Lebensgrund für alle: Gottes Menschenfreundlichkeit

Titus 3, 1 – 15

1 Erinnere sie daran, dass sie sich den Obrigkeiten, die die Macht haben, unterordnen, dass sie gehorsam seien und zu allem guten Werk bereit, 2 niemanden verleumden, nicht streiten, freundlich seien und alle Sanftmut beweisen gegen alle Menschen. 3 Denn auch wir waren früher unverständig, ungehorsam, gingen in die Irre, waren mancherlei Begierden und Gelüsten dienstbar und lebten in Bosheit und Neid, waren verhasst und hassten uns untereinander.

Wieder – oder immer noch – geht es um die Lebensführung. Der Anfang erinnert an Worte aus dem Römerbrief: „Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat.“(Römer 13,1) Und: „Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt.“ (Römer 13,8)

Aber man liest zu wenig, wenn man nur Untertanengeist liest. Nur eine Aufforderung zum Wohlverhalten. Vielmehr geht es darum, dass im Leben von Christen ein Unterschied erkennbar wird zwischen dem, was sie früher waren und dem, was sie durch Christus heute sind. Es sind scharfe Gegensätze, die sich in Verhaltensmustern zeigen – Verhaltensmustern des Alltags und des sozialen Lebens und nicht nur Mustern ausgeübter Frömmigkeitspraxis.

Dass sie Christen sind, soll für andere eine gute Erfahrung sein – darum stehen Mahnungen im Vordergrund, die auf ein soziales Miteinander aus sind. Niemanden verleumden, nicht streiten, freundlich seien, alle Sanftmut beweisen gegen alle Menschen. Es sind in unserem Denken heute sozial verträgliche Standards, die hier gesetzt werden. Es ist die Forderung an die Frömmigkeit, dass andere etwas von ihr haben! Dass sie eben nicht nur dem eigenen seelischen Wohlbefinden dient, sondern spürbar wird als Wohltat für andere.

Ob sich darin zugleich eine Anpassung an die positive Ethik des Umfeldes zu Wort meldet und ob das bewusst aus apologetischen Gründen geschieht, kann offen bleiben. Aber es bleibt eine wichtige Beobachtung, dass die Mahnungen an die Gemeinde nicht völlig neben dem liegen, was als wertvolle ethische Haltung auch bei den ungläubigen Nachbarn Anerkennung finden dürfte. „Lebensgrund für alle: Gottes Menschenfreundlichkeit“ weiterlesen

Was sichtbar geworden ist und sichtbar werden soll

Titus 2, 1 – 15

1 Du aber rede, wie sich’s ziemt nach der heilsamen Lehre.

Kommt jetzt Theologie? Wird jetzt erklärt, was die heilsame Lehre ist? An dieser Stelle könnte doch ein kleiner Einführungskurs in frühchristliche Dogmatik erfolgen. Oder setzt Paulus einfach voraus, dass Titus schon wissen wird, was ihm vorschwebt? Weil er es ja oft genug von dem Apostel gehört hat: „Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“(1. Korinther 3,11) Er ist das Zentrum der heilsamen Lehre.

2 Den alten Männern sage, dass sie nüchtern seien, ehrbar, besonnen, gesund im Glauben, in der Liebe, in der Geduld; 3 desgleichen den alten Frauen, dass sie sich verhalten, wie es Heiligen ziemt, nicht verleumderisch, nicht dem Trunk ergeben, fähig Gutes zu lehren 4  damit sie die jungen Frauen anhalten, dass sie ihre Männer lieben, ihre Kinder lieben, 5 verständig seien, keusch, häuslich, gütig und sich ihren Männern unterordnen, damit nicht das Wort Gottes gelästert werde. 6 Desgleichen ermahne die jungen Männer, dass sie besonnen seien 7 in allen Dingen.

Nein, es folgt keine Entfaltung der Lehrsätze des Glaubens. Es geht mit einer anderen Art Theologie weiter. Mit Anweisungen zur Gemeindeleitung, nach allen Richtungen gedacht: An die alten Männer – πρεσβύτας, presbytas – und die alten Frauen. Πρεσβύτιδας. Presbytidas. Die griechischen Worte werden sonst für die Ältesten verwendet, die eine Gemeinde leiten. Wenn das hier auch der Fall sein sollte, dann hätten wir einen winzigen Hinweis, dass auch Frauen in die Gemeindeleitung einbezogen sein könnten.

