Die Zeit wird knapp

2 Timotheus 4, 9 – 22

9 Beeile dich, bald zu mir zu kommen. 10 Denn Demas hat mich verlassen und diese Welt lieb gewonnen und ist nach Thessalonich gezogen, Kreszens nach Galatien, Titus nach Dalmatien. 11 Lukas ist allein bei mir. Markus nimm zu dir und bringe ihn mit dir; denn er ist mir nützlich zum Dienst. 12 Tychikus habe ich nach Ephesus gesandt. 13 Den Mantel, den ich in Troas ließ bei Karpus, bringe mit, wenn du kommst, und die Bücher, besonders die Pergamente. 14 Alexander, der Schmied, hat mir viel Böses angetan; der Herr wird ihm vergelten nach seinen Werken. 15 Vor dem hüte du dich auch; denn er hat sich unsern Worten sehr widersetzt.

Σπούδασον ἐλθεῖν, spoudaso elthein. Beeile dich – lautmalerisch anknüpfend an die griechischen Worte könnte man sagen: Spute dich zu kommen! Diesen winzigen Ausdruck ernst nehmen, ist verstehen: Das ist der Brief eines Menschen, der weiß, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleibt. Es ist eben nicht das Schreiben eines innerlich unbedrängten Glaubens-Heros, der über den Wolken schwebt und sich zu Mitteilungen an die Kleinen da unten herablässt.

Was die Ermahnungen und Aufforderungen des Paulus letztlich zu sagen haben, zeigt sich hier. Keiner ist nebensächlich, keiner zu gering. An alle denkt er, weil ja doch Gott an alle denkt. Auch Kleinigkeiten sind wichtig. Hinter den Worten wird einer sichtbar, um den es einsam geworden ist. Einer wie Demas ist von sich aus gegangen weil er die Welt liebgewonnen hat. Will er nichts mehr mit dem Evangelium zu tun haben oder nur nichts mehr mit dem Mann im Gefängnis? Ist ihm sein Weg wichtiger als der Beistand bei diesem Evangelisten, der so im Zwielicht ist, um den es so viel Streit auch gibt?

Andere wie Kreszens in Galatien, Titus in Dalmatien, Tychikus in Ephesus sind unterwegs, sie haben zu tun. Tychikus sogar von Paulus gesandt. Weil das Evangelium doch weiterlaufen muss. Er darf, seiner Einsamkeit und vielleicht auch der Sehnsucht des eigenen Herzens – zum Trotz nicht die Boten an sich binden, bei sich festhalten. „Die Zeit wird knapp“ weiterlesen

Predige das Wort

2. Timotheus 4, 1 8

1 So ermahne ich dich inständig vor Gott und Christus Jesus, der richten wird die Lebenden und die Toten, und bei seiner Erscheinung und seinem Reich: 2 Predige das Wort, steh dazu, es sei zur Zeit oder zur Unzeit; weise zurecht, drohe, ermahne mit aller Geduld und Lehre.

Es sind eindrückliche Worte – nachdrücklich vor allem auch durch den Hinweis auf den kommenden Christus. Die Worte sind ja eingegangen in das Bekenntnis, dass viele Gemeinen all-sonntäglich sprechen: „Ich glaube an Jesus Christus… er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten.““ Apostolisches Glaubensbekenntnis EG 804)

Die Worte haben Gewicht, weil sie Timotheus erinnern: Du stehst im Auftrag. Du bist im wahrsten Sinn des Wortes verantwortlich. Διαμαρτύρομα diamartyroma steht da – Ich beschwöre dich. (Einheits-Übersetzung), viel eindringlicher als das sonst häufig verwendete πaρaκάλω, parakalo, das „ermutigen“ und „ermahnen“ heißen kann. Im Griechischen Wort klingt mit an: „Gott und Menschen zum Zeugen anrufen.“(Gemoll, aaO. S, 202) Weil Paulus Timotheus erinnern will: „Was Menschen über dich sagen, ist am Jüngsten Tag ohne Bedeutung; darum sollst du auch jetzt schon frei davon sein.“ (H. Bürki, aaO. S.96) Oder anders: Das Schauen auf die letzte Verantwortung befreit von der Abhängigkeit von Hörer-Zustimmung.

