Klagebank – Anklagebank und geschenkter Neuanfang

Klagelieder 3, 34 – 66

34 Wenn man alle Gefangenen auf Erden unter die Füße tritt 35 und eines Mannes Recht vor dem Allerhöchsten beugt 36 und eines Menschen Sache verdreht, – sollte das der Herr nicht sehen? 37 Wer darf denn sagen, dass solches geschieht ohne des Herrn Befehl 38 und dass nicht Böses und Gutes kommt aus dem Munde des Allerhöchsten?

   So kann man sich vorkommen, wenn die Menschenrechte verletzt werden, wenn man ohne jeden Schutz dem übermächtigen Feind ausgeliefert ist: Wie unter einem verschlossenen, bleiernen Himmel. Da ist keiner, der hört, keiner, der sieht, keiner, der Anteil nimmt. Das will der Beter des Klageliedes nicht mehr akzeptieren. Er ringt sich zu einer Einsicht durch, vor der bis heute viele zurückschrecken: „Die Fäden von allem, was dem Menschen widerfährt, Freude wie Leid, Glück wie Unglück, laufen in Gottes Hand zusammen.“ (C-D. Stoll, aaO. S.108) Schon Amos hatte viel früher gesagt:Ist etwa ein Unglück in der Stadt, das der HERR nicht tut?(Amos 3,6)

             Die frommen Versuche, Gott zu entlasten von dem Bösen, Schweren, dem Unheil, das geschieht, scheitern. Sie scheitern auch an der herben Botschaft des Jeremia. Am Klagelied:  Wer darf denn sagen, dass solches geschieht ohne des Herrn Befehl und dass nicht Böses und Gutes kommt aus dem Munde des Allerhöchsten? Es ist mit der Bibel nicht zu machen: Das Böse in der Welt wird dem Satan angelastet. Wenn man so will: Seine Handlungsfreiheit ist immer nur das Zugeständnis des Stärkeren, Gottes.

 39 Was murren denn die Leute im Leben? Ein jeder murre wider seine Sünde!

Umgekehrt gilt aber auch: Es scheitert auch die heutige Variante: was gut geht in der Welt, das haben wir gemacht. Wir sind die Guten. Aber wo etwas schief geht, da hat „der liebe Gott gepennt.“ Seine Hausaufgaben nicht gemacht. Der Versuch, sich zulasten Gottes als Menschen aus der Verantwortung zu stehlen, scheitert gleichfalls, eindrucksvoll bestätigt durch Jeremia, auch durch die Klagelieder. Es ist unsere Schuld, dass es in der Welt zugeht, wie es zugeht. Es ist immer wieder unser Tun, das uns in unserem Ergehen einholt. „Klagebank – Anklagebank und geschenkter Neuanfang“ weiterlesen

Aus den Tiefen der Angst

Klagelieder 3, 1 – 33

1 Ich bin der Mann, der Elend sehen muss durch die Rute des Grimmes Gottes.

             Nicht mehr die Stadt, nicht mehr die junge Frau. Ein Einzelner, ein Mann hat hier das Wort. „Was Stadt und Volk als Ganzes durchgemacht haben, wird nun am Beispiel eines bestimmten Menschen anschaulich, der offenbar als Soldat an vorderster Front gestanden hatte.“(C-D. Stoll, aaO. S.99) Es ist aber auch möglich, in diesen Worten den Propheten, Jeremia, zu hören. Denn was er hier sagt, passt zu seiner Botschaft, die ihm aufgetragen war: Das Elend Israels ist die Folge des Grimmes Gottes.

 2 Er hat mich geführt und gehen lassen in die Finsternis und nicht ins Licht. 3 Er hat seine Hand gewendet gegen mich und erhebt sie gegen mich Tag für Tag. 4 Er hat mir Fleisch und Haut alt gemacht und mein Gebein zerschlagen.  5 Er hat mich ringsum eingeschlossen und mich mit Bitternis und Mühsal umgeben. 6 Er hat mich in Finsternis versetzt wie die, die längst tot sind. 7 Er hat mich ummauert, dass ich nicht herauskann, und mich in harte Fesseln gelegt.

