Am Ende nur noch: Du

Joel 4, 1 – 21

 1 Denn siehe, in jenen Tagen und zur selben Zeit, da ich das Geschick Judas und Jerusalems wenden werde, 2 will ich alle Völker zusammenbringen und will sie ins Tal Joschafat hinabführen und will dort mit ihnen rechten wegen meines Volks und meines Erbteils Israel, weil sie es unter die Völker zerstreut und sich mein Land geteilt haben; 3 sie haben das Los um mein Volk geworfen und haben Knaben für eine Hure hingegeben und Mädchen für Wein verkauft und vertrunken. 

             Eine Schicksalswende. Um sie anzukündigen „verwendet der Prophet festgeprägte Formen und lehnt sich an einen aus der Kulttradition geläufigen Begriff endzeitlichen Denkens an.“ (A. Weiser, Die Propheten Hosea, Joel, Amos, Obadja, Jona, Micha, ATD 24, Göttingen 1967, S. 123) Die Wende trifft nicht nur Juda und Jerusalem, sondern alle Völker. Juda und Jerusalem zum Heil, die anderen zum Gericht. An ihnen rächt sich, dass sie mit Israel wie mit einen Spielball ihrer Willkür umgegangen sind. Sie haben die Würde der Knaben, der Mädchen, der besonders Schutzbedürftigen missachtet. Auch hinter der Formulierung: sie haben das Los um mein Volk geworfen steht wohl der Sklavenhandel. Menschenware zu Billigstpreisen! Auf welche Zeit diese Anklage zutrifft, ist nicht zu entscheiden.

4 Und ihr, Tyrus und Sidon und alle Gebiete der Philister, was habt ihr mit mir zu tun?die  Wollt ihr mir’s heimzahlen oder mir etwas antun? Eilends und bald lasse ich euer Tun zurückfallen auf euren Kopf, 5 die ihr mein Silber und Gold genommen und meine schönen Kleinode in eure Tempel gebracht habt. 6 Dazu habt ihr die Judäer und die Leute von Jerusalem an die Griechen verkauft, um sie weit weg von ihrem Lande zu bringen.

             Noch einmal die Anklage: Menschenhandel, diesmal direkt an Tyrus und Sidon gerichtet, an die Philister. Sie haben das Land ausgeplündert, sich bereichert und dabei, nebenher, auch den Tempel geschändet. Wieder: wann das geschehen ist, ist nicht klar zu erkennen. Es mag sein, dass das ein Hinweis auf die Zeit der Seleukiden ist. Aber das ist doch sehr vage, hängt allein an dem Wort Griechen. Sicher ist nur, das „dass“ steht fest. Damit ist das Gebot Gottes missachtet worden. „Der Verkauf des Gliedern vom Volk Gottes war nicht erlaubt, nicht nur aus sozialen Gründen, sondern will sie Gott gehören und in ihr Gebiet, das Gott gehört und von Gott seinem Volk zugewiesen war.“ (M. Holland, Die Propheten Joel, Amos und Obadja, Wuppertaler Studienbibel AT 9, Wuppertal 1991, S. 74) 

              Es geht also in dem allem nicht nur um Übergriffe gegenüber Israel, sondern um Angriffe auf Gott selbst. Wer sich an seinen Leuten vergreift, vergreift sich damit an ihm. Diese Gleichsetzung wird sich durchziehen, bis in die Zeit der ersten Christenheit. Da wird der Christenverfolger gefragt: „Saul, Saul, was verfolgst du mich?“ (Apostelgeschichte 9,4) Was einer den Leuten Gottes antut, das tut er Gott selbst an.     „Am Ende nur noch: Du“ weiterlesen

Gottes Geist – ausgegossen

Joel 3, 1 – 5

1 Und nach diesem will ich meinen Geist ausgießen über alles Fleisch, und eure Söhne und Töchter sollen weissagen, eure Alten sollen Träume haben, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen. 2 Auch will ich zur selben Zeit über Knechte und Mägde meinen Geist ausgießen.

                 Und nach diesem ist eine Art „eschatologische Einleitungsformel“ (A. Weiser, Die Propheten Hosea, Joel, Amos, Obadja, Jona, Micha, ATD 24, Göttingen 1967, S.120) Danach. Hier wird, so lese ich, der Kreis der Geschichte gesprengt, geöffnet auf die Zeit nach der Zeit, die aber gleichwohl in die Zeit hinein wirkt. Was hier angesagt wird, ist aber, wie sich einige Sätze später zeigen wird, nicht nur ein nach diesem, sondern genauso auch noch ein „davor“ – vor dem Tag des Herrn. Die Zeit selbst wird in solchem Denken gesprengt, nicht nur ihr Kreis.

