Keine Furcht vor Selbstkritik

  1. Korinther 13, 1 – 13

1 Zum dritten Mal komme ich zu euch. »Durch zweier oder dreier Zeugen Mund soll jede Sache bestätigt werden.« (5.Mose 19,15) 2 Ich habe es vorausgesagt und sage es noch einmal voraus – wie bei meinem zweiten Besuch, so auch nun aus der Ferne – denen, die zuvor gesündigt haben, und den andern allen: Wenn ich abermals komme, dann will ich niemanden schonen.

      Wie drohend klingt das in den Ohren der Korinther? Oder überwiegt doch die Freude: Paulus will auf jeden Fall wieder zu uns kommen? Was deutlich ist: Der nächste Besuch wird Klärung bringen müssen. Das Verhältnis der Gemeinde zu Paulus ist auf dem Prüfstand. Und der Umgang die Gemeinde mit internen Problemen wird auch ein Thema sein. Womöglich auch die Abhängigkeit von anderen Aposteln und anderen Einflüssen. Zusätzlich die Ansage: Klartext ist angesagt, kein Schonen mehr – ο φεσομαι. Die sanften Zeiten sind vorbei. Paulus wird, salopp formuliert, Tacheles reden.

 3 Ihr verlangt ja einen Beweis dafür, dass Christus in mir redet, der euch gegenüber nicht schwach ist, sondern ist mächtig unter euch. 4 Denn wenn er auch gekreuzigt worden ist in Schwachheit, so lebt er doch aus Gottes Kraft. Und wenn wir auch schwach sind in ihm, so werden wir uns doch mit ihm leben aus der Kraft Gottes für euch.

Die Linie des angekündigten Besuches und der Gespräche ist aber bestimmt: Christus als der Gekreuzigte wird im Zentrum aller Überlegungen stehen. Seine Kraft, seine Schwachheit. Es ist das Dauerthema des Paulus, das er hier noch einmal den Korinthern vorhält: Ihr sucht Beweise, sucht Stärke und Kraft. Sie ist nur an einer Stelle zu finden – verborgen im Weg Christi – wenn er auch gekreuzigt worden ist in Schwachheit, so lebt er doch in der Kraft Gottes. Eine andere Stärke kennt Paulus nicht. Eine andere Stärke erhofft er sich nicht für sich selbst. Von ihm her muss sich Paulus befragen lassen, auf ihn hin auch die Gemeinde. Christus wirkt in allen – das ist das große Thema der kommenden Begegnungen.

 5 Erforscht euch selbst, ob ihr im Glauben steht; prüft euch selbst! Oder erkennt ihr an euch selbst nicht, dass Jesus Christus in euch ist? Wenn nicht, dann wärt ihr ja nicht bewährt. 6 Ich hoffe aber, ihr werdet erkennen, dass wir nicht unbewährt sind. 7 Wir bitten aber Gott, dass ihr nichts Böses tut; nicht damit wir als bewährt angesehen werden, sondern damit ihr das Gute tut und wir wie die sind, die nicht bewährt sind.

   Alle Ermahnung will nur dies eine erreichen, dass sich die Korinther selbst prüfen, wie es um ihren Glauben steht, dass sie alle Selbstsicherheit dran geben und sich der Frage nach der Wirklichkeit des eigenen Lebens schonungslos aussetzen. Die Prüfung des eigenen Glaubens stellt vor die Frage nach der Wahrheit, führt vor Christus und fragt, wem wir vertrauen. Diese Prüfung geschieht zum Heil und nicht zum Unheil.

Es ist auch nicht so, dass negative Ergebnisse wie bei einer weltlichen Prüfung zur Disqualifikation führen. Sondern sie treiben umso mehr zu Christus hin. Sie zeigen, wo wir in Unwahrheit leben und wollen zur Wahrheit helfen. Sie decken auf, wo unser Vertrauen andere Wege geht und rufen zum wahren Vertrauen. Die Prüfung des eigenen Glaubens bringt uns nie von der Wahrheit weg, sondern immer zu Christus hin, weil sie uns seine Gnade groß macht „Keine Furcht vor Selbstkritik“ weiterlesen

Narretei oder Klartext?

