Nachahmer Gottes!

Epheser 5, 1 – 14

1 So ahmt nun Gott nach als geliebte Kinder 2 und wandelt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat und hat sich selbst für uns gegeben als Gabe und Opfer, Gott zu einem lieblichen Geruch.

Es ist ein langer Weg durch den Brief bis dahin, dass es um ethische Konsequenzen des Glaubens geht. Auch jetzt wird es noch nicht so „praktisch“, wie wir uns das gerne vorstellen – mit Problembeschreibung und Lösungswegen. Ahmt nun Gott nach. μιμητα  Seid Nachahmer, Mimen. Wie macht man das? Wie kann Gott Rollenvorbild für uns sein? Die Warnung ist deutlich: „Es wäre ein lächerliches Unternehmen wie eine zu große Rolle bei einem schlechten Mimen.“ (G. Zweynert, Wie Gott Frieden schafft, Berlin 1970, S. 66) Das ist doch eine hoffnungslose Überforderung. Aber dieser Hinweis ist nicht einmalig im Neuen Testament. „Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“(Matthäus 5,48) Offensichtlich hat die erste Gemeinde nicht so viel Angst wie wir zu sagen: Mache es doch einfach wie Gott, werde Mensch.

            Gott als Vorbild, Christus in seiner Liebe als Vorbild, als Beispiel für das eigene Leben. Wir sollen nicht in allem Christus nachmachen. Nicht besitzlos werden, nicht ehelos und kinderlos leben. Uns ja auch nicht ans Kreuz nageln lassen, zum Martyrium drängen. Es geht nicht um äußerlich perfektes Nachahmen. Auch nicht um Sein wie er. Es ist ja wahr: „er ist von oben – wir sind von unten.“ (Johannes 3, 31) Aber es geht um Hingabe, die sich von ihm inspirieren lässt. Es geht darum, sich an seiner Liebe zu orientieren, die sich nach unten beugt und nicht hoch hinaus will. „Die Nachahmung Gottes besteht darin, sich als sein Kind  – in Christus -. aufzuführen.“ (H. Conzelmann, Der Brief an die Epheser NTD 8, Göttingen 1976, S. 115)  „Nachahmer Gottes!“ weiterlesen

Schritt für Schritt

Epheser 4, 25 – 32

 25 Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind. 26 Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen 27 und gebt nicht Raum dem Teufel.

            Mit den Versen zuvor ist die Grundlage gelegt. Es geht um ein verwandeltes Leben in der Spur Christi.  Das wird mit der umfassenden Formel Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn eingeführt. Jetzt folgen auf die allgemeine Formel Ausführungsbestimmungen, „eine lockere Aufreihung einzelner Sentenzen zur Lebensweisheit, von Aufforderungen und Begründungen… Im Grunde handelt es sich um moralische Selbstverständlichkeiten.“ (H. Conzelmann, Der Brief an die Epheser NTD 8, Göttingen 1976) Dem Schreiber aber geht es nicht um Originalität, sondern um alltägliche Konsequenz, um eine Einweisung in das normale Leben. Weil er überzeugt ist und überzeugen will:. Glaube wird immer konkret im Tun.

Die erste Konkretion ist die Abkehr von der Lüge und die Hinkehr zur Wahrheit. Die Logik der Lüge beruht darauf, dass sie Vorteile zu verschaffen verspricht. Der Schreiber dagegen mahnt zur Wahrheit, weil er die Gemeinschaft als die Basis des Lebens im Blick hat. Wer lügt, wer die Wahrheit verdreht, schädigt das Miteinander. Weil die Christen zusammen gehören, braucht es die Wahrheit. Sie verhindert, dass sich der Eine vom Anderen trennt. . Sie verhindert, dass das Schweigen, das Verschweigen in der Gemeinde überhandnimmt. Man darf es einander zumuten, die Wahrheit auszuhalten. „Schritt für Schritt“ weiterlesen

Arbeiten an der Veränderung

Epheser 4, 17 – 24

17 So sage ich nun und bezeuge in dem Herrn, dass ihr nicht mehr leben dürft, wie die Heiden leben in der Nichtigkeit ihres Sinnes. 18 Ihr Verstand ist verfinstert, und sie sind entfremdet dem Leben, das aus Gott ist, durch die Unwissenheit, die in ihnen ist, und durch die Verstockung ihres Herzens. 19 Sie sind abgestumpft und haben sich der Ausschweifung ergeben, um allerlei unreine Dinge zu treiben in Habgier.

