Geh unter der Gnade

 2. Thessalonicher 3, 1 – 18

 1 Weiter, ihr Brüder und Schwestern, betet für uns, dass das Wort des Herrn laufe und gepriesen werde wie bei euch 2 und dass wir gerettet werden vor falschen und bösen Menschen; denn der Glaube ist nicht jedermanns Ding.

                Weil das so ist, sind die Apostel auf die Fürbitte angewiesen. Sie können viel laufen, rastlos unterwegs sein. Sie können predigen ohne Unterlass. Aber dass das Wort des Herrn laufe und gepriesen werde, das können sie durch all das nicht bewirken. Das muss Gott schenken. Es ist der Einspruch gegen ein jederzeit verfügbares Evangelium, gegen ein jederzeit verfügbares Heil, der hier in der Bitte um die Fürbitte laut wird.

Nein, wir haben das Evangelium nicht so, dass wir es Sonntag für Sonntag um 10.00 freigiebig austeilen könnten. Wir haben das Wort, das Glauben weckt nicht so, dass wir es von der Kanzel herunter verteilen könnten, dass es abrufbar wäre wie der Kontoauszug und verfügbar wie unsere Geldreserven. Es ist unverfügbar.

Und es gilt auch für die Verkündigung des Wortes – in Wort und Tat(!):

 „Mit Sorge und mit Grämen und mit selbsteigner Pein                  lässt Gott sich gar nichts nehmen- es muss erbeten sein.“                                                                   P. Gerhardt 1653    EG 361     

             Das andere ist die Erinnerung, die Volkskirchen allzu gerne ignorieren: Der Glaube ist nicht jedermanns Ding. Wir sind durch fünfzehn Jahrhunderte christliches Abendland verwöhnt. Vielleicht aber haben wir auch nur nicht so genau hingeschaut. Da schien es ja anders. Man war Christ wie man fünf Finger an jeder Hand und fünf Zehen an jedem Fuß hatte. Und so wie es eine paar „Missgeburten“ mit nur vier Fingern und vier Zehen gab, so gab es wohl auch ein paar „Missgeburten“, die nicht glauben wollten – oder vielleicht doch auch nicht glauben konnten?

Jedenfalls: Diese Zeiten sind vorbei. Heute zeigt sich der Unglaube selbstbewusst und lässt sich nicht mehr kirchlich vereinnahmen. Deshalb ist es auch gut, alle solche Versuche einzustellen. Es gibt Menschen, die wollen nicht glauben, an nichts als an sich selbst und ihre naturwissenschaftlichen oder sonstigen Einsichten. Es gibt auch Menschen, die scheitern am Glauben.

Wir erschrecken heutzutage, wenn wir von  falschen und bösen Menschen hören. nicht, weil wir leugnen würden, dass es sie gibt. Nachrichten und Krimis bezeugen das tagtäglich. Aber dass dies zusammengefügt und scheinbar begründet wird mit dem Nachsatz: denn der Glaube ist nicht jedermanns Ding. Das macht zu schaffen. Wir wissen doch: Christen sind nicht durch den Glauben wie von selbst die besseren Menschen. Es gibt auch unter Christen Ganoven, Schwindler, Bösewichte, Menschenschinder und Menschenschänder. Wer wollte das ernsthaft bestreiten.

             Was aber ist dann gemeint? Wie sollen wir verstehen? Diese Gleichsetzung ist den Kirchen heute versperrt. Mit guten Grund, weil sie bei uns im Land immer noch Mehrheit sind und mit so einem Satz Macht ausüben würden. Behaupten, dass die draußen, außerhalb der Kirchen falsch und böse sind. Dieser Satz hat sein Recht nur im Mund einer ohnmächtigen „Minderheit, die sich bedroht fühlt, ihre Identität durch klare Abgrenzung nach außen sichern möchte.“ (H. Roose, aaO. S. 176) Selbst da ist das pauschale Urteil problematisch. Es kommt auf den Einzelfall an – es gibt böse und falsche Menschen. Aber sie  werden nicht durch die Glaubensgrenze definiert. Nicht problematisch, sondern nur von wohltuender Nüchternheit dagegen ist die Feststellung:   der Glaube ist nicht jedermanns Ding. .

