fall Ninives zusammen.  Er unterliegt in seinen Worten nicht unserer linearen Logik – er kann doppelsichtig denken und ansagen.

4 Die Schilde seiner Starken sind rot. Sein Heervolk ist in Purpur gehüllt. Feurig leuchten die Beschläge der Wagen, wenn er sie aufstellt. Die Rosse rasen, 5 die Wagen rollen auf den Gassen und rasseln auf den Plätzen; sie glänzen wie Fackeln und fahren einher wie die Blitze. 6 Er gedenkt an seine Gewaltigen, sie stürzen heran auf ihren Wegen, sie eilen zur Mauer, und aufgerichtet wird das Schutzdach. 7 Schon sind die Tore an den Wassern geöffnet, es wankt der Palast. 8 Die Königin wird gefangen weggeführt, und ihre Jungfrauen seufzen wie die Tauben und schlagen an ihre Brust.

             Es ist wie der Bericht eines Korrespondenten heute aus einer entfernten Hauptstadt. Nahum meldet sich zur Lage aus Ninive. Er verharrt der Prophet bei der Schilderung der Heermacht des Feindes. Es ist eine eindrucksvolle Beschreibung – man sieht förmlich denn Aufmarsch der Truppen vor sich, ihr Heranrücken, das kaum noch zu stoppen sein wird. Der Belagerungswall ist gezogen, die Tore stehen offen. Der Feind bricht in die Stadt ein.

9 Ninive ist wie ein voller Teich, aber seine Wasser müssen verrinnen. »Steht, steht!«, ruft man, aber niemand wendet sich um. 10 So raubt nun Silber, raubt Gold! Denn hier ist der Schätze kein Ende und die Menge aller kostbaren Kleinode. 11 Nun muss sie verheert und geplündert werden, dass aller Herzen verzagen und die Knie schlottern, aller Lenden zittern und aller Angesicht bleich wird.

             Die Frage stellt sich: Wird hier die Eroberung Ninives angedeutet? Die Eroberung der Haupt-Stadt der Weltmacht? Die wie ein voller Teich ist, gefüllt mit Silber, Gold, Schätzen ohne Ende. Das ist das Ergebnis der Raubzüge der Assyrer – sie haben weggeschleppt, was zu kriegen war. Ihre Stadt ist reich an Beutekunst. Dieser Teich wird leer gefischt. „Die Plünderer werden geplündert.“ (G. Maier, Nahum, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1986, S. 41)

 12 Wo ist nun die Wohnung der Löwen und die Höhle der jungen Löwen, wo der Löwe und die Löwin mit den jungen Löwen herumliefen und niemand wagte, sie zu scheuchen? 13 Der Löwe raubte genug für seine Jungen und würgte für seine Löwinnen. Seine Höhlen füllte er mit Raub und seine Wohnung mit dem, was er zerrissen hatte.

             Noch einmal wechselt das Bild: Nicht mehr ein friedlicher Teich, sondern die gefährliche Höhle des Löwen. Ninive – eine Stadt wie die Höhle von Löwen. Aber diese Höhle, die wohl gefüllt ist mit Raubgut, wird erobert, nicht standhalten können. Mit der Macht der Löwen ist es vorbei.

 14 Siehe, ich will an dich, spricht der HERR Zebaoth, und deine Wagen anzünden, und das Schwert soll deine jungen Löwen fressen. Und ich will deinem Rauben ein Ende machen auf Erden, dass man die Stimme deiner Boten nicht mehr hören soll.

             Es ist Gott, der HERR Zebaoth der diese Raubtierhöhle dem Untergang preisgibt. Siehe, ich will an dich. Alle Welt zittert vor Ninive, aber Gott macht ihrer Macht ein Ende. Es wird wohl so sein, auch wenn es der Tröster Nahum nicht ausdrücklich sagt: Dass Gott sich um die Feinde „kümmert“, dient der Rettung Judas. Es  kommt ein anderes Heer, herbeigerufen durch den Willen Gottes, das stürmt  die stolze Stadt.

