Anbetung

Epheser 3, 14 – 21

 14 Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater, 15 von dem jedes Geschlecht im Himmel und auf Erden seinen Namen hat,16 dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, gestärkt zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen, 17 dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne.

Ein Gebet. Ein Hymnus in diesem Brief, der regelrecht von Gebet zu Gebet zu wandern scheint. „Ein solches Gebet ist nicht zu analysieren wie ein philosophischer Text. Es ist nur meditativ nachzuvollziehen. Das schließt nicht das Bemühen um Verstehen aus. (G. Zweynert, Wie Gott Frieden schafft, Berlin 1970, S. 38) Diese Leseanweisung ist mir wichtig, fordert sie doch zum Nach-Denken, Nach-Sprechen und dann auch zum eigenen Sprechen und Nach-Beten auf.

Der Schreiber nimmt den Lobgesang vorweg, den alle einmal am Ende der Zeiten  anstimmen werden. “Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.“(Philipper 2, 9-11) Er ist in schwieriger Zeit, innerlich, schon am Ziel der Welt.

Es ist der Schritt, der sich löst von der Welt und doch darin die Welt ganz ernst nimmt, sie Gott zurückgibt. „In der Anbetung blicken wir ausschließlich auf Gott, lassen alles andere zurück und preisen ihn in reiner Bewunderung dafür, dass er der allein Heilige, der allein Mächtige, der allein Herrliche ist. Alles versinkt, es geht nur noch um seine Ehre.“(G. Lohfink. Am Ende das Nichts, Freiburg 2017, S. 290) Ganz ähnlich hat es wohl Jochen Klepper empfunden:

„Nun sich das Herz von allem löste,                                         was es an Glück und Gut umschließt,                                      komm, Tröster, Heilger Geist, und tröste,                               der du aus Gottes Herzen fließt.

 Nun sich das Herz in alles findet,                                              was ihm an Schwerem auferlegt,                                              komm, Heiland, der uns mild verbindet,                                die Wunden heilt, uns trägt und pflegt.

 Nun sich das Herz zu dir erhoben                                             und nur von dir gehalten weiß,                                                  bleib bei uns, Vater. Und zum Loben                                        wird unser Klagen. Dir sei Preis!“                                                           J. Klepper, 1941, EG 532 „Anbetung“ weiterlesen

Die Mitte der Zeit

Epheser 3, 1 – 13

1 Deshalb sage ich, Paulus, der Gefangene Christi Jesu für euch Heiden – 2 ihr habt ja gehört von dem Auftrag der Gnade Gottes, die mir für euch gegeben wurde:

Einen Augenblick lang sieht es so aus, als würde `Paulus` sein Thema aus den Augen verlieren. Er spricht jetzt auf einmal von sich selbst. Von seiner Gefangenschaft. War zuvor noch der freie Zugang für alle, Heiden und Juden, zu Gott sein Thema, so ist es jetzt seine Gefangenschaft. Die deutet er so: Er ist gefangen für euch Heiden. Um euretwillen – so lese ich das. Oder: an eurer Stelle.  Wie auch immer – daran liegt ihm: Sein Leben ist für die anderen da. Sein Auftrag, der ihm übertragen ist für sie, der sie zu ihnen gebracht hat, der hat ihn auch ins Gefängnis gebracht.

    Οικονομία, hier mit Auftrag übersetzt, kann auch Plan heißen, Ordnung. Es ist Gottes „Ökonomie“, sein Plan, so lese ich, der Paulus zu den Heiden hinführt, der sie in die Gnade Gottes hinein ziehen soll. Auch um den Preis der Gefangenschaft. Das sind Erinnerungen an Gefangenschafts-Zeiten des Paulus, wie sie sich auch in der Apostelgeschichte und den „echten“ Paulusbriefen ergeben.

 3 Durch Offenbarung ist mir das Geheimnis kundgemacht worden, wie ich zuvor aufs Kürzeste geschrieben habe. 4 Daran könnt ihr, wenn ihr’s lest, meine Einsicht in das Geheimnis Christi erkennen. 5 Dies war in früheren Zeiten den Menschenkindern nicht kundgemacht, wie es jetzt offenbart ist seinen heiligen Aposteln und Propheten durch den Geist; 6 nämlich dass die Heiden Miterben sind und mit zu seinem Leib gehören und Mitgenossen der Verheißung in Christus Jesus sind durch das Evangelium, 7 dessen Diener ich geworden bin durch die Gabe der Gnade Gottes, die mir nach seiner mächtigen Kraft gegeben ist.   