            Er, er, er. Nicht mehr das vertrauensvolle Du. Keine Anrede an Gott. Sondern ein Klagen, das doch kein Lamentieren ist. Denn in diesen Worten ist die Einsicht ausdrücklich, dass es kein blindes Schicksal ist, nicht die anonyme Macht irgendwelcher Götter, sondern er. Der HERR. Jahwe. Gott. Es ist nicht einfach: mitgehangen, mitgefangen. Man muss das Schicksal des Volkes eben teilen und wird mit in das Elend gezogen. „Was er als persönliche Leid erfahren musste, liegt auf der gleichen Ebene wie das, was er als gemeinsames Leid beklagt hat.“ (A. Weiser, aaO. s. 336) Vorsichtig formuliert: Es ist auf das persönliche Geschick angewendet, was der Prophet glaubt: Jahwe ist der Herr der Geschichte und der, von dem jedes einzelne Leben seinen Weg empfängt. Nicht als stummes Fatum, nicht blind. Sondern im wahrsten Sinn des Wortes als Zumutung. Es ist Gott, der ihm diesen Weg zumutet.

            Er hat eingeschlossen, eingeschnürt, ins Eisen, in Fesseln gelegt. Eingemauert. Es sind die Strafmethoden der Assyrer, mit denen sie Gefangene zu Tode quälten. Foltermethoden, an denen es keinen Mangel hat und die von Sieger zu Sieger regelrecht „vererbt“ werden. Wehe den Besiegten. Das alles legt der Beter Gott zur Last. Ob das noch sein „guter Gott“ ist? Es wirkt, als ginge der Beter auf Distanz. Weil Gott sich zuvor distanziert hat von ihm und seinesgleichen – weil er aus dem Du zum Er geworden ist. „Aus den Tiefen der Angst“ weiterlesen

DerSchmerz hat das Wort

Klagelieder 1, 1 – 22

 Es wird wohl zutreffend sein: „Regelmäßig haben die Überlebenden sich in Trümmern zusammengefunden, auch als immer wieder feindliche Soldaten die Ruinen und unzerstörten Häuser durchkämmten und nach den Vornehmen und Waffenfähigen suchten, auch an Frauen und Kindern ihren Mutwillen trieben. Sie haben es miterlebt, wie Stadt und Tempel vollständig eingerissen wurden… All das hat sich in den Klagegesängen niedergeschlagen. Es lebt dort so unmittelbar auf, dass Vergangenheit und Gegenwart nicht auseinander zu halten sind. So ist die Abfassung der Klagelieder in dieser Zeitspanne von ungefähr zwei Monaten nach Einnahme und Zerstörung der Stadt anzusetzen.“ (C-D. Stoll, Die Klagelieder, Wuppertaler Studienbibel AT 7, Wuppertal 1986, S.23)

 Im ursprünglichen hebräischen Text heißt das Buch einfach nur „Klagelieder“ – qinot –  während der Name Jeremia erst in der griechischen Übersetzung der Septuaginta zugewachsen ist, aus einem Wort vor dem ersten Vers, wie er in den Bibelausgaben heute steht: „Es geschah, nachdem Israel gefangen geführt und Jerusalem verwüstet worden war, da setzte sich Jeremia weinend nieder und beklagte Jerusalem mit diesem Klagelied und sprach…“ Diese Zuweisung ist nicht aus der Luft gegriffen, hat doch der Prophet den Schmerz des Untergangs mit getragen und hat er auch darunter gelitten, dass Gott ihm die Fürbitte für die so störrische Stadt untersagt hatte. So bleibt ihm jetzt nur noch die Klage.

1 Wie liegt die Stadt so verlassen, die voll Volks war! Sie ist wie eine Witwe, die Fürstin unter den Völkern, und die eine Königin in den Ländern war, muss nun dienen. 2 Sie weint des Nachts, dass ihr die Tränen über die Backen laufen. Es ist niemand unter allen ihren Liebhabern, der sie tröstet. Alle ihre Freunde sind ihr untreu und ihre Feinde geworden.

