Andere haben etwas davon – Leben aus der Menschenliebe Gottes

Titus 3, 1 – 15

1 Erinnere sie daran, dass sie der Gewalt der Obrigkeit untertan und gehorsam seien, zu allem guten Werk bereit, 2 niemanden verleumden, nicht streiten, gütig seien, alle Sanftmut beweisen gegen alle Menschen. 3 Denn auch wir waren früher unverständig, ungehorsam, gingen in die Irre, waren mancherlei Begierden und Gelüsten dienstbar und lebten in Bosheit und Neid, waren verhasst und hassten uns untereinander.

            Wieder geht es um die Lebensführung. Der Anfang erinnert an Worte aus dem Römerbrief: „Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat.“(Römer 13,1) Und: „Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt.“ (Römer 13,8)

            Aber man liest zu wenig, wenn man nur Untertanengeist liest. Nur eine Aufforderung zum Wohlverhalten. Vielmehr geht es darum, dass im Leben von Christen ein Unterschied erkennbar wird zwischen dem, was sie früher waren und dem, was sie durch Christus heute sind. Es sind scharfe Gegensätze, die sich in Verhaltensmustern zeigen – Verhaltensmustern des Alltags und des sozialen Lebens und nicht nur Mustern ausgeübter Frömmigkeitspraxis.

            Dass sie Christen sind, soll für andere eine gute Erfahrung sein – darum stehen Mahnungen im Vordergrund, die auf ein soziales Miteinander aus sind. Niemanden verleumden, nicht streiten, gütig seien, alle Sanftmut beweisen gegen alle Menschen. Es sind in unsrem Denken heute sozial verträgliche Standards, die hier gesetzt werden. Ob sich darin zugleich eine Anpassung an die Ethik des Umfeldes zu Wort meldet und ob das bewusst aus apologetischen Gründen geschieht, kann offen bleiben. Aber es bleibt eine wichtige Beobachtung, dass die Mahnungen an die Gemeinde nicht völlig neben dem liegen, was als wertvolle ethische Haltung auch bei den ungläubigen Nachbarn Anerkennung finden dürfte.

            Ob es dafür die Schwarz-Weiß-Zeichnung: Früher waren wir üble Konsorten – jetzt leben wir anders braucht, sei dahin gestellt. Es könnte ja auch sein, dass das, was wir als fast karikierendes Bild empfinden, die Wirklichkeit der Gemeinde widerspiegelt.   „Andere haben etwas davon – Leben aus der Menschenliebe Gottes“ weiterlesen

Ich bin vergnügt, erlöst, befreit

Titus 2, 11 – 15

11 Denn es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen 12 und nimmt uns in Zucht, dass wir absagen dem ungöttlichen Wesen und den weltlichen Begierden und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt leben 13 und warten auf die selige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes und unseres Heilands Jesus Christus,

            Das ist das feste Fundament, auf dem Christen stehen können. Es ist von Christus gelegt. Die Erlösung ist nicht das Werk der Menschen, sie ist sein Werk. Die heilsame Gnade Gottes ist allen Menschen erschienen. In dem einen Menschen Jesus Christus. Nicht wir erlösen, uns selbst oder auch andere – er erlöst. Aber diese Erlösung geschieht so, dass wir uns aktiv abwenden. Aus der Zuwendung Gottes kommt eine Abwendung des Menschen, eine Neuausrichtung des eigenen Lebens. Dabei ist es so: Sich abkehren, alte Gewohnheiten, alte Lebensmuster verlassen, ist harte Arbeit. Es kostet Mühe, weil es so leicht ist, rückfällig zu werden.

            Vielleicht hilft es, täglich, immer wieder zu singen:

            Weg mit allen Schätzen, du bist mein Ergötzen, Jesu, meine Lust!
Weg, ihr eitlen Ehren, ich mag euch nicht hören, bleibt mir unbewusst!
Elend, Not, Kreuz, Schmach und Tod
soll mich, ob ich viel muss leiden, nicht von Jesu scheiden.                                                                                Johann Franck 1653, EG 396

            Das ist ein anderes Lebenskonzept als das, was vorher war. Das muss nicht spektakulär sein – besonnen, gerecht und fromm sind nicht nur heutzutage nicht die Wette, die in einer Rang-Skala des Verhaltens ganz weit oben stehen. Dieses Lebenskonzept muss und wird auch nicht schlagzeilen-trächtig sein. Aber nachhaltig soll es sein. Durchgehalten in einer großen Treue.

