Vom Zweitwohnsitz Christi

Matthäus 25, 31 – 46

Keine einleitenden Worte, die sagen: ein Gleichnis. Wir lesen die „letzte ausführliche Unterweisung Jesu an seinen Jünger.“(U. Luz,  aaO.  S. 517) Und, soweit ich das sehen kann, die ausführlichste Schilderung dessen, was wir „Weltgericht“ nennen.

31 Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit, 32 und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, 33 und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken.

             Das Kommen des Menschensohnes wird anders sein als das Auftreten Jesu jetzt. Jetzt ist er einer wie wir, verwechselbar, ohne alle äußere Macht. Und die Selbstbezeichnung Menschensohn könnte fast einfach „ich“ bedeuten. Dann aber wird er kommen in Herrlichkeit und alle Engel mit ihm. Es ist die Majestät, die dem allmächtigen Gott eignet.

Er kommt – zum Gericht. Zum Gericht, das nicht irgendwo in einem Winkel stattfindet. Alle Völker werden vor ihm, vor dem Thron der Herrlichkeit versammelt. πντα τ θνη meint die ganze Völkerwelt, nicht nur die Christen, auch nicht nur die Heiden. Wirklich alle. Die gleiche Wendung wird am Ende des Evangeliums gebraucht werden: „Geht hin und macht zu Jüngern alle Völker.“(28,19) Auch dort wieder πντα τ θνη. Darum schließe ich aus, dass nur die Heiden gemeint sein könnten, auch nicht nur die Christen. Es geht wirklich um alle.

Der richtende Menschensohn scheidet, unterscheidet, trennt. Sortiert nach links und rechts. Wie ein Hirte. Das gilt auch: die Schafe und Böcke wissen nicht, wie ihnen geschieht. Das ist zugleich der einzige Satz im ganzen Text, der ein Gleichnis andeutet.

Man tut gut daran, eine inhaltliche Bedeutung, warum die Schafe rechts, die Böcklein oder Zicklein aber links zu stehen kommen, nicht zu überspannen. Es könnte auch genau anders herum sein. Es geht nicht um das Geschlecht der Tiere, auch nicht um ihre Farbe – Schafe weiß, Böcke schwarz, auch nicht um ihre Nützlichkeit, Schafe geben Milch, Böcke nicht. Die Verteilung nach links und rechts, nach Schafen und Böcken, ist schlicht der Erzählung geschuldet. „Vom Zweitwohnsitz Christi“ weiterlesen

Einsatz gefragt

Matthäus 25, 14 – 30

14 Denn es ist wie mit einem Menschen, der außer Landes ging: Er rief seine Knechte und vertraute ihnen sein Vermögen an; 15 dem einen gab er fünf Zentner Silber, dem andern zwei, dem dritten einen, jedem nach seiner Tüchtigkeit, und zog fort.

 Das gibt es zur Zeit Jesu öfters: reiche Leute, die ihre Habe Verwaltern anvertrauen. Ihren Knechten. Ob seine Knechte, δοι δολοι, wirklich Sklaven sind, sei dahingestellt. Das Wort wird sonst allerdings in dieser Bedeutung gebraucht. Vielleicht geht es auch „nur“ um das Abhängigkeitsverhältnis, das Gefälle in der sozialen Stellung.

Dieser Auftrag zur Vermögensverwaltung ist ein großer Vertrauensbeweis des Herrn an die Knechte.. Es ist eine durchgreifende Änderung der bisherigen Situation. Als Knechte in Anwesenheit ihres Herren gibt es für sie nur den Gehorsam aufs Wort hin. Der Herr befiehlt und sie tun das Befohlene. Kein Knecht wird in der Anwesenheit des Herren ohne Auftrag handeln. Aber nun werden die Knechte durch den Weggang des Herren zu selbständig Handelnden. An ihnen hängt jetzt sein Besitz. Sie sind jetzt Verwalter seines Vermögens. Er selbst macht sie dazu. Er traut ihnen zu, dass sie seinen Besitz ordentlich verwalten, gar mehren, so dass er Gewinn von ihrem Tun haben wird.

