Von der Wohltat des Staates

Römer 13, 1 – 7

             Ein bisschen überraschend kommt Paulus auf das Thema Obrigkeit zu sprechen. Vielleicht verbindet es sich für ihn mit seinem Blick auf die gesellschaftliche Umwelt. Denn die Obrigkeit ist für die Gemeinde in Rom ja ein realer Faktor.  So berichtet der römische Historiker Sueton über Claudius (Kaiser von 41 – 54 n.Chr.): Die Juden vertrieb er aus Rom, weil sie, von Chrestus aufgehetzt, fortwährend Unruhe stifteten.“ (Sueton, Cäsarenleben, Hrsg. M. Heinemann, Stuttgart 1957; S.307) Dieses Edikt des Claudius hat direkt Folgen für die Gemeinde in Rom: „Danach verließ Paulus Athen und kam nach Korinth und fand einen Juden mit Namen Aquila, aus Pontus gebürtig; der war mit seiner Frau Priszilla kürzlich aus Italien gekommen, weil Kaiser Klaudius allen Juden geboten hatte, Rom zu verlassen.“ (Apostelgeschichte 18, 1 – 2) Es gibt also genug Anlass, sachlich und personbezogen, für jemanden, der einen Brief an die Gemeinde in Rom schreibt, sich auch mit dem Verhältnis der Christen zum Staat, zur Macht in Rom zu beschäftigen.

 1 Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott angeordnet. 2 Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt der Anordnung Gottes; die ihr aber widerstreben, ziehen sich selbst das Urteil zu.

Paulus kann anschließen an das, was er zuvor gesagt hat. Zum Frieden mit jedermann hat er aufgefordert und gemahnt, nicht hoch hinaus zu wollen. Jetzt fordert er von jedermann, also allen Unterordnung, sich einfügen. Ich finde eine Übersetzung, die das so anstößige Wort untertan vermeidet: „Jedermann soll übergeordneten Gewalten Folge leisten.“ (U. Wilckens, Der Brief an die Römer, EKK VI/3, Neukirchen 1982. S.29) Das griechische Wort ξουσα, das in der Luther-Bibel mit Obrigkeit und sofort anschließend mit Gewalt wiedergegeben wird,  heißt auf Lateinisch „potestas“ und bezeichnet die Amts-Gewalt. Es ist auch das Wort, das wir am Schluss des Matthäus-Evangeliums hören – aus dem Mund Jesu: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.“(Matthäus 28,18)  

Das hält Paulus schon durch seine Wortwahl durch: Alle Macht geht auf Gott zurück. Alle Obrigkeit hat ihr Mandat von Gott. Deshalb fordert er von den Christen ein Einfügungen in die Ordnungen der Obrigkeit, ein sich diesen Obrigkeiten, ihrer Gewalt unterstellen. Und stellt klar: „Widerstand gegen die Staatsgewalt ist Auflehnung gegen Gott.“ (K. Haacker; aaO. S. 266)

Ist das Untertanen-Geist? Ist das Unterwürfigkeit? Ein sich selbst Aufgeben in sklavischem Gehorsam? Ohne hinzusehen? Wir erleben im Augenblick eine Debatte, die zum Verstehen helfen kann. Wir erwarten von allen, die in der Bundesrepublik leben, ob Christen, Juden, Buddhisten, Muslimen oder sonstig religiös gebundenen Leuten, dass sie die „Freiheit-demokratische Grundordnung“ als das akzeptieren, was alle bindet. Es ist die „Potestas“, die staatliche Gewalt, der alle unterworfen sind. Kein Mensch kommt, soweit ich das sehen kann, angesichts dieser Forderung auf die Idee, von Untertanen-Geist oder Selbstaufgabe zu sprechen. Auch die religiöse Identität der Einzelnen wird durch diese Forderung nicht in Frage gestellt. „Von der Wohltat des Staates“ weiterlesen

Vom Zutrauen Gottes

Römer 12, 9 – 21

9 Die Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse, hängt dem Guten an. 10 Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor. 11 Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn. 12 Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet. 13 Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft.

