Christsein geht nicht ohne Kampf

1. Petrus 5, 8 – 14

8 Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. 9 Dem widersteht, fest im Glauben, und wisst, dass ebendieselben Leiden über eure Brüder und Schwestern in der Welt gehen.

Es ist der Blick in den Hintergrund der Welt, der hier sichtbar gemacht wird. Im Vordergrund agieren Menschen. Petrus aber sieht im Hintergrund den anderen Akteur – den Teufel. Den Widersacher – Gottes und der Menschen. Ἀντίδικος – der Widersacher vor Gericht. Es ist die Rolle, die ihm zukommt – Verkläger zu sein, Prozess-Gegner, der auflistet, was dem Beklagten fehlt, Schwachpunkte aufzeigt.

So wie es schon der Satan in der Hioberzählung tut: „Der Satan antwortete dem HERRN und sprach: Meinst du, dass Hiob Gott umsonst fürchtet?  Hast du doch ihn, sein Haus und alles, was er hat, ringsumher bewahrt. Du hast das Werk seiner Hände gesegnet, und sein Besitz hat sich ausgebreitet im Lande. Aber strecke deine Hand aus und taste alles an, was er hat: Was gilt’s, er wird dir ins Angesicht fluchen!(Hiob 1, 9-11) Es ist nicht das Anliegen des Petrus: Menschen verteufeln – aber sie, die die Christengemeinde bedrängen, verleumden, anklagen, die Christen in Ängste jagen, treiben das Geschäft des Gegenspielers Gottes.

Das ist keine Kleinigkeit, die Petrus hier anspricht. Keine Belanglosigkeit. Sondern hier ist Wachsamkeit und Widerstandskraft gefordert. Doch auch nicht zu viel Respekt. Seid nüchtern und wacht. Petrus ruft zum Widerstand auf – fest im Glauben. Das ist kein Aufruf zu einem vergeblichen Kampf. Wohl aber ein Aufruf zu einem Kampf, in dem sie nicht allein sind. Im Aufruf zum nüchternen Wachen steckt das Zutrauen: Ihr könnt das.

Christen stehen nicht alle an einer, der gleichen Front – aber es gibt Gemeinsamkeit in den Leiden und in den Kämpfen: Was ihr erfahrt, kennen die andern auch. Wir wissen aus den Märtyrerberichten des 2. Jahrhunderts: „Man teilte sich gegenseitig mit, was örtlich, regional vorgefallen war, um zu informieren, zu ermutigen und um den einzelnen in die Standhaftigkeit der Gemeinden einzubinden.“(N. Brox, aaO. S.239) Immer wieder dieser Hinweis: Ihr seid nicht die einzigen, die das erleben. Es ist ja die große Anfechtung: so wie ich zu leiden habe, so leidet sonst kein Mensch. „Christsein geht nicht ohne Kampf“ weiterlesen

Hirten sein – füreinander

1. Petrus 5, 1 – 7

1 Die Ältesten unter euch ermahne ich, der Mitälteste und Zeuge der Leiden Christi, der ich auch teilhabe an der Herrlichkeit, die offenbart werden soll:

Nach den vielen Worten an die ganze Gemeinde, aber auch an einzelne Gruppen, Männer, Frauen, Sklaven, wendet sich Petrus jetzt an die Ältesten. Πρεσβύτεροι. Die Presbyter. Sie sind, vermutlich auch nach Lebensjahren die Älteren, die, die die Gemeinde leiten sollen. „Für die Leitung der Gemeinde ist Reife des Alters und Reife in geistlicher Hinsicht nötig.“(U. Holmer, aaO. S.162) Sie sind sicherlich auch solche, die schon lange bei der Gemeinde dabei sind.