Zum Weiterdenken  

„Auf Gestohlenem ruht kein Segen.“(G. Maier, ebda.) Dass ist eine so lapidare Feststellung, die sich aus dem Geschick Ninives ergibt. Was die Assyrer aus aller Welt zusammengeraut hatten, geht wieder verloren. Es ist kein Segen auf der Beute der Raubzüge. Darf man diesen Satz verallgemeinern – in die Geschichte heute hinein, auch die deutsche Geschichte? Die Eroberungsfeldzüge der Wehrmachts-Truppen sind in sich zusammen gebrochen. Aber bis heute tut Deutschland, die Bundesrepublik, sich schwer damit, sich von so manchen Beutestücken wieder zu trennen. Von der Beutekunst aus NS-Zeiten, von der Beute-Kunst aus Kolonialzeiten, von der Beutekunst aus Zeiten der Archäologie, in der es noch keine strengen Regeln gab.

Für die heuten Leser*innen ist es eine Zumutung: dass Gott hier als der auftritt, der den Krieg gegen Ninive anzettelt. Unsere Zeit fremdelt mit Sätzen, wie sie der Psalmbeter ausspricht:

„Kommt her und schauet die Werke des HERRN,                                                             der auf Erden solch ein Zerstören anrichtet,                                                                      der den Kriegen ein Ende macht in aller Welt,                                                                  der Bogen zerbricht, Spieße zerschlägt und Wagen mit Feuer verbrennt.“                                     Psalm 46, 9-10

Gott wirft nicht mit Wattebäuschen, um den Kriegen ein Ende zu machen. Er steuert (so die alte Lutherübersetzung bis 1964) die Kriege so, dass sie ein Ende finden. Gott ist den Kriegen nicht ohnmächtig ausgesetzt und nicht hilflos gegenüber. Es ist die Erwartung und Prophetie Nahums: Gott ist kriegsmächtig zugunsten seines Volkes.

 

Du, Gott, bist mächtig. Du bist nicht nur der ohnmächtige Gott, der dem Treiben der Welt zusehen muss, weil er keine Divisionen ins Feld führen kann. Du bist nicht der Ohnmächtige, weil du Dich selbst entwaffnet hättest, auf Frieden um jeden Preis festgelegt.

Du greifst ein in den Gang der Geschichte. Du willst, dass Menschen ihre Macht nützen, um der Gewalt zu wehren, um die Ungerechtigkeit zu überwinden, um Frieden zu schaffen, der allen zugutekommt.

Gib Du doch, dass wir unsere Sinne darauf richten, Schritte des Friedens einzuüben, die das Unrecht eindämmen, die dem Leben Raum schaffen, die Deinen Willen zum Heil spiegeln.

Leite du uns dazu durch Deinen Geist. Amen

 

Ninive wird untergehen

Nahum 1, 1 – 14

1 Dies ist die Last für Ninive, das Buch der Weissagung Nahums aus Elkosch.

 Eine Überschrift, die einer Schlagzeile gleicht. Es wird um Ninive gehen. Um die Stadt, die für eine gnadenlose Weltmacht steht, die von Sieg zu Sieg geeilt ist. Der Prophet allerdings sieht nicht die Siege – er sieht die Last, die auf Ninive zu liegen kommen wird. Das hebräische maṥṥa᾽ – bedeutet Last oder Ausspruch als „Überschrift über prophetischen Unheilsankündigungen gegen fremde Völker.“(L. Perlitt, Nahum, ATD 25,1, Göttingen 2004, S. 5)

 Das wird dieses Buch – man könnte auch sagen: diese Aufzeichnung kennzeichnen. Es ist eine einmalige Überschrift im Alten Testament. Kein anderes Prophetenbuch wird so angekündigt. Es steht nicht gut um die Weltmacht sagt der Prophet mit Namen Nahum, ein Namen, in dem der Wortstamm  für „trösten“ mitschwingt. Nahum – ein Tröster? Es ist ein Name, der im ganzen Alten Testament nur hier vorkommt, der – zufällig? – im Dorfnamen κεφαρναουμ – Kapernaum – Dorf des Nahum weiterlebt.

