Klar bleiben – am Segen festhalten

Galater 6, 1 – 18

1 Liebe Brüder, wenn ein Mensch etwa von einer Verfehlung ereilt wird, so helft ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist, ihr, die ihr geistlich seid; und sieh auf dich selbst, dass du nicht auch versucht werdest.

             Wie sieht geistliches Leben aus? Auf diese Frage antwortet Paulus – verneinend mit dem Lasterkatalog – positiv mit den Hinweis auf die Früchte des Geistes. Und hier mit dem Hinweis: Richtet auf, die gefallen sind. Keine Überheblichkeit. Kein Aburteilen und erst recht kein Verurteilen für alle Zeit. Verfehlung sagt Paulus. Nicht Sünde. Er wählt das Wort, das „das mildeste Wort für Sünde“ (A. Oepke, aaO.; S.187) ist. Doch wohl nicht, um zu verharmlosen. Sondern um anzuspornen zur Milde, zur Vergebung. Christen sind keine Verurteilungsgemeinschaft, sondern eine Gemeinschaft im Zurechtbringen, Aufrichten, Ermutigen. Auch daran zeigt sich ihr geistlicher Reifegrad. „Die Liebe deckt auch der Sünden Menge.“ (Sprüche 10,12).

 2 Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.

             Das ist gemeint: Geschwisterliche Solidarität. Beieinander bleiben. Bei dem, der am Leben verzagt. Bei dem, der vom Leben zerbrochen ist. „ Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft. ..Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden. Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den geringen.“ (Römer 12, 13.15-16) Das ist das Gesetz Christi. Hier steht νόμος – doch wohl in bewusster Parallele zu dem Gesetz, dem Nomos, gegen den Paulus so polemisiert hat. Bei Johannes stünde da ἐντολὴ. Das Wort, mit dem er das neue Gebot Christi (Johannes 13,34) bezeichnet.

  3 Denn wenn jemand meint, er sei etwas, obwohl er doch nichts ist, der betrügt sich selbst. 4 Ein jeder aber prüfe sein eigenes Werk; und dann wird er seinen Ruhm bei sich selbst haben und nicht gegenüber einem andern. 5 Denn ein jeder wird seine eigene Last tragen.

             Das wechselseitige Tragen der Lasten befreit von dem missgünstigen Blick. Es befreit auch vom Vergleichen. Das ist ja die Quelle vieler Streitereien in der Gemeinde. Nein: Sieh auf dich selbst. Und versuche nicht, dich an anderen groß zu machen. Unterliege auch nicht der Gefahr, dich im Vergleichen mit anderen klein zu machen. „Nicht, was man im Vergleich zu anderen, sondern was man in sich selber ist, ist maßgebend.“ (A. Oepke, aaO.; S. 189) Und immer bleiben wir, wir mögen uns beurteilen, wie wir wollen,  auf die Gnade angewiesen.

 6 Wer aber unterrichtet wird im Wort, der gebe dem, der ihn unterrichtet, Anteil an allem Guten.

             Jetzt wird es trivial. Oder muss man sagen: Konkret? Es geht ja schon vorher um Gemeinschaft. Und hier geht es um Kostenübernahme. Die Gemeinde soll für die sorgen, die sie  im Wort unterrichten. Das ist urgemeindliche Praxis. Es gibt ja keine Hauptamtlichen, die bei der Zentralkirche angestellt sind. Es gibt nur Boten, Wanderprediger. Missionare, die unterwegs sind, ohne festen Wohnsitz. Sie sind angewiesene Leute. Bitten um Unterkunft und Verpflegung und bieten dafür Seelsorge und Predigt.      „Klar bleiben – am Segen festhalten“ weiterlesen

Früchte des Geistes – Früchte des Lebens

Galater 5, 16 – 26

16 Ich sage aber: Lebt im Geist, so werdet ihr die Begierden des Fleisches nicht vollbringen.

            Wie ein Wechsel kommt mir das vor. Nicht mehr die Auseinandersetzung mit den Irrlehrern bestimmt jetzt das Denken des Paulus, sondern die Für-Sorge für die Gemeinde. Um die geht es zwar auch in den Auseinandersetzungen. Aber nun sind die Galater einfach in ihrer Existenz als Christen im Blick. Lebt im Geist. Öffnet euch dem Einfluss Gottes. Und ihr werdet dadurch zugleich immun werden gegen die Begierden des Fleisches. Das ist kein Automatismus, aber eine Folge.  Und es ist die Weiterführung des Satzes kurz zuvor: Durch die Liebe diene einer dem andern.

