Umkehr ist möglich – heute

Jesaja 1, 10 – 20

10 Höret des HERRN Wort, ihr Herren von Sodom! Nimm zu Ohren die Weisung unsres Gottes, du Volk von Gomorra!

Was für eine Attacke! Wenn es stimmt, dass diese ganze Szene im Tempel spielt, beim Opferfest im Herbst, „in Verbindung mit einem Klage-Gottesdienst, wie er in Israel ausgerufen wurde, wenn ein nationaler Notstand das Land erschütterte“(D. Schneider, aaO.  S.  58), dann wird die Schärfe in den Worten  des Propheten erst richtig spürbar.  Es ist die gottesdienstliche Gemeinde, Führer des Volkes und „Fromme“, die Jesaja so angeht: Sodoms-Fürsten. Gomorra-Volk. Was für eine Parallele. Und ist das nicht schon Urteil über die, die so dastehen? Aber Jesaja sagt ihnen: Hört! Nehmt zu Ohren!  So, als rechnete er immer noch damit dass es über dem Hören zu einem Umkehren kommen könnte.

 11 Was soll mir die Menge eurer Opfer?, spricht der HERR. Ich bin satt der Brandopfer von Widdern und des Fettes von Mastkälbern und habe kein Gefallen am Blut der Stiere, der Lämmer und Böcke. 12 Wenn ihr kommt, zu erscheinen vor meinem Angesicht – wer fordert denn von euch, dass ihr meinen Vorhof zertretet? 13 Bringt nicht mehr dar so vergebliche Speisopfer! Das Räucherwerk ist mir ein Gräuel! Neumond und Sabbat,  den Ruf zur Versammlung – Frevel und Festversammlung – ich mag es nicht! 14 Meine Seele ist Feind euren Neumonden und Jahresfesten; sie sind mir eine Last, ich bin’s müde, sie zu tragen.

            Das hat in Israel Tradition: Opfer im Überfluss. „Der König aber und das ganze Volk opferten vor dem HERRN; zweiundzwanzigtausend Rinder und hundertzwanzigtausend Schafe opferte der König Salomo.“ (2. Chronik 7,4-5) Viel hilft viel. So ist der Gedanke und er ist bis heute kaum verändert in Kraft.

Gott aber, der HERR, lässt seinen Propheten sagen: Ich habe diese Opfer satt. Ich bin sie satt. Ich will mich nicht an ihnen sättigen. Der ganze Betrieb am Tempel gerät in die Kritik, nicht von Menschen, die die Verschwendung geißeln, sondern von Gott, der sich einen anderen Gottesdienst wünscht, nicht nur einen „etwas anderen Gottesdienst“. Und noch schärfer: Wenn sie so vor ihn kommen, zertreten sie den Vorhof. Der falsche Gottesdienst der Opfer schändet den Tempel. Was für Worte in den Ohren von Leuten, die am Tempel hängen, ihn als Zufluchtsort suchen.  „Umkehr ist möglich – heute“ weiterlesen

Gottes vergebliche Liebesmühe

Jesaja 1, 1 – 9

1 Dies ist das Gesicht, das Jesaja, der Sohn des Amoz, geschaut hat über Juda und Jerusalem zur Zeit des Usija, Jotam, Ahas und Hiskia, der Könige von Juda.

Mit diesem ersten Satz wird nicht nur der Prophet vorgestellt. Sondern vor allem seine Botschaft, das Gesicht – in der Luther-Übersetzung 1956/64 noch  Offenbarung über Juda und Jerusalem. „Ein Gesicht…das Hören, Sehen und Verstehen eines von Gott in den Dienst genommenen Menschen in Anspruch nimmt und formt“(D. Schneider, Der Prophet Jesaja, 1. Teil; Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1988, S.  41) Es geht um eine Schauung aus der Wirklichkeit Gottes. Dafür verwendet man auch gerne das Wort Offenbarung, das mehr meint als eine Vision, die einer entwickelt. Das unterscheidet das Gesicht, das Jesaja sieht von dem was wir heutzutage eine Vision nennen. Hinter allem, was folgen wird an Worten, Bildern, Liedern, Berichten, steht Gott als der eigentliche „Autor“. Aber nicht zeitlos, sondern in eine bestimmte Zeit hinein.