Der Mensch, wie ihn hier Matthäus beschreibt, kennt und beurteilt seine Knechte und er vertraut ihnen nach ihren Fähigkeiten an. Auch noch dem, dem nur einen Zentner, ein Talent anvertraut wird, wird damit unendlich viel gegeben. Diesen Vertrauensbeweis darf man im Bedenken der ganzen Erzäählung nicht aus den Augen verlieren. Sonst wird die ganze Geschichte irgendwie schief. Es geht in ihr um geschenktes und verweigertes Vertrauen. „Einsatz gefragt“ weiterlesen

Nur dies : Bei Dir sein

Matthäus 25, 1 – 13

1 Dann wird das Himmelreich gleichen zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und gingen hinaus, dem Bräutigam entgegen.

             Ein Himmelreichs-Gleichnis führt die Überlegungen weiter: wie kann der Einzelne, Christin, Christ, sich vorbereiten auf das Kommen Christi? Wie gelingt es, bereit zu sein? Es ist ein schönes Bild, das Jesus wählt: das Empfangskomitee der zehn Jungfrauen für den kommenden Bräutigam. Das erste Bild-Signal also: Es geht um ein Fest.

Ein Fest, bei dem die Feiernden sein werden wie die Träumenden: lachen vor Freude, tanzen und singen, dem Gastgeber danken und ihn loben. Im Bild der Hochzeit redet Jesus vom großen Tag Gottes und ruft uns, dass wir an ihm teilhaben sollen. In die Freude seines Reiches ruft er. In die Freude die darin liegt, mit ihm Hochzeit zu halten. Das ist unsere tiefste Bestimmung, die wir als Menschen haben: wir sind eingeladen zum Fest Gottes in seiner Ewigkeit, die er heraufführt. So zu lesen passt zur Praxis Jesu auf dem Weg durch Galiläa und nach Jerusalem, wo er immer wieder einkehrt, Feste feiert, selbst Gast zum Gastgeber wird.

Kein Zweifel: wenn Jesus hier vom Bräutigam spricht, spricht er von sich selbst. „Bräutigam ist im Alten Testament ein stehendes Bild für Gott in seiner Beziehung zu Israel. Verlobung bzw. Hochzeit stehen für den Bund, den er mit Israel schließt….. Aber für die nachösterliche Gemeinde und für Matthäus und seine Adressaten war klar, dass Jesus in diesem Gleichnis von sich selbst und seiner Wiederkunft sprach.“(W. Klaiber, , aaO. S. 191f.)

 Damit ist auch klar: es geht in dem Gleichnis darum, für das Kommen des Bräutigams bereit zu sein. Wann auch immer er kommen wird. Es hängt nicht besonders viel daran, dass die Wartenden Jungfrauen sind. Es geht nicht um einen Status der Unbescholtenheit. Ihre Jungfräulichkeit ist kein Thema, sondern wohl eher der Umwelt und entsprechenden Bräuchen geschuldet. Brautjungfern sind im Normalfall nicht verheiratet.

 

Wichtiger ist dann womöglich schon, dass es zehn sind. Zehn mag nicht die Zahl der Vollkommenheit sein, gleichwohl wird damit Vollständigkeit ausgedrückt. Zehn gleich alle, die nötig sind. Alle, die dieses Empfangskomitee bilden. Vielleicht darf man sagen: diese Zehn steht für die ganze Gemeinde.

2 Aber fünf von ihnen waren töricht und fünf waren klug. 3 Die törichten nahmen ihre Lampen, aber sie nahmen kein Öl mit. 4 Die klugen aber nahmen Öl mit in ihren Gefäßen, samt ihren Lampen.

             Die Zehn sind allerdings nicht alle gleich. Das zeigt sich an ihrem Handeln: die einen denken nur für den Augenblick, die anderen sind vorsorgend unterwegs. Sie achten in ihrem Tun darauf, dass sie über den Augenblick hinaus bereit sind. Nachhaltig nennen wir das heute. Sie sind nicht zukunftsvergessen. „Nur dies : Bei Dir sein“ weiterlesen

Treu und klug

Matthäus 24, 45 – 51

45 Wer ist nun der treue und kluge Knecht, den der Herr über seine Leute gesetzt hat, damit er ihnen zur rechten Zeit zu essen gebe? 46 Selig ist der Knecht, den sein Herr, wenn er kommt, das tun sieht. 47 Wahrlich, ich sage euch: Er wird ihn über alle seine Güter setzen.  