17 Denn das Fleisch begehrt auf gegen den Geist und der Geist gegen das Fleisch; die sind gegeneinander, sodass ihr nicht tut, was ihr wollt. 18 Regiert euch aber der Geist, so seid ihr nicht unter dem Gesetz.

             Geist und Fleisch stehen im Gegensatz. Fast könnte man sagen: Im Krieg. Jedenfalls schließt das eine das andere aus. Entweder lebt man gemäß dem Fleisch oder im Geist. Da gibt es keine friedliche Ko-Existenz. Vielleicht kann ich es auch so sagen: Nach dem Fleisch leben ist ein Leben, das nur auf sich vertraut. Das kennt kein Geschenk der Gnade, nur die eigene, erarbeitete Leistung. Der Geist aber ist Gnadengabe. Geschenk. Und befähigt, aus diesem Geschenk zu leben.  „Früchte des Geistes – Früchte des Lebens“ weiterlesen

Sei ganz sein!

Galater 5, 1 – 15

1 Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!

             Ein wenig atme ich auf. Paulus verlässt die kleinteilige Argumentation, die Wort-Klauberei, diese angestrengten Schriftbeweise. Überzeugend sind die für mich als heutigen Leser ohnehin nicht mehr. Ich lese mit anderen Voraussetzungen, die mir zwar noch erlauben zu verstehen, wie Paulus argumentiert, mir aber die Argumente zugleich nicht mehr so einleuchten lassen.

Hier dagegen verstehe ich Paulus. In Christus  sind wir frei. Keine Furcht mehr vor Gott. Keine Bedingungen mehr, die wir erfüllen müssten, um ihm zu gefallen. Er hat von sich aus alles weggeräumt, was uns von Gott fernhalten könnte. Und mit dem Weg zu Gott, der frei ist, sind wir frei.

Es geht dabei um „Freiheit als Lebensordnung“(J. Becker, aaO.; S. 59). Nicht um luftleeren Raum. Vielmehr: In den vielen konkreten Schritten des Lebens zeigt sich diese Freiheit. Wer da anfangen wollte, sich wieder dem Gesetz zu unterwerfen – du darfst nicht…; du sollst nicht… – der begibt sich erneut unter das Joch der Knechtschaft

2 Siehe, ich, Paulus, sage euch: Wenn ihr euch beschneiden lasst, so wird euch Christus nichts nützen. 3 Ich bezeuge abermals einem jeden, der sich beschneiden lässt, dass er das ganze Gesetz zu tun schuldig ist. 4 Ihr habt Christus verloren, die ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt, und seid aus der Gnade gefallen.

             Es gibt für Paulus nur entweder-oder. Das ist betont – Siehe, ich, Paulus, sage euch  – seine Sicht der Dinge, die er anderen Sichtweisen entgegen stellt. „Evangelium und Gesetzt lassen sich nicht vermischen.“ (J. Becker, aaO.; S. 60) Ein bisschen Beschneidung – gewissermaßen als Ergänzung oder als Sicherheitsnetz für den Drahtseilakt des Glaubens geht nicht. Wer sich beschneiden lässt, der ist ganz dem Gesetz verpflichtet. Allen 613 Geboten und Verboten der Tora.

Und die Kehrseite: Damit ist Christus  verloren. Sein Heil vertan. Seine Gnade unwirksam. Noch einmal: Entweder ganz dem Gesetz verpflichtet oder ganz in der Gnade geborgen. Wer es anders will, hinkt auf beiden Seiten (1. Könige 18,21). In diesen wenigen Worten wird noch einmal spürbar, warum Paulus so kämpft. Es geht um die Geltung des Evangeliums – und das gilt entweder ganz oder gar nicht. „Sei ganz sein!“ weiterlesen

Kinder der Verheißung

Galater 4, 21 – 31

 21 Sagt mir, die ihr unter dem Gesetz sein wollt: Hört ihr das Gesetz nicht?

             Und noch ein neuer Anlauf. Wisst ihr eigentlich, worauf ihr euch einlasst? Lest ihr auch genau? „“Erwartet das Gesetz überhaupt eine Unterordnung der Gemeinde unter seine Gebote?“ (J. Becker, aaO.; S. 56) Oder anders gefragt: Seid ihr überhaupt seine Adressaten?