Paulus bleibt bei seinem Blick auf die Gemeinde. Hat er sie eben in ihrer Vielfalt beschreiben, so betont er jetzt, was sie zusammenhält, was ihr Miteinander bestimmt: Die Liebe. Sie  unterscheidet. Sie ist nicht blind für das Böse, sondern parteiisch für das Gute. Aber sie ist vor allem anderen herzlich. Nicht nur formal, nicht geheuchelt, nicht nur in Worten, sondern von innen heraus, aus dem Herzen. In der Liebe zu den Brüdern und Schwestern spiegelt sich die empfangene  Liebe Christi und die Liebe zu Christus. Das alles zeigt sich im Umgang miteinander, in der Ehrfurcht und der Ehrerbietung. Wir würden heute sagen: in der wechselseitigen Wertschätzung.  In dem Signal an den Anderen, die Andere: Schön, dass Du da bist.

Daran liegt Paulus: „Keine Strohfeuer.“(U. Wilckens, Der Brief an die Römer, EKK VI/3, Neukirchen 1982. S.21) Kein Nachlassen. Nicht nur in der Intensität, sondern auch in der Dauer, im Durchhalten dran bleiben. Es gibt Aufgaben, die fordern und bei denen die Gefahr besteht, dass sie ermüden, träge machen, zur bloßen Routine werden. „Die Gemeinde bedarf des Geistes und des Elans der ersten Zeugen nicht nur am Anfang, sondern auch durch die Jahre gemeinsamer Zeugenschaft hindurch.“ (P. Stuhlmacher, aaO. S. 175) Es ist die härteste Kritik an einer Gemeinde, wenn es heißt: „Aber ich habe gegen dich, dass du die erste Liebe verlässt.“(Offenbarung 2,4) Dem wehrt Paulus durch sein: Seid brennend im Geist. Ich übersetze für mich: Macht nicht schlapp.  Nicht mit dem Glauben und nicht mit der Liebe.    

            Dient dem Herrn. Das steht ein bisschen überraschend und fremdartig im Gedankengang. Es gibt eine Text-Variante, die mir an dieser Stelle sofort einleuchtet. Statt τῷ κυρίῳ dem Herrn,  gibt es die Lesart τῷ καιρῳder  Zeit, dem Augenblick. Dient der Zeit, in der ihr jetzt seid. Der gegenwärtigen Situation in eurer Gemeinde – das leuchtet mir im Zusammenhang hier sofort ein. Es ist die Aufforderung, sich nicht imn eine bessere Welt, eine andere Zeit, eine perfekte Gemeinde zu träumen, sondern hier und jetzt zu leben. Im Umgang mit den Menschen, die da sind, die Liebe zu bewähren.

Dazu passt auch der Satz nahtlos, der sich anschließt. Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet. Es geht um ein Durchhalten des Glaubens, alltäglich, ohne große Höhepunkt. Wir heute könnten sagen: Ohne die begeisternden Events. Sie können ja keine Dauereinrichtung sein, weil sie sich darin auch abnützen. Gefragt ist das zähe Festhalten, die Treue im Kleinen, im Unauffälligen und Unaufgeregten. Auch dann, wenn es eng wird. Schmerzlich. Verluste mich sich bringt. Das alles steckt mit in dem Wort Trübsal. Θλψις. Eines der Worte, die ungemein oft im Neuen Testament auftauchen. Weil es die Wirklichkeit einer bedrängten Gemeinde und bedrängter Christen spiegelt. Für mich steht außer Frage. Genau darin zeigt sich das Brennen im Geist. „Vom Zutrauen Gottes“ weiterlesen

Alles da

Römer 12, 3 – 8

 3 Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, dass niemand mehr von sich halte, als sich’s gebührt zu halten, sondern dass er maßvoll von sich halte, ein jeder, wie Gott das Maß des Glaubens ausgeteilt hat.