  1. Korinther 12, 11 – 21

  11 Ich bin ein Narr geworden! Dazu habt ihr mich gezwungen. Denn ich sollte von euch empfohlen werden, da ich doch den Überaposteln in nichts nachstand, obwohl ich nichts bin. 12 Denn es sind ja die Zeichen eines Apostels unter euch geschehen in aller Geduld, mit Zeichen und mit Wundern und mit Taten.

      Mit dem Vergleichen ist es fast immer eine missliche Sache. So auch hier. Paulus ist der Gemeinde-Gründer in Korinth, nicht die Leute, die jetzt als „Super-Apostel“ auftreten. Daran erinnert er mit einer merkwürdigen Mischung aus Bescheidenheit – „ich bin nichts“ – und Selbstbewusstsein. Er muss die Konkurrenz der Überapostel nicht fürchten. Die Korinther werden es wissen, was mit dem Hinweis auf Zeichen, Wunder und Taten – σημεα, τρασις, δυνμεσις – gemeint ist. Es sind Worte, die allesamt auf ein Tun aus der Vollmacht Gottes hinweisen. Ein Tun, das einem Apostel entspricht. „Τά σημεα το ποστλου begegnet sonst bei Paulus nirgends, obwohl die Überzeugung, dass Wunder zur Mission gehören und sie fördern, häufig belegt ist.( Mt. 10, 1. 8; Apg 2,43; 5,12)“ (T. Schmeller, aaO. S. 332) Immerhin, ganz so unscheinbar war der Auftritt des Apostels in Korinth also doch nicht.

            Aber das alles ist Narretei und Paulus macht sich zum Narren, φρων, indem er sich auf solche Debatten und Vergleiche überhaupt einlässt. Wenn schon loben und rühmen, dann wäre es an den Korinthern, ihn als den Apostel zu loben, auf den ihre Gemeinde zurückgeht.    

13 Was ist’s, worin ihr zu kurz gekommen seid gegenüber den andern Gemeinden, außer dass ich euch nicht zur Last gefallen bin? Vergebt mir dieses Unrecht! 14 Siehe, ich bin jetzt bereit, zum dritten Mal zu euch zu kommen, und will euch nicht zur Last fallen; denn ich suche nicht das Eure, sondern euch. Denn es sollen nicht die Kinder den Eltern Schätze sammeln, sondern die Eltern den Kindern. 15 Ich aber will gern hingeben und hingegeben werden für eure Seelen. Wenn ich euch mehr liebe, soll ich darum weniger geliebt werden? 16 Sei´s drum: Ich bin euch nicht zur Last gefallen. Aber bin ich etwa heimtückisch und habe euch mit Hinterlist gefangen? 17 Habe ich euch etwa übervorteilt durch einen von denen, die ich zu euch gesandt habe?

       Die tiefe Verunsicherung bei Paulus ist mit Händen zu greifen. Er schlägt sich mit vermuteten Vorwürfen herum, fragt nach vermeintlichen Verdächtigungen und Verdächten. Er sucht nach Gründen für das Verhalten der Korinther ihm gegenüber – und sucht auf beiden Seiten. Er fragt nach dem eigenen Verhalten und möglichen eigenen Fehlern. Er sucht und fragt, ob er mit seinem Verhalten das Verhalten der Korinther ausgelöst hat.

            Es ist gut zu sehen, dass die ganze Situation Paulus unter die Haut geht und ihn nicht gleichgültig sein lässt. Er wird davon in Frage gestellt und stellt sich auch selbst fragen. Hat er vielleicht doch die Korinther gekränkt mit seinem Konzept absoluter Unabhängigkeit? War seine Zurückweisung von Unterstützung für die, die sie angeboten hatten, eine tiefer gehende Kränkung, weil sie darin Misstrauen gespürt haben? Hätte es den Korinthern geholfen, wenn er, der ihn das Geschenk Gottes in Christus predigt, sich selbst auch etwas von ihnen schenken lässt? Hat Paulus es also an Augenhöhe fehlen lassen? „Narretei oder Klartext?“ weiterlesen

Von Höhenflügen und Abstürzen

  1. Korinther 12, 1 – 10

1 Gerühmt muss werden; wenn es auch nichts nützt, so will ich doch kommen auf die Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn.