Es wirkt als eine Neuvorstellung ihnen gegenüber eher seltsam, wenn Petrus hervorhebt: ich, der Mitälteste und Zeuge der Leiden Christi. Es ist jedoch vielmehr ein Hinweis: Er steht sich mit ihnen auf eine Stufe, in eine gemeinsame Verantwortung. Weil es ihm um die Gemeinsamkeit geht, betont er auch, dass er ΜάρτυςZeuge der Leiden Christi ist. Das muss nicht meinen: Augenzeuge der Passion und auf Golgatha. Sondern: „Er steht wie die Adressaten und Adressatinnen in der Gemeinschaft der Leiden Christi(4,13) und ist wie sie ein Teilhaber der Herrlichkeit, die im Begriff ist, offenbart zu werden.“(T. Popp, aaO. S.400)

Weil er sich so mit ihnen im Leiden und der Hoffnung verbunden weiß, nimmt er sich heraus, sie zu ermahnen, zu ermutigen. Beides klingt im Wort παρακαλ an. Nicht die „Amtsautorität““ als „Apostel“ (1,1), sondern die gemeinsame Erfahrung stellt Petrus in den Vordergrund. Diese Gemeinsamkeit gibt ihm das Recht zu seinem Ermahnen. Mahnen und Ermutigen geht nicht aus der Distanz, nicht von oben herab, sondern es geht nur aus tiefer Verbundenheit heraus. „Hirten sein – füreinander“ weiterlesen

Gegenwind aushalten

1. Petrus 4, 12 – 19

12 Ihr Lieben, lasst euch durch das Feuer nicht befremden, das euch widerfährt zu eurer Versuchung, als widerführe euch etwas Fremdes, 13 sondern freut euch, dass ihr mit Christus leidet, damit ihr durch die Offenbarung seiner Herrlichkeit Freude und Wonne haben mögt.

Es wäre kein Wunder, wenn die Leser des Petrus irritiert wären: sie haben den Weg zum Glauben gefunden, weil sie eine Botschaft von Gottes Liebe, Gottes Gerechtigkeit, Gottes Rettungshandeln gehört haben. Weil ihnen Jesus als das Bild des menschenfreundlichen Gottes vor Augen gemalt worden ist. Aber Ergebnis ihres Schrittes zum Glauben ist der Widerspruch, die Feindseligkeit, die Fremdheit in ihrer Umwelt. Die Umwelt macht ihnen Feuer. Darum sind sie befremdet, irritiert, von Resignation bedroht. Die Gefahr ist wohl real: aus ihrem Befremden könnte Entfremdung werden, Abkehr vom Glauben. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil der Druck auf sie zu groß geworden ist.

Die Worte sind allerdings nicht zuerst Anklage gegen die Umwelt. πυρώσει πρὸς πειρασμὸν Es ist keine Verbrennung durch die bösen Heiden, die sei bedroht. Es ist vielmehr ein innerliches Verbrennen, weil es Versuchungen gibt, Anfechten müssten man wohl besser sagen. Den Bettel hinwerfen. Sich lossagen von der Gemeinde, weil es dann einfacher wird mit der gesellschaftlichen Akzeptanz durch die Umwelt.

Die erste Auskunft des Petrus: Das ist normal. Mit solchen Gedanke, die in einem wie Feuer brennen können, kennen sich all aus. „Alle, die fromm leben wollen in Christus Jesus, müssen Verfolgung leiden.“(2. Timotheus 3,12) So geht es allen in allen Gemeinden. Die zweite Antwort: Sie sind in ihrem Leiden mit dem leidenden Christus verbunden. κοινωνετε – ihr habt Anteil an seinen Leiden und damit an ihm. Das gehört unauflöslich zusammen. Es gibt die Gemeinschaft, κοινωνία, Koinonia, mit Christus, den Anteil an ihm nicht anders als in der Gemeinschaft mit seinem Leiden.

Es ist tröstlich, keine Vertröstung – diese Gemeinschaft mit dem Leidenden schließt das andere mit ein: wenn die Zeit kommt, in der seine Herrlichkeit offenbar wird, die Freude und Wonne der Erlösten. Das ist der Lohn der Leiden – und schon Paulus scheut sich nicht zu sagen: das lohnt die Leiden: „Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.“(Römer 8,18) „Gegenwind aushalten“ weiterlesen

Der Lebens-Wechsel

1. Petrus 4, 1 – 11

1 Weil nun Christus im Fleisch gelitten hat, so wappnet euch auch mit demselben Sinn; denn wer im Fleisch gelitten hat, der hat Ruhe vor der Sünde, 2 dass er hinfort die noch übrige Zeit im Fleisch nicht den Begierden der Menschen, sondern dem Willen Gottes lebe.