             Der Satz fängt eher defensiv an: durch die Gnade, die mir gegeben ist. Paulus weiß nicht alles. Es ist eine merkwürdiger Gedanke: Von dem großen Ganzen der Gnade hat Paulus einen Teil, seinen Teil. Paulus hat nicht alle Gaben Gottes und auch die, an die er schreibt,  haben nicht die Ganze Gnade, sondern jeder hat seinen Anteil. Paulus wirbt auf Grund dessen, was er empfangen hat, aufgrund seiner Einsichten, die er doch der Gnade verdankt, um maßvolle Selbsteinschätzung, σωφρονεν. „Das Stichwort „Besonnenheit“ hat damals hohen ethischen Stellenwert. Für die Philosophen der Zeit gehört die Besonnenheit zu den (vier) Haupttugenden, deren sich ein vernünftiger Mensch befleißigen soll.“ (P. Stuhlmacher, aaO, S. 172) 

Dahinter steht das Bild, das Paulus anschließend entfaltet. Keiner kann alles. Keiner hat alle Gaben. Sondern  jeder hat den Glauben nach einem bestimmten Maß. So wie es ihm entspricht, für ihn stimmig und nötig ist. Es ist eben nicht so: Alle haben das gleiche Maß des Glaubens. Sondern manche haben mehr, manche anderes, manche überhaupt nichts, was auffällig wäre. Wichtig ist: Hier spricht Paulus nicht von dem Glauben an Christus. Nicht von dem Glauben, mit dem Gott die Christen sich selbst recht macht. Da gibt es nur ein Maß – dass wir uns die Liebe Gottes gefallen lassen. Wohl aber gibt es ein unterschiedliches Maß in den Aufträgen, Aufgaben und Herausforderungen, vor die der Glauben stellt.

 4 Denn wie wir an „einem“ Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben, 5 so sind wir viele „ein“ Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied, 6 und haben verschiedene Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist.

             Es ist das Bild einer vielfältigen und nicht einer uniformen Gemeinschaft, das Paulus hier entwirft. Alle gehören zu dem einen Leib, aber sie sind deshalb nicht alle gleich, sondern verschieden. So wie der Leib unterschiedliche Gliedmaßen hat, so auch die Gemeinde. Menschen sind unterschiedlich begabt, mit unterschiedlichen Gaben ausgestattet. Dass die Christen „ein“ Leib in Christus sind, macht sie nicht alle gleich, was ihre Gaben und Begabungen angeht. Mit diesen Worten „widersetzt sich Paulus der verführerischen Kraft des Gleichheitsideals.“(A. Schlatter, aaO. S.336) Stattdessen sieht Paulus eine beglückende Vielfalt. Eine Vielfalt, die bereichert, weil sie die Gemeinde zu einem Lebensraum macht, in dem jede und jeder seine Gaben, das was die Gnade ihm zugeteilt hat, auch wirklich einbringen kann. „Alles da“ weiterlesen

Ganzhingabe

Römer 12, 1 – 2

 1 Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.

Nach dem überschwänglichen Lobpreis wird es wieder ausgesprochen nüchtern. Es geht um das Leben in der Welt, um Hingabe, um Opfer, um Einsatz, würden wir wohl heute sagen. Es geht darum, so denke ich, dass Paulus jetzt Konsequenzen zieht aus seinem langen Anlauf, den er genommen hat. Was in den folgenden Kapiteln gesagt wird, ist kein ethischer Anhang, sondern es ist Weitersagen und Weiter-buchstabieren des Evangeliums in das konkreten Handeln hinein. Es geht „um die praktischen Konsequenzen der Lehre, die Paulus in Kapitel 1 – 11 entfaltet hat.“ (K. Haacker; aaO. S. 252)

Das wird schon durch diese Wendung deutlich: durch die Barmherzigkeit Gottes. Sie ist die Grundlage, auf der Paulus ermahnt, ermutigt, herzlich bittet. Dem Erbarmen Gottes verdanken die die Christen unter den Römern, dass sie zu Christus gehören, dass sie freien Zugfang zu Gott haben. Dem Erbarmen Gottes verdankt es Paulus, dass er aus dem Christenverfolger zum Apostel gewandelt worden ist. Das ist die Autorität, die hier den Worten des Paulus steht: das Erbarmen Gottes. Was er sagt, sagt er nicht begründet durch seine Autorität als Apostel, auch nicht durch seine menschliche Authentizität, sondern durch das Erbarmen Gottes. Ihm ist das Erbarmen Gottes Grundlage für sein Reden und es bestimmt gleichzeitig die Art und Weise, wie er versucht, mit Menschen zu reden und umzugehen. Eine andere Autorität als dieses Erbarmen Gottes kennt Paulus nicht.