 22 Denn es steht geschrieben, dass Abraham zwei Söhne hatte, den einen von der Magd, den andern von der Freien. 23 Aber der von der Magd ist nach dem Fleisch gezeugt worden, der von der Freien aber kraft der Verheißung. 24 Diese Worte haben tiefere Bedeutung. Denn die beiden Frauen bedeuten zwei Bundesschlüsse: einen vom Berg Sinai, der zur Knechtschaft gebiert, das ist Hagar; 25 denn Hagar bedeutet den Berg Sinai in Arabien und ist ein Gleichnis für das jetzige Jerusalem, das mit seinen Kindern in der Knechtschaft lebt.

             Jetzt macht Paulus, was er gelernt hat: Bibelarbeit. Der Stammvater Abraham hat ja nicht nur einen Sohn. Es sind zwei. Ismael von Hagar, Isaak von Sarah. Der eine gezeugt wie Kinder gezeugt werden. Der andere, Isaak, ein Geschenk. Kind der Verheißung. Nach dem Geist  gezeugt, wird er später (4,29) sagen.

Eine Geschichte, die jeder Jude kennt. Und sich darauf beruft: Wir sind die Kinder der Verheißung. Aber genau dagegen stößt jetzt Paulus vor. Er sieht einen Zusammenhang: Hagar  – Sinai – Jerusalem – Knechtschaft. Wir heute können das nicht mehr wirklich nachvollziehen. Deshalb wirkt es auch polemisch, wie Pauls hier schreibt.  „Kinder der Verheißung“ weiterlesen

Wenn der Überschwang vorbei ist

Galater 4, 8 -20

8 Aber zu der Zeit, als ihr Gott noch nicht kanntet, dientet ihr denen, die in Wahrheit nicht Götter sind.

                Es gibt eine Zeit im Leben der Galater, in der sie Gott nicht kennen. Das heißt im Denken des Paulus: Weil sie Jesus nicht als den Sohn Gottes kennen, kennen sie auch Gott nicht. Es gibt für Paulus keine Gotteserkenntnis mehr an Jesus vorbei. Und die Götter, die die Galater verehrten sind in Wahrheit keine Götter. Sie sind Nichtse. Es ist die Kritik der Propheten an den Göttern, die der Pharisäer Paulus gelernt hat und die er auch als Christ noch teilt: „Ihre Götter sind alle nichts. Man fällt im Walde einen Baum und der Bildhauer macht daraus mit dem Schnitzmesser ein Werk von Menschenhänden.“(Jeremia 10,3) 

 9 Nachdem ihr aber Gott erkannt habt, ja vielmehr von Gott erkannt seid, wie wendet ihr euch dann wieder den schwachen und dürftigen Mächten zu, denen ihr von neuem dienen wollt?

             Das ist der innere Widerspruch, den Paulus den Galatern vorhält: Wie könnt ihr euch, nachdem ihr Gott erkannt habt, wieder unter das beugen, was keine Gottheit hat und nicht Gott ist? Wer sich unter den einen Gott gebeugt hat, ihn erkannt und damit anerkannt hat, der kann doch keine anderen Herren mehr neben ihm akzeptieren. Erkennen meint hier mehr als einen intellektuellen Vorgang. „Erkennen ist so viel wie erwählen.“ (A. Oepke, aaO.; S.138) Darum auch der andere Satz: Ihr seid vielmehr von Gott erkannt. Das Erwählen Gottes ermöglicht erst, dass Menschen ihn erwählen. Das Erkennen Gottes setzt das Erkennen der Menschen frei.

