Die Zuflucht

2 Timotheus 4, 9 – 22

9 Beeile dich, dass du bald zu mir kommst. 10 Denn Demas hat mich verlassen und diese Welt lieb gewonnen und ist nach Thessalonich gezogen, Kreszens nach Galatien, Titus nach Dalmatien. 11 Lukas ist allein bei mir. Markus nimm zu dir und bringe ihn mit dir; denn er ist mir nützlich zum Dienst. 12 Tychikus habe ich nach Ephesus gesandt. 13 Den Mantel, den ich in Troas ließ bei Karpus, bringe mit, wenn du kommst, und die Bücher, besonders die Pergamente. 14 Alexander, der Schmied, hat mir viel Böses angetan; der Herr wird ihm vergelten nach seinen Werken. 15 Vor dem hüte du dich auch; denn er hat sich unsern Worten sehr widersetzt.

            Das ist der Brief eines Menschen und nicht das Schreiben eines innerlich unbedrängten Glaubens-Heros, der über den Wolken schwebt und sich zu Mitteilungen an die Kleinen da unten herab lässt. Was die Ermahnungen und Aufforderungen des Paulus letztlich zu sagen haben, zeigt sich hier. Keiner ist nebensächlich, keiner zu gering. An alle denkt er, weil ja doch Gott an alle denkt. Auch Kleinigkeiten sind wichtig.

            Hinter den Worten wird einer sichtbar, um den es einsam geworden ist. Einer wie Demas ist von sich aus gegangen – weil er die Welt lieb gewonnen hat. Will er nichts mehr mit dem Evangelium zu tun haben oder nur nichts mehr mit dem Mann im Gefängnis? Ist ihm sein Weg wichtiger als der Beistand bei diesem Evangelisten, der so im Zwielicht ist, um den es so viel Streit auch gibt?

            Andere wie Kreszens in Galatien, Titus in Dalmatien, Tychikus in Ephesus sind unterwegs. Tychikus sogar von Paulus gesandt. Weil das Evangelium doch weiter laufen muss. Er darf, seiner Einsamkeit – und vielleicht auch der Sehnsucht des eigenen Herzens – zum Trotz nicht die Boten an sich binden, bei sich festhalten. „Die Zuflucht“ weiterlesen

Predige das Wort!

  1. . Ein wenig wirken sie wie letzte Worte, denen besonderes Gewicht zukommt. Timotheus 4, 1 – 8

 1 So ermahne ich dich inständig vor Gott und Christus Jesus, der da kommen wird zu richten die Lebenden und die Toten, und bei seiner Erscheinung und seinem Reich: 2 Predige das Wort, steh dazu, es sei zur Zeit oder zur Unzeit; weise zurecht, drohe, ermahne mit aller Geduld und Lehre.

               Es sind eindrückliche Worte – nachdrücklich auch durch den Hinweis auf den kommenden Christus. Weil sie Timotheus erinnern: Du stehst im Auftrag. Du bist im wahrsten Sinn des Wortes verantwortlich. Διαμαρτρομαι steht da – Ich beschwöre dich. (Einheits-Übersetzung), viel eindringlicher als das sonst häufig verwendete παρακάλω, das „ermutigen“ und „ermahnen““ heißen kann. Weil Paulus Timotheus erinnern will: „Was Menschen über dich sagen, ist am Jüngsten Tag ohne Bedeutung; darum sollst du auch jetzt schon frei davon sein.“(H.Bürki, Der zweite Brief des Paulus an Timotheus, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1975, S196) Oder anders: Das Schauen auf die letzte Verantwortung befreit von der Abhängigkeit von Hörer-Zustimmung.

          Daraus ergibt sich, worum es Paulus geht: Predige das Wort. Das ist der Satz, der bis heute ein Ordnungsruf ist. Ein Wort, das mich sehr berührt hat und mir immer auch den Rücken gestärkt. Es geht nicht darum, schöne Geschichten zu erzählen, sich selbst als Prediger darzustellen. Es geht um den Dienst am Wort. Nichts soll sich dazwischen schieben dürfen – keine gelehrte Wissenschaft, keine neugierige Spekulation, keine Sensationslust, keine Gefühlsabhängigkeit und kein Nachgeben vor Hörerwünschen. Nicht die Hörer entscheiden über die Treue zum Auftrag, sondern der Auftraggeber. Geht es nach den Hörern, so geht es oft um Selbstbestätigung, die unter der Hand doch auch zur Belastung wird.

