Riskante Bitte – riskante Rückkehr

Philemon  1 – 25

1 Paulus, Gefangener Christi Jesu, und Timotheus, der Bruder, an den lieben Philemon, unsern Mitarbeiter, 2 und an Aphia, die Schwester, und Archippus, unsern Mitstreiter, und an die Gemeinde in deinem Hause: 3 Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!

In anderen Briefen stellt Paulus sich anders vor: als Apostel, als Knecht Christi. Hier aber: ein Gefangener Christi Jesu. δσμιος, desmios „gefangen, gebunden“ (Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- u. Handwörterbuch, München 1957, S. 189) Doppeldeutig: einer, der von Jesus gefangen, in Beschlag genommen ist oder einer, der für Jesus in Gefangenschaft ist. Das zweite trifft jedenfalls zu: „Er schreibt diesen Brief als einer, der um seines Missionsdienstes willen gefangen ist.“ (P. Stuhlmacher Der Brief an Philemon, EKK, Neukirchen 1975, S. 29)

Paulus ist nicht allein. Auch wenn Timotheus kaum Mitautor ist, ist er doch mit-Absender. Auch der Adressat ist nicht allein. Neben ihm werden Aphia, die Schwester, und Archippus, unsern Mitstreiter und die ganze Gemeinde im Haus des Philemon genannt und gegrüßt. Es fällt auf – der üblich Hinweis Apostel Jesu Christi fehlt. „weil er nicht von vornherein seine besondere Autorität herausheben will.“ (H.Bürki, Der Brief des Paulus an Philemon, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1987, S. 205) Weil er das „Gespräch auf Augenhöhe sucht.

Alles, was folgen wird, steht unter dieser Überschrift, diesem Segensgruß: Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus! Schön, dass dieser Gruß immer wieder auch zum Kanzelgruß wird – ganz gleich, wie die nachfolgende Predigt ausfallen wird.

4 Ich danke meinem Gott allezeit, wenn ich deiner gedenke in meinen Gebeten 5 – denn ich höre von der Liebe und dem Glauben, die du hast an den Herrn Jesus und zu allen Heiligen -, 6 dass der Glaube, den wir miteinander haben, in dir kräftig werde in Erkenntnis all des Guten bei uns, auf Christus hin. 7 Denn ich hatte große Freude und Trost durch deine Liebe, weil die Herzen der Heiligen erquickt sind durch dich, lieber Bruder.

Mit welcher Herzlichkeit spricht Paulus Philemon an. Es wird deutlich: Philemon ist ein guter Mensch, ein Bruder in Christus nach dem Herzen des Paulus. Andere haben etwas von seinem Glauben. Und er selbst ist auf einem guten Weg, der ihn in der Erkenntnis all des Guten in Christus wachsen lässt. Sein Glauben wächst – das heißt in der Sprache des Paulus: Er bringt das eigene Leben mehr und mehr zusammen mit dem Vertrauen auf den gekreuzigten und auferstanden Christus.

Philemon ist eine Wohltat für die Gemeinde, die sich in seinem Haus sammelt, viel mehr als nur ein reicher, einflussreicher Mann. Es will etwas heißen, dass Paulus ihn, den ortsfesten, ansässigen Menschen doch seinen Mitarbeiter nennt. Erst recht ist es voller Bedeutung, dass Paulus sagt: Philemon hat ihm selbst gutgetan, ihn ermutigt, getröstet, gestärkt. Zwischen ihnen ist die κοινωνία τῆς πίστεώς, koinonia tes pisteos, die Gemeinschaft des Glaubens gewachsen. Sie verbindet sie wie ein kräftiges Band. „In der Koinonia des Glaubens kann einer dem andern zur Freude und zum Trost werden.“(H. Bürki, aaO. S. 208) Das braucht der Apostel, der so viel unterwegs ist, das tut ihm als Erinnerung jetzt gut: Ich habe in Philemon einen brüderlichen Menschen an meiner Seite. Das alles schreibt Paulus, weil es ihm wichtig ist und weil diese Verbundenheit für die nachfolgende Bitte sozusagen seine Ausgangsbasis ist.

8 Darum, obwohl ich in Christus alle Freiheit habe, dir zu gebieten, was zu tun ist, 9 will ich um der Liebe willen eher bitten, so wie ich bin: Paulus, ein alter Mann, nun aber auch ein Gefangener Christi Jesu. 10 So bitte ich dich wegen meines Kindes Onesimus, den ich gezeugt habe in der Gefangenschaft, 11 der dir früher unnütz war, jetzt aber dir und mir sehr nützlich ist.