Es ist sicher zutreffend: „Die vorliegende Überschrift dient dem ganzen Jesajabuch mit seinen 66 Kapiteln. Sie stammt in ihrer heutigen Form vielleicht erst von dem Sammler letzter Hand.“ (O. Kaiser, Der Prophet Jesaja, Kapitel 1 – 12, ATD 17; Göttingen 1963,. S.  1) Sie leistet, was eine Schlagzeile zu leisten imstande ist – sie macht aufmerksam.

Die Angaben der Namen von Usija bis Hiskia deuten auf einen Zeitraum zwischen 787 v.Chr.  bis 697 v. was mir nicht gefiel, und hatten ihre Lust an dem, woran ich kein Wohlgefallen hatte. Chr.. Nun zeigen schon diese Zahlen, die neunzig Jahre umfassen, dass das kaum vorstellbar ist. Etliche Exegeten lesen später Kapitel 6 als die erste Berufung Jesaja und nicht als eine erneute Berufung, die seinen Weg, der schon zuvor angefangen hat, noch einmal in ein neues Licht stellt. Dann wäre das  Jahr 736 der Anfang der Wirkens Jesaja als Prophet. Aber manches spricht doch dafür, dass Jesaja auch schon vor dieser Vision im Tempel prophetisch geredet hat. Darum wird meistens eingegrenzt auf einen Anfang seines Wirkens unter Usija um 750 v. Chr. und ein Ende seines Wirkens, des ersten Jesaja, wird vor dem Tod des Hiskia vermutet.

 2 Höret, ihr Himmel, und Erde, nimm zu Ohren, denn der HERR redet! Ich habe Kinder  großgezogen und hochgebracht, und sie sind von mir abgefallen! 3 Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn; aber Israel kennt’s nicht, und mein Volk versteht’s nicht.

             Vor den Augen entsteht eine Gerichtsszene. Und Jesaja, der Prophet ruft Himmel und Erde als Zeugen auf für die Anklage. Die Anklage, die Gott gegen seine Volk erhebt. Diese Anklage heißt: Sie vergelten mir die Wohltaten mit Abkehr, die Liebe mit Abfall.

               Das ist die Anklage Gottes: Ich habe Kinder  großgezogen – aber sie haben sich abgewendet. Sind ihrer Wege gegangen. Bei Hosea heißt es: „Als Israel jung war, hatte ich ihn lieb und rief ihn, meinen Sohn, aus Ägypten; aber wenn man sie jetzt ruft, so wenden sie sich davon und opfern den Baalen und räuchern den Bildern. Ich lehrte Ephraim gehen und nahm ihn auf meine Arme; aber sie merkten’s nicht, wie ich ihnen half.“ (Hosea 11, 1 – 3) Es ist die väterliche, sorgende Zuwendung, die auch hier angedeutet wird und die keinen Widerhall im Verhalten des Volkes findet.

Daneben tritt ein Vergleich, der noch einmal unterstreicht: Jeder Ochse kennt seinen Weg, und diese Kennen bewirkt, dass er der Stimme seines Herrn vertraut. Ein Wort, das Jesus mit seiner Hirtenrede aufgreift: „Die Schafe folgen ihm nach; denn sie kennen seine Stimme.“ (Johannes 10,4) Jeder Esel weiß, wo er seinen Futtertrog findet. „Das Ungeheuerliche und Unnatürliche im Verhalten Israels wird durch den Vergleich mit der Treue der Tiere gegenüber ihren Nutzherren unterstrichen… Israel gebärdet sich vernunftloser als das liebe Vieh!“ (O. Kaiser, aaO. S.  6) 

Die Wirkungsgeschichte dieser Worte sei angemerkt: Von dieser Jesaja-Stelle her sind Ochse und Esel in die Weihnachtskrippen „eingezogen“, eine sichtbare Aufforderung an die Christenheit, nicht dümmer zu sein als Ochse und Esel und den Weg zur Krippe zu suchen. „Gottes vergebliche Liebesmühe“ weiterlesen

