Wo ist ein Gott wie Du?

Micha 7, 8 – 20

8 Freue dich nicht über mich, meine Feindin! Wenn ich auch darniederliege, so werde ich wieder aufstehen; und wenn ich auch im Finstern sitze, so ist doch der HERR mein Licht.

Wer ist die Feindin? Hat sie schon Siegesgesänge angestimmt, weil Samaria zerstört ist und Jerusalem vor dem Fall steht? Dann könnte man an die Jahre um 701 denken. Und die Feindin könnte „Babel oder eines der Nachbarvölker in Palästina“(A. Weiser, aaO. S. 289) sein. Wie auch immer – trotz der desaströsen Lage regt sich Hoffnung. Hoffnung auf ein neues Aufstehen, Hoffnung auf Licht im Dunkel. Es liegt nahe: Die trotzige, glaubensstarke Haltung des Propheten hat „abgefärbt“ – auf das Ich, das hier das Wort nimmt. Auf die Stadt, die darniederliegt.

9 Ich will des HERRN Zorn tragen – denn ich habe wider ihn gesündigt –, bis er meinen Rechtsstreit führe und mir Recht schaffe. Er wird mich ans Licht bringen, dass ich meine Freude an seiner Gerechtigkeit habe. 10 Meine Feindin wird’s sehen müssen und in Schande dastehen, die jetzt zu mir sagt: Wo ist er, der HERR, dein Gott? Meine Augen werden’s sehen, dass sie dann wie Dreck auf der Gasse zertreten wird.

Das ist die Anerkennung eigener Schuld, ein Bußwort. „Es gibt sehr wohl den Zorn Gottes über unsere Sünden, aber er dauert nur solange, bis wir sie bekennen und aufrichtig bereuen.“(D. Schibler, aaO. S. 121) Mit dieser Ankerkennung wird der Weg nach vorne frei. Und Gott wird sich als der erweisen, der auf das Eingeständnis der eigenen Schuld antwortet – nun eben nicht mit Urteil und Vernichtung, sondern mit Erbarmen. Mit seiner Gerechtigkeit, die keinen fallen lässt, auch die nicht, die sich hoffnungslos in eigene Schuld verstrickt haben. Gott wird seiner Stadt, seine Volk Recht schaffen. „Wo ist ein Gott wie Du?“ weiterlesen

Wehe mir

Micha 7, 1 – 7

1 Ach, es geht mir wie einem, der Obst pflücken wollte, der im Weinberge Nachlese hielt, doch keine Traube gab’s zu essen, keine Frühfeige, nach der ich verlangte!

Wer ist der, der hier so spricht? Der Prophet? Oder Gott? Diese Sätze haben eine Parallele im Weinberglied des Jesaja: „Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte.“(Jesaja 5, 1 – 2) Die Ernte fällt aus. „Auch die genaueste Nachlese erbringt nicht die erhofften Lichtblicke.“(D. Kinet, aaO. S. 150) Der Frucht sucht, steht mit leeren Händen da – betrogen um seine Mühe.

2 Die frommen Leute sind weg in diesem Lande, und die Gerechten sind nicht mehr unter den Leuten. Sie lauern alle auf Blut, ein jeder jagt den andern, dass er ihn fange. 3 Ihre Hände sind geschäftig, Böses zu tun. Obere und Richter fordern Geschenke. Der Gewaltige redet nach seinem Mutwillen, und so verdrehen sie alles. 4 Der Beste unter ihnen ist wie ein Dornstrauch und der Redlichste schlimmer als eine Dornenhecke.