Das alles zu bedenken wird wie von selbst zu einer Aufforderung an die Christen zur Dankbarkeit. Wir haben uns doch den Glauben nicht selbst gegeben. Wir haben ihn uns nicht selbst gelehrt. Und alles, was wir gelernt haben, war noch nicht Glauben, sondern nur seine Außenseite. Dass ich glauben kann, darf, im Glauben unterwegs bin, ist Geschenk. Nichts als Gnade. Ich bin mir mit meinem Glauben ein Rätsel, ein Geheimnis, etwas zum Staunen. Und jeden Tag lebe ich davon, dass Jesus  über mir wie über Simon Petrus sagt: „Ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre.“(Lukas 22,32)

 3 Aber der Herr ist treu; der wird euch stärken und bewahren vor dem Bösen.

Mit diesem Wort bin ich vor über 40 Jahren in einen unruhigen Reisedienst ausgesandt worden. Für einen etwas ängstlichen jungen Mann mit einer Menge Selbstzweifeln war es gut zu hören: Er ist treu. Es hängt nicht an Dir und deiner Klugheit, Gläubigkeit, Tapferkeit, Treue. Es hängt an ihm. Er bewahrt. Er stärkt. Das muss dir reichen Und er steht zu seinen Worten.

  4 Wir haben aber das Vertrauen zu euch in dem Herrn, dass ihr tut und tun werdet, was wir gebieten.5 Der Herr aber richte eure Herzen aus auf die Liebe Gottes und auf das Warten auf  Christus.

             Nach dem Vertrauen auf den Herrn kommt das Vertrauen auf die Christen zur Sprache. Das eine hält das andere. Das eine zeigt sich im anderen. Wer Gott vertraut, kann Menschen gegenüber nicht sein Misstrauen kultivieren. Allen Erfahrungen zum Trotz. Und wird zu einem Menschen, der sich in Geduld übt. ες τν πομονν το Χριστο. Mir ist die neue Übersetzung Warten auf Christus  ein wenig zu blass. Im Griechischen ist das mehr als nur Warten wie man auf die Post wartet oder auf das Gehalt. Es geht um ein Durchhalten, das sich auch von widrigen Umständen nicht erschöpfen lässt. Ein Durchhalten, das widerstandsfähig macht gegen die, die sagen: „Gib doch auf. Wird doch nichts mehr. Er kommt ja doch nicht. Du hast aufs falsche Pferd gesetzt.“ Der Briefschreiber ermahnt und ermutigt zur Standhaftigkeit. „Subjekt der Standhaftigkeit sind die Adressatinnen und Adressaten, ihr Objekt ist der Herr Christus.“ (H. Roose, aaO. S. 179) Wer den Brief ganz liest, weiß: an dieser Stelle scheibt er mit Herzblut.

Es ist nicht unsere Sprache: Ihr werdet tun, was wir gebieten. Für das Befehlen und Gebieten ist im Bereich unseres seelsorgerlichen Umgangs nicht allzu viel Raum. Und doch ist es wahr: Manchmal muss man jemand sagen: Das machst du jetzt. Das lässt Du jetzt. Ich bin froh, dass meine Ratschläge nicht immer nur unverbindlich so klingen: Ich sag mal, ich denk mal. Manchmal ist es dran zu sagen: Tue dies. Lass das.

Es bleibt ja dann immer noch, dass Gott in solchem Raten und Befehlen seine Liebe sichtbar werden lässt, dass er sie nützt, um Herzen zu stärken und zu gewinnen. Alle unsere Worte, all unser Tun kann nur das Eine zum Ziel haben: Uns selbst und anderen dazu zu helfen, dass wir Herzen und Sinne auf die Liebe Gottes ausrichten, uns ausstrecken nach ihm.

Weil ja wahr ist, was Augustinus gesagt hat: „Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir.“

6 Wir gebieten euch aber im Namen unseres Herrn Jesus Christus, dass ihr euch zurückzieht von allen Brüder und Schwestern, die unordentlich leben und nicht nach der Überlieferung, die ihr von uns empfangen habt.

                  Es ist eine scharfe Trenn-Linie, die hier gezogen wird: Zieht euch zurück von denen, die unordentlich leben. Geht auf Abstand. Macht euch nicht mit ihnen gemein. Der Rückzug ist eine Form der Kritik. Er sagt: Wir leben anders. Ist das schon die Ausrufung des Ghettos? Die Sammlung einer „moralischen Elite“, die von der Selbstgefälligkeit bedroht ist?