Ein Klagelied – auch für heute

Habakuk 3, 1 – 19

Am Gedenktag für 2003-9-11:

1 Dies ist das Gebet des Propheten Habakuk, nach Art eines Klageliedes:

             Das ist ein ungewöhnlicher Satz. Irgendwie wie von fremder Hand hinzugesetzt. Es wirkt wie die Anmerkung eines späteren Bearbeiters des Buches, wenn das Gebet so als Gebet des Propheten Habakuk vorgestellt wird. „tephillāh ist in der Regel das kultisch formalisierte Gebet.“ (L. Perlitt, Habakuk, ATD 25,1. Göttingen 2004, S. 83) Nicht das individuelle Gebet eines Einzelnen, der ganz persönlich formuliert.

Das passt zusammen mit dem Eindruck, den das Gebet vermitteln wird: Vieles sind Versatzstücke, wie Zitate aus Psalmen.  Dazu stimmt auch die Singanweisung: nach Art eines Klageliedes und das später mehrfach folgende Sela, dessen Bedeutung bis heute völlig im Dunkeln liegt.  Es kann eine Anweisung für die Musik sein, auch eine Geste mag gemeint sein. Es könnte auch schlicht „Zwischenspiel“ bedeuten. Oder schlicht: Pause.

  2 HERR, ich habe die Kunde von dir gehört, ich habe dein Werk gesehen, HERR! Mache es lebendig in naher Zeit, und lass es kundwerden in naher Zeit. Im Zorne denke an Barmherzigkeit!

             Die Worte scheinen auf das „Wie lange“(1,2) zurück zu verweisen. Der Prophet ist des Wartens müde. Habakuk hat doch gehört und gesehen.  Das soll doch nicht bloße Einbildung bleiben. Gott soll endlich tun, was er angekündigt hat. Das Werk, das Habakuk gesehen hat, das er „fürchtet“ – so die andere Übersetzungsmöglichkeit – ist das „Gericht“. „Bei dem Gericht (paʽaleka) handelt es sich nicht um ein allgemeines Werk Gottes, etwa im Sinn der Erschaffung seines Volkes Israel“ (G. Maier, Habakuk, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1986, S. 98) Furcht ist unangebracht, wenn Gott sein Heil wirkt.

Aber Furcht ist sehr wohl dann angesagt, wenn der gerechte Zorn Gottes auflodert. Dann soll Gottes Erbarmen seinen Zorn hindern. Ganz nahe sind diese Worte bei Worten aus Hosea: „Mein Herz wendet sich gegen mich, all mein Mitleid ist entbrannt. Ich will nicht tun nach meinem grimmigen Zorn noch Ephraim wieder verderben. Denn ich bin Gott und nicht ein Mensch, heilig in deiner Mitte. Darum komme ich nicht im Zorn.“(Hosea 11, 8-9) Sich vor Gott in Gott bergen – das steckt in diesen Worten.           „Ein Klagelied – auch für heute“ weiterlesen

Fünfach: Wehe

Habakuk 2, 4 – 20

 4 Siehe, wer halsstarrig ist, der wird keine Ruhe in seinem Herzen haben, der Gerechte aber wird durch seinen Glauben leben.

             Einmal mehr kann man über die Weisheit der Kommission rätseln, die die Abschnitte der fortlaufenden Bibellese bestimmt. Gehört dieser Satz nicht doch zur Gottesrede, die ihm vorausgeht? Zur Verheißung, dass das Wort der Weissagung sich erfüllt?

Es ist sprachlich im Hebräischen ein schwieriger Satz. Es könnte sein rāšāʽ der Gottlose fehlt.  das wird mit einer defizitären Verbform umschrieben, die in der Übersetzung wiedergegeben ist mit wer halsstarrig ist. Es läuft auf die Gegenüberstellung hinaus: der eine verwirkt die Ruhe im eigenen Herzen und damit das Leben. Ein Getriebener, hin und her gejagt, ohne je an ein Ziel zu gelangen.