In der Mitte steht: mein Geist. Gott verspricht seinen Geist. Ruach. Im Hebräischen ist das Wort „Geist“ weiblich und wird deshalb auch gerne mit „die Geistkraft“ übersetzt. Ich glaube nicht, dass viel an diesem Genus hängt – im Griechischen ist Geist – πνεμα, Pneuma – sächlich. Im Deutschen ist es der Geist männlich. Im Lateinischen auch  – spiritus. Wie auch immer.

Wichtiger erscheint mir anderes: „Der Mensch besteht aus Seele (näphäsch) und Fleisch (basar). Das Fleisch ist vergänglich, neigt zur Sünde. Nie wird von Gott gesagt, dass er Fleisch sei.“(M. Holland, Die Propheten Joel, Amos und Obadja, Wuppertaler Studienbibel AT 9, Wuppertal 1991, S. 62) Das also geschieht: Gott gibt seine Geistkraft und darin doch sich selbst in das Vergängliche hinein. In die Wirklichkeit der Sünde hinein.

                 Auf alles Fleisch. Ohne Unterschied? Es ist Ausweitung und Eingrenzung zugleich. Ausweitung gegenüber früheren Zeiten: „Der Besitz des Gottesgeistes wird in der Endzeit nicht mehr das Privilegium besonderer charismatischer Personen wie des Königs oder der Propheten (1. Samuel 10,6.10; Jesaja 11,2) sein, sondern Allgemeingut.“(A.Weiser, ebda.) Alle sind Charismatiker. Voraussetzungslos. Auch die sozialen Hierarchien werden aufgebrochen – selbst über Knechte und Mägde wird der Geist ausgegossen. Das ist der Anfang vom Ende festgefügter Standesordnungen. „Auch die jetzt unter den Menschen bestehenden sozialen Schranken werden in der Gottesherrschaft der Endzeit aufgehoben sein.“(A. Weiser, ebda.) Wo immer der Geist weht, werden Grenzen fallen müssen. Das könnte ja auch heutzutage ein Maßstab zur Klärung sein, ob Handeln vom Geist Gottes geleitet ist: Wo Mauern errichtet werden, Menschen ausgegrenzt werden, Abschottungen vorgenommen werden, da ist der Geist nicht am Werk. Jedenfalls nicht der Geist Gottes, von dem Joel Zeugnis ablegt.    „Gottes Geist – ausgegossen“ weiterlesen

Gott mitten unter uns

Joel 2, 18 – 27

18 Da eiferte der HERR um sein Land und verschonte sein Volk.

             Dieser Satz wirkt, als sei er im Rückblick gesprochen. Als könnte er auf den Schrecken der Heuschrecken-Plage wie auf vergangenes Unheil zurückblicken. Hat Joel also wirklich „diese Aufzeichnungen erst einige Zeit nach den Ereignissen schriftlich verfasst“ (A. Weiser, Die Propheten Hosea, Joel, Amos, Obadja, Jona, Micha, ATD 24, Göttingen 1967, S. 117)? Mir leuchtet das nicht gleich ein. Auch weil die bedrängende Schilderung des ersten Kapitels für mich wie ein Hilfeschrei in jetzt unmittelbar erfahrener Not wirkt.

           Das ist die Antwort auf den Bußtag des Volkes, auf sein Klagen: Gott lässt sich bewegen. Mehr noch. Der HERR ereifert sich und dieser Eifer bewirkt, dass er sein Volk verschont. Mitleid mit ihm bekommt. Dass er es herausführt aus dem ausweglosen Chaos. Kurz: er steht dem Volk in seiner Not nicht (mehr) unbeteiligt, ungerührt und unberührt gegenüber. Das „da“ in der Lutherübersetzung legt es nahe, in dem Geschehen eine Antwort auf den vorausgegangen Bußakt zu sehen. Andere Übersetzungen mahnen zur Vorsicht: „und Jahwe ereifert sich.“ Das ist kein Reagieren Gottes, sondern ein souveränes Agieren. Andere Übersetzungen mahnen zur Vorsicht: „und Jahwe ereifert sich.“ (M. Holland)  Noch vorsichtiger; „Und Jahwe geriet in Eifer für sein Volk.“ (A. Weiser) Da ist kein Raum für ein Verstehen des Verschonen Gottes als ein Reagieren Gottes auf vorausgegangene Bußakte des Volkes.

