Gott allein

Römer 16, 17 – 27

17 Ich ermahne euch aber, Brüder und Schwestern, dass ihr auf die achtet, die Zwietracht und Ärgernis anrichten entgegen der Lehre, die ihr gelernt habt, und euch von ihnen abwendet. 18 Denn solche dienen nicht unserm Herrn Christus, sondern ihrem Bauch; und durch süße Worte und prächtige Reden verführen sie die Herzen der Arglosen.

Ein letztes Mal: Παρακαλ – Ich ermutige euch. „Wachsamkeit ist unerlässlich.“(A. Schlatter, aaO. S. 401) Es gibt weder das Evangelium noch die Einheit der Gemeinde als sicheren, unangefochtenen Besitz. Paulus weiß, wovon er spricht. Er hat es reichlich erlebt, wie Lehre gegen Lehre stehen kann,  wie er mit seinem Evangelium (16,25) in Frage gestellt werden kann „Denn wenn einer zu euch kommt und einen andern Jesus predigt, den wir nicht gepredigt haben, oder ihr einen andern Geist empfangt, den ihr nicht empfangen habt, oder ein anderes Evangelium, das ihr nicht angenommen habt, so ertragt ihr das recht gern!“(2. Korinther, 11,4) 

Offensichtlich ist er überzeugt, dass die Gemeinde in Rom mit der Lehre, die ihr gelernt habt, nahe bei dem ist, wie er das Evangelium versteht und lehrt. Auch davon ist er überzeugt: die anderes als er lehren, werden von unsauberen Motiven geleitet. Sie sind in sich selbst verfangen. Dafür steht der Hinweis auf den Bauch, κοιλία, dem sie dienen. „Das Triebhafte tritt stark hervor.(O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 347) Sie reden schön, aber in Wahrheit sind sie Verführer. Eine Gefahr für alle, die auf sie hereinfallen könnten.

„Die Gemeinde wird zur Vorsicht ermahnt gegenüber Parteiungen und Anstößen, die die überlieferte Lehre bedrohen. … Paulus will die Gemeinde nicht nur schützen, sondern auch abwehrbereit machen.“(O. Michel, aaO. S. 345) Das Bild von der ersten Christenheit, in der „alle ein Herz und eine Seele“(Apostelgeschichte 4,32) sind, bekommt hier deutliche Risse. Es ist kein sonderlich kompromissbereiter und was die Lehre angeht, weitherziger Paulus, der hier das Wort hat. Da ist nicht viel Platz neben seinem Evangelium. Wer sich auf Paulus beruft, der sollte das wissen: Paulus hat mit der Toleranz heutiger Zeiten, die die religiöse Vielstimmigkeit hoch schätzt und gerne auch einmal den Verzicht auf Wahrheitsansprüche fordert, schon gar auf absolute, nicht wirklich viel im Sinn. „Gott allein“ weiterlesen

Nur Grüße!

Römer 16, 1 – 16

 1 Ich empfehle euch unsere Schwester Phöbe, die den Dienst der Gemeinde von Kenchreä versieht, 2 dass ihr sie aufnehmt in dem Herrn, wie sich’s ziemt für die Heiligen, und ihr beisteht in jeder Sache, in der sie euch braucht; denn auch sie hat vielen beigestanden, auch mir selbst.

 Könnte der Brief schon zu Ende sein, so ist er es doch noch nicht. „Der antike Brief schloss gewöhnlich mit guten Wünschen für den Empfänger und besonderen Grüßen an die Freunde.“ (O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 338) Es folgt eine lange Grußliste des Paulus an ihm nicht nur namentlich bekannte Leute. Es gibt eine gemeinsame Geschichte von Paulus mit vielen von ihnen.

Als erste – und damit an herausragender Stelle – nennt er Phöbe, die in der Gemeinde von Kenchreä wirkt. Fürsorglich, beistehend, Armen und Bedürftigen zugewandt. Das alles schwingt im Wort δικονον mit. Sie dient, so lese ich. Sie versieht den Dienst der Gemeinde von Kenchreä  – das klingt in meinen Ohren „amtlicher“, als es damals wohl in der ersten Christenheit zuging. Ob ihr Dienen „ehrenamtlich“ oder „hauptamtlich“ geschieht, ergibt sich nicht aus der griechischen Wortwahl, sondern trägt als Frage wohl heutige Verhältnisse einfach nur in den alten Text zurück. Es ist unsere Unterscheidung, nicht die der ersten Gemeinde.

