Keiner

Römer 3 9 – 20

9 Was sagen wir denn nun? Haben wir Juden einen Vorzug? Gar keinen.

Paulus argumentiert weiter, zieht Schlussfolgerungen. Bemerkenswert: Er bleibt selbst nicht draußen. Er zieht sich in die gewiss nicht leichten Überlegungen mit ein: Haben wir Juden einen Vorzug? Wir Juden – die doch gerade zuvor so hart angegangen ist. Paulus vergisst nie, aus welchem Volk er stammt, was er früher gelernt hat. Und weiß: Alles, was ich den Juden bestreite, Israel bestreite, bestreite ich auch mir selbst. Alles, was ich ihnen vorwerfe, trifft auch mich.

Umso härter also seine Aussage: Da ist kein Vorzug, kein Vorsprung. Da ist nichts, was wir als Juden als unsere Sicherheit ins Feld führen könnten. οὐ πάντως Nichts! Gar keinen. Das sagt der gleiche Paulus, der noch eben gesagt hat: Ja, die Juden haben einen Vorzug: „Ihnen ist anvertraut, was Gott geredet hat.“ (3,1) Und sieht doch darin keinen Widerspruch. Denn dieser Vorzug hebt das andere, die Wirklichkeit aller Menschen, ja nicht auf:

Denn wir haben soeben bewiesen, dass alle, Juden wie Griechen, unter der Sünde sind,

Alle, alle, alle sind unter der Sünde. Ausnahmslos. Juden wie Griechen. Es liegt nahe zu ergänzen: Arme wie Reiche, Kluge wie Törichte, Frauen wie Männer. Alle. Das war die Beweisführung, die Paulus aus der Lebenserfahrung heraus geführt hat – reichlich belegt durch den Blick in die Zeit. „Keiner“ weiterlesen

Kein Vorsprung

Römer 3, 1 – 8

1 Was haben dann die Juden für einen Vorzug oder was nützt die Beschneidung? 2 Viel in jeder Weise! Zum Ersten: ihnen ist anvertraut, was Gott geredet hat.

Gibt es Vorsprünge, wenn es um die Nähe zu Gott geht? Zeitlichen Vorsprung? Historischen Vorsprung? Oder Vorsprung lokaler Art? Das weist der Kirchenvater Hieronymus im 4. Jahrhundert zurück: „Sowohl von Jerusalem wie von Britannien aus steht der Himmel in gleicher Weise offen.“ Aber vielleicht ja Vorsprung, Vorzüge durch die Herkunft? Durch die richtige Abstammung? So wie im Bildungswesen die Herkunftsfamilie bis heute darüber entscheidet, wie es um Start-Chancen steht. Oder sind doch – wenigstens vor Gott – alle gleich?

Paulus scheut sich nicht zu sagen: Die Juden haben einen Vorzug: Ihnen ist anvertraut, was Gott geredet hat. Sie haben die Worte des Alten Bundes, die Worte der Propheten, sie haben das Gesetz. Das macht ihre unverlierbare Würde aus. Gott hat mit den Vätern geredet. Gott hat seinen Bund mit Israel aufgerichtet. Das äußere Zeichen dieses Bundes ist die Beschneidung. Dass es diesen Vorsprung gibt, nimmt Paulus nie zurück. Darum auch immer wieder seine Formulierung: „Zuerst die Juden, danach die Griechen“(1,16; 2,9; 2,10).

Aber was Würde ist, ist zugleich auch Anspruch, Verpflichtung. Es geht um das Leben, das sich an diesen Worten orientiert, sich durch sie leiten lässt. Das ist die bleibende Verpflichtung Israels: Sich diesem Wort anvertrauen.

3 Dass aber einige nicht treu waren, was liegt daran? Sollte ihre Untreue Gottes Treue aufheben? 4 Das sei ferne!

            An diesem Vorsprung ändert auch das nichts, dass nicht alle Juden diesem Anspruch nachkommen. Die Treue Gottes hängt nicht an der Treue der Menschen. Die Treue Gottes zu Israel hängt nicht daran, dass das ganze Volk Israel als Kollektiv Gott die Treue hält. Beispiele dafür gibt es genug: Gott hält auch nach dem Tanz um das goldene Kalb an seinem Volk fest. Gott beginnt auch nach all den Treulosigkeiten in der Königszeit mit jedem König wieder neu. Gott sucht auch nach dem Untergang im Jahr 586 einen neuen Anfang mit seinem Volk, indem er aus dem Exil zurück führt in das Land der Verheißung. Gott lässt sich nicht durch ihre Untreue „aus dem Konzept bringen“. Gott hält gegen alle Untreue an seiner Treue fest. „Kein Vorsprung“ weiterlesen