Es ist das Argumentations-Muster, das den ganzen Brief durchzieht: Wieder und wieder wird Christus als Beispiel, als Vorbild, als Muster angeführt. Dazu fordert Petrus seine Leser, dass sie sich ausrüsten, sich wappnen wie er, an seiner Gesinnung Anteil gewinnen. Das erfordert „Kampfbereitschaft“ – nicht gegen Menschen, wohl aber mit sich selbst. Das Leben der Christen gewinnt sein Maß, seine Richtung an Christus. Das ist eine Nachfolge im Leiden, aber zugleich auch ein Anteilgewinnen an seinem Überwinden. Wer so in Christus seinen Weg findet, der lässt die Sünde hinter sich.

Das Ziel dieser Kämpfe: Ruhe. Ein Zustand der Seele, in dem die Kämpfe ausgestanden sind. παύω – „zur Ruhe bringen, beendigen, aufhören machen“ (Gemoll, aaO. S. 585) Es wird nicht von ungefähr sein – dieses Zur Ruhe finden ist die große Verheißung, die das Handeln Gottes nach dem Richterbuch prägt. Israel auf dem Weg zur Ruhe, auf den Weg aus der Knechtschaft und der Angst – sieht Petrus für den Kampf mit der Sünde. Dieser Kampf ist nicht vergeblich und nicht für immer. Sinnlos, weil es keinen Sieg und kein Ende gibt.

Das erinnert an Formulierungen, wie sie Paulus um Zusammenhang seiner Sicht der Taufe findet: „Wir wissen ja, dass unser alter Mensch mit ihm gekreuzigt ist, damit der Leib der Sünde vernichtet werde, sodass wir hinfort der Sünde nicht dienen. Denn wer gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde. Sind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden, und wissen, dass Christus, von den Toten erweckt, hinfort nicht stirbt; der Tod kann hinfort über ihn nicht herrschen. Denn was er gestorben ist, das ist er der Sünde gestorben ein für alle Mal; was er aber lebt, das lebt er Gott.“(Römer 6, 6-10)

Es geht nie nur darum, ein Leben in der Annahme des Leidens zu lehren, sondern immer auch zu zeigen, dass das Leben in Christus über das Leiden hinaus führt. Dem Willen Gottes zu leben eröffnet die Perspektive der Ewigkeit. Die Taufe hat darin ihre lebenseröffnende Wirkung, dass sie diese Hoffnung schon in die Gegenwart hinein holt. „Der Lebens-Wechsel“ weiterlesen

So weit geht Christus

1. Petrus 3, 18 – 22

18 Denn auch Christus hat einmal für die Sünden gelitten, der Gerechte für die Ungerechten, damit er euch zu Gott führte, und ist getötet nach dem Fleisch, aber lebendig gemacht nach dem Geist.

Diese beiden Worte denn auch zeigen, dass die Sätze über Christus als eine Begründung für zuvor Gesagtes gedacht sind. Als Begründung für die Unausweichlichkeit des Leidens. „Der 1 Petrusbrief gibt zusammen mit dem gesamten Urchristentum (zumal mit Paulus) als Antwort: Denn auch Christus hat gelitten.“(N. Brox, aaO. S.164) Als Begründung aber auch dafür, dass sein Leben aus Gutes-Tun bestanden hat, dass es Wohltat war.

Ἅπαξ – einmal. Dieses Leiden liegt hinter ihm. Der Auferstandene leidet nicht mehr. Aber weil er einmal gelitten hat, weiß er,wie sich Leiden anfühlt. Mitleid allerdings ist ihm nicht fremd, nicht von seinem Weg durch die Zeit und auch nicht jetzt, im Himmel. Nur daran liegt Petrus schon: Die Christ*innen gehören nicht zu einem Gott, der immer ohnmächtig leidet, sondern zu dem Gott, der das Leiden auf sich genommen und es leidend überwunden hat. Ganz so, wie es Jesus nach dem Johannes-Evangelium sagt: „In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“(Johannes 16,33) Der auferstandene Christus hat das Leiden hinter sich gelassen – nicht vergessen, aber hinter sich gelassen.