Sondern alles deutet hin auf sein souveränes, unabhängiges  Agieren.„Von Israels Tun ist nicht die Rede. Sein Glaube, seine Bekehrung ist nicht erwähnt.“ (M. Holland, Die Propheten Joel, Amos und Obadja, Wuppertaler Studienbibel AT 9, Wuppertal 1991, S. 54)So wie es keine Begründung für die Heuschrecken-Plage gibt, gibt es auch keine Begründung für ihr Ende, für den neuen Weg Gottes.   „Gott mitten unter uns“ weiterlesen

Heilig bist Du

Joel 2, 12 – 17

12 Doch auch jetzt noch, spricht der HERR, kehrt um zu mir von ganzem Herzen mit Fasten, mit Weinen, mit Klagen! 13 Zerreißt eure Herzen und nicht eure Kleider und kehrt um zu dem Herrn, eurem Gott!

           Jetzt noch. Es ist noch nicht zu Ende. In das Chaos, außen und doch auch wohl innen, hinein nimmt der HERR das Wort. So spricht der HERR. Ausspruch Jahwes steht da. Erstmals im Buch. Den Schrecken, die über das Land gehen, die der Prophet bis dahin so furchtbar, unausweichlich beschrieben hat, wird jetzt das Wort des HERRN entgegen gestellt. „Nur hier, am inneren Wendepunkt der göttlichen Botschaft betont Joel: Ausspruch Jahwes.“ (M. Holland, Die Propheten Joel, Amos und Obadja, Wuppertaler Studienbibel AT 9, Wuppertal 1991, S. 46) 

                   Es ist, als würde eine neues Kapitel aufgeschlagen. Eben nicht mehr nur Schrecken um und um. Sondern Zuflucht inmitten aller Schrecken.  Es ist noch nicht zu spät. Umkehren – Was bei andere Propheten unter den Verdacht steht, es könnte nur äußerlich sein, das sucht Joel: Fasten, Weinen, mit Klagen! Aber auch hier: nicht nur äußerlich. Nur äußerlich – das wären zerrissene Kleider und ein bisschen Asche aufs Haupt. Es geht Joel um mehr, um die Herzensbewegung. „Die Umkehr des Menschen muss vom Innersten, dem Herzen  ausgehen; nur so ist sie sinnvoll.“(M. Holland, aaO. S. 47)Wenn das Herz nicht beteiligt ist, wenn es keine innere Bewegung gibt, dann ist es ohne Nachhaltigkeit. Eine Umkehr zu Gott, die nicht das Herz erreicht, ist zu kurz gedacht.

Es liegt auf der Linie biblischen Denkens über den Menschen: Das Herz ist die Personmitte, der Ort, an dem die Lebensentscheidungen fallen, an dem sich Wille und Wünsche formen. Darum braucht es die Umkehr des Herzes, das Zerreißen als Ausdruck der Trauer und der Demut. Man kann es auch so sagen: „Gott will nicht niedergeschlagene Stimmungen und Gefühle einer vorübergehenden Stunde der Depression, er beansprucht den ganzen Menschen.“ (A. Weiser, Die Propheten Hosea, Joel, Amos, Obadja, Jona, Micha, ATD 24, Göttingen 1967, S. 115)  Wo es wirklich zur Umkehr kommt, gilt: Die eigenwilligen Wege sind zu Ende.    „Heilig bist Du“ weiterlesen

Der falsche Schlaf der Sicherheit

Joel 2, 1 – 11

1 Blast die Posaune zu Zion, ruft laut auf meinem heiligen Berge! Erzittert, alle Bewohner des Landes! Denn der Tag des HERRN kommt und ist nahe, 2 ein finsterer Tag, ein dunkler Tag, ein wolkiger Tag, ein nebliger Tag!