            In der Luther-Übersetzung von 1964 stand noch statt besonnen „züchtig“. Das Wort ist aus dem normalen Sprachschatz verschwunden. Es ist durch besonnen gut ersetzt. Besonnene Menschen sind nicht angstgeleitet, auch nicht triebgesteuert. Auch nicht machtbesessen. Sie müssen sich nicht aufgeregt selbst in Szene setzen. Sie tun, was dran ist. Sie sind der Sache und nicht dem Image verpflichtet. Sie sind den Werten treu, die uns das Hören auf das Evangelium erschließt – dem Erbarmen, der Gerechtigkeit, der Geduld, die keinen aufgibt. Solche Besonnenheit ist eine Qualität, die gerade in aufgeregten Zeiten besonders rar und gleichzeitig gefragt ist.

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Auf das eigene Leben achten

Titus 2, 1 – 10

1 Du aber rede, wie sich’s ziemt nach der heilsamen Lehre.

            Kommt jetzt Theologie? Wird jetzt erklärt, was die gesunde Lehre ist? An dieser Stelle könnte doch ein kleiner Einführungskurs in frühchristliche Dogmatik erfolgen. Oder setzt Paulus einfach voraus, dass Titus schon weiß, was ihm da vorschwebt? Weil er es ja oft genug von dem Apostel gehört hat: „Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“ (1. Korinther 3,11) Er ist das Zentrum der heilsame Lehre.

2 Den alten Männern sage, dass sie nüchtern seien, ehrbar, besonnen, gesund im Glauben, in der Liebe, in der Geduld; 3 desgleichen den alten Frauen, dass sie sich verhalten, wie es sich für Heilige ziemt, nicht verleumderisch, nicht dem Trunk ergeben. Sie sollen aber Gutes lehren 4 und die jungen Frauen anhalten, dass sie ihre Männer lieben, ihre Kinder lieben, 5 besonnen seien, keusch, häuslich, gütig und sich ihren Männern unterordnen, damit nicht das Wort Gottes verlästert werde. 6 Desgleichen ermahne die jungen Männer, dass sie besonnen seien 7 in allen Dingen.

            Es geht mit einer anderen Art Theologie weiter. Mit Anweisungen zur Gemeindeleitung. Die sind nach allen Richtungen gedacht. Da ist die Vielfalt der Gemeinde abgebildet in den Mahnungen, die an die einzelnen Gruppen und die einzelnen Leute geht. Das Leitwort in allen Mahnungen ist „besonnen“. σφρονας. In dieses Wort fließen viele positive Verhaltensmuster mit ein: Nüchtern, ehrbar, geduldig. Es fällt kaum auf: Der Dreiklang „Glaube Liebe, Hoffnung“ (1.Korinther 13, 13) wird hier leicht verändert: Glauben, Liebe Geduld. Vielleicht darf man so weit gehen und sagen: Die Geduld ist die Lebensgestalt der Hoffnung.

         Schön ist das Zutrauen, dass die verschiedenen Gruppen der Gemeinde auch einander helfen können, gute Schritte im Glauben und im Leben zu gehen. So sollen die alten Frauen auf die jungen Frauen einwirken. Wohl weniger durch Reden sondern mehr durch ihr Beispiel, die eigene Lebensführung. „Auf das eigene Leben achten“ weiterlesen

Schrille Töne

Titus 1, 10 – 16

10 Denn es gibt viele Freche, unnütze Schwätzer und Verführer, besonders die aus den Juden, 11 denen man das Maul stopfen muss, weil sie ganze Häuser verwirren und lehren, was nicht sein darf, um schändlichen Gewinns willen.

            Das klingt schrill. Selbst dann, wenn man unterstellt, dass diese Worte das Umfeld meinen und nicht die Menschen in der Gemeinde. Aber vermutlich geht es gar nicht um die Umwelt, sondern um Menschen in den eigenen Reihen, was den Ton noch härter macht: „Nun werden die Irrlehrer charakterisiert. Sie stellen für die junge ungefestigte kretische Gemeinde eine besonders ernste Gefahr dar, weshalb energisches Vorgehen am Platz ist.“(J.Jeremias Der Brief an Titus, NTD 9, Göttingen 1975, S.70)

             Die, die die Gemeinde durcheinander bringen, Freche, unnütze Schwätzer und Verführer – ob sie nun aus den Juden kommen oder von woanders her, müssen zum Schweigen gebracht werden. Es könnte sein, dass diese Störenfriede als Lehrer mit der Forderung des Gesetzes aufgetreten sind, wie so manche mit einer jüdischen Herkunft. Aber es kann auch sein, dass andere Hintergründe mitspielen. Das wird nicht deutlich.