Jedenfalls ist die Vielfalt der Gemeinde abgebildet in den Mahnungen, die an die einzelnen Gruppen und die einzelnen Leute geht. Das Leitwort in allen Mahnungen ist „besonnen“. σφρονας. In dieses Wort fließen viele positive Verhaltensmuster mit ein: Nüchtern, ehrbar, geduldig. Jedesmal, wenn das Wort „besonnen“ erscheint, ist es nötig, sich daran zu erinnern, dass das Wort eine hellenistische Haupttugend nennt.“(H. Bürki, aaO. S. 168) Diese Mahnungen sind anschlussfähig an die Umwelt. Es fällt kaum auf: Der Dreiklang „Glaube Liebe, Hoffnung“ (1.Korinther 13, 13) wird hier leicht verändert: Glauben, Liebe, Geduld. Vielleicht darf man so weit gehen und sagen: Die Geduld ist die Lebensgestalt der Hoffnung.

Schön ist das Zutrauen, dass die verschiedenen Gruppen der Gemeinde auch einander helfen können, gute Schritte im Glauben und im Leben zu gehen. So sollen die alten Frauen auf die jungen Frauen einwirken. Wohl weniger durch Reden sondern mehr durch ihr Beispiel, die eigene Lebensführung.

Besonders auffällig ist allerdings, dass sich fast alle Anregungen auf das „normale Leben“ beziehen. Es geht nicht um Gebetshaltungen und Meditations-Übungen, um Gottesdienst-Besuche, um Stille Zeit oder ähnliches. Thema sind vielmehr die Geduld, die Nüchternheit, der Verzicht auf Verleumdungen, die Liebe zu den Kindern…. Gut mit Menschen umgehen ist nach der Sicht des Paulus mindestens genauso wichtig wie Frömmigkeitsübungen. Vielleicht ist es ein Teil der Frömmigkeits-Übungen, dass ich anderen dazu helfe, dass sie gut leben können? „Was sichtbar geworden ist und sichtbar werden soll“ weiterlesen

Gemeinde ordnen – aber wie?

Titus 1, 1 –16

1 Paulus, Knecht Gottes und Apostel Jesu Christi, nach dem Glauben der Auserwählten Gottes und der Erkenntnis der Wahrheit, die der Frömmigkeit gemäß ist, 2 in der Hoffnung auf das ewige Leben, das Gott, der nicht lügt, verheißen hat vor den Zeiten der Welt; 3 aber zu seiner Zeit hat er sein Wort offenbart durch die Predigt, die mir anvertraut ist nach dem Befehl Gottes, unseres Heilands;

Der Briefkopf, die Selbstvorstellung des Brief-Schreibers Paulus ist länger „als in allen anderen Paulusbriefen, aus genommen den an die Römer. (H. Bürki, Der Brief des Paulus an Titus, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1987, S. 143) Er stellt sich vor als Knecht Gottes, als Apostel Jesu Christi. Dann aber auch sofort als einer, der Glauben mit anderen teilt, mit den Auserwählten Gottes. Diese ausführliche Vorstellung mit ihren Hinweisen wirkt gewichtig, auch ein wenig gestelzt. Wenn der Brief an sein rechtes Kind gerichtet ist, versteht man das nicht. Das mag ein erster Zeichen dafür sein, dass hier kein Privatbrief vorliegt, sondern eine Art „amtliches Schreiben“.

In den ersten Zeilen wird der Glaube, πίστις, pistis – als Quelle, Grund und Richtschnur für das eigene Leben benannt. Die Wendungen sind aufeinander bezogen – nach dem Glauben und der Frömmigkeit gemäß. So ist εὐσέβεια, eusebeia zu übersetzen Aus dem Glauben, der Wahrheit Gottes erwächst die Frömmigkeit, die Gottesfurcht. „Wenn Gottes Heilswahrheit nicht zur Frömmigkeit führt, hat sie ihren Sinn verfehlt.“(H. Bürki, aaO. S. 144) Sie ist Frucht des Glaubens und nicht einfach nur ein äußerlicher Habitus. Schon gar nicht frommes Getue oder Frömmelei.

