Ein Klagelied – auch für heute

Habakuk 3, 1 – 19

Am Gedenktag für 2003-9-11:

1 Dies ist das Gebet des Propheten Habakuk, nach Art eines Klageliedes:

             Das ist ein ungewöhnlicher Satz. Irgendwie wie von fremder Hand hinzugesetzt. Es wirkt wie die Anmerkung eines späteren Bearbeiters des Buches, wenn das Gebet so als Gebet des Propheten Habakuk vorgestellt wird. „tephillāh ist in der Regel das kultisch formalisierte Gebet.“ (L. Perlitt, Habakuk, ATD 25,1. Göttingen 2004, S. 83) Nicht das individuelle Gebet eines Einzelnen, der ganz persönlich formuliert.

Das passt zusammen mit dem Eindruck, den das Gebet vermitteln wird: Vieles sind Versatzstücke, wie Zitate aus Psalmen.  Dazu stimmt auch die Singanweisung: nach Art eines Klageliedes und das später mehrfach folgende Sela, dessen Bedeutung bis heute völlig im Dunkeln liegt.  Es kann eine Anweisung für die Musik sein, auch eine Geste mag gemeint sein. Es könnte auch schlicht „Zwischenspiel“ bedeuten. Oder schlicht: Pause.

  2 HERR, ich habe die Kunde von dir gehört, ich habe dein Werk gesehen, HERR! Mache es lebendig in naher Zeit, und lass es kundwerden in naher Zeit. Im Zorne denke an Barmherzigkeit!

             Die Worte scheinen auf das „Wie lange“(1,2) zurück zu verweisen. Der Prophet ist des Wartens müde. Habakuk hat doch gehört und gesehen.  Das soll doch nicht bloße Einbildung bleiben. Gott soll endlich tun, was er angekündigt hat. Das Werk, das Habakuk gesehen hat, das er „fürchtet“ – so die andere Übersetzungsmöglichkeit – ist das „Gericht“. „Bei dem Gericht (paʽaleka) handelt es sich nicht um ein allgemeines Werk Gottes, etwa im Sinn der Erschaffung seines Volkes Israel“ (G. Maier, Habakuk, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1986, S. 98) Furcht ist unangebracht, wenn Gott sein Heil wirkt.

Aber Furcht ist sehr wohl dann angesagt, wenn der gerechte Zorn Gottes auflodert. Dann soll Gottes Erbarmen seinen Zorn hindern. Ganz nahe sind diese Worte bei Worten aus Hosea: „Mein Herz wendet sich gegen mich, all mein Mitleid ist entbrannt. Ich will nicht tun nach meinem grimmigen Zorn noch Ephraim wieder verderben. Denn ich bin Gott und nicht ein Mensch, heilig in deiner Mitte. Darum komme ich nicht im Zorn.“(Hosea 11, 8-9) Sich vor Gott in Gott bergen – das steckt in diesen Worten.           „Ein Klagelied – auch für heute“ weiterlesen

Fünfach: Wehe

Habakuk 2, 4 – 20

 4 Siehe, wer halsstarrig ist, der wird keine Ruhe in seinem Herzen haben, der Gerechte aber wird durch seinen Glauben leben.

             Einmal mehr kann man über die Weisheit der Kommission rätseln, die die Abschnitte der fortlaufenden Bibellese bestimmt. Gehört dieser Satz nicht doch zur Gottesrede, die ihm vorausgeht? Zur Verheißung, dass das Wort der Weissagung sich erfüllt?

Es ist sprachlich im Hebräischen ein schwieriger Satz. Es könnte sein rāšāʽ der Gottlose fehlt.  das wird mit einer defizitären Verbform umschrieben, die in der Übersetzung wiedergegeben ist mit wer halsstarrig ist. Es läuft auf die Gegenüberstellung hinaus: der eine verwirkt die Ruhe im eigenen Herzen und damit das Leben. Ein Getriebener, hin und her gejagt, ohne je an ein Ziel zu gelangen.

„Ich habe die Menschen gesehen,                                                   und sie suchen spät und früh,
sie schaffen, sie kommen und gehen,                                                 und ihr Leben ist Arbeit und Müh.