Paulus kündigt ihr Kommen nach Rom an. Vielleicht wird sie die Überbringerin des Briefes sein. Seine Wertschätzung zeigt sich daran, dass er sie Schwester nennt  und stark betont, dass sie auch ihm selbst wie vielen anderen beigestanden hat. Weil sie so jemand ist, der beisteht, darum erbittet Paulus für sie den Beistand der Gemeinde in Rom – in allen ihren Anliegen, die sie in die Hauptstadt führen. In jeder Sache, in der sie euch braucht – diese Formulierung lässt reichlich Raum für Spekulationen, um was es gehen könnte, ob Geschäfte, ob Privat-Angelegenheiten, was auch immer. Jedenfalls: Da kommt eine bedeutende Person, eine „Patronin“ (W. Klaiber, aaO. S. 282), mit Paulus eng vertraut.

3 Grüßt die Priska und den Aquila, meine Mitarbeiter in Christus Jesus, 4 die für mein Leben ihren Hals hingehalten haben, denen nicht allein ich danke, sondern alle Gemeinden der Heiden. 5 und die Gemeinde in ihrem Hause.

            Weiter gehen die Grüße an Priska und Aquila. Auffällig: Die Frau, Priska wird zuerst genannt. Das Ehepaar  hat Paulus in Ephesus kennengelernt, als Leute, die für ihn einstehen. „In welcher dramatischen Situation im Wirken des Paulus die beiden ihr Leben riskiert haben, um den Apostel zu retten, ist ungewiss.“(K. Haacker; aaO. S. 319) Es gibt den sparsamen Hinweis: „Denn wir wollen euch, liebe Brüder, nicht verschweigen die Bedrängnis, die uns in der Provinz Asien widerfahren ist, wo wir über die Maßen beschwert waren und über unsere Kraft, sodass wir auch am Leben verzagten und es bei uns selbst für beschlossen hielten, wir müssten sterben.“ (2. Korinther 1, 8 – 9) Eine Zeitlang hat Paulus mit ihnen in Korinth gelebt und sein Handwerk bei ihnen ausgeübt. Er ist ihnen tief verbunden. „Es ist wahrscheinlich, dass ihre Rückkehr nach Rom mit den Plänen des Paulus zusammenhängt.“ (O. Michel, aaO. S. 341) Ihr Haus in Rom ist Treffpunkt einer kleinen Hausgemeinde. Wir würden vielleicht sagen: eines Hauskreises.

 Grüßt Epänetus, meinen Lieben, der aus der Provinz Asien der Erstling für Christus ist.             

               Ein besonderer Gruß gilt Epänetus, einem der ersten Christen in der Provinz Asien, damit  kann auch Ephesus gemeint sein. Denen, die man als Erste für den Weg des Glaubens „gewinnen“ durfte, bleibt man ein Leben lang zugetan.  „Nur Grüße!“ weiterlesen

Gott plant anders

Römer 15, 22 – 33

22 Das ist auch der Grund, warum ich so viele Male daran gehindert worden bin, zu euch zu kommen.

Diese Arbeitsweise liefert die Begründung dafür, dass Paulus noch nicht nach Rom gekommen ist. Es hat viel Zeit gekostet, oft Jahre an einem Ort, bis da eine kleine Gemeinde entstanden ist. „Auf der Durchreise“, im Vorübergehen, lässt sich das Evangelium nicht einpflanzen. Es braucht schon eine gewisse Verweildauer der Boten, damit es einwurzeln kann, damit ihre Glaubwürdigkeit sich im gemeinsamen Lebensvollzug erweisen kann. Das ist eine bleibende Anfrage an allen Reisedienst.