           Deutlich wird aber, wie weit diese Worte entfernt sind von dem liebenden Werben der Worte aus dem Brief an die Römer in den Kapiteln 9 – 11. Hier ist keine Brücke zu den jüdischen Brüdern. Hier ist keine Hoffnung, sie zu gewinnen. Die Liebe, mit der Paulus um seine Volksgenossen gekämpft hat, ist in diesen Worten nicht mehr spürbar oder gar in Hass umgeschlagen. „Schrille Töne“ weiterlesen

Gute Organisation – gute Leute

Titus 1, 1 – 9

 Paulus, ein Knecht Gottes und ein Apostel Jesu Christi, nach dem Glauben der Auserwählten Gottes und der Erkenntnis der Wahrheit, die dem Glauben gemäß ist, 2 in der Hoffnung auf das ewige Leben, das Gott, der nicht lügt, verheißen hat vor den Zeiten der Welt; 3 aber zu seiner Zeit hat er sein Wort offenbart durch die Predigt, die mir anvertraut ist nach dem Befehl Gottes, unseres Heilands;

             Der Briefkopf, also der Anfang dieses Briefes, die Selbstvorstellung des Brief-Schreibers Paulus ist länger als in allen anderen Paulusbriefen. Er stellt sich vor als Knecht Gottes, als Apostel Jesu Christi. Dann aber auch sofort als einer, der Glauben mit anderen teilt, mit den Auserwählten Gottes.

     Gleich wird auch in den ersten Zeilen der Glaube, πστις, benannt – als Quelle, Grund und Richtschnur für das eigene Leben. Die beiden Wendungen sind aufeinander bezogen – nach dem Glauben und gemäß der Frömmigkeit. So ist εσβεια eigentlich zu übersetzen und nicht wie oben: die dem Glauben gemäß ist. Aus dem Glauben, der Wahrheit Gottes erwächst die Frömmigkeit, die Gottesfurcht. „Wenn Gottes Heilswahrheit nicht zur Frömmigkeit führt, hat sie ihren Sinn verfehlt.“ (H. Bürki, Der Brief des Paulus an Titus, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1987, S. 144) Sie ist Frucht des Glaubens und nicht einfach nur ein äußerlicher Habitus. Schon gar nicht frommes Getue oder Frömmelei.

      Ganz gedrängt und verdichtet, tauchen Hauptworte der christlichen Lehre auf: Glauben, Erkenntnis der Wahrheit, Frömmigkeit. Es ist, als wolle der Schreiber schon in den ersten Sätzen unmissverständlich klar machen: Was mich treibt ist das Evangelium: Um Wahrheit und Glauben, um Hoffnung geht es, um die Bereitung hin auf das Ende der Zeiten. Um zu empfangen, was Gott verheißen hat – das ewige Leben. Das sind verlässliche Worte, weil Gott der ist, der nicht lügt. Was er sagt, geschieht. Was er verheißt, wird erfüllt.

        Und er, Paulus, weiß sich dazu gerufen, dem zu dienen, die Wahrheit Gottes offenbar zu machen durch sein Tun und Reden. Das ist alles andere als selbstverständlich. Denn es gab eine Zeit, in der das alles zwar schon verheißen war, aber noch nicht enthüllt, vor den Zeiten der Welt. Aber jetzt ist andere Zeit, weil Gott eine neue Zeit gesetzt hat: Zu seiner Zeit hat er sein Wort offenbart durch die Predigt. „Gute Organisation – gute Leute“ weiterlesen

Die Zuflucht

2 Timotheus 4, 9 – 22

9 Beeile dich, dass du bald zu mir kommst. 10 Denn Demas hat mich verlassen und diese Welt lieb gewonnen und ist nach Thessalonich gezogen, Kreszens nach Galatien, Titus nach Dalmatien. 11 Lukas ist allein bei mir. Markus nimm zu dir und bringe ihn mit dir; denn er ist mir nützlich zum Dienst. 12 Tychikus habe ich nach Ephesus gesandt. 13 Den Mantel, den ich in Troas ließ bei Karpus, bringe mit, wenn du kommst, und die Bücher, besonders die Pergamente. 14 Alexander, der Schmied, hat mir viel Böses angetan; der Herr wird ihm vergelten nach seinen Werken. 15 Vor dem hüte du dich auch; denn er hat sich unsern Worten sehr widersetzt.