Predige das Wort κήρυξον τὸν λόγον, keryson ton logon – einmal mehr ist es wichtig, sich von vertrauten Bildern freizumachen. Paulus spricht nicht von der Predigt, wie wir sie kennen. Sonntags um 10, fünfzehn oder wohl auch einmal fünfundzwanzig Minuten lang.. „Verkündige das Wort Gottes“ (K. Berger/C. Nord, aaO. S. 758) Von Gott sprechen, von Jesus erzählen, zum glauben ermutigen, wo immer er sein wird. Das Wort, λόγος, logos ist das Evangelium. Um weiter zu verstehen, leihe ich mir Worte eines großen Theologen: „Der Auferstandene ist das Evangelium“ (P. Schütz, Evangelium, Bd. I Gesammelte Werke, Hamburg 1972, S.506) Ihn soll Timotheus seinen Leuten vor Augen malen. Und seit Timotheus alle, die an diesem Predigtamt Anteil haben.

Dieses Predigen ist vielfältig in seinen Akzentuierungen: zurechtweisen, drohen (besser: tadeln), ins Gewissen reden, ermahnen und ermutigen (diesmal steht παρακάλω) mit aller Geduld und Lehre. Es sind keine Worte, die zu gefälliger Rede aufrufen. Im Gegenteil: Es geht nicht darum, den Leuten nach dem Mund zu reden. Es geht um Wegweisung, auch um Forderung, Herausforderung.  Immer geht es darum, dass der Prediger seinen Hörerinnen und Hörern hilft, den Glaubensweg zu gehenen. „Predige das Wort“ weiterlesen

Ein Lernweg des Glaubens

2. Timotheus 3, 10 17

10 Du aber bist mir gefolgt in der Lehre, im Leben, im Streben, im Glauben, in der Langmut, in der Liebe, in der Geduld, 11 in den Verfolgungen, in den Leiden, die mir widerfahren sind in Antiochia, in Ikonion, in Lystra. Welche Verfolgungen ertrug ich da! Und aus allen hat mich der Herr erlöst.

Es ist das Stilmittel des Kontrast – der dunklen Seite wird die helle Wirklichkeit gegenübergestellt. Der dunklen Möglichkeit der ausgefallen Auferweckung, dass alles beim alten bleibt, das hell Licht: „Nun aber ist Christus auferweckt.“ (1. Korinther 15, 20) νυvὶ δέ. Nyni de So auch hier: Σὺ δὲ, sy de – Du aber. Einmal mehr lenkt Paulus den Blick des Timotheus weg von den Problemen, zurück auf sich selbst. Er hält ihm seinen Lebensweg vor, seinen Glaubensweg. Sein Lebensweg bis hierher ist ein Kontrastprogramm zu dem Lasterweg. In der Lehre und in der Lebensführung hat Timotheus den Weg des Paulus geteilt.

Der Reiseweg des Paulus ist sein Lernweg des Glaubens. Es sind die Stationen, die Bibelleser*innen aus der Apostelgeschichte kennen: Antiochia, Ikonion, Lystra. Und auf diesem Weg hat er gelernt, dass das Leben als Christuszeuge in und durch Leiden führt, dass aber der Herr erlöst. Rettet.