Mir scheint es für das ganze Buch eine wichtige Seh-Hilfe: „Der Prophet eifert nicht für den Sieg seines eigenen Volkes als solchen, sondern für den Gottes über eine brutale Weltmacht.“(O. Kaiser, Einleitung in das Alte Testament, Gütersloh 1969, S. 180) Der Blick Nahums, eines Zeitgenossen des Jeremia, ist vordergründig nicht auf Juda gerichtet, immer nur auf Ninive, auf die Assyrer. In vielem ist sein Reden mit den „Fremdvölkersprüchen“ anderer Propheten wie Jeremia (Kap. 46 – 50) oder Hesekiel (Kap. 25 – 32) verwandt. Seine Botschaft ist die der Macht Gottes auch über die Weltmacht, vor der alle Völker im Schrecken erstarren.      „Ninive wird untergehen“ weiterlesen

Ein Klagelied – auch für heute

Habakuk 3, 1 – 19

Am Gedenktag für 2003-9-11:

1 Dies ist das Gebet des Propheten Habakuk, nach Art eines Klageliedes:

             Das ist ein ungewöhnlicher Satz. Irgendwie wie von fremder Hand hinzugesetzt. Es wirkt wie die Anmerkung eines späteren Bearbeiters des Buches, wenn das Gebet so als Gebet des Propheten Habakuk vorgestellt wird. „tephillāh ist in der Regel das kultisch formalisierte Gebet.“ (L. Perlitt, Habakuk, ATD 25,1. Göttingen 2004, S. 83) Nicht das individuelle Gebet eines Einzelnen, der ganz persönlich formuliert.

Das passt zusammen mit dem Eindruck, den das Gebet vermitteln wird: Vieles sind Versatzstücke, wie Zitate aus Psalmen.  Dazu stimmt auch die Singanweisung: nach Art eines Klageliedes und das später mehrfach folgende Sela, dessen Bedeutung bis heute völlig im Dunkeln liegt.  Es kann eine Anweisung für die Musik sein, auch eine Geste mag gemeint sein. Es könnte auch schlicht „Zwischenspiel“ bedeuten. Oder schlicht: Pause.

  2 HERR, ich habe die Kunde von dir gehört, ich habe dein Werk gesehen, HERR! Mache es lebendig in naher Zeit, und lass es kundwerden in naher Zeit. Im Zorne denke an Barmherzigkeit!

             Die Worte scheinen auf das „Wie lange“(1,2) zurück zu verweisen. Der Prophet ist des Wartens müde. Habakuk hat doch gehört und gesehen.  Das soll doch nicht bloße Einbildung bleiben. Gott soll endlich tun, was er angekündigt hat. Das Werk, das Habakuk gesehen hat, das er „fürchtet“ – so die andere Übersetzungsmöglichkeit – ist das „Gericht“. „Bei dem Gericht (paʽaleka) handelt es sich nicht um ein allgemeines Werk Gottes, etwa im Sinn der Erschaffung seines Volkes Israel“ (G. Maier, Habakuk, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1986, S. 98) Furcht ist unangebracht, wenn Gott sein Heil wirkt.

Aber Furcht ist sehr wohl dann angesagt, wenn der gerechte Zorn Gottes auflodert. Dann soll Gottes Erbarmen seinen Zorn hindern. Ganz nahe sind diese Worte bei Worten aus Hosea: „Mein Herz wendet sich gegen mich, all mein Mitleid ist entbrannt. Ich will nicht tun nach meinem grimmigen Zorn noch Ephraim wieder verderben. Denn ich bin Gott und nicht ein Mensch, heilig in deiner Mitte. Darum komme ich nicht im Zorn.“(Hosea 11, 8-9) Sich vor Gott in Gott bergen – das steckt in diesen Worten.           „Ein Klagelied – auch für heute“ weiterlesen

Fünfach: Wehe

Habakuk 2, 4 – 20

 4 Siehe, wer halsstarrig ist, der wird keine Ruhe in seinem Herzen haben, der Gerechte aber wird durch seinen Glauben leben.

             Einmal mehr kann man über die Weisheit der Kommission rätseln, die die Abschnitte der fortlaufenden Bibellese bestimmt. Gehört dieser Satz nicht doch zur Gottesrede, die ihm vorausgeht? Zur Verheißung, dass das Wort der Weissagung sich erfüllt?