             Das erste Wort: Ach. Was für ein Schmerz. Verlassen. Leer. Nur noch eine tote Hülle. Aus einer strahlenden Stadt, einer Fürstin unter den Völkern, einer Königin in den Ländern ist ein Trümmerhaufen geworden. Eine Witwe, um die sich keiner mehr sorgt, die auch keiner tröstet. Die früher um sie geworben haben, haben sich alle abgekehrt. In den Liebhabern sind sicher die Verbündeten einer gescheiterten Politik gemeint, aber zugleich auch die, die Jerusalem zur Untreue gegen Gott gelockt haben, zum Götzendienst mit fremden Gottheiten.    Alle sind sie weg. Es ist diese Fallhöhe – einst der Wohnort Gottes und jetzt menschenleer – und Gott weit weg.

           „Das unvorstellbare Elend der unter Belagerung, dem Hunger und der Gewalttätigkeiten feindlicher Soldaten leidenden Bevölkerung, das in schmerzdurchzitterter Erinnerung an erschütternde Einzelschicksale und grauenvolle Szenen in der Klage immer wieder durchbricht, ist nicht der einzige Grund trostloser Niedergeschlagenheit im Volk.“ (A. Weiser, Klagelieder, ATD 16, Göttingen 1967, S. 302) Es ist der Gegensatz, der beklagt wird. Die glanzvolle Vergangenheit und das grauenhafte Elend jetzt. Worte aus dem Sprachmuster der Totenklage. Der Schmerz hat das Wort. „DerSchmerz hat das Wort“ weiterlesen

Lasss Dir genügen

Jeremia 45, 1 – 5

 1 Dies ist das Wort, das der Prophet Jeremia zu Baruch, dem Sohn Nerijas, redete, als er die Worte, wie Jeremia sie ihm sagte, auf eine Schriftrolle schrieb, im vierten Jahr Jojakims, des Sohnes Josias, des Königs von Juda:

             Das gehört an eine andere Stelle – in eine andere Zeit und an einen anderen Ort. Es ist die Zeit vor 597 und es ist doch wohl in Jerusalem, wo dieses Wort ergeht. Die Frage ist: Warum steht es hier? Gibt es auch in Tachphanes keinen anderen Trost als es ihn in Jerusalem gegeben hat?

 2 So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels, über dich, Baruch: 3 Du sprichst: Weh mir, wie hat mir der HERR Jammer zu meinem Schmerz hinzugefügt! Ich seufze mich müde und finde keine Ruhe. 4 Sage ihm: So spricht der HERR: Siehe, was ich gebaut habe, das reiße ich ein, und was ich gepflanzt habe, das reiße ich aus, nämlich dies mein ganzes Land. 5 Und du begehrst für dich große Dinge? Begehre es nicht! Denn siehe, ich will Unheil kommen lassen über alles Fleisch, spricht der HERR, aber dein Leben sollst du wie eine Beute davon bringen, an welchen Ort du auch ziehst.

   Baruch scheint geklagt zu haben. Sich vor dem HERRN beschwert zu haben, seiner Angst Luft gemacht zu haben Schreiber sind nicht unbedingt und von Berufs wegen tapfere Leute. Die Schreibfeder ist kein Schwert. Baruch macht in seinen Worten den Eindruck, nicht damit fertig geworden zu sein, wie sich die Situation seines Lebens mehr und mehr verschlechtert.  „Sein „Weh mir“, ein Klageruf aus der Totenklage, nimmt die schrecklichen Leiden, die im Tod enden werden, vorweg.“ (R. Then, aaO. S. 141) Tröstet das wirklich, wenn ich um mich herum nur Untergang sehe und mir dann sagen lassen muss: Aber du bist ja noch da.

