Am Ende: Segen

  1. Korinther 13, 1 – 13

1 Jetzt komme ich zum dritten Mal zu euch. »Durch zweier oder dreier Zeugen Mund soll jede Sache bestätigt werden.« (5.Mose 19,15) 2 Ich habe es vorausgesagt und sage es abermals voraus – wie bei meinem zweiten Besuch, so auch nun aus der Ferne – denen, die zuvor gesündigt haben, und den andern allen: Wenn ich noch einmal komme, dann will ich nicht schonen.

                Wie drohend klingt das in den Ohren der Korinther? Oder überwiegt doch die Freude: Paulus will auf jeden Fall wieder zu uns kommen? Was deutlich ist: der nächste Besuch wird Klärungen bringen müssen. Das Verhältnis der Gemeinde zu Paulus steht auf dem Prüfstand. Und der Umgang die Gemeinde mit internen Problemen wird auch ein Thema sein. Womöglich auch die Abhängigkeit von anderen Aposteln und anderen Einflüssen.

  3 Ihr verlangt ja einen Beweis dafür, dass Christus in mir redet, der euch gegenüber nicht schwach ist, sondern ist mächtig unter euch. 4 Denn wenn er auch gekreuzigt worden ist in Schwachheit, so lebt er doch in der Kraft Gottes. Und wenn wir auch schwach sind in ihm, so werden wir uns doch mit ihm lebendig erweisen an euch in der Kraft Gottes.

           Die Linie des angekündigten Besuches und der Gespräche ist aber bestimmt: Christus als der Gekreuzigte wird im Zentrum aller Überlegungen stehen. Mehr noch: er selbst wird in der Mitte sein, in allen  Begegnungen. Seine Kraft, seine Schwachheit. Wieder einmal spielt Paulus darauf an, welche Bilder die Korinther haben. Von sich selbst glauben sie, dass Christus mächtig unter ihnen ist; von Paulus denken sie, dass er ihnen gegenüber schwach ist, mickrig, ohne Durchsetzungsvermögen.

        Es ist das Dauerthema des Paulus, das er hier noch einmal den Korinthern vorhält: Ihr sucht Beweise, sucht Stärke und Kraft. Sie ist nur an einer Stelle zu finden – verborgen im Weg Christi  – wenn er auch gekreuzigt worden ist in Schwachheit, so lebt er doch in der Kraft Gottes. Eine andere Stärke kennt Paulus nicht. Eine andere Stärke erhofft er sich nicht für sich selbst. Von ihm her muss sich Paulus befragen lassen, auf ihn hin auch die Gemeinde. Christus wirkt in allen – das ist das große Thema der kommenden Begegnungen.

 5 Erforscht euch selbst, ob ihr im Glauben steht; prüft euch selbst! Oder erkennt ihr euch selbst nicht, dass Jesus Christus in euch ist? Wenn nicht, dann wärt ihr ja untüchtig. 6 Ich hoffe aber, ihr werdet erkennen, dass wir nicht untüchtig sind. 7 Wir bitten aber Gott, dass ihr nichts Böses tut; nicht damit wir als tüchtig angesehen werden, sondern damit ihr das Gute tut und wir wie die Untüchtigen seien.

            Alle Ermahnung will nur dies eine erreichen, dass sich die Korinther selbst prüfen, wie es um ihren Glauben steht, das sie alle Selbstsicherheit dran geben und sich der Frage nach der Wirklichkeit des eigenen Lebens schonungslos aussetzen. Die Prüfung des eigenen Glaubens stellt vor die Frage nach der Wahrheit, führt vor Christus und fragt, wem wir vertrauen. Diese Prüfung geschieht zum Heil und nicht zum Unheil. Wenn er sagt: erkennt ihr euch selbst nicht, dass Jesus Christus in euch ist? so wirkt es, als würde er das Ergebnis einen wirklich tief gehenden Selbstprüfung schon vorwegnehmen.

          Gleich viermal taucht in diesem Abschnitt ein Wort auf, δκιμος das die Lutherbibel 1984 mit untüchtig übersetzt. Die Übersetzung gibt die Bedeutungsbreite, die im Griechischen mitschwingt, nur zulänglich wieder. Δκιμος,  von dem dieses Wort als Negation abgeleitet ist, sagt: „annehmbar, bewährt, erprobt“ und im Adjektiv „aufrichtig“ (Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- und Handwörterbuch, München 1957, S. 224) Und so schwingt in der Negation mit: „nicht echt, nicht probehaltig, verwerflich, unnütz, ungeeignet“ (Gemoll, aaO.;S.11) Die Neue Lutherbibel von 2017 wechselt deshalb folgerichtig auch zu einem anderen Wort: „nicht bewährt, unbewährt.“ 

       Damit wir deutlich, worum es geht, was auf dem Spiel steht: Hat sich die Verkündigung des Paulus im Leben der Korinther bewährt? Hat er sich also als einer erwiesen, auf dessen Wort Verlass ist? Und haben die Korinther das, was sie gehört haben, bewahrt und in ihrer Lebenspraxis bewährt? Hier schwingt die Erfahrung des Simon Petrus am See mit: „auf dein Wort hin“ – sagt er zu Jesus und fährt auf den See und macht den Fischfang seines Lebens. (Lukas 5, 1 – 11) Das ist bewährtes Wort und bewährte Glauben – Hören und Bewahren und danach tun. Darum geht es Paulus in Korinth. Bis zum Schluss seiner Briefe.