Das ist kein freundliches Bild von den Heiden. Schon das Wort hat heute den Klang von Diskriminieren, abwerten, nicht für voll nehmen. Da war die Welt der Antike nicht zimperlich. Sie kennt Heiden – jeweils aus der Perspektive derer, die einen bestimmten Glauben haben, gehören die anderen nicht dazu, sind eben Heiden. Manchmal nennt man sie auch schlicht „Barbaren“ – weil sich ihre Sprache so fremd anhört. Rau. Guttural. Hart. Unverständlich. Eben barbarisch.

Ein bisschen spielt aber auch die Übersetzung hier mit. Τά έθνη sind schlicht: die Völker. Oder anders übersetzt: „Menschen, die Gott nicht kennen“ (NGÜ; Gute Nachricht Bibel; Hoffnung für alle) Aber gleichwie, ob Heiden oder Menschen, die Gott nicht kennen – es ist das Urteil aus der Sicht dessen, der beansprucht, Gott zu kennen, auf der richtigen Seite zu sein. Da hören wir heute sehr rasch Arroganz und Überheblichkeit.

Das verstärkt sich noch durch die Urteile, die der Schreiber über die Heiden fällt.  Ihr Verstand ist verfinstert. Sie sind abgestumpft. Sie haben sich der Ausschweifung ergeben: Sie treiben unreine Dinge in Habgier. Kurz: mit dem Prädikat Heiden verbindet sich  Menschlichkeit zweiter Klasse, sie sind minderwertig in ihrem Verhalten, moralisch defizitär. Es klingt ungefähr so, wie heute manche Politiker manchmal vom Prekariat reden. Da kann man eigentlich nur noch sagen: Das wollen wir nicht!

Es ist ein erschreckendes Bild vom Leben, das hier gezeichnet wird. Und das Urteil ist hart: So ein Leben läuft ins Leere. Genau das meint: sie leben in der Nichtigkeit ihres Sinnes. Es ist das harte Urteil, das der Schreiber aber keineswegs exklusiv für sich hat, das auch nicht nur das Verständnis der jungen Christenheit widerspiegelt. „Der Mensch, dem die Gotteserkenntnis fehlt, verfällt in seinen eigenen Gedanken der Torheit, geht fehl in seinem Sinn-Suchen, verirrt sich an selbstgemachte Idole.“(R. Schnackenburg, Der Brief an die Epheser, EKK X, Neukirchen 1982; S. 200)    „Arbeiten an der Veränderung“ weiterlesen

Reich begabte Gemeinde

Epheser 4, 7 – 16

 7 Einem jeden aber von uns ist die Gnade gegeben nach dem Maß der Gabe Christi.

            Was für ein starker Satz. So sieht `Paulus‘ die Gemeinde. So sieht er einen jeden. Hinter dem alle und hinter dem eins, einer, eine verschwindet der Einzelne, die Einzelne eben nicht. Die Gnade Gottes ist nicht allgemein, nur am großen Ganzen orientiert und interessiert, sondern einem jeden zugewandt. Individuell. Maßgeschneidert. Jeder ist ein Sonderfall für die Gnade Gottes.

Das besonders gefällt mir. Es gibt die Gnade nicht im Einheitsmaß. Es gibt sie – oder genauer: Er, Gott, gibt sie so, wie es jede und jeder in seiner Existenz nötig hat, wie sie not-wendig ist. Für den einen mag Gnade der Freispruch von alter Schuld sein, die ihn quält. Für eine andere ist die Gnade vielleicht der so ganz andere Satz: Du darfst Dich trauen und du darfst Deinem Herzen trauen. Und für wieder einen dritten mag es Gnade sein, dass er loslassen kann, freigeben und sich nicht immer neu verfangen in einem Pflichtgefühl, das ihn nicht zur Ruhe kommen lässt. Immer aber leuchtet in der Gnade das Gesicht Christi auf, der sich uns zuwendet. Und immer ist sie Geschenk, Gabe.