Es ist sprachlich im Hebräischen ein schwieriger Satz. Es könnte sein rāšāʽ der Gottlose fehlt.  das wird mit einer defizitären Verbform umschrieben, die in der Übersetzung wiedergegeben ist mit wer halsstarrig ist. Es läuft auf die Gegenüberstellung hinaus: der eine verwirkt die Ruhe im eigenen Herzen und damit das Leben. Ein Getriebener, hin und her gejagt, ohne je an ein Ziel zu gelangen.

„Ich habe die Menschen gesehen,                                                   und sie suchen spät und früh,
sie schaffen, sie kommen und gehen,                                                 und ihr Leben ist Arbeit und Müh.

Sie suchen, was sie nicht finden,                                                           in Liebe und Ehre und Glück,
und sie kommen belastet mit Sünden                                             und unbefriedigt zurück.“                                                                                  E.
Fürstin von Reuß 1867, EG Bayern/Thüringen 621

Der andere, der Gerechte wird leben. Durch seinen Glauben. Wörtlich: „durch seine Treue.“ Wobei wichtig ist:  ʼæmȗnāh ist „vor allem die Treue Gottes, die von Geschlecht zu Geschlecht währt, ebenso wie die des Menschen.“ (L. Perlitt, Habakuk, ATD 25,1. Göttingen 2004, S. 65) Das macht die Gerechtigkeit des Gerechten aus, dass er wartet auf Gott, auf sein Reden, auf sein Wort. „Es geht hier nicht um eine moralische Haltung, sondern um das Warten auf Gott und sein Handeln. … Wer ganz treu an Gott hält, der passt zu Gott, der ist gerecht.“ (G. Maier, Habakuk, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1986, S. 79) Der Satz ist für Paulus eine Art Schlüsselwort. Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht (Habakuk 2,4): »Der Gerechte wird aus Glauben leben.«(Römer 1,4) Und Luther ist überzeugt: „Dis ist der text, der auff der Tafel grob und klar geschrieben gewest ist.“(M. Luther, zit nach (L. Perlitt, aaO. S. 66)   „Fünfach: Wehe“ weiterlesen

Warten lernen – Ausschauen üben

Habakuk 1, 12 – 2, 3

 12 Aber du, HERR, bist du nicht mein Gott, mein Heiliger, von Ewigkeit her?

             Es ist ein Wort gegen die eigene Angst, die nach dem Propheten greift. nicht die Mächte, nur Gott ist von Ewigkeit her. Daran erinnert er sich. Nur Gott ist ewig: die Mächte sind es nicht. Und auch daran erinnert sich der Prophet, indem er es zum HERRN sagt: Ich gehöre zu Gott. „Der Heilige Israels“ heißt es öfters bei Jesaja: Unser Erlöser ist der Heilige Israels – HERR Zebaoth ist sein Name.“(Jesaja 47, 4) Schon früher die gleiche Formel – 1,4, 5,19, 10,24, um nur eine kleine Auswahl zu nennen. „Mein heiliger Gott ist von daher ein verständliches, aber kein geläufig gewordenes Prädikat.“ (L. Perlitt, Habakuk, ATD 25,1. Göttingen 2004, S. 57) Die Wendung hier ist dem gegenüber noch eine Idee inniger:  Mein Heiliger sagt der Prophet und wird so sehr persönlich. Das kann keine allgemeine Anrede werden. Das geht nur von innen heraus und individuell.

  Lass uns nicht sterben; sondern lass sie uns, o HERR, nur eine Strafe sein, und lass sie, o unser Fels, uns nur züchtigen.

             Habakuk sieht, was auf das Volk zukommt. Er sieht die Militärmaschine im Anmarsch und ahnt den Untergang. Darum bittet er Gott um Begrenzung. Nur eine Strafe, aber nicht Vernichtung. Nur für kurze Zeit die, die uns züchtigen. Aber nicht die, die uns für immer in den Staub treten. In dieser Bitte zeigt sich unausgesprochen: Habakuk glaubt nicht mehr an eine Wende im Geschehen. Er glaubt nicht an eine wundersame Bewahrung Israels und Jerusalems. Er sieht das unausweichliche Eintreffen der Gerichte, ähnlich, wie es auch bei anderen Propheten ist.  Er ruft nicht mehr zur Umkehr Israels, weil er ahnt: zu spät.