Diese Fruchtlosigkeit gilt für die guten Früchte. Schlechte Früchte dagegen gibt es in Hülle und Fülle. Das Unrecht blüht, die Korruption ist ein einträgliches, normales Geschäftsmodell. Gewalt überall. Die Wahrheit wird verdreht, die Lüge feiert Triumphe. Das alles führt dazu, dass die frommen Leute emigrieren, auswandern. Die Gerechten, denen an chæsæd liegt, an Güte und Gerechtigkeit und die man deshalb chasid nennen kann, sind nicht mehr zu finden. Das heißt auch: Um Micha wird es einsam. Darum auch ein Seufzer: Ach, Weh mir. „Wehe mir“ weiterlesen

Mehr als ein Prozess

Micha 6, 1 – 16

1 Hört doch, was der HERR sagt: »Mach dich auf, führe einen Rechtsstreit mit den Bergen, auf dass die Hügel deine Stimme hören!« 2 Hört, ihr Berge, den Rechtsstreit des HERRN, ihr starken Grundfesten der Erde; denn der HERR will mit seinem Volk rechten und mit Israel ins Gericht gehen!

Das ist die Aufforderung zu einem Rechtsstreit. Zu eine ordentlichen Verfahren vor Gericht. Mit Zeugen, mit Klagen und Gegenreden. Diese Vorstellung, dass Gott zu einem regelrechten Gerichtsverfahren ruft, ist nicht so selten, vor allem bei den Propheten nicht. Jesaja kennt das, Hosea auch und ebenso der spätere Hesekiel. Es ist prophetische Überzeugung: Gott stellt sein Volk in solchen Verfahren, aber zugleich stellt er auch sich und entzieht sich dem Verfahren nicht. „Der Prophet ist aufgerufen, im Namen Jahwes einen Rechtsstreit gegen das Volk zu führen. Berge und Hügel werden als zeugen herbeizitiert, so dass die Auseinandersetzung in der größtmöglichen Öffentlichkeit stattfinden kann.“(D. Kinet, aaO. S. 145)

Es mag für heutige Leser*innen ungewohnt sein. Aber Micha – und nicht nur er unter den Propheten – glaubt an einen streitbaren Gott. Gott ist nicht soft, zieht bei Widerstand nicht erschrocken zurück, sucht nicht den faulen Frieden, weil er Streit fürchtet. Mag sein: wer streitet, macht sich unbeliebt. Er gilt als rechthaberisch, weil er sein Recht behauptet. Man sammelt keine Sympathien, wenn man andere vor Gericht zerrt. Gott, so scheint es, hat keine Angst vor dem Entzug von Zustimmung. Ihm geht es um die Wahrheit. Um Klarheit in der Beziehung zu seinem Volk.

3 »Was habe ich dir getan, mein Volk, und womit habe ich dich beschwert? Das sage mir! 4 Habe ich dich doch aus Ägyptenland geführt und aus der Knechtschaft erlöst und vor dir her gesandt Mose, Aaron und Mirjam.

Wenn das Volk Grund zur Klage hat – jetzt ist dafür Raum und Zeit. Hat Gott nur Ansprüche gemacht? Nur den HERRN gegeben – ohne jede Gegenleistung oder Vorleistung? „Micha spielt mit zwei im Hebräischen gleichlautenden Wörtern, nämlich „ermüden“ (hæl᾽etika)und „herausführen“ (hæ‛ælitika)Frei übersetzt lautet die Frage ungefähr so: „Habe ich dich etwa fallen lassen? Habe ich dich nicht herausgeführt?“(D. Schibler, aaO. S. 98)

Es ist ja der Verdacht bis heute: Gott macht Ansprüche, aber es gibt keinen Grund dafür. Jeder Konfirmand hat es gelernt: „Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“(M. Luther, Kleiner Katechismus, EG 806,1) Ausgefallen ist, woran Micha erinnert: „Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.“(2. Mose 20,2) Das ist Gottes Argument: Du beschwerst dich, du Volk. Aber ich habe dich aus Ägyptenland geführt und aus der Knechtschaft erlöst. Ich habe dir Freiheit gegeben. Gott hat Israel nicht allein gelassen – Mose, Aaron und Mirjam sind seine Gesandten gewesen, Führer auf dem Weg. Hilfen Gottes.