            Das ist der Brief eines Menschen und nicht das Schreiben eines innerlich unbedrängten Glaubens-Heros, der über den Wolken schwebt und sich zu Mitteilungen an die Kleinen da unten herab lässt. Was die Ermahnungen und Aufforderungen des Paulus letztlich zu sagen haben, zeigt sich hier. Keiner ist nebensächlich, keiner zu gering. An alle denkt er, weil ja doch Gott an alle denkt. Auch Kleinigkeiten sind wichtig.

            Hinter den Worten wird einer sichtbar, um den es einsam geworden ist. Einer wie Demas ist von sich aus gegangen – weil er die Welt lieb gewonnen hat. Will er nichts mehr mit dem Evangelium zu tun haben oder nur nichts mehr mit dem Mann im Gefängnis? Ist ihm sein Weg wichtiger als der Beistand bei diesem Evangelisten, der so im Zwielicht ist, um den es so viel Streit auch gibt?

            Andere wie Kreszens in Galatien, Titus in Dalmatien, Tychikus in Ephesus sind unterwegs. Tychikus sogar von Paulus gesandt. Weil das Evangelium doch weiter laufen muss. Er darf, seiner Einsamkeit – und vielleicht auch der Sehnsucht des eigenen Herzens – zum Trotz nicht die Boten an sich binden, bei sich festhalten. „Die Zuflucht“ weiterlesen

Predige das Wort!

  1. . Ein wenig wirken sie wie letzte Worte, denen besonderes Gewicht zukommt. Timotheus 4, 1 – 8

 1 So ermahne ich dich inständig vor Gott und Christus Jesus, der da kommen wird zu richten die Lebenden und die Toten, und bei seiner Erscheinung und seinem Reich: 2 Predige das Wort, steh dazu, es sei zur Zeit oder zur Unzeit; weise zurecht, drohe, ermahne mit aller Geduld und Lehre.

               Es sind eindrückliche Worte – nachdrücklich auch durch den Hinweis auf den kommenden Christus. Weil sie Timotheus erinnern: Du stehst im Auftrag. Du bist im wahrsten Sinn des Wortes verantwortlich. Διαμαρτρομαι steht da – Ich beschwöre dich. (Einheits-Übersetzung), viel eindringlicher als das sonst häufig verwendete παρακάλω, das „ermutigen“ und „ermahnen““ heißen kann. Weil Paulus Timotheus erinnern will: „Was Menschen über dich sagen, ist am Jüngsten Tag ohne Bedeutung; darum sollst du auch jetzt schon frei davon sein.“(H.Bürki, Der zweite Brief des Paulus an Timotheus, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1975, S196) Oder anders: Das Schauen auf die letzte Verantwortung befreit von der Abhängigkeit von Hörer-Zustimmung.

          Daraus ergibt sich, worum es Paulus geht: Predige das Wort. Das ist der Satz, der bis heute ein Ordnungsruf ist. Ein Wort, das mich sehr berührt hat und mir immer auch den Rücken gestärkt. Es geht nicht darum, schöne Geschichten zu erzählen, sich selbst als Prediger darzustellen. Es geht um den Dienst am Wort. Nichts soll sich dazwischen schieben dürfen – keine gelehrte Wissenschaft, keine neugierige Spekulation, keine Sensationslust, keine Gefühlsabhängigkeit und kein Nachgeben vor Hörerwünschen. Nicht die Hörer entscheiden über die Treue zum Auftrag, sondern der Auftraggeber. Geht es nach den Hörern, so geht es oft um Selbstbestätigung, die unter der Hand doch auch zur Belastung wird.