Es ist wichtig zu sehen: Das ist hier keine Maßnahme einer Kirchenbehörde, die viel Macht hat. Es geht um eine Minderheiten-Gruppe und in ihr um das Durchhalten gemeinsamer ethischer Regeln, die sich aus der Überlieferung – παρδοσις  – ableiten. Diese Überlieferung ist vorrangig kein dogmatisches Lehrgebäude, sondern die Erzählung vom Weg Jesu, wie wir sie in den Evangelien finden. Das ist die Orientierungshilfe der Christen. Weil – und das ist das eigentlich Aufregende: In der Art, wie eine, einer lebt, zeigt sich, wie er, sie glaubt. Unser Handeln, unser Verhalten erzählt von unserem Glauben. Die Folgerung daraus: Unordentliches Leben sagt eben etwas über „unordentlichen Glauben“! Kann man das in unsere Zeit hinein übertragen?

Kirchenzucht hat bei uns keine gute Presse. Unsere Gesellschaft hast sich darauf verständigt, dass keiner dem anderen moralische Vorschriften zu machen hat. Das halten wir für einen großen Fortschritt, der mit der Entmachtung der Kirchen in der Aufklärung verbunden ist. Seitdem ist die Ethik frei.

Ich halte es auch für einen Fortschritt, dass die Kirche nicht mehr über Machtinstrumente verfügt, durch die sie Leben reglementieren kann. Pfarrer als „schwarze Polizisten“ sind mir eine Horror-Vorstellung. Aber: das kann nicht bedeuten, dass ethisch alles gleich gilt, alles gleichgültig ist. Unordnung muss auch heute noch Unordnung genannt werden können. Veruntreuung ist Veruntreuung. Ehebruch bleibt Ehebruch, selbst wenn er massenhaft praktiziert wird. Lüge bleibt Lüge. „Geh unter der Gnade“ weiterlesen

Bis es Ruhe findet in Dir

  1. Thessalonicher 2, 13 – 3, 5

13 Wir aber müssen Gott allezeit für euch danken, vom Herrn geliebte Brüder und Schwestern, dass Gott euch als Erstlinge erwählt hat zur Seligkeit in der Heiligung durch den Geist und im Glauben an die Wahrheit, 14 wozu er euch auch berufen hat durch unser Evangelium, damit ihr die Herrlichkeit unseres Herrn Jesus Christus erlangt.

             Gott sei Dank, möchte ich fast sagen. Jetzt geht es wieder um die Gemeinde. Der Blick löst sich von dem Bösen und der Brief sieht auf die Christinnen und Christen. Damit wird der Schreiber auch befreit von  seinen Ängsten, befreit zum Dankenεχαριστεν  – die Eucharistie, Danksagung hat hier ihren Platz. Er sieht auf die Menschen in der Gemeinde als auf die, die zur Seligkeit erwählt sind, wörtlich: zur Rettung erwählt. „Die Rettung nimmt den endgeschichtlichen Ausgang in Blick, die Erwählung seinen Anfang.“(H. Roose, Der erste und zweite Thessalonicherbrief, Neukirchen 2016, S. 169) Das ganze Leben der Christen – aufgehoben im Heils-Willen Gottes. In der  Heiligung durch den Geist und im Glauben an die Wahrheit suchen die Christen dieser Erwählung auch zu entsprechen. Die Lebensführung der Christen hat, so gesehen, ein Fundament, das sie nicht selbst gelegt haben.

Es gibt zwei Übersetzungsmöglichkeiten für das Wort παρχν  Als Erste, als Erstlinge – so deutet Luther. Oder von Anfang an. Beides wirft Fragen auf: sind sie die Erstlinge in Mazedonien, sozusagen der Anfang einer lokalen Erweckung? Der Leser der Apostelgeschichte weiß es anders. Die ersten Christen in Mazedonien sind in Philippi gewonnen worden. Dann gibt es die andere Möglichkeit: Am Anfang führt ganz weit zurück – bis zum Anfang der Welt. „Dann wäre gemeint, dass Gottes erwählendes Handeln mit seinem Schöpfungshandeln in Zusammenhang steht.“(H. Roose, ebda.) Das fügt sich gut zusammen mit dem beharrlichen Hinweisen auf die Treue Gottes. Er ist sich in seinem Erwählen, Berufen, Erretten treu. Von Anfang an.  „Bis es Ruhe findet in Dir“ weiterlesen

Frei von Angst

  1. Thessalonicher 2, 1 – 12

1 Was aber das Kommen unseres Herrn Jesus Christus angeht und unsere Versammlung bei ihm, so bitten wir euch,  2 dass ihr nicht so schnell wankend werdet in euren Sinn und dass ihr euch  nicht erschrecken lasst – weder durch eine Weissagung noch durch ein Wort oder einen Brief, die von uns sein sollen und behaupten, der Tag des Herrn sei schon da.