Sie suchen, was sie nicht finden,                                                           in Liebe und Ehre und Glück,
und sie kommen belastet mit Sünden                                             und unbefriedigt zurück.“                                                                                  E.
Fürstin von Reuß 1867, EG Bayern/Thüringen 621

Der andere, der Gerechte wird leben. Durch seinen Glauben. Wörtlich: „durch seine Treue.“ Wobei wichtig ist:  ʼæmȗnāh ist „vor allem die Treue Gottes, die von Geschlecht zu Geschlecht währt, ebenso wie die des Menschen.“ (L. Perlitt, Habakuk, ATD 25,1. Göttingen 2004, S. 65) Das macht die Gerechtigkeit des Gerechten aus, dass er wartet auf Gott, auf sein Reden, auf sein Wort. „Es geht hier nicht um eine moralische Haltung, sondern um das Warten auf Gott und sein Handeln. … Wer ganz treu an Gott hält, der passt zu Gott, der ist gerecht.“ (G. Maier, Habakuk, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1986, S. 79) Der Satz ist für Paulus eine Art Schlüsselwort. Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht (Habakuk 2,4): »Der Gerechte wird aus Glauben leben.«(Römer 1,4) Und Luther ist überzeugt: „Dis ist der text, der auff der Tafel grob und klar geschrieben gewest ist.“(M. Luther, zit nach (L. Perlitt, aaO. S. 66)   „Fünfach: Wehe“ weiterlesen

Warten lernen – Ausschauen üben

Habakuk 1, 12 – 2, 3

 12 Aber du, HERR, bist du nicht mein Gott, mein Heiliger, von Ewigkeit her?

             Es ist ein Wort gegen die eigene Angst, die nach dem Propheten greift. nicht die Mächte, nur Gott ist von Ewigkeit her. Daran erinnert er sich. Nur Gott ist ewig: die Mächte sind es nicht. Und auch daran erinnert sich der Prophet, indem er es zum HERRN sagt: Ich gehöre zu Gott. „Der Heilige Israels“ heißt es öfters bei Jesaja: Unser Erlöser ist der Heilige Israels – HERR Zebaoth ist sein Name.“(Jesaja 47, 4) Schon früher die gleiche Formel – 1,4, 5,19, 10,24, um nur eine kleine Auswahl zu nennen. „Mein heiliger Gott ist von daher ein verständliches, aber kein geläufig gewordenes Prädikat.“ (L. Perlitt, Habakuk, ATD 25,1. Göttingen 2004, S. 57) Die Wendung hier ist dem gegenüber noch eine Idee inniger:  Mein Heiliger sagt der Prophet und wird so sehr persönlich. Das kann keine allgemeine Anrede werden. Das geht nur von innen heraus und individuell.

  Lass uns nicht sterben; sondern lass sie uns, o HERR, nur eine Strafe sein, und lass sie, o unser Fels, uns nur züchtigen.

             Habakuk sieht, was auf das Volk zukommt. Er sieht die Militärmaschine im Anmarsch und ahnt den Untergang. Darum bittet er Gott um Begrenzung. Nur eine Strafe, aber nicht Vernichtung. Nur für kurze Zeit die, die uns züchtigen. Aber nicht die, die uns für immer in den Staub treten. In dieser Bitte zeigt sich unausgesprochen: Habakuk glaubt nicht mehr an eine Wende im Geschehen. Er glaubt nicht an eine wundersame Bewahrung Israels und Jerusalems. Er sieht das unausweichliche Eintreffen der Gerichte, ähnlich, wie es auch bei anderen Propheten ist.  Er ruft nicht mehr zur Umkehr Israels, weil er ahnt: zu spät.

 13 Deine Augen sind zu rein, als dass du Böses ansehen könntest, und dem Jammer kannst du nicht zusehen!

             Das aber macht ihm zu schaffen: „Seine Not ist das Schweigen Gottes zu dem Unrecht in dieser Welt.“ (G. Maier, Habakuk, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1986, S. 72)Es kann doch nicht sein, dass Gott gewissermaßen unbeteiligt zusieht, dem Bösen nicht in den Arm fällt, den Jammer nicht an sich heran lässt. Die Worte greifen in ihrer unbestimmten Allgemeinheit zurück auf die Beschreibung des Chaos in den Anfangszeilen des Buches. Es ist eben nicht nur die Gefahr von außen, die der Prophet sieht, es ist auch die innere Not und Zerrissenheit des Volkes, die ihn fragen und klagen lässt. So Gott zu fragen heißt festzuhalten an dem Vertrauen: er wird nicht weiter nur zusehen. Er wird sich bewegen lassen zu helfen, einzugreifen. „Warten lernen – Ausschauen üben“ weiterlesen