Was Paulus hier sagt, kommt nicht aus einer theoretisch begründeten Überzeugung, die von Christen verlangt, dass sie vergeben müssten, dass sie neue Anfänge gewähren müssten. Nichts ist zu erkennen als der Versuch, Philemon für eine außergewöhnliche Wohltat zu gewinnen. Ohne Forderung, obwohl Paulus doch als „geistlicher Vater“, als alter Mann auch fordern und gebieten könnte. Er könnte seine Autorität ins Gewicht werfen. Aber: „Statt zu befehlen, entschließt sich Paulus darum lieber zur Bitte.“ (P. Stuhlmacher, aaO, S. 37) Keine Christen-Pflicht. Ohne Druck. Seine Worte haben schon genug Gewicht durch die äußere Situation. Ein Brief aus dem Gefängnis ist keine Kleinigkeit und was der Brief will, erst recht nicht.

Paulus will Philemon nahebringen, wie wertvoll ihm Onesimus ist, dieser „Nichtsnutz.“ Ein entlaufener Sklave. Nichts als Ärger hat Philemon mit ihm gehabt. Vielleicht hat er ihn suchen lassen und irgendwann verärgert aufgegeben. Er ist weg. Aber nun ist da neue Nachricht, aus dem Gefängnis. Der entlaufene Sklave ist festgesetzt. Keine Flucht mehr. Der Weg in die Freiheit hat ein Ende in einer Gefängniszelle.

Dort, in der Gefängniszelle hat ein neuer Weg in die Freiheit seinen Anfang genommen. In der Begegnung mit Paulus ist Onesimus Christ geworden. Er hat zum Glauben gefunden. Müßig, daran zu erinnern, dass ja auch Philemon in der Begegnung mit Paulus zum Glauben gefunden hat. Müßig, darauf hinzuweisen: euch verbindet eine gemeinsame Erfahrung. Die Schritte zum Glauben sind für den Freien und den Sklaven in gleicher Weise Schritte ins Neuland, in eine Freiheit, die in der Bindung an Jesus Christus ihren Grund und ihr Ziel hat. Darum wird Paulus bei Philemon zum Bittsteller.

παρακαλῶ σε περὶ; parakalo se peri „bedeutet nach dem Fortgang unseres Briefes „bitten für“ und nicht „bitten um“. Paulus bittet für sein geistliches Kind, das er in der hat gezeugt hat. (P. Stuhlmacher, aaO. S. 38) Es geht zentral nicht darum, dass Paulus einen Gefährten, Diener im Gefängnis haben möchte, es geht um eine Fürbitte für diesen Gefangenen, der ja an seinen früheren Herrn überstellt werden könnte – zu einem ungewissen Schicksal. Entlaufene Sklaven mussten mit schwersten Strafen rechen.

12 Den sende ich dir wieder zurück und damit mein eigenes Herz. 13 Ich wollte ihn gern bei mir behalten, damit er mir an deiner statt diene in der Gefangenschaft um des Evangeliums willen. 14 Aber ohne deinen Willen wollte ich nichts tun, damit das Gute dir nicht abgenötigt wäre, sondern freiwillig geschehe.

Es is auch eine Zumutung an Onesimus: Den sende ich dir wieder zurück. Ob Philemon einmal mit dem Gedanken gespielt hat, Paulus auf seinen Reisen zu begleiten? Ob er ihm das einmal angeboten hat: Lass mich für dich sorgen. Lass mich deinen Diener sein. Jedenfalls könnte Paulus Onesimus gut brauchen für den Dienst, den ihm Philemon nicht leisten kann.

Aber – und hier klingt das verborgene Thema an: Das Gute geschehe freiwillig. Paulus will sich nichts einfach nehmen. Paulus will auch nicht die widerwillig zugestandene Gabe. Das Evangelium verträgt keinen Zwang, keine Unfreiheit. Es liegt kein Segen auf dem, was einem anderen abgepresst wird, auch mit geistlichen Argumenten abgenötigt wird. Alles geschehe aus Freiheit. Wie viel Zutrauen zeigt sich in diesem Denken und Glauben – Zutrauen zu Gott, zu Onesimus und zu Philemon.

15 Denn vielleicht war er darum eine Zeit lang von dir getrennt, damit du ihn auf ewig wiederhast, 16 nun nicht mehr als einen Sklaven, sondern als einen, der mehr ist als ein Sklave: ein lieber Bruder, besonders für mich, wie viel mehr aber für dich, sowohl im leiblichen Leben wie auch in dem Herrn. 17 Wenn du mich nun für deinen Freund hältst, so nimm ihn auf wie mich selbst. 18 Wenn er dir aber geschadet hat oder etwas schuldig ist, das rechne mir an. 19 Ich, Paulus, schreibe es mit eigener Hand: Ich will’s bezahlen; ich schweige davon, dass du dich selbst mir schuldig bist.