            Die Leitworte dieser Sätze sind Geheimnis und kundmachen, offenbaren. Μυστήριον und αποκάλυψις. Mysterium und Apokalypsis. In der Darstellung ist „ein festes Schema zu erkennen, dessen erste Spuren schon bei Paulus zu finden sind. Einst, von Ewigkeit her (beschlossen, aber) verborgen – nunmehr enthüllt.“ (H. Conzelmann, Der Brief an die Epheser NTD 8, Göttingen 1976, S. 103) Dazu ist Paulus berufen, beauftragt, das, was von Anbeginn an als göttlicher Ratschluss verborgen war, offenbar zu machen. Er selbst konnte das Geheimnis nur erkennen, weil es ihm durch den Geist offenbar gemacht worden ist. Der Inhalt des Geheimnisses ist: Die Heiden sind in Christus Jesus Miterben geworden.

So sieht der Brief-Schreiber seine Zeit: „Die Gegenwart ist reicher an heiligem Wissen als die Vergangenheit.“ (F. Rienecker, Der Brief des Paulus an die Epheser, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1961, S. 109) „Der Zaun ist abgebrochen.“(2,14) Der Zugang zueinander und zu Gott ist frei. Das konnten die Menschen früher nicht sehen – weder die Juden noch die Heiden. Jetzt aber ist es von Gott offenbart. Dadurch ist die Zeit der Gemeinde aus Heidenchristen und Juden, die an Jesus glauben, als neue Zeit, als Heilszeit qualifiziert. Das ist das gänzliche Neue, das jetzt angefangen hat. Und das, so `Paulus‘, war von Anfang an so geplant. „Denn Gott hat uns wissen lassen das Geheimnis seines Willens nach seinem Ratschluss, den er zuvor in Christus gefasst hatte, um ihn auszuführen, wenn die Zeit erfüllt wäre, dass alles zusammengefasst würde in Christus, was im Himmel und auf Erden ist.“(1,9-10) Was er in dem großen Lobpreis zum Beginn des Briefes vor Gott betend gesagt hat, das sagt er jetzt seinen Lesern zu.

 

Wenn man so will: was  in den Hoffnungen des Jesaja, Micha, Sacharja ausgesprochen worden ist, dass es zur Völkerwallfahrt zum Zion kommt, das war nicht nur eine Hoffnung dieser Propheten. Das war von Anfang an der Plan Gottes, sein Ratschluss. Und er, Gott selbst, hat jetzt in Jesus den Weg zu dieser Völkerwallfahrt endgültig frei gemacht.

„Die Mitte der Zeit“ weiterlesen

Auf gutem, neuem Grund

Epheser 2, 11 – 22

11 Darum denkt daran, dass ihr, die ihr von Geburt einst Heiden wart und Unbeschnittene genannt wurdet von denen, die äußerlich beschnitten sind, 12 dass ihr zu jener Zeit ohne Christus wart, ausgeschlossen vom Bürgerrecht Israels und Fremde außerhalb des Bundes der Verheißung; daher hattet ihr keine Hoffnung und wart ohne Gott in der Welt.

            Es gibt keinen Weg nach vorne ohne ein Erinnern an die Vergangenheit. „Es gibt Vergangenes, das nur vergangen und vergessenswert ist. Der Glaubende lebt aber von verpflichtenden Erinnerungen.“ (G. Zweynert, ebda.) Hier also geht es um solches Erinnern – denkt daran. Mit diesen Worten werden in der Gemeinde deutlich bestimmte Leute ins Auge gefasst: ihr, die ihr von Geburt einst Heiden wart. Es gibt also offensichtlich in der Gemeinde ehemalige Heiden, Griechen? Römer? Oder noch andere Nationalitäten? Jedenfalls werden nicht nur Juden angesprochen, die zum Glauben an Jesus gefunden haben.

Es sind Sätze, die beides gleichzeitig tun, Schmerzen anrühren und Hoffnung stärken. Nach beiden Seiten lesbar: „Heidenchristentum ist stets überwundenes Heidentum.“ (G. Zweynert, Wie Gott Frieden schafft, Berlin 1970, S. 25)   Die Vergangenheit bindet nicht mehr. Aber sie erinnert daran, dass gute Zukunft verpflichtet.

