Gott bittet: kehre um

Hosea 14, 2 – 10

 2 Bekehre dich, Israel, zu dem HERRN, deinem Gott; denn du bist gestrauchelt durch deine Schuld. 3 Nehmt diese Worte mit euch und bekehrt euch zum HERRN und sprecht zu ihm: Vergib uns alle Sünde und tu uns wohl, so wollen wir opfern die Frucht unserer Lippen.

             Was für ein Anschluss. Was für ein Abschluss. Eben noch die gnadenlose Ansage des Gerichtes – und jetzt: Bekehre dich, Israel, zu dem HERRN, deinem Gott. Es sind diese Wechselbäder zwischen Ruf zur Umkehr und Gerichtsansage, zwischen Zorn und Erbarmen, die das ganze Buch des Propheten prägen. die einen fragen lassen: wie ist Gott denn nun – so oder so? Oder ist er so und so?  Es kann aber auch sein – was uns so widersprüchlich erscheint im Übergang von 14,1 zu 14,2 gehört zutiefst zusammen: „Das Gericht ist ein Wort und eine Tat Gottes, aber diese schrecklichen Dunkelheiten sind nicht das letzte Wort JHWHs an sein Volk.“ (M. Oehming/ R. Micheel, Erkennen und lieben, Sieben Texte aus dem Buch Hosea, Texte zur Bibel 19, Neukirchen 2003, S.84) 

            Rückkehr zu Gott ist angesagt. Umkehr. šûb – eines der Hauptworte in den Schriften Israels. Man muss sich erinnern: Diese Rückkehr hat Israel immer wieder verweigert – so weiß es Hosea nicht nur einmal zu sagen: „Er muss zurück nach Ägyptenland, und Assur wird sein König sein; denn sie haben sich geweigert umzukehren.“(11,5) Aus der verweigerten Umkehr zu Gott wird eine erzwungene Rückkehr in das Haus der Knechtschaft werden. Auch das weiß Hosea, dass sie im Grunde gar nicht mehr umkehren können, weil sie in ihren Wegen gefangen sind: „Ihre Taten lassen es nicht zu, dass sie umkehren zu ihrem Gott; denn sie haben einen Geist der Hurerei in ihrem Herzen, und den HERRN kennen sie nicht.“(5,4) Umso erstaunlicher, dass er dennoch den Umkehr-Ruf Gottes ausrichtet.

Eindringlich ist dieser Ruf. Wortreich auch. Eine herzliche Einladung – Gott selbst wirbt regelrecht um sein Volk. Um sie, die aus eigener Schuld gestrauchelt sind. Er legt ihnen die Worte in den Mund, spricht sie ihnen vor, so dass sie nur noch nachsprechen müssen. Warum er das tut, erklärt sich – es scheint, weil er Sorge hat, dass sie dieses Bitten verlernt haben. Dass sie es nicht über sich bringen, verblendet, wie sie so lange gewesen sind, ihr Tun als Schuld zu bekennen. Es ist in diesen vorgesprochenen Worte zu spüren, dass der Sprecher weiß: es ist nicht so einfach, Schuld und Sünde einzugestehen. „Gott bittet: kehre um“ weiterlesen

Dunkler geht´s nicht

Hosea 13, 1 – 14, 1

 1 Wenn Ephraim redete, zitterte man; erhaben war er in Israel. Danach versündigte er sich durch Baal und starb. 2 Dennoch sündigen sie weiter: Aus ihrem Silber gießen sie Bilder, wie sie sich’s erdenken, Götzen, die allesamt doch nur Schmiedewerk sind. Ihnen, sagen sie, seien Menschen geopfert, Kälber küssen sie.