Paulus rechnet damit, hofft darauf, dass es Philemon unmöglich ist, seinen Bruder Onesimus nicht als lieben Bruder zu behandeln, sondern als das, was er auch ist- als einen entlaufenen Sklaven. Aber es ist ein hohes Risiko für alle: Onesimus weiß nicht, ob Philemon ihn wirklich gut aufnehmen wird oder ob er nach Recht und Gesetz verfährt, weil er ein Exempel statuieren muss. Paulus weiß nicht, ob Philemon ihm nicht die Freundschaft kündigt. Und Philemon weiß nicht, ob das gut gehen wird mit dem zurückkehrenden Sklaven, der jetzt „Bruder“ sein soll. Immerhin: „Philemon erhält mit dem zurückkehrenden Onesimus auch dem ihm gehörigen Vermögenswert zurück, und zwar als αἰώνιον , auf unbegrenzte Zeit.“ (P. Stuhlmacher, aaO. S. 41) Auf ewig.

Was Paulus hier ankündigt, ist ein hoch riskantes Unternehmen. Für Onesimus könnte es Tod, zumindest aber schwere körperliche Misshandlung und noch schwerer seelische Erschütterung bedeuten. Und was wäre mit seinem Glauben, wenn ihn sein „geistlicher Vater“ zurückschickt und der Willkür und Strafe eines erzürnten Herren ausliefert?

Aber auch umgekehrt: was wird los sein im Haus des Philemon, wenn Onesimus nicht bestraft wird, wenn er womöglich gar freundlich empfangen wird, wenn er – noch unmöglicher – mit dem „heiligen Kuss“ als Bruder in Christus begrüßt wird. Hält die häusliche Ordnung das aus oder fliegt sein Glauben dem Philemon hochexplosiv um die Ohren? Was werden die eigenen Leute sagen? Was werden die anderen Sklavenherren sagen, innerhalb und außerhalb der kleinen Gemeinde der Christen?

Hier ist Sprengstoff in einem freundlichen Brief verborgen. Der alles bindende Unterschied zwischen Freiem und Gebundenem, Sklave und Herr wird aufgehoben durch die Brüderlichkeit, durch die gemeinsame Zugehörigkeit zum Leib Christi. „Vor Christus sind Herren und Sklaven gleich.“ (P. Stuhlmacher, aaO. S. 43) Wenn dies die erste und vornehmste Bestimmung eines Menschen ist, dass er Christus angehört, so kann in der Tat die Differenz der sozialen Stellung nicht mehr entscheidend sein. Sie ist überwunden durch die Liebe Christi und in dem Leib Christi. „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“(Gal. 3, 28) Was Paulus da theologisch reflektiert geschrieben hat, das holt er jetzt praktisch ein. Und es ist kein Zweifel möglich: Alles im Haus des Philemon wird anders werden, wenn er der Bitte des Paulus folgt.

Demgegenüber sind alle Proklamationen von Freiheitsrechten sekundär. Nur da, wo die Differenzen zutiefst aufgehoben sind, überholt, kann es zur Begegnung auf Augenhöhe kommen. Wie weit sind wir bis heute davon entfernt, gesellschaftlich und auch in der Wirklichkeit unserer Kirchen.

20 Ja, mein Bruder, gönne mir, dass ich mich an dir erfreue in dem Herrn; erquicke mein Herz in Christus. 21 Im Vertrauen auf deinen Gehorsam schreibe ich dir; denn ich weiß, du wirst mehr tun, als ich sage. 22 Zugleich bereite mir die Herberge; denn ich hoffe, dass ich durch eure Gebete euch geschenkt werde.

Es bleibt dabei. Paulus wirbt um die Zustimmung des Philemon. Er wirbt um sie, weil er sich ja mit ihm in der Tiefe des Glaubens verbunden weiß. Das ergibt sich nicht als Automatismus. Tiefe Verbundenheit will auch erworben sein – darum wirbt Paulus so um Philemon. In Psalm 23 heißt es „Er erquickt meine Seele“ (23,3) Paulus erbittet sozusagen von Philemon, dass er Gottes Werkzeug der Erquickung ist. Das geht nur aus einem freien Herzen. Es ist eine Freundlichkeit, die er erbittet und kein Recht, das er einfordert. Es ist ihm eine Herzensangelegenheit – und deshalb spricht er auch Philemon zu Herzen.

So groß ist sein Vertrauen in Philemon, dass er sagen kann: ich weiß, du wirst mehr tun, als ich sage. Dass es nicht nur Gehorsam sein wird, was Philemon tun wird. Überflüssig also auch zu sagen, was zu tun sein wird. Paulus schreibt in dem großen Zutrauen, dass sein Anliegen ein Echo bei Philemon finden wird.