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Ringen um Verständigung

  1. Korinther 12, 11 – 21

  11 Ich bin ein Narr geworden! Dazu habt ihr mich gezwungen. Denn ich sollte von euch gelobt werden, da ich doch nicht weniger bin als die Überapostel, obwohl ich nichts bin. 12 Denn es sind ja die Zeichen eines Apostels unter euch geschehen in aller Geduld, mit Zeichen und mit Wundern und mit Taten.

               Mit dem Vergleichen ist es fast immer eine missliche Sache. So auch hier. Paulus ist der Gemeinde-Gründer in Korinth, nicht die Leute, die jetzt als „Super-Apostel“ auftreten. Daran erinnert er mit einer merkwürdigen Mischung aus Bescheidenheit – „ich bin nichts“ – und Selbstbewusstsein. Er muss die Konkurrenz der Überapostel nicht fürchten. Die Korinther werden es wissen, was mit dem Hinweis auf Zeichen, Wunder und Taten gemeint ist. Ganz so unscheinbar war der Auftritt des Apostels in Korinth also doch nicht.

            Aber das alles ist Narretei und Paulus macht sich zum Narren, indem er sich auf solche Debatten und Vergleiche überhaupt einlässt. Wenn schon loben und rühmen, dann wäre es an den Korinthern, ihn als den Apostel zu loben, auf den ihre Gemeinde zurückgeht.    

13 Was ist’s, worin ihr zu kurz gekommen seid gegenüber den andern Gemeinden, außer dass ich euch nicht zur Last gefallen bin? Vergebt mir dieses Unrecht! 14 Siehe, ich bin jetzt bereit, zum dritten Mal zu euch zu kommen, und will euch nicht zur Last fallen; denn ich suche nicht das Eure, sondern euch. Denn es sollen nicht die Kinder den Eltern Schätze sammeln, sondern die Eltern den Kindern. 15 Ich aber will gern hingeben und hingegeben werden für eure Seelen. Wenn ich euch mehr liebe, soll ich darum weniger geliebt werden? 16 Nun gut, ich bin euch nicht zur Last gefallen. Aber bin ich etwa heimtückisch und habe euch mit Hinterlist gefangen? 17 Habe ich euch etwa übervorteilt durch einen von denen, die ich zu euch gesandt habe?

               Die tiefe Verunsicherung bei Paulus ist mit Händen zu greifen. Er schlägt sich mit vermuteten Vorwürfen herum, fragt nach vermeintlichen Verdächtigungen und Verdächten. Er sucht nach Gründen für das Verhalten der Korinther ihm gegenüber – und sucht auf beiden Seiten. Er fragt nach dem eigenen Verhalten und möglichen eigenen Fehlern.

            Es ist gut zu sehen, dass die ganze Situation Paulus unter die Haut geht und ihn nicht gleichgültig sein lässt. Er wird davon in Frage gestellt und stellt sich auch selbst fragen. Hat er vielleicht doch die Korinther gekränkt mit seinem Konzept absoluter Unabhängigkeit? War seine Zurückweisung von Unterstützung für die, die angeboten hatten, eine tief gehende Kränkung, weil sie darin Misstrauen gespürt haben? Hätte es den Korinthern geholfen, wenn der, der ihn das Geschenk Gottes in Christus predigt, sich selbst auch etwas von ihnen schenken lässt? Hat Paulus es also an Augenhöhe fehlen lassen?

            Fragen über Fragen und es macht den Apostel ein Stück menschlich, dass diese Fragen bei ihm zu spüren sind. Er ist nicht unverwundbar. Er ist auch selbst nicht frei von Kränkungen, von Eifersucht und von der Frage: Wen habe ich irgendwie falsch und verletzend behandelt?

            Zugleich aber ist er auch merkwürdig stur. Wenn er zum dritten Mal kommt, wird er nichts ändern. Auch dann: Keine finanzielle Unterstützung. Damit nur ja keiner auf die Idee kommen kann: jetzt will er doch unser Geld. Um seine Haltung zu begründen, greift er zur Regel, die gilt:  Denn es sollen nicht die Kinder den Eltern Schätze sammeln, sondern die Eltern den Kindern. Es stimmt ja: „Kinder sind nicht zu finanziellen Leistungen, wohl aber zum Ausgleich der väterlichen Leistungen durch Liebe verpflichtet.“ (T. Schmeller, Der zweite Brief an die Korinther 7,51 -13,13, EKK VIII/2,  Neukirchen 2015, S.348) Klagt Paulus also mit dieser Anleihe bei umlaufenen Sentenzen klammheimlich die Liebe der Korinther ein? Ist er so heimtückisch und hinterlistig? Paulus stellt sich den Fragen – aber indem er sie stelt, weist er sie doch gleichzeitig zurück. Nein, so ist er nicht.

18 Ich habe Titus zugeredet und den Bruder mit ihm gesandt. Hat euch etwa Titus übervorteilt? Haben wir nicht beide in demselben Geist gehandelt? Sind wir nicht in denselben Fußtapfen gegangen?