Wie nahe liegt es hier, auf den Ruf Jesu zu schauen. „Und als er vorüberging, sah er Levi, den Sohn des Alphäus, am Zoll sitzen und sprach zu ihm: Folge mir nach! Und er stand auf und folgte ihm nach.“ (Markus 2,14) Dieser Ruf Jesu ist Ruf der Erwählung und Ruf auf einen Erkenntnisweg. Im Nachfolgen wird Jesus erkannt. Und die eigenen Schritte in den Glauben sieht Paulus ja auch so: Da ist erst die Erwählung Gottes und dann das eigene Erkennen durch die Offenbarung Gottes. Gott hat zuerst gerufen und Paulus ist diesem Ruf gefolgt. „Wenn der Überschwang vorbei ist“ weiterlesen

Gebunden und frei

Galater 4, 1 – 7

1 Ich sage aber: Solange der Erbe unmündig ist, ist zwischen ihm und einem Knecht kein Unterschied, obwohl er Herr ist über alle Güter; 2 sondern er untersteht Vormündern und Pflegern bis zu der Zeit, die der Vater bestimmt hat. 3 So auch wir: Als wir unmündig waren, waren wir in der Knechtschaft der Mächte der Welt.

            Paulus sucht die Verständigung mit seinen Lesern. Darum greift er auf Alltags-Erfahrung zurück, die ihnen geläufig ist aus dem bürgerlichen Rechtsleben. So wie er ja auch schon mit der Testaments-Praxis (3,15) argumentiert hatte, greift er jetzt auf das Erbrecht zurück. Da ist es üblich, dass Väter für den Fall ihres vorzeitigen Ablebens ihre unmündigen Söhnen, die Erben sein werden, bis zur Volljährigkeit einen Vormund bestimmen. Das führt dazu, dass der Vormund in allen Dingen für den zukünftigen Erben entscheiden kann. „Mag der Sohn also Erbe sein: Unter Vormundschaft gleicht er den Sklaven. Er hat keine Verfügungsgewalt über das Erbe und unterliegt der Gehorsamspflicht.“(J. Becker,aaO.; S.47)

So, genauso steht es um uns Menschen- sagt Paulus. Wir sind zu Erben bestellt. Aber noch nicht frei. Sondern unmündig und den Vormündern und Verwaltern untertan – in unserem Fall: den Mächten der Welt. Das ist für die Antike ein vertrauter Gedanke. στοιχεῖα τοῦ κόσμου, Mächte der Welt sind erst einmal die vier Elemente Feuer, Wasser, Luft, Erde. Sie sind nicht nur Grundelemente als Materie, sondern gleichzeitig auch geistige Mächte, die Macht ausüben, denen die Menschen unterworfen sind. „Gebunden und frei“ weiterlesen

Eins in Christus?

Galater 3, 19 – 29

19 Was soll dann das Gesetz? Es ist hinzugekommen um der Sünden willen, bis der Nachkomme da sei, dem die Verheißung gilt, und zwar ist es von Engeln verordnet durch die Hand eines Mittlers. 20 Ein Mittler aber ist nicht Mittler eines Einzigen, Gott aber ist Einer.

             Mit seinen bisherigen Worten hat Paulus das Gesetz relativiert, in die zweite Reihe geschoben. Und muss sich und seinen Lesern jetzt Rechenschaft geben: Was soll dann das Gesetz? Wenn es kein Heilsweg ist, was ist es denn dann? Antwort: Es ist eine Reaktion auf die Sünde. Es ist nicht ursprünglich, nicht von Anfang an. Von Anfang an, von der Schöpfung her, so lese ich,  ist der Heilswillen Gottes, wie er sich in den Verheißungen zeigt.

Mit diesen Worten wird der Gegensatz zum jüdischen Denken eklatant: „Sieben Dinge sind erschaffen worden, bevor die Welt erschaffen wurde, nämlich die Tora, die Buße, das Paradies, die Hölle, der Thron der Herrlichkeit, das himmlische Heiligtum und der Name des Messias.“ (Strack-Billerbeck; München 1922ff; Bd IV, S. 435) Paulus sieht das anders, weil er einen anderen Blick auf die Heilsgeschichte hat.

Dass das Gesetz nicht ursprünglich ist, zeigt sich schon darin, dass es von Engeln verordnet ist durch die Hand eines Mittlers. Der Mittler kann nur Mose sein. Er empfängt für das Volk das Gesetz und gibt es weiter. Während die Verheißungen von Gott selbst kommen, haben Engel das Gesetz verordnet und durch den Ver-Mittler Mose weitergegeben. Es hat also eine geringere Würde als die Verheißung.   „Eins in Christus?“ weiterlesen

Nebenschauplatz Gebot?