Es kann sein, ist aber mit letzter Sicherheit nicht nachweisbar, dass Petrus hier überlieferte Sprachformeln verwendet. Aber die Worte klingen nicht wie eine Augenblicks-Formulierung, sondern eher wie geprägte Sprache. Wie sie in Bekenntnissen begegnet oder in liturgischen Stücken. So wirken auch die Wendungen der Gerechte für die Ungerechten und das anschließende er ist getötet nach dem Fleisch, aber lebendig gemacht nach dem Geist. „So weit geht Christus“ weiterlesen

Allezeit bereit

1. Petrus 3, 13 – 17

13 Und wer ist’s, der euch schaden könnte, wenn ihr dem Guten nacheifert? 14 Und wenn ihr auch leidet um der Gerechtigkeit willen, so seid ihr doch selig.

Ist das nur eine rhetorische Frage: Wer könnte euch schaden? Eine Frage, die auf eine steile Sicht des Paulus zurückgehen könnte: „Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht. Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja mehr noch, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und für uns eintritt. Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert?“(Römer 8, 31 – 35) Dabei ist es so: Die in diesem Brief angesprochen werden, machen täglich die Erfahrung, dass ihnen Schaden zugefügt wird, dass sie nicht unantastbar und unangreifbar sind. „Ihnen wird längst Böses angetan.“(N. Brox, aaO. S.157) Das kann man nicht schönreden, das darf man auch nicht verharmlosen.

Aber der Briefschreiber möchte seine Leute auch gar nicht über ihre Erfahrungen hinweg trösten. Er will nichts beschönigen. Er will sie allerdings dazu bringen, dass sie Böses nicht mit Bösem beantworten und dass sie so leben, „dass der Anlass für Übergriffe und Attacken seitens der Nichtchristen nicht schuldhaft bei den Christen liegen darf.“(N. Brox, ebda.) Nicht einmal den Hauch von Gründen sollen sie liefern, sondern immer dem Guten nachstreben. Sie sollen ζηλωτα „Zeloten“, Eiferer sein, wenn es um das Gute geht.

Es gehört zur Klugheit dieses Textes, dass das Gute, γαθόν, dem die Christen nacheifern sollen, nicht weiter präzisiert wird. Es gibt keine Katalog des Guten als Aufzählung: Gefangene besuchen, Nackte kleiden, Hungrigen das Brot teilen. Ob es nahe läge für Petrus, so eine Aufzählung zu geben? Vielleicht ist dem Schreiber bewusst, dass das Gute situationsabhängig ist. Für einen Christen, der abhängig ist, sieht es anderes aus als für den Christen, von dem andere abhängig sind. Für eine Frau anderes als für einen Mann. Für einen jungen Christen anders als für den, dessen Leben schon einen langen Weg hinter sich hat. Es ist ein Vertrauensvorschuss an die Leser*innen: Ihr werdet wissen, was in eurem Leben das Gute ist, dem ihr verpflichtet seid.

Darauf folgt kein Argument mehr, sondern eine Feststellung: Christen sind Menschen, die um der Gerechtigkeit willen leiden. Wenn man so will: das gehört zu ihrer DNA. Das ist die Kehrseite der Erwählung durch Gott – Ablehnung und Feindschaft in der Welt. Nahe an diesem Denken heißt es in den Abschiedsreden Jesu: „Wenn euch die Welt hasst, so wisst, dass sie mich vor euch gehasst hat. Wäret ihr von der Welt, so hätte die Welt das Ihre lieb. Weil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich euch aus der Welt erwählt habe, darum hasst euch die Welt. Gedenkt an das Wort, das ich euch gesagt habe: Der Knecht ist nicht größer als sein Herr. Haben sie mich verfolgt, so werden sie euch auch verfolgen; haben sie mein Wort gehalten, so werden sie eures auch halten.“(Johannes 15, 18-20) So über das Christsein zu denken, das gewissermaßen notwendig der Welt entfremdet und Feindschaft auslöst, ist also durchaus nicht exklusives Gedankengut des Petrus. „Allezeit bereit“ weiterlesen