             Schade, dass in der Übersetzung ausgefallen ist, was im Griechischen steht:  δελφο, Schwestern und Brüder. Das lässt ein bisschen verschwinden, dass der Briefschreiber „Luft geholt“ hat, einen neuen Anfang setzt. Seine Argumentation neu einsetzen lässt.

Es scheint Leute, wichtige Leute gegeben zu haben, die Unruhe in die Gemeinde gebracht haben. Darum wird jetzt dieser neuer Anlauf genommen, um zu klären. Es ist ein bisschen mühsam zu lernen. Aber es gibt viele Fragen im Leben – und auch im Glauben, die sind nicht mit einem Mal ein für alle Mal geklärt. Sie melden sich wieder, beunruhigen wieder. Sie erfordern nicht unbedingt neue Antworten. Aber sie verlangen neue Aufmerksamkeit.

Wie ungehört scheint mir dieser Rat, nicht so schnell wankend werden, sich  nicht erschrecken lassen. Angst ist allgegenwärtig. Die Welt ist ein gefährlicher, unsicherer Ort – fast jede Tageschau liefert diese Botschaft. Damit gilt es fertig zu werden. Das ist unser Alltag.

Hier aber ist noch einmal in einer anderen Weise zu lesen. Bis auf den Tag heute lassen sich Leute erschrecken, in Furcht versetzen mit der Botschaft: Der Tag des Herrn ist da. Er steht vor der Tür. Es will scheinen, als würde der Schreiber zurückgreifen auf frühere Botschaft. Wir haben es doch klar gelegt, was es mit dem Kommen des Herrn auf sich hat. Der erste Brief nach Thessalonich ist ein seelsorgerliches Schreiben, das die Angst nehmen will. Niemand wird den Tag versäumen. Niemand muss Angst um die haben, die schon gestorben sind. Auch sie werden nicht ausgeschlossen sein von der Freude über den wiederkommenden Herrn. „Frei von Angst“ weiterlesen

Er muss ans Ziel bringen

  1. Thessalonicher 1, 1 – 12

1 Paulus und Silvanus und Timotheus an die Gemeinde in Thessalonich in Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus: 2 Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!

             Fast wortgleich wie der erste Brief beginnt der zweite Brief nach Thessalonich.  Das könnte darauf hinweisen: Es sind die gleiche Verfasser und dieser Brief folgt den ersten Brief gewissermaßen auf dem Fuß. Muss es aber nicht.  Es kann auch sein, dass sich ein Späterer die Namen der drei „leiht“. Das ändert nichts an seiner Bedeutung für uns. „Dieses Schreiben ist ein Teil des biblischen Kanons. Diesen Kanon betrachtet das Christentum auf Grund einer theologischen Entscheidung als seine heilige Schrift – und zwar in Gänze.“ (H. Roose, Der erste und zweite Thessalonicherbrief, Neukirchen 2016, S. 123) Darauf allein kommt es an und das sichert seine Autorität.

Die Unterschiede zur Grußformel zum 1. Brief sind gering: Statt „in Gott, dem Vater“(1. Thessalonicher 1,1) heißt es in Gott, unserm Vater. Das kann ein Signal sein. Die Vater-Bezeichnung für Gott hat an Akzeptanz gewonnen. Darum wird sie vielleicht auch bei dem Gnaden-Wunsch gleich noch einmal aufgegriffen.

Mich beschäftigt mehr: Das ist unser Kanzelgruß. Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus! Mit diesen Worten grüße ich ganz oft die Gemeinde zum Beginn der Predigt. Dieser Gruß stellt mich gewissermaßen neben die Schreiber dieses Briefes. Und sagt damit: Ich stehe in dieser Kette. Ich will wie sie das Wort weitergeben. Ich, der ich wie der Schreiber dieses Briefes ja auch ein Späterer bin, viel später als die Apostel.

 3 Wir müssen Gott allezeit für euch danken, Brüder und Schwestern, wie sich’s gebührt. Denn euer Glaube wächst sehr und eure gegenseitige Liebe nimmt zu bei euch allen.