              Predige das Wort – das wird Paulus wenig später so sagen: tu das Werk eines Predigers des Evangeliums. Das Wort , λγος, ist das Evangelium. Um weiter zu verstehen, leihe ich mir Worte eines großen Theologen: „Der Auferstandene ist das Evangelium“ (P. Schütz, Evangelium, Bd. I Gesammelte Werke, Hamburg 1972, S.506) Ihn soll Timotheus seinen Leuten vor Augen malen. Und seit Timotheus alle, die an diesem Predigtamt Anteil haben.

         Dieses Predigen ist vielfältig in seinen Akzentuierungen: zurechtweisen, drohen (besser: tadeln), ins Gewissen reden, ermahnen und ermutigen (diesmal steht παρακάλω!) mit aller Geduld und Lehre. Immer geht es darum, dass der Prediger seinen Hörerinnen und Hörern hilft, den Glaubensweg zu gehen. „Predige das Wort!“ weiterlesen

Dem Wort vertrauen – Gott vertrauen

  1. Timotheus 3, 10 – 17

10 Du aber bist mir gefolgt in der Lehre, im Leben, im Streben, im Glauben, in der Langmut, in der Liebe, in der Geduld, 11 in den Verfolgungen, in den Leiden, die mir widerfahren sind in Antiochia, in Ikonion, in Lystra. Welche Verfolgungen ertrug ich da! Und aus allen hat mich der Herr erlöst.

             Einmal mehr lenkt Paulus den Blick des Timotheus weg von den Problemen, zurück auf sich selbst. Er hält ihm seinen Lebensweg vor, seinen Glaubensweg. In der Lehre und in der Lebensführung hat Timotheus den Weg des Paulus geteilt. Der Reiseweg des Paulus ist sein Lernweg des Glaubens. Und auf diesem Weg hat er gelernt, dass das Leben als Christuszeuge in und durch Leiden führt, dass aber der Herr erlöst. Rettet.

12 Und alle, die fromm leben wollen in Christus Jesus, müssen Verfolgung leiden

             Das ist das Kriterium, das Paulus anlegt: Der Weg der Christen ist ein Weg hinter Christus her und schließt Leiden nicht aus, sondern ein. Es ist kein Triumphzug, sondern ein angefochtener Weg. „Was Paulus erfahren hat, gilt für alle Jünger Jesu – unerbittlich ist dieses „alle“ betont – dass die Nachfolge Jesu auf den Kreuzweg führt.“ (J.Jeremias, Die Briefe an Timotheus und Titus, NTD 9, Göttingen 1975, S.61) Es ist geradezu das Kennzeichen des Christseins – so scheint es hier – dass es Widerspruch erfährt und Feindschaft ertragen muss. Und doch: das ist der Weg, der bleibt. „Dem Wort vertrauen – Gott vertrauen“ weiterlesen

In guten und in schweren Zeiten

  1. Timotheus 3, 1 – 9

1 Das sollst du aber wissen, dass in den letzten Tagen schlimme Zeiten kommen werden.

        Diese Sicht teilt Paulus mit anderen Schriften des Neuen Testamentes. Die Erwartung an die Zeit ist nicht, dass alles besser wird, sondern dass schlimme Zeiten bevorstehen. „Ihr werdet hören von Kriegen und Kriegsgeschrei; seht zu und erschreckt nicht. Denn das muss so geschehen; aber es ist noch nicht das Ende da. Denn es wird sich ein Volk gegen das andere erheben und ein Königreich gegen das andere; und es werden Hungersnöte sein und Erdbeben hier und dort. Das alles aber ist der Anfang der Wehen.“(Matthäus 24, 6-8) Die Reden über das nahende Unheil in der Zeit nehmen breiten Raum ein – durchaus in Spannung zur Botschaft vom gekommenen Reich der Himmel. So ist es auch hier. Der Blick auf die Erlösung und den Erlöser lässt nicht über den Schmerz der schlimmen Zeiten einfach hinweg sehen.