Noch einmal:  Gerühmt muss werden; wenn es auch nichts nützt. Καυχσθαι δεῖ. Paulus hat es nicht mit dem Rühmen, mit der Prahlerei – so empfindet er es wohl, wenn einer seine eigene Bedeutung herausstricht oder seine Taten. Es bringt doch niemand wirklich weiter, wenn man sich die Himmelserfahrungen gegenseitig erzählt und sich gegenseitig übertrumpft.  Aber wenn er denn so gezwungen wird durch das Reden der anderen, dann will er doch, widerstrebend darauf kommen – auf die Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn.

 2 Ich kenne einen Menschen in Christus; vor vierzehn Jahren – ist er im Leib gewesen? Ich weiß es nicht; oder ist er außer dem Leib gewesen? Ich weiß es auch nicht; Gott weiß es -, da wurde derselbe entrückt bis in den dritten Himmel. 3 Und ich kenne denselben Menschen – ob er im Leib oder außer dem Leib gewesen ist, weiß ich nicht; Gott weiß es -, 4 der wurde entrückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann. 5 Für denselben will ich mich rühmen; für mich selbst aber will ich mich nicht rühmen, außer meiner Schwachheit. 6 Denn wenn ich mich rühmen wollte, wäre ich kein Narr, denn ich würde die Wahrheit sagen. Ich enthalte mich aber dessen, damit nicht jemand mich höher achte, als er an mir sieht oder von mir hört.

   Paulus redet von sich und distanziert sich doch zugleich auch, indem er uneigentlich von sich redet. Als würde er eine fremde Erfahrung von einem anderen Menschen erzählen. „Paulus zeigt darin nicht nur bescheidene Zurückhaltung, sondern darüber hinaus eine klare Distanzierung von dem erzählten Vorgang.“(T. Schmeller, aaO. S. 284) Nicht, weil er ihn leugnen würde. Wohl aber, weil er einer Verzweckung widerstehen möchte, die mit solchen Erfahrungen argumentiert und die eigen Person ins rechte Licht zu rücken bemüht ist. Es „sind ekstatische Erlebnisse, die nur für ihn persönlich von Bedeutung sind.“ (H.D. Wendland, aaO. S.244) Sie haben nichts in der Gemeinde zu suchen, sie eignen sich nicht als Argumente für den Glauben.

Das gibt es wirklich: Erfahrungen, die abheben lassen. Das gibt es wirklich, nicht alltäglich, aber ab und zu, im Abstand von 14 Jahren oder mehr – den Augenblick, wo der Himmel offen steht. Das gibt es damals und das gibt es heute. Das gibt es wirklich, dass sich auf einmal eine Tiefe, eine Herrlichkeit zeigt, für die die Worte fehlen, die aber gleichwohl tief in die eigene Seele fällt. Es gibt die kostbaren Momente – im Gottesdienst, im Konzert, vor einem Bild, im Gespräch, auf einem Berg, bei einer Fahrt mit dem Auto, an einem Krankenbett, in denen die Ewigkeit in das eigene kleine Leben hinein aufleuchtet, so dass alles klar und gut ist. „Von Höhenflügen und Abstürzen“ weiterlesen

 Eine absurde Erfolgsliste.

  1. Korinther 11, 16 – 33

16 Ich sage abermals: Niemand halte mich für töricht; wenn aber doch, so nehmt mich an als einen Toren, damit auch ich mich ein wenig rühme. 17 Was ich jetzt rede, das rede ich nicht dem Herrn gemäß, sondern wie in Torheit, weil wir so ins Rühmen gekommen sind. 18 Da viele sich rühmen nach dem Fleisch, will ich mich auch rühmen.

            Was jetzt kommen wird, ist uneigentliche Rede. Aufgezwungen, weil die Korinther nicht anders zu beeindrucken und beeinflussen sind. Es ist ein Reden, in dem so häufig „ich“ gesagt werden wird, wie es Paulus überhaupt nicht gefällt. „Er ist kein Tor; aber wenn die Korinther ihn doch dafür halten, dann sollen sie auch seine Narrenrede ertragen.“ (H.D. Wendland, aaO. S.239) Sein Reden in Torheit, im Unverstand – so wieder φροσνη. Dabei weiß Paulus doch, wenn es um Verkündigung geht: Nicht er ist das Thema seiner Verkündigung, sondern Christus. Es läuft etwas schief, wenn mehr vom Verkündiger und seiner Person gesprochen wird als von Christus und seiner Tat für uns.