             Das klingt ein bisschen gestelzt. Wir müssen Gott für euch danken, wie sich’s gebührt. Was ist das für ein „Müssen“? frage ich. „Wir sind genötigt“ könnte man φελομεν auch übersetzen. „Das „müssen“ bringt zum Ausdruck, dass Danksagung Gott gegenüber nicht ins Belieben gestellt, nicht Angelegenheit besonders Frommer ist, sondern die angemessene und verpflichtende Antwort auf das Geschenk Gottes.“(W. Trilling, Der Zweite Brief an die Thessalonicher EKK XIV; Neukirchen 1980, S. 44) Danken ist ein Schritt über die eigene Befindlichkeit hinaus. Was die Schreiber sehen als Wachsen des Glaubens in der Gemeinde in Thessalonich führt sie, „zwingt“ sie regelrecht zur Dankbarkeit. „Er muss ans Ziel bringen“ weiterlesen

Viele kleine Schritte – ein Weg

  1. Thessalonicher 5, 12 – 28

 12 Wir bitten euch aber, Brüder und Schwestern: Achtet, die sich unter euch mühen und euch vorstehen im Herrn und euch ermahnen; 13 ehrt sie in Liebe umso höher um ihres Werkes willen.

            Es geht um die „Lehrer“, um die, die in der Gemeinde leitend Verantwortung tragen. In unserer Sicht sind es die, die Macht haben und ausüben. Die deshalb auch kontrolliert werden müssen. Die sich Fragen gefallen lassen müssen, nach ihren Motiven, nach ihren Zielen, nach ihren Fähigkeiten. Wie anders klingt das alles in diesem Brief:  Erkennt sie an… Habt sie umso lieber um ihres Werkes willen.

Das schreiben die drei Missionare ja nicht nur, weil sie selbst solche Lehrer sind, selbst aus ihrer Perspektive auf die Gemeinde schauen. Ich glaube, sie schreiben so, weil es ohne dieses vertrauende Anerkennen kein wirkliches Leiten gibt, weil es ohne das sich gefallen lassen, dass wir geleitet, ermahnt, ermutigt werden, das alles gar nicht gibt. Da wird dann aus Leiten unwillig erlebte Herrschaft.

Es ist wichtig, sich nicht von heutigen Bildern leiten zu lassen. Hier sind noch keine Ämter, schon gar nicht hauptamtliche, berufliche Tätigkeiten im Spiel. „Die Art der Beschreibung lässt nicht auf etablierte Ämter in der Gemeinde schließen: Es finden sich keine Amtsbeschreibungen, sondern Beschreibungen von Funktionen, die bestimmte Leute aus der Gemeinde in Verantwortung für die gesamte Gemeinde übernehmen.“ (H. Roose, Der erste und zweite Thessalonicherbrief, Neukirchen, 2016, S. 97) 

Und: Es ist ja ein Werk, das Gott den Leitenden aufgetragen hat. Sie machen das nicht, weil sie sich darum beworben haben – vielleicht ist das der große Unterschied zu heutiger Vergabepraxis kirchenleitender Aufgaben -, sondern weil sie  dafür begabt und deshalb (!) auch damit beauftragt sind. „So sind wir viele „ein“ Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied, und haben verschiedene Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist. Ist jemand prophetische Rede gegeben, so übe er sie dem Glauben gemäß. Ist jemand ein Amt gegeben, so diene er. Ist jemand Lehre gegeben, so lehre er. Ist jemand Ermahnung gegeben, so ermahne er. Gibt jemand, so gebe er mit lauterem Sinn. Steht jemand der Gemeinde vor, so sei er sorgfältig. Übt jemand Barmherzigkeit, so tue er’s gern.“ (Römer 12, 5-8) Das ist das Bild, das Paulus in seinen Gedanken leitet, das er von den leitenden Aufgaben in der Gemeinde hat. „Die Anerkennung solchen Tuns ist der erste Schritt zur Entstehung von Ämtern: aus der moralischen Autorität der Vorbilder konnte die institutionelle Autorität von Amtsträgern werden.“ (K. Haacker, Aus der Freiheit leben – Galater, Thessalonicher und Philemon, Bibelauslegung für die Praxis 23, Stuttgart 1982, S. 138) „Viele kleine Schritte – ein Weg“ weiterlesen

Ermutigt euch

  1. Thessalonicher 5, 1 – 11

1 Von den Zeiten und Stunden aber, Brüder und Schwestern, ist es nicht nötig, euch zu schreiben; 2 denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht.

             Merkwürdig: es ist nicht nötig – und doch schreiben sie. Ihr wisst es selbst genau – und doch schreiben sie. Das klingt noch so sehr nach: Es ist noch nicht alles gesagt. Sondern mehr danach, dass trotz des Wissens, trotz früher gelehrter Sätze dennoch Verunsicherungen in der Gemeinde vorhanden sind. Weil es einfach so ist, dass sich auf dem Weg, mit der Zeit Fragen ergeben, neu stellen und neue Antwort zu suchen sind. Vielleicht auch nur frühere Antworten noch einmal zu durchdenken und sie dann neu zu geben.