 13 Deine Augen sind zu rein, als dass du Böses ansehen könntest, und dem Jammer kannst du nicht zusehen!

             Das aber macht ihm zu schaffen: „Seine Not ist das Schweigen Gottes zu dem Unrecht in dieser Welt.“ (G. Maier, Habakuk, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1986, S. 72)Es kann doch nicht sein, dass Gott gewissermaßen unbeteiligt zusieht, dem Bösen nicht in den Arm fällt, den Jammer nicht an sich heran lässt. Die Worte greifen in ihrer unbestimmten Allgemeinheit zurück auf die Beschreibung des Chaos in den Anfangszeilen des Buches. Es ist eben nicht nur die Gefahr von außen, die der Prophet sieht, es ist auch die innere Not und Zerrissenheit des Volkes, die ihn fragen und klagen lässt. So Gott zu fragen heißt festzuhalten an dem Vertrauen: er wird nicht weiter nur zusehen. Er wird sich bewegen lassen zu helfen, einzugreifen. „Warten lernen – Ausschauen üben“ weiterlesen

Chaos zum Schreien

Habakuk 1,  1 – 11

1 Dies ist die Last, die der Prophet Habakuk geschaut hat.

             Ein knapper Satz als eine Überschrift über das ganze Buch des Propheten. Was folgen wird ist eine Last, ein Ausspruch. So kann man das hebräische maśśāʼ auch übersetzen. Ganz unbefangen nennt die Überschrift Habakuk Prophet nābîʼ. Es scheint nicht das Bedenken zu geben, das wir aus anderen Propheten-Büchern kennen, dass es viele gibt, die sich Prophet nennen, aber nur ihrem Broterwerb nachgehen.

Es kann Leser*innen verblüffen: „Habakuk hat den Spruch nicht gehört, sondern geschaut.“ (L. Perlitt, Habakuk, ATD 25,1. Göttingen 2004, S. 44) nur, ganz so verblüffend muss das nicht sein, sagt dieser Satz doch nur, dass Habakuk nicht nur mit seinem Hören, sondern auch mit seinem Sehen in Anspruch genommen wird. es mag Ausdruck dafür sein, dass der Prophet ganz, mit allen Sinnen in Anspruch genommen ist.    

             „Vom Menschen Habakuk erfahren wir nicht außer seinem eher komischen Namen und dem Titel Prophet.“(L. Perlitt, aaO. S. 41) Der Name lässt zwei Deutungen zu: „Er kann ein assyrischer Vorname sein, der die Heilpflanze Basilikum meint.“ (G. Maier, Habakuk, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1986, S. 59) Luther deutet anders: „Habakuk heißt auf Deutsch ein Herzer, oder der sich mit einem anderen herzet und in die Arme nimmt. Er tut auch also mit seiner Weissagung, dass er sein Volk herzet und in die Arme nimmt, das ist, er tröstet sie und hält sie aufrecht.“(M. Luther, Vorreden zur Bibel, Hrsg. H. Bornkamm, Hamburg 967, S. 114) „Chaos zum Schreien“ weiterlesen

Eine andere Zeit – jenseits der Zeiten

Amos 9, 11 – 15

 11 Zur selben Zeit will ich die zerfallene Hütte Davids wieder aufrichten und ihre Risse vermauern und, was abgebrochen ist, wieder aufrichten und will sie bauen, wie sie vorzeiten gewesen ist, 12 damit sie in Besitz nehmen, was übrig ist von Edom, und alle Heiden, über die mein Name genannt ist, spricht der HERR, der solches tut.

             Was für ein Abschluss für ein Buch voller Drohungen, voller Gerichtsansagen, voller Unheilsprophetien. Ganz am Ende: Wiederherstellung. Wiederaufbau. Also: Ende gut, alles gut? Hat es Amos, hat es der „Herausgeber“ dieser Worte nicht ausgehalten, so düster zu enden und darum ein paar Heilsworte regelrecht aus dem Hut gezaubert?   „Es handelt sich um Heilsankündigungen, wie sie sonst bei Amos kaum anzutreffen sind. (S. Wagner/ H. Flender, Höret des Herrn Wort. Amos, Gladbeck 1981, S. 87) Ausnahme: Suchet den HERRN, so werdet ihr leben.(5,6) Diese Ausnahme steht an ihrem Ort auch noch unter erheblichem Vorbehalt: Vielleicht. Überspitzt könnte man sagen: die normale Botschaft des Amos ist Gericht. Untergang.