 23 Nun aber habe ich keine Aufgabe mehr in diesen Ländern. Seit vielen Jahren habe ich aber das Verlangen, zu euch zu kommen, 24 wenn ich nach Spanien reise. Denn ich hoffe, dass ich bei euch durchreisen und euch sehen kann und von euch dorthin weitergeleitet werde, doch so, dass ich mich zuvor ein wenig an euch erquicke.

            Hier, in diesen Ländern, sieht Paulus keine Aufgabe mehr für sich. Seine Aufgabe ist erfüllt Er will weiter, immer weiter, bis nach Spanien. Nach Finis Terre an der Atlantik-Küste? Ans Ende der Welt. So weit ist ja der Bogen gespannt durch die Worte des Auferstandenen: „Ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde.“ (Apostelgeschichte 1,9) Dieser Plan hat eine symbolische Bedeutung, die über bloße Geographie hinausgeht. „Ein eschatologisches Motiv liegt diesem Plan zugrunde, gleichzeitig aber auch eine nüchterne Erwägung. In Spanien gab es eine Reihe von Synagogen, und der Osten war durch lebhafte Handelsbeziehungen mit Spanien verbunden.“ (O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 332) Damit wäre Spanien das neue Gebiet für den „Pioniermissionar“ Paulus und zugleich könnte er seinem bewährten Arbeitsmuster folgen – zuerst den Juden, dann den Heiden Bote zu sein.    

            Damit er so weit kommt, wünscht er sich Rom als Basis. Wünscht er sich die Gemeinschaft mit der Gemeinde in Rom. Dass er bei ihnen Kräfte sammeln kann. „Er erwartet, von der römischen Gemeinde verabschiedet und ausgerüstet zu werden.“(O. Michel, ebda.) Schon zu Beginn seines Briefes hatte er ja auch seine Hoffnung formuliert: „Ich sehne mich danach, euch persönlich kennen zu lernen und euch etwas von dem, was Gottes Geist mir geschenkt hat, weiterzugeben, damit ihr ´in eurem Glauben` gestärkt werdet – besser gesagt: damit wir, wenn ich bei euch bin, durch unseren Glauben gegenseitig ermutigt werden, ich durch euch und ihr durch mich.“ (1,11-12) In dieser Hoffnung schreibt er seinen Brief. Sie ruft er hier in Erinnerung, sich und seinen Leserinnen und Lesern.  „Gott plant anders“ weiterlesen

Täglich zu besuchen

Römer 15, 14 – 21

14 Ich weiß aber selbst sehr wohl von euch, meine Brüder und Schwestern, dass auch ihr selber voll Güte seid, erfüllt mit aller Erkenntnis, sodass ihr euch untereinander ermahnen könnt.

Es wirkt wie „eine Verbeugung“ (P. Stuhlmacher, aaO. S. 209) vor der Gemeinde in Rom: Was ich euch schreibe, wisst ihr gewiss alles schon. Ihr seid erfüllt mit aller Erkenntnis. πση γνσις. Ganz unbekümmert verwendet Paulus das Wort, um das es in Korinth so viele Streitereien gibt. Es ist die Grundüberzeugung des Apostels: der Heilige Geist macht klug, wissend in dem, was die Gemeinde hat und braucht. Sie würden wohl auch gar nicht verstehen, was er schreibt, wenn sie nicht mit ähnlichen Gedanken und Überzeugungen schon unterwegs wären.

Weil sie in Rom selbst solche Einsichten haben, kann Paulus darauf hoffen, dass ihnen plausibel, vernünftig erscheint, was er schreibt. Paulus will „nicht den Eindruck aufkommen lassen, als nähme er die geistliche Selbstständigkeit der römischen Gemeinde nicht ganz ernst.“ (O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 326) Sondern es geht ihm in dem Brief nach Rom von der ersten bis zur letzten Zeile um einen Verständigungsprozess mit der Gemeinde in Rom über den  gemeinsamen Glauben.

 15 Ich habe aber zum Teil sehr kühn geschrieben, um euch zu erinnern kraft der Gnade, die mir von Gott gegeben ist, 16 so dass ich ein Diener Christi Jesu unter den Heiden bin, der mit dem Evangelium Gottes wie ein Priester dient, auf dass die Heiden ein Opfer werden, das Gott wohlgefällig ist, geheiligt durch den Heiligen Geist. 17 Darum kann ich mich rühmen in Christus Jesus, dass ich Gott diene.