             Es gab einmal eine Zeit, in der hatte das Reden Ephraims Gewicht. Da gehört Ephraim zu den führenden Stämmen in Volk. Vielleicht spielt hier alte Erinnerung mit: So segnete er sie an jenem Tage und sprach: Wer in Israel jemanden segnen will, der sage: Gott mache dich wie Ephraim und Manasse! Und so setzte er Ephraim vor Manasse.“(1. Mose 48,20)  Diese Vorrangstellung hat Ephraim leichtfertig vertan, „sich verscherzt durch den Abfall zum Baal und ist in Folge davon zu einem sterbenden Volk geworden.“(A. Weiser, Hosea, ATD 24, Göttingen 1967, S. 95) Daran ändert sich auch nichts durch ihre Aktivitäten, ihr Kunsthandwerk, die sie weiterhin pflegen. Sind sie doch samt und sonders Götzendienst.

 3 Darum werden sie sein wie eine Wolke am Morgen und wie der Tau, der frühmorgens vergeht; ja, wie Spreu, die von der Tenne verweht wird, und wie Rauch aus der Luke.

           Das Ergebnis allen Tuns: Windhauch. Vergänglichkeit. Es klingt wie die Vorwegnahme des Predigers: „Es ist alles ganz eitel, sprach der Prediger, es ist alles ganz eitel.“ (Prediger 1,2) Das Tragische: so müsste es nicht sein. Es ist das unaufhörliche Wirken, Machen, Tun Ephraims, das so das Vergehen schafft, zum Tode führt.

 4 Ich aber bin der HERR, dein Gott, von Ägyptenland her. Einen Gott neben mir kennst du nicht und keinen Heiland als allein mich. 5 Ich nahm mich ja deiner an in der Wüste, im dürren Lande.

           Noch einmal, wie schon in der Jakobs-Meditation zuvor, die Selbstvorstellung Gottes: Ich bin der HERR, dein Gott, von Ägyptenland her. Neben Gott ist kein Platz für andere Götter. Wenn Ephraim also sich anderen Göttern zuwendet, dann sucht es sich einen Platz im Niemandsland. Im Nirgendwo. Bei den Toten. Die Worte unterstreichen das Absurde im Verhalten Israels: Gehütet und bewahrt in der Wüste wendet es sich von seinem Hirten ab, von dem, der sich dort seiner angenommen hat.   „Dunkler geht´s nicht“ weiterlesen

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.

Hosea 12, 1 – 11

 1 Mit Lüge hat mich Ephraim umzingelt, mit Betrug das Haus Israel. Aber Juda hält noch fest an Gott und ist dem Heiligen treu.

             „Kapitel 12 beginnt und endet, als stünde Kapitel 11 nicht im Hoseabuch.“ (J. Jeremias, Der Prophet Hosea, ATD 24,1. Berlin 1986, S. 149) Es ist ein Kontrastprogramm: In 11 der Blick in das Herz Gottes, sein inneres Ringen, den Sieg des Erbarmens – und jetzt der Blick auf die Art Ephraims, garniert mit dem flüchtigen Seitenblick auf Juda. Man muss schon sagen: ein schriller Auftakt, der wie eine Anklage wirkt: Lüge und Betrug ist, was Gott von Ephraim erfährt. Sie gehen nicht ehrlich mit ihm um. Sie missbrauchen vielmehr sein Vertrauen, seine Güte, seine Langmut.

Der real-politische Hintergrund dieser Anklage wird sofort nachgeliefert nach der positiven Aussage über Juda. Es fällt schon auf: Juda wird die Haltung bescheinigt, die dem Nordreich fehlt: es hält fest an Gott, es ist treu. Weil das so unvermittelt hier steht, auch ein Stück unverbunden, halten Ausleger diese Bemerkung für eine Zufügung aus der Perspektive des Südens. Manche verändern auch inhaltlich, weil die Textüberlieferung hier „Übersetzungs- und Interpretationsspielräume“ lässt: „Und Juda ist immer noch schwankend gegenüber Gott und gegenüber dem Heiligen, der treu ist.“ (M. Oehming/ R. Micheel, Erkennen und lieben, Sieben Texte aus dem Buch Hosea, Texte zur Bibel 19, Neukirchen 2003, S. 76) Das klingt nicht mehr ganz so positiv. Meine Frage: Ist es unvorstellbar, dass ein Prophet, der das Nordreich Israel so scharf kritisiert wie Hosea, dennoch und deshalb auf den Süden, auf Juda ein wenig hoffnungsvoller blickt? Weil er da nicht die schlimmen Auswüchse des Nordens sieht?