Gegen den schönen Schein

Römer 2, 17 – 29 

Was folgt, ist fast atemlos geschrieben. Es ist wie aus einem imaginären Gespräch, in dem einer tief Luft holt und dann einen Wortschwall folgen lässt. Die Sätze, Einfälle purzeln regelrecht übereinander. Aber nicht wirr, sondern zielgerichtet.

17 Wenn du dich aber Jude nennst und verlässt dich aufs Gesetz und rühmst dich Gottes 18 und kennst seinen Willen und prüfst, weil du aus dem Gesetz unterrichtet bist, was das Beste zu tun sei, 19 und maßt dir an, ein Leiter der Blinden zu sein, ein Licht derer, die in Finsternis sind, 20 ein Erzieher der Unverständigen, ein Lehrer der Unmündigen, weil du im Gesetz die Richtschnur der Erkenntnis und Wahrheit hast -:

Wer ist das, den Paulus so anspricht, mit ουδαος? Jude! Es ist keine Beschimpfung, die hier folgt. Wir hören Jude allzu rasch wie ein Schimpfwort. Hier ist es das klare Gegenteil, eine „Ehrenbezeichnung“ (U. Wilckens aaO. S.147). Es geht um den Unterschied zu dem Heiden, um den religiösen Selbstanspruch. Später, im gleichen Brief, wird Paulus von den Juden sagen: „Ihnen gehört die Kindschaft und die Herrlichkeit und die Bundesschlüsse und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen, denen auch die Väter gehören und aus denen Christus herkommt nach dem Fleisch.“ (Römer 9,4-5) Das ist ihr Vorzug, ihr heilsgeschichtlicher Vorrang, ihre Ehre, die Paulus nie bestreitet.

Das findet bei Paulus Anerkennung: Sie verlassen sich auf das Gesetz, sie wissen darum, dass sie zu Gott gehören, sie haben gelernt zu prüfen, zu urteilen, die richtigen Wege zu suchen. Sie sind Leiter, Licht, Erzieher, Lehrer – das alles, weil der Jude, jeder Jude im Gesetz die Richtschnur der Erkenntnis und Wahrheit hat. Alles unbestritten. Paulus denkt gar nicht daran zu sagen: Das kann doch keiner von sich selbst sagen.

Mich erinnert das an das Reden Jesu von „den Gesunden, die keinen Arzt brauchen“(Lukas 5,31). Auch daran, dass er dem reichen jungen Mann, als der ihm, als Jesus ihn an das Gesetz verweist, antwortet: „Meister, das habe ich alles gehalten von Jugend auf!(Markus 10,20), nicht entgegen: Das gibt es nicht. Jeder hat Dreck an Stecken, Leichen im Keller. Du auch. „Gegen den schönen Schein“ weiterlesen

Vorsicht – es fällt auf mich zurück

Römer 2, 1 – 16

1 Darum, o Mensch, kannst du dich nicht entschuldigen, wer du auch bist, der du richtest. Denn worin du den andern richtest, verdammst du dich selbst, weil du ebendasselbe tust, was du richtest.

            Ich lese: „Paulus hat in 1, 18 – 32 die Sünde der Menschen (1,18) beschrieben, wie sie der Jude gewohnt ist, dem Heiden anzulasten, während er  sich selbst aufgrund des heilsgeschichtlichen Privilegs Israels als vor Gottes Zorn gesichert glaubt.“ (U. Wilckens, aaO. S.121) Demnach würde jetzt der Adressat der Worte des Paulus wechseln – und angeredet wären Juden. Wenn auch mit der etwas diffusen Anrede o Mensch. Wohl, weil die Juden die sind, die auf die lasterhaften Heiden herab blicken und sie – auch ein wenig hochmütig und selbstgerecht? – verurteilen. So der geradezu einstimmige Schluss von Bibelausgaben und Exegeten. Es geht um „die Schuld der Juden“. (Zwischenüberschrift Lutherbibel 1964)

Ich gestehe, dass ich damit Schwierigkeiten habe. Mir ist das zu klischee-mäßig gedacht. Stolze, hochmütige, „pharisäische“ Juden, die sich für etwas Besseres halten. Es mag sein, dass in der Gemeinde in Rom Menschen dabei sind, die aus dem jüdischen Volk stammen. Aber ob sie deshalb noch an das heilsgeschichtlichen Privilegs Israels glauben, sich darauf gar verlassen – woher soll ich das aus dem bisherigen Brief wissen?