                   Alarmsignale. Warnungen vor einer drohenden Gefahr. Einer Gefahr, die zittern lässt. Erbeben. Sicherlich nicht nur die Beine, sondern mehr noch die Herzen. Der Tag des HERRN kommt und ist nahe. Offenkundig kein Jubeltag, kein Tag der Befreiung. Sondern ein Tag, an dem sich der Himmel verdunkelt, an dem sich Wolken über das Land legen. „Die Worte Finsternis und Dunkel verweisen  auch an die Erscheinung Gottes am Sinai… Die Wolke (̒anan) ist selten meteorologisch verstanden, sondern meist der Hinweis auf Gottes Nähe.“ (M. Holland, Die Propheten Joel, Amos und Obadja, Wuppertaler Studienbibel AT 9, Wuppertal 1991, S. 40)  Es liegt nahe, sich an das Geschehen am Sinai zu erinnern: „Als nun der dritte Tag kam und es Morgen ward, da erhob sich ein Donnern und Blitzen und eine dichte Wolke auf dem Berge und der Ton einer sehr starken Posaune. Das ganze Volk aber, das im Lager war, erschrak. Und Mose führte das Volk aus dem Lager Gott entgegen, und es trat unten an den Berg.“(2. Mose 19, 16-17)

                  Land steht da. Andere übersetzen: Erde. Wir würden heute sagen: eine globale Katastrophe, nicht nur ein lokales Ereignis. Es ist ja das, was wir heutzutage fürchten, dass sich Epidemien zur Pandemie auswachsen, dass es Ereignisse gibt, die die ganze Erde in Mitleidenschaft ziehen. Klima-Veränderung so gut wie Kriegsverwicklungen, die sich nicht mehr lokal begrenzen lassen.

             Hier dominieren die bedrohlichen Aspekte, wenn es um den kommenden Tag des HERRN geht. Umso bedeutsamer ist die Verschiebung, die sich ins Neue Testament hinein zeigt. Da wird der Tag Gottes zum hoffnungsvollen Zeichen für das Erbarmen, für die ewige Freude. Aber auch das beginnt schon in der alten Zeit, vor Jesus:

„Wenn der HERR die Gefangenen Zions erlösen wird,                                                     so werden wir sein wie die Träumenden.                                                                      Dann wird unser Mund voll Lachens                                                                                   und unsre Zunge voll Rühmens sein.                                                                                       Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.                                                          Sie gehen hin und weinen und tragen guten Samen                                                     und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.“         Psalm 126, 1-2. 5-6 „Der falsche Schlaf der Sicherheit“ weiterlesen

Die Heuschrecken-Plage

Joel 1, 1 – 20

1 Dies ist das Wort des HERRN, das geschehen ist zu Joel, dem Sohn Petuëls.

                         Ein Eröffnungssatz, der „in fest geprägter Form prophetischer Tradition die gesamten Aufzeichnungen des Propheten „Wort Jahwes nennt.(A. Weiser, Die Propheten Hosea, Joel, Amos, Obadja, Jona, Micha, ATD 24, Göttingen 1967, S.108) Dabei wird man beim Lesen rasch merken: Es ist ein Wechsel von Prophetenworten und Gottesworten, der das Buch durchzieht.  Doch der Anspruch hinter dieser Formel ist ja nicht: Gottes Wort reiht sich an Gottes Wort. Sondern alles, was der Prophet sagt und schreibt, erwächst aus dem Auftrag Gottes. Joel –  auf Deutsch „Jahwe ist Gott“ – nimmt nicht von sich aus das Wort. Er ist Prophet, berufen und beauftragt, auch wenn er weder ein Berufungserlebnis noch eine Beauftragungserfahrung mitteilt.

Wir erfahren insgesamt so gut wie nichts über Joel. Er ist Sohn Petuëls. Aber auch diese Mitteilung hängt in der Luft. Denn der Name Petuël begegnet nur hier in den Schriften des Alten Testamentes. Die Septuaginta hat für den Namen des Vaters „Bathuel“, βαθουηλ, ein Name, der als Name des Vaters der Rebekka (1. Mose 22,23) überliefert ist. Auch der Name Joel hilft nicht weiter, wenn es zu klären gilt, in welche Zeit das Buch gehören könnte. „Da der Name von der ältesten bis in die nachexilische Zeit vorkommt, können über den Propheten daraus keine näheren Schlüsse gezogen werden. … Über die Zeit, wann Joel auftrat, können wir aus den Namen nichts entnehmen.“(M.Holland, Die Propheten Joel, Amos und Obadja, Wuppertaler Studienbibel AT 9, Wuppertal 1991, S. 25) 

            Diese Zurückhaltung im Blick auf eine konkrete Zeitangabe für die Prophetie des Joel ist auffallend. Sie unterscheidet ihn von fast allen anderen prophetischen Texten. Damit werden seine Worte gewissermaßen „zeitlos“, weil unklar ist, ob sie sich auf gegenwärtige Erfahrungen beziehen oder ob ihn visionäre Schreckensbilder heimgesucht haben. Das zu entscheiden ist von den Texten her in meinen Augen nicht möglich. Damit ist diese Prophetie in ihrer Deutung offen und liefert Deutungsbilder auch in unsere Zeit hinein.  