            Auch seinen Freund und Bruder Titus zieht er mit in sein Fragen ein. Denn er weiß: wir sind eins und werden auch von außen als Einheit gesehen. Was Titus getan hat, kommt mir zu gute oder wird mit zur Last gelegt. Darum kann und will Paulus sich nicht von Titus und dem anderen Bruder (wer ist das?) distanzieren.

Herr Jesus, mache mich frei von dem Vergleichen mit anderen, von dem Sein-wollen wie sie, auch von dem auf jeden Fall anders sein wollen

Mache mich frei von der Abhängigkeit von den Urteilen anderer. Das sagt sich ja leichter als es sich lebt: Denkt doch über mich, was ihr wollt

Mache mich frei von den Fragen und Anklagen des eigenen Herzens. Lass mich gewiss sein: Du sprichst mich frei. Amen

19 Schon lange werdet ihr denken, dass wir uns vor euch verteidigen. Wir reden jedoch in Christus vor Gott! Aber das alles geschieht, meine Lieben, zu eurer Erbauung.

               Das ist das Ziel: Erbauung. οκοδομή. Es geht nicht darum, sich selbst ins rechte Licht zu rücken. Es geht nicht darum, sich zu verteidigen, auch nicht gegen ungerechte Vorwürfe. „Erbauung ist das Ziel sowohl des freundlichen als auch des kämpferischen Vorgehens.“ (T. Schmeller, aaO.; S.357) Das wird gewährleistet dadurch, dass Paulus in Christus vor Gott redet. Dadurch wird sowohl die Form wie auch der Inhalt bestimmt. Es geht darum, dass die Gemeinde gestärkt wird, dass es Klarheit gibt, die zu einer klaren und guten Lebensführung hilft. Wenn die Boten Jesu sich selbst ins Zentrum rücken, wird alles verrückt. Wenn sie eine Lehre ins Zentrum rücken, wird alles steril. Es geht um die Einweisung in das Leben mit Christus. Wo das gelingt, da wird Gemeinde gebaut und werden  Einzelne in ihrem Leben zurecht gebracht.

 20 Denn ich fürchte, wenn ich komme, finde ich euch nicht, wie ich will, und ihr findet mich auch nicht, wie ihr wollt, sondern es gibt Hader, Neid, Zorn, Zank, üble Nachrede, Verleumdung, Aufgeblasenheit, Unordnung. 21 Ich fürchte, wenn ich abermals komme, wird mein Gott mich demütigen bei euch und ich muss Leid tragen über viele, die zuvor gesündigt und nicht Buße getan haben für die Unreinheit und Unzucht und Ausschweifung, die sie getrieben haben.

             Die Wahrheit ist kein Selbstzweck, auch die Wahrheit über Schwierigkeiten in der Gemeinde nicht. Es sind scharfe Worte, die Paulus hier gebraucht und es ist erschreckend, dass er damit den Zustand der Gemeinde beschreibt. Ein tief vergiftetes Klima kommt zur Sprache. „Die Situation der Gemeinde ist durch Streit und Rivalität gekennzeichnet.“ (T. Schmeller, aaO, S. 358) Wie erschreckend weit ist das weg von dem Ziel, das Paulus für die Gemeinde sieht, von der Erbauung. Wo Hass und Neid, Nachrede und Verleumdung  auf der Tagesordnung sind, da ist das geistliche Wachstum tief gestört und gefährdet. Da ist viel Widerspruch gegen das Evangelium, das doch den Shalom Gottes ausruft, den Frieden über alles Begreifen hinaus.

            Das sieht Paulus und es setzt ihm zu. Es macht ihn fertig, es lastet auf ihm. Er sagt mein Gott wird mich demütigen bei euch und ich muss Leid tragen. Es sind ja doch Leute, die ihm am Herzen liegen, die er zum Glauben gerufen hat, die er jetzt so hart angeht. Es wird nicht nur Demut bei Paulus brauchen, sondern auf allen Seiten, damit es zur Umkehr kommt, damit sie aus der Falle gegenseitiger Beschuldigungen herausfinden. Es wird Demut brauchen, damit der Missbrauch der Freiheit – das meint ja Unreinheit und Unzucht und Ausschweifung korrigiert wird.

            Es sind harte Worte, aber sie zeigen, dass Paulus nicht aufgibt. Die Gemeinde nicht und auch nicht die Suche nach einer Verständigung mit der Gemeinde. Nach Versöhnung. Es sind Worte, in denen der Schmerz des Paulus spürbar wird. Der Schmerz darüber, dass die Gemeinde in Korinth so weit hinter dem zurück bleibt, was Gott schenken möchte.  Aber es ist keine vernichtende Kritik, sondern Kritik, die Umkehr, Buße, Sinnesänderung erhofft, die Einsicht in die eigene Schuld und die wechselseitige Bitte um Vergebung. Nur so kann es neue Anfänge geben.

 

Herr Jesus, wir leben nicht auf einer Insel der Seligen. Deine Gemeinde ist noch nicht das Reich Gottes. Es gibt so Vieles, was im Argen liegt. Lieblosigkeit, Gleichgültigkeit, Eitelkeit, Herrschsucht.