Chaos zum Schreien

Habakuk 1,  1 – 11

1 Dies ist die Last, die der Prophet Habakuk geschaut hat.

             Ein knapper Satz als eine Überschrift über das ganze Buch des Propheten. Was folgen wird ist eine Last, ein Ausspruch. So kann man das hebräische maśśāʼ auch übersetzen. Ganz unbefangen nennt die Überschrift Habakuk Prophet nābîʼ. Es scheint nicht das Bedenken zu geben, das wir aus anderen Propheten-Büchern kennen, dass es viele gibt, die sich Prophet nennen, aber nur ihrem Broterwerb nachgehen.

Es kann Leser*innen verblüffen: „Habakuk hat den Spruch nicht gehört, sondern geschaut.“ (L. Perlitt, Habakuk, ATD 25,1. Göttingen 2004, S. 44) nur, ganz so verblüffend muss das nicht sein, sagt dieser Satz doch nur, dass Habakuk nicht nur mit seinem Hören, sondern auch mit seinem Sehen in Anspruch genommen wird. es mag Ausdruck dafür sein, dass der Prophet ganz, mit allen Sinnen in Anspruch genommen ist.    

             „Vom Menschen Habakuk erfahren wir nicht außer seinem eher komischen Namen und dem Titel Prophet.“(L. Perlitt, aaO. S. 41) Der Name lässt zwei Deutungen zu: „Er kann ein assyrischer Vorname sein, der die Heilpflanze Basilikum meint.“ (G. Maier, Habakuk, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1986, S. 59) Luther deutet anders: „Habakuk heißt auf Deutsch ein Herzer, oder der sich mit einem anderen herzet und in die Arme nimmt. Er tut auch also mit seiner Weissagung, dass er sein Volk herzet und in die Arme nimmt, das ist, er tröstet sie und hält sie aufrecht.“(M. Luther, Vorreden zur Bibel, Hrsg. H. Bornkamm, Hamburg 967, S. 114) „Chaos zum Schreien“ weiterlesen

Eine andere Zeit – jenseits der Zeiten

Amos 9, 11 – 15

 11 Zur selben Zeit will ich die zerfallene Hütte Davids wieder aufrichten und ihre Risse vermauern und, was abgebrochen ist, wieder aufrichten und will sie bauen, wie sie vorzeiten gewesen ist, 12 damit sie in Besitz nehmen, was übrig ist von Edom, und alle Heiden, über die mein Name genannt ist, spricht der HERR, der solches tut.

             Was für ein Abschluss für ein Buch voller Drohungen, voller Gerichtsansagen, voller Unheilsprophetien. Ganz am Ende: Wiederherstellung. Wiederaufbau. Also: Ende gut, alles gut? Hat es Amos, hat es der „Herausgeber“ dieser Worte nicht ausgehalten, so düster zu enden und darum ein paar Heilsworte regelrecht aus dem Hut gezaubert?   „Es handelt sich um Heilsankündigungen, wie sie sonst bei Amos kaum anzutreffen sind. (S. Wagner/ H. Flender, Höret des Herrn Wort. Amos, Gladbeck 1981, S. 87) Ausnahme: Suchet den HERRN, so werdet ihr leben.(5,6) Diese Ausnahme steht an ihrem Ort auch noch unter erheblichem Vorbehalt: Vielleicht. Überspitzt könnte man sagen: die normale Botschaft des Amos ist Gericht. Untergang.

Umso überraschender, fast befremdend dann diese Ansage. Zur selben Zeit – wann wird das sein? Eine Datierung fällt schwer. Es ist eine Zeitangabe, die in die Ferne weist, in die letzten Tage. In eine Ferne, die hinter dem Gerichtstag Gottes doch noch einen Tag des neuen Anfangs zu glauben vermag. Aber vorausgesetzt ist in dem Wort, dass die Hütte Davids zerfallen, abgebrochen ist, rissig geworden. Das deutet auf ein Wort  und die Zeit nach 722 hin, nach dem Fall Samarias und der Wegführung der Führungseliten

