Das Ende, das ein Anfang ist

  1. Petrus 3, 10 – 18

10 Es wird aber des Herrn Tag kommen wie ein Dieb; dann werden die Himmel zergehen mit großem Krachen; die Elemente aber werden vor Hitze schmelzen, und die Erde und die Werke, die darauf sind, werden ihr Urteil finden. 11 Wenn nun das alles so zergehen wird, wie müsst ihr dann dastehen in heiligem Wandel und frommem Wesen, 12 die ihr das Kommen des Tages Gottes erwartet und erstrebt, an dem die Himmel vom Feuer zergehen und die Elemente vor Hitze zerschmelzen werden.

            Auf den ersten Blick ist das nur Ende, Untergang, Katastrophe. Petrus greift gemein-christliche Tradition auf, zumindest in seiner Wortwahl.  Der „Dieb in der Nacht“(Markus 3,27) ist auch eine Jesus-Formulierung für sein eigenes Kommen. Jesus „hat vom Kommen der Reichszukunft wie vom Kommen eines Diebes gesprochen, was auf das Kommen des Menschensohnes gedeutet wurde und damit auf die Parusie des Christus.“ (W. Grundmann, Der Brief des Judas und der zweite Brief des Petrus, Theol. Handkommentar zum NT, Bd. 15. Berlin 1979, S.117) Und die Sache – das Ende der Welt – sprechen fast alle NT-Texte an. Es ist auch eine Vorstellung, die in der Umwelt vorhanden ist. Vom Weltuntergang zu reden ist durchaus kein christliches Sondergut.

            Was mich beschäftigt: Sind das nur apokalyptische Vorstellungen? Oder ist so etwas wie der Untergang von Pompeji, der vermutlich damals über Jahrzehnte hin in aller Munde war und das Lebensgefühl sicherlich nicht nur in Rom bewegt hat, auch ein Impuls, über das Vergehen der Welt nachzudenken und sie nicht für unvergänglich zu halten?

            Die Herausforderung ist schon deutlich zu greifen: Die Welt, die beständig ist, wird vergehen. Menschen, die vergänglich sind, werden bleiben. Normalerweise denken wir umgekehrt: „Eine Generation geht, eine andere kommt. Die Erde steht in Ewigkeit“. (Prediger 1,4) Erst recht: Was ist das für ein Denken, das dem kommenden Tag Gottes entgegen-wartet, ja ihn  ersehnt, ihn erstrebt. Dein Reich komme! beten ist die eine Sache. Es real erwarten und erhoffen eine andere.  „Das Ende, das ein Anfang ist“ weiterlesen

Gottes Zeit – Raum zur Umkehr

  1. Petrus 3, 1 – 9

1 Dies ist nun der zweite Brief, den ich euch schreibe, ihr Lieben, in welchem ich euren lauteren Sinn erwecke und euch erinnere, 2 dass ihr gedenkt an die Worte, die zuvor gesagt sind von den heiligen Propheten, und an das Gebot des Herrn und Heilands, das verkündet ist durch eure Apostel.

            Der Ton wird sanfter. Die Stärkung des Glaubens hat es oft damit zu tun, dass wir erinnert werden. Erinnert an die Wege, die Gott mit uns gegangen ist, an die Worte, denen wir einmal Vertrauen geschenkt haben, an die Gebote, die uns den Weg des Lebens finden helfen, an die Menschen, die uns das Evangelium nahe gebracht haben. Erinnerung hilft dem schwachen Gedächtnis auf und macht widerstandsfähig gegenüber dem Heute, das so leicht alle früheren Erfahrungen und Entscheidungen für vergangen erklären will und zugleich die Zukunft als „noch nicht“ zu verschlingen droht.