Hilf Du uns dazu, dass wir menschlich miteinander umgehen, wenn wir unserer Fehler benennen. Hilf Du dazu, dass wir freundlich bleiben, auch wenn einer anderer uns unsere Schwächen vorhält.

Mache uns demütig, damit Du uns aufrichten kannst durch die Worte der Schwestern und Brüder. Amen

 

Versöhnt – mit den eigenen Grenzen

  1. Korinther 12, 1 – 10

 1 Gerühmt muss werden; wenn es auch nichts nützt, so will ich doch kommen auf die Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn.

             Noch einmal:  Gerühmt muss werden; wenn es auch nichts nützt. Es bringt doch niemand wirklich weiter, wenn man sich die Himmelserfahrungen gegenseitig erzählt und sich gegenseitig übertrumpft.  Aber wenn er denn so gezwungen wird durch das Reden der anderen, dann will er doch, widerstrebend darauf kommen – auf die Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn. Das ist sein Signal: Es sind Worte, die ihm aufgenötigt werden.

 2 Ich kenne einen Menschen in Christus; vor vierzehn Jahren – ist er im Leib gewesen? Ich weiß es nicht; oder ist er außer dem Leib gewesen? Ich weiß es auch nicht; Gott weiß es -, da wurde derselbe entrückt bis in den dritten Himmel. 3 Und ich kenne denselben Menschen – ob er im Leib oder außer dem Leib gewesen ist, weiß ich nicht; Gott weiß es -, 4 der wurde entrückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann. 5 Für denselben will ich mich rühmen; für mich selbst aber will ich mich nicht rühmen, außer meiner Schwachheit. 6 Und wenn ich mich rühmen wollte, wäre ich nicht töricht; denn ich würde die Wahrheit sagen. Ich enthalte mich aber dessen, damit nicht jemand mich höher achte, als er an mir sieht oder von mir hört.

             Paulus redet von sich und distanziert sich doch zugleich auch, indem er uneigentlich von sich redet. Als würde er eine fremde Erfahrung von einem anderen Menschen erzählen. „Paulus zeigt darin nicht nur bescheidene Zurückhaltung, sondern darüber hinaus eine klare Distanzierung von dem erzählten Vorgang.“ (T. Schmeller, Der zweite Brief an die Korinther 7,51 -13,13, EKK VIII/2,  Neukirchen 2015, S. 284)Nicht, weil er ihn leugnen würde. Wohl aber, weil er einer Verzweckung widerstehen möchte, die mit solchen Erfahrungen argumentiert und die eigen Person ins rechte Licht zu rücken bemüht ist. Es „sind ekstatische Erlebnisse, die nur für ihn persönlich von Bedeutung sind.“ (H.D. Wendland, Die Brief an die Korinther, NTD 7, Göttingen 1968, S.244) Sie haben nichts in der Gemeinde zu suchen, sie eignen sich nicht als Argumente für den Glauben.

                Das gibt es wirklich: Erfahrungen, die abheben lassen. Das gibt es wirklich, nicht alltäglich, aber ab und zu, im Abstand von 14 Jahren oder mehr – den Augenblick, wo der Himmel offen steht.  Das gibt es wirklich, dass sich auf einmal eine Tiefe, eine Herrlichkeit zeigt, für die die Worte fehlen, die aber gleichwohl tief in die eigene Seele fällt. Es gibt die kostbaren Momente – im Gottesdienst, im Konzert, vor einem Bild, im Gespräch, auf einem Berg, bei einer Fahrt mit dem Auto,  an einem Krankenbett, in denen die Ewigkeit in das eigene kleine Leben hinein aufleuchtet, so dass alles klar und gut ist.

            Wer das erlebt hat, der ist in seiner Seele heil und verwundet zugleich. Heil, weil es von Stund´ an unauslöschlich feststeht: Das kommt. Das, was ich da erfahren, geschmeckt habe, ist das große Ziel meines Lebens. Und verwundet, weil er ja noch hier ist, weil er ja noch aushalten muss mit alle dem, was diese großen Bilder in der eigenen Seele in Frage stellt. Davon weiß Paulus ja nun doch zu reden, wenn er schon von den großen, erhabenen, kostbaren Momenten eher nur schweigen kann, weil sie so unsagbar schön waren.  „Versöhnt – mit den eigenen Grenzen“ weiterlesen

Eine absurde Erfolgsliste

  1. Korinther 11, 16 – 33

16 Ich sage abermals: Niemand halte mich für töricht; wenn aber doch, so nehmt mich an als einen Törichten, damit auch ich mich ein wenig rühme. 17 Was ich jetzt rede, das rede ich nicht dem Herrn gemäß, sondern wie in Torheit, weil wir so ins Rühmen gekommen sind. 18 Da viele sich rühmen nach dem Fleisch, will ich mich auch rühmen.