Es geht weiter mit der Frage: Wann wird es so weit sein? Wann kommt der Herr? Wann kommt sein Tag? Es ist ein Jesus-Wort, das offensichtlich in der jungen Christenheit treu weitergegeben wird, das die Verfasser hier zitieren: „Darum wachet; denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt. Das sollt ihr aber wissen: Wenn ein Hausvater wüsste, zu welcher Stunde in der Nacht der Dieb kommt, so würde er ja wachen und nicht in sein Haus einbrechen lassen. Darum seid auch ihr bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, da ihr’s nicht meint.“ (Matthäus 24, 42-44) Der Tag des Herrn  ist ein Thema, um das sich viele Gedanken ranken. Aber es ist ganz auf der Linie Jesu, dass die Gemeinde sich keinen Fahrplan baut, dass sie aber in der Erwartung lebt. Wachsam. Bereit.  „Ermutigt euch“ weiterlesen

Nicht im Ungewissen

  1. Thessalonicher 4, 13 – 18

 13 Wir wollen euch aber, Brüder und Schwestern, nicht im Ungewissen lassen über die, die entschlafen sind, damit ihr nicht traurig seid wie die andern, die keine Hoffnung haben.

             Es ist ein bedrängendes Thema: Was ist mit denen, die gestorben sind? Verpassen sie die Wiederkunft Christi? Sind sie womöglich nicht beteiligt an der Freude über sein Kommen? „Wahrscheinlich reagieren die Verfasser mit ihren Ausführungen auf eine konkrete Anfrage aus der  Gemeinde. (H. Roose, Der erste und zweite Thessalonicherbrief, Neukirchen, 2016, S. 75) Diese Anfragen sind auch deshalb nicht nebensächlich, sondern dringlich, weil die Erwartung groß ist: die Ankunft des Herrn wird nicht mehr lange auf sich warten lassen. „Man erwartete die Wiederkunft Jesu auch in so naher Zukunft, dass der Gedanken an Todesfälle von Christen vor diesem Ende der Weltgeschichte zunächst fernlag.“ (K. Haacker, Aus der Freiheit leben – Galater, Thessalonicher und Philemon, Bibelauslegung für die Praxis 23, Stuttgart 1982, S. 128) Naherwartung also, die sich folgerichtig damit herumschlagen muss, dass manche in der Zwischenzeit gestorben sind. Vorzeitig.

Das sind Fragen, die uns heute fremd vorkommen mögen, die aber so fremd auch uns nicht sind. Wie oft fragen Menschen auch heute: Wo sind denn die, die uns genommen worden sind? Werden wir sie wiedersehen? Werden wir sie wieder erkennen?

Would you know my name /If I saw you in heaven?
Would it be the same / If I saw you in heaven?

I must be strong /And carry on
‚Cause I know I don’t belong / Here in heaven

Would you hold my hand / If I saw you in heaven?
Would you help me stand / If I saw you in heaven?

I’ll find my way / Through night and day
‚Cause I know I just can’t stay /Here in heaven

Time can bring you down / Time can bend your knees
Time can break your heart /Have you begging please
Begging please

Beyond the door / There’s peace, I’m sure
And I know there’ll be no more / Tears in heaven

Would you know my name / If I saw you in heaven?
Would it be the same / If I saw you in heaven?

I must be strong /And carry on
‚Cause I know I don’t belong / Here in heaven

‚Cause I know I don’t belong /Here in heaven         E. Clapton, Tears in Heaven 

Es sind unsere Fragen, die sich so schon zwischen den Zeilen des Briefes nach Thessalonich finden. Es ist Seelsorge, die auf diese Fragen eingeht, und nicht ein Spekulieren über das, was wir nicht wissen können. „Nicht im Ungewissen“ weiterlesen

Keine Schablonen

  1. Thessalonicher 4, 1 – 12

1 Weiter, Brüder und Schwestern, bitten und ermahnen wir euch in dem Herrn Jesus – da ihr von uns empfangen habt, wie ihr leben sollt, um Gott zu gefallen, was ihr ja auch tut -, dass ihr darin immer vollkommener werdet.

             Keine Befehle. Behutsames Werben. Bitten und ermahnen – wobei ermahnen im Griechischen einmal mehr nach ermutigen klingen wird – παρακαλεν. Erinnern an das, was sie gelernt haben, was sie gesehen haben. Vielleicht ist es ja wirklich so, dass das, was man an einem anderen als Lebenspraxis sieht, viel mehr überzeugt als Vorträge oder Anweisungen. „Lehrt sie halten alles, was ich euch befohlen haben“(Matthäus 28.19) sagt der auferstandene Christus. Und „befohlen“ meint da: Gezeigt, vorgelebt, aufgetragen. Es ist ja seine Lebenspraxis, die er gelehrt hat.