            An die Worte der heiligen Propheten. An die Gebote des Herrn. Es ist hier deutlich: es geht um ein Erinnern an die Inhalte: „Das Gebot des Herrn und Retters umfasst den Inhalt des Glaubens und bestimmt die Weise des Lebens. Es ist das Gebot des Glaubens und des Lebens, das neue Gesetz.“ (W. Grundmann, Der Brief des Judas und der zweite Brief des Petrus, Theol. Handkommentar zum NT, Bd. 15. Berlin 1979, S.109) Die Vorstellung hinter diesen Worten ist offensichtlich: Es gibt so etwas wie einen Kanon, an den man sich zu halten hat, Lehrsätze, die zu glauben sind. Vermittelt sind sie durch das „Kollegium der Propheten und Apostel“. Diese sind „eine einheitliche, der ganzen Kirche zu- und vorgeoordnete Größe“ (W. Schrage, Der zweite Petrus-Brief, NTD 10, Göttingen 1973, S.142) Ich fühle mich an die Deutsche Bischofskonferenz, den Rat der EKD oder gar das Kardinals-Kollegium in Rom erinnert. „Gottes Zeit – Raum zur Umkehr“ weiterlesen

Darf man so reden?

  1. Petrus 2, 12 – 22

 12 Aber sie sind wie die unvernünftigen Tiere, die von Natur dazu geboren sind, dass sie gefangen und geschlachtet werden; sie lästern das, wovon sie nichts verstehen, und werden auch in ihrem verdorbenen Wesen umkommen 13 und den Lohn der Ungerechtigkeit davontragen.

             Die, von denen jetzt die Rede ist und sein wird, folgen der Natur. Sie sind wie Tiere. Es hat den Anschein, der Schreiber sagt: Sie sind zum Untergang, zum Verderben bestimmt. Vorherbestimmt. Für Tiere ist ihr Schicksal unabänderlich – sind  doch dazu geboren sind, dass sie gefangen und geschlachtet werden. Dieser Vergleich bestreitet den Irrlehrern auch nur die Möglichkeit, von ihrem Weg umzukehren. Sie sind an ihn ausgeliefert, im Unverstand und im verdorbenen Wesen. Sir sind hoffnungslose Fälle.  

Sie halten es für eine Lust, am hellen Tag zu schlemmen, sie sind Schandflecken, schwelgen in ihren Betrügereien, wenn sie mit euch prassen, 14 haben Augen voll Ehebruch, nimmer satt der Sünde, locken an sich leichtfertige Menschen, haben ein Herz getrieben von Habsucht – verfluchte Leute!

             Die Hoffnung auf freundliche Worte hat getrogen. Wie ein Sturzbach ist das. Alles wird mitgerissen in einem Strom, der alle Dämme brechen lässt. Moralischer Verfall, menschliche Defizite, nichts als Untergang. Besonders beängstigend: Das ist nicht draußen vor der Tür. „..wenn sie mit euch prassen“ – offensichtlich geht es um Menschen, die zumindest im Kontakt zur Gemeinde stehen, wenn nicht um Gemeindemitglieder. Umso härter dieses so endgültige Urteil: verfluchte Leute!

              Vorsichtig frage ich; Maßt sich der Schreiber nicht etwas an, was ihm nicht zusteht? Das Urteil über die Brüder und Schwestern, die anders als ich glauben, ist doch nicht meine Sache. Wie anders und wie viel vorsichtiger und behutsamer ist Paulus: „Wer bist du, dass du einen fremden Knecht richtest? Er steht oder fällt seinem Herrn. Er wird aber stehen bleiben; denn der Herr kann ihn aufrecht halten.“(Römer 14,4) Da werden nicht alle Türen zu dem anderen zugeschlagen und alle Umkehrchancen verneint. „Darf man so reden?“ weiterlesen

Bitterbös

  1. Petrus 2, 1 – 21

 1 Es waren aber auch falsche Propheten unter dem Volk, wie auch unter euch sein werden falsche Lehrer, die verderbliche Irrlehren einführen und verleugnen den Herrn, der sie erkauft hat; die werden über sich selbst herbeiführen ein schnelles Verderben. 2 Und viele werden ihnen folgen in ihren Ausschweifungen; um ihretwillen wird der Weg der Wahrheit verlästert werden. 3 Und aus Habsucht werden sie euch mit erdichteten Worten zu gewinnen suchen. Das Gericht über sie bereitet sich seit langem vor, und ihr Verderben schläft nicht.