Für mich haben die Sätze des Paulus auch dann Gewicht, wenn sie nicht deutlich an jüdische Heilsgewissheit adressiert sind, oder gar an jüdisch begründete Überlegenheitsgefühle. Worin du den andern richtest, verdammst du dich selbst, weil du ebendasselbe tust, was du richtest. Das kann auch ein Satz allgemein christlicher Überzeugung sein, der sich gegen jede Form von selbstgerechtem Urteilen richtet. Der ohne Ansehen der Person die anklagt, die Wasser predigen und Wein saufen. Er ist nicht so weit weg von einem Wort, das vom Jesus in den Evangelien überliefert ist. „Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge?“ (Matthäus 7,3)

2 Wir wissen aber, dass Gottes Urteil recht ist über die, die solches tun. 3 Denkst du aber, o Mensch, der du die richtest, die solches tun, und tust auch dasselbe, dass du dem Urteil Gottes entrinnen wirst?

            Darüber gibt es keinen Streit – über die Verurteilung der Laster, wie sie sein Laster-Katalog geschildert hat. Aber daran liegt Paulus: Das ist nicht nur überführende Rede, hartes und gerechtes Urteil für irgendwelche Sünder, weit weg. Das trifft auf alle zu, die solches tun. Auch in der Gemeinde. Es gehört zu den leidvollen Erfahrungen, die Paulus mit der Gemeinde macht, dass sie kein „laster-freier Raum“ ist. Unzucht bis zum Inzest, Ehebruch, Eifersucht, Neid, Streit – das alles begegnet in der Gemeinde, nicht nur als Vergangenheit, sondern auch aktuell, unter Christen. Man muss nur lesen, mit welchen Problemen Paulus sich im 1. Brief an die Korinther herum schlägt, um zu dieser nüchternen und schmerzhaften Einsicht zugleich zu gelangen. Darum: Es wird auch in Rom nicht nur um schöne Worte gehen, sondern um Schuld und um Umkehr. „Vorsicht – es fällt auf mich zurück“ weiterlesen

Preisgegeben. Ausgeliefert.

Römer 1, 18 – 32

18 Denn Gottes Zorn wird vom Himmel her offenbart über alles gottlose Wesen und alle Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit durch Ungerechtigkeit niederhalten. 19 Denn was man von Gott erkennen kann, ist unter ihnen offenbar; denn Gott hat es ihnen offenbart. 20 Denn Gottes unsichtbares Wesen, das ist seine ewige Kraft und Gottheit, wird seit der Schöpfung der Welt ersehen aus seinen Werken, wenn man sie wahrnimmt, sodass sie keine Entschuldigung haben. 21 Denn obwohl sie von Gott wussten, haben sie ihn nicht als Gott gepriesen noch ihm gedankt, sondern sind dem Nichtigen verfallen in ihren Gedanken, und ihr unverständiges Herz ist verfinstert.

Viermal beginnt Paulus seine Sätze mit „denn“. Wechselnd zwischen γρ und διτι. Beides sind nicht nur Füllworte, sondern Zeichen einer Argumentationskette. Ein Satz folgt aus dem anderen, erklärt sich aus dem Vorhergehenden. Was Paulus hier sagt, ist die dunkle Folie, das Gegenüber zu seinem früheren Satz: Denn darin (Ich erläutere: im Evangelium) wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. Das Evangelium beschreibt Geschehen auf der Erde, genau genommen: Es zeigt Jesus als den Christus Gottes. Dem steht der Zorn Gottes  gegenüber, der vom Himmel her offenbart ist.

Aber auch der Zorn Gottes zeigt sich nicht wie von selbst. Von selbst  sehen wir nur das Chaos der Weltgeschichte, das Chaos des eigenen Lebens. Das sich darin und dahinter Zorn Gottes zeigt, kann nur der erkennen, der geöffnete Augen hat. Das ist die Botschaft der Blindenheilungen in den Evangelien: Die Wirklichkeit Gottes in der Welt sieht, wem die Augen aufgetan worden sind. Darum sagt Paulus: Der Zorn wird offenbart, aufgedeckt.