            Was jetzt kommen wird, ist uneigentliche Rede. Aufgezwungen, weil die Korinther nicht anders zu beeindrucken und beeinflussen sind. Es ist ein Reden, in dem so häufig „ich“ gesagt werden wird, wie es Paulus überhaupt nicht gefällt. „Er ist kein Tor; aber wenn die Korinther ihn doch dafür halten, dann sollen sie auch seine Narrenrede ertragen.“ (H.D. Wendland, Die Brief an die Korinther, NTD 7, Göttingen 1968, S.239) Sein Reden im Unverstand – so wieder ἀφροσύνη. Dabei weiß Paulus doch: Er ist doch nicht das Thema seiner Verkündigung, sondern Christus. Und es läuft etwas schief, wenn mehr vom Verkündiger und seiner Person gesprochen wird als von Christus und seiner Tat für uns.

19 Denn ihr ertragt gerne die Narren, ihr, die ihr klug seid! 20 Ihr ertragt es, wenn euch jemand knechtet, wenn euch jemand ausnützt, wenn euch jemand gefangen nimmt, wenn euch jemand erniedrigt, wenn euch jemand ins Gesicht schlägt. 1 Zu meiner Schande muss ich sagen, dazu waren wir zu schwach!

            Die Gemeinde in Korinth liebt den großen Auftritt. Sie liebt die Prediger, deren Predigen sie klein macht, knechtet, erniedrigt, ausnützt. Sie liebt die  wortgewaltigen, imponierenden Prediger. Sie liebt Prediger, die von unglaublichen Erfahrungen zu erzählen wissen: Von Himmelsreisen von Entrückungen und Verzückungen. Sie liebt Prediger, die von Dingen reden, die sie als Gemeinde noch nie gehört haben. Wenn es nur wortgewaltig ist, muss es nicht mehr verständlich und realitätsnah sein.  „Eine absurde Erfolgsliste“ weiterlesen

Ecken und Kanten, Fehler und Macken

2.Korinther 11, 1 – 15

1 Wollte Gott, ihr hieltet mir ein wenig Torheit zugut! Doch ihr haltet mir’s wohl zugut.

             Paulus hat in seinen Verteidigungen und seinen Angriffen wohl das Gefühl, dass er sich zum Narren macht. Dass er Dinge sagt und schreibt, die er für völlig unangemessen hält. Die deutsche Übersetzung Torheit für φροσνη führt in eine falsche Richtung. „Diese „Narrheit“ (φροσνη) ist etwas anderes als die Torheit (μωρία) von 1. Korinther 1 – 3.“ (T. Schmeller, Der zweite Brief an die Korinther 7,51 -13,13, EKK VIII/2,  Neukirchen 2015, S.199) Es ist ein närrisches Verhalten, das ihm aufgezwungen ist – weil die anderen sich so aufspielen. Weil sie in Korinth so darauf aus sind und das anerkennen, wenn sie Leute inszenieren, darum werden sie es auch dem Paulus nachsehen. Vielleicht sogar positiv anerkennen: Er verkauft sich endlich einmal gut.  

             In einer Zeit, in der man sich in Bewerbungsgesprächen „gut verkaufen muss“, in der alles daran zu hängen scheint, dass „man etwas aus sich macht“, etwas hermachen und darstellen kann, ist das, was Paulus Narrheit nennt, Allgemeingut geworden. Ein Muss. Es ist, so gesehen, ein närrische Zeit, nicht nur zu  Zeiten der Karnevals-Kampagnen, sondern immer.

2 Denn ich eifere um euch mit göttlichem Eifer; denn ich habe euch verlobt mit einem einzigen Mann, damit ich Christus eine reine Jungfrau zuführte. 3 Ich fürchte aber, dass wie die Schlange Eva verführte mit ihrer List, so auch eure Gedanken abgewendet werden von der Einfalt und Lauterkeit gegenüber Christus.

               Es geht  nicht um Paulus, obwohl es doch dauernd auch um Paulus geht. Aber für Paulus ist klar: es geht um die Gemeinde, um ihren Weg in der Nachfolge Jesu, im Glauben an ihn. Das ist die Mitte, auf die die Gemeinde verpflichtet ist, gegründet, von der allein sie leben kann: Sie gehört zu Jesus Christus. In ihm hat sie ihr Leben, aus ihm ihre Kraft. Aber das ist kein Besitz, ein für alle Mal. Das wird immer wieder angefragt und angefochten durch fremde Botschaft, die sich gut anfühlen. Aber sie sind gleisernisch, verführerisch und in Wahrheit Verführungen.

            Es ist ein harter Vorwurf, den Paulus hier erhebt durch seine Rückzug auf die Verführung Evas durch die Schlange. Es ist nur gut, dass er dabei irgendwie im Vagen bleibt, nicht Personen direkt verantwortlich macht.  Aber auch so bleibt der Vorwurf: die fremden Lehrer treiben das Geschäft des Verführers.   „Ecken und Kanten, Fehler und Macken“ weiterlesen

Leben im Maß Gottes

  1. Korinther 10, 12 – 18

12 Denn wir wagen nicht, uns unter die zu rechnen oder mit denen zu vergleichen, die sich selbst empfehlen; aber weil sie sich nur an sich selbst messen und mit sich selbst vergleichen, verstehen sie nichts.