            Es ist ein verständliche Reaktion: Weil andere sich groß machen – καυχάομαι „sich rühmen, prahlen“ (Gemoll, aaO. s. 429) wird Paulus dagegen halten, mit gleicher Münze zurückzahlen. Er wird sich rühmen. Man darf gespannt sein in Korinth, was da als Ruhmesliste kommen wird

19 Denn ihr ertragt gerne die Narren, ihr, die ihr klug seid! 20 Ihr ertragt es, wenn euch jemand knechtet, wenn euch jemand ausnützt, wenn euch jemand gefangen nimmt, wenn sich jemand über euch erhebt, wenn euch jemand ins Angesicht schlägt. 21 Zu meiner Schande muss ich sagen: Dazu waren wir zu schwach!

        Die Gemeinde in Korinth liebt den großen Auftritt. Sie liebt die Prediger, deren Predigen sie klein macht, knechtet, erniedrigt, ausnützt. Sie liebt die wortgewaltigen, imponierenden Prediger. Sie liebt Prediger, die von unglaublichen Erfahrungen zu erzählen wissen: Von Himmelsreisen von Entrückungen und Verzückungen. Sie liebt Prediger, die von Dingen reden, die sie als Gemeinde noch nie gehört haben. Sie liebt die Prediger, die sie fordern, ihnen Vorwürfe machen, die sie unter Leistungsdruck setzen. Wenn es nur wortgewaltig ist, muss es nicht mehr verständlich und realitätsnah sein.  φρονέω – „unvernünftig sein.“(Gmoll, aaO. S. 147) Es ist ein bisschen absurd: sie in Korinth, die so vernünftig sein wollen unterwerfen sich Predigern, die für Paulus durch uns durch unvernünftig sind. Narren eben.

            Es ist ein harter Vorwurf an die Korinther: Dass sie sich gerne denen unterwerfen, die sie beanspruchen, die sie die fordern, die ihnen Lasten auferlegen. Aber – es ist eine Erfahrung, weit über Paulus hinaus: Wer von seiner Gemeinde viel fordert, wer sie zum Tun anstachelt, ihre hohe Aufgaben stellt, große Anstrengungen verlangt, der wird häufig gut ankommen. Er kommt  dem entgegen, dass wir eher Täter sein möchten als Opfer, eher aktiv als passiv, eher selbst unseres Glückes Schmied als angewiesen auf das Geschenk. Das Evangelium der Gnade ist auch deshalb für manchen schwierig, weil es nicht Tatkraft verlangt, sondern Hingabe und die Bereitschaft zu empfangen – mit leeren Händen. Das ist bis heute eine schwierige Botschaft. „ Eine absurde Erfolgsliste.“ weiterlesen

Darf man so draufhauen?

2.Korinther 11, 1 – 15

1 Ach wolltet ihr doch ein wenig Torheit von mir ertragen! Gewiss, ihr ertragt mich

  Paulus hat in seinen Verteidigungen und seinen Angriffen wohl das Gefühl, dass er sich zum Narren macht. Dass er Dinge sagt und schreibt, die er für völlig unangemessen hält. Die deutsche Übersetzung Torheit für φροσνη führt in eine falsche Richtung. „Diese „Narrheit“ (φροσνη) ist etwas anderes als die Torheit (μωρία) von 1. Korinther 1 – 3.“ (T. Schmeller, aaO. S.199) Es ist ein närrisches Verhalten, das ihm aufgezwungen ist – weil die anderen sich so aufspielen. Weil sie in Korinth so darauf aus sind und anerkennen, wenn sich Leute inszenieren, darum werden sie es auch dem Paulus nachsehen. Vielleicht sogar positiv anerkennen: Er verkauft sich endlich einmal gut.  

 In einer Zeit, in der man sich in Bewerbungsgesprächen „gut verkaufen muss“, in der alles daran zu hängen scheint, dass „man etwas aus sich macht“, etwas hermachen und darstellen kann, ist das, was Paulus Narrheit nennt, Allgemeingut geworden. Ein Muss. Es ist, so gesehen, ein närrische Zeit, nicht nur zu Zeiten der Karnevals-Kampagnen, sondern immer.