5 Mein Volk, denke doch daran, was Balak, der König von Moab, vorhatte und was ihm Bileam, der Sohn Beors, antwortete; wie du hinüberzogst von Schittim bis nach Gilgal, damit du erkennst, wie der HERR dir alles Gute getan hat.«

Es ist der Versuch Gottes, „sein Volk zur Vernunft zu bringen.“(D. Schieler, aaO. S. 97) Er appelliert an ihre Erinnerung, er will es ihnen vor Augen halten, dass er sie bewahrt hat., Segen statt Fluch, Leben statt Untergang. Er ist es doch, der sie von der letzten Station in der Wüste, Schittim hinübergeführt nach Gilgal, dem ersten Lager im Westjordanland. Das alles führt Gott nicht an, um sie anzuklagen, sondern um sie zurechtzubringen: damit du erkennst, wie der HERR dir alles Gute getan hat. Erinnerung hat als Ziel die Dankbarkeit. Es wäre ein seltsamer Umgang mit der Geschichte, würde man nur auf die Fehlleistungen schauen, würde man nur auf die Noterfahrungen schauen und nicht sehen wolle, die Augen verschließen:

„In wie viel Not hat nicht der gnädige Gott                                                                           über dir Flügel gebreitet.“                    J. Neander 1680, EG 316 „Mehr als ein Prozess“ weiterlesen

Worauf vertrauen wir?

Micha 5, 4b – 14

Wenn Assur in unser Land fällt und in unsere festen Häuser einbricht, so werden wir sieben Hirten und acht Fürsten dagegen aufstellen. 5 Sie werden das Land Assur mit dem Schwert weiden und das Land Nimrods mit ihren bloßen Waffen. So wird er uns von Assur erretten, wenn es in unser Land fallen und in unsere Grenzen einbrechen wird.

Darin muss sich der Friede bewähren, dass er der waffenstarrenden Weltmacht in den Arm fällt. Sieben Hirten und acht Fürsten – der König des Friedens ist nicht allein. Nicht machtlos und ohne Helfer. Allerdings: „Wer die gewaltigen Helfer des Messias sind, wird nur angedeutet.“(A. Weiser, aaO. S. 275) Ausdrücklich Menschenfürsten, keine himmlischen Heerscharen. Es reicht, dass sie Assur entgegentreten, selbst Kampfbereit und gerüstet.

6 Dann wird der Rest Jakobs unter vielen Völkern sein wie Tau vom HERRN, wie Regen aufs Gras, der auf niemand harrt noch auf Menschen wartet. 7 Und der Rest Jakobs wird unter den Nationen inmitten vieler Völker sein wie ein Löwe unter den Tieren im Walde, wie ein junger Löwe unter einer Herde Schafe, dem niemand wehren kann, wenn er einbricht, zertritt und zerreißt.

Der Rest Jakobs – ist das die Exilsgemeinde? Oder sind es Flüchtlinge aus dem Nordreich? Die Assoziation bei Rest ist nahliegend: Kümmerlicher Rest. Nur dass hier dieser kümmerliche Rest machtvoll, wirkungsvoll gesehen wird. Lebenspendend wie der Tau, der einfach da ist und dadurch wirkt. Tau macht nichts her, aber er ist auf trockenem Land ein Segen. Oder gewaltig wie ein Löwe, der sich seine Beute sucht und reißt. Es sind zwei sehr gegensätzliche Bilder, die hier zusammengefügt werden. Vielleicht hat diese Kombination bei Micha ihre spätere Fortsetzung in den Sprüchen gefunden: „Die Ungnade des Königs ist wie das Brüllen eines Löwen; aber seine Gnade ist wie Tau auf dem Grase.“(Sprüche 19,12) Es kann sein, Micha sieht es so, das es auf das Verhalten der Völker gegenüber diesem Rest ankommt, ob er Segen und Gefahr ist, lebenspendender Tau oder Leben raubender Löwe.