            Für mich irritierend: hier steht nicht χρόνος, das Wort für die gleichförmig vergehende Zeit der Welt, die wir Menschen mit gestalten, sondern hier steht das besondere griechische Wort: καιροί. Und das heißt Auch diese schlimmen Zeiten sind Gottes Zeit, seiner Macht nicht entnommen, sondern unterworfen. Gott bleibt auch dann der Herr der Zeit, „Meister Hora.“ (M.Ende, Momo)

2 Denn die Menschen werden viel von sich halten, geldgierig sein, prahlerisch, hochmütig, Lästerer, den Eltern ungehorsam, undankbar, gottlos, 3 lieblos, unversöhnlich, verleumderisch, zuchtlos, wild, dem Guten Feind, 4 Verräter, unbedacht, aufgeblasen. Sie lieben die Wollust mehr als Gott; 5 sie haben den Schein der Frömmigkeit, aber deren Kraft verleugnen sie; solche Menschen meide!

             In den Endzeitreden Jesu werden die schlimmen Zeiten vor allem durch Krieg, Katastrophen, Hungersnöte gekennzeichnet. Hier werden sie anders charakterisiert: Durch ein Verhalten der Einzelnen, das völlig selbstbezogen ist, nur noch das eigene Ich, aber keine Skrupel mehr kennt. Übergriffig gegen Menschen, vor allem Schwächere und zuchtlos. Es ist ein Verlust an Humanität, ein Gleichgültig-werden gegenüber allen Werten.

            Und das alles unter dem Deckmantel, dem Schein der Frömmigkeit. μρφωσις εσεβεας – könnte man auch mit „Gestalt der Frömmigkeit“ übersetzen. Heute liegt es nahe: Unter dem Vorwand der Religion. Wir erleben ja gerade, wie eine erschreckende, bestialische Inhumanität sich religiöser Formeln bedient. Wie unter dem Vorwand einer religiösen „Erneuerung“ in Wahrheit die blanke Macht gesucht wird. Und Menschen sich alle Rechte nehmen, über andere Menschen zu verfügen, über Leib und Leben. Es ist erschreckend, aber der Missbrauch des Glaubens und der Frömmigkeit sind uralt. Und nicht Gott ist der Mörder, der auf der Flucht ist. Menschen sind die Mörder, die Gott zum Aufgeben zwingen wollen, weil sie sich selbst an seine Stelle setzen.     „In guten und in schweren Zeiten“ weiterlesen

Liebe macht sorgfältig

2. Timotheus 2, 14 – 26

14 Daran erinnere sie und ermahne sie inständig vor Gott, dass sie nicht um Worte streiten, was zu nichts nütze ist, als die zu verwirren, die zuhören.

Timotheus ist ein Gemeindeleiter. Darum wird ihm in diesen und den folgenden Sätzen auch genau diese Aufgabe ans Herz gelegt. Als erstes: Kein Streit um Worte. Keine Kämpfe, die nur darauf beruhen, dass der eine nicht ganz die gleichen Worte und Sätze wie der andere sagt, dass sich Glaube unterschiedlich ausdrückt. Es gilt, „die Gemeinde vor Wortkämpfen mit den Sektierern zu bewahren.“(J.Jeremias, aaO.; S.56) Sie tragen nichts aus, sondern verwirren nur. Das gilt gegenüber denen, die anders lehren, es gilt aber auch in der Gemeinde.

15 Bemühe dich darum, dich vor Gott zu erweisen als einen rechtschaffenen und untadeligen Arbeiter, der das Wort der Wahrheit recht austeilt. 16 Halte dich fern von ungeistlichem losem Geschwätz; denn es führt mehr und mehr zu ungöttlichem Wesen, 17 und ihr Wort frisst um sich wie der Krebs. Unter ihnen sind Hymenäus und Philetus, 18 die von der Wahrheit abgeirrt sind und sagen, die Auferstehung sei schon geschehen, und bringen einige vom Glauben ab.