Umso überraschender, fast befremdend dann diese Ansage. Zur selben Zeit – wann wird das sein? Eine Datierung fällt schwer. Es ist eine Zeitangabe, die in die Ferne weist, in die letzten Tage. In eine Ferne, die hinter dem Gerichtstag Gottes doch noch einen Tag des neuen Anfangs zu glauben vermag. Aber vorausgesetzt ist in dem Wort, dass die Hütte Davids zerfallen, abgebrochen ist, rissig geworden. Das deutet auf ein Wort  und die Zeit nach 722 hin, nach dem Fall Samarias und der Wegführung der Führungseliten

Es ist im Zuspruch doch zugleich ein hartes Urteil. Was vom Haus Davids noch übrig ist, ist eine Hütte, noch dazu eine zerfallene. Ein Trümmerhaufen. nichts mehr ist es mit dem stolzen Königshaus. Der Dynastie, die sich der Beistandszusagen Gottes sicher sein konnte.  „Eine andere Zeit – jenseits der Zeiten“ weiterlesen

Keine Fluchtmöglichkeiten mehr

Amos 9, 1 – 10

 1 Ich sah den Herrn über dem Altar stehen, und er sprach: Schlage an den Knauf, dass die Pfosten beben und die Trümmer ihnen allen auf den Kopf fallen; und was noch übrig bleibt von ihnen, will ich mit dem Schwert töten, dass keiner von ihnen entfliehen noch irgendeiner entkommen soll! 2 Und wenn sie sich auch unten bei den Toten vergrüben, soll sie doch meine Hand von dort holen, und wenn sie zum Himmel hinaufstiegen, will ich sie doch herunterstoßen. 3 Und wenn sie sich auch versteckten oben auf dem Berge Karmel, will ich sie doch suchen und von dort herabholen; und wenn sie sich vor meinen Augen verbärgen im Grunde des Meeres, so will ich doch der Schlange befehlen, sie dort zu beißen. 4 Und wenn sie vor ihren Feinden gefangen einhergingen, so will ich doch dem Schwert befehlen, sie dort zu töten.

 Amos – in den Tempel geführt. Entrückt? Dort, wo immer das ist, sieht er den Herrn über dem Altar stehen. Ist die Frage nach dem Ort, an dem der Altar steht, nebensächlich? Zweitrangig? Es legt sich nahe: „Vermutlich ist es ein Heiligtum in der Heimat des Amos, in Judäa, möglicherweise der Tempel in Jerusalem.“ (A. Weiser, Amos, ATD 24, Göttingen 1967, S. 188) Diese Vision ist anders als alle vorhergehenden Visionen. Da sieht Amos Heuschrecken, einen Feuerregen, einen mit dem Bleilot, einen Obstkorb. Jetzt sieht er den Herrn. Es ist eine deutliche Steigerung: „Bisher zeigte Gott, was er vorhat, jetzt zeigt sich Gott selbst.“ (M. Holland, Der Prophet Amos, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1980, S. 210) Und Amos hört, was Gott sagt, ansagt.

    Gericht. Ohne Erbarmen. Alle Flucht ist sinnlos. Es gibt keine Zuflucht mehr vor dem kommenden Gericht, das heraufzieht, in den Worten Gottes anbricht. Nicht bei den Toten, nicht im Himmel, nicht auf den Karmel, nicht auf dem Grund des Meeres.

Die Worte lesen sich wie eine Negativ-Version von Psalm 139! Was im Psalm eine Vertrauensaussage ist, die durch mancherlei Ängste und Fluchtreflexe hindurch erkämpft sein mag, das wird hier radikal durchkreuzt. als sinnloser Fluchtversuch enttarnt. „Keine Fluchtmöglichkeiten mehr“ weiterlesen