Es ist noch etwas zu spüren vom Überlegenheitsgefühl derer, die beschnitten sind. Die anderen sind Unbeschnittene. Zugleich meldet sich in den Formulierungen auch leise Kritik. Wer sich so überlegen fühlt, muss darauf achten, dass sein Beschnitten-Sein nicht nur äußerlich ist. Paulus kennt eine andere Beschneidung. „Der ist ein Jude, der es inwendig verborgen ist, und das ist die Beschneidung des Herzens, die im Geist und nicht im Buchstaben geschieht.“ (Römer 2,29)  Auch nicht mit dem Messer. Auf diese andere Beschneidung setzt der Schreiber.

Er geht sogleich weiter. Er beschreibt das Leben ohne Christus – es ist die dunkle Folie, auf der der Glaubensgewinn umso heller strahlen wird: Ihr wart ohne Christus, ausgeschlossen vom Bürgerrecht Israels, Fremde, ohne Hoffnung, ja, ohne Gott in der Welt. Es ist ein hartes Urteil, das sich auf das frühere Leben der Angesprochenen bezieht. Erst recht hart, wenn sie vielleicht doch durchaus in den Tempeln ihrer Zeit „heimisch“ waren. „Nicht eine  Bewusstseinshaltung, sondern ihr tatsächlicher Zustand trennte die Heiden von Gott und seinem Zukunft schenkenden Leben.“(R. Schnackenburg, Der Brief an die Epheser, EKK X, Neukirchen 1982; S. 111) Die Götter der Welt gelten unserem Briefschreiber nichts.  Und ihre Tempel genauso wenig, ob sie in Ephesus oder sonstwo stehen mögen, den Göttern geweiht oder einfach nur „Tempel“, wie es Stadien, Museen, Einkaufstempel, Geldhäuser  heutzutage sein mögen.  „Auf gutem, neuem Grund“ weiterlesen

Aus Gnade

Epheser 2, 1 – 10

1 Auch ihr wart tot durch eure Übertretungen und Sünden, 2 in denen ihr früher gelebt habt nach der Art dieser Welt, unter dem Mächtigen, der in der Luft herrscht, nämlich dem Geist, der zu dieser Zeit am Werk ist in den Kindern des Ungehorsams. 3 Unter ihnen haben auch wir alle einst unser Leben geführt in den Begierden unsres Fleisches und taten den Willen des Fleisches und der Sinne und waren Kinder des Zorns von Natur wie auch die andern.

            Der Glaube macht nicht blind, auch nicht für die eigene Vergangenheit. Der Glaube öffnet die Augen und lässt nicht zu, dass man sich über sich selbst in die Tasche lügt. So lenkt der Schreiber den Blick seiner Leser auf ihre Vergangenheit. Ihr wart tot durch eure Übertretungen und Sünden. „Wie ein Leichnam nichts hört, nichts sieht, nichts fühlt, sondern kalt und bewegungslos daliegt, so ist es mit dem natürlichen Menschen.“ (F. Rienecker, Der Brief des Paulus an die Epheser, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1961, S. 80)  Dieses Urteil gilt im Hinblick auf die Beziehung zu Gott. Da war nichts. Funkstille. Ihr standet unter fremder Herrschaft. Ihr wart den eigenen Begierden unterworfen. Freiheit war ein Fremdwort.

Solche Worte haben bei uns keinen guten Klang. Ihr wart tot durch eure Übertretungen klingt nach moralischer Überlegenheit, nach arrogantem, hochmütigem Aburteilen. Nur mühsam gemildert durch das wir, in dem sich der Verfasser mit seinen Adressaten zusammen schließt. Das Schema „früher-jetzt“ ist unter Verruf. Unter dem Verdacht für „jetzt“ so etwas wie eine moralische Integrität zu behaupten. Auch einfach nur ein rhetorisches Schema zu sein. Aber hier beschreibt es die Wirklichkeit der Lesenden. Sie haben einen Wandel, einen radikalen Wechsel erlebt.  Ihre frühere Zeit wird „nicht dem konfrontiert, was sie sind, sondern wozu sie gemacht sind.“ (H. Conzelmann, Der Brief an die Epheser NTD 8, Göttingen 1976, S. 95)

Nicht nur sie – im „wir“ und „unser Leben“ schließt sich der Schreiber mit ihnen zusammen. Das widerspricht ein wenig einem Verständnis,  das in diesen Worten nur frühere Heiden angesprochen sieht, im Unterschied zu Menschen, die zu den an Jesus gläubigen Juden gehören. Der Autor  redet auch von seiner eigenen Erfahrung, der früheren Unfreiheit und dem Aufatmen jetzt. Es ist wichtig: „Durch die ganze Darstellung hindurch ist festgehalten, dass der Blick des Glaubens nie auf die eigene Frömmigkeit gerichtet ist, sondern auf die Gabe Gottes, durch die er jeden Augenblick lebt.“ (H. Conzelmann, S. 97f.)  