12 Und alle, die fromm leben wollen in Christus Jesus, müssen Verfolgung leiden

Das ist das Kriterium, das Paulus anlegt: Der Weg der Christen ist ein Weg hinter Christus her und schließt Leiden nicht aus, sondern ein. εὐσεβῶς ζῆν, eusebos zen fromm leben schließt den Widerspruch der Umwelt, das Leiden , die Verfolgung mit ein. Es ist kein Triumphzug, sondern ein angefochtener Weg. „Was Paulus erfahren hat, gilt für alle Jünger Jesu – unerbittlich ist dieses „alle“ betont – dass die Nachfolge Jesu auf den Kreuzweg führt.“ (J. Jeremias, aaO. S.61)Es ist geradezu das Kennzeichen des Christseins so scheint es hier dass es Widerspruch erfährt und Feindschaft ertragen muss. Und doch: das ist der Weg, der bleibt. Es ist die Schicksalsgemeinschaft der Christ*innen mit dem gekreuzigten Gott, die sich in diesen Verfolgungen zeigt. „Ein Lernweg des Glaubens“ weiterlesen

Kommen noch schlimmere Zeiten?

2. Timotheus 3, 1 9

1 Das sollst du aber wissen, dass in den letzten Tagen schlimme Zeiten kommen werden.

Diese Sicht teilt Paulus mit anderen Schriften des Neuen Testamentes. Die Erwartung an die Zeit ist nicht, dass alles besser wird, sondern dass schlimme Zeiten bevorstehen. Es wird in den letzten Tagen nicht immer besser. Das Neue Testament in seiner Gesamtheit ist weit entfernt vom Fortschrittsglauben unserer Zeiten.

Weit entfernt von der folgenden Erwartung: „Nachdem wir ein beispielloses Maß an Wohlstand, Gesundheit und Harmonie erreicht haben, und angesichts unserer vergangenen Bilanz und unserer gegenwärtigen Werte werden die nächsten Ziele der Menschheit wahrscheinlich Unsterblichkeit, Glück und Göttlichkeit sein. Nachdem wir die Sterblichkeit durch Hunger, Krankheit und Gewalt verringert haben, werden wir darauf hinarbeiten, das Altern und sogar den Tod zu überwinden. Nachdem wir die Menschen aus dem bittersten Elend gerettet haben, werden wir uns nun zum Ziel setzen, sie im positiven Sinn glücklich zu machen.“ (Y. N. Harari, Homo Deus, München 2017, S. 38) Für mich liest sich das wie eine Nachschrift von „Brave New World.“ (A. Huxley, 1932!)

Wie anders und viel näher an der bitteren Realität: „Ihr werdet hören von Kriegen und Kriegsgeschrei; seht zu und erschreckt nicht. Denn das muss so geschehen; aber es ist noch nicht das Ende da. Denn es wird sich ein Volk gegen das andere erheben und ein Königreich gegen das andere; und es werden Hungersnöte sein und Erdbeben hier und dort. Das alles aber ist der Anfang der Wehen.“ (Matthäus 24, 6-8) Die Reden über das nahende Unheil in der Zeit nehmen in den Evangelien breiten Raum ein – durchaus in Spannung zur Botschaft vom gekommenen Reich der Himmel. So ist es auch hier. Der Blick auf die Erlösung und den Erlöser lässt nicht über den Schmerz der schlimmen Zeiten einfach hinwegsehen.

Auf den ersten Blick irritierend: hier steht nicht χρόvoς, Chronos, das Wort für die gleichförmig vergehende Zeit der Welt, die wir Menschen mit gestalten, sondern hier steht das besondere griechische Wort: καιροὶ, kairoi Und das heißt doch: Auch diese schlimmen Zeiten sind Gottes Zeit, seiner Macht nicht entnommen, sondern unterworfen. Gott bleibt auch dann der Herr der Zeit, „Meister Hora.“ (M.Ende, Momo) „Kommen noch schlimmere Zeiten?“ weiterlesen

Keine Worte-Torten

2. Timotheus 2, 14 – 26

14 Daran erinnere sie und ermahne sie inständig vor Gott, dass sie nicht um Worte streiten, was zu nichts nütze ist, als die zu verwirren, die zuhören.