Kein Echo werden

1. Petrus 3, 8 – 12

8 Endlich aber seid allesamt gleich gesinnt, mitleidig, brüderlich, barmherzig, demütig.

Der Satz wirkt wie eine Art Zwischenbilanz. Und weil er an alle gerichtet ist, Männer und Frauen, auch wie eine nachgeholt ausgesprochene Korrektur der einseitigen Aufforderung zur Unterordnung an die Frauen. Als hätte der Schreiber doch gespürt, dass seine Worte schief ankommen könnten, die Frauen in der Gemeinde kränken könnten. Alle, πάντες, sind gefordert zu einem Verhalten, das sich nach unten beugt, sich der Anderen annimmt.

Es ist wohl nicht von ungefähr, dass die Reihe an die Bergpredigt erinnert. „Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen. Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden. Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.“(Matthäus 5, 4-8) Gemeinde, christliches Leben geht nur, wenn einer für den anderen da ist, um der anderen willen zurücksteckt, „einer den anderen höher achtet als sich selbst.“(Philipper 2,3) Diese Mahnungen zielen vor allem auf den Binnenbereich der Gemeinde. Ob sie auch eine Außenseite haben, hin zur Umwelt, steht auf einem anderen Blatt.

9 Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern segnet vielmehr, weil ihr dazu berufen seid, auf dass ihr Segen ererbt.

Die heidnische Umwelt kommt allerdings sofort anschließend in den Blick, geht es doch jetzt wohl primär um die Außenkontakte. Um das Miteinander mit denen, die den Christen nicht unbedingt freundlich entgegen treten. Unfreundlichkeiten mag es auch einmal in der Gemeinde geben, aber hier ist mehr im Blick. Das Böse, κακς. Die Schmähung, λοιδορα. „Wenn von Bösem und Beschimpfungen die Rede ist, und über mögliche Erwiderungen auf solche Aggressionen gesprochen wird, dann hat das natürlich Bezug zur Lage derjenigen, die in der Form der täglichen Schikanen und Diskriminierungen unter „Bösem“ und „Beschimpfungen“ zu leiden haben.“(N. Brox, aaO. S.153) Ihnen sagt Petrus: Nicht zurückschlagen. Nicht der Logik folgen: „wie es in den Wald ruft…“ Nicht „auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil.“ „Kein Echo werden“ weiterlesen

Kinder unserer Zeit?

1. Petrus 3, 1 – 7

1 Desgleichen sollt ihr Frauen euch euren Männern unterordnen, damit auch die, die nicht an das Wort glauben, durch den Wandel ihrer Frauen ohne Worte gewonnen werden, 2 wenn sie ansehen, wie ehrfürchtig und rein ihr lebt.

Immer noch leitet das gleiche Stichwort den Gedankengang: Unterordnen. Jetzt geht es um die Frauen in der Gemeinde. Sie sollen sich ihren Männern unterordnen. Ὑποτάσσω „unterordnen, sich darunterstellen, sich unterwerfen“(Gemoll, aaO. S. 772). Das ist nicht, wie bei Paulus, die hierarchiefreie Ordnung in der Gemeinde. Wie weit ist diese Sicht auf die Frauen von den Worten des Paulus entfernt: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“(Galater 3,28) Es war und ist nicht so leicht, diesen radikalen Schritt zur Gleichwertigkeit alltäglich durchzuhalten. Vielleicht ist darin der Petrusbrief nüchterner? Auch wenn Paulus mit seiner Vision uns näher ist.

Immerhin – diese Unterordnung verfolgt ein missionarisches Ziel. Vielleicht wird durch den untertänigen Wandel der Frauen, durch ihren wortlosen Gehorsam der eine oder andere, der nicht zur Gemeinde gehört, nicht an das Wort glaubt, für den Glauben gewonnen. Nicht durch Worte, sondern durch Verhalten. Es ist auffallend, „dass der „Lebensführung ohne Worte“ auch dann eine Chance eingeräumt wird, wenn das Wort selbst nicht zum Ziel gekommen ist.“(W. Schrage, aaO. S.95) Reinheit und Gottesfurcht – beides zeigt sich am Lebenswandel. Davon ist Petrus überzeugt.