„Ich habe die Menschen gesehen,                                                   und sie suchen spät und früh,
sie schaffen, sie kommen und gehen,                                                 und ihr Leben ist Arbeit und Müh.

Sie suchen, was sie nicht finden,                                                           in Liebe und Ehre und Glück,
und sie kommen belastet mit Sünden                                             und unbefriedigt zurück.“                                                                                  E.
Fürstin von Reuß 1867, EG Bayern/Thüringen 621

Der andere, der Gerechte wird leben. Durch seinen Glauben. Wörtlich: „durch seine Treue.“ Wobei wichtig ist:  ʼæmȗnāh ist „vor allem die Treue Gottes, die von Geschlecht zu Geschlecht währt, ebenso wie die des Menschen.“ (L. Perlitt, Habakuk, ATD 25,1. Göttingen 2004, S. 65) Das macht die Gerechtigkeit des Gerechten aus, dass er wartet auf Gott, auf sein Reden, auf sein Wort. „Es geht hier nicht um eine moralische Haltung, sondern um das Warten auf Gott und sein Handeln. … Wer ganz treu an Gott hält, der passt zu Gott, der ist gerecht.“ (G. Maier, Habakuk, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1986, S. 79) Der Satz ist für Paulus eine Art Schlüsselwort. Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht (Habakuk 2,4): »Der Gerechte wird aus Glauben leben.«(Römer 1,4) Und Luther ist überzeugt: „Dis ist der text, der auff der Tafel grob und klar geschrieben gewest ist.“(M. Luther, zit nach (L. Perlitt, aaO. S. 66)   „Fünfach: Wehe“ weiterlesen

Warten lernen – Ausschauen üben

Habakuk 1, 12 – 2, 3

 12 Aber du, HERR, bist du nicht mein Gott, mein Heiliger, von Ewigkeit her?

             Es ist ein Wort gegen die eigene Angst, die nach dem Propheten greift. nicht die Mächte, nur Gott ist von Ewigkeit her. Daran erinnert er sich. Nur Gott ist ewig: die Mächte sind es nicht. Und auch daran erinnert sich der Prophet, indem er es zum HERRN sagt: Ich gehöre zu Gott. „Der Heilige Israels“ heißt es öfters bei Jesaja: Unser Erlöser ist der Heilige Israels – HERR Zebaoth ist sein Name.“(Jesaja 47, 4) Schon früher die gleiche Formel – 1,4, 5,19, 10,24, um nur eine kleine Auswahl zu nennen. „Mein heiliger Gott ist von daher ein verständliches, aber kein geläufig gewordenes Prädikat.“ (L. Perlitt, Habakuk, ATD 25,1. Göttingen 2004, S. 57) Die Wendung hier ist dem gegenüber noch eine Idee inniger:  Mein Heiliger sagt der Prophet und wird so sehr persönlich. Das kann keine allgemeine Anrede werden. Das geht nur von innen heraus und individuell.

  Lass uns nicht sterben; sondern lass sie uns, o HERR, nur eine Strafe sein, und lass sie, o unser Fels, uns nur züchtigen.

             Habakuk sieht, was auf das Volk zukommt. Er sieht die Militärmaschine im Anmarsch und ahnt den Untergang. Darum bittet er Gott um Begrenzung. Nur eine Strafe, aber nicht Vernichtung. Nur für kurze Zeit die, die uns züchtigen. Aber nicht die, die uns für immer in den Staub treten. In dieser Bitte zeigt sich unausgesprochen: Habakuk glaubt nicht mehr an eine Wende im Geschehen. Er glaubt nicht an eine wundersame Bewahrung Israels und Jerusalems. Er sieht das unausweichliche Eintreffen der Gerichte, ähnlich, wie es auch bei anderen Propheten ist.  Er ruft nicht mehr zur Umkehr Israels, weil er ahnt: zu spät.