            Es mag sein, dass uns diese Erfahrung des radikalen Wechsels heute weitgehend abgeht. Aber damit fehlt uns etwas und wir können nicht einfach diese Tatsache für die Normalität des Christseins erklären. Weil wir diese Sicht haben – wir waren immer schon Christen und machen allenfalls Wissens-Fortschritte -, deshalb können wir den durchaus auch heute noch möglichen radikalen Wechsel im Begreifen der Existenz, im Selbstverständnis, in den Lebensgrundlagen nicht einfach zur Seite schieben. „Aus Gnade“ weiterlesen

Hinsehen lernen

Epheser 1, 15 – 23

15 Darum auch ich, nachdem ich gehört habe von dem Glauben bei euch an den Herrn Jesus und von eurer Liebe zu allen Heiligen, 16 höre ich nicht auf, zu danken für euch, und gedenke euer in meinem Gebet, 17 dass der Gott unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Herrlichkeit, euch gebe den Geist der Weisheit und der Offenbarung, ihn zu erkennen.

Die Danksagung an Gott ist zu Ende. Jetzt wendet sich `Paulus‘ an seine Leser. Noch einmal mit einer Danksagung. Was er von ihnen hört über ihren Glauben und ihre Liebe, macht ihn froh. Das lässt ihn Gott preisen. Es mag sein: „Die frühe Christenheit war bedroht von einem pneumatischen Überschwang.“ (G. Zweynert, Wie Gott Frieden schafft, Berlin 1970, S. 22) Für den Briefschreiber gilt das nicht.  Er ist trotz all der Himmelsworte nicht in den Himmel entrückt. Er sieht sehr wohl, was in der Gemeinde ist. Aber was er da an der Gemeinde sieht, lässt ihn Gott preisen.

Bei der Dankbarkeit bleibt er nicht stehen. Sondern geht weiter, immer weiter. „Es ist selten, dass Menschen einmal mit Danken anfangen, seltener, dass sie mit Danken fortfahren, am allerseltensten aber ist, dass sie nicht aufhören mit Danken.“ (F. Rienecker, Der Brief des Paulus an die Epheser, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1961, S. 72)  Sein Danken führt ihn weiter zu seiner Bitte um den Geist, damit seine Leser*innen Gott, den Vater der Herrlichkeit erkennen. Kennen sie ihn denn noch nicht? Sie sind doch schon Christen! Geht es um besondere, außergewöhnliche Geisterfahrungen?

Ich greife zu einem Beispiel aus meinen eigenen Leben. Über vierzig Jahre verheiratet lerne ich meine Frau Tag um Tag kennen. Ich kenne sie schon – und lerne sie doch noch immer neu kennen. So ähnlich lese ich diese Bitte. Sie sollen nicht einfach stehen bleiben bei dem, was sie von Gott, von Christus schon wissen, sich nicht einrichten in ihrem Wissen. Es ist immer gefährlich, wenn der Christ irgendwann beschließt: Jetzt weiß ich alles. Gefährlich, weil dann aus dem Weg des Glaubens ein Standpunkt wird, meinethalben ein christlicher Standpunkt. Christen stehen aber, so unser Briefschreiber, nicht wie ihre eigenen Denkmäler irgendwann fest auf einer erlernten, auch erfahrenen Position – sie sollen unterwegs bleiben zu neuem Erkennen. Dazu braucht es den Geist der Weisheit und der Offenbarung .Auf dem Weg des Glaubens lernen sie Gott immer neu und immer tiefer kennen. Auf dem Weg hier – auf dieser Erde. „Hinsehen lernen“ weiterlesen

Von Anfang an

Epheser 1, 11 – 14

 11 In ihm sind wir auch zu Erben eingesetzt worden, die wir dazu vorherbestimmt sind nach dem Vorsatz dessen, der alles wirkt nach dem Ratschluss seines Willens; 12 damit wir etwas seien zum Lob seiner Herrlichkeit, die wir zuvor auf Christus gehofft haben.