 2 Ephraim weidet Wind, es läuft dem Ostwind nach. Täglich mehrt es Lüge und Gewalt. Sie schließen mit Assur einen Bund und bringen Öl nach Ägypten. 3 Darum rechtet der HERR mit Juda; er wird Jakob heimsuchen nach seinem Wandel und ihm vergelten nach seinem Tun. 4 Schon im Mutterleib hat er seinen Bruder gepackt und im Mannesalter mit Gott gekämpft. 5 Er kämpfte mit dem Engel und siegte, er weinte und flehte ihn an. In Bethel hat er ihn gefunden

             Jetzt wird die Anklage erläutert: Es geht um Ephraims Wesensart, die sich auch und nicht zuletzt in der Bündnispolitik des Nordens zeigt. Man rennt hinter Assur her. Man hofft auf Ägypten. Es ist ein doppelzüngiges Spiel, der Versuch, in Bündnissen, die sich ausschließen –  mit den beiden, rivalisierenden Mächten – die eigene Sicherheit herzustellen. „Israel versucht durch doppelbödige Außenpolitik seine Existenz zu retten und verspielt sie gerade dadurch.“ (M. Oehming/ R. Micheel,  ebda.) „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.“ weiterlesen

Ein-Blick in Gottes Herz

Hosea  11, 1 – 11

 „Hosea 11 kann als das alttestamentliche  „Hohelied der Liebe Gottes“ angesehen werden. Obgleich es ein absoluter Spitzentext des Alten Testamentes ist, ja der gesamten Bibel, gehört er dennoch nicht zu den regelmäßig vorgeschlagenen Predigttexten der Perikopenordnung. Er dürfte daher der Gemeinde weitgehend unbekannt sein. Leider!“ (M. Oehming/ R. Micheel, Erkennen und lieben, Sieben Texte aus dem Buch Hosea, Texte zur Bibel 19, Neukirchen 2003, S. 38) So emotional reden Professoren ausgesprochen selten. Wer den Text gelesen hat, wird verstehen, warum Manfred Oehming recht hat.

 1 Als Israel jung war, gewann ich ihn lieb und rief meinen Sohn aus Ägypten. 2 Wie ich sie auch rief, liefen sie weg von mir. Den Baalen opferten sie, und den Bildern räucherten sie 3 Ich aber hatte Ephraim laufen gelehrt und sie auf meine Arme genommen. Aber sie merkten nicht, dass ich sie heilte. 4 Mit menschlichen Seilen zog ich sie, mit Stricken der Liebe. Ich half ihnen das Joch auf ihrem Nacken tragen. Ich neigte mich zu ihm und gab ihm zu essen.

             Wieder wechselt der Ton im Vergleich zum vorigen Abschnitt. Wichtiger noch – es wechselt der Sprecher. „Das sprechende Ich in diesem Kapitel ist JHWH.“ (M. Oehming/ R. Micheel, ebda.)Und er beginnt sein Reden mit dem Eingeständnis seiner Liebe.  Es ist von Anfang an Liebe, die ihn bestimmt. Wenn man so will: Liebe auf den ersten Blick. Israel sehen und es lieb gewinnen und rufen ist eins. Meinen Sohn nennt er das Volk.  Es ist die Anrede, die Israel für den König kennt:

„Kundtun will ich den Ratschluss des HERRN.                                    Er hat zu mir gesagt: »Du bist mein Sohn,                                          heute habe ich dich gezeugt.“           Psalm 2, 7

Hier aber ist nicht von der Adoption des Königs die Rede, sondern von der Adoption des ganzen Volkes. Das Volk Israel wird zum Sohn – ein Volk, noch jung, unselbstständig und hilflos, bei dem noch nicht heraus ist, was aus ihm werden wird. „Es ist die Zeit der ägyptischen Knechtschaft, wo Israel nichts weniger als „attraktiv“ war, um ihm seine Liebe zu schenken und aus dem Sklaven anderer seinen eigenen Sohn zu machen.“ (W. Rudolph, Hosea, KAT XIII/1, Gütersloh 1966, S. 214) So viel liegt Gott an diesem Volk in der Knechtschaft, dass er es zu seinem Sohn macht. So eng ist seine Beziehung.