In diese Spur sollen, so der Wunsch des Paulus, die Thessalonicher immer mehr hinein finden.  Eine Lebenspraxis, durch die sie Gott gefallen. Das klingt nach Pluspunkten, die man sammelt. „Das ist nur ein anderer Ausdruck dafür, dass die Lebensweise ein Ausdruck der Liebe zu Gott sein soll.“ (K. Haacker, Aus der Freiheit leben – Galater, Thessalonicher und Philemon, Bibelauslegung für die Praxis 23, Stuttgart 1982, S. 116) Es ist eine personale Begründung der Ethik – so wie schon in Israel, wo es zur Begründung für Gebote heißen kann: Darum sollt ihr meine Satzungen halten und meine Rechte. Denn der Mensch, der sie tut, wird durch sie leben; ich bin der HERR.“(3. Mose 18,5)

Bitten und ermahnen in dem Herrn Jesus. Das ist ein bisschen fremd für unsere Ohren. Aber damit wird die gemeinsame Basis benannt, die hinter diesem Bitten und Ermutigen steht. Mehr noch: „Wenn Paulus bittet und ermahnt, so bringt er nicht seine persönliche Meinung über gewisse ethische Fragen zum Ausdruck. Er ermahnt aus der Gemeinschaft mit dem Herrn Jesus, so dass nicht Paulus, sondern Christus selbst durch den Apostel der Redende ist.“(G. Friedrich., Der Erste Brief an die Thessalonicher, NTD 8; 1976, S. 236) Christus ist die Autorität, die hinter den Worten des Paulus und seiner Brüder steht. Damit ist deutlich: Es geht nicht um ein belangloses „So sehe ich das“, sondern um verbindliche und beanspruchende Worte. „Keine Schablonen“ weiterlesen

Die Liebe treibt an

  1. Thessalonicher 3, 1 – 13

 1 Darum haben wir’s nicht länger ertragen und beschlossen, in Athen allein zurückzubleiben, 2 und sandten Timotheus, unsern Bruder und Gottes Mitarbeiter am Evangelium Christi, euch zu stärken und zu ermahnen in eurem Glauben, 3 damit nicht jemand wankend würde in diesen Bedrängnissen.

                Darum. Wie oft schließen die Gedanken bei Paulus und anderen so an vorhergehende Sätze an. Und oft ist solch ein Darum, mit dem ein neues Kapitel anfängt, der Hinweis, dass die Kapiteleinteilungen nur Werk späterer Bibelausgaben sind, aber nicht vom Autor selbst gewollt. Weil sie in Thessalonich die Ehre und Freude der drei, Paulus, Silas und Timotheus sind, wollen sie unbedingt den Kontakt halten. Wissen, wie es um sie steht, um ihren Glauben.

Es ist eine ungewöhnlich emotionale Ausdrucksweise: Wir haben es nicht länger ertragen. Es setzt Paulus zu, dass er im Ungewissen ist. „Das Leben der anderen ist für die echte Liebe so wirklich ein Stück des eigenen Lebens geworden, dass das sorgende Bangen um die anderen unerträglich werden kann.“(W. de Boor, Die Briefe des Paulus an die Thessalonicher, Wuppertal 1977, S. 57) So sehr, dass Paulus es auf sich nimmt, mit Silas allein zurück zu bleiben in Athen. Ob das in unseren heutigen Kirchen auch noch so ist, dass es diesen Drang gibt, zu wissen, wie es der Gemeinde im Ort weit entfernt geht?

Es ist nicht nur die Sorge um die Thessalonicher, die sie nicht ruhen lässt, die dazu führt, dass sie Timotheus schicken. „Timotheus jedenfalls stellte zunächst den persönlichen Kontakt zur Gemeinde nach dem Gründungsaufenthalt wieder her.“ (H. Roose, Der erste und zweite Thessalonicherbrief, Neukirchen, 2016, S. 52) Beziehung lebt von Angesicht zu Angesicht. Es ist auch die Sehnsucht nach der Freude, die sich an den anderen freuen will. Paulus ist offenkundig weit davon entfernt, nur problemorientiert denken zu können. Er hofft auf gute Nachrichten und damit die wirklich kommen können, wird er aktiv. Timotheus soll stärken und ermahnen, παρακαλεν ermutigen im Glauben. Alles, damit keiner aufgibt, keiner weggeht, keiner klein beigibt in diesen Bedrängnissen.  