Er kennt das Maß, das wir brauchen. Und sein Geben macht uns nicht zu willenlosen Fürsorge-Empfängern. „Was willst du, dass ich für dich tun soll?“(Markus 10,51) Selbst wenn er wüsste, im Voraus wüsste, was für uns gut ist – und oft genug wird ja in den Evangelien von seinem Vorherwissen erzählt – er fragt zuerst. Er lässt uns die Freiheit, die sich beschenken lassen kann. Er hat diesen letzten Respekt, der die Gnade nicht überstülpt, sondern sie gibt, da, wo sie erwünscht wird, dem, der sie sich gefallen lassen kann. So macht er sie annehmbar.

Wie so oft ist auch hier `Paulus` in der Spur des Paulus unterwegs. „Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, dass niemand mehr von sich halte, als sich’s gebührt zu halten, sondern dass er maßvoll von sich halte, ein jeder, wie Gott das Maß des Glaubens ausgeteilt hat.“ (Römer 12,3) Das Maß des Glaubens und das Maß der Gabe der Gnade sind nicht zweierlei Maß – sie legen sich gegenseitig aus. Es ist eine große Befreiung, die in unseren Gemeinden noch neu zu lernen ist.  Wir müssen nicht alle auf einer Linie und in einer Reihe stehen – weder im Zuschnitt des Glaubens noch im Zuschnitt der Gnade. „In der Einheit der Kirche verschwindet der Einzelne nicht.“ (G. Zweynert, Wie Gott Frieden schafft, Berlin 1970, S. 51)Christus schlägt nicht alle über einen Leisten. Er misst individuell zu.   „Reich begabte Gemeinde“ weiterlesen

Anbetung

Epheser 3, 14 – 21

 14 Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater, 15 von dem jedes Geschlecht im Himmel und auf Erden seinen Namen hat,16 dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, gestärkt zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen, 17 dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne.

Ein Gebet. Ein Hymnus in diesem Brief, der regelrecht von Gebet zu Gebet zu wandern scheint. „Ein solches Gebet ist nicht zu analysieren wie ein philosophischer Text. Es ist nur meditativ nachzuvollziehen. Das schließt nicht das Bemühen um Verstehen aus. (G. Zweynert, Wie Gott Frieden schafft, Berlin 1970, S. 38) Diese Leseanweisung ist mir wichtig, fordert sie doch zum Nach-Denken, Nach-Sprechen und dann auch zum eigenen Sprechen und Nach-Beten auf.

Der Schreiber nimmt den Lobgesang vorweg, den alle einmal am Ende der Zeiten  anstimmen werden. “Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.“(Philipper 2, 9-11) Er ist in schwieriger Zeit, innerlich, schon am Ziel der Welt.

Es ist der Schritt, der sich löst von der Welt und doch darin die Welt ganz ernst nimmt, sie Gott zurückgibt. „In der Anbetung blicken wir ausschließlich auf Gott, lassen alles andere zurück und preisen ihn in reiner Bewunderung dafür, dass er der allein Heilige, der allein Mächtige, der allein Herrliche ist. Alles versinkt, es geht nur noch um seine Ehre.“(G. Lohfink. Am Ende das Nichts, Freiburg 2017, S. 290) Ganz ähnlich hat es wohl Jochen Klepper empfunden:

„Nun sich das Herz von allem löste,                                         was es an Glück und Gut umschließt,                                      komm, Tröster, Heilger Geist, und tröste,                               der du aus Gottes Herzen fließt.

 Nun sich das Herz in alles findet,                                              was ihm an Schwerem auferlegt,                                              komm, Heiland, der uns mild verbindet,                                die Wunden heilt, uns trägt und pflegt.

 Nun sich das Herz zu dir erhoben                                             und nur von dir gehalten weiß,                                                  bleib bei uns, Vater. Und zum Loben                                        wird unser Klagen. Dir sei Preis!“                                                           J. Klepper, 1941, EG 532 „Anbetung“ weiterlesen

Die Mitte der Zeit

Epheser 3, 1 – 13

1 Deshalb sage ich, Paulus, der Gefangene Christi Jesu für euch Heiden – 2 ihr habt ja gehört von dem Auftrag der Gnade Gottes, die mir für euch gegeben wurde:

Einen Augenblick lang sieht es so aus, als würde `Paulus` sein Thema aus den Augen verlieren. Er spricht jetzt auf einmal von sich selbst. Von seiner Gefangenschaft. War zuvor noch der freie Zugang für alle, Heiden und Juden, zu Gott sein Thema, so ist es jetzt seine Gefangenschaft. Die deutet er so: Er ist gefangen für euch Heiden. Um euretwillen – so lese ich das. Oder: an eurer Stelle.  Wie auch immer – daran liegt ihm: Sein Leben ist für die anderen da. Sein Auftrag, der ihm übertragen ist für sie, der sie zu ihnen gebracht hat, der hat ihn auch ins Gefängnis gebracht.