Galater 3, 15 – 18

15 Liebe Brüder, ich will nach menschlicher Weise reden: Man hebt doch das Testament eines Menschen nicht auf, wenn es bestätigt ist, und setzt auch nichts dazu. 16 Nun ist die Verheißung Abraham zugesagt und seinem Nachkommen. Es heißt nicht: und den Nachkommen, als gälte es vielen, sondern es gilt einem: »und deinem Nachkommen« (1.Mose 22,18), welcher ist Christus.

             Paulus sucht die Verständigung mit seinen Lesern. Erst hat er sie an ihre eigenen Erfahrungen erinnert, dann an Abraham. Und jetzt greift er zu einem Vergleich. Menschlich gesprochen – oder: was sagt der gesunde Menschenverstand? Testament. Das gibt es schon damals. Und es gibt eine Praxis: Ein Testament, ein Vermächtnis, das in Kraft gesetzt worden ist, bleibt gültig. Keiner kommt auf die Idee es aufzuheben. Das ist ein allgemein geltender Grundsatz. „In Papyri findetr sich häufig die Wendung: ἡ διαθήκη κυρία „das Testament ist gültig.“(A. Oepke, aaO.;, S. 111)

             Damit kennen die Galater sich aus. An einem gültigen Testament wird nichts mehr herum geändert, auch nichts mehr zugesetzt, Und dann kommt der Vergleich: Die  Verheißung Abrahams ist ihm zugesagt. Sie ist wie ein Testament gültig. Für ihn und seinen Nachkommen. Singular, nicht Plural. Und da liest der ein wenig überraschte Bibelleser jetzt nicht Isaak, sondern Christus! Er ist der eigentliche Nachkommen, auf den hin Verheißung und Segen angelegt sind. „Nebenschauplatz Gebot?“ weiterlesen

Allein Jesus

 Galater 3, 1 – 14

1 O ihr unverständigen Galater!

             Paulus macht sich Luft. Muss sich Luft machen. Weil es ihm sonst die Luft nimmt. Allein daran ist schon zu merken, wie nahe ihm die Angelegenheit geht. Er ist betroffen, auch deshalb, weil ihm an seinen Brief-Empfänger liegt. Sie sind ihm wert – und deshalb ist er so aufgeregt und betroffen. Auch und gerade, weil sie  unverständig sind. Es ist keine Drohung. Ich höre hier eher tiefe Sorge.

 Wer hat euch bezaubert, denen doch Jesus Christus vor die Augen gemalt war als der Gekreuzigte? 2 Das allein will ich von euch erfahren: Habt ihr den Geist empfangen durch des Gesetzes Werke oder durch die Predigt vom Glauben?

             Er erinnert sie: Euch war doch Jesus Christus vor die Augen gemalt war als der Gekreuzigte. Das ist der Anfang ihres Glaubens. Wie kann es sein, dass sie ihn aus den Augen verloren haben?  Bezaubert lese ich nicht als den Hinweis, dass Paulus mit finsteren Mächten und magischen Praktiken rechnet. Sie sind wie bezaubert, berauscht vielleicht, und müssen schleunigst wieder nüchtern werden, erwachen.

Es ist eine große Verlockung, etwas tun zu können für das eigene Heil – bis heute. Übungen auf sich zu nehmen, praktisch zu werden, um so einen Weg gehen zu können, der das Heil garantiert. Das ist ja wohl die Verlockung: Wenn ihr das Gesetz haltet, zusätzlich zum Glauben an Jesus, dann…

Dem stellt Paulus seine Frage entgegen: Sie „müsste schon, wenn sie verständig und ehrlich beantwortet würde, alles entscheiden: Woher der Geist?“ (A. Oepke, aaO.; S. 100) Die Antwort ist klar: Durch die Predigt des Gekreuzigten, durch die Predigt des Evangeliums.