Wenn vom Zorn Gottes die Rede ist, geht es nicht um Willkür oder zorniges Dreinschlagen. Es geht aber sehr wohl darum, sichtbar zu machen, dass Gott nicht unberührt von dem ist, was Menschen tun, wie sie sich zu ihm stellen. „Gemeint ist keine bloße Stimmung Gottes, aber auch keine gefühllose Amtshandlung eines himmlischen Richters.“ (K. Haacker, aaO. S. 47) Es verletzt, betrifft Gott, wenn Menschen sich ihm verweigern. „Preisgegeben. Ausgeliefert.“ weiterlesen

Aus Glauben in Glauben: Leben

Römer 1, 16 – 17

16 Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen.

            Hat Paulus an den römischen Christen gerühmt, dass sie in ihrem Glauben erkennbar, dass er sichtbare Gestalt hat, so stellt er sich jetzt neben sie. Mit ihnen auf eine Stufe, in eine Gemeinschaft der Bekennenden. Ich ergänze für mich im Text „auch“. „Auch ich schäme mich des Evangeliums nicht.“ Er geht nicht auf Distanz. Er versteckt sich nicht mit seinem Christus-Bekenntnis. So hat er es ja nach Korinth geschrieben: „Ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten.“(1. Korinther 2,2)  Das Evangelium – das ist Jesus Christus. Er ist die gute Botschaft, nicht eine Lehre über ihn, nicht eine ethische Wegweisung. Er als Person.

Man kann nicht wissen, ob Paulus Worte wie diese aus den Evangelien kennt: „Wer sich aber meiner und meiner Worte schämt unter diesem abtrünnigen und sündigen Geschlecht, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er kommen wird in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln.“ (Markus 8,38) Aber seine Haltung entspricht dem, was hier angesprochen wird: Paulus bekennt sich zu Jesus. Er steht für ihn ein. Er sagt von ihm weiter. „Gemeint ist, dass der Apostel unbeirrt zum Evangelium steht.“(P. Stuhlmacher, Der Brief an die Römer, NTD 6, Göttingen 1989, S. 29)

Dabei macht sich Paulus keine Illusionen: „Wer das Evangelium verkündigt, ist einem Druck gesellschaftlicher Verachtung und Feindschaft ausgesetzt.“(U. Wilckens, aaO. S.82) Sich zu Jesus bekennen ist für andere schlicht lächerlich. „Eine Torheit.“ (1. Korinther 2,14) Kraftloses Gerede. Geschwätz. Für Paulus aber ist es anders: Kraft Gottes. Wirkendes Wort. Wort, das aus dem Abgrund reißt. Das dem Verderben entgegen steht. Das Leben auf festen Grund stellt. ες σωτηραν, zur Rettung, steht da im Griechischen. Das ist viel mehr als das, was wir hören, wenn wir „selig macht“ lesen.

Eine Kraft, die herausreißt aus einer Gefangenschaft, aus der es kein Entrinnen gibt, aus einem Ersticken an sich selbst und in sich selbst. Das ist das Gefängnis, dem Paulus sich entronnen weiß: Gefangen in sich selbst, verkrümmt in sich selbst, ausgeliefert an sich selbst, die eigenen Ängste, die eigene Unzulänglichkeit, das eigene Verlorensein. „Man lebte damals weithin in einem Grundgefühl, in der irdischen Wirklichkeit als todträchtigem Trug unendlich verloren zu sein.“(U. Wilckens,  aaO. S.83) „Aus Glauben in Glauben: Leben“ weiterlesen

Kein Alleingang

Römer 1, 8 – 15

8 Zuerst danke ich meinem Gott durch Jesus Christus für euch alle, dass man von eurem Glauben in aller Welt spricht.

Das ist nicht nur üblicher Briefstil, dem Paulus hier folgt. Es ist für ihn ein Zeugnis der Kraft Gottes. Auch in Rom gibt es Christen. Wie anders sollte er damit umgehen können, als sich zu freuen und Gott dafür zu danken. Dass es Glauben gibt, in Rom und anderswo, ist ein Grund zur Anbetung Gottes. Dass sie ihren Glauben so leben, dass man in aller Welt von ihrem Glauben spricht, ist erst Recht Grund zur Freude. Es mag sein: „Die Rede vom „weltweiten Echo“ ist gewiss eine für die Empfänger schmeichelhafte Übertreibung.“ (K. Haacker; Der Brief des Paulus an die Römer, Theol. Handkommentar zum Neuen Testament, Bd. 6, Leipzig 1999, S. 32) Und doch: Sie verstecken sich nicht. Sie sind in einer heidnischen Umwelt als Christen erkennbar.