    Οικονομία, hier mit Auftrag übersetzt, kann auch Plan heißen, Ordnung. Es ist Gottes „Ökonomie“, sein Plan, so lese ich, der Paulus zu den Heiden hinführt, der sie in die Gnade Gottes hinein ziehen soll. Auch um den Preis der Gefangenschaft. Das sind Erinnerungen an Gefangenschafts-Zeiten des Paulus, wie sie sich auch in der Apostelgeschichte und den „echten“ Paulusbriefen ergeben.

 3 Durch Offenbarung ist mir das Geheimnis kundgemacht worden, wie ich zuvor aufs Kürzeste geschrieben habe. 4 Daran könnt ihr, wenn ihr’s lest, meine Einsicht in das Geheimnis Christi erkennen. 5 Dies war in früheren Zeiten den Menschenkindern nicht kundgemacht, wie es jetzt offenbart ist seinen heiligen Aposteln und Propheten durch den Geist; 6 nämlich dass die Heiden Miterben sind und mit zu seinem Leib gehören und Mitgenossen der Verheißung in Christus Jesus sind durch das Evangelium, 7 dessen Diener ich geworden bin durch die Gabe der Gnade Gottes, die mir nach seiner mächtigen Kraft gegeben ist.   

            Die Leitworte dieser Sätze sind Geheimnis und kundmachen, offenbaren. Μυστήριον und αποκάλυψις. Mysterium und Apokalypsis. In der Darstellung ist „ein festes Schema zu erkennen, dessen erste Spuren schon bei Paulus zu finden sind. Einst, von Ewigkeit her (beschlossen, aber) verborgen – nunmehr enthüllt.“ (H. Conzelmann, Der Brief an die Epheser NTD 8, Göttingen 1976, S. 103) Dazu ist Paulus berufen, beauftragt, das, was von Anbeginn an als göttlicher Ratschluss verborgen war, offenbar zu machen. Er selbst konnte das Geheimnis nur erkennen, weil es ihm durch den Geist offenbar gemacht worden ist. Der Inhalt des Geheimnisses ist: Die Heiden sind in Christus Jesus Miterben geworden.

So sieht der Brief-Schreiber seine Zeit: „Die Gegenwart ist reicher an heiligem Wissen als die Vergangenheit.“ (F. Rienecker, Der Brief des Paulus an die Epheser, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1961, S. 109) „Der Zaun ist abgebrochen.“(2,14) Der Zugang zueinander und zu Gott ist frei. Das konnten die Menschen früher nicht sehen – weder die Juden noch die Heiden. Jetzt aber ist es von Gott offenbart. Dadurch ist die Zeit der Gemeinde aus Heidenchristen und Juden, die an Jesus glauben, als neue Zeit, als Heilszeit qualifiziert. Das ist das gänzliche Neue, das jetzt angefangen hat. Und das, so `Paulus‘, war von Anfang an so geplant. „Denn Gott hat uns wissen lassen das Geheimnis seines Willens nach seinem Ratschluss, den er zuvor in Christus gefasst hatte, um ihn auszuführen, wenn die Zeit erfüllt wäre, dass alles zusammengefasst würde in Christus, was im Himmel und auf Erden ist.“(1,9-10) Was er in dem großen Lobpreis zum Beginn des Briefes vor Gott betend gesagt hat, das sagt er jetzt seinen Lesern zu.

 

Wenn man so will: was  in den Hoffnungen des Jesaja, Micha, Sacharja ausgesprochen worden ist, dass es zur Völkerwallfahrt zum Zion kommt, das war nicht nur eine Hoffnung dieser Propheten. Das war von Anfang an der Plan Gottes, sein Ratschluss. Und er, Gott selbst, hat jetzt in Jesus den Weg zu dieser Völkerwallfahrt endgültig frei gemacht.