Beispiel: „Und wir sind Zeugen für alles, was er ( Jesus) getan hat im jüdischen Land und in Jerusalem. Den haben sie an das Holz gehängt und getötet. Den hat Gott auferweckt am dritten Tag und hat ihn erscheinen lassen, nicht dem ganzen Volk, sondern uns, den von Gott vorher erwählten Zeugen, die wir mit ihm gegessen und getrunken haben, nachdem er auferstanden war von den Toten. Und er hat uns geboten, dem Volk zu predigen und zu bezeugen, dass er von Gott bestimmt ist zum Richter der Lebenden und der Toten. Von diesem bezeugen alle Propheten, dass durch seinen Namen alle, die an ihn glauben, Vergebung der Sünden empfangen sollen. Während Petrus noch diese Worte redete, fiel der Heilige Geist auf alle, die dem Wort zuhörten.“ (Apostelgeschichte 10, 39-44) Das ist eine Verbindung, die im Neuen Testament geradezu zwingend gesehen wird: Wo Christus gepredigt wird, wird der Geist wirksam. Das Wirken des Geistes gehört mit dem Verkündigen des Heils und der Vergebung der Sünden unlöslich zusammen. Es ist also die eigene Erfahrung der Galater, an die Paulus sie mit seiner Frage erinnern will. „Allein Jesus“ weiterlesen

Keine Konflikt-Scheu

Galater 2, 11 – 21

11 Als aber Kephas nach Antiochia kam, widerstand ich ihm ins Angesicht, denn es war Grund zur Klage gegen ihn. 12 Denn bevor einige von Jakobus kamen, aß er mit den Heiden; als sie aber kamen, zog er sich zurück und sonderte sich ab, weil er die aus dem Judentum fürchtete. 13 Und mit ihm heuchelten auch die andern Juden, sodass selbst Barnabas verführt wurde, mit ihnen zu heucheln.

             Scheint mit dem Apostelkonvent alles geklärt, so ergeben sich doch auch in der Folgezeit neue Konflikte. Paulus war zurück gekehrt nach Antiochia – und kam dorthin. Warum, wird nicht erklärt. Ein Kontroll-Besuch? Ein Missionsbesuch ist schwer vorstellbar, war doch die Gemeinde in Antiochia über wiegend heidenchristlich geprägt und Petrus sah seinen Auftrag der Verkündigung den Juden gegenüber.

Mir fällt auf: Wenn es um die Vereinbarung in Jerusalem geht, redet Paulus von Petrus. Hier, in Antiochia sagt er Kephas. Steckt dahinter, dass er in „seiner“ Gemeinde  Augenhöhe beansprucht und keinen Führungsanspruch des Petrus akzeptieren will – und deshalb auch den Namen Petrus vermeidet? Jedenfalls schreibt Paulus sofort davon, wie er Auge in Auge frontal mit Kephas zusammenstößt – weil es Grund zur Klage gegen ihn gibt.

             Das wird jetzt erklärt. Anfänglich fügt Petrus sich in die Gemeinde in Antiochia ein. Es gibt kein Problem, auch nicht mit dem Essen an einem Tisch – Juden-Christen und Heiden-Christen sind im gemeinsamen Mahl beieinander. Das hatte Petrus ja gelernt als Lektion Gottes:  „Nun erfahre ich in Wahrheit, dass Gott die Person nicht ansieht; sondern in jedem Volk, wer ihn fürchtet und recht tut, der ist ihm angenehm.“(Apostelgeschichte 10,34-35) Und in dieser Erkenntnis war er bei den Heiden um den Hauptmann Cornelius geblieben. Sicherlich nicht fastend. Aus dieser Erfahrung heraus geht er in Antiochia auf die Geschwister zu, auch in seinem Verhalten.

Als aber Jakobus-Leute kommen, auch hier wird nicht begründet, warum, macht Kephas einen Rückzieher. Er „separiert sich von den Heidenchristen“  (H. Brandenburg, aaO.; S. 49) Aus Furcht – sagt Paulus. Feige findet er das. Heuchlerisch. Diese Feigheit des Kephas steckt an. Nicht nur die anderen Juden in der Gemeinde. Sogar Barnabas, der Weggefährte des Paulus über viele Jahre hin, macht plötzlich einen auf „gesetzestreu“.

Es ist kaum zu ermessen, was das für eine Gemeinde bedeutet, wenn auf einmal mitten durch sie ein Riss geht. Wenn es auf einmal Regeln geben soll, an die die einen sich halten und die den andern die Luft zum Atmen nehmen. Die Einheit der Gemeinde wird so fundamental in Frage gestellt. „Keine Konflikt-Scheu“ weiterlesen