Es ist im Zuspruch doch zugleich ein hartes Urteil. Was vom Haus Davids noch übrig ist, ist eine Hütte, noch dazu eine zerfallene. Ein Trümmerhaufen. nichts mehr ist es mit dem stolzen Königshaus. Der Dynastie, die sich der Beistandszusagen Gottes sicher sein konnte.  „Eine andere Zeit – jenseits der Zeiten“ weiterlesen

Keine Fluchtmöglichkeiten mehr

Amos 9, 1 – 10

 1 Ich sah den Herrn über dem Altar stehen, und er sprach: Schlage an den Knauf, dass die Pfosten beben und die Trümmer ihnen allen auf den Kopf fallen; und was noch übrig bleibt von ihnen, will ich mit dem Schwert töten, dass keiner von ihnen entfliehen noch irgendeiner entkommen soll! 2 Und wenn sie sich auch unten bei den Toten vergrüben, soll sie doch meine Hand von dort holen, und wenn sie zum Himmel hinaufstiegen, will ich sie doch herunterstoßen. 3 Und wenn sie sich auch versteckten oben auf dem Berge Karmel, will ich sie doch suchen und von dort herabholen; und wenn sie sich vor meinen Augen verbärgen im Grunde des Meeres, so will ich doch der Schlange befehlen, sie dort zu beißen. 4 Und wenn sie vor ihren Feinden gefangen einhergingen, so will ich doch dem Schwert befehlen, sie dort zu töten.

 Amos – in den Tempel geführt. Entrückt? Dort, wo immer das ist, sieht er den Herrn über dem Altar stehen. Ist die Frage nach dem Ort, an dem der Altar steht, nebensächlich? Zweitrangig? Es legt sich nahe: „Vermutlich ist es ein Heiligtum in der Heimat des Amos, in Judäa, möglicherweise der Tempel in Jerusalem.“ (A. Weiser, Amos, ATD 24, Göttingen 1967, S. 188) Diese Vision ist anders als alle vorhergehenden Visionen. Da sieht Amos Heuschrecken, einen Feuerregen, einen mit dem Bleilot, einen Obstkorb. Jetzt sieht er den Herrn. Es ist eine deutliche Steigerung: „Bisher zeigte Gott, was er vorhat, jetzt zeigt sich Gott selbst.“ (M. Holland, Der Prophet Amos, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1980, S. 210) Und Amos hört, was Gott sagt, ansagt.

    Gericht. Ohne Erbarmen. Alle Flucht ist sinnlos. Es gibt keine Zuflucht mehr vor dem kommenden Gericht, das heraufzieht, in den Worten Gottes anbricht. Nicht bei den Toten, nicht im Himmel, nicht auf den Karmel, nicht auf dem Grund des Meeres.

Die Worte lesen sich wie eine Negativ-Version von Psalm 139! Was im Psalm eine Vertrauensaussage ist, die durch mancherlei Ängste und Fluchtreflexe hindurch erkämpft sein mag, das wird hier radikal durchkreuzt. als sinnloser Fluchtversuch enttarnt. „Keine Fluchtmöglichkeiten mehr“ weiterlesen

Hunger – nach dem Wort?

Amos 8, 11 – 14

 11 Siehe, es kommt die Zeit, spricht Gott der HERR, dass ich einen Hunger ins Land schicken werde, nicht einen Hunger nach Brot oder Durst nach Wasser, sondern nach dem Wort des HERRN, es zu hören; 12 dass sie hin und her von einem Meer zum andern, von Norden nach Osten laufen und des HERRN Wort suchen und doch nicht finden werden.

             Wechselt der Ton? Wird es versöhnlicher? Oder wird nicht alles nur noch schlimmer? Es kommt die Zeit – eine Zeit, von Gott gesandt und gewollt. Auch Amos weiß nicht, wann diese Zeit sein wird. Er verknüpft ihr Kommen auch nicht mit dem eigenen Geschick, der Ausweisung aus Bethel, der Unwilligkeit, auf ihn zu hören. Es ist Gottes Zeit – er allein weiß sie. „Eigentlich müsste man aufatmen, weil es nun endlich so weit zu sein scheint, dass ein ganzes Volk zu verstehen beginnt, wo die wirkliche Lebensspeise zu finden ist: weil ein ganzes Volk verschmachtet und verhungert nach dem Jahwewort unterwegs ist.(S. Wagner/ H. Flender, Höret des Herrn Wort. Amos, Gladbeck 1981, S. 77) Auf der Suche. Das ist es doch: Wir alle sind Suchende, immer Suchende. Wir mögen die auch nicht, die sagen, sie hätten schon gefunden.