Gedrängt und verdichtet, tauchen Hauptworte der christlichen Lehre auf: Glauben, Erkenntnis der Wahrheit, Frömmigkeit. Es ist, als wolle der Schreiber schon in den ersten Sätzen unmissverständlich klar machen: Was mich treibt ist das Evangelium: Um Wahrheit und Glauben, um Hoffnung geht es, um die Bereitung hin auf das Ende der Zeiten. Um zu empfangen, was Gott verheißen hat – das ewige Leben. Verlässliche Worte, weil Gott der ist, der nicht lügt. Was er sagt, geschieht. Was er verheißt, wird erfüllt.

Er, Paulus, der Schreiber dieses Briefes, weiß sich dazu gerufen, die Wahrheit Gottes offenbar zu machen durch sein Tun und Reden. Das ist alles andere als selbstverständlich. Denn es gab eine Zeit, in der das alles zwar verheißen war, aber noch verhüllt, vor den Zeiten der Welt. Aber jetzt ist andere Zeit, weil Gott eine neue Zeit gesetzt hat: Zu seiner Zeit hat er sein Wort offenbart durch die Predigt. Das ist das, was die Zeit dieses Briefes charakterisiert – sie ist ein Geschenk, weil Gott enthüllt hat, offenbart, was zuvor verborgen war. Ἐφανέρωσεν , ephanerosen – er hat es sichtbar werden lassen. „Gott enthüllt etwas, was für die Erkenntnis der gegenwärtigen Weltzeit verhüllt ist.Er offenbar etwas, was nach den Erkenntnisbedingungen der gegenwärtigen Weltzeit unerkennbar ist.“(J. Moltmann, Der gekreuzigte Gott, München 1972, S. 154) Nicht senkrecht von oben, sondern durch die Predigt, ἐν κηρύγματι, en kerygmati – in der Verkündigung.

Das erinnert an den Anfang des Hebräer-Briefes: „Nachdem Gott vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten, hat er in diesen letzten Tagen zu uns geredet durch den Sohn, den er eingesetzt hat zum Erben über alles, durch den er auch die Welt gemacht hat.“(Hebräer 1,1-2)

Wenn man hier  Selbstbewusstsein des Paulus hört, so trifft es nicht. Es ist ein anderes Sendungs-Bewusstsein, nicht so, wie das heute leicht verstanden wird. Paulus sieht nicht sich selbst als groß, wohl aber seine Botschaft. Sich selbst sieht er als Knecht, als Sklave – so wörtlich ja δοῦλος, doulos. Aber die Botschaft, die er zu sagen hat, die ist groß, großartig. Weil sie den Weg zum Leben öffnet. „Gemeinde ordnen – aber wie?“ weiterlesen

Die Zeit wird knapp

2 Timotheus 4, 9 – 22

9 Beeile dich, bald zu mir zu kommen. 10 Denn Demas hat mich verlassen und diese Welt lieb gewonnen und ist nach Thessalonich gezogen, Kreszens nach Galatien, Titus nach Dalmatien. 11 Lukas ist allein bei mir. Markus nimm zu dir und bringe ihn mit dir; denn er ist mir nützlich zum Dienst. 12 Tychikus habe ich nach Ephesus gesandt. 13 Den Mantel, den ich in Troas ließ bei Karpus, bringe mit, wenn du kommst, und die Bücher, besonders die Pergamente. 14 Alexander, der Schmied, hat mir viel Böses angetan; der Herr wird ihm vergelten nach seinen Werken. 15 Vor dem hüte du dich auch; denn er hat sich unsern Worten sehr widersetzt.

Σπούδασον ἐλθεῖν, spoudaso elthein. Beeile dich – lautmalerisch anknüpfend an die griechischen Worte könnte man sagen: Spute dich zu kommen! Diesen winzigen Ausdruck ernst nehmen, ist verstehen: Das ist der Brief eines Menschen, der weiß, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleibt. Es ist eben nicht das Schreiben eines innerlich unbedrängten Glaubens-Heros, der über den Wolken schwebt und sich zu Mitteilungen an die Kleinen da unten herablässt.