Die doppelt gebrauchte Wendung unter vielen Völkern bzw. unter den Nationen inmitten vieler Völker spricht dafür, dass Micha heimatlos Gewordene vor Augen hat. Verschleppt nach Assur. Es würde auch stimmen für die, die über hundert Jahre später verschleppt sind in die Gola, Nach Babylon. Beide mal gilt: „Mag die Lage von außen gesehen hoffnungslos sein, so sind doch die Verheißungen, die einst dem Volk von Gott gegeben wurden, nicht hinfällig geworden und das Dasein des Volkes ist nicht zur Zwecklosigkeit bestimmt.“(A. Weiser, aaO. S. 276) Auch für das zerstreute Volk gelten die Verheißungen Gottes. Ungebrochen. „Worauf vertrauen wir?“ weiterlesen

Er kommt

Micha 4, 9 – 5,4

9 Jetzt aber, warum schreist du denn so laut? Ist kein König bei dir? Und ist dein Ratgeber fort, dass dich die Wehen erfasst haben wie eine Gebärende? 10 Leide doch solche Wehen und stöhne, du Tochter Zion, wie eine Gebärende; denn jetzt musst du zur Stadt hinaus und auf dem Felde wohnen und nach Babel kommen. Dort wirst du errettet werden, dort wird dich der HERR erlösen aus der Hand deiner Feinde.

Genug Heil. Es kommt wieder Gericht. Es ist, als würde der Blick in die ferne Zukunft abgelöst durch den Blick auf eine unheilsschwangere Gegenwart. Der Ton dieser Bildrede liegt auf dem ausweglos Ausgeliefertsein. Man kann eine Geburt nicht in den Wehen stoppen, für eine Weile nach Gutdünken aussetzen. Darum darf die Tochter Zion stöhnen und schreien. Die Wehen gehen über sie und erschüttern sie. Und das, was zu gebären ist, muss regelrecht ausgetrieben werden. Es gibt keinen anderen Weg – Micha sieht schon die lange Schlange der Menschen, die aus Jerusalem heraus müssen auf den Weg nach Babel.

„Man kann fragen, ob die Nennung von Babel ursprünglich ist oder erst nach dem späteren Gang der Geschichte eingetragen wurde; für die Michazeit würde man eher vermuten, dass Assur genannt war.“(A. Weiser, aaO. S. 268) Wichtiger ist aber das andere: an diesem Ort des Exils, des Elends wird es einen neuen Anfang geben. Einen Anfang, den der HERR setzt. Ja, er ist der Richtende, aber eben auch der Rettende.

11 Jetzt aber haben sich viele Heiden wider dich zusammengerottet und sprechen: Zion sei entweiht; unsere Augen sollen sich daran weiden! 12 Aber sie wissen des HERRN Gedanken nicht und kennen seinen Ratschlag nicht, dass er sie zusammengebracht hat wie Garben auf der Tenne.

Das ist der Blick über die Mauern: Eine Truppe aus vielen Völkern belagert Jerusalem. Das legt eine Zeitzuordnung nahe: „Die assyrische Armee kann wegen ihrer höchst heterogenen Zusammensetzung treffend als viele Nationen bezeichnet werden.“(D. Schibler, aaO. S. 81) Es könnte also sein, die Worte führen in das Jahr der Belagerung durch Sanheribs Truppen im Jahr 701. Dazu passt, dass und was die Völker planen. „Sie haben ihren Zweck im Auge und ihre Macht zum Entscheidungsschlag zusammengeballt; Gott verfolgt jedoch einen anderen Plan.“(A. Weiser, aaO. S. 271)Sie wollen das Heiligtum entweihen. Sie wissen nicht, was ihnen droht – die wie Garben auf der Tenne sind. Denen auch schon das Gericht droht.

13 Darum mache dich auf und drisch, du Tochter Zion! Denn ich will dir eiserne Hörner und eherne Hufe machen, und du sollst viele Völker zermalmen und ihr Gut dem HERRN weihen und ihre Habe dem Herrscher der ganzen Welt.