            Was heißt „wachen“ „bereit sein“? Wie sieht das praktisch aus? Darauf antwortet Jesus mit seinem Bild-Wort. Von klugen und treuen Knechten spricht er. Die sich bewähren. Indem sie für die sorgen, die von ihnen abhängig sind.  Ihnen zu essen geben. Also das, was zum Leben nötig ist.

Knecht- δολος -ist keine abwertende Bezeichnung. Sondern im Gegenteil – ein Würdename. „Knecht Jesu Christi“ nennt Paulus sich (Römer 1,1; Philipper 1,1),  nennen sich auch `Petrus´(2. Petrus 1.1)und der Verfasser des letzten Buches der Bibel, der Seher Johannes (Offenbarung 1.2). Ihnen allen ist gemeinsam: sie haben eine anvertraute Aufgabe. Das ist ihre Würde. Der suchen sie gerecht zu werden.

Ihre Aufgabe: Den Leuten des Herrn essen zu geben. Rechtzeitig. Genug. Im Bild ist das klar und für jeden Zuhörer Jesu einsichtig als Alltagserfahrung: Es gibt Sklaven, denen diese Aufgabe in einem Haushalt übertragen ist. Für die anderen zu sorgen.

Darf man „essen“ irgendwie symbolisch deuten? Die Seele nähren durch das Wort? Das Evangelium nicht als Verschluss-Sache behandeln? Sind das besondere Bevollmächtigte, sozusagen „Erzknecht“, Archie-Diakon. Nichts im Text spricht für diese Leseweise. Es sind mit dem Wort vom Knecht alle in der Gemeinde angesprochen. Sie alle sind ja Knechte Jesu Christi. So wie ja auch diese gesamten „Endzeitreden“ Kapitel 24 – 25 sich nicht an einzelne Gruppen wenden, sondern an alle Jüngerinnen und Jünger.           „Treu und klug“ weiterlesen

Meine Worte bleiben

Matthäus 24, 32 – 44

32 An dem Feigenbaum lernt ein Gleichnis: Wenn seine Zweige jetzt saftig werden und Blätter treiben, so wisst ihr, dass der Sommer nahe ist. 33 Ebenso auch: Wenn ihr das alles seht, so wisst, dass er nahe vor der Tür ist.

      Es gibt immer etwas zu sehen und Jesus öffnet denen, die um ihn sind, die Augen. Die ganze Welt ist gleichnisfähig. Früher schon hatte Jesus zu den Pharisäer gesagt: „Des Abends sprecht ihr: Es wird ein schöner Tag werden, denn der Himmel ist rot. Und des Morgens sprecht ihr: Es wird heute ein Unwetter kommen, denn der Himmel ist rot und trübe. Über das Aussehen des Himmels könnt ihr urteilen; könnt ihr dann nicht auch über die Zeichen der Zeit urteilen?“(16, 2-3) Auch die Jünger und Jüngerinnen Jesu sollen sich als urteilsfähige Leute erweisen. Die die Zeichen der Zeit zu deuten verstehen. So wie sie auch aus dem Blättern und Zweigen des Feigenbaumes ihre Schlüsse auf die bevorstehende Sommerzeit ziehen können.

             Er, der nahe vor der Tür ist – das ist der Menschensohn. Es ist die durchgängige Erwartung: Das Kommen Jesu ist nahe. So wie das Himmelreich in ihm schon nahe gekommen ist, herbei gekommen ist, so ist auch sein Kommen wieder nahe. Vor der Tür.

Das ist, mit aller Vorsicht gesagt, die Antwort auf die bis dahin nicht beantwortete Frage der Jünger: „Sage uns, wann wird das geschehen? Und was wird das Zeichen sein für dein Kommen und für das Ende der Welt?“ (24,3) Jetzt also eine erste Antwort: Seht genau hin. Und: Vor der Tür. Nahe.