              Predige das Wort – das wird Paulus wenig später so sagen: tu das Werk eines Predigers des Evangeliums. Das Wort , λγος, ist das Evangelium. Um weiter zu verstehen, leihe ich mir Worte eines großen Theologen: „Der Auferstandene ist das Evangelium“ (P. Schütz, Evangelium, Bd. I Gesammelte Werke, Hamburg 1972, S.506) Ihn soll Timotheus seinen Leuten vor Augen malen. Und seit Timotheus alle, die an diesem Predigtamt Anteil haben.

         Dieses Predigen ist vielfältig in seinen Akzentuierungen: zurechtweisen, drohen (besser: tadeln), ins Gewissen reden, ermahnen und ermutigen (diesmal steht παρακάλω!) mit aller Geduld und Lehre. Immer geht es darum, dass der Prediger seinen Hörerinnen und Hörern hilft, den Glaubensweg zu gehen. „Predige das Wort!“ weiterlesen

Dem Wort vertrauen – Gott vertrauen

  1. Timotheus 3, 10 – 17

10 Du aber bist mir gefolgt in der Lehre, im Leben, im Streben, im Glauben, in der Langmut, in der Liebe, in der Geduld, 11 in den Verfolgungen, in den Leiden, die mir widerfahren sind in Antiochia, in Ikonion, in Lystra. Welche Verfolgungen ertrug ich da! Und aus allen hat mich der Herr erlöst.

             Einmal mehr lenkt Paulus den Blick des Timotheus weg von den Problemen, zurück auf sich selbst. Er hält ihm seinen Lebensweg vor, seinen Glaubensweg. In der Lehre und in der Lebensführung hat Timotheus den Weg des Paulus geteilt. Der Reiseweg des Paulus ist sein Lernweg des Glaubens. Und auf diesem Weg hat er gelernt, dass das Leben als Christuszeuge in und durch Leiden führt, dass aber der Herr erlöst. Rettet.

12 Und alle, die fromm leben wollen in Christus Jesus, müssen Verfolgung leiden

             Das ist das Kriterium, das Paulus anlegt: Der Weg der Christen ist ein Weg hinter Christus her und schließt Leiden nicht aus, sondern ein. Es ist kein Triumphzug, sondern ein angefochtener Weg. „Was Paulus erfahren hat, gilt für alle Jünger Jesu – unerbittlich ist dieses „alle“ betont – dass die Nachfolge Jesu auf den Kreuzweg führt.“ (J.Jeremias, Die Briefe an Timotheus und Titus, NTD 9, Göttingen 1975, S.61) Es ist geradezu das Kennzeichen des Christseins – so scheint es hier – dass es Widerspruch erfährt und Feindschaft ertragen muss. Und doch: das ist der Weg, der bleibt. „Dem Wort vertrauen – Gott vertrauen“ weiterlesen

In guten und in schweren Zeiten

  1. Timotheus 3, 1 – 9

1 Das sollst du aber wissen, dass in den letzten Tagen schlimme Zeiten kommen werden.

        Diese Sicht teilt Paulus mit anderen Schriften des Neuen Testamentes. Die Erwartung an die Zeit ist nicht, dass alles besser wird, sondern dass schlimme Zeiten bevorstehen. „Ihr werdet hören von Kriegen und Kriegsgeschrei; seht zu und erschreckt nicht. Denn das muss so geschehen; aber es ist noch nicht das Ende da. Denn es wird sich ein Volk gegen das andere erheben und ein Königreich gegen das andere; und es werden Hungersnöte sein und Erdbeben hier und dort. Das alles aber ist der Anfang der Wehen.“(Matthäus 24, 6-8) Die Reden über das nahende Unheil in der Zeit nehmen breiten Raum ein – durchaus in Spannung zur Botschaft vom gekommenen Reich der Himmel. So ist es auch hier. Der Blick auf die Erlösung und den Erlöser lässt nicht über den Schmerz der schlimmen Zeiten einfach hinweg sehen.

            Für mich irritierend: hier steht nicht χρόνος, das Wort für die gleichförmig vergehende Zeit der Welt, die wir Menschen mit gestalten, sondern hier steht das besondere griechische Wort: καιροί. Und das heißt Auch diese schlimmen Zeiten sind Gottes Zeit, seiner Macht nicht entnommen, sondern unterworfen. Gott bleibt auch dann der Herr der Zeit, „Meister Hora.“ (M.Ende, Momo)

2 Denn die Menschen werden viel von sich halten, geldgierig sein, prahlerisch, hochmütig, Lästerer, den Eltern ungehorsam, undankbar, gottlos, 3 lieblos, unversöhnlich, verleumderisch, zuchtlos, wild, dem Guten Feind, 4 Verräter, unbedacht, aufgeblasen. Sie lieben die Wollust mehr als Gott; 5 sie haben den Schein der Frömmigkeit, aber deren Kraft verleugnen sie; solche Menschen meide!