Was er schreibt, ist reichlich kühn. Vielleicht könnte man auch schlicht sagen: ungewöhnlich. Es ist aber sein Auftrag. Die Gnade, die ihm von Gott gegeben ist. Die Gnade χρις, die er empfangen hat, hat ihn nicht passiv werden lassen, nicht selbstgenügsam sein lassen. Sie setzte ihn in Bewegung. Das ist das Wesen der Gnade: „Gnade wird im tiefsten Sinn geschichtlich und personhaft.“(O. Michel, aaO. S. 327)Sie stellt auf einen Weg in der Zeit.

Was Paulus schreibt, ist auch deshalb kühn, weil es noch nicht so oft in der ersten Gemeinde formuliert und auf den Punkt gebracht worden ist. Paulus ist der erste schreibende Lehrer der Christenheit. Vor ihm gibt es nur die Weitergabe der Lehre von Mund zu Mund. Dieser Briefschreiber weiß sehr wohl, dass andere in der Christenheit seine Worte kritisch betrachten. Wenn er dennoch schreibt, so hat das Gründe. Einen dieser Gründe nennt Paulus: Er ist, in Person, der Brückenkopf zu den Heiden. Man könnte auch sagen, der die Brücke zu den Heiden schlägt. Pontifex – Brückenbauer. „Täglich zu besuchen“ weiterlesen

Wie Jesus uns angenommen hat

Römer 15, 7 – 13

7 Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.

            Noch einmal zum Einprägen: Das Verhalten der Christen untereinander soll sich am Beispiel Christi orientieren. Wie er sollen Christen miteinander umgehen. Einander annehmen. Akzeptieren. Tragen. Ertragen. Sich gegenseitig verpflichtet wissen zur Hilfe, zur Barmherzigkeit, zur Vergebung. Es „klingt wie eine Aufforderung, einen neuen Anfang zu machen.“ (O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 321) Vielleicht steckt dahinter das Wissen um festgefahrene Differenzen in der Gemeinde in Rom?

Einmal mehr taucht hier eines der Lieblingsworte des Paulus auf:λλλους. Einander. Wenn man im Römerbrief Statistik führen würde, könnte man merken, dass dieses einander viel häufiger vorkommt als ich, mich, mein. Das Christenleben ist ein Gemeinschaftsprojekt und Christsein zeigt sich vorzugsweise in dem, das andere etwas von mir haben, dass mein Glauben ihnen gut tut.

Das Ziel: in der wechselseitigen Annahme, in dem menschenfreundlichen Umgang wird das Lob Gottes verwirklicht. Wir loben den Schöpfer, indem wir so leben, wie er es sich gedacht hat: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.“(1. Mose 2,18) Darum erschafft er ihn als Gemeinschaftswesen, ζώον πολιτικόν, wie die griechischen Philosophen sagen. Indem wir dieser Bestimmung nachkommen, loben wir Gott. Tragen wir bei zu seiner Verherrlichung, seiner Ehre, seiner Herrlichkeit  – so wörtlich δξα im Griechischen. Gottes Glanz leuchtet heller auf, senn wir seiner Art entsprechen!

Es begegnet in diesen Worten, wie öfters bei Paulus eine „Vorbild-Christologie“ Christus gibt in seinem Handeln den Maßstab für das Handeln der Christen, in seinem Sein den Maßstab für das Sein der Christen. Aber das ist nicht die einzige Weise, wie Paulus von Christus für uns spricht.  Neben, nein, vor der Vorbild-Christologie steht sein Tun für uns, steht seine Liebe zu uns, steht seine Erlösung.

Das Handeln in der Spur Christi ist immer nur eine Folge, eine Antwort auf sein Handeln für uns. Dass Jesus sich für uns gegeben hat, dass er uns in sein Leben hinein nimmt, Anteil gibt an seinem Tod und seiner Auferstehung, ist die sachliche Voraussetzung dafür, dass wir an ihm Maß nehmen können und sollen. Oder anders gesagt: es geht im Handeln der Christen immer um ein Nachkommen, um die Dankbarkeit gegenüber dem, was Gott uns geschenkt hat.   „Wie Jesus uns angenommen hat“ weiterlesen

Was würde Jesus sagen, tun?