  34 Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschieht.

Es ist herausgehobener, feierlicher Redestil. Wahrlich, ich sage euch. Und dann der Satz, an dem sich bis heute alle Ausleger mühen: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschieht. Im Klartext: „Die jetzt lebende Generation wird nicht vergehen, bis das alles geschieht. Matthäus erwartet die Parusie innerhalb eines Zeitraumes von allerlängstens einem Menschenleben“ (U. Luz, aaO.  S. 443)

             Gilt diese Erwartung nur für Matthäus oder ist das auch die Erwartung Jesu? Und muss  man dann sagen: Jesus hat sich mit dieser Erwartung geirrt? Was daran aber wäre schlimm, frage ich. Wir bekennen: Jesus ist wahrer Mensch. Das schließt doch die Irrtumsfähigkeit ein. Das schließt auch Lernfähigkeit ein und eben nicht aus – so wie sie sich etwa in der Begegnung mit der kanaanäischen Frau (15,24 – 28) zeigt. Ja – Jesus rechnet mit seinem (Wieder)-Kommen bald, in Kürze. „Meine Worte bleiben“ weiterlesen

Alle werden ihn sehen

Matthäus 24, 29 – 31

29 Sogleich aber nach der Bedrängnis jener Zeit wird die Sonne sich verfinstern und der Mond seinen Schein verlieren, und die Sterne werden vom Himmel fallen und die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen.

             In diesen Sätzen entsteht der Eindruck eines Zeitablaufes. Eines Ablaufes, der nicht mehr mit unseren Kategorien zu fassen ist. „Der Horizont der irdischen Geschichte wird hier gesprengt; der ganze Kosmos wird nun in das Geschehen einbezogen.“(U. Luz,  aaO.  S. 433) Die Zeit des Handelns von Menschen ist vorbei. Was jetzt geschieht, läuft ab als ein Handeln Gottes allein.

Es ist dramatisch. Sonne, Mond und Sterne – die Lichter, von denen der Schöpfungsbericht weiß: „Und Gott sprach: Es werden Lichter an der Feste des Himmels, die da scheiden Tag und Nacht und geben Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre und seien Lichter an der Feste des Himmels, dass sie scheinen auf die Erde. Und es geschah so. Und Gott machte zwei große Lichter: ein großes Licht, das den Tag regiere, und ein kleines Licht, das die Nacht regiere, dazu auch die Sterne.“(1. Mos 1,14 – 16) Diese Lichter verlieren ihr Licht, verlieren ihren Ort. Wird die Schöpfung zurück genommen? Zunichte gemacht?

Die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. Erneut legt sich ein Rückgriff auf den Schöpfungsbericht nahe: „Und Gott sprach: Es werde eine Feste zwischen den Wassern, die da scheide zwischen den Wassern. Da machte Gott die Feste und schied das Wasser unter der Feste von dem Wasser über der Feste. Und es geschah so.“(1. Mose 1, 6-7) Die Stabilität der Welt löst sich auf. Der feste Boden und der weit gespannte bergende Himmel geraten ins Wanken, nicht mehr durch ein individuelles Unglück, sondern für alle, die ganze Schöpfung. „Alle werden ihn sehen“ weiterlesen

Ihr seid urteilsfähig

Matthäus 24, 15 – 28

15 Wenn ihr nun sehen werdet das Gräuelbild der Verwüstung stehen an der heiligen Stätte, wovon gesagt ist durch den Propheten Daniel (Daniel 9,27; 11,31) – wer das liest, der merke auf! -, 16 alsdann fliehe auf die Berge, wer in Judäa ist; 17 und wer auf dem Dach ist, der steige nicht hinunter, etwas aus seinem Hause zu holen; 18 und wer auf dem Feld ist, der kehre nicht zurück, seinen Mantel zu holen. 19 Weh aber den Schwangeren und den Stillenden zu jener Zeit! 20 Bittet aber, dass eure Flucht nicht geschehe im Winter oder am Sabbat.