 9 Denn Gott ist mein Zeuge, dem ich in meinem Geist diene am Evangelium von seinem Sohn, dass ich ohne Unterlass euer gedenke 10 und allezeit in meinem Gebet flehe, ob sich’s wohl einmal fügen möchte durch Gottes Willen, dass ich zu euch komme. 11 Denn mich verlangt danach, euch zu sehen, damit ich euch etwas mitteile an geistlicher Gabe, um euch zu stärken, 12 das heißt, damit ich zusammen mit euch getröstet werde durch euren und meinen Glauben, den wir miteinander haben.

Aus dem, was Paulus gehört hat über die Christen in Rom ist bei ihm der Wunsch erwachsen, sie zu sehen, zu ihnen zu kommen, sie kennen zu lernen. Dass dieser Wunsch in Erfüllung geht, darum bittet er. Auch deshalb, weil er seine Reisepläne nicht selbst ausarbeitet nach strategischen Gesichtspunkten, sondern abhängig ist vom Willen Gottes. Gott möge es fügen. Aber auch so wird deutlich: Er ist innerlich verbunden mit den römischen Christen, auch wenn er sie bislang nicht gesehen hat.

Diese Verbundenheit drückt sich auch aus in der Erwartung: Wir haben einander geistliche Gaben zu geben. Es ist eben nicht so: Nur der Apostel hat geistliche Gaben und die Gemeinde in Rom wird Empfänger dieser Gaben sein. Sondern die Begegnung mit ihnen wird dazu führen, dass ich zusammen mit euch getröstet werde durch euren und meinen Glauben, den wir miteinander haben. „Kein Alleingang“ weiterlesen

Gnade und Friede

Römer 1, 1 – 7

1 Paulus, ein Knecht Christi Jesu, berufen zum Apostel, ausgesondert zu predigen das Evangelium Gottes, 2 das er zuvor verheißen hat durch seine Propheten in der Heiligen Schrift, 3 von seinem Sohn Jesus Christus, unserm Herrn, der geboren ist aus dem Geschlecht Davids nach dem Fleisch, 4 und nach dem Geist, der heiligt, eingesetzt ist als Sohn Gottes in Kraft durch die Auferstehung von den Toten.

Was für ein langer Satz. Einer, in dem Paulus sagt, wer er ist, wie er sich versteht. Und einer, mit dem er schon einmal anfangsweise das Thema benennt.

Paulus stellt sich der Gemeinde vor. Unter Verzicht auf alle biographischen Daten. Aber unter Betonung aller Daten seines Selbstverständnisses. Ein Knecht Christi Jesu ist er. Sklave heißt das griechische Wort δολος. Nicht irgendein Sklave, sondern ein Sklave Jesu Christi. Kein freier Mann mehr. Kein autonomer Mensch. Unter Befehl. Das sagt Paulus und es klingt selbstbewusst. Weiß doch der Theologe Paulus, dass Knecht Gottes bei Jesaja ein Würdenamen ist. Eine regel-rechte Hoheitsbezeichnung. Das macht seine Würde aus, dass er Sklave Jesu Christi ist.

So geht es auch weiter: berufen zum Apostel, ausgesondert zu predigen das Evangelium Gottes. Es ist ihm eine Aufgabe anvertraut, wie sie größer nicht sein kann: Das Evangelium, die gute Nachricht auszurufen, unter die Menschen zu bringen, auch nach Rom.

Es ist eine ziemliche Herausforderung. Paulus verlangt von seinen Lesern, dass sie auf ihn hören, ihn lesen, nicht weil er eine große Herkunft hat, ein kluger Theologe ist, für eine Geschichte der Frömmigkeit steht, sondern nur deshalb, weil Christus hinter ihm steht, weil er berufen ist, ausgesondert. Seine Autorität ist nicht sichtbar, nicht festgemacht an nachprüfbaren Fakten, auch nicht bestätigt durch Anerkennungsschreiben aus Jerusalem, sondern allein an dieser Zugehörigkeit zu Christus, unserem Herrn. „Gnade und Friede“ weiterlesen