23 Es grüßt dich Epaphras, mein Mitgefangener in Christus Jesus, 24 Markus, Aristarch, Demas, Lukas, meine Mitarbeiter.

Das alles ist ein Brief aus der Gefangenschaft. Vielleicht macht gerade diese Gefangenschaft ja besonders sensibel für das Geschenk der Freiheit. Und wahrscheinlich macht sie auch besonders dankbar für die Erfahrung von Gemeinschaft. Es ist gut, Menschen an der Seite zu haben, die die Verbindung halten, auch wenn es schwierig ist, die sich nicht trennen lassen, auch nicht durch Gefängnismauern.

25 Die Gnade des Herrn Jesus Christus sei mit eurem Geist!

Am Ende der Segen. Alles wird gut. Nein – alles möge gut werden. Im Segen ist das Wissen um den Mehrwert bewahrt. Im Segen rufen wir Gott als den Segnenden hinein in unsere Hoffnungen, Wünsche, Pläne und guten Absichten. Im Segen halten wir uns Gott hin: Gib Du, dass aus allem Gutes wird und es Dir entspricht, was wird. Im Segen vertrauen wir uns, die anderen und alle Anliegen Gott an. „Unser Herr macht was daraus.“(K. Vollmer)

 Zum Weiterdenken

 Hoffen auf Verständnis. Hoffen auf Zustimmung. Das lässt Paulus seinen Brief schreiben. Es ist die gleiche Haltung, die er grundsätzlich für seine Verkündigung einnimmt: „So bitten wir nun an Christi statt.“(2. Korinther 5,20) Er kann nicht befehlen, er kann nicht anordnen, er kann nur hoffen und bitten. Wenn Philemon sein Bitten nicht erhört, wenn er den entlaufen Sklaven Onesimus fertig macht, zurücksetzt, gar tötet? Dann hätte Paulus zwei Brüder verloren. Wenn es – um des Evangeliums willen – zu konkreten Schritten kommt, dann ist das immer Risiko und Chance. Es ist nicht heraus, wie es gehen wird, weil die Welt kein Theater mit vorher festgelegtem Ausgang ist. Gott lässt sich in seinem Sohn Jesus auf uns ein – suchend, bittend, mit dem Risiko, dass wir nicht hören. Paulus macht mit seinem Bitten nur Gott ein wenig nach.

 

Heiliger Gott, wie leicht gehen uns Worte über die Lippen: Solidarität. Gleichberechtigung. Menschenwürde. Wie leicht fordern wir ein, rufen nach Gesetzen, verlangen Regelungen. Aber wir müssten es einüben im eigenen Lebensumfeld, mit den Menschen, die mit uns leben solidarisch sein, sie so behandeln, wie wir es uns für uns wünschen, ihre Würde achten in Worten und Taten. Hilf Du uns, dass unser alltägliches Tun unsere Worte nicht Lügen straft.

Herr, unter Deinen Segen stelle ich mich, die Meinen. Deine Gemeinde und die Welt. Unter Deinem Segen muss gut werden, was zerbrochen war, verwundetes Vertrauen heilen, verlorene Beziehungen neu aufleben.

Unter Deinem Segen tun sich versperrte Wege neu auf. Amen

Kommen noch schlimmere Zeiten?

2. Timotheus 3, 1 9

1 Das sollst du aber wissen, dass in den letzten Tagen schlimme Zeiten kommen werden.

Diese Sicht teilt Paulus mit anderen Schriften des Neuen Testamentes. Die Erwartung an die Zeit ist nicht, dass alles besser wird, sondern dass schlimme Zeiten bevorstehen. Es wird in den letzten Tagen nicht immer besser. Das Neue Testament in seiner Gesamtheit ist weit entfernt vom Fortschrittsglauben unserer Zeiten.

Weit entfernt von der folgenden Erwartung: „Nachdem wir ein beispielloses Maß an Wohlstand, Gesundheit und Harmonie erreicht haben, und angesichts unserer vergangenen Bilanz und unserer gegenwärtigen Werte werden die nächsten Ziele der Menschheit wahrscheinlich Unsterblichkeit, Glück und Göttlichkeit sein. Nachdem wir die Sterblichkeit durch Hunger, Krankheit und Gewalt verringert haben, werden wir darauf hinarbeiten, das Altern und sogar den Tod zu überwinden. Nachdem wir die Menschen aus dem bittersten Elend gerettet haben, werden wir uns nun zum Ziel setzen, sie im positiven Sinn glücklich zu machen.“ (Y. N. Harari, Homo Deus, München 2017, S. 38) Für mich liest sich das wie eine Nachschrift von „Brave New World.“ (A. Huxley, 1932!)