Es ist der Versuch einer hilfreichen und den Briefschreiber vor Vorwürfen aus heutiger Sicht rettenden Klarstellung: „Es geht nicht um willenloses Untertansein, sondern um die rechte Zuordnung von Mann und Frau und damit um Bestand und Funktion der Ehe. Die Mahnung, sich unterzuordnen, bedeutet keinen Gegensatz zur Gleichberechtigung der Geschlechter, die für gläubige Eheleute selbstverständlich sein sollte.“(U. Holmer, aaO. S.107f.) Aber diese wohlwollende Sicht ändert nichts daran, dass Petrus hier seine Aufforderung auf dem Hintergrund der „strikt patriarchalischen Gesellschaft und Familie“(N. Brox, aaO. S.142) formuliert. Und es erklärt sich auch einigermaßen schlüssig aus den ethischen Leitvorstellungen des Petrus, „der das Christentum besonders in geduldigem Hinnehmen von gegebenen bedrückenden Zuständen bezeugt findet.“(N. Brox, aaO. S.141) „Kinder unserer Zeit?“ weiterlesen

Die Fußspuren Christi

1. Petrus 2, 18 – 25

18 Ihr Sklaven, ordnet euch in aller Furcht den Herren unter, nicht allein den gütigen und freundlichen, sondern auch den wunderlichen.

Angesprochen sind nicht alle Sklaven, sondern die „Haussklaven“. So ist das griechische οκται (oiketai) präzise zu verstehen. „Auch freigelassenen Sklaven eines Hauses wurden so bezeichnet.“(U. Holmer, aaO. S.97) Nach vorne im Brief (2,13) gibt es eine Stichwortverbindung durch die Weisung – sich unterzuordnen.

So wie sich die Christen in die staatlichen Ordnungen einfügen sollen, so sollen sie auch in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld „die gesellschaftliche Realität annehmen“.(T. Popp, aaO. S.250) Nicht nur, wo es leicht ist, sondern auch, wo es schwer ist. Es ist so, dass die Herren, δεσπται, („Despoten“), das Sagen haben – unabhängig davon, ob sie gütig, freundlich oder seltsam sind. „Wunderlich“ könnte auch mit „verkehrt“ oder „ungut“ wiedergegeben werden. Es sind Menschen, die es denen schwer machen, die von ihnen abhängig sind. „Vermutlich versuchten sie, die Glaubenspraxis ihrer christlichen Sklaven und Sklavinnen zu unterbinden.“(T. Popp, aaO. S.255) Wie auch immer – auch ihnen sollen sich die Christen unterordnen!

Ein Frage, die sich vom Text her nicht beantworten lässt. Sind mit den Herren Menschen im Blick, die auch zur Gemeinde gehören? Wenn das so wäre, dann geht es in diesen Worten um eine innergemeindliche Regelung von Abhängigkeiten. So eine innergemeindliche Beziehung steht im Brief des Paulus an Philemon zur Debatte. Es gibt in den Gemeinden Christen, von denen andere Christen abhängig sind. Oder aber, die Herren sind keine Menschen, die dem Glauben verpflichtet sind. Dann versucht der Briefschreiber seine Leser anzuleiten, wie sie mit denen irgendwie zurecht kommen können.

19 Denn das ist Gnade, wenn jemand um des Gewissens willen vor Gott das Übel erträgt und Unrecht leidet. 20 Denn was ist das für ein Ruhm, wenn ihr für Missetaten Schläge erduldet? Aber wenn ihr leidet und duldet, weil ihr das Gute tut, dies ist Gnade bei Gott.