            Tröstet es in der Angst vor dem Untergang, dass dieses so herbe Bild Gottes gezeichnet wird: Siehe, was ich gebaut habe, das reiße ich ein, und was ich gepflanzt habe, das reiße ich aus, nämlich dies mein ganzes Land.  Einmal mehr tauchen die Stichworte aus der Berufung Jeremias auf – bauen und einreißen, pflanzen und ausreißen (1,10) „Lasss Dir genügen“ weiterlesen

Recht auf Flucht

Jeremia 43, 1 – 13  

1 Als Jeremia dem ganzen Volk alle Worte des HERRN, ihres Gottes, ausgerichtet hatte, wie ihm der HERR, ihr Gott, alle diese Worte an sie befohlen hatte, 2 sprachen Asarja, der Sohn Hoschajas, und Johanan, der Sohn Kareachs, und alle aufsässigen Männer zu Jeremia: Du lügst! Der HERR, unser Gott, hat dich nicht zu uns gesandt und gesagt: »Ihr sollt nicht nach Ägypten ziehen, um dort zu wohnen«, 3 sondern Baruch, der Sohn Nerijas, beredet dich zu unserm Schaden, damit wir den Chaldäern übergeben werden und sie uns töten oder nach Babel wegführen.

 Solange uns die Worte Gottes gefallen, ist es nicht schwer, sie anzunehmen. Wenn sie aber den eigenen Gedanken und Wünschen nicht entsprechen, kommen die Anfragen: „Das sagst doch Du. Das ist ein Interessen-geleitetes Wort. Das ist nicht Gott, der dir das gesagt hat. Du lässt dich instrumentalisieren.“ So klingt es Jeremia entgegen. „Der Verdacht der Lügenprophetie reißt bis zum Ende der Wirksamkeit des Jeremia nicht ab.“(R. Then, aaO.  S.136) So bekommt es auch heute der zu hören, der quer liegt mit seinen „Gottesworten.“ Die Unterstellung an Jeremia: Du bist das Sprachrohr des Baruch. Und du willst nur, dass wir den Weg der Exilanten gehen müssen – nach Babel.

4 Da gehorchten Johanan, der Sohn Kareachs, und alle Hauptleute des Heeres samt dem ganzen Volk der Stimme des HERRN nicht, dass sie im Lande Juda geblieben wären,  5sondern Johanan, der Sohn Kareachs, und alle Hauptleute des Heeres nahmen zu sich alle Übriggebliebenen von Juda, die von allen Völkern, wohin sie geflohen, zurückgekommen waren, um im Lande Juda zu wohnen, 6 nämlich Männer, Frauen und Kinder, dazu die Königstöchter und alle Übrigen, die Nebusaradan, der Oberste der Leibwache, bei Gedalja, dem Sohn Ahikams, des Sohnes Schafans, gelassen hatte, und auch den Propheten Jeremia und Baruch, den Sohn Nerijas. 7 Und sie zogen nach Ägyptenland, denn sie wollten der Stimme des HERRN nicht gehorchen, und kamen nach Tachpanhes.

 Sie gehorchen der Stimme des HERRN nicht. Sie gehen ihren Weg. Sie folgen ihrem Herzen oder muss ich genauer sagen: ihren Ängsten? Die einen führen, die anderen gehen freiwillig mit – und einige müssen mit, ob sie wollen oder nicht. So Baruch und Jeremia. Sie werden alle sorgfältig aufgezählt, wie schon früher: nämlich Männer, Frauen und Kinder, dazu die Königstöchter und alle Übrigen, die Nebusaradan, der Oberste der Leibwache, bei Gedalja, dem Sohn Ahikams, des Sohnes Schafans, gelassen hatte.

 Tachphanes soll der Ort sein, an dem sie sicher sind, an dem sie die Angst verlieren können. Wer wollte nicht gerne so einen sicheren Ort finden, unter den Sicherheitsschirmen einer Großmacht? Die Fluchtbewegungen unserer Tage geben doch Zeugnis davon, wie sehr Menschen nach solchen Schutzorten und solcher Geborgenheit suchen. „Recht auf Flucht“ weiterlesen

Flüchten oder Standhalten

Jeremia 42, 1 – 22

 1 Da traten herzu alle Hauptleute des Heeres, Johanan, der Sohn Kareachs, Asarja, der Sohn Hoschajas, samt dem ganzen Volk, Klein und Groß, 2 und sprachen zum Propheten Jeremia: Lass doch unsere Bitte vor dir gelten und bete für uns zum HERRN, deinem Gott, für alle diese Übriggebliebenen – denn leider sind wir von vielen nur wenige übrig geblieben, wie du mit eigenen Augen siehst -, 3 dass der HERR, dein Gott, uns kundtun wolle, wohin wir ziehen und was wir tun sollen.