 2 Hört dies, ihr Ältesten, und merkt auf, alle Bewohner des Landes, ob solches geschehen sei zu euren Zeiten oder zu eurer Väter Zeiten! 3 Sagt euren Kindern davon, und lasst’s eure Kinder ihren Kindern sagen und diese wiederum ihren Nachkommen: 4 Was die Raupen übrig ließen, das fraßen die Heuschrecken, und was die Heuschrecken übrig ließen, das fraßen die Larven, und was die Larven übrig ließen, das fraß das Geschmeiß.

             Alle, die angesprochen werden – Älteste, Bewohner des Landes, sollen weitersagen: eine furchtbare Plage hat das Land getroffen. Heuschrecken haben alles gefressen. So schrecklich ist diese Plage, dass sie alles Frühere übertrifft und allen Nachkommen gesagt werden muss, als Warnung, zur Klage.

Eine Heuschreckenplage gehört zu den ägyptischen Plagen- es ist die achte Plage: „Da sprach der HERR zu Mose: Recke deine Hand über Ägyptenland, dass Heuschrecken auf Ägyptenland kommen und alles auffressen, was im Lande wächst, alles, was der Hagel übrig gelassen hat. Mose streckte seinen Stab über Ägyptenland, und der HERR trieb einen Ostwind ins Land, den ganzen Tag und die ganze Nacht. Und am Morgen führte der Ostwind die Heuschrecken herbei. Und sie kamen über ganz Ägyptenland und ließen sich nieder überall in Ägypten, so viele, wie nie zuvor gewesen sind noch hinfort sein werden. Denn sie bedeckten den Boden des ganzen Landes, und das Land wurde finster. Und sie fraßen alles, was im Lande wuchs, und alle Früchte auf den Bäumen, die der Hagel übrig gelassen hatte, und ließen nichts Grünes übrig an den Bäumen und auf dem Felde in ganz Ägyptenland.“(2. Mose 10, 12 – 15)

            Hier aber ist nicht irgendein Land getroffen, sondern offensichtlich Israel. „Eine Katastrophe von ungewöhnlichem Ausmaß und Schaden.“ (A. Weiser, aaO., S.109) Es stellen sich wie von selbst beim Lesen Schreckensbilder unserer Tage ein: von der Hitze aufgesprengter Boden mit tiefen Rissen, abgefressene Bäume, Pflanzen, die nur noch verstümmelt sind, Viehskelette. Ganze Länder ohne Zukunft, weil die Nahrung fehlt. Die Parallele zur ägyptischen Plage lässt es schon ahnen: hinter diesem Schrecken steht in irgendeiner unheimlichen Weise der Wille Gottes.

5 Wacht auf, ihr Trunkenen, und weint, und heult, alle Weinsäufer, um den Most; denn er ist euch vor eurem Munde weggenommen! 6 Denn es zog herauf gegen mein Land ein Volk, mächtig und ohne Zahl; das hatte Zähne wie die Löwen und Backenzähne wie die Löwinnen. 7 Es verwüstete meinen Weinstock und fraß meinen Feigenbaum kahl, schälte ihn ab und warf ihn hin, dass seine Zweige weiß dastehen.

             Es gibt immer Leute, die sich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Die sich ihr Vergnügen nicht nehmen lassen, die heiter bleiben und dem Genuss zugewandt. An die wendet sich der Prophet. An die, die sich das Leben schön trinken und sich die Feierlaune nicht nehmen lassen wollen. „Nicht ungewarnt, aber unbekümmert verfallen sie dem Gericht.“ (M.Holland; aaO. S.27 ) Es gibt für sie ein böses Erwachen – der Genuss ist verdorben. Der Most ist alle. „Die Heuschrecken-Plage“ weiterlesen

Komm!