            Hier hat die Sorge das Wort und ein bisschen auch die Erfahrung. Zu allen Zeiten gibt es falsche Propheten, gibt es Täuscher und Schönredner. Davor ist die Gemeinde Christi nicht automatisch bewahrt. Aber es ist doch auch schwierig mit diesen Worten. Will Petrus warnen? Dann ist das nicht wirklich der richtige Weg, weil es so unausweichlich, fast schicksalhaft klingt: Es müssen falsche Propheten und falsche Lehrer kommen – aber warum das sein muss, dazu sagt er nichts. Dahinter scheint mir – unausgesprochen – das Bild von der Bewährung und der großen Scheidung zu stehen. Damit sich zeigt, wer es ernst meint, muss es zu diesen Auftritten der Verführer kommen. So ähnlich sieht es auch Paulus, wenn er von den notwendigen Spaltungen redet (1. Korinther 11, 19)

             ψευδοπροφται, ψευδοδιδσκαλοι – Pseudo-Propheten, Pseudo-Lehrer. Leute, die, weil sie mit Lügen umgehen, keinerlei Lehr-Autorität haben. Es wirkt wie ein Blick in die Zukunft, ist aber in Wahrheit wohl eine Sicht auf die gegenwärtige Gemeinde. Nicht erst das Kommen von Irrlehrern wird angekündigt, sondern ihr Wirken jetzt wird angegriffen. Es gibt Lehrer in den Gemeinden, denen der Briefschreiber jede Autorität zu Lehren abspricht. Ihr Verhalten schmerzt umso mehr, weil sie ja zu den Christen gehören: sie gehörten zu denen, die der Herr erkauft hat.

           Aber sie verleugnen ihn – in Worten und Werken, in ihren Lehren und ihrem Lebenswandel. Sie werden, das gehört regelrecht zum Repertoire  der Auseinandersetzung mit Irrlehrern, moralisch verdächtigt:  Ausschweifungen und Habsucht. Das besonders Skandalöse daran: „Wegen der Unmoral der Verführer wie der vielen Verführten wird die im Leben zu verwirklichende Glaubenslehre – diese ist mit dem semitischen Ausdruck „Weg der Wahrheit“ gemeint – von den Nichtchristen verlästert. Heiden, die das Christentum nach dem Lebenswandel dieser sich als Christen ausgebenden Libertinisten (=Freigeister, auch moralisch – Ergänzung Lenz)beurteilen, können jenes als minderwertig abtun, weil es zu nichts Gutem führe.“ (A. Vögtle, Der Judasbrief/der zweite Petrusbrief, EKK XXII, Neukirchen 1994, S.185) Daran hat sich bis heute nichts geändert: die Lebensführung von Christen, vor allem von „hochgestellten Christen“ muss oft genug als Argument gegen den Glauben herhalten – ob es um sexuelle Übergriffe oder finanzielle Verschwendung, um Prunksucht oder Intoleranz geht. „Bitterbös“ weiterlesen

Der Blick auf den geliebten Sohn

  1. Petrus 1, 12 – 21

12 Darum will ich’s nicht lassen, euch allezeit daran zu erinnern, obwohl ihr’s wisst und gestärkt seid in der Wahrheit, die unter euch ist. 13 Ich halte es aber für richtig, solange ich in dieser Hütte bin, euch zu erwecken und zu erinnern; 14 denn ich weiß, dass ich meine Hütte bald verlassen muss, wie es mir auch unser Herr Jesus Christus eröffnet hat. 15 Ich will mich aber bemühen, dass ihr dies allezeit auch nach meinem Hinscheiden im Gedächtnis behalten könnt.