 13 Deine Augen sind zu rein, als dass du Böses ansehen könntest, und dem Jammer kannst du nicht zusehen!

             Das aber macht ihm zu schaffen: „Seine Not ist das Schweigen Gottes zu dem Unrecht in dieser Welt.“ (G. Maier, Habakuk, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1986, S. 72)Es kann doch nicht sein, dass Gott gewissermaßen unbeteiligt zusieht, dem Bösen nicht in den Arm fällt, den Jammer nicht an sich heran lässt. Die Worte greifen in ihrer unbestimmten Allgemeinheit zurück auf die Beschreibung des Chaos in den Anfangszeilen des Buches. Es ist eben nicht nur die Gefahr von außen, die der Prophet sieht, es ist auch die innere Not und Zerrissenheit des Volkes, die ihn fragen und klagen lässt. So Gott zu fragen heißt festzuhalten an dem Vertrauen: er wird nicht weiter nur zusehen. Er wird sich bewegen lassen zu helfen, einzugreifen. „Warten lernen – Ausschauen üben“ weiterlesen

Chaos zum Schreien

Habakuk 1,  1 – 11

1 Dies ist die Last, die der Prophet Habakuk geschaut hat.

             Ein knapper Satz als eine Überschrift über das ganze Buch des Propheten. Was folgen wird ist eine Last, ein Ausspruch. So kann man das hebräische maśśāʼ auch übersetzen. Ganz unbefangen nennt die Überschrift Habakuk Prophet nābîʼ. Es scheint nicht das Bedenken zu geben, das wir aus anderen Propheten-Büchern kennen, dass es viele gibt, die sich Prophet nennen, aber nur ihrem Broterwerb nachgehen.

Es kann Leser*innen verblüffen: „Habakuk hat den Spruch nicht gehört, sondern geschaut.“ (L. Perlitt, Habakuk, ATD 25,1. Göttingen 2004, S. 44) nur, ganz so verblüffend muss das nicht sein, sagt dieser Satz doch nur, dass Habakuk nicht nur mit seinem Hören, sondern auch mit seinem Sehen in Anspruch genommen wird. es mag Ausdruck dafür sein, dass der Prophet ganz, mit allen Sinnen in Anspruch genommen ist.    

             „Vom Menschen Habakuk erfahren wir nicht außer seinem eher komischen Namen und dem Titel Prophet.“(L. Perlitt, aaO. S. 41) Der Name lässt zwei Deutungen zu: „Er kann ein assyrischer Vorname sein, der die Heilpflanze Basilikum meint.“ (G. Maier, Habakuk, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1986, S. 59) Luther deutet anders: „Habakuk heißt auf Deutsch ein Herzer, oder der sich mit einem anderen herzet und in die Arme nimmt. Er tut auch also mit seiner Weissagung, dass er sein Volk herzet und in die Arme nimmt, das ist, er tröstet sie und hält sie aufrecht.“(M. Luther, Vorreden zur Bibel, Hrsg. H. Bornkamm, Hamburg 967, S. 114) „Chaos zum Schreien“ weiterlesen

Das letzte Wort

Zefanja 3, 9 – 20

 9 Dann aber will ich den Völkern reine Lippen geben, dass sie alle des HERRN Namen anrufen und ihm einträchtig dienen.

             „Mit V. 9 beginnt eine Reihe von Heilsankündigungen, die bis zum Ende des Buches reichen.“ (L. Perlitt, Zephanja, ATD 25,1, Göttingen 2004, S. 139)  Es gibt eine rhetorische Regel, das Wichtigste als Höhepunkt erst am Schluss zu sagen. Wenn das auch für die Prophetenrede gelten sollte, dann wäre die Ansage des Heils das Wichtigste, das nicht nur am Schluss gesagt wird, sondern auch am Ende Gültigkeit behalten soll. Dann läuft die Weltgeschichte nach dem Willen Gottes auf das Heil zu.