Mahnen ist das eine, das eigene Beispiele das andere. Timotheus soll selbst bedacht sein, sich nicht in die fruchtlosen Debatten ziehen zu lassen. Das geschieht am besten in der Konzentration auf das eigene Arbeitsfeld und die eigenen Aufgaben. Also: das Evangelium als Wort der Wahrheit weitertragen, für die da sein, die Hilfe brauchen. Das macht den rechtschaffenen und untadeligen Arbeiter aus, dass er tut, was er zu tun schuldig ist. Das Zusammenwirken von „rechter Lehre und rechtem Leben“ (H.Bürki aaO.; S.63) ist im Zentrum geistlichen Dienstes.

Paulus möchte Timotheus davor bewahren, „von der Epidemie des bloßen „Maulbrauchens“ angesteckt“ zu werden. (Luther zit. nach H.Bürki, ebda.) Darum diese doch auch schroffe Einschätzung: Die Worte der anderen fressen um sich wie Krebsgeschwüre. Erstmals wird ein Streitpunkt deutlich benannt: Hymenäus und Philetus sagen, die Auferstehung sei schon geschehen. Das ist eine Position, die es auch in der Gemeinde in Korinth gegeben hat, wo die zukünftige Auferstehung bestritten worden ist, weil sie mit dem Schritt zum Glauben als schon geschehen galt. Der schon im ersten Brief an Timotheus genannte Hymnäus gehört auch hier zu den Gegnern, deren Lehren als Irrlehre gekennzeichnet wird.

19 Aber der feste Grund Gottes besteht und hat dieses Siegel: Der Herr kennt die Seinen; und: Es lasse ab von Ungerechtigkeit, wer den Namen des Herrn nennt.

Das ist der feste Grund, der von Gott gelegt ist, auf den es gleichwohl gilt, sich immer neu zu stellen: Der Herr kennt die Seinen. Mag sein, die Welt kennt sie nicht. Mag sein, sie haben keinen guten Namen bei denen, die um sie herum leben. Aber er, der Herr, kennt sie und darauf kommt es an. „Der aber zur Tür hineingeht, der ist der Hirte der Schafe. Dem macht der Türhüter auf, und die Schafe hören seine Stimme; und er ruft seine Schafe mit Namen und führt sie hinaus.“ (Johannes 10, 2-3)

Die Konsequenz aus diesem Bekannt-sein, beim Namen genannt sein ist, dass einer auf sich selbst achtet, auf die Art, wie er lebt. Sich vor Ungerechtigkeit bewahrt. Dass der Herr die Namen der Seinen kennt, ist kein Freibrief, sondern stellt auf einen Weg zur Achtsamkeit.

20 In einem großen Haus aber sind nicht allein goldene und silberne Gefäße, sondern auch hölzerne und irdene, die einen zu ehrenvollem, die andern zu nicht ehrenvollem Gebrauch. 21 Wenn nun jemand sich reinigt von solchen Leuten, der wird ein Gefäß sein zu ehrenvollem Gebrauch, geheiligt, für den Hausherrn brauchbar und zu allem guten Werk bereitet.

Der Volksmund sagt: Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Und in jedem Haus gibt es Schmutzecken und Geräte unterschiedlicher Art. Manche zieren, andere werden zwar benötigt, aber nicht zur Schau gestellt. Und schließlich gibt es die Geräte, die untauglich sind.

Das Wort kann als eine Aufforderung gelesen werden, das Haus, also die Gemeinde, von den Irrlehrern zu reinigen. Also sie auszuschließen. Es kann aber auch defensiver gelesen werden, vor allem wegen der Wendung: Wenn nun jemand sich reinigt von solchen Leuten. Das klingt, als sollte Timotheus einfach nur die Ansteckungsgefahr meiden, den Umgang abbrechen, aber nicht Gemeindezucht durch Ausschluss üben. Und: Er soll bei dem bleiben, was er gelernt hat, was ihm anvertraut worden ist.

Das beste Mittel im Streit ist die Wahrheit. Das beste Mittel, um in der verwirrten Gemeinde für Klarheit zu sorgen, ist nicht der Ausschluss irgendwelcher Leute, sondern das beharrliche eigene Bleiben am Wort der Wahrheit.

22 Fliehe die Begierden der Jugend! Jage aber nach der Gerechtigkeit, dem Glauben, der Liebe, dem Frieden mit allen, die den Herrn anrufen aus reinem Herzen. 23 Aber die törichten und unnützen Fragen weise zurück; denn du weißt, dass sie nur Streit erzeugen.