Es versteht sich von daher fast wie von selbst, dass sein Ermahnen nicht der erhobene Zeigefinger ist, nicht eine tadelnde oder gar züchtigende Ermahnung. Παρακαλ kann sowohl für gebieterisches Aufrufen als auch für tröstliches Zureden gebraucht werden. Es ist dringlich, wesentlich, was Paulus sagt, nicht nebensächlich. Ermutigung, Zuspruch und ernsthafte, hoffnungsvolle Erwartung. „Ganzhingabe“ weiterlesen

Staunen und Anbeten

Römer 11, 33 – 36

33 O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege!

            Das macht mir Paulus regelrecht sympathisch. Er gerät über diesem langen Gedankenweg, den er mit seinen Leserinnen und Lesern zurückgelegt hat, regelrecht ins Schleudern. In ein Schleudern, das Staunen ist und Lobpreis. In ein Staunen, das um die Begrenztheit der eigenen Einsichten und Weisheiten weiß. Es ist ja doch so, dass Paulus nur allenfalls an der Oberfläche gekratzt hat. Er weiß, dass er auch mit all diesen Worten und Gedanken nicht zum Geheimrat Gottes aufgestiegen ist.

Es ist schon wichtig: Paulus staunt nicht über die eigene Weisheit und Erkenntnis. Sondern über die Weisheit und Erkenntnis Gottes! Über sein Wählen und Berufen, sein Erbarmen und Lieben. Also über die Weisheit, in der Gott handelt, über sein Erkennen, das treu ist und beständig. „Staunen und Anbeten“ weiterlesen

Gottes Gaben und Berufungen bleiben fest

Römer 11, 25 – 32

25 Ich will euch, liebe Brüder, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, so lange bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist; 26 und so wird ganz Israel gerettet werden,

            Jetzt noch einmal im Klartext. Das Geheimnis, τ μυστριον,  das alle Klugheit relativiert. Kann Paulus nach Korinth schreiben, dass das Wort vom Kreuz den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit ist, so macht er hier mit diesem Geheimnis alle vermeintliche Klugheit der Christen aus den Völkern zunichte. Sie sind nicht der endgültige Ersatz Gottes für Israel, sondern nur die Vorhut Israels. Wenn sie in der Fülle zum Heil gelangt sind, dann wird Gott auch an Israel neu handeln, es retten. Retten, weil ja doch der Retter da, vor Gott, ist und für alle, die Gott liebt eintritt.

„Ganz Israel“. Das ist eine Wendung, die aus dem Alten Testament stammt. Sie meint fast immer das Volk im Gegenüber zu Gott. „Die ganze Gemeinde Israel“ kann es auch heißen. In dieser Wendung sind die einzelne Israeliten aufgehoben. Ganz Israel meint sie alle als Einzelne. Was Paulus hier anklingen lässt ist: Israel wird dann endlich werden, wozu es immer schon bestimmt ist, durch die Wahl Gottes: Sein Volk. Das ist gerettet werden, dass sie sein Volk werden.

wie geschrieben steht (Jesaja 59,20; Jeremia 31,33): »Es wird kommen aus Zion der Erlöser, der abwenden wird alle Gottlosigkeit von Jakob. 27 Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.«

               Einmal mehr folgt ein Schriftbeweis, diesmal aus Schlüsselstellen der Propheten. Jesaja hat den Erlöser aus Zion angekündigt. Jeremia den neuen Bund Gottes mit seinem Volk. Im Zentrum dieses Bundes steht das Wegnehmen der Sünden. Der Leser, die Leserin des Römerbriefes wird hier sofort Jesus Christus vor Augen haben, der „die Sünden der Welt trägt.“(Johannes 1,29) Er ist ja der, an dem die zentralen Sätze des Paulus festgemacht sind: Alle, Juden wie Heiden, „werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist.“ (3, 24) „Gottes Gaben und Berufungen bleiben fest“ weiterlesen

Aufgepfropft

Römer 11, 17 – 24

 17 Wenn aber nun einige von den Zweigen ausgebrochen wurden und du, der du ein wilder Ölzweig warst, in den Ölbaum eingepfropft worden bist und teilbekommen hast an der Wurzel und dem Saft des Ölbaums, 18 so rühme dich nicht gegenüber den Zweigen.