Wie anders jedoch hier. „Gott kündigt in einem Drohwort Hunger und Durst an.“(M. Holland, Der Prophet Amos, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1980, S. 206) Nach Worten des HERRN. Drohwort deshalb, weil dieser Hunger und dieser Durst nicht gestillt werden können. Sie werden durchs Land laufen, von einem Ort zum anderen und nichts finden. Nichts hören. Weil Gott sich in Schweigen hüllt. „Gott muss nicht immer zu uns sprechen.“ (M. Holland, ebda.) Es gibt keine Redepflicht für Gott. Es gibt keine Pflicht für ihn, sich zu zeigen, sich zu Wort zu melden. Er kann sich ins Schweigen verbergen. „Hunger – nach dem Wort?“ weiterlesen

Wenn der Himmel sich verdunkelt

Amos 8, 1 – 10

 1 So ließ Gott der HERR mich schauen:

Die  Intervention des Amazja wirkt im Text des Buches wie ein Zwischenruf. Sie hält die Visionenfolge nur auf, stoppt sie jedoch nicht. Weil Gott noch nicht am Ende ist mit dem, was er den Propheten schauen lassen will. „Diese Visionsfolge steht ziemlich isoliert in der prophetischen Literatur.“ (G. v. Rad, Theologie des Alten Testamentes, Bd. II, München 1960, s. 138) Nicht zuletzt das ist bemerkenswert, dass es an keiner Stelle den ausdrücklichen Auftrag gibt, das Geschaute als Botschaft an das Volk weiter zu sagen. Es ist, als würde Amos mit Bildern regelrecht „abgefüllt“. Irgendwann werden sie dann aus ihm herausplatzen.

Und siehe, da stand ein Korb zur Ernte. 2 Und er sprach: Was siehst du, Amos? Ich aber antwortete: Einen Korb zur Ernte. Da sprach der HERR zu mir: Das Ende ist gekommen über mein Volk Israel. Ich will nicht mehr an ihm vorübergehen! 3 Und die Lieder im Tempel sollen in Heulen verkehrt werden zur selben Zeit, spricht Gott der HERR. Es werden an allen Orten viele Leichname liegen, die man hingeworfen hat. Still!

              „Jahwe zeigt Amos einen Korb mit geernteten Feigen, den Früchten des Spätsommers. Amos selbst muss auf die Frage Jahwes hin: Was siehst du? in Worte fassen, was er sieht: einen Erntekorb (kelūb qajitz) Im Wort Ernte(qajitz) klingt Ende (qetz) an.“ (H. W. Wolff, Die Stunde des Amos, München 1981, S.27) Aus dem an und für sich völlig harmlosen, ja freundlichen erfreulichen Bild – ein Obstkorb. Erntefertig – das das Herz eines Bauern erfreuen muss, wird ein Drohbild. Israel ist reif zur Ernte. Das Ende ist da. „Der Satz sieht den drohenden Untergang als eine bereits vollzogene Tatsache.“ (A. Weiser, Amos, ATD 24, Göttingen 1967, S. 186) Er wird gewissermaßen im Wort Jahwes zum Vollzug. Darum auch: Keine Ankündigung mehr. Kein Umkehrruf mehr.

Und wieder: Ich will nicht mehr an ihm vorübergehen! Eine andere Übersetzungsmöglichkeit: „Nicht länger fahre ich fort, ihm zu vergeben.“ (M. Holland, Der Prophet Amos, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1980, S. 197) Die Zeit der Verschonung, der Vergebung ist vorbei. Es breitet sich Totenstille aus. Aus wohlklingenden  Liedern wird schreckliches Heulen. Berge von Leichen überall. Hingeworfen, nicht begraben. Für eine Gesellschaft, die weiß, dass Leichen verunreinigen, eine furchtbare Vorstellung. „Wenn der Himmel sich verdunkelt“ weiterlesen

Unter Zeugnis-Zwang

Amos 7, 10 – 17

 10 Da sandte Amazja, der Priester in Bethel, zu Jerobeam, dem König von Israel, und ließ ihm sagen: Der Amos macht einen Aufruhr gegen dich im Hause Israel; das Land kann seine Worte nicht ertragen. 11 Denn so spricht Amos: Jerobeam wird durchs Schwert sterben, und Israel wird aus seinem Lande gefangen weggeführt werden.