Auf dieser Linie lese ich auch die Aufforderung in den Worten jetzt. Timotheus soll sich nicht hinreißen lassen durch „Leidenschaftlichkeit, Eitelkeit, geistlichen Hochmut.“ (J.Jeremias, aaO.; S.58) Nichts, was zuvor in den Briefen verhandelt worden ist, deutet darauf hin, dass mit den Begierden der Jugend irgendwelche Sinnlichkeiten gemeint ein könnten. Timotheus macht mir nicht den Eindruck, als müsste man ihn vor erotisch gefärbten Abenteuern warnen.

Und wieder: Abstand von den Wortgefechten. Es sind starke, eindrückliche Worte: Fliehe! Jage! Weise zurück. Die Eindrücklichkeit dieser Worte weist darauf hin, dass es nicht um Nebensächlichkeiten geht. Dieser Eindruck wird gestützt durch die positive Reihe: Timotheus soll sich ausstrecken nach der Gerechtigkeit, dem Glauben, der Liebe, dem Frieden mit allen, die den Herrn anrufen.

Es ist die Spannung, die wohl jedes Christenleben erfährt: Es gibt keine Hinkehr zu Christus ohne die Abkehr von dem, was ihm nicht entspricht. Und beides, die Hinkehr zu Christus, das Jagen nach seiner Liebe, seinem Frieden, seiner Gerechtigkeit und die Abkehr von dem, was lähmt und in die Traurigkeit zieht, bleiben eine lebenslange Herausforderung. Der Kampf ums Christsein endet nicht mit der Bekehrung, sondern hat in ihr seinen Startpunkt.

24 Ein Knecht des Herrn aber soll nicht streitsüchtig sein, sondern freundlich gegen jedermann, im Lehren geschickt, der Böses ertragen kann 25 und mit Sanftmut die Widerspenstigen zurechtweist, ob ihnen Gott vielleicht Buße gebe, die Wahrheit zu erkennen 26 und wieder nüchtern zu werden aus der Verstrickung des Teufels, von dem sie gefangen sind, zu tun seinen Willen.

Wie kommt Paulus zu dieser Aufforderung? Gab es zänkische, streitsüchtige Knechte? War er der vielen Auseinandersetzungen irgendwann doch müde? Oder sieht er die Gefahr, dass Timotheus seine Unsicherheit durch herrisches Auftreten und Rechthaberei verdecken wollen könnte? Es kann auch die erneut wiederholte Ermahnung des Älteren an den Jüngeren sein, sich aus den unnötigen, unnützen und fruchtlosen Streitereien um Worte heraus zu halten. Nicht jede „geistliche Frage“ ist die Mühe einer Antwort wert. Manche Diskussionen sind schlichte Geschwätzigkeiten.

Meine Frage: Gilt das alles nur für den „geistlichen“ Menschen oder ist das nicht auch im alltäglichen Zusammenleben gut? Es ist doch gut, wenn sich Freundlichkeit und Langmut und Sanftmut gegen die Tendenz, alles und jedes kritisch zu hinterfragen und zu analysieren, behaupten können. „Ein Knecht des Herrn Jesus weiß, dass schlagfertige Widerlegung der Gegner nicht der Weg ihrer Bekehrung ist, sondern – die Liebe, die ihnen freundlich begegnet, die bereit ist zur Rechenschaft über die eigene Glaubensgewissheit, die sich auch einmal etwas gefallen lassen kann und die den Gegner mit Sanftmut zurecht weist.“(J.Jeremias, ebda.)

Es gehört zu den erschreckenden Erfahrungen meines eigenen Lebens: Man kann aus einer Debatte siegreich hervorgehen. Der Gesprächspartner oder die Gesprächspartnerin verstummt, weil sie keine Argumente mehr hat. Man hat ein Gespräch gewonnen – aber: man hat den Menschen dabei verloren. Es wäre besser gewesen, nicht siegen zu wollen.