„Die Mitte der Zeit“ weiterlesen

Auf gutem, neuem Grund

Epheser 2, 11 – 22

11 Darum denkt daran, dass ihr, die ihr von Geburt einst Heiden wart und Unbeschnittene genannt wurdet von denen, die äußerlich beschnitten sind, 12 dass ihr zu jener Zeit ohne Christus wart, ausgeschlossen vom Bürgerrecht Israels und Fremde außerhalb des Bundes der Verheißung; daher hattet ihr keine Hoffnung und wart ohne Gott in der Welt.

            Es gibt keinen Weg nach vorne ohne ein Erinnern an die Vergangenheit. „Es gibt Vergangenes, das nur vergangen und vergessenswert ist. Der Glaubende lebt aber von verpflichtenden Erinnerungen.“ (G. Zweynert, ebda.) Hier also geht es um solches Erinnern – denkt daran. Mit diesen Worten werden in der Gemeinde deutlich bestimmte Leute ins Auge gefasst: ihr, die ihr von Geburt einst Heiden wart. Es gibt also offensichtlich in der Gemeinde ehemalige Heiden, Griechen? Römer? Oder noch andere Nationalitäten? Jedenfalls werden nicht nur Juden angesprochen, die zum Glauben an Jesus gefunden haben.

Es sind Sätze, die beides gleichzeitig tun, Schmerzen anrühren und Hoffnung stärken. Nach beiden Seiten lesbar: „Heidenchristentum ist stets überwundenes Heidentum.“ (G. Zweynert, Wie Gott Frieden schafft, Berlin 1970, S. 25)   Die Vergangenheit bindet nicht mehr. Aber sie erinnert daran, dass gute Zukunft verpflichtet.

Es ist noch etwas zu spüren vom Überlegenheitsgefühl derer, die beschnitten sind. Die anderen sind Unbeschnittene. Zugleich meldet sich in den Formulierungen auch leise Kritik. Wer sich so überlegen fühlt, muss darauf achten, dass sein Beschnitten-Sein nicht nur äußerlich ist. Paulus kennt eine andere Beschneidung. „Der ist ein Jude, der es inwendig verborgen ist, und das ist die Beschneidung des Herzens, die im Geist und nicht im Buchstaben geschieht.“ (Römer 2,29)  Auch nicht mit dem Messer. Auf diese andere Beschneidung setzt der Schreiber.

Er geht sogleich weiter. Er beschreibt das Leben ohne Christus – es ist die dunkle Folie, auf der der Glaubensgewinn umso heller strahlen wird: Ihr wart ohne Christus, ausgeschlossen vom Bürgerrecht Israels, Fremde, ohne Hoffnung, ja, ohne Gott in der Welt. Es ist ein hartes Urteil, das sich auf das frühere Leben der Angesprochenen bezieht. Erst recht hart, wenn sie vielleicht doch durchaus in den Tempeln ihrer Zeit „heimisch“ waren. „Nicht eine  Bewusstseinshaltung, sondern ihr tatsächlicher Zustand trennte die Heiden von Gott und seinem Zukunft schenkenden Leben.“(R. Schnackenburg, Der Brief an die Epheser, EKK X, Neukirchen 1982; S. 111) Die Götter der Welt gelten unserem Briefschreiber nichts.  Und ihre Tempel genauso wenig, ob sie in Ephesus oder sonstwo stehen mögen, den Göttern geweiht oder einfach nur „Tempel“, wie es Stadien, Museen, Einkaufstempel, Geldhäuser  heutzutage sein mögen.  „Auf gutem, neuem Grund“ weiterlesen

Aus Gnade

Epheser 2, 1 – 10

1 Auch ihr wart tot durch eure Übertretungen und Sünden, 2 in denen ihr früher gelebt habt nach der Art dieser Welt, unter dem Mächtigen, der in der Luft herrscht, nämlich dem Geist, der zu dieser Zeit am Werk ist in den Kindern des Ungehorsams. 3 Unter ihnen haben auch wir alle einst unser Leben geführt in den Begierden unsres Fleisches und taten den Willen des Fleisches und der Sinne und waren Kinder des Zorns von Natur wie auch die andern.