Da ist nichts von Abstand, nichts von Distanz. Nur Nähe, nur Ruf in die Freiheit. Das erste, was Gott an Israel tut, ist sein Herausführen in die Freiheit. Noch vor dem Gebot. Hier sieht Hosea den Einsatz, den Anfang der Gottesgeschichte mit Israel. Kundige Bibelleser*innen mögen die Anfänge der Vätergeschichten vermissen. Für Hosea ist der Anfang Gottes so gekennzeichnet: Nachdem die Familie, die Sippe aus Abraham zum Volk geworden ist, fängt Gott mit ihr seine Geschichte an.   „Ein-Blick in Gottes Herz“ weiterlesen

Nur noch ein Strohhalm

Hosea 10, 1 – 15

 1 Israel war ein üppiger Weinstock, der seine Frucht trägt. Je mehr Früchte er hatte, desto mehr Altäre machten sie. Je besser sein Land, desto prächtiger die Steinmale. 2 Ihr Herz ist falsch; nun müssen sie ihre Schuld büßen. Er selbst zerbricht ihre Altäre, zerstört ihre Steinmale.

             Es fällt beim unbefangenen Lesen auf: Keine Anrede. Hier sind keine Hörer vorausgesetzt. Hier gibt es auch keinen göttlichen Auftrag zu reden. Es wirkt wie ein Selbstgespräch des Propheten, der seine Beobachtungen reflektiert, vor sich hin sagt.  Es sind viele Beobachtungen, die wie an der Schnur aufgereiht erscheinen, verbunden durch die Gedanken des Propheten.

Es stand einmal gut um Israel, um das Nordreich. Es war ein üppiger Weinstock. Ein Gewächs der Freude. Das hat sich niedergeschlagen in einer merkwürdigen Weise: „Mit der Steigerung seines Wohlstandes wuchs auch die Prachtentfaltung seines Kultes, die sich in der Vermehrung der Altäre ebenso äußerte wie in der Errichtung kunstvoll gearbeiteter Mazzeben, den von den kanaanäischen Heiligtümern übernommenen Steinsäulen.(A. Weiser, Hosea, ATD 24, Göttingen 1967, S 78) Sie sind nicht gedankenlos nur auf Profit aus im Nordreich: Man stiftet großzügig, man errichtet Heiligtümer – an Frömmigkeitssignalen fehlt es nicht. Aufschwung auf allen Seiten, wirtschaftlich, religiös, kulturell. Es geht ihnen gut im Nordreich.

Nur: Für Hosea ist das ein trügerisches Bild. Ihr Herz ist falsch. Das muss  kein Urteil über Heimtücke und Hinterlist sein. Es ist vielmehr die schmerzliche Feststellung: Sie machen sich selbst etwas vor. Sie merken es wohl selbst gar nicht, wie gespalten ihr Herz ist, wie ihr Eifer und ihre Freigiebigkeit gar nicht wirklich Gott gelten, Jahwe meinen, sondern dem eigenen Wohlergehen. Religion ist ihnen Mittel zum Zweck, zur Selbstberuhigung. Zur Stabilisierung des eigenen Ichs und des eigene Wohlstandes.  „Sie sagen Gott und meinen sich selbst. Damit aber haben sie eine schlechthin tödliche Wahl getroffen.“ (H. W. Wolff, Die Hochzeit der Hure, München 1979, S. 163)

Der Zusammenbruch ist vorprogrammiert. Das Herz, das sich an sich selbst festmacht, wird nicht durchhalten. Die Altäre, die dem Konsum entwachsen sind und den Wohlstand feiern, werden zerbrechen. Die Stärke, die auf sich selbst vertraut, ist rasch am Ende. Weil Israel sich nicht an Gott festmacht, wird es vor einem Trümmerhaufen stehen. Die Altäre, die Steinmale – nur noch ein Rest, nostalgische Erinnerung an andere Zeiten. so wie manche Kirchen heutzutage. „Nur noch ein Strohhalm“ weiterlesen