Luther hat das wohl so gesehen, so zeigt es die Erklärung zum 8. Gebot. „Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unsern Nächsten nicht aus Falschheit belügen, verraten, verleumden oder hinter seinem Rücken reden, sondern sollen ihn entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum Besten kehren.“ Darum suche ich die Freundlichkeit gegen jedermann, besonders gegenüber denen, die mich nerven durch ihre Art und gegenüber denen, die mir nahe stehen. Die Freude am Reichtum Christi und an den guten Gaben der Schöpfung will umgewandelt werden in spürbare Freundlichkeit gegen jedermann.

Herr Jesus
Du willst nicht
dass wir skrupelhaft werden
Aber Du willst auch nicht
dass wir gleichgültig werden
Das Vertrauen auf Deine Liebe
macht nicht stumpf
lässt nicht nebensächlich werden
sich um ein gutes Miteinander zu mühen

Es ist gerade die erfahrene Liebe
die sorgfältig macht
um Liebe kämpfen lässt
gerade auch zu denen
die so liebenswert nicht sind. Amen

Gegen die Blickverengungen

  1. Timotheus 1, 13 – 18

 13 Halte dich an das Vorbild der heilsamen Worte, die du von mir gehört hast, im Glauben und in der Liebe in Christus Jesus. 14 Dieses kostbare Gut, das dir anvertraut ist, bewahre durch den Heiligen Geist, der in uns wohnt.

Die Standhaftigkeit des Paulus entspringt nicht persönlicher Tapferkeit, sondern der Gewissheit, auf dem Weg hinter Jesus her zu sein und von ihm bewahrt zu werden. Einmal mehr Vorbild.  ποτπωσις ist kein festgelegtes Bild, das man nachzuahmen hat. Es ist ein „Entwurf“. (Gemoll, aaO.; S.773) der die Richtung zeigt, in die das eigene Leben gehen kann.  Umso wichtiger: Der Mann im Gefängnis ist mit seinem Weg nicht Abschreckung,  sondern Richtungsangabe.

Nicht zuletzt ist er Vorbild, Beispiel, Entwurf in dem, was er gepredigt hat. Die Worte, die er weitergegeben hat, haben gute Wirkungen hervor gebracht. Sie sind heilsam. ὑγιαινος, gesund. Unter seiner Verkündigung des Glaubens und der Liebe in Jesus Christus sind doch Menschen heil geworden, was mehr sein mag als nur gesund. Das ist wahrlich kostbares Gut. Es ist selbst in dieser verhaltenen Formulierung noch zu spüren: Das Evangelium ist ein Schatz und dass dieser Schatz einem anvertraut ist, bringt zum Staunen.   „Gegen die Blickverengungen“ weiterlesen

Die Freiheit wahren

  1. Timotheus 1, 1 – 12

 1 Paulus, ein Apostel Christi Jesu durch den Willen Gottes nach der Verheißung des Lebens in Christus Jesus, 2 an meinen lieben Sohn Timotheus: Gnade, Barmherzigkeit, Friede von Gott, dem Vater, und Christus Jesus, unserm Herrn!

             Als hätte er nicht schon einmal an Timotheus geschrieben, so stellt `Paulus` sich vor. Mit der klassischen antiken Brief-Grußformel. Ihm aber liegt über die Formel hinaus daran: Was immer er sagt oder schreibt – er tut es als Apostel. Als einer, der durch den Willen Gottes ist, was er ist und der nichts will als in diesem Willen seinen Weg gehen. „Für ihn ist das nicht eine leere Formel, sondern ständig erneutes Bewusstsein dessen, was Gott an ihm tut.“ (H.Bürki, Der  zweite Brief des Paulus an Timotheus, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1975, S.17)

Meinen lieben Sohn Timotheus nennt er seinen Brief-Empfänger und zeigt schon durch diese Anrede, wie nahe er sich ihm fühlt. Und so wünscht er ihm das Beste, was er ihm wünschen kann: Gnade, Barmherzigkeit, Friede von Gott, dem Vater, und Christus Jesus, unserm Herrn! Auch hier wieder: das ist mehr als nur Formel.

  3 Ich danke Gott, dem ich diene von meinen Vorfahren her mit reinem Gewissen, wenn ich ohne Unterlass deiner gedenke in meinem Gebet, Tag und Nacht. 4 Und wenn ich an deine Tränen denke, verlangt mich, dich zu sehen, damit ich mit Freude erfüllt werde.