             In den Endzeitreden Jesu werden die schlimmen Zeiten vor allem durch Krieg, Katastrophen, Hungersnöte gekennzeichnet. Hier werden sie anders charakterisiert: Durch ein Verhalten der Einzelnen, das völlig selbstbezogen ist, nur noch das eigene Ich, aber keine Skrupel mehr kennt. Übergriffig gegen Menschen, vor allem Schwächere und zuchtlos. Es ist ein Verlust an Humanität, ein Gleichgültig-werden gegenüber allen Werten.

            Und das alles unter dem Deckmantel, dem Schein der Frömmigkeit. μρφωσις εσεβεας – könnte man auch mit „Gestalt der Frömmigkeit“ übersetzen. Heute liegt es nahe: Unter dem Vorwand der Religion. Wir erleben ja gerade, wie eine erschreckende, bestialische Inhumanität sich religiöser Formeln bedient. Wie unter dem Vorwand einer religiösen „Erneuerung“ in Wahrheit die blanke Macht gesucht wird. Und Menschen sich alle Rechte nehmen, über andere Menschen zu verfügen, über Leib und Leben. Es ist erschreckend, aber der Missbrauch des Glaubens und der Frömmigkeit sind uralt. Und nicht Gott ist der Mörder, der auf der Flucht ist. Menschen sind die Mörder, die Gott zum Aufgeben zwingen wollen, weil sie sich selbst an seine Stelle setzen.     „In guten und in schweren Zeiten“ weiterlesen

Liebe macht sorgfältig

2. Timotheus 2, 14 – 26

14 Daran erinnere sie und ermahne sie inständig vor Gott, dass sie nicht um Worte streiten, was zu nichts nütze ist, als die zu verwirren, die zuhören.

Timotheus ist ein Gemeindeleiter. Darum wird ihm in diesen und den folgenden Sätzen auch genau diese Aufgabe ans Herz gelegt. Als erstes: Kein Streit um Worte. Keine Kämpfe, die nur darauf beruhen, dass der eine nicht ganz die gleichen Worte und Sätze wie der andere sagt, dass sich Glaube unterschiedlich ausdrückt. Es gilt, „die Gemeinde vor Wortkämpfen mit den Sektierern zu bewahren.“(J.Jeremias, aaO.; S.56) Sie tragen nichts aus, sondern verwirren nur. Das gilt gegenüber denen, die anders lehren, es gilt aber auch in der Gemeinde.

15 Bemühe dich darum, dich vor Gott zu erweisen als einen rechtschaffenen und untadeligen Arbeiter, der das Wort der Wahrheit recht austeilt. 16 Halte dich fern von ungeistlichem losem Geschwätz; denn es führt mehr und mehr zu ungöttlichem Wesen, 17 und ihr Wort frisst um sich wie der Krebs. Unter ihnen sind Hymenäus und Philetus, 18 die von der Wahrheit abgeirrt sind und sagen, die Auferstehung sei schon geschehen, und bringen einige vom Glauben ab.

Mahnen ist das eine, das eigene Beispiele das andere. Timotheus soll selbst bedacht sein, sich nicht in die fruchtlosen Debatten ziehen zu lassen. Das geschieht am besten in der Konzentration auf das eigene Arbeitsfeld und die eigenen Aufgaben. Also: das Evangelium als Wort der Wahrheit weitertragen, für die da sein, die Hilfe brauchen. Das macht den rechtschaffenen und untadeligen Arbeiter aus, dass er tut, was er zu tun schuldig ist. Das Zusammenwirken von „rechter Lehre und rechtem Leben“ (H.Bürki aaO.; S.63) ist im Zentrum geistlichen Dienstes.