             Das ist nicht Rede vom Ende, von der Wiederkunft. Das führt mitten hinein in die Geschichte. Das Gräuelbild der Verwüstung – das umschreibt „den von den Syrern auf dem Brandopferaltar aufgerichteten Zeusaltar.“(U. Luz, aaO.  S. 425) Verantwortlich: Antiochus IV. Epiphanes um 168. V. Chr.. Diese „Kunstaktion“ wurde zum Auslöser des Aufstandes der Makkabäer. Aber jetzt, wenn sich so etwas wiederholen wird, so die Worte, ist nicht Zeit für Aufstände, sondern Zeit zur Flucht.

Es liegt nahe, diese Worte mit dem Geschehen der Eroberung und Zerstörung Jerusalems zu verbinden. Mit der Verwüstung des Tempels. Als der römische Adler im Tempel aufgepflanzt wurde. Damals ist die junge Christengemeinde aus Jerusalem geflohen. Ausgewandert, weil sie sich dem Aufstand gegen Rom nicht anschließen wollte.

Nur: diese so konkreten Anweisungen machen keinen Sinn, wenn sie nur wie eine nachträgliche Ansage gemeint sein sollten. Sondern gerade die Konkretionen: kein Aufhalten, um irgendetwas im Haus zu holen, der Wehrufe über Schwangeren und Stillenden, die Bitte, nicht im Winter und nicht  am Sabbat deuten auf Geschehen in der Zukunft. Auf ein Geschehen, das wie eine furchtbare Sturmflut auf die Angesprochenen zukommt.

So sind die Worte Jesu zwar sicherlich mit der Zerstörung Jerusalems zu verbinden, aber sie müssen nicht zwangsläufig erst nach den Ereignissen im Jahr 70 erstmals gesprochen sein. Mir scheint auch möglich, dass dieses Geschehen Matthäus im Stil seiner Formulierungen leitet, nicht aber die Aussagen der Sache nach erst hervor bringt. „Ihr seid urteilsfähig“ weiterlesen

Nüchterner Realismus im Blick nach vorne

Matthäus 24, 1 – 14

1 Und Jesus ging aus dem Tempel fort und seine Jünger traten zu ihm und zeigten ihm die Gebäude des Tempels. 2 Er aber sprach zu ihnen: Seht ihr nicht das alles? Wahrlich, ich sage euch: Es wird hier nicht ein Stein auf dem andern bleiben, der nicht zerbrochen werde.

             Mit den Wehe-Rufen gegen die Pharisäer ist in der Öffentlichkeit alles gesagt. Es gibt jetzt keine Rede mehr an das Volk. Jesus verlässt den Tempel und nur noch seine Jünger sind bei ihm.

Wo ist die erzählte Szene zu denken? Am Hang des Ölberges, von wo aus man eine unglaubliche Sicht auf den Tempelberg hat? Sind die Jünger beeindruckt und wollen sie, dass Jesus ihr beeindruckt Sein bestätigt?

Skeptisch könnte man  sagen: Wie oft hat die Kirche auch späterer Jahre auf die Pracht der Steine gesetzt. Mit Gebäuden beeindruckt. Sich selbst und auch das Volk. Und ein wenig traurig stelle ich fest: Mancherorts sind es nur noch die Steine, die eine Geschichte des Glaubens erzählen.

Jesus aber sieht anders. Er sieht nicht nur die Steine, nicht nur das gewaltige Bauwerk des Herodianischen Tempels. Er beginnt seinen Jüngern die Augen zu öffnen. Allen Jüngerinnen und Jüngern, nicht mehr nur den vieren – Petrus und Andreas,  Jakobus und Johannes. Es sind wirklich alle, „die seine Belehrung empfangen. Das erleichtert den Leser/innen in den Gemeinden die Identifikation: Jetzt sind sie und nur sie angesprochen.“ (U. Luz, aaO.  S. 418)

Augen auf für das, was kommen wird, was geschehen wird mit Jerusalem, mit dem Tempel. Es ist die Ansage eines Unterganges, wenn auch ohne Termin-Angabe und ohne Detail-Einsichten. Eines Untergangs,  wie er sich im Jahr 70 n.Chr. auch wirklich abgespielt hat. „Nüchterner Realismus im Blick nach vorne“ weiterlesen

Noch mehr Wehe

Matthäus 23, 29 – 39

29 Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr den Propheten Grabmäler baut und die Gräber der Gerechten schmückt 30 und sprecht: Hätten wir zu Zeiten unserer Väter gelebt, so wären wir nicht mit ihnen schuldig geworden am Blut der Propheten! 31 Damit bezeugt ihr von euch selbst, dass ihr Kinder derer seid, die die Propheten getötet haben. 32 Wohlan, macht auch ihr das Maß eurer Väter voll!