Timotheus ist ein Gemeindeleiter. Darum wird ihm in diesen und den folgenden Sätzen auch genau diese Aufgabe ans Herz gelegt. Als erstes: Kein Streit um Worte. Keine Kämpfe, die nur darauf beruhen, dass der eine nicht ganz die gleichen Worte und Sätze wie der andere sagt, dass sich Glaube unterschiedlich ausdrückt. Es gilt, „die Gemeinde vor Wortkämpfen mit den Sektierern zu bewahren.“ (J. Jeremias, aaO.; S.56) Sie tragen nichts aus, sondern verwirren nur. Das gilt gegenüber denen, die anders lehren, es gilt aber auch in der Gemeinde.

15 Bemühe dich darum, dich vor Gott zu erweisen als ein angesehener und untadeliger Arbeiter, der das Wort der Wahrheit recht vertritt. 16 Halte dich fern von ungeistlichem losem Geschwätz; denn es führt mehr und mehr zu gottlosem Wesen, 17 und ihr Wort frisst um sich wie der Krebs. Unter ihnen sind Hymenäus und Philetus, 18 die von der Wahrheit abgeirrt sind und sagen, die Auferstehung sei schon geschehen, und bringen einige vom Glauben ab.

Mahnen ist das eine, das eigene Beispiele das andere. Timotheus soll selbst bedacht sein, sich nicht in die fruchtlosen Debatten ziehen zu lassen. Das geschieht am besten in der Konzentration auf das eigene Arbeitsfeld und die eigenen Aufgaben. Also: das Evangelium als Wort der Wahrheit λόγος τῆς ἀληθείας, logos tes aletheias – weitertragen. Das ist als Ausdruck kaum zufällig gewählt. Das Evangelium ist verlässliche Wahrheit, es erlaubt sichere, klare Schritte, es ist nicht Illusion oder Halbwahrheit. In der Sprache von heute: Kein Fake. Daneben tritt: Für die da sein, die Hilfe brauchen. Das macht den rechtschaffenen und untadeligen Arbeiter aus, dass er tut, was er zu tun schuldig ist. Das Zusammenwirken von „rechter Lehre und rechtem Leben“ (H. Bürki aaO. S.63)ist im Zentrum geistlichen Dienstes. „Keine Worte-Torten“ weiterlesen

Halte im Gedächtnis Jesus Christus

2. Timotheus 2, 1 13

1 So sei nun stark, mein Kind, durch die Gnade in Christus Jesus.

Der Eindruck verfestigt sich: Timotheus ist einer, der Zuspruch braucht, der Zuwendung braucht, der Rückenstärkung nötig hat. „Die Anrede mein Kind betont erneut das vertrauensvolle Verhältnis, das zwischen `Paulus und `Timotheus´ besteht.“ ( A.Weiser, aaO. S. 156) Es ist ein wenig irreführend: Sei nun stark entspricht nicht dem, was im Griechischen angedeutet ist: Erstarke nun. ἐνδυναμοῦ. Endynamou. Vielleicht könnte man auch sagen: „gewinne Kraft.“ Es ist klar: es geht nicht um die eigenen seelischen Kraftreserven, die Timotheus aktivieren soll. Er soll Kraft gewinnen aus der Gnade.

Gnade, erst recht die Gnade in Jesus Christus ist keine saft- und kraftlose Angelegenheit, nichts Weichliches oder Schwächliches: Sie verleiht Kraft. Sie macht mutig. Sie schenkt einen anderen Blick auf die Wirklichkeit. Sie sieht auch da noch die Möglichkeiten Gottes, wo die Möglichkeiten der Menschen längst an ihre Grenze gekommen sind. Steht doch hinter der Gnade der unbedingte Heilswillen des Herrn aller Herren, des Königs aller Könige.

2 Und was du von mir gehört hast durch viele Zeugen, das befiehl treuen Menschen an, die tüchtig sind, auch andere zu lehren.