Das ist jetzt direkte Anrede an die aus den Völkern(11,13). So wenig Israeliten einen Anlass haben, sich als Besitzer des Gesetzes zu rühmen, an dem sie doch scheitern, so wenig haben sie einen Anlass, sich zu rühmen, dass sie in den Ölbaum eingeproft worden sind. Man kann und darf aus der empfangenen Gnade nie ein Verdienst machen.  Nie auch ein Argument gegen die anderen, in diesem Fall gegen Israeliten und Israel.

Die Bildsprache ist eindeutig, biblisch gefärbt. Israel als der Ölbaum. „Der HERR nannte dich einen grünen, schönen, fruchtbaren Ölbaum.“ (Jeremia 11,16) Bei Jeremia ist deutlich, dass Gott an diesem Ölbaum auch richtend handeln kann. Aber er bleibt auch in allen Gerichten der Ölbaum Gottes.

Rühmst du dich aber, so sollst du wissen, dass nicht du die Wurzel trägst, sondern die Wurzel trägt dich. 19 Nun sprichst du: Die Zweige sind ausgebrochen worden, damit ich eingepfropft würde. 20 Ganz recht! Sie wurden ausgebrochen um ihres Unglaubens willen; du aber stehst fest durch den Glauben. Sei nicht stolz, sondern fürchte dich! 21 Hat Gott die natürlichen Zweige nicht verschont, wird er dich doch wohl auch nicht verschonen.

            Sind es nur gedachte Sätze, mit denen Paulus sich auseinandersetzt? Oder sind es Sätze, die er auch schon gehört hat, die ihm entgegen gehalten worden sind, der so an Israels Erwählung festhält? Jedenfalls wehrt er sie ab, weil sie alles gefährden, obendrein noch die Gefahr des Hochmutes in sich tragen: Gott hat für uns Platz geschaffen. Gottes Wahl ist weiter gegangen, von Israel zu uns in den Völkern. So mögen manche gedacht und gesagt haben.

Nicht zuletzt ermutigt durch Gleichnisse, die man sich in der Gemeinde erzählt hat, die man auf Jesus zurück führt und von denen eines, das von den bösen Weingärtnern, so endet: „Und sie nahmen ihn und stießen ihn zum Weinberg hinaus und töteten ihn. Wenn nun der Herr des Weinbergs kommen wird, was wird er mit diesen Weingärtnern tun? Sie antworteten ihm: Er wird den Bösen ein böses Ende bereiten und seinen Weinberg andern Weingärtnern verpachten, die ihm die Früchte zur rechten Zeit geben.“(Matthäus 21, 39-41)

Enterbung Israels, weil es seine Berufung verfehlt hat. Das ist lange auch in der christlichen Theologie eine feste Grundfigur gewesen. So warnt Luther: „Brauche Gottes Wort und Gnade, weil es da ist. Es ist bei den Juden gewesen, aber hin ist hin, sie haben nun nichts. Paulus brachte es nach Griechenland, aber hin ist hin, nun haben sie den Türken. Rom und Italien haben es auch gehabt; hin ist hin, sie haben nun den Papst. Und ihr Deutschen dürft nicht denken, dass ihr es ewig haben werdet, denn der Undank und die Verachtung wird es nicht ewig lassen bleiben.“ (M. Luther,  Fastenpostille 1525, WA 17/II, S. 179) „Aufgepfropft“ weiterlesen

Gottes Umweg

Römer 11, 11 – 16

11 So frage ich nun: Sind sie gestrauchelt, damit sie fallen? Das sei ferne!

            Verblendet mag Israel sein. Wohl auch ins Straucheln gekommen. Aber nicht für immer gefallen. Nicht verstoßen. Was mit Israel im Augenblick geschieht, ist kein Entscheid für immer.  Denn das würde ja bedeuten, dass Gott seine Wahl widerruft, seinen Bund kündigt. Hier ist vom Weg Israels in der Zeit die Rede, aber nicht von seinem Weg in Ewigkeit. Von Entscheidungen in der Zeit, aber nicht von Entscheidungen für die Ewigkeit.

Sondern durch ihren Fall ist den Heiden das Heil widerfahren, damit Israel ihnen nacheifern sollte. 12 Wenn aber schon ihr Fall Reichtum für die Welt ist und ihr Schade Reichtum für die Heiden, wie viel mehr wird es Reichtum sein, wenn ihre Zahl voll wird.