             Jetzt erst erfährt man als Leser: Jeremia ist unter denen, die in der Herberge Kimhams bei Bethlehem den Weg nach Ägypten antreten wollen. Er war bei Gedalja und ist dem Morden entgangen. Er war mitverschleppt in Richtung der Ammoniter und ist befreit worden.  Jetzt steht er unter denen, die von Furcht besetzt nach einem Weg suchen. Den Hauptleuten und dem Volk.

         Was ist das für eine Formulierung: Der Herr, dein Gott. Ist er nicht auch ihr Gott? Wie viel Distanz wird schon in der Frage spürbar. Wollen sie das wirklich wissen? Wollen sie dem Wort, das Jeremia für sie empfangen könnte, wirklich gehorchen? Sie legen sich fest: Der HERR, dein Gott, wolle uns kundtun, wohin wir ziehen und was wir tun sollen. Haben sie die Lektion gelernt aus dem Untergang? Fangen sie an zu glauben: Der Gehorsam gegen Gott eröffnet Wege. Es sind die Führer eines verzweifelten Haufens, die so fragen. Und vielleicht ist es ja so: Jede Antwort ist besser als nichts.

 4 Und der Prophet Jeremia sprach zu ihnen: Wohlan, ich will gehorchen. Siehe, ich will zum HERRN, eurem Gott, beten, wie ihr gesagt habt, und alles, was euch der HERR antworten wird, das will ich euch kundtun und will euch nichts vorenthalten. 5 Und sie sprachen zu Jeremia: Der HERR sei ein zuverlässiger und wahrhaftiger Zeuge wider uns, wenn wir nicht alles tun werden, was uns der HERR, dein Gott, durch dich befehlen wird. 6 Es sei Gutes oder Böses, so wollen wir gehorchen der Stimme des HERRN, unseres Gottes, zu dem wir dich senden, auf dass es uns wohlgehe, wenn wir der Stimme des HERRN, unseres Gottes, gehorchen.

            Das ist eine Selbstbindung, die sie hier eingehen. Und auch sprachlich verändert sich einiges – dein Gott – euer Gott – unser Gott.  Ihre Bitte um Wegweisung ist eindringlich. „Und Jeremia lehnt nicht ab; denn Gott gibt ihnen allen noch einmal eine Chance.“ (D. Schneider, aaO.  S.324) Es ist eine Selbstbindung, die an die Worte des Landtags von Sichem erinnert. Auch da die Mahnung: Wisst ihr auch, was ihr sagt und die Antwort: „Josua sprach zum Volk: Ihr seid Zeugen gegen euch selbst, dass ihr euch den HERRN erwählt habt, um ihm zu dienen. Und sie sprachen: Ja!“ (Josua 24,22) Jeremia erinnert sie deutlich: Ich frage den Gott, der euer Gott ist. – Und ihr werdet antworten müssen. Durch euer Tun. Dann kommt es – widerstrebend? – wir wollen der Stimme des Herrn, unseres Gottes, gehorchen. Wer so spricht, bindet sich selbst – so wie früher eben Josua, einem zögerlichen Volk gegenüber: „Ich aber und mein Haus wollen dem HERRN dienen.“(Josua 24,16) „Flüchten oder Standhalten“ weiterlesen

Nichts ist mehr heilig

Jeremia 41, 1 – 18

1 Aber im siebenten Monat kam Jischmael, der Sohn Netanjas, des Sohnes Elischamas, aus königlichem Stamm, einer von den Obersten des Königs, und zehn Männer mit ihm zu Gedalja, dem Sohn Ahikams, nach Mizpa und sie aßen dort in Mizpa miteinander. 2 Und Jischmael, der Sohn Netanjas, erhob sich samt den zehn Männern, die bei ihm waren, und sie erschlugen Gedalja, den Sohn Ahikams, des Sohnes Schafans, mit dem Schwert, weil ihn der König von Babel über das Land gesetzt hatte. 3 Auch erschlug Jischmael alle Judäer, die bei Gedalja waren in Mizpa, und die Chaldäer, die dort waren, sämtliche Kriegsleute.