Wie anders und viel näher an der bitteren Realität: „Ihr werdet hören von Kriegen und Kriegsgeschrei; seht zu und erschreckt nicht. Denn das muss so geschehen; aber es ist noch nicht das Ende da. Denn es wird sich ein Volk gegen das andere erheben und ein Königreich gegen das andere; und es werden Hungersnöte sein und Erdbeben hier und dort. Das alles aber ist der Anfang der Wehen.“ (Matthäus 24, 6-8) Die Reden über das nahende Unheil in der Zeit nehmen in den Evangelien breiten Raum ein – durchaus in Spannung zur Botschaft vom gekommenen Reich der Himmel. So ist es auch hier. Der Blick auf die Erlösung und den Erlöser lässt nicht über den Schmerz der schlimmen Zeiten einfach hinwegsehen.

Auf den ersten Blick irritierend: hier steht nicht χρόvoς, Chronos, das Wort für die gleichförmig vergehende Zeit der Welt, die wir Menschen mit gestalten, sondern hier steht das besondere griechische Wort: καιροὶ, kairoi Und das heißt doch: Auch diese schlimmen Zeiten sind Gottes Zeit, seiner Macht nicht entnommen, sondern unterworfen. Gott bleibt auch dann der Herr der Zeit, „Meister Hora.“ (M.Ende, Momo) „Kommen noch schlimmere Zeiten?“ weiterlesen

Was am Ende zählt

1.Korinther 16, 13 – 24

13 Wachet, steht im Glauben, seid mutig und seid stark!

Bis dahin, bis zum Kommen des Paulus ist noch einige Zeit. Keine leere Zeit. Deshalb Wachet, steht im Glauben, seid mutig und seid stark! Fest im Glauben sollen sie sein. Nüchtern. Mutig. „Sei stark und lass uns stark sein für unser Volk und für die Städte unseres Gottes!“ (2. Samuel 10,12, Elberfelder Übersetzung) Daran knüpft Paulus an – weil er die Gemeinde herausgefordert sieht. Weil es beides braucht – geistliche Stärke und menschlichen Mut. Alle geistlichen Gaben und Verhaltensweisen haben zugleich auch eine menschliche Seite. Die will Paulus nicht weniger stärken. Zugleich gilt: „Den festen Stand „im Glauben“ gewinnt man „im Herrn“, an dem sich der Glaube extra se festmacht.“(W. Schrage, aaO. S.451) Also nicht: die eigene Mitte suchen und finden, sondern sich an den Herrn binden macht stark!

14 Alle eure Dinge lasst in der Liebe geschehen!

Es wirkt wie ein Rückgriff auf das Hohe Lied der Liebe. In Wahrheit aber ist es mehr – geistliches Leben ist immer daran gebunden und dadurch gekennzeichnet, dass es in der Liebe geschieht. Stärke im Glauben ist Stärke und Bestärken in der Liebe. Es gibt eine lieblose „Glaubensstärke“, die zwar alles weiß, aber dennoch nicht dem Glauben dient. Weil sie in ihrem Wissen kalt ist. „Was am Ende zählt“ weiterlesen

So Gott will

1.Korinther 16, 1 – 12

1 Was aber die Sammlung für die Heiligen angeht: Wie ich den Gemeinden in Galatien geboten habe, so sollt auch ihr tun! 2 An jedem ersten Tag der Woche lege ein jeder von euch bei sich etwas zurück und sammle an, so viel ihm möglich ist, damit die Sammlung nicht erst dann geschieht, wenn ich komme. 3 Wenn ich aber gekommen bin, will ich die, die ihr für bewährt haltet, mit Briefen senden, dass sie eure Gabe nach Jerusalem bringen. 4 Wenn es aber die Mühe lohnt, dass ich auch hinreise, sollen sie mit mir reisen.

Es ist ein kühner Sprung und doch nur ein kleiner Schritt: „nehmt immer zu in dem Werk des Herrn“(15,58) hat Paulus eben gemahnt und kommt jetzt – folgerichtig? – auf die Kollekte zu sprechen, die er seit Jahren sammeln lässt. Eine Sammlung zugunsten der Gemeinde in Jerusalem. λογεα ist eine Spende, nicht eine Steuer, freiwillige Gabe und kein Zwang.

Warum sammeln alle Gemeinden für die in Jerusalem? Warum diese Unterstützung? „Es geht darum, geistliche und materielle Gaben miteinander zu teilen und in der Not solidarisch zu sein.“(W. Klaiber, aaO. S. 276) So ist diese Sammlung – für die Armen in Jerusalem, wie es auch heißt (Galater 2,10) – ein Zeichen für die Einheit der Kirche. Weltweit damals – über die Ägäis hinaus bis nach Jerusalem, das kaum einer der Spender in Korinth jemals zu Gesicht bekommen wird.