             Das erste Wort nach dem Gruß ist Dankbarkeit. Paulus ist dankbar für Timotheus. Gott dankbar. Es wirft ein helles Licht auf das Gottesverständnis des Paulus. Das, wie er über Gott denkt, was er von ihm sagt und lehrt, ist in der Spur der Vorfahren. Und er dient ihm mit reinem Gewissen. Daran liegt Paulus, dass der lange Weg, auf den er zurückblicken kann, ein Weg ist, der sein Gewissen nicht belastet und der ihn seinen Vorfahren nicht entfremdet. „Die Freiheit wahren“ weiterlesen

Zu guter Letzt: Segen

  1. Timotheus 6, 11 – 21

11 Aber du, Gottesmensch, fliehe das! Jage aber nach der Gerechtigkeit, der Frömmigkeit, dem Glauben, der Liebe, der Geduld, der Sanftmut! 12 Kämpfe den guten Kampf des Glaubens; ergreife das ewige Leben, wozu du berufen bist und bekannt hast das gute Bekenntnis vor vielen Zeugen.

             Jetzt ist der Autor Paulus ganz seinem Briefempfänger „Timotheus“ zugewandt. Dem Gottesmenschen. Das erhofft er für ihn, dass er durchhält, klaren Kurs behält, dass er bewährt, was er empfangen hat. Es gibt  keinen Automatismus in geistlichen Dingen, darum die Aufforderungen, die Imperative, die alle nur anspornen, nicht befehlen wollen. Es geht um das Erwerben und Bewahren von Gottvertrauen, von Glauben. Beides, Erwerben und Bewahren fordert Einsatz – oder, wie Paulus sagt: Kampf. Das gilt, unbeschadet dessen, dass es Glauben nur als Geschenk gibt. Dass er das eigene durchdringt und prägt, ist mit Arbeit, Einsatz, Kampf verbunden. Von selbst geht da nichts.

In diesem Wort ergreife das ewige Leben, wozu du berufen bist gipfeln sie. Darum geht es, dass in das zeitliche Leben dieses andere Leben, das ewige Leben hineinreicht und ergriffen wird. Gewollt wird. Gelebt wird. Das Ewige Leben beginnt hier – als das Leben aus der Hingabe Christi und der Hingabe an Christus und sein Erbarmen. Damit hat Timotheus ja schon angefangen –   in seinem guten Bekenntnis vor vielen Zeugen. Auf diesem Weg soll er bleiben. Die Art, in der das geschieht:  Der Gerechtigkeit, der Frömmigkeit, dem Glauben, der Liebe, der Geduld, der Sanftmut nachjagen.

 Das erinnert an eines der markanten Paulusworte: „Nicht, dass ich’s schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich’s wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin.“(Philipper 3,12) „Zu guter Letzt: Segen“ weiterlesen

Sich bescheiden

  1. Timotheus 6, 1 – 10

 1 Alle, die als Sklaven unter dem Joch sind, sollen ihre Herren aller Ehre wert halten, damit nicht der Name Gottes und die Lehre verlästert werde. 2 Welche aber gläubige Herren haben, sollen diese nicht weniger ehren, weil sie Brüder sind, sondern sollen ihnen umso mehr dienstbar sein, weil sie gläubig und geliebt sind und sich bemühen, Gutes zu tun. Dies lehre und dazu ermahne!

Das klingt nach Festschreiben der Verhältnisse, wie sie sind. Alle, die als Sklaven unter dem Joch sind, sollen ihre Herren aller Ehre wert halten. Wer unten ist, bleibt unten und wer das Sagen hat, Herr ist, der bleibt Herr. Unterstützt auch noch dadurch, das solches Stillhalten begründet wird; damit nicht der Name Gottes und die Lehre verlästert werde. Das ist die Sprache der Anpassung, der Unterwerfung unter die gesellschaftlichen Gegebenheiten. Es wird stimmen: „Der neue Glaube verändert nicht die soziale Struktur.“ (H.Bürki, aaO.; S.187)

             Daran ändert auch der gemeinsame Stand als Christen nicht. Wie anders steht das im Brief nach Galatien: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“(Galater 3,28) Die Mahnung zum Stillhalten hat nur dann ihr begrenztes Recht, wenn sie davor warnt, geistliche Lebensvollzüge – das andere miteinander von Herr und Sklave als Geschwister im Glauben – als Rechte weltlich durchsetzen zu wollen.