Jesaja 66, 15 – 24

15 Denn siehe, der HERR wird kommen mit Feuer und seine Wagen wie ein Wetter, dass er vergelte im Grimm seines Zorns und mit Schelten in Feuerflammen. 16 Denn der HERR wird durch Feuer die ganze Erde richten und durch sein Schwert alles Fleisch, und der vom HERRN Getöteten werden viele sein. 17 Die sich heiligen und reinigen für das Opfer in den Gärten dem einen nach, der in der Mitte ist, und Schweinefleisch essen, gräuliches Getier und Mäuse, die sollen miteinander weggerafft werden, spricht der HERR

            Das ist die Kehrseite.  „Jahwe kommt im Feuer. „Feuer“ ist in diesem Zusammenhang die verzehrende Macht, vor der kein Mensch bestehen kann.“ (H.J.Kraus, Das Evangelium des unbekannten Propheten, Jesaja 40 – 66, KBB, Neukirchen 1990, S.251) Nichts, wonach man sich sehnen würde. Heute fragen wir sofort: Hat hier nicht die Rachsucht das Wort? Aber hier ist nicht von der Vergeltung gegenüber irgendwelchen Feinden Israels die Rede. Sondern vom Richten der ganzen Erde und allen Fleisches. Gottes Gericht geht über alle.

              Ich höre das auch als ein Wort an die, die sagen: Wir sind doch noch einmal davon gekommen. Mehr noch: wir sind zurückgekehrt. Wir sind Gottes Neuanfang. Wer die Erfahrung der nationalen und religiösen Katastrophe hinter sich hat und zugleich ihre Folgen vor Augen, der wird wohl gar nicht anders können, als warnend zu sagen: Seid euch nicht sicher. Seid euch dessen bewusst, dass ihr vor Gott verantwortlich seid für euch, für eure Worte, für eure Taten und dass Gott nicht einfach großzügig fünf gerade sein lässt.

           Wieder komme ich zurück zu der Überlegung, die mich seit Tagen beschäftigt: Was richtet das bei uns an, dass wir nur noch von dem guten Gott reden, dem lieben Gott, dem Gott voller Erbarmen und Gnade? Braucht es die Rede vom Gericht, vom Zorn Gottes, damit wir die Botschaft von der Gnade und der Güte nicht verderben? In einem fiktiven Gespräch legt es der Autor Gott in den Mund: „Er habe das Böse geschaffen, weil er gedacht habe: Wie soll man das Gute erkennen, wenn es das Böse nicht gebe? Wie könne man den Tag begrüßen, wenn man die Nacht nicht habe? Wie sei es möglich, das Leben zu schätzen, wenn es den Tod nicht gebe?“( A. Hacke, Süddeutsche Zeitung Magazin Heft 48/2015)

         Es ist eine erschreckende Ahnung: Der verengte und einseitige Blick auf den gnädigen und gütigen Gott verdirbt die Gnade, macht die Güte gleichgültig, lässt die Treue achselzuckend zur Kenntnis nehmen: Na und? Es ist wohl wahr: So wie der nicht weiß, was Satt-sein ist, der den Hunger nie kennen gelernt hat, der nicht weiß, wie kostbar Gesundheit ist, der den Schmerz und die Krankheit nur vom Hörensagen kennt, so steht es auch um die, die vom Gericht Gottes nichts wissen. Erst vor der dunklen Folie des Gerichtes leuchtet das Erbarmen in seinem vollen Glanz, wird die Güte und Vergebung Gottes in ihrer Kostbarkeit geschmeckt.

       Nicht zuletzt deshalb: am Hellsten leuchtet die Gnade Gottes auf in die schrecklichen Zeichen des Kreuzes. Am Gekreuzigten. Er ist das Zeichen dafür, wie weit Gott in seiner Liebe geht. Bis zum Äußersten. Bis in das Dunkel des Gerichtes.

18 Ich kenne ihre Werke und ihre Gedanken und komme, um alle Völker und Zungen zu versammeln, dass sie kommen und meine Herrlichkeit sehen. 19 Und ich will ein Zeichen unter ihnen aufrichten und einige von ihnen, die errettet sind, zu den Völkern senden, nach Tarsis, nach Put und Lud, nach Meschech und Rosch, nach Tubal und Jawan und zu den fernen Inseln, wo man nichts von mir gehört hat und die meine Herrlichkeit nicht gesehen haben; und sie sollen meine Herrlichkeit unter den Völkern verkündigen.