Paulus möchte Timotheus davor bewahren, „von der Epidemie des bloßen „Maulbrauchens“ angesteckt“ zu werden. (Luther zit. nach H.Bürki, ebda.) Darum diese doch auch schroffe Einschätzung: Die Worte der anderen fressen um sich wie Krebsgeschwüre. Erstmals wird ein Streitpunkt deutlich benannt: Hymenäus und Philetus sagen, die Auferstehung sei schon geschehen. Das ist eine Position, die es auch in der Gemeinde in Korinth gegeben hat, wo die zukünftige Auferstehung bestritten worden ist, weil sie mit dem Schritt zum Glauben als schon geschehen galt. Der schon im ersten Brief an Timotheus genannte Hymnäus gehört auch hier zu den Gegnern, deren Lehren als Irrlehre gekennzeichnet wird.

19 Aber der feste Grund Gottes besteht und hat dieses Siegel: Der Herr kennt die Seinen; und: Es lasse ab von Ungerechtigkeit, wer den Namen des Herrn nennt.

Das ist der feste Grund, der von Gott gelegt ist, auf den es gleichwohl gilt, sich immer neu zu stellen: Der Herr kennt die Seinen. Mag sein, die Welt kennt sie nicht. Mag sein, sie haben keinen guten Namen bei denen, die um sie herum leben. Aber er, der Herr, kennt sie und darauf kommt es an. „Der aber zur Tür hineingeht, der ist der Hirte der Schafe. Dem macht der Türhüter auf, und die Schafe hören seine Stimme; und er ruft seine Schafe mit Namen und führt sie hinaus.“ (Johannes 10, 2-3)

Die Konsequenz aus diesem Bekannt-sein, beim Namen genannt sein ist, dass einer auf sich selbst achtet, auf die Art, wie er lebt. Sich vor Ungerechtigkeit bewahrt. Dass der Herr die Namen der Seinen kennt, ist kein Freibrief, sondern stellt auf einen Weg zur Achtsamkeit.

20 In einem großen Haus aber sind nicht allein goldene und silberne Gefäße, sondern auch hölzerne und irdene, die einen zu ehrenvollem, die andern zu nicht ehrenvollem Gebrauch. 21 Wenn nun jemand sich reinigt von solchen Leuten, der wird ein Gefäß sein zu ehrenvollem Gebrauch, geheiligt, für den Hausherrn brauchbar und zu allem guten Werk bereitet.

Der Volksmund sagt: Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Und in jedem Haus gibt es Schmutzecken und Geräte unterschiedlicher Art. Manche zieren, andere werden zwar benötigt, aber nicht zur Schau gestellt. Und schließlich gibt es die Geräte, die untauglich sind.

Das Wort kann als eine Aufforderung gelesen werden, das Haus, also die Gemeinde, von den Irrlehrern zu reinigen. Also sie auszuschließen. Es kann aber auch defensiver gelesen werden, vor allem wegen der Wendung: Wenn nun jemand sich reinigt von solchen Leuten. Das klingt, als sollte Timotheus einfach nur die Ansteckungsgefahr meiden, den Umgang abbrechen, aber nicht Gemeindezucht durch Ausschluss üben. Und: Er soll bei dem bleiben, was er gelernt hat, was ihm anvertraut worden ist.

Das beste Mittel im Streit ist die Wahrheit. Das beste Mittel, um in der verwirrten Gemeinde für Klarheit zu sorgen, ist nicht der Ausschluss irgendwelcher Leute, sondern das beharrliche eigene Bleiben am Wort der Wahrheit.

22 Fliehe die Begierden der Jugend! Jage aber nach der Gerechtigkeit, dem Glauben, der Liebe, dem Frieden mit allen, die den Herrn anrufen aus reinem Herzen. 23 Aber die törichten und unnützen Fragen weise zurück; denn du weißt, dass sie nur Streit erzeugen.

Auf dieser Linie lese ich auch die Aufforderung in den Worten jetzt. Timotheus soll sich nicht hinreißen lassen durch „Leidenschaftlichkeit, Eitelkeit, geistlichen Hochmut.“ (J.Jeremias, aaO.; S.58) Nichts, was zuvor in den Briefen verhandelt worden ist, deutet darauf hin, dass mit den Begierden der Jugend irgendwelche Sinnlichkeiten gemeint ein könnten. Timotheus macht mir nicht den Eindruck, als müsste man ihn vor erotisch gefärbten Abenteuern warnen.