 3 Wenn jemand anders lehrt und bleibt nicht bei den heilsamen Worten unseres Herrn Jesus Christus und bei der Lehre, die dem Glauben gemäß ist, 4 der ist aufgeblasen und weiß nichts, sondern hat die Seuche der Fragen und Wortgefechte. Daraus entspringen Neid, Hader, Lästerung, böser Argwohn, 5 Schulgezänk solcher Menschen, die zerrüttete Sinne haben und der Wahrheit beraubt sind, die meinen, Frömmigkeit sei ein Gewerbe. 6 Die Frömmigkeit aber ist ein großer Gewinn für den, der sich genügen lässt.

            Scharfe Worte. Es ist kein sanfter Umgangston, der in der Gemeinde gepflegt wird. Wenn es um die letzte Wahrheit geht, um der Seelen Seligkeit, dann scheint es nicht mehr möglich, verbindlich zu reden, das Gemeinsame zu suchen. Die, die anders lehren, werden „mit schärften moralischen Vorwürfen“ (J.Jeremias, aaO.; S.44 )überzogen.  Der Grund für ihr anders Lehren: Sie haben die heilsamen Worten unseres Herrn Jesus Christus und die Lehre, die dem Glauben gemäß ist, verlassen.

Hier regiert ein Entweder-oder. Und es regiert die Verdächtigung:  zerrüttete Sinne. Gewinnsucht. Unlautere Motive. Diese Sprache hat Schule gemacht in allzu vielen theologischen Streitschriften. Der Streit um die Wahrheit hat oft genug die Liebe zu den Menschen, auch zu den vielleicht irrenden Mit-Christen in Vergessenheit geraten lassen. Die Liebe lautstark übertönt und als zweitrangig erscheinen lassen. „Sich bescheiden“ weiterlesen

Bedacht umgehen mit allen

  1. Timotheus 5, 17 – 25

17 Die Ältesten, die der Gemeinde gut vorstehen, die halte man zwiefacher Ehre wert, besonders, die sich mühen im Wort und in der Lehre. 18 Denn die Schrift sagt (5.Mose 25,4): »Du sollst dem Ochsen, der da drischt, nicht das Maul verbinden«; und: »Ein Arbeiter ist seines Lohnes wert«.

             Es geht um die Ältesten. Sie stehen als Vorbilder besonders im Blickpunkt. Ihre Aufgabe schützt und fordert zugleich. Es scheint, als gebe es Älteste, die ihre Arbeit besonders sorgfältig tun. Sie sollen zweifache Ehre erfahren. Vom nachfolgenden Wort über den Ochsen, dem man das Futter nicht verwehren soll, liegt es nahe, bei der zweifachen Ehre an höheres Gehalt zu denken. Nur, ist das vorstellbar? „Es würden also zwei Gehaltsstufen der Presbyter je nach der Leistung unterschieden!“ (J.Jeremias, aaO.; S.41) Mir klingt das zu sehr von heute her gedacht, in Ämter-Kategorien und Gehaltsstufen. Und ich stimme zu: „Das klingt nicht eben wahrscheinlich.“ (J.Jeremias, ebda. )

Was aber dann? Wenn es beim Wort „Älteste“ nur vordergründig um eine Amtsbezeichnung geht, aber gleichzeitig um eine Altersbezeichnung? Wenn die Ältesten tatsächlich Ältere, Alte sind, angewiesen auf die Fürsorge der Gemeinde. Dann sagt der Satz womöglich nur: „Die Gemeinde soll freigiebig und großzügig im Unterhalt der alten Männer und Frauen und erst recht nicht zurückhaltend sein, wenn diese einen guten Dienst für die Gemeinde tun.“(H.Bürki, aaO.; S.178) Dieser Gedanke hilft, den Blick ein wenig von der Geldfrage zu lösen.  „Bedacht umgehen mit allen“ weiterlesen