Die Reaktion: Jerusalem wird zum Handeln aufgerufen. Nicht zur Ergebung, sondern zur Wehrhaftigkeit. Gott selbst wird es stark machen, sich zu wehren. Die das Volk wie mit einem Dreschschlitten zermalmen wollen, werden selbst zum Dreschgut werden. Die den Tempel entweihen wollen, werden erleben, wie das Beutegut aus ihren Besitz Gott geweiht wird. „Er kommt“ weiterlesen

Schwerter zu Pflugscharen?!

Micha 4, 1 – 8

Die nachfolgende Vision wird in fast gleichen Worten auch im Buch des Propheten Jesaja überliefert (Jesaja 2, 1 – 5). Micha verzichtet darauf, sich die Vision zuschreiben. Das könnte ein Hinweis sein, dass sie bei Jesaja ihren ursprünglichen Ort hat und bei Micha „nur“ Zitat ist. Aber auch dann ist es gut, sich erinnern zu lassen: „Die Bedeutung eines biblischen Textes entscheidet sich nicht an der Verfasserfrage, sondern an seiner Aussage.“(O. Kaiser, Der Prophet Jesaja ATD. 17, Göttingen 1963. S. 20)

1 In den letzten Tagen aber wird der Berg, darauf des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben. Und die Völker werden herzulaufen, 2 und viele Heiden werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinauf zum Berge des HERRN gehen und zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir in seinen Pfaden wandeln! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem.

Es ist ein schroffer Wechsel von Kapitel 3 zu Kapitel 4. Eben noch Gerichtsansage und jetzt so ein ganz anderer Ton. Warum es zu diesem Wechsel kommt, fragen Wir. Eine Begründung aus dem Textzusammenhang gibt es nicht.

In den letzten Tagen. Das ist „die Zeit, da Gott etwas völlig Neues tut. Noch ist aber nicht eine jenseitige Welt gemeint – dennoch sprengt das, was in V. 2-4 angesagt wird, die Möglichkeiten dieser Weltzeit völlig.“(D. Schneider, Der Prophet Jesaja, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1988, S. 74) Wahr ist ja: Die Zeiten, in der sich Berge weit über ihr seitheriges Niveau aufgetürmt haben, gehören der Entstehungszeit der Erde an. Nicht mehr unseren Zeiten.

Aber vielleicht muss ich ja gar nicht so lesen, als würde hier die Erdbeschaffenheit rund um den Zion gewandelt. Gemeint sein könnte doch auch, dass der Zionsberg auf einmal eine Bedeutung gewinnt, die ihn alle Berge überragen lässt. Erstaunlich: „Haben wir nicht geradzuvor gelesen, dass der Berg des Hauses, also der Tempelberg zur Waldeshöhe wird?“ (D. Schibler, aaO. S. 72) „Zu einer Höhe wilden Gestrüpps“(3,12) Der Berg, auf dem das Haus des Herrn steht. Der Berg, auf dem das Heil der Welt sich entscheidet im Kreuz Jesu.

Zu diesem Berg beginnt in den späteren Tagen eine regelrechte Völkerwallfahrt. Menschen aus allen Völkern laufen herzu, werden angezogen von diesem Berg, suchen den Weg zum Haus des Gottes Jakobs. Sie gehen den Weg nach, den Israel einst gezogen ist, aus Ägypten zum Horeb und vom Horeb zum Zion. Sie werden Pilger zum Haus Gottes, die dort auf Wegweisung hoffen.

Warum? Sie bringen nichts mit. Sie unterwerfen sich nicht. Sie holen sich vielmehr, wovon sie sich Lebensgewinn versprechen. Sie wollen ihren Weg nach dem Wort des HERRN und seinen Weisungen ausrichten. Weil sie spüren: Hier hören wir „Worte des ewigen Lebens.“(Johannes 6,68) Es geht nicht nur um Belehrung über das Gebot, auch nicht nur um Gotteslehre. Es geht um eine Einweisung in Lebenspraxis, die sich dem Wort des HERRN anvertraut und die dann auch wirklich seine Wege geht, auf seinen Steigen wandelt. „Schwerter zu Pflugscharen?!“ weiterlesen

Gute oder wahre Worte?