Was die Ermahnungen und Aufforderungen des Paulus letztlich zu sagen haben, zeigt sich hier. Keiner ist nebensächlich, keiner zu gering. An alle denkt er, weil ja doch Gott an alle denkt. Auch Kleinigkeiten sind wichtig. Hinter den Worten wird einer sichtbar, um den es einsam geworden ist. Einer wie Demas ist von sich aus gegangen weil er die Welt liebgewonnen hat. Will er nichts mehr mit dem Evangelium zu tun haben oder nur nichts mehr mit dem Mann im Gefängnis? Ist ihm sein Weg wichtiger als der Beistand bei diesem Evangelisten, der so im Zwielicht ist, um den es so viel Streit auch gibt?

Andere wie Kreszens in Galatien, Titus in Dalmatien, Tychikus in Ephesus sind unterwegs, sie haben zu tun. Tychikus sogar von Paulus gesandt. Weil das Evangelium doch weiterlaufen muss. Er darf, seiner Einsamkeit und vielleicht auch der Sehnsucht des eigenen Herzens – zum Trotz nicht die Boten an sich binden, bei sich festhalten. „Die Zeit wird knapp“ weiterlesen

Predige das Wort

2. Timotheus 4, 1 8

1 So ermahne ich dich inständig vor Gott und Christus Jesus, der richten wird die Lebenden und die Toten, und bei seiner Erscheinung und seinem Reich: 2 Predige das Wort, steh dazu, es sei zur Zeit oder zur Unzeit; weise zurecht, drohe, ermahne mit aller Geduld und Lehre.

Es sind eindrückliche Worte – nachdrücklich vor allem auch durch den Hinweis auf den kommenden Christus. Die Worte sind ja eingegangen in das Bekenntnis, dass viele Gemeinen all-sonntäglich sprechen: „Ich glaube an Jesus Christus… er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten.““ Apostolisches Glaubensbekenntnis EG 804)

Die Worte haben Gewicht, weil sie Timotheus erinnern: Du stehst im Auftrag. Du bist im wahrsten Sinn des Wortes verantwortlich. Διαμαρτύρομα diamartyroma steht da – Ich beschwöre dich. (Einheits-Übersetzung), viel eindringlicher als das sonst häufig verwendete πaρaκάλω, parakalo, das „ermutigen“ und „ermahnen“ heißen kann. Im Griechischen Wort klingt mit an: „Gott und Menschen zum Zeugen anrufen.“(Gemoll, aaO. S, 202) Weil Paulus Timotheus erinnern will: „Was Menschen über dich sagen, ist am Jüngsten Tag ohne Bedeutung; darum sollst du auch jetzt schon frei davon sein.“ (H. Bürki, aaO. S.96) Oder anders: Das Schauen auf die letzte Verantwortung befreit von der Abhängigkeit von Hörer-Zustimmung.

Predige das Wort κήρυξον τὸν λόγον, keryson ton logon – einmal mehr ist es wichtig, sich von vertrauten Bildern freizumachen. Paulus spricht nicht von der Predigt, wie wir sie kennen. Sonntags um 10, fünfzehn oder wohl auch einmal fünfundzwanzig Minuten lang.. „Verkündige das Wort Gottes“ (K. Berger/C. Nord, aaO. S. 758) Von Gott sprechen, von Jesus erzählen, zum glauben ermutigen, wo immer er sein wird. Das Wort, λόγος, logos ist das Evangelium. Um weiter zu verstehen, leihe ich mir Worte eines großen Theologen: „Der Auferstandene ist das Evangelium“ (P. Schütz, Evangelium, Bd. I Gesammelte Werke, Hamburg 1972, S.506) Ihn soll Timotheus seinen Leuten vor Augen malen. Und seit Timotheus alle, die an diesem Predigtamt Anteil haben.

Dieses Predigen ist vielfältig in seinen Akzentuierungen: zurechtweisen, drohen (besser: tadeln), ins Gewissen reden, ermahnen und ermutigen (diesmal steht παρακάλω) mit aller Geduld und Lehre. Es sind keine Worte, die zu gefälliger Rede aufrufen. Im Gegenteil: Es geht nicht darum, den Leuten nach dem Mund zu reden. Es geht um Wegweisung, auch um Forderung, Herausforderung.  Immer geht es darum, dass der Prediger seinen Hörerinnen und Hörern hilft, den Glaubensweg zu gehenen. „Predige das Wort“ weiterlesen

Ein Lernweg des Glaubens

2. Timotheus 3, 10 17

10 Du aber bist mir gefolgt in der Lehre, im Leben, im Streben, im Glauben, in der Langmut, in der Liebe, in der Geduld, 11 in den Verfolgungen, in den Leiden, die mir widerfahren sind in Antiochia, in Ikonion, in Lystra. Welche Verfolgungen ertrug ich da! Und aus allen hat mich der Herr erlöst.