               Eigenlob stinkt. So habe ich es gelernt. Und es ist nur zu wahr: Mancher findet sich selbst großartig, weil er sich immer nur nach unten vergleicht. Mancher hat überhaupt keinen Blick auf andere, sondern sieht nur immer sich selbst. In meinen Augen ist es ein Teil der Krankheit unserer Zeit: Die einen leben nur aus dem Vergleichen und verlieren sich selbst dabei aus den Augen – ob in Verzagen oder im Hochmut ist dabei gleich gültig. Andere aber sehen überhaupt nicht, dass sie nicht der Mittelpunkt der Welt und die Krone der Schöpfung sind, sondern ganz normaler Durchschnitt. Beides macht blind für die Wirklichkeit.

13 Wir aber wollen uns nicht über alles Maß hinaus rühmen, sondern nur nach dem Maß, das uns Gott zugemessen hat, nämlich dass wir auch bis zu euch gelangen sollten. 14 Denn es ist nicht so, dass wir uns zu viel anmaßen, als wären wir nicht bis zu euch gelangt; denn wir sind ja mit dem Evangelium Christi bis zu euch gekommen 15 und rühmen uns nicht über alles Maß hinaus mit dem, was andere gearbeitet haben.

            Paulus muss sich nicht vergleichen. Er muss nicht die eigene Größe dadurch vergrößern, dass er andere klein macht. Er hat sein Aufgabenfeld durchschritten. Es ist ein selbstbewusster und zugleich demütiger Satz: Gott hat uns sein Maß zugemessen. Wenn Gott uns nichts zugetraut hätte, nicht beauftragt hätte, nicht geschickt hätte – wir hätten nichts tun können. Weil Gott uns den Raum eröffnet hat  – so ist das Wort κανών, Kanon hier zu deuten, ist Paulus mit seinen Leuten nach Korinth gekommen, weil er diesen sendenden Gott traut. „Leben im Maß Gottes“ weiterlesen

Klar bleiben

  1. Korinther 10, 1 – 11

1 Ich selbst aber, Paulus, ermahne euch bei der Sanftmut und Güte Christi, der ich in eurer Gegenwart unterwürfig sein soll, aber mutig, wenn ich fern von euch bin. 2 Ich bitte aber, dass ihr mich nicht zwingt, wenn ich bei euch bin, mutig zu sein und die Kühnheit zu gebrauchen, mit der ich gegen einige vorzugehen gedenke, die unsern Wandel für fleischlich halten.

             Es fällt wohl auch dem unbefangenen Leser auf, wie der Ton wechselt. In den ersten neun Kapiteln ist Paulus über die Maßen freundlich. Er wirbt um Versöhnung und wirbt um die gemeinsame  Kollekte. Jetzt wird der Ton rauer, härter. Es wirkt, als wechselte Paulus vom Zuckerbrot zur Peitsche.

            Man hat über lange Zeit hinweg diesen Wechsel der Tonlage damit zu erklären versucht, dass die Kapitel 10 – 13 ein neuer Brief seien. Vielleicht der Tränenbrief. Vielleicht mit einigem Abstand und in einer neuen Situation nach neuen, schwierigen Nachrichten aus Korinth geschrieben. Aber es gibt auch eine andere Erklärung, die mir einleuchtet: Paulus will Versöhnung nicht dadurch erreichen, dass er die immer noch vorhandenen Probleme unter den Teppich kehrt. Sie totschweigt. Sondern er benennt sie. „Paulus nimmt den Streit an. Wenn es darauf ankommt, muss in der Kirche gestritten werden.“ (W.Schenk, Gemeinde im Lernprozess, Die beiden Korintherbriefe, Bibelauslegung für die Praxis 22, Stuttgart 1979; S.142) Weil er weiß: Versöhnung durch Ausklammern der Differenzen und Schwierigkeiten im Miteinander wird nicht tragfähig sein. Um der gemeinsamen Zukunft willen, auf die er hofft, die er in einem erneuten Besuch in Korinth befestigen will, will er klären, was zu klären ist.

               Paulus setzt sich mit Vorwürfen auseinander und entzieht sich ihnen nicht. Er nimmt sie auf, aber er beugt sich nicht unter sie. Sein Maß in der Auseinandersetzung gewinnt er an Christus – seiner Güte und seiner Sanftmut. Man kann nicht auf den Tisch hauen in der Nachfolge dessen, der von sich selbst sagt: „Ich bin sanftmütig und von Herzen demütig.“(Matthäus 11,29) und der über seine Leute sagt: „Selig sind die Frieden stiften“(Matthäus 5,9). Es wäre gegen die innerste Überzeugung des Paulus, wenn er Macht als Argument einsetzen müsste.

3 Denn obwohl wir im Fleisch leben, kämpfen wir doch nicht auf fleischliche Weise. 4 Denn die Waffen unsres Kampfes sind nicht fleischlich, sondern mächtig im Dienste Gottes, Festungen zu zerstören. 5 Wir zerstören damit Gedanken und alles Hohe, das sich erhebt gegen die Erkenntnis Gottes, und nehmen gefangen alles Denken in den Gehorsam gegen Christus. 6 So sind wir bereit, zu strafen allen Ungehorsam, sobald euer Gehorsam vollkommen geworden ist.