            Der Glaube macht nicht blind, auch nicht für die eigene Vergangenheit. Der Glaube öffnet die Augen und lässt nicht zu, dass man sich über sich selbst in die Tasche lügt. So lenkt der Schreiber den Blick seiner Leser auf ihre Vergangenheit. Ihr wart tot durch eure Übertretungen und Sünden. „Wie ein Leichnam nichts hört, nichts sieht, nichts fühlt, sondern kalt und bewegungslos daliegt, so ist es mit dem natürlichen Menschen.“ (F. Rienecker, Der Brief des Paulus an die Epheser, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1961, S. 80)  Dieses Urteil gilt im Hinblick auf die Beziehung zu Gott. Da war nichts. Funkstille. Ihr standet unter fremder Herrschaft. Ihr wart den eigenen Begierden unterworfen. Freiheit war ein Fremdwort.

Solche Worte haben bei uns keinen guten Klang. Ihr wart tot durch eure Übertretungen klingt nach moralischer Überlegenheit, nach arrogantem, hochmütigem Aburteilen. Nur mühsam gemildert durch das wir, in dem sich der Verfasser mit seinen Adressaten zusammen schließt. Das Schema „früher-jetzt“ ist unter Verruf. Unter dem Verdacht für „jetzt“ so etwas wie eine moralische Integrität zu behaupten. Auch einfach nur ein rhetorisches Schema zu sein. Aber hier beschreibt es die Wirklichkeit der Lesenden. Sie haben einen Wandel, einen radikalen Wechsel erlebt.  Ihre frühere Zeit wird „nicht dem konfrontiert, was sie sind, sondern wozu sie gemacht sind.“ (H. Conzelmann, Der Brief an die Epheser NTD 8, Göttingen 1976, S. 95)

Nicht nur sie – im „wir“ und „unser Leben“ schließt sich der Schreiber mit ihnen zusammen. Das widerspricht ein wenig einem Verständnis,  das in diesen Worten nur frühere Heiden angesprochen sieht, im Unterschied zu Menschen, die zu den an Jesus gläubigen Juden gehören. Der Autor  redet auch von seiner eigenen Erfahrung, der früheren Unfreiheit und dem Aufatmen jetzt. Es ist wichtig: „Durch die ganze Darstellung hindurch ist festgehalten, dass der Blick des Glaubens nie auf die eigene Frömmigkeit gerichtet ist, sondern auf die Gabe Gottes, durch die er jeden Augenblick lebt.“ (H. Conzelmann, S. 97f.)  

            Es mag sein, dass uns diese Erfahrung des radikalen Wechsels heute weitgehend abgeht. Aber damit fehlt uns etwas und wir können nicht einfach diese Tatsache für die Normalität des Christseins erklären. Weil wir diese Sicht haben – wir waren immer schon Christen und machen allenfalls Wissens-Fortschritte -, deshalb können wir den durchaus auch heute noch möglichen radikalen Wechsel im Begreifen der Existenz, im Selbstverständnis, in den Lebensgrundlagen nicht einfach zur Seite schieben. „Aus Gnade“ weiterlesen

Hinsehen lernen

Epheser 1, 15 – 23

15 Darum auch ich, nachdem ich gehört habe von dem Glauben bei euch an den Herrn Jesus und von eurer Liebe zu allen Heiligen, 16 höre ich nicht auf, zu danken für euch, und gedenke euer in meinem Gebet, 17 dass der Gott unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Herrlichkeit, euch gebe den Geist der Weisheit und der Offenbarung, ihn zu erkennen.

Die Danksagung an Gott ist zu Ende. Jetzt wendet sich `Paulus‘ an seine Leser. Noch einmal mit einer Danksagung. Was er von ihnen hört über ihren Glauben und ihre Liebe, macht ihn froh. Das lässt ihn Gott preisen. Es mag sein: „Die frühe Christenheit war bedroht von einem pneumatischen Überschwang.“ (G. Zweynert, Wie Gott Frieden schafft, Berlin 1970, S. 22) Für den Briefschreiber gilt das nicht.  Er ist trotz all der Himmelsworte nicht in den Himmel entrückt. Er sieht sehr wohl, was in der Gemeinde ist. Aber was er da an der Gemeinde sieht, lässt ihn Gott preisen.

Bei der Dankbarkeit bleibt er nicht stehen. Sondern geht weiter, immer weiter. „Es ist selten, dass Menschen einmal mit Danken anfangen, seltener, dass sie mit Danken fortfahren, am allerseltensten aber ist, dass sie nicht aufhören mit Danken.“ (F. Rienecker, Der Brief des Paulus an die Epheser, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1961, S. 72)  Sein Danken führt ihn weiter zu seiner Bitte um den Geist, damit seine Leser*innen Gott, den Vater der Herrlichkeit erkennen. Kennen sie ihn denn noch nicht? Sie sind doch schon Christen! Geht es um besondere, außergewöhnliche Geisterfahrungen?