            Das ist, in den Augen des Paulus, der „Plan“, die Absicht Gottes: Als erstes hat der verweigerte Glauben Israels den Weg zu den Heiden frei gemacht. Weil die Jünger nicht schweigen konnten von dem, was sie in Jesus und mit Jesus erfahren haben, was sie „gesehen und gehört haben“(Apostelgeschichte 4,20), hat sie ihr Weg zu den Heiden geführt. In der Darstellung der Apostelgeschichte spiegelt sich diese Sicht des Paulus: Es ist die Verfolgung der ersten Gemeinde in Jerusalem, die dazu führt, dass die Jünger die Stadt verlassen und sich ins Umland wenden, auf die Straßen Samarias, nach Damaskus, Cäsarea und Antiochia (vgl Apostelgeschichte 9 – 14). So bedient sich Gott der Verfolgung, um das Evangelium über die Grenzen Israels hinaus zu bringen.

Daneben tritt das andere Motiv: Wenn  Israel sieht, dass den Heiden das Heil widerfährt, werden sie dann nicht selbst neu danach fragen und auch den Weg der Heiden zum Heil, den Glauben, neu suchen? „Haben wir nicht doch etwas verpasst? Haben die Heiden empfangen, was eigentlich uns Juden zusteht?“ (W. Klaiber, aaO. S.189) Solche Fragen, die aus der Eifersucht entstehen, will Gott bei den Heiden auslösen. Sagt Paulus und sieht damit Eifersucht als eine positive Reaktion. Sie führt zu einem Nacheifern, das den Weg des Heils annimmt, wie ihn Gott geht. „Gottes Umweg“ weiterlesen

Noch unterwegs

Römer 11, 1 – 10

1 So frage ich nun: Hat denn Gott sein Volk verstoßen? Das sei ferne!

Paulus hangelt sich durch die Fragen, die ihm zu schaffen machen, ihm zusetzen. „Ist an die Stelle der ausgebreiteten Hände womöglich die geballte Faust getreten, mit der Gott sein Volk mit Schimpf und Schande von sich jagt?“ (K. Haacker; aaO. S.219) Verstoßen ist ja kein harmloses Wort – es würde das Ende Israels als erwähltes Gottesvolk bedeuten. Wieder ist Paulus eindeutig: Keinesfalls. Das sei ferne. Nie und nimmer.

Ich frage, auch mich selbst: Warum haben die christlichen Kirchen so lange über dieses μ γνοιτο· hinweg gelesen. Warum konnte in die Theologie der Gedanke einer Enterbung Israels Einzug gewinnen, Macht gewinnen, so sehr, dass es keinen entschiedenen und konsequenten Widerstand gegen den Antisemitismus in den Reihen der Kirche gab?

Denn ich bin auch ein Israelit, vom Geschlecht Abrahams, aus dem Stamm Benjamin.

            Sich selbst nimmt Paulus als erstes Zeugnis und ersten Zeugen für die bleibende Erwählung Israels, ist er doch selbst ein Israelit, aus dem Stamm Benjamin. Er als Einzelner ist so ein Zeichen dafür, das die Geschichte Gottes mit Israel eben nicht am Ende ist. Nicht aufgekündigt von Gott, auch wenn es dem Volk und im Volk oft genug an Treue und Glauben gefehlt hat.

 2 Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er zuvor erwählt hat.

Noch einmal wiederholt Paulus, aber jetzt nicht mehr als Frage, sondern als feststehende Aussage, als Tatbestand. Gott hat sein Volk nicht verstoßen. Der Grund: Er hat es doch zuvor erwählt. Diese Wahl Gottes ist nirgendwo widerrufen. Sondern vielmehr gibt es die Erzählungen, in denen ein Widerruf abgelehnt wird – etwa in der Fürbitte des Mose, als das Volk sich mit dem Goldenen Kalb verirrt hatte. (2. Mose  32, 7 – 14) Und noch einmal und erneut die Fürbitte des Mose auslösend, als die Kundschafter aus Kanaan zurückkehren und das Volk sich fürchtet (4. Mose 14,10 – 20) Die Wahl Gottes steht fest.