Gott – hingerissen und enttäuscht

Hosea 9, 10 – 17

 10 Wie Trauben in der Wüste fand ich Israel, wie die ersten Feigen am Feigenbaum sah ich eure Väter.

             Es ist mit Händen zu greifen, wie sich diese Sätze abheben von der zuvor erzählten Attacke auf Hosea. Es ist wie ein Ausstieg aus dem Jetzt. Ein Rückblick auf frühere Zeiten. auf bessere Zeiten?  Man kann die Faszination Gottes spüren. Wo nicht damit zu rechnen war, fand er das Volk Israel, so wie keiner damit rechnet, dass er in der Wüste Trauben findet. Vielleicht darf man sagen: Gott fühlte sich regelrecht beschenkt durch dieses Volk, das er gefunden hat.

„Jene Wüstenzeit war die Zeit der ersten Liebe, wo nichts die Harmonie zwischen Jahwe und Israel störte und er deshalb seine helle Freude an ihm haben konnte.“ (W. Rudolph, Hosea, KAT XIII/1, Gütersloh 1966, S. 185) Von der Faszination Gottes zeugt auch das andere Bild: erste Feigen am Feigenbaum – „im Blick ist die seltene und besonders saftige Frühfeige, die noch am Trieb des vergangenen Jahres und damit um ca. 2 Monate vorzeitig reift.“ (J. Jeremias, Der Prophet Hosea, ATD 24,1. Berlin 1986, S. 121) Die griechischen Übersetzung des AT treibt das Bild weiter: diese Frühfeige ist wie ein „Späher“, σκοπν, vorausgeschickt, um das Terrain zu erkunden. So hat sich Israel einmal an Gott herangetastet, Gott auch an Israel. So hat Gott es aufblühen sehen.

In der Wüste hat er sie gefunden und gesehen – beide Worte sind eine Umschreibung für das Erwählen Israels durch Gott. „Jahwe redet ganz menschlich wie ein Liebender, der von seiner erkorenen jungen Frau spricht.“ (W. Rudolph, ebda.)Zärtlich, immer noch hingerissen. „Gott – hingerissen und enttäuscht“ weiterlesen

Gott stört

Hosea 8, 1 – 14

 1 Stoße laut ins Horn! Wie ein Adler kommt es über das Haus des HERRN, weil sie meinen Bund übertreten und mein Gesetz gebrochen haben. 2 Wohl schreien sie zu mir: Du bist mein Gott; wir, Israel, kennen dich. 3 Doch Israel hat das Gute verworfen; darum soll der Feind sie verfolgen.

             Gefahr im Verzug. „Atemlos wie ein Melder, der von einem vorgeschobenen Beobachterposten hergerannt kommt, tritt Hosea in der Königsstadt Samaria auf.“ (H. W. Wolff, Die Hochzeit der Hure, München 1979, S. 136) Darum Stoße laut ins Horn! Alarmsignale sind notwendig, um zu warnen. Hier nicht mehr um zu warnen, sondern um das hereinbrechende Unheil anzukündigen. Es ist im Vollzug und verzieht nicht mehr. Da werden auch alle Bußgottesdienste nichts mehr ändern! Da hilft es auch nichts mehr zu sagen: Du bist mein Gott; wir, Israel, kennen dich. Es ist zu spät. Die Abkehr Israels hat es von Gott entfremdet und nun wendet sich Gott ab – und überlässt es dem Feind, der sie verfolgt.  