Ich greife zu einem Beispiel aus meinen eigenen Leben. Über vierzig Jahre verheiratet lerne ich meine Frau Tag um Tag kennen. Ich kenne sie schon – und lerne sie doch noch immer neu kennen. So ähnlich lese ich diese Bitte. Sie sollen nicht einfach stehen bleiben bei dem, was sie von Gott, von Christus schon wissen, sich nicht einrichten in ihrem Wissen. Es ist immer gefährlich, wenn der Christ irgendwann beschließt: Jetzt weiß ich alles. Gefährlich, weil dann aus dem Weg des Glaubens ein Standpunkt wird, meinethalben ein christlicher Standpunkt. Christen stehen aber, so unser Briefschreiber, nicht wie ihre eigenen Denkmäler irgendwann fest auf einer erlernten, auch erfahrenen Position – sie sollen unterwegs bleiben zu neuem Erkennen. Dazu braucht es den Geist der Weisheit und der Offenbarung .Auf dem Weg des Glaubens lernen sie Gott immer neu und immer tiefer kennen. Auf dem Weg hier – auf dieser Erde. „Hinsehen lernen“ weiterlesen

Von Anfang an

Epheser 1, 11 – 14

 11 In ihm sind wir auch zu Erben eingesetzt worden, die wir dazu vorherbestimmt sind nach dem Vorsatz dessen, der alles wirkt nach dem Ratschluss seines Willens; 12 damit wir etwas seien zum Lob seiner Herrlichkeit, die wir zuvor auf Christus gehofft haben.

            Immer noch: in ihm. In Christus. Darum kreisen die Verse 3 – 14. In Christus haben sie ihre Mitte. Es ist eine einzige, weit ausgreifende Darstellung dessen, was den Christen mit Christus, in Christus gegeben ist. Darstellung ist dabei ein sehr zurückhaltendes Wort. Denn im Grunde ist dieser ganze Abschnitt ein großes Gebet. Beschreibendes Lob nennt man so etwas in den Psalmen. Genauso empfinde ich auch diese Passagen: Sie sind beschreibendes Lob der Gaben Gottes an uns, zugeeignet in Christus.

In Christus – das ist eine Wendung, die Paulus oft hat. Das neue Leben der Christen ist ein „in Christus sein“. Vielleicht am deutlichsten: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ (2. Korinther 5,17) Man mag das mystisch nennen. Aber es ist klar, worum es geht: Um Schicksalsgemeinschaft, um Lebensgemeinschaft. Unterschieden und doch untrennbar. Glauben ist mehr als ein paar Überzeugungen über Gott und die Welt haben, die sich an diesem Jesus Christus aufhängen. Glauben ist eine Zugehörigkeit zu ihm, die sich mit diesem geradezu räumlichen in Christus am stärksten ausdrücken lässt.

In ihm sind wir auch zu Erben eingesetzt worden ist wörtlich anders zu übersetzen: „In ihm empfingen wir auch unser Los.“ (H. Conzelmann, Der Brief an die Epheser NTD 8, Göttingen 1976,  S. 89) Was uns vor dem Wort Los zurückschrecken lässt, ist die Zufälligkeit. Los ist uns immer zufällig. Aber im Griechischen steht – einmalig im ganzen Neune Testament κληρθημεν. κληρόω -„losen, das Los werfen, durchs Los bestimmen, auswählen. Durchs Los zugeteilt bekommen.“(Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- u. Handwörterbuch, München 1957, S. 440) Man wird also zu fragen haben: Warum wird dieses Wort verwendet, das im Gegensatz zum Erben steht. Erben – das klingt nach Rechtsanspruch. Los – schließt jeden Rechtsanspruch aus. „Ohne menschliches Zutun ist dieses „durchs Los getroffen worden sein“ geschehen, oder anders ausgedrückt: Dieses „das Los ist uns gefallen“ heißt: ohne eigene Arbeit oder eigenes Verdienst ist die uns zugedachte Verheißung unser geworden.“ (F. Rienecker, Der Brief des Paulus an die Epheser, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1961, S. 66) So also gehören wir zu Gott –  durchs Los. „Von Anfang an“ weiterlesen