Es ist das Stilmittel des Kontrast – der dunklen Seite wird die helle Wirklichkeit gegenübergestellt. Der dunklen Möglichkeit der ausgefallen Auferweckung, dass alles beim alten bleibt, das hell Licht: „Nun aber ist Christus auferweckt.“ (1. Korinther 15, 20) νυvὶ δέ. Nyni de So auch hier: Σὺ δὲ, sy de – Du aber. Einmal mehr lenkt Paulus den Blick des Timotheus weg von den Problemen, zurück auf sich selbst. Er hält ihm seinen Lebensweg vor, seinen Glaubensweg. Sein Lebensweg bis hierher ist ein Kontrastprogramm zu dem Lasterweg. In der Lehre und in der Lebensführung hat Timotheus den Weg des Paulus geteilt.

Der Reiseweg des Paulus ist sein Lernweg des Glaubens. Es sind die Stationen, die Bibelleser*innen aus der Apostelgeschichte kennen: Antiochia, Ikonion, Lystra. Und auf diesem Weg hat er gelernt, dass das Leben als Christuszeuge in und durch Leiden führt, dass aber der Herr erlöst. Rettet.

12 Und alle, die fromm leben wollen in Christus Jesus, müssen Verfolgung leiden

Das ist das Kriterium, das Paulus anlegt: Der Weg der Christen ist ein Weg hinter Christus her und schließt Leiden nicht aus, sondern ein. εὐσεβῶς ζῆν, eusebos zen fromm leben schließt den Widerspruch der Umwelt, das Leiden , die Verfolgung mit ein. Es ist kein Triumphzug, sondern ein angefochtener Weg. „Was Paulus erfahren hat, gilt für alle Jünger Jesu – unerbittlich ist dieses „alle“ betont – dass die Nachfolge Jesu auf den Kreuzweg führt.“ (J. Jeremias, aaO. S.61)Es ist geradezu das Kennzeichen des Christseins so scheint es hier dass es Widerspruch erfährt und Feindschaft ertragen muss. Und doch: das ist der Weg, der bleibt. Es ist die Schicksalsgemeinschaft der Christ*innen mit dem gekreuzigten Gott, die sich in diesen Verfolgungen zeigt. „Ein Lernweg des Glaubens“ weiterlesen

Kommen noch schlimmere Zeiten?

2. Timotheus 3, 1 9

1 Das sollst du aber wissen, dass in den letzten Tagen schlimme Zeiten kommen werden.

Diese Sicht teilt Paulus mit anderen Schriften des Neuen Testamentes. Die Erwartung an die Zeit ist nicht, dass alles besser wird, sondern dass schlimme Zeiten bevorstehen. Es wird in den letzten Tagen nicht immer besser. Das Neue Testament in seiner Gesamtheit ist weit entfernt vom Fortschrittsglauben unserer Zeiten.

Weit entfernt von der folgenden Erwartung: „Nachdem wir ein beispielloses Maß an Wohlstand, Gesundheit und Harmonie erreicht haben, und angesichts unserer vergangenen Bilanz und unserer gegenwärtigen Werte werden die nächsten Ziele der Menschheit wahrscheinlich Unsterblichkeit, Glück und Göttlichkeit sein. Nachdem wir die Sterblichkeit durch Hunger, Krankheit und Gewalt verringert haben, werden wir darauf hinarbeiten, das Altern und sogar den Tod zu überwinden. Nachdem wir die Menschen aus dem bittersten Elend gerettet haben, werden wir uns nun zum Ziel setzen, sie im positiven Sinn glücklich zu machen.“ (Y. N. Harari, Homo Deus, München 2017, S. 38) Für mich liest sich das wie eine Nachschrift von „Brave New World.“ (A. Huxley, 1932!)