            Es wirkt auf die heutigen Leser*innen wie eine weit hergeholte Begründung: Unter solchen Verhältnissen von Abhängigkeit zu leiden ist Gnade. Statt Übel λπη – kann man auch übersetzen: „Kränkung, Beleidigung, traurige Lage.“ (Gemoll, aaO. S. 478) Es ist ein Zustand, in dem sich Menschen wiederfinden, wie er nicht sein sollte, wie er seelischen Schmerz zufügt. Damit umzugehen, erfordert seelische Stärke. Darum Gnade. χρις. Weiter: Nicht das Unrecht ist Gnade, sondern dass es jemand erträgt. Dass es einer auf sich nimmt, auch wenn sich alles in ihm dagegen aufbäumen möchte. Wer das auf sich nimmt, dass er für seine guten Taten – hier steht wieder γαθοποιοντες – leidet, der stellt sich damit in die Nähe Christi. Man könnte auch so sagen: Gnade ist schlicht Christus nahe sein. So wird es Petrus in den folgenden Sätzen eindrücklich vorführen.

Es liegt auf der Hand, dass wir heute diese Sicht eines besonders deutlichen Zeugnisses durch das widerspruchslose Leiden und Erleiden von Unrecht nicht mehr so ganz zu teilen vermögen. Auch als Christen, manchmal gerade als Christen sehen wir uns berechtigt, Ungerechtigkeiten beim Namen zu nennen und sie, wo immer wir es vermögen abzustellen, zu überwinden. Das hat sicherlich auch darin seinen Grund, dass wir (in der Bundesrepublik Deutschland) nicht mehr die verschwindende Minderheit sind, sondern einen nach wie vor sicheren Stand in der Gesellschaft haben. „Die Fußspuren Christi“ weiterlesen

Alltäglich glauben

1. Petrus 2, 11- 17

11  Ihr Lieben, ich ermahne euch als Fremdlinge und Pilger:

So sieht Petrus seine Briefempfänger. Sie sind Geliebte – das ist die Binnensicht. In der Gemeinde sind sie Brüder und Schwestern. In der Außenperspektive sieht es anders aus: Fremdlinge und Pilger. „Ich bin ein Gast bei dir, ein Fremdling wie alle meine Väter. (Psalm 39,13) Hier stehen in der griechischen Übersetzung der Septuaginta die gleichen Worte, die Petrus verwendet. Und Abraham bezeichnet sich, als er die Begräbnisstätte für Sara erwirbt, mit genau diesen beiden Worten – „Fremdling und Beisasse“(1. Mose 23,4). Die Christen „sind „Rechtlose in der Fremde. παροκος ist der Fremde, der an seinem Aufenthaltsort kein Bürgerrecht hat, παρεπιδμος derjenige, der sich für kurze Zeit in fremder Umgebung aufhält.“(N. Brox, aaO. S.111) Das sind Beschreibungen, die aus der Situation entstehen, die aber, so zeigt es der Rückbezug auf den Psalm, doch zugleich grundsätzlich gemeint sind: so steht es um die Christen in der Welt.

Aufgegriffen wird dieser Gedanke der grundsätzlichen Fremdlingschaft in Liedern der späteren Christenheit. Beispielhaft für andere:

Ich bin ein Gast auf Erden und hab hier keinen Stand;
der Himmel soll mir werden, da ist mein Vaterland.
Hier reis ich bis zum Grabe; dort in der ewgen Ruh
ist Gottes Gnadengabe, die schließt all Arbeit zu.

So will ich zwar nun treiben mein Leben durch die Welt,
doch denk ich nicht zu bleiben in diesem fremden Zelt.
Ich wandre meine Straße, die zu der Heimat führt,
da mich ohn alle Maße mein Vater trösten wird.      
P. Gerhardt 1667, EG 529

Solche und ähnliche Lieder haben den Christen den Vorwurf eingebracht, dass sie „nicht der Erde treu“ seien, sich in eine bessere Welt hinein träumten. Ein Vorwurf, wie er durch die Worte Fremdlinge und Pilger auch hindurch schimmert. Petrus aber nimmt diesen Vorwurf und macht daraus eine Würdebezeichnung, münzt ihn um zu einem Ehrentitel. Ja, inmitten einer vergehenden Welt sind die Christen unterwegs – fremd, Pilger aus einer anderen Wirklichkeit und auf dem Weg in eine größere Wirklichkeit. Dieses „Selbstverständnis steuert das Handeln.“(T. Popp, aaO. S.223) Darauf laufen die folgenden Ermutigungen hinaus. „Alltäglich glauben“ weiterlesen