Römer 15, 1 – 6

 1 Wir aber, die wir stark sind, sollen die Schwächen derer tragen, die nicht stark sind, und nicht Gefallen an uns selber haben.

            Paulus zeigt, wo er sich selbst sieht: bei denen, die stark sind, die die Freiheit haben, die keine Furcht mehr davor haben, durch irgendein Fehlverhalten beim Essen oder Trinken aus der Gnade Gottes zu fallen. Vielleicht erklärt das auch, warum er die Starken stärker zum Verzicht, zur Rücksichtnahme fordert als die Schwachen. Er hatte ja auch zu den Schwachen gewendet sagen können: Lernt, nicht so eng zu sein.

Die Luther-Übersetzung formuliert mit ihrem wir sollen tragen zu schwach. Das griechische Wort φελομεν (vgl. 13,8) legt eine andere Übersetzung nahe: Wir sind verpflichtet. „Wir sind es schuldig, dass …“ Aus den vorangegangenen Bitten des Paulus wird jetzt eine klare Weisung, die bindend ist. Rücksichtnahme der Starken ist keine Ermessensangelegenheit. Er unterstellt: Die Starken „haben die Kraft und die innere Weite, auch die Enge und Ängstlichkeit der anderen zu verstehen und mitzutragen.“(W. Klaiber, aaO. S. 257) Paulus fordert das ein, vielleicht ein wenig leichter, weil er sich selbst auch unter dieser Forderung sieht. Nicht an irgend-wen, sondern an sich selbst richtet Paulus seine Forderung: „Die starken Schultern müssen mehr tragen als die Schwachen.“

Aber es ist schon bemerkenswert: Er nennt die Hindernisse und Blockaden, die die Schwachen sehen, Er nimmt ernst, dass sie nicht können! σθένημα  – das ist „Schwäche, Schwachheit“ (Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- u. Handwörterbuch, München 1957. S. 130), fast so etwas wie Krankheit. Wer darunter leidet, wird schwach und kraftlos, körperlich und seelisch. Er wird klein und macht sich selbst klein, fast unsichtbar. Modern übertragen: „Wer arm ist, wird für seine Mitmenschen unsichtbar, und die Schmach der Unsichtbarkeit ist häufig schlimmer als der Mangel an finanziellen Mitteln.“ (F. Fukuyama, Identität 2019, in: Kreisanzeiger 15. 2. 21019, S. 10) So gelesen sieht Paulus bei den Schwachen zwar auch ein Defizit. Sie könnten stärker sein. Der Glaube hat eine größere Freiheit für sie bereit, als sie es selbst bis jetzt für sich annehmen. Aber vor allem sieht er sie und rückt sie ins Blickfeld der Gemeinde insgesamt und der Starken insbesondere und gibt ihnen damit ihr Würde.   „Was würde Jesus sagen, tun?“ weiterlesen

Weitherzig

Römer 14, 13 – 23

13 Darum lasst uns nicht mehr einer den andern richten; sondern richtet vielmehr darauf euren Sinn, dass niemand seinem Bruder einen Anstoß oder Ärgernis bereite.

            Wenn schon richten, dann sich selbst ausrichten. Das Wort κρνω deckt eine Bandbreite an Bedeutungen ab: „scheiden, sondern, unterscheiden, absondern, aussondern, auswählen, entscheiden, beschließen, richten, verurteilen.“(Gemoll Griech.-Deutsches Schul- u. Handwörterbuch, München 1957., S. 453) Im Kern geht es Paulus um die Bewahrung der Gemeinschaft, die durch Richten zerstört wird. Danach streben, dass wir dem Anderen das Leben nicht schwer machen, dass wir ihn nicht irre machen in seinem Weg.