            „Der nun folgende Abschnitt macht den 2. Petrusbrief zum Testament des Petrus.“ (W. Grundmann, Der Brief des Judas und der zweite Brief des Petrus, Theol. Handkommentar zum NT, Bd. 15. Berlin 1979, S.78) Zu letzten Worten mit dem besonderen Gewicht letzter Worte.  Was bleibt noch zu sagen, wenn die Tage abkürzen? Was möchte ich noch gerne sagen, wenn das „große, weiße Tor“(Chris Rea)schon in Sichtweite ist? Petrus spürt, dass der Weg seines Lebens sich dem Ende zuneigt. Und darum will er wesentlich werden – und das heißt: Er will erinnern an die Fundamente des Lebens und des Glaubens. Das, was trägt, das, worauf man sich verlassen kann – das war sein Thema und soll es auch bis zum Ende hin bleiben. Gut, dass das nicht wehmütig klingt, sondern nüchtern.

            Es ist ein Erinnern, das anknüpft an das, was die Leserinnen und Leser selbst wissen, gelernt haben, glauben. An die Wahrheit, die unter euch ist. ληθεα. Diese Wahrheit ist belastbar.  „Wahrheit ist die Mitteilung, auf die man sich verlassen kann, weil sie zuverlässig ist und in die man sein Leben gründen kann, weil sie nicht trügt.“ (W. Grundmann, aaO.; S.79)  Es ist kein Zweifel – diese Wahrheit „hat“ die Gemeinde in der Überlieferung, die sich auf die Apostel zurück bezieht.

16 Denn wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt, als wir euch kundgetan haben die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus; sondern wir haben seine Herrlichkeit selber gesehen. 17 Denn er empfing von Gott, dem Vater, Ehre und Preis durch eine Stimme, die zu ihm kam von der großen Herrlichkeit: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. 18 Und diese Stimme haben wir gehört vom Himmel kommen, als wir mit ihm waren auf dem heiligen Berge.

            Es ist wohl das Vor-Recht der letzten Zeit des eigenen Lebens, nicht mehr Neues sagen zu müssen, sondern in den vollen Scheunen der Erinnerung das hervor suchen zu dürfen, was besonders wichtig ist. Nicht irgendwelche Geschichten, nicht irgendwelche Bedeutsamkeiten – so schön Geschichten sein mögen. „Inhalt der apostolischen Verkündigung und Lehren waren nicht ausgeklügelte Mythen.“ (W. Schrage, Der zweite Petrus-Brief, NTD 10, Göttingen 1973, S.130) Es geht nicht um  irgendwelche Göttergeschichten von sterbenden und auferstehenden Göttern, wie sie damals sehr im Umlauf waren. Es geht um Geschichte, auf dieser Erde, in dieser Menschenwelt. Es geht um die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus. Wobei das Kommenπαρουσα – beides einschließt: seine Menschwerdung und sein Kommen am Ende der Zeiten. „Der Blick auf den geliebten Sohn“ weiterlesen

Geschenkt

  1. Petrus 1, 1 – 11

1 Simon Petrus, ein Knecht und Apostel Jesu Christi, an alle, die mit uns denselben teuren Glauben empfangen haben durch die Gerechtigkeit, die unser Gott gibt und der Heiland Jesus Christus: 2 Gott gebe euch viel Gnade und Frieden durch die Erkenntnis Gottes und Jesu, unseres Herrn!