            Was für eine verworrene Geschichte.  Warum geschieht das alles? „Kaum zwei Monate war Gedalja Statthalter, da fiel er durch Mörderhand.“ (A. Weiser, aaO. S.355) Der Text schweigt sich über die Motive des Jischmael aus. Er ist ein Davidide, aus dem Königsgeschlecht. Ist also das der Grund, dass er Gedalja, dem Statthalter der Chaldäer, seine Position neidet? Will er den Wiederaufbau hintertreiben, weil er eine andere Sicht hat? Soviel steht fest: „Der Mord an Gedalja hat weitreichende Folgen. Er bedeutet den Zusammenbruch des verheißungsvoll begonnen Wiederaufbaus des neuen Gemeinwesens.“(A. Weiser, ebda.) Es ist ein gefährliches Spiel und nicht nur ein innerjüdischer Konflikt. Er bringt auch alle Chaldäer mit um, die bei Gedalja waren. Das hat den Geschmack von Aufstandsversuch gegen die Besatzung.

4 Am andern Tage, nachdem Gedalja erschlagen war und es noch niemand wusste, 5 kamen achtzig Männer von Sichem, von Silo und von Samaria und hatten die Bärte abgeschoren und ihre Kleider zerrissen und sich wund geritzt und trugen Speisopfer und Weihrauch mit, um es zum Hause des HERRN zu bringen. 6 Und Jischmael, der Sohn Netanjas, ging heraus von Mizpa ihnen entgegen, ging und weinte. Als er nun an sie herankam, sprach er zu ihnen: Ihr sollt zu Gedalja, dem Sohn Ahikams, kommen. 7 Als sie aber mitten in die Stadt kamen, ermordete sie Jischmael, der Sohn Netanjas, er und die Männer, die bei ihm waren, und warfen sie in die Zisterne. 8 Aber es waren zehn Männer darunter, die sprachen zu Jischmael: Töte uns nicht; wir haben Vorrat im Acker verborgen liegen an Weizen, Gerste, Öl und Honig. Da ließ er ab und tötete sie nicht mit den andern. 9 Die Zisterne aber, in die Jischmael die Leichname der Männer warf, die er erschlagen hatte samt dem Gedalja, ist die, welche der König Asa hatte anlegen lassen im Krieg gegen Bascha, den König von Israel. Die füllte Jischmael, der Sohn Netanjas, mit den Erschlagenen.

            Jetzt wird es völlig unverständlich. Der alte Kultbrauch der Wallfahrt nach Jerusalem zum Herbstfest, das als das große Jahresfest Jahwes galt, wurde von Angehörigen des ehemaligen Nordreiches noch gepflegt.“(A. Weiser, aaO. S.356) Unter diesen Pilgern richtet Jischmael ein Blutbad an. Dieser Mord an den Pilgern riecht nach Blutrausch. Sie sind auf dem Weg nach dem zerstörten Jerusalem, keine Gefahr für Jischmael. Wahrscheinlich wissen sie auch nichts von dem Geschehen in Mizpa – und werden unschuldig Opfer eines Menschen, der keine Skrupel kennt. Zehn von ihnen retten ihr Leben, indem sie ihm ihre Vorräte übergeben. „Nichts ist mehr heilig“ weiterlesen

Der Weg wird steinig sein,

Jeremia 40, 1 – 16

1 Dies ist das Wort, das vom HERRN geschah zu Jeremia, als ihn Nebusaradan, der Oberste der Leibwache, losließ in Rama, wo er ihn gefunden hatte; denn er war auch, mit Fesseln gebunden, unter allen Gefangenen aus Jerusalem und Juda, die nach Babel weggeführt werden sollten. 2 Als nun der Oberste der Leibwache Jeremia hatte zu sich holen lassen, sprach er zu ihm: Der HERR, dein Gott, hat dies Unglück über diese Stätte vorhergesagt 3 und hat’s auch kommen lassen und getan, wie er geredet hat; denn ihr habt gesündigt wider den HERRN und seiner Stimme nicht gehorcht; darum ist euch solches widerfahren.