                    Auseinandersetzungen müssen sein. Das ist so, solange wir im Fleisch leben. Der Kampf um die Wahrheit und Wahrhaftigkeit muss sein. Aber er darf nicht nach den Maßstäben geführt werden, nicht fleischlich, nach dem Fleisch, in der Art, wie es sonst allzu menschlich zugeht: Der Stärkere gewinnt. Es geht immer um die Frage nach dem Willen Gottes, um die Ausrichtung an seinem Wort,  um den Gehorsam gegen Christus – und das heißt auch: um das Maß Christi in der Art des Umgangs miteinander.  „Klar bleiben“ weiterlesen

Teilen ohne Angst

  1. Korinther 9, 1 – 15

1 Von dem Dienst, der für die Heiligen geschieht, brauche ich euch nicht zu schreiben. 2 Denn ich weiß von eurem guten Willen, den ich an euch rühme bei denen aus Mazedonien, wenn ich sage: Achaja ist schon voriges Jahr bereit gewesen! Und euer Beispiel hat die meisten angespornt.

             Noch einmal: Die Gemeinde in Korinth weiß schon Bescheid. Es ist kein neues Projekt, das jetzt mühsam vorgestellt werden muss. Darum ist Schreiben in dieser Sache im Grunde überflüssig – so wörtlich περισσν. Im Gegenteil: Paulus kann anknüpfen an den guten Vorerfahrungen mit der Zustimmung der Korinther. Sie haben schon vor einem Jahr entsprechend ihr Wollen festgelegt. Sie haben dadurch andere zum Mitmachen animiert – und werden jetzt selbst zur Treue gegen ihre ersten Schritte aufgerufen.

            Wenn er aber nun doch schreibt, so ist das darin begründet, „dass die Sammlung in Korinth unter all den Spannungen und Nöten ins Stocken geraten oder überhaupt noch nicht ernsthaft in Angriff genommen“ (W. de Boor, Der zweite Brief des Paulus an die Korinther, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1975, S.189) ist. Es droht also peinlich zu werden und der Brief hat, wie nebenbei, die Aufgabe, eine Blamage zu verhindern, weil die Gemeinde noch nicht so weit ist, Geld übergeben zu können.

  3 Ich habe aber die Brüder gesandt, damit nicht unser Rühmen über euch zunichte werde in diesem Stück und damit ihr vorbereitet seid, wie ich von euch gesagt habe, 4 dass nicht, wenn die aus Mazedonien mit mir kommen und euch nicht vorbereitet finden, wir, um nicht zu sagen: ihr, zuschanden werden mit dieser unsrer Zuversicht. 5 So habe ich es nun für nötig angesehen, die Brüder zu ermahnen, dass sie voran zögen zu euch, um die von euch angekündigte Segensgabe vorher fertig zu machen, sodass sie bereitliegt als eine Gabe des Segens und nicht des Geizes.

               Darum schickt Paulus seine Gefährten voraus. Sie sollen in der Gemeinde für die Kollekte werben, an sie erinnern. Sie sollen dazu helfen, dass keine Peinlichkeiten entstehen – nicht für sie selbst und nicht für Paulus, der mit ihrem Engagement Werbung für die Kollekte gemacht hat. Dem also dient diese Sendung der Brüder um Titus: „Die Realität muss in Übereinstimmung gebracht werden mit dem Bild, das Paulus zur Zeit der Abfassung des Briefes in Makedonien von den Korinthern zeichnet.“ (T. Schmeller, Der zweite Brief an die Korinther 7,51 -13,13, EKK VIII/2,  Neukirchen 2015, S. 83) Was wäre das für eine Katastrophe – die Makedonier kommen und erfahren: da ist in Sachen Kollekte noch nichts passiert.

          Es ist ein Gebot der Klugheit, gute Vorbereitungen zu treffen, rechtzeitig anzufangen, erst recht, wenn es um ein ehrgeiziges Projekt geht. Und ehrgeizig ist diese Kollekte für die Armen in Jerusalem. Wer unvorbereitet ist, wird leicht unsicher und ist, wenn etwas von ihm gefordert wird, überfordert und reagiert dann auch genervt oder abweisend. Es ist eine schlichte Erfahrung: rechtzeitig angekündigte und klug vorbereitete Aktivitäten sind leichter zu stemmen als adhoc erfundene Schritte.Das gilt auch und erst recht für das Sammeln von Geld.    „Teilen ohne Angst“ weiterlesen

Sorgfältig im Kleinen

  1. Korinther 8, 16 – 24

16 Gott aber sei Dank, der dem Titus solchen Eifer für euch ins Herz gegeben hat. 17 Denn er ließ sich gerne zureden; ja, weil er so sehr eifrig war, ist er von selber zu euch gereist.

             Hinter allen Geschehen steht Gott. Er ist es, der den Titus antreibt, ihm die Gemeinde ans Herz gelegen sein lässt. Es wird wohl so sein: Paulus sieht im Eifer des Titus für die Gemeinde sein eigenes Spiegelbild. Paulus hat ihn beredet, ihm die Reise nahegelegt und aufgetragen und doch ist es so, „dass es des Zuredens des Apostels eigentlich gar nicht bedurfte.“ (H.D. Wendland, Die Brief an die Korinther, NTD 7, Göttingen 1968, S.221) Titus wollte auch schon von selber reisen.  Dass Gott hinter allem steht, schließt eben mit ein und nicht aus, dass einer etwas von selber will.