            So fangen alle Briefe damals an, dass der Schreiber sich selbst benennt. Hier also Simon Petrus, ein Knecht und Apostel Jesu Christi. Die Ausleger sind sich weitgehend einig: dieser Simon Petrus ist nicht der erste Jünger Jesu. Da schreibt einer, der sich den Namen und die Autorität des Jüngers „leiht“. Warum? „Wer die Christen insgesamt oder doch einen größeren Kreis von Gemeinden auf die Auseinandersetzung mit Dissidenten ansprechen wollte, konnte das in der zweiten oder dritten Generation unter Berufung auf Augen- und Ohrenzeugenschaft tun, mangels universal anerkannter Lehrkompetenz aber nicht im eigenen Namen.“ (A. Vögtle, Der Judasbrief/der zweite Petrusbrief, EKK XXII, Neukirchen 1994, S.122) Es geht also bei der Namensleihe nicht um Anmaßung oder Selbsterhöhung – es geht um die Bereitschaft der Leser zu hören und zu verstehen. Was wir als durchaus problematisch empfinden, sich den Namen eines anderen Autors für die eigenen Worte anzueignen, war in früheren Zeiten zwar nicht gang und gäbe, aber doch eine Praxis, die nicht als verlogen zu gelten hatte.

         Neben die Absender-Nennung – ich bleibe für meine Betrachtungen bei Petrus – folgt die Angabe der Adressaten. Sie fällt aus dem gewohnten Rahmen. Keine Ortsangabe. Keine Anrede: an die Heiligen in… sondern  eine Anrede, die die Gleichartigkeit ihres Glaubens mit dem Briefschreiber betont: an alle, die mit uns denselben teuren Glauben empfangen haben.  Dabei zielt Gleichartigkeit „nicht auf dieselbe subjektive Intensität oder Ergriffenheit, die den Normalchristen mit den Aposteln verbindet, sondern auf den objektiven Inhalt des Glaubens.“ (W. Schrage, Der zweite Petrus-Brief, NTD 10, Göttingen 1973, S.124f.) Es geht um die Gleichartigkeit, wie sie das sonntäglich im Gottesdienst gesprochene Glaubensbekenntnis zum Ausdruck bringt. Das ist, unabhängig von meiner augenblicklichen Befindlichkeit der Inhalt des Glaubens, den ich mit allen Christen auf der Welt teile.

       Das also ist der Anfang – die Erinnerung an die gemeinsame Basis. Wir sind – ob hoher Apostel oder einfaches Gemeindeglied – miteinander im gleichen Glauben verbunden. Es ist ein kostbarer Glaube, ein Geschenk, das wir nicht aus uns selbst haben. Empfangen ist dieses Geschenk durch die Gerechtigkeit, die aus Gott und  Christus kommt. δικαιοσνη ist dabei die Art, wie Gott gibt. Nicht ein Recht, das uns zusteht, sondern das er uns zuteilt. Auch nicht als eine Gerechtigkeit, die alle gleichmacht. Sondern als ein Erbarmen, das allen gleich gilt. „Geschenkt“ weiterlesen

Seid wachsam!

 1. Petrus 5, 8 – 14

8 Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. 9 Dem widersteht, fest im Glauben, und wisst, dass ebendieselben Leiden über eure Brüder in der Welt gehen.

             Es ist der Blick in den Hintergrund der Welt, der hier sichtbar gemacht wird. Im Vordergrund agieren Menschen. Petrus aber sieht im Hintergrund den anderen Akteur – den Teufel. Den Widersacher – Gottes und der Menschen. Es ist nicht das Anliegen des Petrus: Menschen verteufeln – aber sie, die die Christengemeinde bedrängen, verleumden, die Christen in Ängste jagen, treiben das Geschäft des Gegenspielers Gottes.

         Das ist keine Kleinigkeit, die Petrus hier anspricht. Keine Belanglosigkeit. Sondern hier ist Wachsamkeit und Widerstandskraft gefordert. Und doch auch nicht zu viel Respekt. Seid nüchtern und wacht. Petrus ruft zum Widerstand auf – fest im Glauben. Das ist kein Aufruf zu einem vergeblichen Kampf. Wohl aber ein Aufruf zu einem Kampf, in dem sie nicht allein sind.