Wie anders und viel näher an der bitteren Realität: „Ihr werdet hören von Kriegen und Kriegsgeschrei; seht zu und erschreckt nicht. Denn das muss so geschehen; aber es ist noch nicht das Ende da. Denn es wird sich ein Volk gegen das andere erheben und ein Königreich gegen das andere; und es werden Hungersnöte sein und Erdbeben hier und dort. Das alles aber ist der Anfang der Wehen.“ (Matthäus 24, 6-8) Die Reden über das nahende Unheil in der Zeit nehmen in den Evangelien breiten Raum ein – durchaus in Spannung zur Botschaft vom gekommenen Reich der Himmel. So ist es auch hier. Der Blick auf die Erlösung und den Erlöser lässt nicht über den Schmerz der schlimmen Zeiten einfach hinwegsehen.

Auf den ersten Blick irritierend: hier steht nicht χρόvoς, Chronos, das Wort für die gleichförmig vergehende Zeit der Welt, die wir Menschen mit gestalten, sondern hier steht das besondere griechische Wort: καιροὶ, kairoi Und das heißt doch: Auch diese schlimmen Zeiten sind Gottes Zeit, seiner Macht nicht entnommen, sondern unterworfen. Gott bleibt auch dann der Herr der Zeit, „Meister Hora.“ (M.Ende, Momo) „Kommen noch schlimmere Zeiten?“ weiterlesen

Keine Worte-Torten

2. Timotheus 2, 14 – 26

14 Daran erinnere sie und ermahne sie inständig vor Gott, dass sie nicht um Worte streiten, was zu nichts nütze ist, als die zu verwirren, die zuhören.

Timotheus ist ein Gemeindeleiter. Darum wird ihm in diesen und den folgenden Sätzen auch genau diese Aufgabe ans Herz gelegt. Als erstes: Kein Streit um Worte. Keine Kämpfe, die nur darauf beruhen, dass der eine nicht ganz die gleichen Worte und Sätze wie der andere sagt, dass sich Glaube unterschiedlich ausdrückt. Es gilt, „die Gemeinde vor Wortkämpfen mit den Sektierern zu bewahren.“ (J. Jeremias, aaO.; S.56) Sie tragen nichts aus, sondern verwirren nur. Das gilt gegenüber denen, die anders lehren, es gilt aber auch in der Gemeinde.

15 Bemühe dich darum, dich vor Gott zu erweisen als ein angesehener und untadeliger Arbeiter, der das Wort der Wahrheit recht vertritt. 16 Halte dich fern von ungeistlichem losem Geschwätz; denn es führt mehr und mehr zu gottlosem Wesen, 17 und ihr Wort frisst um sich wie der Krebs. Unter ihnen sind Hymenäus und Philetus, 18 die von der Wahrheit abgeirrt sind und sagen, die Auferstehung sei schon geschehen, und bringen einige vom Glauben ab.

Mahnen ist das eine, das eigene Beispiele das andere. Timotheus soll selbst bedacht sein, sich nicht in die fruchtlosen Debatten ziehen zu lassen. Das geschieht am besten in der Konzentration auf das eigene Arbeitsfeld und die eigenen Aufgaben. Also: das Evangelium als Wort der Wahrheit λόγος τῆς ἀληθείας, logos tes aletheias – weitertragen. Das ist als Ausdruck kaum zufällig gewählt. Das Evangelium ist verlässliche Wahrheit, es erlaubt sichere, klare Schritte, es ist nicht Illusion oder Halbwahrheit. In der Sprache von heute: Kein Fake. Daneben tritt: Für die da sein, die Hilfe brauchen. Das macht den rechtschaffenen und untadeligen Arbeiter aus, dass er tut, was er zu tun schuldig ist. Das Zusammenwirken von „rechter Lehre und rechtem Leben“ (H. Bürki aaO. S.63)ist im Zentrum geistlichen Dienstes. „Keine Worte-Torten“ weiterlesen

Halte im Gedächtnis Jesus Christus

2. Timotheus 2, 1 13

1 So sei nun stark, mein Kind, durch die Gnade in Christus Jesus.

Der Eindruck verfestigt sich: Timotheus ist einer, der Zuspruch braucht, der Zuwendung braucht, der Rückenstärkung nötig hat. „Die Anrede mein Kind betont erneut das vertrauensvolle Verhältnis, das zwischen `Paulus und `Timotheus´ besteht.“ ( A.Weiser, aaO. S. 156) Es ist ein wenig irreführend: Sei nun stark entspricht nicht dem, was im Griechischen angedeutet ist: Erstarke nun. ἐνδυναμοῦ. Endynamou. Vielleicht könnte man auch sagen: „gewinne Kraft.“ Es ist klar: es geht nicht um die eigenen seelischen Kraftreserven, die Timotheus aktivieren soll. Er soll Kraft gewinnen aus der Gnade.