Den Völkern reine Lippen.  Das ist ein Kontrastwort zur Berufung des Jesaja. Der muss sich eingestehen: „Weh mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippe“(Jesaja 6,5)Wie anders hier: Zefania sieht den Anfang einer Anbetung, in den der ganze Weltkreis hinein gezogen wird. Eine Verheißung, die auch das Lied der christlichen Gemeinde aufgenommen hat. „Dem Namen Jesu sollen sich beugen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.“(Philipper 2, 10-11)

Im Text steht nicht das übliche Wort für die Völker: gôjim. Heiden. Hier steht ʽaamȋm. Ein Wort, das die Völker auf eine Stufe mit Israel stellt. Die Völker werden verwandelt, nicht mehr als Heiden angesehen. Dabei ist in dem Satz „nicht gesagt, dass die Völker von sich aus neue Wege gegangen sind, sondern dass Jahwe ihnen diese eröffnen werde.“ (L. Perlitt, ebda.) Wer das Neue Testament als Auslegung der Hebräischen Bibel zu lesen gewohnt ist, der findet diese neue Wegeröffnung in Jesus von Gott her gesetzt und durch das Wirken der Apostel wie Paulus realisiert. Das Heil wandert zu den Völkern.   „Das letzte Wort“ weiterlesen

Sehnsucht bewahren

Zefanja 2, 1 – 7

1 Sammelt euch und kommt her, du Volk, das keine Scham kennt, 2 ehe denn das Urteil ergeht – wie Spreu verfliegt der Tag –, ehe denn des HERRN grimmiger Zorn über euch kommt, ehe der Tag des Zorns des HERRN über euch kommt!

             Wer ist das Volk, das keine Scham kennt? Sind das Worte an alle, die Menschheit? Oder sind es Worte an Jerusalem, die über die Ankündigung des Gerichtstages hinaus zurückgreifen? „Die Anrede gôj „Nation“ kann sich nicht auf die Völker, sondern im Anschluss an Kap 1. nur auf Juda oder eine Gruppe der Judäer beziehen.“(L. Perlitt, Zephanja, ATD 25,1, Göttingen 2004, S. 118) Dann würde Juda wie die Heiden, die sonst als die gojim bezeichnet werden, angesehen. Es hätte den Vorzug der Erwählung verspielt. Weil es keine Scham kennt. Weil sie schamlos geworden sind – worin immer sich das auch zeigen mag.

Ein zweites Problem: „Niksap beschreibt die Sehnsucht, das Heimweh. Ältere Ausleger übersetzen „Scham“ nach der arab. Grundbedeutung „farblos sein, blass werden.“ (G. Maier, Zephanija, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1986, S. 121) Ist das gleichgültig, ob Scham oder Sehnsucht? Aber es macht doch einen Unterschied, ob ein Volk keine Scham mehr kennt oder ob es keine Sehnsucht mehr vorantreibt, herausfordert? Ein Volk, das keine Sehnsucht mehr hat, hat sich arrangiert mit der Gegenwart, nimmt alles als gleich gültig und damit gleichgültig hin. „Sehnsucht bewahren“ weiterlesen

Gericht – ist das fair?

Zefanja 1, 1 – 9

1 Dies ist das Wort des HERRN, das geschah zu Zefanja, dem Sohn Kuschis, des Sohnes Gedaljas, des Sohnes Amarjas, des Sohnes Hiskias, zur Zeit Josias, des Sohnes Amons, des Königs von Juda.

 

Mit den ersten Worten ist klargestellt, worum es geht, um das Wort des HERRN. „Propheten sind Boten, die verkündigen, was sie selber empfangen haben: Jahwes Wort.“ (L. Perlitt, Zephanja, ATD 25,1, Göttingen 2004, S. 100) Erst danach folgt eine sorgfältige zeitliche und biographische Einordnung. Zefania wird vorgestellt, ungewöhnlich genug mit einer Reihe von gleich vier Ahnen. Die Ahnenreihe geht bis auf einen Hiskia zurück.

Es ist eher unwahrscheinlich, dass damit König Hiskia (725 – 697) gemeint sein könnte. Hätte der Sammler der Worte des Zefania als der Redakteur des Buches, eine königliche Herkunft nicht deutlicher hervorgehoben? Ein mögliches Motiv: „Die auffällige Tatsache, dass 1.1 die Genealogie des Propheten durch vier Generationen von einem Kuschi („Äthiope“) bis zu einem Hiskia verfolgt. hat ihren Grund entweder in dem Wunsch, die königliche Herkunft Zephanjas zu dokumentieren oder in der Absicht, einen durch den Namen des Vaters provozierten Zweifel an seiner judäischen Herkunft zu beschwichtigen.“(O. Kaiser, Einleitung in das Alte Testament, Gütersloh 1969, S. 178f.) Vor allem dieses letztgenannte Motiv erscheint einleuchtend.