            Immer noch: in ihm. In Christus. Darum kreisen die Verse 3 – 14. In Christus haben sie ihre Mitte. Es ist eine einzige, weit ausgreifende Darstellung dessen, was den Christen mit Christus, in Christus gegeben ist. Darstellung ist dabei ein sehr zurückhaltendes Wort. Denn im Grunde ist dieser ganze Abschnitt ein großes Gebet. Beschreibendes Lob nennt man so etwas in den Psalmen. Genauso empfinde ich auch diese Passagen: Sie sind beschreibendes Lob der Gaben Gottes an uns, zugeeignet in Christus.

In Christus – das ist eine Wendung, die Paulus oft hat. Das neue Leben der Christen ist ein „in Christus sein“. Vielleicht am deutlichsten: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ (2. Korinther 5,17) Man mag das mystisch nennen. Aber es ist klar, worum es geht: Um Schicksalsgemeinschaft, um Lebensgemeinschaft. Unterschieden und doch untrennbar. Glauben ist mehr als ein paar Überzeugungen über Gott und die Welt haben, die sich an diesem Jesus Christus aufhängen. Glauben ist eine Zugehörigkeit zu ihm, die sich mit diesem geradezu räumlichen in Christus am stärksten ausdrücken lässt.

In ihm sind wir auch zu Erben eingesetzt worden ist wörtlich anders zu übersetzen: „In ihm empfingen wir auch unser Los.“ (H. Conzelmann, Der Brief an die Epheser NTD 8, Göttingen 1976,  S. 89) Was uns vor dem Wort Los zurückschrecken lässt, ist die Zufälligkeit. Los ist uns immer zufällig. Aber im Griechischen steht – einmalig im ganzen Neune Testament κληρθημεν. κληρόω -„losen, das Los werfen, durchs Los bestimmen, auswählen. Durchs Los zugeteilt bekommen.“(Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- u. Handwörterbuch, München 1957, S. 440) Man wird also zu fragen haben: Warum wird dieses Wort verwendet, das im Gegensatz zum Erben steht. Erben – das klingt nach Rechtsanspruch. Los – schließt jeden Rechtsanspruch aus. „Ohne menschliches Zutun ist dieses „durchs Los getroffen worden sein“ geschehen, oder anders ausgedrückt: Dieses „das Los ist uns gefallen“ heißt: ohne eigene Arbeit oder eigenes Verdienst ist die uns zugedachte Verheißung unser geworden.“ (F. Rienecker, Der Brief des Paulus an die Epheser, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1961, S. 66) So also gehören wir zu Gott –  durchs Los. „Von Anfang an“ weiterlesen

Der feste Grund: Christus

Epheser 1, 1 – 10

1 Paulus, ein Apostel Christi Jesu durch den Willen Gottes, an die Heiligen in Ephesus, die Gläubigen in Christus Jesus: 2 Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!

            Mit diesen Worten stellt sich `Paulus‘ vor. „Die Sitte des Altertums setzte im Briefstil den Namen des Schreibers immer an den Anfang.“(F. Rienecker, Der Brief des Paulus an die Epheser, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1961, S. 26)  Dass Paulus ein Apostel Christi Jesu ist, ist nicht seine Wahl. Es ist der Wille Gottes, der ihn dazu gemacht hat. Kein Hochmut, sondern Gewissheit hat hier das Wort. Dieses Selbstverständnis wird auch sonst in Paulusbriefen sichtbar: „Paulus, ein Knecht Christi Jesu, berufen zum Apostel, ausgesondert zu predigen das Evangelium Gottes.“ (Römer 1,1) Und noch näher: „Paulus, berufen zum Apostel Christi Jesu durch den Willen Gottes.“ (1. Korinther 1,1)

Die Exegeten sind sich weitgehend einig: Hier nimmt ein Autor späterer Zeit die „Autorität des Paulus“ (R. Schnackenburg, Der Brief an die Epheser, EKK X, Neukirchen 1982; S.41)für sein Schreiben in Anspruch, weil er sich „im Geist des großen Heidenmissionars“ (s.o.) an seine Leser wendet. Er unternimmt den Versuch, die grundlegenden Gedanken des Paulus neu in die eigene Zeit hinein zu formulieren, sie weiter zu denken. Er „leiht“ sich den Namen `Paulus‘, nicht um zu fälschen, sondern weil er nachsprechen will, was ihm wichtig ist.