Gnade, erst recht die Gnade in Jesus Christus ist keine saft- und kraftlose Angelegenheit, nichts Weichliches oder Schwächliches: Sie verleiht Kraft. Sie macht mutig. Sie schenkt einen anderen Blick auf die Wirklichkeit. Sie sieht auch da noch die Möglichkeiten Gottes, wo die Möglichkeiten der Menschen längst an ihre Grenze gekommen sind. Steht doch hinter der Gnade der unbedingte Heilswillen des Herrn aller Herren, des Königs aller Könige.

2 Und was du von mir gehört hast durch viele Zeugen, das befiehl treuen Menschen an, die tüchtig sind, auch andere zu lehren.

Weitergeben. Bote des Evangeliums sein ist nicht die eigene Erfindung, das eigene religiöse Gefühl unter die Leute bringen. Es ist Weitergeben, was man selbst empfangen hat. Timotheus ist einer in einer langen Kette. Er hat aus dem Mund und aus dem Leben des Paulus das Evangelium empfangen – die Worte und das Bekenntnis des Lebens. Es ist zu ihm gekommen durch viele Zeugen. Es ist – so die schöne Übersetzung durch viele Zeugen verbürgt.“ (K. Berger /C. Nord, Das Neue Testament und frühchristliche Schriften, Frankfurt 1999, S.755) Das soll er weitergeben. An treue Menschen, denen er vertraut. Vertrauenswürdige, glaubwürdige Menschen – so πίστοι ἀνθρώποι. Pistoi anthropoi.

Treue und Lehrfähigkeit sind die beiden Hauptbedingungen für den Diener am Wort.“ (H. Bürki, aaO. S.48) Nicht die persönliche Brillanz ist erforderlich, sondern zuallererst Treue. πίστοι steht da – das gleiche Wort, das sonst für Glauben steht. Der Glaube macht treue Menschen. Zuverlässig müssen sie sein, beständig, im Vertrauen fest. „Halte im Gedächtnis Jesus Christus“ weiterlesen

Nicht vergeblich

2. Timotheus 1, 13 18

13 Halte dich an das Vorbild der heilsamen Worte, die du von mir gehört hast, im Glauben und in der Liebe in Christus Jesus. 14 Dieses kostbare Gut, das dir anvertraut ist, bewahre durch den Heiligen Geist, der in uns wohnt.

Die Standhaftigkeit des Paulus entspringt nicht persönlicher Tapferkeit, sondern der Gewissheit, auf dem Weg hinter Jesus her zu sein und von ihm bewahrt zu werden. Einmal mehr Vorbild. Ὑποτύπωσις, Hypotyposis ist kein festgelegtes Bild, das man nachzuahmen hat. Es ist eher ein „Entwurf“ (Gemoll, aaO. S.773), der die Richtung zeigt, in die das eigene Leben gehen kann. Umso wichtiger: Der Mann im Gefängnis ist mit seinem Weg nicht Abschreckung, sondern Richtungsangabe.

Nicht zuletzt ist er Vorbild, Beispiel, Entwurf in dem, was er gepredigt hat. Die Worte, die er weitergegeben hat, haben gute Wirkungen hervorgebracht. Sie sind heilsam. Ὑγιαινός, hygienos gesund. Unter seiner Verkündigung des Glaubens und der Liebe in Jesus Christus sind doch Menschen heil geworden, was mehr sein mag als nur gesund. Das ist wahrlich kostbares Gut. Es ist selbst in dieser verhaltenen Formulierung noch zu spüren: Das Evangelium ist ein Schatz und dass dieser Schatz einem anvertraut ist, bringt zum Staunen. „Nicht vergeblich“ weiterlesen