2 Denn ich eifere um euch mit göttlichem Eifer; denn ich habe euch verlobt mit einem einzigen Mann, damit ich Christus eine reine Jungfrau zuführte. 3 Ich fürchte aber, dass wie die Schlange Eva verführte mit ihrer List, so auch eure Gedanken abgewendet werden von der Lauterkeit und Reinheit vor Christus.

       Es geht nicht um Paulus, obwohl es doch dauernd auch um Paulus geht. Aber für Paulus ist klar: Es geht um die Gemeinde, um ihren Weg in der Nachfolge Jesu, im Glauben an ihn. Das ist die Mitte, auf die die Gemeinde verpflichtet ist, gegründet, von der allein sie leben kann: Sie gehört zu Jesus Christus. In ihm hat sie ihr Leben, aus ihm ihre Kraft. Aber das ist kein Besitz, ein für alle Mal. Das wird immer wieder angefragt und angefochten durch fremde Botschaften, die sich gut anfühlen. Aber sie sind gleisernisch, verführerisch und in Wahrheit Verführungen.

            Es ist ein harter Vorwurf, den Paulus hier erhebt durch seine Rückzug auf die Verführung Evas durch die Schlange. Es ist nur gut, dass er dabei irgendwie im Vagen bleibt, nicht Personen direkt verantwortlich macht.  Aber auch so bleibt der harte Vorwurf: Die fremden Lehrer treiben das Geschäft des Verführers. „Darf man so draufhauen?“ weiterlesen

Es ist ganz schön schwierig

  1. Korinther 10, 12 – 18

12 Denn wir wagen nicht, uns unter die zu rechnen oder mit denen zu vergleichen, die sich selbst empfehlen; aber weil sie sich nur an sich selbst messen und mit sich selbst vergleichen, verstehen sie nichts.

              Eigenlob stinkt. So habe ich es gelernt, so bin ich gelehrt worden. Es ist nur zu wahr: Mancher findet sich selbst großartig, weil er sich immer nur nach unten vergleicht. Mancher hat überhaupt keinen Blick auf andere, sondern sieht nur immer sich selbst. In meinen Augen ist es ein Teil der Krankheit unserer Zeit: Die einen leben nur aus dem Vergleichen. Sie verlieren sich selbst dabei aus den Augen – ob in Verzagen oder im Hochmut ist dabei gleich gültig. Andere allerdings sehen überhaupt nicht, dass sie nicht der Mittelpunkt der Welt und die Krone der Schöpfung sind, sondern ganz normaler Durchschnitt. Beides macht blind für die Wirklichkeit.  Darum: ο συνισιν. Sie verstehen nichts. Sie sind unverständig, sie sind „nicht bei Verstand.“(T. Schmeller, aaO. S. 172)

13 Wir aber wollen uns nicht über alles Maß hinaus rühmen, sondern nur nach dem Maß, das uns Gott zugemessen hat, nämlich dass wir auch bis zu euch gelangen sollten. 14 Denn es ist nicht so, dass wir uns zu viel anmaßen, als wären wir nicht bis zu euch gelangt; denn wir sind ja mit dem Evangelium Christi auch bis zu euch gekommen 15 und rühmen uns nicht über alles Maß hinaus mit dem, was andere gearbeitet haben.

            Paulus muss sich nicht vergleichen. Er muss nicht die eigene Größe dadurch vergrößern, dass er andere klein macht. Er hat sein Aufgabenfeld durchschritten. Es ist ein selbstbewusster und zugleich demütiger Satz: Gott hat uns sein Maß zugemessen. Wenn Gott uns nichts zugetraut hätte, nicht beauftragt hätte, nicht geschickt hätte – wir hätten nichts tun können. Weil Gott uns den Raum eröffnet hat – so ist das Wort κανών, Kanon hier zu deuten, ist Paulus mit seinen Leuten nach Korinth gekommen, weil er diesen sendenden Gott traut.