Das also gibt es: ein zu spät des Rufens nach Gott. Ein Versäumen der Zeit zur Umkehr. Verpassen und Vertun des Neuanfangs. So wie es Jesus auch erzählt – inspiriert durch solche Worte? „Und als sie hingingen zu kaufen, kam der Bräutigam; und die bereit waren, gingen mit ihm hinein zur Hochzeit, und die Tür wurde verschlossen. Später kamen auch die andern Jungfrauen und sprachen: Herr, Herr, tu uns auf! Er antwortete aber und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Ich kenne euch nicht. Darum wachet! Denn ihr wisst weder Tag noch Stunde.“(Matthäus 25, 10-13) „Gott stört“ weiterlesen

Wir wollen wieder zum Herrn

Hosea 6, 1 – 6

 1 »Kommt, wir wollen wieder zum HERRN; denn er hat uns zerrissen, er wird uns auch heilen, er hat uns geschlagen, er wird uns auch verbinden.

 Was für ein Übergang – hier der löwenartige Gott, der sich verbirgt – und da das erschreckte Volk, zusammengezuckt vor dem Löwengebrüll. Es sind Worte wie aus dem Lehrbuch. Wie aus der Liturgie eines Buß-Gottesdienstes.  „Einige Forscher vermuten eine reale Bußtagsliturgie.“ (J. Jeremias, Der Prophet Hosea, ATD 24,1. Berlin 1986, S. 84) Auch wenn gewohnte Elemente solcher Liturgie fehlen, scheint es doch so, dass Gott  mit seinem Verbergen schon sein Ziel erreicht hat. Bereitschaft zur Umkehr, zur Rückkehr, zu neuem Anfang.

Es ist eine Selbstaufforderung, ein Reden des Volkes mit sich selbst – und die Worte liefern die bußfertige Einsicht gleich mit.  „Die Begründung entspricht genau dem, was die göttliche Pädagogik erreichen wollte, nämlich der Einsicht: Er hat uns zerrissen.“ (M. Oehming/ R. Micheel, Erkennen und lieben, Sieben Texte aus dem Buch Hosea, Texte zur Bibel 19, Neukirchen 2003, S. 68)  Für mich liegt es nahe, die Worte in einem Gottesdienst verankert zu sehen: Israel sucht den Herrn, der sich verborgen hat. Sie sehen es: Ohne ihn läuft unser Leben leer.

Es ist stark: Da wird in einem Satz zusammen geschaut, was uns oft Mühe macht: Gericht und Gnade. Wir trennen so leicht, weil wir entweder nur den zornigen Gott sehen oder nur den gnädigen. Diese Worte sehen ineinander: die eigene Schuld, das strafende Handeln Gottes und  die Notwendigkeit der Umkehr. Ich lese so: Auch wenn es kein ausdrückliches Schuldbekenntnis gibt, so ist die Bereitschaft, der Wille zur Umkehr doch zugleich auch Schuldeingeständnis.   „Wir wollen wieder zum Herrn“ weiterlesen

Wenn Gott sich verbirgt

Hosea 5, 8 – 15

Es ist ein krasser Themenwechsel. Nicht mehr Gottesdienst, sondern Krieg. Nach einer wahren Mord-Orgie im Norden – König um König fällt dem zum Opfer, kommt es zum Kampf der beiden Teil-Reiche in Israel. Was hier im Folgenden verhandelt wird, hat mit den Kriegen der Zeit zu tun. Dem syrisch-ephraimitischen Krieg um das Jahr 733.

 8 Stoßt ins Horn zu Gibea, in die Trompete zu Rama! Erhebt das Kriegsgeschrei zu Bet-Awen: Dir nach, Benjamin!

             Bruderkrieg. Zwischen dem Nordreich Israel und dem Südreich Juda. „Widderhorn und Metalltrompete rufen die ahnungslose Bevölkerung zu den Waffen.“(J. Jeremias, Der Prophet Hosea, ATD 24,1. Berlin 1986, s. 80) Die Orte, die genannt werden, liegen alle auf der Heerstraße, von Jerusalem nach Samaria.

9 Ephraim soll zur Wüste werden am Tag, da ich sie strafen werde. Den Stämmen Israels habe ich kundgetan, was fest beschlossen ist. 10 Die Oberen von Juda sind denen gleich, die die Grenze verrücken; darum will ich meinen Zorn über sie ausschütten wie Wasser.