Ist es Regelungswut oder Menschenkenntnis, die Paulus zu seinen praktischen Vorschlägen treibt? Er legt ein Verfahren nahe, das unabhängig von Gefühlsschwankungen macht: an jedem ersten Tag der Woche etwas zur Seite legen. Das erinnert an den Dauerauftrag, möglichst am Ersten des Monats. Nicht von dem, was übrig bleibt, sondern vorab zurücklegen – weil sonst vermutlich nichts übrig bleiben wird.

Der Vorschlag ist klug. Und er lässt Freiheit: Jede und jeder sammle an, so viel ihm möglich ist. Wie es für ihn stimmt. Die alte Luther-Übersetzung 1964 hatte noch: was ihn gut dünkt – nahe am griechischen εὐοδέω „einen freien Weg haben“(Gemoll, aaO. S. 342). Jeder also wie es ihm gefällt. Aus freiem Herzen geben, nach den eigenen Möglichkeiten. Dieses Anspar-Verfahren erspart auch die Beschämung, sich plötzlich verpflichtet zu fühlen, geben zu müssen, wenn Paulus wieder da ist. „So Gott will“ weiterlesen

Die große Verwandlung

1.Korinther 15, 50 – 58

50 Das sage ich aber, liebe Brüder, dass Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht ererben können; auch wird das Verwesliche nicht erben die Unverweslichkeit.

Es wirkt wie ein Neueinsatz, vielleicht auch wie ein Atemholen zu einem abschließenden Gedankengang. Noch einmal schärft es Paulus ein: Es gibt keinen natürlichen Übergang und Zugang zum Reich Gottes. „Fleisch und Blut machen das Wesen des natürlichen und sterblichen Menschen in seiner Kreatürlichkeit aus.“(W. Schrage, aaO, S.368) Einmal mehr ist Paulus ganz nahe bei dem, was der 4. Evangelist später schreiben wird und nimmt es gewissermaßen vorweg: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.“ (Johannes 3,3)

Der gleiche Paulus, dem so viel daran liegt, dass der Gekreuzigte der Auferstandene ist, der Auferstandene der Gekreuzigte, dass es eine nicht auflösbare Identität zwischen den Entschlafenen mit denen, die auferweckt werden, gibt, betont hier die Diskontinuität: Kein nahtloser Übergang. Das Sterbliche ist nicht Reich-Gottes-fähig, wird also die „Unvergänglichkeit“ – so besser statt Unverweslichkeit – nicht erben. Daran liegt Paulus: „Es geht nicht um eine Wiederbelebung der sterblichen, vergänglichen, verwesenden Leiber der Toten, sondern um eine ganz neu geschaffene, dem Wesen Gottes entsprechende Leiblichkeit.“(W. Klaiber, aaO. S.269) „Die große Verwandlung“ weiterlesen

Über alles Verstehen hinaus

1.Korinther 15, 35 – 49

35 Es könnte aber jemand fragen: Wie werden die Toten auferstehen und mit was für einem Leib werden sie kommen?

Nach der grundsätzlichen Debatte darüber, ob es überhaupt eine Auferweckung gibt, geht Paulus jetzt auf die Anfrage ein: Wie werden die Toten auferstehen? Wie soll man sich das denn vorstellen? Das sprengt doch jede Vorstellungskraft – und weil das so ist, so die nahe liegende nächste Folgerung, gibt es keine Auferstehung.

Mich erinnert das an meine Schüler. Die argumentierten auch so: Wenn alle auferstehen, vom Anfang der Welt an – dann ist doch gar nicht Platz genug auf der Erde. Durch diese ungeklärte Platzfrage war für sie die Erwartung der Auferstehung irgendwie unrealistisch. Aus der einfachen alltäglichen Erfahrung: Leben braucht Platz.

In Korinth fragen sie nicht nach dem Platz. Sondern nach dem Leib. σμα. Nach dem, was im Grab gelandet ist. Wobei es schon auffallen kann – Paulus meidet das Wort πτμα für Leichnam. Was da im Grab gelandet ist, ist für ihn immer noch Leib und nicht bloße Leiche. Um diesen Leib aber geht es in det Auferstehung Das ist das Ärgernis in der Darstellung des Paulus: er redet von einer Auferweckung, die den Leib betrifft, nicht nur irgendwie die Seele oder den Geist. Von einem Geschehen, das eine sichtbare Seite hat. „Über alles Verstehen hinaus“ weiterlesen

Lebens-Zeichen, dass der Glaube lohnt

1.Korinther 15, 29 – 34

29 Was machen denn die, die sich für die Toten taufen lassen? Wenn die Toten gar nicht auferstehen, was lassen sie sich dann für sie taufen?