            Ein großer Feldherr und ein kleiner Kriegsgefangener – größer kann der Kontrast kaum sein. Einer, der Tausende kommandiert und der andere, der gebunden in der Reihe derer steht, die auf ihren Abtransport ins Exil warten. Zu Fuß natürlich, ein paar tausend Kilometer weit. Der eine ein Sieger, der andere ein Jude, wie sie zu Tausenden gestorben sind beim Fall Jerusalems. Es wirkt realistisch: Unter dem großen Haufen der Gefangenen hat Nebusaradan den einen Gefangenen, Jeremia gefunden, in Rama. Es gab so etwas wie einen Suchauftrag: Findet Jeremia. Und der Auftrag hat Erfolg.

            Und dann aus dem Mund des Siegers Worte, wie sie der Prophet gesagt hatte. Er bekommt von dem heidnischen Sieger „Recht“: Dein Gott hat seine Stadt fallen lassen. Dein Gott hat die Sünde seines Volkes gestraft. Heißt das, dass Nebusaradan indirekt sagt: „Ich erkenne, dass unser Sieg Gabe dieses Gottes ist?“ Heißt das, dass da einer spürt: Wir hätten Jerusalem nicht erobern können, wenn es sich im Gehorsam und im Vertrauen in die Treue Gottes geborgen hätte? „Was die Judäer später in Babylon immer wieder reumütig bekennen müssen: Gott selbst hat uns in die Gefangenschaft geführt – ein Heide ist es, der es ihnen vorspricht.“ (D. Schneider, aaO.  S.315) 

Man muss das nicht zu gewichtig nehmen. Und doch: Ist das so etwas wie ein Gottesbekenntnis durch einen Heiden – schon im Alten Testament? Ähnliche Worte der Anerkennung des Gottes Israels findet sich im Mund des König Darius: „Das ist mein Befehl, dass man überall in meinem ganzen Königreich den Gott Daniels fürchten und scheuen soll. Denn er ist ein lebendiger Gott, der ewig bleibt, und sein Reich ist unvergänglich, und seine Herrschaft hat kein Ende. Er ist ein Retter und Nothelfer, und er tut Zeichen und Wunder im Himmel und auf Erden. Der hat Daniel von den Löwen errettet.“ (Daniel 6,27-28) Eine frühe Parallele zu dem römischen, heidnischen Hauptmann unter dem Kreuz Jesu? Eine Ausweitung: Gottes Wege in der Geschichte zu erkennen ist nicht Exklusivrecht der Juden, der Frommen? Manchmal sieht eine Heide mehr. „Der Weg wird steinig sein,“ weiterlesen

Das nackte Leben – bewahrt

Jeremia 39, 1 – 18

 1 Denn im neunten Jahr Zedekias, des Königs von Juda, im zehnten Monat kam Nebukadnezar, der König von Babel, und sein ganzes Heer vor Jerusalem und belagerten es. 2 Und im elften Jahr Zedekias, am neunten Tage des vierten Monats, brach man in die Stadt ein. 3 Und alle Obersten des Königs von Babel zogen hinein und hielten unter dem Mitteltor, nämlich Nergal-Sarezer, der Fürst von Sin-Magir, der Oberhofmeister, und Nebuschasban, der Oberkämmerer, und alle andern Obersten des Königs von Babel.

             „Nach eineinhalbjähriger Belagerung gelang es den Babyloniern im August des Jahres 587, in die Mauer, der durch die Hungersnot geschwächten Stadt eine Bresche zu legen, durch welche die Belagerer eindrangen.“ (A. Weiser, aaO. S.346) Der Einzug in die Stadt ist mehr ein Triumphzug als eine militärische Operation. Das zeigt sich schon n der Aufzählung der hohen Herrschaften bei den Chaldäern, die in die Stadt einziehen. Sie kämen nicht, nicht so offen, wenn die Lage nicht längst eindeutig geklärt wäre

 4 Als nun Zedekia, der König von Juda, und seine Kriegsleute das sahen, flohen sie bei Nacht zur Stadt hinaus auf dem Wege zu des Königs Garten durchs Tor zwischen den beiden Mauern und entwichen zum Jordantal hin. 5 Aber die Kriegsleute der Chaldäer jagten ihnen nach und holten Zedekia ein im Jordantal von Jericho und nahmen ihn gefangen und brachten ihn zu Nebukadnezar, dem König von Babel, nach Ribla, das im Lande Hamat liegt.