Weitergeben. Bote des Evangeliums sein ist nicht die eigene Erfindung, das eigene religiöse Gefühl unter die Leute bringen. Es ist Weitergeben, was man selbst empfangen hat. Timotheus ist einer in einer langen Kette. Er hat aus dem Mund und aus dem Leben des Paulus das Evangelium empfangen – die Worte und das Bekenntnis des Lebens. Es ist zu ihm gekommen durch viele Zeugen. Es ist – so die schöne Übersetzung durch viele Zeugen verbürgt.“ (K. Berger /C. Nord, Das Neue Testament und frühchristliche Schriften, Frankfurt 1999, S.755) Das soll er weitergeben. An treue Menschen, denen er vertraut. Vertrauenswürdige, glaubwürdige Menschen – so πίστοι ἀνθρώποι. Pistoi anthropoi.

Treue und Lehrfähigkeit sind die beiden Hauptbedingungen für den Diener am Wort.“ (H. Bürki, aaO. S.48) Nicht die persönliche Brillanz ist erforderlich, sondern zuallererst Treue. πίστοι steht da – das gleiche Wort, das sonst für Glauben steht. Der Glaube macht treue Menschen. Zuverlässig müssen sie sein, beständig, im Vertrauen fest. „Halte im Gedächtnis Jesus Christus“ weiterlesen

Nicht vergeblich

2. Timotheus 1, 13 18

13 Halte dich an das Vorbild der heilsamen Worte, die du von mir gehört hast, im Glauben und in der Liebe in Christus Jesus. 14 Dieses kostbare Gut, das dir anvertraut ist, bewahre durch den Heiligen Geist, der in uns wohnt.

Die Standhaftigkeit des Paulus entspringt nicht persönlicher Tapferkeit, sondern der Gewissheit, auf dem Weg hinter Jesus her zu sein und von ihm bewahrt zu werden. Einmal mehr Vorbild. Ὑποτύπωσις, Hypotyposis ist kein festgelegtes Bild, das man nachzuahmen hat. Es ist eher ein „Entwurf“ (Gemoll, aaO. S.773), der die Richtung zeigt, in die das eigene Leben gehen kann. Umso wichtiger: Der Mann im Gefängnis ist mit seinem Weg nicht Abschreckung, sondern Richtungsangabe.

Nicht zuletzt ist er Vorbild, Beispiel, Entwurf in dem, was er gepredigt hat. Die Worte, die er weitergegeben hat, haben gute Wirkungen hervorgebracht. Sie sind heilsam. Ὑγιαινός, hygienos gesund. Unter seiner Verkündigung des Glaubens und der Liebe in Jesus Christus sind doch Menschen heil geworden, was mehr sein mag als nur gesund. Das ist wahrlich kostbares Gut. Es ist selbst in dieser verhaltenen Formulierung noch zu spüren: Das Evangelium ist ein Schatz und dass dieser Schatz einem anvertraut ist, bringt zum Staunen. „Nicht vergeblich“ weiterlesen

Den Rücken stärken

  1. Timotheus 1, 1 12

1 Paulus, Apostel Christi Jesu durch den Willen Gottes nach der Verheißung des Lebens in Christus Jesus, 2 an Timotheus mein geliebtes Kind: Gnade, Barmherzigkeit, Friede von Gott, dem Vater, und Christus Jesus, unserm Herrn!

Als hätte er nicht schon einmal an Timotheus geschrieben, so stellt Paulus sich vor. Mit der klassischen antiken Brief-Grußformel. Ihm aber liegt über die Formel hinaus daran: Was immer er sagt oder schreibt – er tut es als Apostel. Ἀπόστολος. Als einer, der durch den Willen Gottes ist, was er ist und der nichts will als in diesem Willen seinen Weg gehen. „Für ihn ist das nicht eine leere Formel, sondern ständig erneutes Bewusstsein dessen, was Gott an ihm tut.“ (H. Bürki, Der zweite Brief des Paulus an Timotheus, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1975, S.17)

Die Spannung ist zu greifen – hier der hochoffizielle Anfang mit Betonung der eigenen Autorität und dann die so persönliche Zuwendung. Im Griechischen steht τέκνov, teknon, korrekt mit Kind zu übersetzen. Dennoch halte ich die alte Luther-Übersetzung Meinem lieben Sohn für sachgemäß und angemessen, weil dieses Kind ein erwachsener Mann ist. Wer würde von sich im Alter von über 25 Jahren als vom „Kind“ geredet hören wollen und sich nicht kleingemacht fühlen? Schon durch die Anrede zeigt Paulus, wie nahe er sich seinem Briefempfänger fühlt. Darum auch wünscht er ihm das Beste, was er ihm wünschen kann: Gnade, Barmherzigkeit, Friede von Gott, dem Vater, und Christus Jesus, unserm Herrn! Auch hier wieder: das ist mehr als nur Formel.