             Es hat Tradition, Untaten hinter Prachtbauten zu verbergen. Sich aus der Kontinuität der Geschichte heraus zu schleichen, indem man sie einfach leugnet. Überspielt. Es ist relativ einfach, sich für die Eroberung Amerikas vor 500 Jahren zu entschuldigen, den Völkermord an den Armeniern vor 100 Jahren zu geißeln. Es wird schwierig, und ist anspruchsvoll zugleich,  aus den Verhaltensmustern auszusteigen, die zu solchen Gräueln führen. Aus dem Streben nach Gewinn, nach Erweiterung der Einfluss-Sphären, nach Sicherung der eigenen Marktmacht.

Ich glaube, dass hier nicht die individuelle Haltung des einzelnen Pharisäers zur Diskussion steht, sondern die Haltung des Kollektivs. Deshalb auch meine Beispiele, die auf staatliches und kollektives Verhalten hinzielen, auf Bündnisse und solche Mächte wie die „Märkte“. Im Verhalten zeigt sich, wes Geistes Kind man ist – und ob man wirklich aus der Gesinnung ausgestiegen ist, die allein der eigenen Größe und dem eigenen Wohlergehen verpflichtet ist.

Es ist leicht zu sagen: wenn wir damals gelebt hätten,  wir hätten auf der Seite der Guten gestanden. Der Propheten. Der Widerstandskämpfer. Der Mahner. Der Tapferen, die es mit dem „Pack“ aufnehmen. Der Wahrheitsbeweis solcher Beteuerungen wird immer im eigenen Leben angetreten.

Der Wahrheitsbeweis der Pharisäer für ihren Widerspruch gegen die Prophetenmorde wird anzutreten sein, in dem, was sie rufen werden: „Hosianna!“(21,9) oder „Lass ihn kreuzigen!“(27,22)  Für den Sprecher der Wehe-Rufe ist es längst entschieden: sie werden das Maß der Väter vollmachen.

  33 Ihr Schlangen, ihr Otternbrut! Wie wollt ihr der höllischen Verdammnis entrinnen?

             Aus den Wehe-Rufen wird jetzt noch direkter Anrede. „Nachdem alle Streitgespräche nichts gebracht haben, zieht Jesus, der als der kommende Menschensohn die Welt richten wird, die Bilanz über seine Gegner. Sie ist vernichtend. Die Farben werden immer dunkler. Jeder Lichtblick fehlt.“(U. Luz, aaO.  S.351) Erschreckend schon die Anrede: Ihr Schlangen, ihr Otternbrut! Worte wie zuvor schon aus dem Mund des Täufers, der den kommenden Richter ankündigt (3,7) Da bleibt keine Hoffnung mehr.

34 Darum: siehe, ich sende zu euch Propheten und Weise und Schriftgelehrte; und von ihnen werdet ihr einige töten und kreuzigen, und einige werdet ihr geißeln in euren Synagogen und werdet sie verfolgen von einer Stadt zur andern, 35 damit über euch komme all das gerechte Blut, das vergossen ist auf Erden, von dem Blut des gerechten Abel an bis auf das Blut des Secharja, des Sohnes Berechjas, den ihr getötet habt zwischen Tempel und Altar. 36 Wahrlich, ich sage euch: Das alles wird über dieses Geschlecht kommen.

             Und doch: ich sende. Es ist Jesus, der das von sich sagt. Jesus, der ja seine Jünger bereits einmal gesandt hat: Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt böse Geister aus.“(10,7-8) Eine andere Sendung mit einem anderen Inhalt kann ich mir für die Boten Jesu auch jetzt nicht vorstellen. Sie sollen Evangelium verkündigen, nicht Gericht ankündigen.