             Wie nahe sind diese Sätze beieinander: „Darum stärkt die müden Hände und die wankenden Knie 13 und macht sichere Schritte mit euren Füßen, damit nicht jemand strauchle wie ein Lahmer, sondern vielmehr gesund werde.“(Hebräer 12,12) Auch da der Verzicht darauf, die Bedrängnisse, das, was zum Straucheln bringen könnte, konkret zu benennen. Vielleicht ist das ja das Geheimnis dieser Worte: Weil sie im Schwebenden bleiben, was die ganz konkrete Gefährdung angeht, sind sie wie ein Mantel, den sich viele anziehen können, in dem viele sich aufgehoben fühlen können, weil sie sagen: Bedrängnis – das kenne ich auch.   „Die Liebe treibt an“ weiterlesen

Erschreckend scharf

  1. Thessalonicher 2, 13 – 20

13 Und darum danken wir auch Gott ohne Unterlass dafür, dass ihr das Wort der göttlichen Predigt, das ihr von uns empfangen habt, nicht als Menschenwort aufgenommen habt, sondern als das, was es in Wahrheit ist, als Gottes Wort, das in euch wirkt, die ihr glaubt.

             Atemberaubend! Wieder ein Dank. Es ist, als kämen die drei Briefschreiber nicht aus dem Danken heraus. Ohne Unterlass. Ununterbrochen. Sie schreiben nach Thessalonich, an die Gemeinde und sie danken Gott, einmal mehr. „Grund des Dankes ist die Annahme ihrer Verkündigung als Gotteswort durch die Gemeinde.“(H. Roose, Der erste und zweite Thessalonicherbrief, Neukirchen, 2016, S. 36) Es ist nicht selbstverständlich, dass sie Gehör gefunden haben, dass ihre Verkündigung Echo gefunden hat. Noch weniger selbstverständlich, dass sie Glauben geweckt hat.

 Die Worte der Apostel sind den Thessalonichern zu Gottes Wort geworden. Sie haben in der menschlichen Rede die Anrede Gottes gehört. Und Paulus sagt: Ihr habt damit  in Wahrheit recht gehört. Es sind nicht unsere Worte, über die wir verfügen. Es ist nicht die Wirkung menschlicher Überredungskunst, der die Thessalonicher erlegen sind. Später wird Paulus so schreiben: „Auch ich, liebe Brüder, als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten und hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu verkündigen. Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten. Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern; und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft, damit euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft.“ (1. Korinther 2, 1 – 5) Gott hat aus Menschenworten sein Wort werden lassen.

Wenn ich es richtig sehe, geht es Paulus nicht so sehr um eine komplizierte Verhältnisbestimmung vom Gotteswort im Menschenwort. Ihm geht es darum seine Leser zu vergewissern: Ihr seid auf dem richtigen Weg. Gott selbst hat an euch gehandelt, durch unsere Worte.

Das ist ja auch für diesen Brief nach Saloniki anwendbar. Er ist ein Gelegenheits-Schreiben und trägt alle Zeichen eines solchen Schreibens. Er ist Reaktion auf Nachrichten, Antwort auf Fragen, setzt sich mit Problemen auseinander,  die nur für den Augenblick Bedeutung haben. Er ist kein abgehobenes oder abgeklärtes Programm-Schreiben, das eine große Vision vermittelt. Und doch ist er Wort, durch das Gott sich zu Worten melden kann und gemeldet hat. Immer wieder. Weil der Brief geholfen hat, den eigenen Weg mit Gott zu klären.

Alles, was Paulus schreibt, sagt er nicht hochmütig, sondern demütig. Es ist ja nicht sein Wort. Er hat es auch empfangen und er gibt nur weiter, was er empfangen hat: „Ich erinnere euch aber, liebe Brüder, an das Evangelium, das ich euch verkündigt habe, das ihr auch angenommen habt, in dem ihr auch fest steht, durch das ihr auch selig werdet, wenn ihr’s festhaltet in der Gestalt, in der ich es euch verkündigt habe; es sei denn, dass ihr umsonst gläubig geworden wärt. Denn als Erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe…“(1. Korinther 15, 1-3) Das Evangelium zu sagen ist eine Sache der Treue gegen das empfangene Wort. An dieses Wort, die Schrift Alten und Neuen Testamentes sind die Boten gebunden, bis heute. „Erschreckend scharf“ weiterlesen