Immer noch setzt sich Paulus mit den Skeptikern in Korinth auseinander. Mit ihrer These: Keine Auferstehung. Um diese Aussage als widersinnig zu entlarven, kommt Paulus auf eine Praxis in Korinth zu sprechen, die für uns heutige Leser*innen befremdlich wirkt. Es gibt Leute in der Gemeinde, einige, die sich für die Toten taufen lassen. Diese Sätze machen zunächst einmal ratlos, weil es bei uns so eine Praxis ja nicht gibt. Fürbitte – ja. Für andere eine Zeitlang mitglauben, wenn sie wanken – ja. Aber Für-Taufe?

Stellvertretende Taufe – was soll das sein? Was steckt als Verständnis dahinter? „Bestimmte Korinther lassen sich anstelle ihrer Verstorbenen taufen, um auch diese noch nachträglich an den Verheißungen der Taufe partizipieren zu lassen.“(W. Schrage, aaO. S.236) Wenn das so ist, zeigt sich darin eine Hochschätzung der Taufe in Korinth: Sie hat Wirkung über den Tod hinaus. Sie stellt hinein in eine Segenslinie, die auch der Tod nicht unterbrechen kann. Zugleich aber auch ist das dann doch ein Widerspruch gegen jede Leugnung der Auferstehung.

Paulus setzt sich nicht mit Sinn oder Unsinn dieser stellvertretenden Taufen – man nennt das „Vikariatstaufe“ – auseinander. Er nutzt nur diese Praxis, um den Korinthern zu zeigen: Eure eigene Praxis steht gegen die Parole, dass es keine Auferstehung der Toten gibt. „Lebens-Zeichen, dass der Glaube lohnt“ weiterlesen

Der Anfang ist gemacht

1.Korinther 15, 20 – 28

20 Nun aber ist Christus auferweckt von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind.

Was für ein Kontrast! Eben noch die Gedankenspiele, die auf dem Satz der Korinther fußen: Es gibt keine Auferstehung der Toten. Der Blick in den Abgrund der Sinnlosigkeit. Und jetzt dieser Jubelruf: Nun aber! Νυν δ. Den Gedanken stellt Paulus die Wirklichkeit gegenüber. „Er beendet also die Diskussion über das „was wäre wenn“ und stellt fest, was die Grundlage des Glaubens ist: Gott hat Christus von den Toten auferweckt.“(W. Klaiber, aaO. S.253) Den Gedanken stellt Paulus die Fakten entgegen. Dem „was wäre wenn“ das „ist“. ἐγήγερται – er ist auferweckt. Ἐγείρω – „erwecken, auferwecken, aufstehen machen“ (Gemoll, aaO. S. 237) Es geht um Geschehen, das geschehen ist – darum die Perfektform.

Darüber hinaus: diese Auferweckung ist erst der Anfang. Ἀπαρχὴ. Dem Erstling werden nachfolgen, die entschlafen sind. Wenn man so will: Christus ist der Proto-Typ der Auferstehung. Der gleiche Paulus, der den radikalen Einspruch gegen das Auferstehungszeugnis durchdenkt, bringt hier auf den Punkt, was mit dem Ostertag unwiderruflich in der Welt ist. Mit der Auferstehung Jesu von den Toten fängt eine neue Zeit an – sie ist unaufhaltbar in Gang gesetzt. Auferstehung ist nicht mehr nur vage Hoffnung. Von Leuten, die sich nicht mit dem Tod aller Dinge abfinden wollen. Sie ist Gottestat jetzt und damit verbürgt auch als Gottestat in Zukunft. „Die Auferweckung Jesu ist das Modell für alles Auferstehungsgeschehen.“ (W. Klaiber, ebda.)

Auf diese Gedanken und Sätze des Paulus greifen andere, Paulus-Schüler, zurück: Und er ist das Haupt des Leibes, nämlich der Gemeinde. Er ist der Anfang, der Erstgeborene von den Toten, damit er in allem der Erste sei. Denn es hat Gott wohlgefallen, dass in ihm alle Fülle wohnen sollte.“(Kolosser 1,18-19) „Der Anfang ist gemacht“ weiterlesen

Der Blick in den Abgrund

1.Korinther 15, 12 – 19

12 Wenn aber Christus gepredigt wird, dass er von den Toten auferweckt ist, wie sagen dann einige unter euch: Es gibt keine Auferstehung der Toten?