Umgekehrt gilt aber auch: Gott hat Zutrauen zu uns gehabt. Gott hat uns geschickt in der Erwartung, dass wir uns gebrauchen lassen. Gott hat uns sein Evangelium gegeben, damit wir es weitertragen. So sagt Paulus – ein bisschen stolz auch? : Wir sind bis zu euch gekommen. Wir haben es euch gesagt und es hat Frucht gebracht. Seht euch selbst an, euren Glauben, eure Hoffnung, eure Liebe. Das ist das, woran Paulus sich freut. Das Wort ist nicht leer geblieben. Sein Wort, mit dem er Christus verkündigt hat. Das ist auch das, was er vorweisen kann: eine Gemeinde in Korinth, die auf seine Arbeit zurückverweist. „Es ist ganz schön schwierig“ weiterlesen

Gib mir die richtigen Worte

  1. Korinther 10, 1 – 11

1 Ich selbst aber, Paulus, ermahne euch bei der Sanftmut und Güte Christi, der ich in eurer Gegenwart unterwürfig sein soll, aber kühn gegen euch, wenn ich fern bin. 2 Ich bitte aber, dass ich, wenn ich bei euch bin, nicht kühn sein muss in der Festigkeit, mit der ich gegen einige vorzugehen gedenke, die unsern Wandel für fleischlich halten.

             Es fällt wohl auch unbefangenen Lesenden auf, wie der Ton wechselt. In den ersten neun Kapiteln ist Paulus über die Maßen freundlich. Er wirbt um Versöhnung und wirbt um die gemeinsame Kollekte. Jetzt wird der Ton rauer, härter. Es wirkt, als wechselte Paulus vom Zuckerbrot zur Peitsche.

             Man hat über lange Zeit hinweg diesen Wechsel der Tonlage damit zu erklären versucht, dass die Kapitel 10 – 13 ein neuer Brief seien. Vielleicht der Tränenbrief. Vielleicht mit einigem Abstand und in einer neuen Situation nach neuen, schwierigen Nachrichten aus Korinth geschrieben. Aber es gibt auch eine andere Erklärung, die mir einleuchtet: Paulus will Versöhnung nicht dadurch erreichen, dass er die immer noch vorhandenen Probleme unter den Teppich kehrt. Sie totschweigt. Sondern er benennt sie. „Paulus nimmt den Streit an. Wenn es darauf ankommt, muss in der Kirche gestritten werden.“ (W. Schenk, aaO. S.142) Weil er weiß: Versöhnung durch Ausklammern der Differenzen und Schwierigkeiten im Miteinander wird nicht tragfähig sein. Um der gemeinsamen Zukunft willen, auf die er hofft, die er in einem erneuten Besuch in Korinth befestigen will, will er klären, was zu klären ist.

              Paulus setzt sich mit Vorwürfen auseinander und entzieht sich ihnen nicht. Er nimmt sie auf, aber er beugt sich nicht unter sie. Sein Maß in der Auseinandersetzung gewinnt er an Christus – seiner Güte und seiner Sanftmut. Man kann nicht einfach so auf den Tisch hauen in der Nachfolge dessen, der von sich selbst sagt: „Ich bin sanftmütig und von Herzen demütig.“ (Matthäus 11,29) und der über seine Leute sagt: „Selig sind die Frieden stiften“ (Matthäus 5,9). Es wäre gegen die innerste Überzeugung des Paulus, wenn er Macht und Lautstärke als Argument einsetzen müsste. „Gib mir die richtigen Worte“ weiterlesen

Samen genug

  1. Korinther 9, 10 – 15         

    10 Der aber Samen gibt dem Säemann und Brot zur Speise, der wird auch euch Samen geben und ihn mehren und wachsen lassen die Früchte eurer Gerechtigkeit. 11 So werdet ihr reich sein in allen Dingen, zu geben in aller Lauterkeit, die durch uns wirkt Danksagung an Gott.

             Gott gibt – und er gibt gern.  Auch euch. Es geht Paulus ja um eine Ermutigung der Korinther. So ist wohl zu verstehen, „dass Gott den Korinthern reichlich Mittel zum Spenden zur Verfügung stellen und statt des zu erwartenden Mangels für fülle sorgen wird.“ (T. Schmeller, aaO. S.97) Sie teilen also in ihrem Geben nur den Reichtum Gottes aus, nichts sonst.  Was Gott aber gibt, ist ein Geben auf Hoffnung hin. Nicht die fertigen Früchte sind seine Gaben, sondern der Samen. σπρον, sporon – Samen, damit noch Raum bleibt für die eigene Mühe. Und es ist wohl so: „Mit dem Samen kann nur die Kollekte gemeint sein.“(T. Schmeller, aaO. S. 96) Gott gib den Korinthern, damit sie etwas zu geben haben.