Oder wisst ihr nicht, was die Schrift sagt von Elia, wie er vor Gott tritt gegen Israel und spricht (1. Könige 19,10): 3 »Herr, sie haben deine Propheten getötet und haben deine Altäre zerbrochen, und ich bin allein übrig geblieben und sie trachten mir nach dem Leben«? 4 Aber was sagt ihm die göttliche Antwort? (1. Könige 19,18): »Ich habe mir übrig gelassen siebentausend Mann, die ihre Knie nicht gebeugt haben vor dem Baal.« 5 So geht es auch jetzt zu dieser Zeit, dass einige übrig geblieben sind nach der Wahl der Gnade. 6 Ist’s aber aus Gnade, so ist’s nicht aus Verdienst der Werke; sonst wäre Gnade nicht Gnade.

Paulus greift zu anderen Beispielen. Gott hat sich schon immer Israeliten übrig gelassen, einen heiligen Rest (Jesaja 11,16; Jeremia 31,7), um mit ihnen seinen Weg weiter zugehen. Siebentausend Mann, als sich Elia allein wähnt. Das nährt die Hoffnung des Paulus. Auch jetzt werden es mehr sein, als er sehen kann. Aber, Paulus kann nicht anders: Sie bleiben übrig nach der Wahl der Gnade. Es ist manchmal fast ermüdend, mit welcher Hartnäckigkeit Paulus wieder und wieder sein zentrales Stichwort aufnimmt: Die Wahl Gottes ist Gnade. Die Gerechtigkeit ist Geschenk. Das neue Leben kommt aus dem Geben Gottes und nicht aus Verdienst der Werke. „Noch unterwegs“ weiterlesen

Treu bleiben im Weitersagen

Römer 10, 14 – 21

14 Wie sollen sie aber den anrufen, an den sie nicht glauben? Wie sollen sie aber an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie aber hören ohne Prediger? 15 Wie sollen sie aber predigen, wenn sie nicht gesandt werden? Wie denn geschrieben steht (Jesaja 52,7): »Wie lieblich sind die Füße der Freudenboten, die das Gute verkündigen!« 16 Aber nicht alle sind dem Evangelium gehorsam. Denn Jesaja spricht (Jesaja 53,1): »Herr, wer glaubt unserm Predigen?«

Sie – das sind jetzt offensichtlich die Juden. Sie rufen ja den Namen Jesu nicht an, weil sie im ihm nicht den Messias sehen können. Die ganze folgende Gedankenkette könnte wie eine Entschuldigung wirken: Es fehlt am Glauben, weil es an denen fehlt, die weitersagen, die zum Glauben rufen. Am Ende dieser Kette stünde dann Gott, der keine Boten gesandt hat, stünde die unterlassene Bitte: „Bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende.“(Matthäus 9,38) Läuft es also auf eine Entschuldigung Israels hinaus?

Aber: Da sind ja Freudenboten, die gelaufen sind. Gerufen haben, eingeladen haben. Nur: Sie haben nicht überall Glauben gefunden. Nicht alle sind dem Evangelium gehorsam. Aus dem Hören ist nicht überall ein Gehorchen geworden. Ein wirkliches Hören ist nur da, wo es zu Lebensschritten kommt, die dem Gehörten Rechnung tragen.

Das aber, dass es nicht zum hörenden Glauben und glaubenden Hören gekommen ist, ist nicht nur die Erfahrung der christlichen Boten. Das hat schon Jesaja, der Prophet, erfahren.

 17 So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi.

            Und doch hält Paulus daran fest: Es braucht das Zeugnis, das Predigen. Es braucht die zu hörende Botschaft. So besser κοῇ. Es ist gut, bei dem Wort predigen nicht in Gedanken sofort bei unserer sonntäglichen Predigt landen. Es gibt keine Kanzeln, keine Kirchen, keine festen Gottesdienstzeiten zu der Zeit, in der Paulus seinen Brief schreibt. Alles ist viel mehr im Fluss, als es uns mit unserer Jahrtausend-Tradition bewusst ist. Es gibt wohl nur kleine Gruppen auf Augenhöhe, in denen ein Bote von Jesus erzählt, auch lehrhafte Sätze weitergibt. Aber wie das im Einzelnen ausgesehen hat, können wir doch nur sehr begrenzt aus den neutestamentlichen Schriften rekonstruieren.  „Treu bleiben im Weitersagen“ weiterlesen