Und wieder: Abstand von den Wortgefechten. Es sind starke, eindrückliche Worte: Fliehe! Jage! Weise zurück. Die Eindrücklichkeit dieser Worte weist darauf hin, dass es nicht um Nebensächlichkeiten geht. Dieser Eindruck wird gestützt durch die positive Reihe: Timotheus soll sich ausstrecken nach der Gerechtigkeit, dem Glauben, der Liebe, dem Frieden mit allen, die den Herrn anrufen.

Es ist die Spannung, die wohl jedes Christenleben erfährt: Es gibt keine Hinkehr zu Christus ohne die Abkehr von dem, was ihm nicht entspricht. Und beides, die Hinkehr zu Christus, das Jagen nach seiner Liebe, seinem Frieden, seiner Gerechtigkeit und die Abkehr von dem, was lähmt und in die Traurigkeit zieht, bleiben eine lebenslange Herausforderung. Der Kampf ums Christsein endet nicht mit der Bekehrung, sondern hat in ihr seinen Startpunkt.

24 Ein Knecht des Herrn aber soll nicht streitsüchtig sein, sondern freundlich gegen jedermann, im Lehren geschickt, der Böses ertragen kann 25 und mit Sanftmut die Widerspenstigen zurechtweist, ob ihnen Gott vielleicht Buße gebe, die Wahrheit zu erkennen 26 und wieder nüchtern zu werden aus der Verstrickung des Teufels, von dem sie gefangen sind, zu tun seinen Willen.

Wie kommt Paulus zu dieser Aufforderung? Gab es zänkische, streitsüchtige Knechte? War er der vielen Auseinandersetzungen irgendwann doch müde? Oder sieht er die Gefahr, dass Timotheus seine Unsicherheit durch herrisches Auftreten und Rechthaberei verdecken wollen könnte? Es kann auch die erneut wiederholte Ermahnung des Älteren an den Jüngeren sein, sich aus den unnötigen, unnützen und fruchtlosen Streitereien um Worte heraus zu halten. Nicht jede „geistliche Frage“ ist die Mühe einer Antwort wert. Manche Diskussionen sind schlichte Geschwätzigkeiten.

Meine Frage: Gilt das alles nur für den „geistlichen“ Menschen oder ist das nicht auch im alltäglichen Zusammenleben gut? Es ist doch gut, wenn sich Freundlichkeit und Langmut und Sanftmut gegen die Tendenz, alles und jedes kritisch zu hinterfragen und zu analysieren, behaupten können. „Ein Knecht des Herrn Jesus weiß, dass schlagfertige Widerlegung der Gegner nicht der Weg ihrer Bekehrung ist, sondern – die Liebe, die ihnen freundlich begegnet, die bereit ist zur Rechenschaft über die eigene Glaubensgewissheit, die sich auch einmal etwas gefallen lassen kann und die den Gegner mit Sanftmut zurecht weist.“(J.Jeremias, ebda.)

Es gehört zu den erschreckenden Erfahrungen meines eigenen Lebens: Man kann aus einer Debatte siegreich hervorgehen. Der Gesprächspartner oder die Gesprächspartnerin verstummt, weil sie keine Argumente mehr hat. Man hat ein Gespräch gewonnen – aber: man hat den Menschen dabei verloren. Es wäre besser gewesen, nicht siegen zu wollen.

Luther hat das wohl so gesehen, so zeigt es die Erklärung zum 8. Gebot. „Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unsern Nächsten nicht aus Falschheit belügen, verraten, verleumden oder hinter seinem Rücken reden, sondern sollen ihn entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum Besten kehren.“ Darum suche ich die Freundlichkeit gegen jedermann, besonders gegenüber denen, die mich nerven durch ihre Art und gegenüber denen, die mir nahe stehen. Die Freude am Reichtum Christi und an den guten Gaben der Schöpfung will umgewandelt werden in spürbare Freundlichkeit gegen jedermann.

Herr Jesus
Du willst nicht
dass wir skrupelhaft werden
Aber Du willst auch nicht
dass wir gleichgültig werden
Das Vertrauen auf Deine Liebe
macht nicht stumpf
lässt nicht nebensächlich werden
sich um ein gutes Miteinander zu mühen

Es ist gerade die erfahrene Liebe
die sorgfältig macht
um Liebe kämpfen lässt
gerade auch zu denen
die so liebenswert nicht sind. Amen