3 Ich danke Gott, dem ich diene von meinen Vorfahren her mit reinem Gewissen, wenn ich ohne Unterlass deiner gedenke in meinem Gebet, Tag und Nacht. 4 Und wenn ich an deine Tränen denke, verlangt mich, dich zu sehen, damit ich mit Freude erfüllt werde.

 Das erste Wort nach dem Gruß ist Dankbarkeit. Paulus ist dankbar für Timotheus. Gott dankbar. Es wirft ein helles Licht auf das Gottesverständnis des Paulus. Das, wie er über Gott denkt, was er von ihm sagt und lehrt, ist in der Spur der Vorfahren. Er sieht sich nicht als einen, der die Spur der Väter verlassen hat, sieht sich nicht als abgefallen vom Glauben der Väter. Und darum dient er ihm mit reinem Gewissen. Daran liegt Paulus, dass der lange Weg, auf den er zurückblicken kann, ein Weg ist, der sein Gewissen nicht belastet und der ihn seinen Vorfahren nicht entfremdet. „Den Rücken stärken“ weiterlesen

Ein letztes Wort: Gnade

1. Timotheus 6, 17 – 21

17 Den Reichen in dieser Welt gebiete, dass sie nicht stolz seien, auch nicht hoffen auf den unsicheren Reichtum, sondern auf Gott, der uns alles reichlich darbietet, es zu genießen; 18 dass sie Gutes tun, reich werden an guten Werken, gerne geben, zum Teilen bereit sind, 19 und sich selbst einen Schatz sammeln als guten Grund für die Zukunft, damit sie das wahre Leben ergreifen.

Aller Lobpreis drängt hin auf die Inkarnation des Lobes in unser Leben. Unser Lob mit dem Mund will gelebt sein mit Händen und Füßen. Als ob es ihm unheimlich sei, kehrt Paulus vom Hymnus sofort zurück zur konkreten Anweisung – über den Reichtum.

Es ist so eine Sache mit dem Reichtum. Er ist in den Schriften des Neuen Testaments nicht so gut beleumundet. Er ist eine unsichere Angelegenheit. Motten und Rost können die angehäuften Schätze fressen, Diebe sie stehlen. (Matthäus 6, 19) Darum ist es nicht klug, sich auf sie zu verlassen. Stolz auf Reichtum ist in keiner Weise angesagt. Diese Warnung an die Reichen – πλουσίοι – mahnt dazu, sich nicht auf den falschen Halt zu verlassen. Es klingt viel mehr eine lebensdienliche Alternative an, die auch den Weg in die Zukunft Gottes offen hält. Erzählt von Jesus, als er einen lobt, der sich durch zumindest zwielichtigen Schuldenerlass seine von ihm abhängigen Schuldner zur Dankbarkeit verpflichtet hat. Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit, wen ner zu End geht, sie euch aufnehmen in die ewigen Hütten.“(Lukas 16,9) „Ein letztes Wort: Gnade“ weiterlesen

Der gute Kampf

1. Timotheus 6, 11 – 16

11 Aber du, Mensch Gottes, fliehe das! Jage aber nach der Gerechtigkeit, der Frömmigkeit, dem Glauben, der Liebe, der Geduld, der Sanftmut! 12 Kämpfe den guten Kampf des Glaubens; ergreife das ewige Leben, wozu du berufen bist und bekannt hast das gute Bekenntnis vor vielen Zeugen.