Das ist die urchristliche Botschaft: Christus ist von den Toten auferweckt. Darin ist sich Paulus mit allen anderen Boten einig. Das haben auch die Korinther als Grundton des Evangeliums gehört – und angenommen. Aber doch gibt es in Korinth einige, längst nicht alle, die sagen: Auferstehung der Toten – gibt es nicht. Das ist noch nicht die Aussage: Jesus kann doch nicht auferstanden sein.

Leider sagt Paulus nichts über die Hintergründe dieser Parole in Korinth. Nur, dass sie einige, vielleicht sogar Wortführer in der Gemeinde? – so vortragen. Denkbare Hintergründe für diese Haltung: 1. Eine grundsätzliche Bestreitung jeder Möglichkeit eines Weiterleben nach dem Tod. Mit den Tod ist alles endgültig aus. Danach kommt nichts mehr. 2. Der ebenso grundsätzliche Vorbehalt gegen eine leibliche Auferstehung. Was nach dem Tod bleibt, ist die Befreiung der unsterblichen Seele aus dem Gefängnis des Leibes. 3 Eine Auferstehung der Toten ist deshalb überflüssig, weil im Glauben schon die geistliche Auferstehung geschehen ist. „Für sie widersprach der Gedanke an eine zukünftige leibliche Auferstehung dem Glauben an die schon geschehene Erlösung ihres Geistes, des eigentlichen Kerns ihrer Person vor Gott.“ (W. Klaiber, aaO. S.250)

Ehrlicherweise müssen wir uns eingestehen, dass wir nicht klar sagen können, welche dieser Überlegungen in Korinth leitend waren. Vielleicht ist es auch eine Mischung aus allen Motiven gewesen. So wie ja auch heute Menschen nicht nur aus einem Grund Schwierigkeiten mit der Botschaft „Auferstehung der Toten“ haben. Auch in der Kirche und völlig unbeschadet der Tatsache, dass wir Sonntag für Sonntag bekennen: „Ich glaube die Auferstehung der Toten.“ Manche denken: es ist besser, da nicht zu genau nachzufragen. „Der Blick in den Abgrund“ weiterlesen

Weitergegeben zum Weitergeben

1.Korinther 15, 1 – 11

1 Ich erinnere euch aber, Brüder und Schwestern, an das Evangelium, das ich euch verkündigt habe, das ihr auch angenommen habt, in dem ihr auch fest steht, 2 durch das ihr auch selig werdet, wenn ihr’s so festhaltet, wie ich es euch verkündigt habe; es sei denn, dass ihr´s umsonst geglaubt hättet.

Ein neues Thema. Mehr noch: In den Augen des Paulus ist es das Thema, mit der Glaube steht und fällt Es kann wirken, als wäre über den vielen Worten zuvor aus dem Blick geraten, worum es im Kern des Glaubens geht. Paulus geht es immer um das Evangelium. Um seine Wirkung: Es macht selig. Durch das ihr gerettet werdet – so wörtlich σζεσθε. Es lässt fest stehen. Aber: es will auch festgehalten werden.

Es ist eine doppelte Erinnerung – einmal an das, was Paulus verkündigt hat. Zum anderen aber auch daran, dass sie in Korinth diese Verkündigung auch angenommen haben. Daran erinnert Paulus: „Es ist der Grund ihres Glaubens und das Mittel ihrer Rettung, von dem jetzt die Rede sein wird.“(H.D. Wendland, aaO. S.140)Es braucht immer beides: Die klare Verkündigung und Ohren, Verstand und Herzen, die sie annehmen. Menschen, die sich das Evangelium auch wirklich gefallen lassen. Die am Evangelium festhalten, damit sie nicht gewissermaßen ins Blaue hinein glauben.

3 Denn als Erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe:

Was Paulus in Korinth verkündigt, gepredigt, was er weitergegeben hat, ist nicht seine Erfindung. „Es geht Paulus um die Übereinstimmung seiner Missionsverkündigung von der Auferweckung des für unsere Sünden gestorbenen Christus mit der gesamten urchristlichen Verkündigung.“(C.Wolf, aaO. S.150) Also keine paulinische Sonder-Botschaft, sondern er hat vielmehr selbst empfangen. Keiner gibt sich den Glauben selbst. Sondern alle stehen mit ihrem Glauben in einer Kette der Weitergabe – in einer Erzählgemeinschaft. .

Was folgen wird, sind geprägte Worte, Bekenntnisformeln, die älter sind, nicht aus dem Augenblick heraus gefunden und formuliert: Formeln, auf die Paulus zurückgreift. Daraus „ergibt sich, dass die Kirche Christi seit den frühesten Anfängen nie ohne Credo existiert hat.“(H.D. Wendland, ebda.) „Weitergegeben zum Weitergeben“ weiterlesen