Genauer bestimmt wird die Zeit dieser Worte: Zur Zeit Josias. Damit geht es um die Jahre zwischen  639 und 609 v. Chr. Es ist die Zeit, in der Josia seine Reformen durchgeführt hat. Es könnte sein, ist aber nicht sicher: „Gottes Botschaft durch Zefania war der Wegereiter für die josianische Reform. Er schärfte das Gewissen für Gottes willen im kultischen und ethischen Bereich.“ (G. Maier, Zephanija, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1986, S. 109)    „Gericht – ist das fair?“ weiterlesen

Gott bittet: kehre um

Hosea 14, 2 – 10

 2 Bekehre dich, Israel, zu dem HERRN, deinem Gott; denn du bist gestrauchelt durch deine Schuld. 3 Nehmt diese Worte mit euch und bekehrt euch zum HERRN und sprecht zu ihm: Vergib uns alle Sünde und tu uns wohl, so wollen wir opfern die Frucht unserer Lippen.

             Was für ein Anschluss. Was für ein Abschluss. Eben noch die gnadenlose Ansage des Gerichtes – und jetzt: Bekehre dich, Israel, zu dem HERRN, deinem Gott. Es sind diese Wechselbäder zwischen Ruf zur Umkehr und Gerichtsansage, zwischen Zorn und Erbarmen, die das ganze Buch des Propheten prägen. die einen fragen lassen: wie ist Gott denn nun – so oder so? Oder ist er so und so?  Es kann aber auch sein – was uns so widersprüchlich erscheint im Übergang von 14,1 zu 14,2 gehört zutiefst zusammen: „Das Gericht ist ein Wort und eine Tat Gottes, aber diese schrecklichen Dunkelheiten sind nicht das letzte Wort JHWHs an sein Volk.“ (M. Oehming/ R. Micheel, Erkennen und lieben, Sieben Texte aus dem Buch Hosea, Texte zur Bibel 19, Neukirchen 2003, S.84) 

            Rückkehr zu Gott ist angesagt. Umkehr. šûb – eines der Hauptworte in den Schriften Israels. Man muss sich erinnern: Diese Rückkehr hat Israel immer wieder verweigert – so weiß es Hosea nicht nur einmal zu sagen: „Er muss zurück nach Ägyptenland, und Assur wird sein König sein; denn sie haben sich geweigert umzukehren.“(11,5) Aus der verweigerten Umkehr zu Gott wird eine erzwungene Rückkehr in das Haus der Knechtschaft werden. Auch das weiß Hosea, dass sie im Grunde gar nicht mehr umkehren können, weil sie in ihren Wegen gefangen sind: „Ihre Taten lassen es nicht zu, dass sie umkehren zu ihrem Gott; denn sie haben einen Geist der Hurerei in ihrem Herzen, und den HERRN kennen sie nicht.“(5,4) Umso erstaunlicher, dass er dennoch den Umkehr-Ruf Gottes ausrichtet.

Eindringlich ist dieser Ruf. Wortreich auch. Eine herzliche Einladung – Gott selbst wirbt regelrecht um sein Volk. Um sie, die aus eigener Schuld gestrauchelt sind. Er legt ihnen die Worte in den Mund, spricht sie ihnen vor, so dass sie nur noch nachsprechen müssen. Warum er das tut, erklärt sich – es scheint, weil er Sorge hat, dass sie dieses Bitten verlernt haben. Dass sie es nicht über sich bringen, verblendet, wie sie so lange gewesen sind, ihr Tun als Schuld zu bekennen. Es ist in diesen vorgesprochenen Worte zu spüren, dass der Sprecher weiß: es ist nicht so einfach, Schuld und Sünde einzugestehen. „Gott bittet: kehre um“ weiterlesen