Ein Mann betritt einen Laden. Hinter der Theke steht ein Engel. Hastig fragte er ihn: » Was verkaufen Sie hier?« Der Engel antwortete freundlich: »Alles, was Sie wollen.« Der Mann begann aufzuzählen: »Dann hätte ich gern das Ende aller Kriege in der Welt, bessere Bedingungen für die Randgruppen der Gesellschaft, Beseitigung der Elendsviertel in Lateinamerika, Arbeit für die Arbeitslosen, mehr Gemeinschaft und Liebe in der Kirche, eine bessere Welt für alle, mehr Frieden, freundlichere Mitmenschen, eine gerechtere Verteilung der Güter dieser Welt, folgsamere Kinder, mehr Verständnis für Jugendliche bei den Erwachsenen, mehr Menschlichkeit und .. und …« Da fällt ihm der Engel ins Wort: »Entschuldigen Sie, Sie haben mich falsch verstanden. Wir verkaufen keine reifen Früchte, wir verkaufen nur den Samen.«“

             Es ist eine Form von Beteiligung, die hier in den Blick rückt. Wer das fertige Werk gibt, macht die anderen zum „bloßen“ Empfänger. Wer den Samen gibt, macht den anderen zum Teilhaber an der eigenen Mühe, an der eigenen Hoffnung.  Auch das ist auffällig: Das Geben wird Dankbarkeit auslösen – Dankbarkeit, die allerdings nicht den Korinthern gilt, sondern Gott. Ein Denken, das nah an Worten Jesu ist: „So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.“(Matthäus 5,16) „Samen genug“ weiterlesen

Gott aber kann machen

  1. Korinther 9, 1 – 9

1 Von dem Dienst, der für die Heiligen geschieht, brauche ich euch nicht zu schreiben. 2 Denn ich weiß von eurem guten Willen, den ich an euch rühme bei denen aus Mazedonien und sage: Achaja ist schon voriges Jahr bereit gewesen! Und euer Beispiel hat die meisten angespornt.

             Noch einmal: Die Gemeinde in Korinth weiß schon Bescheid. Es ist kein neues Projekt, das jetzt mühsam vorgestellt werden muss. Darum ist Schreiben in dieser Sache im Grunde überflüssig – so wörtlich περισσν. Im Gegenteil: Paulus kann anknüpfen an den guten Vorerfahrungen mit der Zustimmung der Korinther. Sie haben schon vor einem Jahr entsprechend ihr Wollen festgelegt. Sie haben dadurch andere zum Mitmachen animiert – und werden jetzt selbst zur Treue gegen ihre ersten Schritte aufgerufen.

            Wenn er aber nun doch schreibt, so ist das darin begründet, „dass die Sammlung in Korinth unter all den Spannungen und Nöten ins Stocken geraten oder überhaupt noch nicht ernsthaft in Angriff genommen“ (W. de Boor, aaO. S.189) ist. Es droht also peinlich zu werden und der Brief hat – wie nebenbei die Aufgabe, eine Blamage zu verhindern, weil die Gemeinde noch nicht so weit ist, Geld übergeben zu können. Es ist eine berechtigte Sorge, dass er den Makedoniern gegenüber den Mund zu voll genommen haben könnte: Achaja ist schon voriges Jahr bereit gewesen. Darum, dem Vorsatz müssen jetzt Taten folgen.

  3 Ich habe aber die Brüder gesandt, damit nicht unser Rühmen über euch zunichte werde in diesem Stück und damit ihr vorbereitet seid, wie ich von euch gesagt habe, 4 dass nicht, wenn die aus Mazedonien mit mir kommen und euch nicht vorbereitet finden, wir – um nicht zu sagen: ihr – zuschanden werden mit dieser unsrer Zuversicht. 5 So habe ich es nun für nötig angesehen, die Brüder zu ermahnen, dass sie voran zögen zu euch, um eure angekündigte Segensgabe vorher bereit zu stellen, sodass sie bereitliegt als eine Gabe des Segens und nicht des Geizes.