Die Christen in Rom sollen so miteinander umgehen, dass sie einander im Glauben stärken, nicht so, dass sie einander irritieren, durch ihre große Freiheit nicht und auch nicht durch ängstliche Enge und Unfreiheit. Das gilt für beide Gruppen, die Paulus mit seinen Worten im Blick hat, die Starken und auch die Schwachen. Das Kriterium für den Umgang miteinander ist nicht das Behaupten der eigenen Position, das Beharren darauf: Wir haben recht. Das Kriterium ist die Liebe. „Es zeigt sich, dass Paulus zwar der Wahrheit der Freien zu stimmt, dass er aber vom Evangelium her diese Wahrheit in das Licht der Liebe rückt.“ (O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 305)

14 Ich weiß und bin gewiss in dem Herrn Jesus, dass nichts unrein ist an sich selbst; nur für den, der es für unrein hält, ist es unrein. 15 Wenn aber dein Bruder wegen deiner Speise betrübt wird, so handelst du nicht mehr nach der Liebe. Bringe nicht durch deine Speise den ins Verderben, für den Christus gestorben ist. 16 Es soll doch nicht verlästert werden, was ihr Gutes habt.

            Noch einmal, diesmal sehr betont durch den Ausdruck: Ich bin gewiss in dem Herrn Jesus. Ein Hinweis darauf, dass es um mehr geht als eine persönliche, aber letztlich relativierbare Einstellung des Paulus. Nichts ist unrein an sich selbst. Einmal mehr eine Parallele aus den Evangelien: „Merkt ihr nicht, dass alles, was zum Mund hineingeht, das geht in den Bauch und wird danach in die Grube ausgeleert? Was aber aus dem Mund herauskommt, das kommt aus dem Herzen, und das macht den Menschen unrein. Denn aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsches Zeugnis, Lästerung. Das sind die Dinge, die den Menschen unrein machen. Aber mit ungewaschenen Händen essen macht den Menschen nicht unrein.“(Matthäus 15, 17-20)  Es sind nicht die Stoffe, die Menschen verunreinigen, sondern es ist die innere Gesinnung. Darin stimmt das Wort aus Matthäus mit den Worten des Paulus überein. Dieses Denken Jesu, das „mit der ganzen jüdischen Tradition bricht, wird von ihm ausdrücklich bestätigt.“(O. Michel, aaO. S. 306) Kennt Paulus solche Jesus-Worte aus seinem Umfeld?

Paulus geht dann den Schritt noch weiter: Das eigene Verhalten kann dem Bruder, der Schwester den Glauben vergällen. Es ist lieblos, zeugt nicht von dem Respekt vor dem anderen, wenn Freiheit rücksichtslos ausgelebt wird. Es zeugt auch nicht von Respekt, wenn alle in die Enge eines skrupelbehaften Gewissens gepresst werden sollen. So oder so – wo das Thema der Speisen zu groß wird, aus dem Ruder läuft, die Gemeinschaft zerstört, da droht die Gefahr, dass einer „in seiner Existenz als Christ zutiefst beschädigt wird“(W. Klaiber, Der Römerbrief, Die Botschaft des Neuen Testaments; Neukirchen 2009, S. 250), dass ihm die Freude am Glauben verdunkelt wird. Das aber verträgt sich nicht mit der Liebe, die den Christen geboten ist, in die sie hinein gestellt sind durch den Glauben an Christus.      „Weitherzig“ weiterlesen

Die Liebe überwindet Unterschiede

Römer 14, 1 – 12

 1 Den Schwachen im Glauben nehmt an und streitet nicht über Meinungen.2 Der eine glaubt, er dürfe alles essen; wer aber schwach ist, der isst kein Fleisch. 3 Wer isst, der verachte den nicht, der nicht isst; und wer nicht isst, der richte den nicht, der isst; denn Gott hat ihn angenommen.

       „Wahrscheinlich gehen diesen Teilen des Briefes Nachrichten voraus, die ihm die römischen Freunde gesandt hatten.“(A. Schlatter, aaO. S. 364) Jedenfalls wirkt es so, als würde Paulus auf Fragen reagieren, die an ihn herangetragen worden sind.