Micha 3, 1 – 12

  • 1 Und ich sprach:

Mehr teilt Micha über sich selbst nicht mit. Nur dass er spricht. Nicht wo, nicht wann, hier auch nicht, ob er zu den nachfolgenden Worten beauftragt ist. Der Prophet sagt: ich. Es sind seine Worte und sein Urteil, das wir hier lesen.

Höret doch, ihr Häupter Jakobs und ihr Herren im Hause Israel!

Das sind seine Adressaten: die Führer des Volkes. Die das Sagen haben, die ein Amt haben, die auch Macht haben. Politisch Verantwortliche und gesellschaftlich Einflussreiche. Häupter und Herren. Micha redet nicht über sie, er spricht sie direkt an.

Ihr solltet die sein, die das Recht kennen. 2 Aber sie hassen das Gute und lieben das Arge; sie schinden ihnen die Haut ab und das Fleisch von ihren Knochen 3 und fressen das Fleisch meines Volks. Und wenn sie ihnen die Haut abgezogen und ihnen die Knochen zerbrochen haben, zerlegen sie es wie für den Topf und wie Fleisch für den Kessel.

Es ist krass – sie sollten das Recht kennen – das heißt nicht nur, die Paragraphen kennen. „Kennen bedeutet hier- wie immer im alttestamentlichen Sprachgebrauch – nicht nur ein intellektuelles Wissen, sondern schließt auch das entsprechende Denken und Handeln ein.“(D. Kinet, aaO. S. 127) Sie sollten sich vom Recht leiten lassen in ihrem Tun. Davon aber sind sie, die Micha anredet, wie entfernt. Sie verdrehen alles. Sie sind Leuteschinder. Aasgeier. Sie behandeln das Volk als Schlachtvieh für die eigenen Feste. „Micha prangert die systematische und wohlüberlegte Ausbeutung und Schinderei der kleinen Leute an.“(D. Kinet, ebda.) Er ist der Anwalt der Landbevölkerung, der man ihre angestammten Rechte nimmt. Die bloße Tatsache dieser Anklagen des Micha zeigt: Das Schreien der Armen hat Gehör gefunden – bei Gott. Und bei dem Propheten.

4 Wenn sie dann zum HERRN schreien, wird er sie nicht erhören, sondern wird sein Angesicht vor ihnen verbergen zur selben Zeit, wie sie es mit ihrem bösen Treiben verdient haben.

Es wird eine Zeit kommen, die anders ist als die Zeit jetzt. Eine Zeit, die sich gegen die wendet, die im Augenblick so selbstherrlich machen, was sie wollen. Eine Zeit, die sie zum Schreien bringt. Ihr Schreien aber, die in ihrer Macht das Recht mit Füßen getreten haben, die weggehört haben vor dem Schreien der Armen, wird ins Leere gehen. Es wird nichts sein mit dem Segen: „Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“(4. Mose 6, 25-26) Gott wird sein Angesicht verbergen. Er wird in der Tat der Gott sein, von dem sie immer gedacht haben: er sieht weg. „Gute oder wahre Worte?“ weiterlesen

Alles geht Gott an

Micha 2, 1 – 13

1 Weh denen, die Unheil planen und gehen mit bösen Gedanken um auf ihrem Lager, dass sie es frühe, wenn’s licht wird, vollbringen, weil sie die Macht haben! 2 Sie begehren Äcker und nehmen sie weg, Häuser und reißen sie an sich. So treiben sie Gewalt mit eines jeden Hause und mit eines jeden Erbe.