An die Heiligen ist sein Brief gerichtet. So bezeichnen sich schon die ersten Christen in Jerusalem, wie wir es der Redeweise des Paulus entnehmen können: „Jetzt aber fahre ich hin nach Jerusalem, um den Heiligen zu dienen. Denn die in Mazedonien und Achaja haben willig eine gemeinsame Gabe zusammengelegt für die Armen unter den Heiligen in Jerusalem.“ (Römer 15,25-26) Es sind die ganz gewöhnlichen Glieder der Gemeinde, die so benannt werden, unabhängig von aller moralischen Qualität. Heilig aus dem einen Grund, weil sie dem heiligen Gott angehören.

Synonym zu den Heiligenγοι –  steht im Griechischen πίιστοί Gläubige. In der neuen Luther-Übersetzung ist das in eine Verb-Konstruktion umgewandelt: die an Christus Jesus glauben. Damit geht die Parallelität des Ausdrucks leider verloren und auch, dass die Heiligen keinen anderen sind als die Gläubigen. Keine Super-Christen.

Der Segensspruch stellt den ganzen folgenden Brief unter diese Überschrift. Alles, was er schreiben wird, soll Gnade und Frieden von Gott mit sich bringen, bei den Leserinnen und Lesern wachsen lassen. Beides, Gnade und Frieden kommt gleichermaßen von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus! Damit ist die Beziehung gekennzeichnet – nicht die himmlische zwischen dem Vater und Christus, sondern die irdische,  „zu uns, den Gläubigen.“ ( H. Conzelmann, Der Brief an die Epheser NTD 8, Göttingen 1976, S. 89)  „Der feste Grund: Christus“ weiterlesen

Schönster Herr Jesu

Epheser 6, 18 – 24

18 Betet allezeit mit Bitten und Flehen im Geist und wacht dazu mit aller Beharrlichkeit im Gebet für alle Heiligen 19 und für mich, dass mir das Wort gegeben werde, wenn ich meinen Mund auftue, freimütig das Geheimnis des Evangeliums zu verkündigen, 20 dessen Bote ich bin in Ketten, dass ich mit Freimut davon rede, wie ich es muss.

 Auf den ersten Blick ein neues Thema. Aber in Wahrheit ist es die Fortsetzung der Gedanken zuvor. Es geht um Einstehen für das Evangelium, um den Kampf des Glaubens. Um Stärke, um Widerstandskraft. Und es ist die Überzeugung des Briefschreibers, dieses Paulus-Schülers, dass die Stärke auch erbeten sein will. Und erbeten werden kann durch die Fürbitte. Dass dies nicht nur Worte sind, sondern Kraft, dazu braucht es den Geist, die Geistkraft.Unser menschliches Beten gewinnt erst in der Kraft des göttlichen Geistes seine Macht und Wirksamkeit.“(R. Schnackenburg, Der Brief an die Epheser, EKK X, Neukirchen 1982; S.288)

 Dass andere hinter mir stehen, das lässt mich leichter den Mund auftun. Dass andere mich mit meinem Ringen um die richtigen Worte tragen, mit meinem Suchen nach dem richtigen Tun stützen, das lässt mich risikofreudiger werden.

 So einen Effekt kennen Sportler: „Du darfst Fehler machen“ hören sie und werden richtig stark in ihrer Leistung. Sie wissen: Da stehen Leute hinter mir. Das gilt genauso für den Glauben, und eben nicht nur für große Apostel, sondern auch für die unbekannten Heiligen, die es vor Ort gibt und die nie Schlagzeilen machen. Sie gewinnen Freimut und Klarheit in ihrem Lebenszeugnis, weil sie erfahren: Meine Brüder und Schwestern stützen mich. Betend. Hoffend. „Schönster Herr Jesu“ weiterlesen

Widerstehen

Epheser 6, 10 – 17

 10 Zuletzt: Seid stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke.

Alle miteinander werden sie jetzt angesprochen – Männer, Frauen., Sklaven, Kinder. Sie alle brauchen diesen Zuspruch, auch wenn sie in unterschiedlicher Weise damit umgehen werden. Aber sie alle sind angewiesen auf eine Stärke, die ihnen von dem Herrn her zuwächst, die sie sich erbitten dürfen. Und in der sie handeln sollen.