Es geht nicht um Streit zwischen Fleisch-Essern und Vegetariern oder Veganern. Ob es gesünder ist, Fleisch zu essen oder nicht. Es geht um religiöse Fragen: Es geht darum, ob man alles essen darf, was der Markt gerade so hergibt – und immer besonderen Fleisch, das auf dem römischen Markt mit hoher Wahrscheinlichkeit aus irgendeiner Opferhandlung im heidnischen Tempel stammen wird. aus dem Tempel der Juno, des Mars, des Jupiter, des Saturn und wie sie alle heißen.

Zwei Positionen stehen sich wohl gegenüber. Weil es beide Positionen in der Gemeinde gibt, ist es erforderlich, Klärungen herbeizuführen. Ob es dazu einen „apostolischen Entscheid“ (O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 298) braucht, weiß ich nicht. Mir scheint diese Formulierung rückwirkend von heute her ein bisschen die Autorität des Paulus überhöht zu sehen.

Aber die Gemeinde ist in einer Zerreißprobe, die sich aus Alltagshandeln ergibt. Die einen essen bedenkenlos Fleisch, weil sie sagen: Alle Götter sind Nichtse. Sie haben es von Jesaja gelernt: „Wer sind sie, die einen Gott machen und einen Götzen gießen, der nichts nütze ist?“(Jesaja 44,10) Es liegt keine Macht auf dem, was aus den Tempeln kommt. Und es interessiert sie nicht, wo ihr Fleisch herkommt. Die anderen haben Angst, dass sie sich durch das Essen von Götzenopfer-Fleisch infizieren, mit dem heidnischen  Kult und unter dessen Einfluss geraten. Auch, dass sie strenge Speisevorschriften übertreten, die ihnen wichtig waren, wie die, das alles koscher sein muss. „Es gibt Beispiele dafür, dass Juden in solchen Situationen auf einen strengen Vegetarismus auswichen.“ (W. Klaiber, aaO. S. 240)

Es liegt auf der Hand, dass so unterschiedliche Einstellungen zum Essen Probleme bereiten im Miteinander in einer Kleingruppe. Im Üben von Gastfreundschaft, wo einer sagen muss, weil er nicht anderes kann: Das esse ich nicht. Es ist Erfahrung, die sich bis heute wiederholt: erst die Begegnung mit denen, die das gewohnte Essen verweigern, aus religiösen Gründen, aus gesundheitlichen Aspekten, werden wir selbst aufmerksam und manchmal auch in Frage gestellt mit unserem eigenen Ess- und Trinkverhalten. „Die Liebe überwindet Unterschiede“ weiterlesen

Nichts für die lange Bank

Römer 13, 8 – 14

8 Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt.

            Dieser erste Satz wirkt auf mich, als würde er nahtlos anknüpfen an den letzten Satz vor den Gedanken über die Obrigkeit und den Staat. Er macht damit diese ganze Passage über den Staat endgültig zu einer Art Exkurs. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. Ich könnte auch lesen: Haltet fest an der Liebe.

Und hier nun: Das einzige, was ihr einander schuldet, aber auch der Welt schuldet, ist die Liebe. „Die Liebe ist die eigentliche Verpflichtung, die wir nie aus den Augen verlieren dürfen.“ (O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 288) Nach innen und außen – immer geht es um einen liebevollen Umgang. Einen Umgang, der Leben ermöglicht, der Menschen auf die Beine hilft, der Wunden heilt und Mut macht. Das sind Christen einander schuldig.

Hier steht ein Wort  φειλε, das auch schlicht Schulden bedeuten kann. „Habt also bei niemand Schulden“ sagt Paulus. Das wirkt ein bisschen wie assoziativ an die Sätze über die Steuern angeschlossen. Dennoch denke ich, dass es nicht um Geld-Schulden geht. Es geht um ein Verhalten, zu dem die Christen verpflichtet sind, das sie den anderen schulden. „Die Liebe ist Pflicht. Wir sind sie einander schuldig.“(A. Schlatter, aaO. S. 357)

            Es ist die Art Lehrsatz, die Paulus oft zur Sprache bringt: wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt. Im Hintergrund darf man vielleicht mithören: „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt.“ (Johannes 13,34) Auch wenn das Johannes-Evangelium Jahrzehnte später geschrieben ist als der Brief des Paulus nach Rom – der sachliche Zusammenhang scheint offensichtlich. Es geht um die Liebe, die als Reflex der Liebe Christi unter den Christen und der Welt gegenüber gelebt werden soll. Die Liebe ist die Bringschuld, die die Christen gegeneinander haben. Es steht nicht im Belieben der Christ*innen zu lieben – sie sind dazu verpflichtet. Um nichts anderes geht es im Gesetz. Darum ist die Erfüllung des Gesetzes nicht anders zu haben als im Tun der Liebe, in den Werken der Liebe. „Nichts für die lange Bank“ weiterlesen

Wie halten wir es mit dem Staat?