In den Worten Hoseas steht Ephraim für Israel. „Ephraim bezeichnet das Nordreich, das Hosea nie Israel nennt, weil dieser heilige Name dem ganzen Volk Israel als heilsgeschichtlicher Größe vorbehalten bleiben soll.“(M. Holland, Der Prophet Hosea, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1980, S. 108) Das Erschreckende dieses Krieges: sie tun sich gegenseitig Gewalt an. Juda hat die Gunst der Stunde zu nützen gesucht, um sein Gebiet zu erweitern, Grenzen zu verrücken. Aber es wird nicht damit durchkommen, genauso wenig wie Ephraim mit seinen Plänen durchkommen wird.  Gott steht über den Parteien und sein Prophet sagt beiden Seiten das Gericht an. Ihre Pläne werden scheitern. „Wenn Gott sich verbirgt“ weiterlesen

Was wir schuldig bleiben

Hosea 4, 1 – 14

 1 Höret, ihr Israeliten, des HERRN Wort! Der HERR rechtet mit denen, die im Lande wohnen; denn es gibt keine Treue, keine Liebe und keine Erkenntnis Gottes im Lande, 2 sondern Fluchen und Lügen, Morden, Stehlen und Ehebrechen haben überhandgenommen, und eine Blutschuld kommt nach der andern.

             Warum diese ausdrückliche Aufforderung: Höret, ihr Israeliten, des HERRN Wort! Es geht wohl darum, dass Hosea signalisiert: Ihr seht und hört nur einen Menschen. Aber dieser Mensch sagt nicht: Ich denk mal. Er sagt nicht seine Meinung. Er sagt des HERRN Wort. Die Adressaten: „Angeredet ist hier das Nordreich“ (M. Holland, Der Prophet Hosea, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1980, S. 77)  – die Söhne Israels.

Es folgt der Befund. Gottes Befund: keine Treue, keine Liebe und keine Erkenntnis Gottes Das Land ist am Boden – moralisch und geistlich. Statt eines funktionierenden Gemeinwesens herrscht Chaos. Fluchen und Lügen, Morden, Stehlen und Ehebrechen. Weil das so ist, muss Gott mit allen, die im Land leben rechten. Sie zur Rechenschaft fordern.  Weil das Volk nicht in seinem Leben dem entspricht, was das Wesen Gottes ist -Treue und Liebe. Die Forderung von  ʼemet  =Wahrhaftigkeit, Treue, Zuverlässigkeit und esed = Liebe. innere Verpflichtung zur Gemeinschaft als der beiden Grundpfeiler menschlichen Zusammenlebens hat ihre sowohl Gott als auch den Menschen zugewandte Seite.“ (A. Weiser, Hosea, ATD 24, Göttingen 1967, S. 41) Vereinfacht: Weil es nicht gut steht um die Beziehung Israels zu Gott, steht es auch nicht gut um das Miteinander. Und Umgekehrt: Weil das Miteinander gestört ist, ist auch die Gottes-Beziehung gestört.  

 Darum wird die Erde dürre stehen, und alle ihre Bewohner werden dahinwelken; auch die Tiere auf dem Felde und die Vögel unter dem Himmel und die Fische im Meer werden weggerafft.

           Das hört sich ausgesprochen modern an: Die Zerstörung der menschlichen Ordnung wirkt sich unmittelbar auf die Umwelt aus. Die Verschmutzung der Seelen findet ihre Fortsetzung in der Verschmutzung und Zerstörung der Umwelt. Alles wird in den Abstieg mitgerissen. „Der Mensch, der aus Gottes Liebe herausfällt, zieht die ganze Erde, ja alle Kreatur mit in den Strudel der Vernichtung.“ (H. W. Wolff, Die Hochzeit der Hure, München 1979, S. 82) So gesehen ist also alles, was wir als Klimakatastrophe und Artensterben erleben ein Indiz dafür, dass die Beziehung der Menschheit zu Gott nachhaltig gestört, zerstört ist. Und wir als Kirchen haben daher nicht nur Analyse zu treiben, sondern vor allem: Zurückzurufen in das Leben mit Gott, in den Gehorsam, in die Treue und Liebe.    „Was wir schuldig bleiben“ weiterlesen