Es gibt Zeiten, da sind freundliche Worte nicht am Platz. Es gibt Situationen, da ist nur noch Raum für Scheltworte, Drohung und Klage. So eine Zeit hat Micha vor Augen. Er sieht Menschen, damals wohl vorzugsweise Männer, die keine Grenze für ihre Besitzgier kennen. Sie nehmen sich, was sie haben wollen. Äcker, Häuser. Sie greifen nach Land, das doch anderen als Erbteil in Israel zugewiesen war. Es gab immer Menschen, die sich ihrem Erbe verpflichtet fühlten: „Aber Nabot sprach zu Ahab: Das lasse der HERR fern von mir sein, dass ich dir meiner Väter Erbe geben sollte!“(1. Könige 21, 3) Aber über solche Einwände gehen sie hinweg. Weil sie nur sich selbst kennen. „Hemmungslose Machtgier und rücksichtsloser Machtdünkel bestimmt ausschließlich die Machenschaften dieser Gewaltmenschen.“(A. Weiser, aaO. S. 246)

Dabei muss es gar nicht um Verbrechen gehen, um kriminelle Akte. Es reicht, dass sie die Macht haben und durch die Macht den Anschein des Rechtes. Sie folgen dem Gesetz des Marktes: Wer bleiben will, muss wachsen. Darum häufen sie Äcker und Häuser als Besitz auf, so wie es heute Immobiliengesellschaften in den Großstädten tun. Wer das Spiel nicht mitspielt, wird verdrängt werden. Das ist die beliebte Entschuldigung: Wir folgen nur den Mechanismen des Marktes

3 Darum, so spricht der HERR: Siehe, ich plane wider dies Geschlecht Unheil, aus dem ihr euren Hals nicht ziehen sollt und nicht so stolz dahergehen sollt; denn es ist eine böse Zeit.

Der Mensch denkt, Gott lenkt. Dem gnadenlosen, selbstsüchtigen Planen tritt Gott mit seinem Planen entgegen. Denen, die auf ihr Wohl aus sind, sagt Gott an: Ich plane Unheil. Ein Unheil, dem ihr euch nicht werdet entziehen können. Unausweichlich. So wie keiner euren Aktionen ausweichen kann, so werden ihr nicht ausweichen können. Es wird sich zeigen: „Menschenstolz und Menschenmacht zerbricht an Gottes Macht.“(A. Weiser, aaO. S. 247) „Alles geht Gott an“ weiterlesen

Unheimlich – dieser Gott

Micha 1, 1 – 16

1 Dies ist das Wort des HERRN, welches geschah zu Micha aus Moreschet zur Zeit des Jotam, Ahas und Hiskia, der Könige von Juda, das er geschaut hat über Samaria und Jerusalem.

Nicht irgendwann, sondern zu einer bestimmten Zeit erreicht das Wort des HERRN den Mann Micha aus Moreschet, „einem Dorf, das ca. 35 km südwestlich von Jerusalem lag.“ (D. Kinet, Der aufhaltbare Untergang, Bibelauslegung für die Praxis 14, Stuttgart 1981, S. 117) Es ist die Zeit der Könige von Juda, die in die zweite Hälfte des 8. Jahrhunderts weist. Über diesen Mann Micha erfahren wir nichts. Auch dass er ein Prophet ist, erschließt sich nur aus seiner Botschaft, nicht aus einer Selbstaussage. Immerhin – sein Name ist irgendwie doch passend: „Der Name Micha ist eine Kurzform für Michaja(hu) und heißt: „Wer ist wie Jahwe?“(A. Weiser, Die Propheten Hosea, Joel, Amos, Obadja, Jona, Micha, ATD 24, Göttingen 1967, S. 233)

„Die Wirksamkeit des Propheten Micha fällt in eine politisch stark bewegte Zeit, in der die Bevölkerung des judäischen Landes bis in die Tiefen aufgewühlt wurde.“(A. Weiser, aaO. S. 228) Die drei genannten Könige umspannen einen langen Zeitraum, von etwa 747 bis 697 v. Chr. Das sind fünfzig Jahre! Es ist die gleiche Zeit, in der auch Jesaja als Prophet gewirkt hat. Ob sie damals gespannt auf Worte von Propheten gewartet haben? Ob es so etwas wie einen Prophetenverbund gegeben haben kann – Jesaja, Micha, Amos? Fragen, auf die zu antworten schwierig ist. Aber sie stellen sich in der Rückschau.