        Es ist eine vergessene Wahrheit: Christsein geht nicht ohne Kampf. Dieser Kampf richtet sich nicht gegen Menschen, wohl aber gen alles, was die Christen vom Glauben abbringen will, was ihnen den Weg zu Gott versperren will. Es ist merkwürdig genug: das schändlich missbraucht Wort vom „Dschihad“ birgt darin einen Wahrheit, die frühere Generationen der Christenheit durchaus noch kannten, wenn es den Weg des Glaubens als eine kämpferische Auseinandersetzung charakterisiert – mit dem eigenen ungezügelten Trieben, mit Mächten, mit Lebensumständen, mit Herausforderungen, die vom Glauben entfremden können.

          Der Widersacher versucht, sich größer zu machen, als er ist. In den Augen des Petrus ist er nicht nur ein Scheinriese, der kleiner wird, je näher man ihm kommt. Aber auch als brüllender Löwe ist er doch einer, dem die Christen widerstehen können. Es ist die Eigenart biblischer Autoren, dass sie nie in aussichtlose Kämpfe schicken. Sondern immer nur so, dass sie daran erinnern: du bist nicht allein. Wenn der Glaubende kämpft, auch sich abkämpft, hat er doch Christus zur Seite.

         Luther hat von solchem Kämpfen gewusst, die eigene Angst davor auch gekannt – und deshalb sich selbst und anderen zum Trost geschrieben:

Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen,
so fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen.
Der Fürst dieser Welt,wie sau’r er sich stellt,
tut er uns doch nichtdas macht, er ist gericht’:
ein Wörtlein kann ihn fällen.            M. Luther 1529, EG 362

          Ich finde es großartig: Es ist nicht so, dass alle Furcht wie wegeblasen wäre. Aber sie wird kleiner, vielleicht sogar beherrschbar: so fürchten wir uns nicht so sehr. Jedenfalls: sie darf das Leben nicht mehr überwältigend bestimmen.  „Seid wachsam!“ weiterlesen

Leiten – weiden

  1. Petrus 5, 1 – 7

1 Die Ältesten unter euch ermahne ich, der Mitälteste und Zeuge der Leiden Christi, der ich auch teilhabe an der Herrlichkeit, die offenbart werden soll:

             Nach den vielen Worten an die ganze Gemeinde, aber auch an einzelne Gruppen, Männer, Frauen, Sklaven, wendet sich Petrus jetzt an die Ältesten. Πρεσβύτεροι. Die Presbyter. Sie sind, nach Lebensjahren die Älteren, die, die die Gemeinde leiten sollen. „Für die Leitung der Gemeinde ist Reife des Alters und Reife in geistlicher Hinsicht nötig.“ (U. Holmer, Der erste Brief des Petrus, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1976, S.162)

            Es wirkt wie eine Neuvorstellung ihnen gegenüber, wenn Petrus hervorhebt: ich, der Mitälteste und Zeuge der Leiden Christi. Er stellt sich mit ihnen auf eine Stufe, in eine gemeinsame Verantwortung. Weil es ihm um die Gemeinsamkeit geht, betont er auch, dass er Zeuge der Leiden Christi ist. Das meint wohl nicht: Augenzeuge der Passion und auf Golgatha. Sondern: „Er steht wie die Adressaten und Adressatinnen in der Gemeinschaft der Leiden Christi(4,13) und ist wie sie ein Teilhaber der Herrlichkeit, die im Begriff ist, offenbart zu werden.“ (T. Popp, Die Kunst der Konvivenz. Theologie der Anerkennung im 1. Petrusbrief, Leipzig 2010, S.400)

          Weil er sich so mit ihnen im Leiden und der Hoffnung verbunden weiß, nimmt er sich heraus, sie zu ermahnen, zu ermutigen. Beides klingt im Wort παρακαλ an. Nicht die „Amtsautorität““ als „Apostel“ (1,1), sondern die gemeinsame Erfahrung stellt Petrus in den Vordergrund. Diese Gemeinsamkeit gibt ihm das Recht zu seinem Ermahnen.    