 Wer einen Muskel nicht trainiert, lässt ihn erschlaffen. Jeder Sportler weiß das. Wer die Stärke des Herrn nicht in seinem Handeln in Anspruch nimmt, wird es mit der Zeit nicht mehr wissen, was das ist, sich seiner Dynamik – das steckt auch im Wort δύναμις – zu öffnen. Nur wer in dieser Stärke handelt, erfährt sie auch wirklich, wirksam, wirk-kräftig, tatkräftig.

 11 Zieht an die Waffenrüstung Gottes, damit ihr bestehen könnt gegen die listigen Anschläge des Teufels. 12 Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit Mächtigen und Gewaltigen, nämlich mit den Herren der Welt, die in dieser Finsternis herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel. 13 Deshalb ergreift die Waffenrüstung Gottes, damit ihr an dem bösen Tag Widerstand leisten und alles überwinden und das Feld behalten könnt.

 Von der Stärke kommt der Apostel zur Waffenrüstung, dem Bild der Stärke. Das hatte ja jeder vor Augen: Bewaffnete Soldaten, kraft strotzende Kerle. Und es braucht, davon ist der Brief-Autor überzeugt, Kraft, Mut, Stärke, um dem Feind zu widerstehen. Die Feinde, die er sieht, sind nicht Menschen. Weder Heiden noch Juden sind Feinde. Das ist mir sehr wichtig. Christen kämpfen nicht mit Menschen. Und Einstehen für den Glauben hat nichts zu tun mit Waffeneinsatz. Wo immer das geglaubt wurde oder auch heute geglaubt wird, ist der Boden des biblischen Denkens verlassen. Es gibt in der Nachfolge Jesu keine Kampfaufträge. „Widerstehen“ weiterlesen

Achtung für Lohn-Abhängige

Epheser 6, 5 – 9

 5 Ihr Sklaven, seid gehorsam euren irdischen Herren mit Furcht und Zittern, in Einfalt eures Herzens als dem Herrn Christus; 6 nicht mit Dienst allein vor Augen, um den Menschen zu gefallen, sondern als Knechte Christi, die den Willen Gottes tun von Herzen.

 Nach Männern, Frauen und Kindern wendet sich der Blick zu den Sklaven. Ihr Sklaven. Die Anrede signalisiert Mehrzahl. Erstaunlich genug, dass es sie in der Gemeinde überhaupt gibt, dass sie wahrgenommen werden. Sklaven „gelten im römischen Recht nicht als Rechtspersonen, sondern als Sachen, über die ihr Herr verfügen kann.“(R. Schnackenburg, Der Brief an die Epheser, EKK X, Neukirchen 1982; S.269) Auf diesem Hintergrund ist es ein bemerkenswerter Schritt, dass sie als eigene Gruppe in der Gemeinde gesehen und angesprochen werden.

 Inhaltlich ist auf den ersten Blick nichts Revolutionäres zu sehen. Kein Wort von gleichberechtigter Stellung. Kein Wort: sucht die Freiheit. Sondern eine Ermahnung zum Gehorsam. Und das auch noch mit Furcht und Zittern, gemeint ist wohl: Voller Ehrfurcht. In Einfalt eures Herzens Die gleiche Wendung kommt in einem sehr inhaltsreiche Satz des Paulus vor: „Schaffet, dass ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern. Denn Gott ist’s, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen.“(Philipper 2,12-13) Fast scheint es, als stehe der Gehorsam gegen die irdischen Herren – Sklavenhalter in unseren Augen – irgendwie gleichwertig, zumindest ähnlich neben dem Gehorsam gegen Gott.

 Es ist einer Einweisung in das Leben als Sklave. In diesem Stand kann man gleichwohl Gott dienen. Das erinnert an Luthers Satz: «Auch Kühe melken ist Gottesdienst. Du darfst im Namen Jesu den Stall versorgen und zur Ehre Gottes deine Kühe melken!». So nimmt der Schreiber die Sklaven in ihren Aufgaben und ihrer Unfreiheit ganz ernst. Im Tun des Willens ihrer Herren sind sie zugleich Knechte Christi.δου̃λοι χριστου̃. So bezeichnet Paulus auch sich selbst (Römer 1,1). „Achtung für Lohn-Abhängige“ weiterlesen