            Man spürt sofort die Spannung zum unmittelbar zuvor Gesagten. Da ist vom Weltgericht die Rede, hier aber vom Sammeln, vom Sehen der Herrlichkeit Gottes, von Retten und Geretteten auch. „Der hier spricht, sagt damit: Das Kommen Gottes zum Weltgericht ist nicht der letzte Akt.“ (C.Westermann, Das Buch Jesaja 40 – 66, ATD 19., Göttingen 1966, S.337)

               Zu der zeitlichen Erweiterung tritt die gegenwärtige, räumliche Erweiterung. Es ist zu klein gedacht von Gott, wenn Israel exklusiv als das Volk Gottes gesehen wird. Es ist zu klein gedacht von diesem versprengten Haufen im Jerusalem, wenn er nur sich selbst irgendwie neu organisieren soll. Die Sammelaktion Gottes wird ausgeweitet auf die Völker. Bis zu den fernen Inseln. „Komm!“ weiterlesen

Fülle aus Gott

Jesaja 66, 5 – 14

5 Hört des HERRN Wort, die ihr erzittert vor seinem Wort: Es sprechen eure Brüder, die euch hassen und verstoßen um meines Namens willen: »Lasst doch den HERRN sich verherrlichen, dass wir eure Freude mitansehen«, – doch sie sollen zuschanden werden. 6 Horch, Lärm aus der Stadt! Horch, vom Tempel her! Horch, der HERR vergilt seinen Feinden!

             „Der Gott der Propheten und unser Gott ist kein „lieber Gott“, Wohl wird es einmal von ihm heißen, dass er „die Liebe“ ist; aber ein „lieber Gott“ ist er nicht. Nein, nein. Nein.“ (R. Bohren, Prophet in dürftiger Zeit, Auslegungen von Jesaja 56 – 66, Neukirchen 1969, S. 164) Die vor ihm, vor seinem Wort  zittern, die wissen das. Sie wissen, dass sie auf Gottes Fragen nicht eines antworten können. „Siehe, ich bin zu gering, was soll ich antworten? Ich will meine Hand auf meinen Mund legen. Einmal hab ich geredet und will nicht mehr antworten, ein zweites Mal geredet und will’s nicht wieder tun.“ Hiob 40,4-5) So steht es um den Menschen vor Gott, wenn er seine eigene Situation unverhüllt sieht.

             Es hat ihn immer schon gegeben, den hasserfüllten Blick auf Israel, auf Jerusalem, auf das Volk Gottes. Als da dieser kümmerliche Haufen aus dem Exil zurück kehrt, da sind die Völker ringsum auf dem Plan, ihnen das Leben schwer zu machen, sie daran zu erinnern: Ihr habt die Treue eures Gottes verspielt. Und diese Feinde haben ja Recht. Was Israel erlitten hat im Untergang und im Exil, das hat es selbst über sich gebracht, das ist die Folge seiner Schuld.

              Doch es ist noch bedrängender. Es geht nicht nur um gehässige Feinde von außen. Durch das Volk geht ein Riss. Haus an Haus wohnt man beieinander und ist doch durch Welten getrennt. Gruppenbildungen in Israel. „Es ist bemerkenswert: Die Majorität der vom Wort Gottes abgewandten „Bruder“ stößt die Minorität, die „vor den Wort Jahwes erzittert“, aus.“ (H.J.Kraus, Das Evangelium des unbekannten Propheten, Jesaja 40 – 66, KBB, Neukirchen 1990, S. 248) Später wird das Wort, das die Lutherbibel mit „verstoßen“ übersetzt, „im Talmud zum Terminus technicus für die Ausstoßung aus der Synagoge.“ (H.J.Kraus, ebda.)

               Es kann Angst machen: Im Volk Gottes sind die in der Minderheit, von der Ausstoßung durch die Mehrheit bedroht, denen es ernst ist mit dem Wort Gottes. Luther hat es Zeit Lebens geglaubt, dass die „wahre Kirche“ eine Kirche ist, die bedrängt ist, die angefeindet wird, die eben nicht jedermanns Liebling ist.  Es ist ein kurzer Schritt zu der Einsicht: „Wer Gottes Wort ablehnt, lehnt auch die ab, die dieses Wort Gottes ernst nehmen. Der Gotteshaß der Abtrünnigen ist natürlich keine Gottesleugnung, er ist vielmehr der radikale Zweifel an dem, was Gott durch seinen Boten ankündigte.“ (D. Schneider, Der Prophet Jesaja, 2. Teil; Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1990, S.329)    „Fülle aus Gott“ weiterlesen

Gott – nicht zu fassen

Jesaja 66, 1 – 4

1 So spricht der HERR: Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel meiner Füße! Was ist denn das für ein Haus, das ihr mir bauen könntet, oder welches ist die Stätte, da ich ruhen sollte? 2 Meine Hand hat alles gemacht, was da ist, spricht der HERR.