 2 Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist; achtet auf sie, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt; nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund; 3 nicht als Herren über die Gemeinde, sondern als Vorbilder der Herde.

             Das ist ihr Auftrag: Da zu sein für die Gemeinde, die ihnen anvertraut ist, anbefohlen. Zu treuen Händen übergeben, so wie ein Herr seinen Hirten seine Herde anvertraut. Es ist ein urvertrautes Bild, das hier angedeutet wird, mit dem Wort weiden.

Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
            Er weidet mich auf einer grünen Aue
            und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquicket meine Seele.
Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.       Psalm 23,2-3

 

            In der Septuaginta-Fassung des Psalms steht wie bei Petrus für weiden ποιμαίνω. So also sollen die Ältesten mit der Gemeinde umgehen, dass sie die Arbeit Gottes an ihr tun. Und das nicht zwanghaft, nicht ehrgeizig, nicht ehrsüchtig, sondern freiwillig und aus Herzensgrund. Sie sollen in ihrer Art und ihrem Verhalten Vorbilder sein τποι „Typen“ könnte man salopp sagen. Leute von denen andere in der Gemeinde sagen können: An denen sehen wir, was „typisch“ ist für Christen. „Leiten – weiden“ weiterlesen

Leiden – normal!

  1. Petrus 4, 12 – 19

 12 Ihr Lieben, lasst euch durch die Hitze nicht befremden, die euch widerfährt zu eurer Versuchung, als widerführe euch etwas Seltsames, 13 sondern freut euch, dass ihr mit Christus leidet, damit ihr auch zur Zeit der Offenbarung seiner Herrlichkeit Freude und Wonne haben mögt.

            Es wäre kein Wunder, wenn die Leser des Petrus irritiert wären: sie haben den Weg zum Glauben gefunden, weil sie eine Botschaft von Gottes Liebe, Gottes Gerechtigkeit, Gottes Rettungshandeln gehört haben. Weil ihnen Jesus als das Bild des menschenfreundlichen Gottes vor Augen gemalt worden ist. Aber Ergebnis ihres Schrittes zum Glauben ist der Widerspruch, die Feindseligkeit, die Fremdheit in ihrer Umwelt. Darum sind sie befremdet, irritiert, von Resignation bedroht. Die Gefahr ist wohl real: aus ihrem Befremden könnte Entfremdung werden, Abkehr vom Glauben. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil der Druck auf sie zu groß geworden ist.

            Die erste Auskunft des Petrus: Das ist normal. So geht es allen. „Alle, die fromm leben wollen in Christus Jesus, müssen Verfolgung leiden.“(2. Timotheus 3,12) Die zweite Antwort: Sie sind in ihrem Leiden mit dem leidenden Christus verbunden. κοινωνετε – ihr habt Anteil an seinen Leiden und damit an ihm. Das gehört unauflöslich zusammen. Es gibt die Gemeinschaft, κοινωνία, Koinonia, mit Christus, den Anteil an ihm nicht anders als in der Gemeinschaft mit seinem Leiden. Aber: diese Gemeinschaft mit dem Leidenden schließt das andere mit ein: wenn die Zeit kommt, in der seine Herrlichkeit offenbar wird, die Freude und Wonne der Erlösten. Das ist der Lohn der Leiden – und Paulus scheut sich nicht zu sagen: das lohnt die Leiden: „Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.“ (Römer 8,18)

 14 Selig seid ihr, wenn ihr geschmäht werdet um des Namens Christi willen, denn der Geist, der ein Geist der Herrlichkeit und Gottes ist, ruht auf euch.