             Diese Szene legt es nahe, die zuvor gesprochenen Visionen im Tempel, vermutlich in Bethel ausgesprochen zu vermuten. Es ist  dem für die ordentliche Religionsausübung Zuständigen, Amazja, der Priester in Bethel, zu Ohren gekommen, was dieser Amos so alles von sich gibt.  Dass er die öffentliche Ordnung stört. Dass er Unruhe ins Volk bringt,  dass er Aufruhr macht gegen das Königshaus. „Es ist durchaus begreiflich, dass die düsteren Gerichtsdrohungen des Propheten besonders den davon betroffenen führenden Schichten des Volkes untragbar erscheinen mussten.“ (A. Weiser, Amos, ATD 24, Göttingen 1967, S. 190)  Unerträglich. Weil sie die Stimmung im Volk nach unten ziehen. Das Vertrauen auf Sicherheit erschüttern. Das Königshaus nicht nur in Frage stellen, sondern dem König sein Ende ansagen. Das ist subversiv.

Diese Meldung an den König ist eine deutliche Aufforderung zum Handeln. Jerobeam muss etwas tun. So kann es mit diesem Amos nicht weitergehen. Die positive Deutung: Amazja nimmt Amos ernst. Das ist kein harmloser Spinner. „Man muss sich mit ihm  beschäftigen.“ (S. Wagner/ H. Flender, Höret des Herrn Wort. Amos, Gladbeck 1981, S. 64)  Ein Fall für den Sicherheitsdienst.   „Unter Zeugnis-Zwang“ weiterlesen

Keine billige Gnade

Amos 7, 1 – 9

1 So ließ Gott der HERR mich schauen:

          Der schmale Satz ist der Auftakt zu einem Visionsbericht. Zu einer ersten Vision in einer nachfolgenden Reihe von Visionen. Ob diese Visionen zeitlich so eng aufeinander folgen, wie es die Niederschrift nahe legt, ob sie in einer eigenen Visionsschrift als „ursprüngliche literarische Einheit(A. Weiser, Amos, ATD 24, Göttingen 1967, S. 181)zusammengefasst waren, ist eine interessante Überlegung, trägt aber zum Verständnis der einzelnen Worte nicht sonderlich viel aus. Die Visionen stehen nacheinander und bedürfen dennoch zum Verständnis nicht eine die andere. Jede Vision steht für sich.

Der Herr lässt Amos schauen. Die Vision ist somit „nicht das Ergebnis einer besonderen Konzentration eines Ekstatikers, der von sich aus ein Gotteserlebnis anstrebt.“ (S. Wagner/ H. Flender, Höret des Herrn Wort. Amos, Gladbeck 1981, S. 50) Sie geht auf Gott zurück – Amos ist das Objekt und Gott das Subjekt dieses Sehens. Gott öffnet Amos die Augen. Oder anders: Gott lässt Amos zusehen.

  Und siehe, er schuf einen Schwarm Heuschrecken, als die Spätsaat aufging. – Die Spätsaat folgt auf die Mahd des Königs. –

             Wenn man so will: Amos sieht Gott bei der Arbeit. Er sieht ihn als den, der mit schaffen beschäftigt ist. barā. „Der verwendete Terminus ist aus dem Schöpfungsbericht bekannt. Amos ist gleichsam noch einmal in die Zeitlosigkeit wie vor allen Anfang versetzt und darf Jahwe beim schöpferischen Handeln zusehen. (S. Wagner/ H. Flender, ebda.) Die Schöpfung des Anfangs steht unter dem Urteil Gottes: Und siehe – sehr gut. Was Amos zu sehen bekommt ist, wie Gott Schädlinge schafft. Heuschrecken.  Heuschrecken zur Zeit der Spätsaat „bedeutet Vernichtung der kommenden Ernte und Hungersnot.“(A. Weiser, aaO. S. 182) Dieses Tun Gottes sehen und verstehen, was das für das Volk mit sich bringen wird, ist eins. Amos sieht Gerichts-Vorbereitungen Gottes. „Keine billige Gnade“ weiterlesen