2 Höret, alle Völker! Merk auf, Erde und alles, was darinnen ist!

Die Botschaft Michas setzt mit einem Weckruf ein. Nicht nur an Juda, nicht nur an Samaria. An alle Völker und die ganze Erde. Diese Weite ist deshalb bemerkenswert, weil es doch zuvor vom Wort des Herrn heißt: das er geschaut hat über Samaria und Jerusalem. Hier als dennoch nicht nur schema᾽ jisrael „Höre, Israel.“(5. Mose 6,4) Mag sein, es ist eine lokale, partielle Schauung, die aber gleichwohl global, weltweit wahrzunehmen ist. Das ist ja etwas, was wir heutzutage mühsam zu lernen haben. Die Katastrophen der Erde machen nicht vor nationalen Grenzen Halt und die Herausforderungen der Welt gehen an alle. Sie fordern lokales Handeln, weil es um globale Veränderung geht. Was Micha anzusagen hat, betrifft alle. „Unheimlich – dieser Gott“ weiterlesen

Gott hört nicht auf, seinen neuen Anfangzu setzen

 Jesaja 55, 6 – 13         

6 Suchet den HERRN, solange er zu finden ist; ruft ihn an, solange er nahe ist. 7 Der Gottlose lasse von seinem Wege und der Übeltäter von seinen Gedanken und bekehre sich zum HERRN, so wird er sich seiner erbarmen, und zu unserm Gott, denn bei ihm ist viel Vergebung.

             Noch einmal: Es ist Zeit, sich auf den Weg zu machen. Kein Aufschub. Es ist Zeit, damit man den Aufbruch nicht verpasst. Den HERRN suchen – das war in früheren Zeiten die Aufforderung zum Weg in den Tempel. Aber jetzt, wo der Tempel zerstört ist und Jerusalem weit weg – was ist das für die Hörer der Worte des Jesaja: den HERRN suchen?  Aus dem Kultruf wird die Zusage: „Jahwe lässt sich finden im Wort des Propheten. Und dieses Wort erwartet Antwort.“(H.J. Kraus, aaO. S. 163) Es ist kein zeitloses Wort, auch kein zeitloses Suchen, sondern jetzt, hier und heute gilt es.  „Jetzt lässt er sich finden! Jetzt ist er nahe!“ (C. Westermann, aaO.  S. 231)

             Dabei ist diese Einladung eindeutig: eine Einladung zur Umkehr, die verbunden ist mit dem Versprechen des Erbarmens.  Kein „Weiter so! Alles ist schon in Ordnung! Ihr seid ok.“ sondern: Umkehr, weil die Vergebung Gottes den Raum zur Umkehr öffnet.

  8 Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR, 9 sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.

             Das ist es auch, was Gottes Gedanken von unseren Gedanken unterscheidet, Gottes Wege von unseren Wegen: Seine Vergebung. Vergebung ist unter Menschen ein Fremdwort. Vergeltung ist unser Wort. Ein Film-Titel hat es vor Jahren auf den Punkt gebracht: „Gott vergibt – Django nie!“ Wir Menschen sind Weltmeister im Zurückschlagen. Im Nachtragen. Im Aufrechnen. Darin, irgendwann doch die Rechnung zu präsentieren. Gott ist der Meister aller Welt in seinem Vergeben. Denn dieses Vergeben allein öffnet den Weg zu neuem Leben. „Gott hört nicht auf, seinen neuen Anfangzu setzen“ weiterlesen