             Aus dem gleichen Denken heraus kann Petrus seine Seligpreisung formulieren Selig seid ihr, wenn ihr geschmäht werdet um des Namens Christi willen– und mit dieser Seligpreisung anknüpfen an die Worte aus der Bergpredigt: „Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übles gegen euch, wenn sie damit lügen. Seid fröhlich und getrost; es wird euch im Himmel reichlich belohnt werden.“(Matthäus 5,11-12) Trostworte. Vertröstungen auf eine bessere Zukunft?

            Aber Petrus will nicht vertrösten, sondern er will stark machen für die Gegenwart: Deshalb sagt er in ihre Bedrängnis hinein zu: „Auf euch ruht der Geist der Herrlichkeit.“ Mitten im Leiden, so paradox das klingen mag, bricht die Herrlichkeit Gottes an. Mich erinnert das an die Notiz über den Märtyrer-Tod des Stephanus: „Er aber, voll Heiligen Geistes, sah auf zum Himmel und sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus stehen zur Rechten Gottes und sprach: Siehe, ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen.“(Apostelgeschichte 7,55-56)       „Leiden – normal!“ weiterlesen

Illusionslose Lebenswende

  1. Petrus 4, 1 – 11

 1 Weil nun Christus im Fleisch gelitten hat, so wappnet euch auch mit demselben Sinn; denn wer im Fleisch gelitten hat, der hat aufgehört mit der Sünde, 2 dass er hinfort die noch übrige Zeit im Fleisch nicht den Begierden der Menschen, sondern dem Willen Gottes lebe.

             Es ist das Argumentations-Muster, das den ganzen Brief durchzieht: Wieder und wieder wird Christus als Beispiel, als Vorbild, als Muster angeführt. Dazu fordert Petrus seine Leser, dass sie sich ausrüsten, sich wappnen wie er, an seiner Gesinnung Anteil gewinnen. Das erfordert „Kampfbereitschaft“ – nicht gegen Menschen, wohl aber mit sich selbst. Das Leben der Christen gewinnt sein Maß, seine Richtung an Christus. Das ist eine Nachfolge im Leiden, aber zugleich auch ein Anteilgewinnen an seinem Überwinden. Wer so in Christus seinen Weg findet, der lässt die Sünde hinter sich.

           Das erinnert an Formulierungen, wie sie Paulus im Zusammenhang seiner Sicht der Taufe findet: „Wir wissen ja, dass unser alter Mensch mit ihm gekreuzigt ist, damit der Leib der Sünde vernichtet werde, sodass wir hinfort der Sünde nicht dienen. Denn wer gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde. Sind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden, und wissen, dass Christus, von den Toten erweckt, hinfort nicht stirbt; der Tod kann hinfort über ihn nicht herrschen. Denn was er gestorben ist, das ist er der Sünde gestorben ein für alle Mal; was er aber lebt, das lebt er Gott.“(Römer 6, 6-10)

            Es geht nie nur darum, ein Leben in der Annahme des Leidens zu lehren, sondern immer auch zu zeigen, dass das Leben in Christus über das Leiden hinaus führt. Dem Willen Gottes zu leben eröffnet die Perspektive der Ewigkeit. Die Taufe hat darin ihre lebenseröffnete Wirkung, dass sie diese Hoffnung schon in die Gegenwart hinein holt.

            Es ist die Erwartung einer Zukunft bei Gott, die alles Leiden überstrahlt.

Er bringt mich an die Pforten, die in den Himmel führt,
Daran mit güldnen Worten der Reim gelesen wird:
Wer dort wird mit verhöhnt, wird hier auch mit gekrönt;
Wer dort mit sterben geht, wird hier auch mit erhöht.   P. Gerhardt 1647, EG 112

             Das ist Theologie im Lied, ganz in der Spur, die der Petrusbrief legt. Geschrieben in einer Zeit, in der das Land, in dem Paul Gerhardt lebt, aus tausend Wunden blutet und keine gute Zukunft in Sicht ist. „Illusionslose Lebenswende“ weiterlesen