            Der König wird nicht zum heroischen Helden, der in der Schlacht fällt. „Offenbar war der Ring um die Stadt nicht ganz geschlossen, so dass der König Zedekia mit seiner Familie zunächst unbemerkt die Stadt verlassen konnte.“(D. Schneider, aaO. S.314) Es passt zu diesem glücklosen König, dass die Flucht scheitert. Er und seine Leibwache werden im Jordantal gefangen gesetzt.  

 Der sprach das Urteil über ihn. 6 Und der König von Babel ließ die Söhne Zedekias vor seinen Augen töten in Ribla und tötete auch alle Vornehmen Judas.7 Aber Zedekia ließ er die Augen ausstechen und ihn in Ketten legen, um ihn nach Babel zu führen. 8 Und die Chaldäer verbrannten das Haus des Königs und die Häuser der Bürger und rissen die Mauern Jerusalems nieder.

            Das Ende der Verblendung ist Untergang und Blendung. Die Stadt Jerusalem fällt, ihre Mauern werden geschleift, ihre Häuser zerstört. Das letzte, was Zedekia sieht, ist die Hinrichtung seiner Söhne. Dann wird Zedekia geblendet. So, ein gebrochener, hilfloser Mann, wird er nach Babylon verschleppt. In welchem Dunkel er von nun an in Babylon lebt, mag ich mir kaum vorstellen – das innere Dunkel wird noch tausendmal schlimmer sein als das Dunkel der Augen. „Das nackte Leben – bewahrt“ weiterlesen

Aufgeben? Nie!

Jeremia 38, 14 – 28

 14 Und der König Zedekia sandte hin und ließ den Propheten Jeremia zu sich holen unter den dritten Eingang am Hause des HERRN. Und der König sprach zu Jeremia: Ich will dich etwas fragen; verbirg mir nichts! 15 Jeremia sprach zu Zedekia: Sage ich dir etwas, so tötest du mich doch; gebe ich dir aber einen Rat, so gehorchst du mir nicht. 16 Da schwor der König Zedekia dem Jeremia heimlich und sprach: So wahr der HERR lebt, der uns dies Leben gegeben hat: Ich will dich nicht töten noch den Männern in die Hände geben, die dir nach dem Leben trachten.

            Wieder sucht Zedekia den Kontakt zu dem Propheten. Wieder heimlich. Wenn man so will: am Hintereingang. „Offenbar fühlt sich der König in seinem eigenen Schloss nicht mehr sicher, dass er, um unbeobachtet zu sein, den Jeremia an den dritten Eingang des Tempels bestellt, wo für die Unterredung wohl ein besonderer Raum zur Verfügung stand.“(A. Weiser, aaO.  S.340)

             Wieder die Bitte um ein Wort. Doch nicht nur einen Rat des Propheten. Ratgeber hat Zedekia immer noch genug. Was er sucht, ist ein Wort Gottes. Spruch Jahwes. Zedekia – der König. Jeremia – der verfolgte Prophet. Wer ist hier der Starke? Wer ist hier der Abhängige? Jeremia jedenfalls macht sich über die Wankelmütigkeit des Zedekia nichts vor. Er weiß, dass dieser König Opfer seiner Stimmungen, seiner Ängste, seiner Ratgeber ist. Er weiß, dass seine Worte wie in den Wind gesprochen sein werden. Und dennoch lässt er sich rufen und fragen und steht Rede und Antwort.

            Das ist ein Lehrbeispiel für Geduld, für das lange Mitgehen, das den anderen nicht fallen lässt, obwohl es seine Schwäche überdeutlich sieht. Es ist leicht, bei klaren Menschen auszuhalten. Es ist unendlich schwer, bei Menschen zu bleiben und ihnen Solidarität zu zeigen, die heute so und morgen anders sind, die sich selbst im Weg stehen und die andere womöglich mitreißen in den eigenen Untergang. Wo ist die Grenze solcher Solidarität? Dieser Frage darf man um seiner selbst willen nicht ausweichen. „Aufgeben? Nie!“ weiterlesen