      Darum schickt Paulus seine Gefährten voraus. Sie sollen in der Gemeinde für die Kollekte werben, an sie erinnern. Sie sollen dazu helfen, dass keine Peinlichkeiten entstehen – nicht für sie selbst und nicht für Paulus, der mit ihrem Engagement Werbung für die Kollekte gemacht hat. Dem also dient diese Sendung der Brüder um Titus: „Die Realität muss in Übereinstimmung gebracht werden mit dem Bild, das Paulus zur Zeit der Abfassung des Briefes in Makedonien von den Korinthern zeichnet.“ (T. Schmeller, aaO. S. 83) Was wäre das für eine Katastrophe – die Makedonier kommen und erfahren: Da ist in Sachen Kollekte noch nichts passiert. „Gott aber kann machen“ weiterlesen

Vorausschau hilft. Transparenz auch

  1. Korinther 8, 10 – 24

10 Und damit gebe ich einen Rat; denn das ist euch nützlich, die ihr seit vorigem Jahr angefangen habt nicht allein mit dem Tun, sondern auch mit dem Wollen. 11 Nun aber vollendet auch das Tun, damit, wie ihr geneigt seid zu wollen, ihr auch geneigt seid zu vollenden nach dem Maß dessen, was ihr habt.

             Schon vor einem Jahr haben sie in Korinth angefangen, sich auf die Kollekte vorzubereiten. Paulus hatte das durch einen klugen Ratschlag unterstützt: „An jedem ersten Tag der Woche lege ein jeder von euch bei sich etwas zurück und sammle an, so viel ihm möglich ist, damit die Sammlung nicht erst dann geschieht, wenn ich komme.“ (1. Korinther 16,2) So sind seine Worte eine Erinnerung – sowohl an den Start der Sammlung als auch an den Grundsatzbeschluss. An das Tun und auch das Wollen.

Der lebenserfahrene Apostel weiß es zur Genüge, nicht zuletzt auch aus dem Blick auf sich selbst: „Wollen und Tun fallen nicht immer zusammen, sondern können einander auch widersprechen.“(T. Schmeller, aaO. S. 61) Darum gilt es jetzt zu tun, zu vollbringen, nach dem Maß dessen, was ihr habt. Paulus setzt keine Unter- und keine Obergrenze. Sondern er vertraut, dass jeder sich selbst einschätzen kann. Sein Maß kennt, sein Vermögen.

12 Denn wenn der gute Wille da ist, so ist jeder willkommen nach dem, was einer hat, nicht nach dem, was er nicht hat. 13 Nicht, dass die andern Ruhe haben und ihr Not leidet, sondern dass es zu einem Ausgleich komme.

             Das Ziel ist nicht, sich selbst arm zu machen. Sich selbst durch falsche Großzügigkeit in Not zu stürzen. Das ist ja der Verdacht, der dem „urchristlichen Kommunismus“ der Jerusalemer Gemeinde nachhängt – sie haben sich selbst durch allzu unvernünftige Freigiebigkeit in die Verarmung geführt. Es ist ein hochwillkommener Verdacht für alle, die den Kapitalismus bis heute für die überlegene Wirtschaftsform halten. Dazu sagt Paulus klugerweise – und glücklicherweise? – nichts.

Aber das Ziel der Sammlung benennt er. Nicht durch einen Betrag, sondern durch die Zielsetzung: dass es zu einem Ausgleich komme. ἰσότης – „Gleichheit, Rechtsgleichheit, Gleichmäßigkeit, Billigkeit.“(Gemoll, aaO. S.392)  Es ist ein durchaus steiles Argument, das hier anklingt: „Weil alle Glaubenden die gleiche Stellung haben und von Gott mit derselben Gnade beschenkt sind, soll es unter ihnen auch im materiellen Bereich Gleichheit geben.“ (T. Schmeller, aaO. S.64) Nicht erzwungen, nicht kommandiert, sondern freiwillig hergestellt. „Vorausschau hilft. Transparenz auch“ weiterlesen