18 Wir haben aber den Bruder mit ihm gesandt, dessen Lob wegen seines Dienstes am Evangelium durch alle Gemeinden geht. 19 Nicht allein aber das, sondern er ist auch von den Gemeinden dazu eingesetzt, uns zu begleiten, wenn wir diese Gabe überbringen dem Herrn zur Ehre und zum Erweis unsres guten Willens. 20 So verhüten wir, dass uns jemand übel nachredet wegen dieser reichen Gabe, die durch uns überbracht wird. 21 Denn wir sehen darauf, dass es redlich zugehe nicht allein vor dem Herrn, sondern auch vor den Menschen.

            Titus kommt nicht allein. Er wird begleitet „von einem von den Gemeinden gewählten Vertrauensmann für die Kollektensache.“ (H.D. Wendland, ebda.) Er hat einen guten Leumund bei allen Gemeinden. Das mag darauf hindeuten, dass er nicht ein ortfester Mensch ist, sondern schon oft mit Paulus und seinen Leuten unterwegs.  Die Gemeinden haben ihm eine Aufgabe gestellt: Er soll Paulus bei der Übergabe der Kollekte begleiten. „Sorgfältig im Kleinen“ weiterlesen

Geben und Teilen sind normal

  1. Korinther 8, 1 – 15

1 Wir tun euch aber kund, liebe Brüder, die Gnade Gottes, die in den Gemeinden Mazedoniens gegeben ist. 2 Denn ihre Freude war überschwänglich, als sie durch viel Bedrängnis bewährt wurden, und obwohl sie sehr arm sind, haben sie doch reichlich gegeben in aller Einfalt.

             Paulus leitet ein neues Thema ein. Gewichtig: Wir tun euch kund. Was kommen wird, ist keine Nebensächlichkeit. Es geht um die Gnade Gottes. χρις. Charis – von dem Wort leitet sich das Charisma, die Gnadengabe ab. Gnade ist eines der Hauptworte des Apostels, nicht nur in seinen Briefen nach Korinth. „Dieser Begriff trägt in den Kapiteln 8f unterschiedliche Bedeutungsnuancen. Immer jedoch verbindet er die Kollekte als Akt zwischen-menschlicher Solidarität mit dem Wirken Gottes.“ (T. Schmeller, Der zweite Brief an die Korinther 7,51 -13,13, EKK VIII/2,  Neukirchen 2015, S.45) 

             Hier steht die Gnade für die überraschende Freigiebigkeit der Makedonier, die so von Paulus nicht erwartet worden war. Weil er die Umstände kennt, unter den sie leben: Sie sind bedrängte Leute. Sie sind sehr arm. Aber diese Christen in Mazedonien haben es sich nicht nehmen lassen, in aller Einfalt für die Kollekte nach Jerusalem zu sammeln und zusammenzulegen.

            Diese Sammlung geht zurück auf das „Apostelkonzil in Jerusalem“ (Apostelgeschichte 15). Auf dieses Treffen führt Paulus seine Missionsarbeit unter den Heiden zurück, geschah es doch da, „dass Jakobus und Kephas und Johannes, die als Säulen angesehen werden, mir und Barnabas die rechte Hand gaben und wurden mit uns eins, dass wir unter den Heiden, sie aber unter den Juden predigen sollten, nur dass wir an die Armen dächten, was ich mich auch eifrig bemüht habe zu tun.“(Galater 2,9-10) Seitdem wirbt Paulus in allen seinen Gemeinden für die Sammlung zur Unterstützung der Gemeinde in Jerusalem. Mit Erfolg, wie sich in Mazedonien zeigt.

  3 Denn nach Kräften, das bezeuge ich, und sogar über ihre Kräfte haben sie willig gegeben  4 und haben uns mit vielem Zureden gebeten, dass sie mithelfen dürften an der Wohltat und der Gemeinschaft des Dienstes für die Heiligen; 5 und das nicht nur, wie wir hofften, sondern sie gaben sich selbst, zuerst dem Herrn und danach uns, nach dem Willen Gottes.

             „Die Initiative, sich an der Kollekte zu beteiligen, ging von den Makedoniern aus.“ (T. Schmeller, aaO.; S.47) Man darf Paulus sicher unterstellen, dass er das gerne betont, weil diese Freiwilligkeit der Armen in Mazedonien doch ein gutes Argument in dem sicherlich reicheren Korinth sein dürfte. In Mazedonien haben sie verstanden, dass es um mehr als um Geld geht, um die Hingabe an den Herrn. In ihrem Sich selbst Hingeben gleichen sie der arme Witwe, von der Jesus sagt: „Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die etwas eingelegt haben. Denn sie haben alle etwas von ihrem Überfluss eingelegt; diese aber hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt, alles, was sie zum Leben hatte.“(Markus 12, 42-43) Wie diese Witwe haben die Mazedonier über ihre Kräfte hinaus willig gegeben. Durch dieses Geben fühlt sich auch Paulus reich beschenkt. „Geben und Teilen sind normal“ weiterlesen