Aber du. So „ist ein schroffer Gegensatz zwischen dem direkt angeredeten Timotheus und dem vorher nur in unbestimmten Wendungen beschriebenen Personenkreis markiert.“ J. Roloff, aaO. S. 345) Ihm ist der Autor Paulus jetzt ganz zugewandt. Dem Menschen Gottes. ἄνθρωπε θεοῦ – so redet er ihn an, in der Hoffnung, dass ihn das stärkt, weil es ihn an sein Fundamet erinnert. Das erhofft er für ihn, dass er durchhält, klaren Kurs behält, dass er bewährt, was er empfangen hat.

Auch das ist dem Kontrast geschuldet und unterstreicht ihn noch: fliehe – ergreife. φεῦγε· δίωκε,pheuge – dioke. Es gibt keinen Automatismus in geistlichen Dingen, darum die Aufforderungen, die Imperative, die alle nur anspornen, nicht befehlen wollen. Es geht um das Erwerben und Bewahren von Gottvertrauen, von Glauben. Beides, Erwerben und Bewahren fordert Einsatz – oder, wie Paulus sagt: guten Kampf. καλὸς ἀγῶν Das gilt, unbeschadet dessen, dass es Glauben nur als Geschenk gibt. Dass er das eigene Leben durchdringt und prägt, ist mit Arbeit, Einsatz, Kampf verbunden. Von selbst geht da nichts.

In diesem Wort ergreife das ewige Leben, wozu du berufen bist gipfeln die Ermutigungen. Darum geht es, dass in das zeitliche Leben dieses andere Leben, das ewige Leben hineinreicht und mitten im Leben ergriffen wird. Gewollt wird. Gelebt wird. Das Ewige Leben, αιώνιη ζωή, beginnt hier und jetzt – als das Leben aus der Hingabe Christi und der Hingabe an Christus und sein Erbarmen.

Damit hat Timotheus ja schon angefangen – in seinem guten Bekenntnis vor vielen Zeugen. Das Wort Ὁμολογία, Homologia, das mit Bekenntnis übersetzt wird, kann auch Übereinstimmung, Übereinkunft heißen. Es klingt mehr nach der gemeinsam gefundenen Wahrheit als nach einem allein gesprochenen Bekenntnis in Worten, als nach abgefragtem Glaubensinhalt. Sein Weg als Christ, zusammen mit anderen – das ist das schöne Bekenntnis, das gelebte Zeugnis. Auf diesem Weg soll er bleiben. Die Art, in der das geschieht: Der Gerechtigkeit, der Frömmigkeit, dem Glauben, der Liebe, der Geduld, der Sanftmut nachjagen.

Das erinnert an eines der markanten Paulus-Worte: „Nicht, dass ich’s schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich’s wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin.“(Philipper 3,12) Bis in die Wortwahl ähneln sich die beiden Stellen – hier wie dort das griechische διώκω – „nachlaufen, sich anschließen, jagen.“(Gemoll, aaO. S. 222) als das Wort, das dem Verhalten seine Dringlichkeit gibt. Es geht um viel, mehr noch, um alles, um die Ewigkeit Gottes. Dieses Nachjagen, dieses Ergreifen wollen ist der Anfang, den Gott in uns setzt und den wir leben.

13 Ich gebiete dir vor Gott, der alle Dinge lebendig macht, und vor Christus Jesus, der unter Pontius Pilatus bezeugt hat das gute Bekenntnis, 14 dass du das Gebot unbefleckt und untadelig bewahrst bis zur Erscheinung unseres Herrn Jesus Christus, 15 welche uns zeigen wird zu seiner Zeit der Selige und allein Gewaltige, der König aller Könige und Herr aller Herren, 16 der allein Unsterblichkeit hat, der da wohnt in einem Licht, zu dem niemand kommen kann, den kein Mensch gesehen hat noch sehen kann. Dem sei Ehre und ewige Macht! Amen.