             Hier klingt die alte Kritik wieder an, die schon vor dem Bau des ersten Tempels zu hören war. Wer Gott einen Tempel bauen will, der muss wissen, das kein Haus und kein Herz Gott zu fassen vermag. Und die Kritik ist noch einmal schärfer, weil ja da die Trümmer des zerstörten Tempels zu sehen sind.

           Es ist zugleich eine Warnung: Bildet euch nicht ein, ihr könntet durch einen Tempel-Neubau Gottes habhaft werden. „Man wird wohl davon ausgehen können, dass in der nachexilischen Gemeinde nicht nur der Neubau des Jerusalemer Tempels gefordert wurde, sondern dass der Wiederaufbau forciert wurde mit der Parole: Nur dann kann das eschatologische Heil ausbrechen, wenn der Tempel wieder errichtet ist.“ (H.J.Kraus, Das Evangelium des unbekannten Propheten, Jesaja 40 – 66, KBB, Neukirchen 1990, S.245) Diesen Stimmen tritt der Prophet entgegen mit dem Spruch des HERRN.

              Ich lese dieses Worte weiter als eine Warnung über alle Zeiten hinweg, auch an uns. Bildet euch nicht ein, ihr könntet Gott in irgendein Gebäude einsperren, das ihr ihm errichtet – ob es das Gebäude eures frommen Lebens ist, eurer selbst gemachten Gerechtigkeit, eurer so richtigen Theologie. Der Schöpfer des Himmels und der Erde ist nicht angewiesen auf Tempel, auf Gotteshäuser, auf Wohnorte, die Menschen ihm anweisen, auf Herrgottswinkel und Gebets-Kämmerchen, Häuser der Stille, die wir ihm zugestehen. „Gott – nicht zu fassen“ weiterlesen

Wovon ich träume

Jesaja 65, 17 – 25

17 Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.

            Es ist Gott, der HERR, Jahwe, der durch seinen Propheten sagt: Ich will. Daran hängt alles. Daran, dass er, der sagt „ich will“ auch wirklich kann, was er will. Es ins Werk setzt. Das ist die Bastion des Glaubens. Dass Gott keine leeren Worte macht, nicht nur schöne Sprüche produziert. Was hier von Gott her angesagt wird, ist ein neuer Schöpfungsakt. Der Schöpferwille Gottes hat sich nicht „im Anfang“(1. Mose 1,1)erschöpft. Es ist ein Schöpferakt, der keine Reparatur ist, sondern wirklich neu. Schaffen – bārā᾽ – wie im Anfang. Ein Wort, das ausschließlich für das Schaffen Gottes verwendet wird, nie für das der Menschen.  Wir Menschen können nicht wirklich einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen. Bei uns kommt immer wieder das alte Strickmuster durch.

            „Er erneuert (mchadésch) in Seiner Güte jeden Tag das Werk des Anfangs. Was erneuert wird, gilt gleichsam als neu geschaffen.“ (R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen, Bd. 2, Stuttgart 1987, S.218 )

            In diesem kurzen Satz steckt auch das: Die Neuschöpfung Gottes ist keine Rückkehr zum Anfang. Keine Wiedereröffnung des Paradiesgartens, als hätte es keine Geschichte von Leid und Schuld, auch keine Geschichte von Kunst und Kultur gegeben. Darum wird der Blick auch hoffnungsvoll nach vorne gerichtet. Gott ist kein Freund von Restaurationen. Es lohnt nicht, das Herz an das Vorige zu hängen. Nur wer keine Zukunft glaubt, für sich nicht und die Welt nicht, der wird nicht anders können, als restaurativ zu denken und zu handeln. Provokativ gesagt: Weltkulturerbe statt Hoffnung.

            Auch das ist wichtig – dieses Worte beziehen sich alle zuerst auf Israel, auf das Volk, das aus dem Exil zurück kehrt: „Neu, gereinigt von den Schlacken des Exils, der Schuld und des Versagens steht Israel unter dem neuen Himmel – mit der gegenwärtige Generation auch die zukünftigen Geschlechter.“(R. Gradwohl, aaO.; S.219)  Erst wenn man das wirklich akzeptiert, darf man diese Worte auch ausdehnen auf alle, auch auf die aus den Heiden. So wie es der Seher Johannes erschaut: Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. (Offenbarung 21,1-2) Wie nah sind diese Worte an den uralten Worten des Propheten.

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