Römer 13, 1 – 7

             Ein bisschen unvermittelt und darum überraschend kommt Paulus auf das Thema Obrigkeit zu sprechen. Vielleicht verbindet es sich für ihn mit seinem Blick auf die gesellschaftliche Umwelt. Die Obrigkeit ist für die Gemeinde in Rom ja ein realer Faktor. Der römische Historiker Sueton berichtet über Claudius (Kaiser von 41 – 54 n.Chr.): Die Juden vertrieb er aus Rom, weil sie, von Chrestus aufgehetzt, fortwährend Unruhe stifteten.“ (Sueton, Cäsarenleben, Hrsg. M. Heinemann, Stuttgart 1957; S. 307) Dieses Edikt des Claudius hat direkt Folgen für die Gemeinde in Rom: „Danach verließ Paulus Athen und kam nach Korinth und fand einen Juden mit Namen Aquila, aus Pontus gebürtig; der war mit seiner Frau Priszilla kürzlich aus Italien gekommen, weil Kaiser Klaudius allen Juden geboten hatte, Rom zu verlassen.“ (Apostelgeschichte 18, 1 – 2) Es gibt also genug Anlass, sachlich und personenbezogen, für jemanden, der einen Brief an die Gemeinde in Rom schreibt, sich auch mit dem Verhältnis der Christen zum Staat, zur Macht in Rom zu beschäftigen. „Der ganze Abschnitt spricht im Stil eines jüdischen Weisheitslehrers und wendet sich daher ausdrücklich an das kritische Urteilsvermögen des Lesers.“ (O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 281)

1 Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott angeordnet. 2 Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt der Anordnung Gottes; die ihr aber widerstreben, ziehen sich selbst das Urteil zu.

Paulus kann anschließen an das, was er zuvor gesagt hat. Zum Frieden mit jedermann hat er aufgefordert und gemahnt, nicht hoch hinaus zu wollen. Jetzt fordert er von jedermann, also allen, Unterordnung, sich einfügen. Ich finde eine Übersetzung, die das so anstößige Wort untertan vermeidet: „Jedermann soll übergeordneten Gewalten Folge leisten.“ (U. Wilckens, Der Brief an die Römer, EKK VI/3, Neukirchen 1982. S. 29) Das griechische Wort ξουσα, das in der Luther-Bibel mit Obrigkeit und sofort anschließend mit Gewalt wiedergegeben wird,  heißt auf Lateinisch „potestas“, autorità heißt es in der italienischen Übersetzung La Parola ề vita. Es bezeichnet die Amts-Gewalt. Es ist auch das Wort, das wir am Schluss des Matthäus-Evangeliums hören – aus dem Mund Jesu: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.“(Matthäus 28,18)   

Das hält Paulus schon durch seine Wortwahl durch: Alle Macht geht auf Gott zurück. Alle Obrigkeit hat ihr Mandat von Gott. Deshalb fordert er von den Christen ein Einfügen in die Ordnungen der Obrigkeit, ein sich diesen Obrigkeiten, ihrer Gewalt Unterstellen. Und stellt klar: „Widerstand gegen die Staatsgewalt ist Auflehnung gegen Gott.“(K. Haacker; aaO. S. 266)Das ist schon ein steiler Satz, der es nicht so einfach macht, sich mit den Gedanken des Paulus anzufreunden. Erst recht in einer Zeit, in der jederzeit der Protest aufflammen kann weil das Gesetz der Gewalten nicht der eigenen Einsicht entspricht. „Wie halten wir es mit dem Staat?“ weiterlesen