Eine seltsame Mischung zwischen Ermahnung und hymnischem Lobpreis. Der Kampf des Glaubens und die Verherrlichung Gottes im staunenden Stammeln gehören ganz eng zusammen. Lobpreis ist nicht Abheben aus der Welt und Versenkung in mystischen Tiefen, sondern es ist Staunen vor der Tat Christi. Und sich hinein geben in diese Tat.

In den Ermahnungen wird der Charakter des christlichen Lebens als Weg und als Kampf deutlich. So ist es ja auch bei Jesus: Er hat standgehalten. Er ist auch vor Pilatus nicht von seinem Weg abgewichen. Er hat in seinem Bezeugen – μαρτυρήσαντος – gezeigt, was es heißt: Zeuge zu sein. Die Ermahnung erlaubt keine unverbindlichen Gedankenspielereien, sondern sie fordert das Ja und den Akt des Gehorsams. Darum auch dieses deutliche: Ich gebiete dir. παραγγέλλω σοι. Dieses Gebieten stellt Timotheus vor Gott und vor Jesus Christus. Das ist die letzte Instanz. „An das Bekennen Jesu Christi soll Timotheus sich anschließen… Das Bekenntnis Jesu Christi wird nun zum Bekenntnis zu Jesus Christus.“(J. Roloff, aaO. S. 351)

Über allem steht die liebevolle Sorge um den jungen Mitarbeiter. Es scheint mir diese Sorge in ihrem Mut zum konkreten Wort und in ihrer geistlichen Kraft ein großes Geschenk des Heiligen Geistes. Ermahnen können ist Charisma – Charismen werden im Gebet empfangen.

Man kann darüber stolpern: Das Gebot soll Timotheus bewahren. Das ist keine Aufforderung zu buchstäblichen Halten des Gesetzes. Keine Einweisung in Paragraphen. Hier steht eben nicht νόμος für Gesetz, sondern ἐντολή. Ein Wort, das viel naher am hebräischen thora dran ist, an der Weisung. Es geht um die Wegweisung, die sich aus dem Leben Jesu ergibt, aus dem Glauben an ihn. Da, im Glauben, ist nicht alles möglich, sondern eine Spur ist gelegt, der es zu folgen gilt.

Von dieser letzten Instanz vor Gott – coram deo, ἐνώπιον τοῦ θεοῦ – kann Paulus nicht anders reden als im Lob, im Staunen, in der Anbetung. Über alles Verstehen hinaus weisen die Worte. Paulus hält fest: Wir glauben Jesus Christus, Mensch unter Menschen. Gelitten, gekreuzigt unter Pontius Pilatus. Im Tod in die Gottesferne gestoßen. Aber in ihm, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, stehen wir zugleich vor der Wirklichkeit dessen, den aller Himmel Himmel nicht fassen können, der da wohnt in einem Licht, zu dem niemand kommen kann. Dem Gott, aus dem alles Leben kommt und zu dem alles Leben zurückkehrt.

Zum Weiterdenken

Es hat in meinen Augen guten geistlichen Sinn, dass die Worte dieses Hymnus mit zu den Worten gehören, die wir liturgisch bei Beerdigungen am offenen Grab verwenden. Helfen sie uns doch, angesichts des Todes das Lob Gottes festzuhalten. Wahrscheinlich ist es so, dass wir neu lernen müssen – das Fragen nach dem Grund des Glaubens zu verbinden mit dem Staunen, dem Feiern des Glaubens.

Manchmal fehlen mir die Worte, mein Jesus, die Dich loben, die Deine Güte preisen, die mein Staunen aussagen können. Manchmal komme ich mir sprachlos vor. Nur wenn es ans Klagen geht, ans Kritisieren, dann gehen mir die Worte nie aus.

Lehre es mich, die Stille zu suchen, das Verweilen vor Dir zu üben, den Kampf des Glaubens auszufechten, der in mir so oft tobt. Gib Du mir die Worte, die mir fehlen, Lob, Pres, Anbetung, und wandle Du mir die Worte, die mir so leicht zufallen. Amen