Ich vermag in dem „darum“ δι τοτο, nicht die Zielangabe der Sendung zu sehen, sondern „nur“, was sie bewirkt. Deshalb widerspreche ich auch der folgenden Auslegung: „Der matthäische Jesus weiß also, dass die Aussendung erfolglos sein und zu nichts anderem dienen wird, als dazu, das Maß der Untaten seiner Gegenspieler voll und das Gericht über sie unausweichlich zu machen.“ (U. Luz, aaO. S.373) 

Es wird die Reaktion der Hörer sein, auf die es ankommt, ob die Botschaft der Propheten und Weise und Schriftgelehrte ihr Ziel erreicht oder ob sie die Ablehnung völlig macht.

Es mag sein, dass sich in diesen so konkreten Ankündigungen von ihnen werdet ihr einige töten und kreuzigen, und einige werdet ihr geißeln in euren Synagogen und werdet sie verfolgen von einer Stadt zur andern auch Erfahrungen der Urgemeinde spiegeln. Die Erfahrungen, dass es zu Verfolgungen gekommen ist, in Jerusalem, in den Städten des Landes, auch in den Städten des Mittelmeerraumes, wo sich jüdische Gruppen gegen Boten des Glaubens an Jesus gestellt haben.

In der Sendung dieser Boten wird sichtbar, wie erbittert die Feindschaft ist. Eine Feindschaft, die hier scheinbar den Pharisäern und Schriftgelehrten angelastet wird. Ich denke allerdings: sie stehen für ganz Israel. Es geht nicht mehr um sie als Gruppe, sondern um sie als Repräsentanten des Volkes, das Jesus und seine Leute verwirft.

Was bleibt, wenn die Sendung scheitert, ist das Gericht. Es liegt nahe, hier den Untergang Jerusalems im Jahr 70 angekündigt zu hören – und gleichzeitig gedeutet: nicht einfach nur als Sieg der Römer über jüdische Kämpfer, sondern eben als Gericht Gottes.

37 Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken versammelt unter ihre Flügel; und ihr habt nicht gewollt! 38 Siehe, »euer Haus soll euch wüst gelassen werden« (Jeremia 22,5; Psalm 69,26). 39 Denn ich sage euch: Ihr werdet mich von jetzt an nicht sehen, bis ihr sprecht: Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!

Der Abschluss ist ein Wort voller Schmerz. Ein neuer, anderer Ton nach den so harten Wehe-Rufen. Mir kommt die Assoziation: fast schon eine Totenklage. Noch einmal die Anklagepunkte: die du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind. Aber dem gegenüber der Blick auf das eigene, vergebliche Bemühen. Und die resignativ klingende Feststellung: ihr habt nicht gewollt! Der Heilswille Jesu findet seine Grenze im Willen und Wollen derer, die er ruft, die er sammeln will. Darf ich so weit gehen: der Heilswille Gottes kann an unserem Eigenwillen scheitern? Die Weigerung zu hören, sich rufen zu lassen, lässt ihn abprallen wie an einer hohen Wand ein Ball abprallt. Zurück geworfen wird.

Darum wandert Gott aus. Dass es Gott ist, um den es hier geht, ist wieder verborgen in die Passivformulierung: »euer Haus soll euch wüst gelassen werden«. Das wüste Haus meint den zurück gelassenen Tempel, nicht die verwüstete Stadt. Ein Tempel ohne Gottes Gegengenwart ist nur ein wüster Steinhaufen. Vielleicht noch architektonisch wertvoll. Kulturerbe der Menschheit. Aber in Wahrheit tohuwabohu. „Wüst und leer.“(1. Mose 1,2)

Und doch: auch diese Gerichtsansage bleibt nicht das letzte Wort. Es wird noch genauer gefasst: die Abwesenheit Gottes wird zusammen gesehen damit, „dass auch der „Immanuel“ nicht mehr zu sehen ist.“ (U. Luz, aaO.  S,383) Ein ganz verhaltener Hinweis darauf, wie das Matthäus-Evangelium Jesus sieht: als den, in dem Gott mit uns ist. Bei uns ist.

Gleichwohl: diese Worte enthalten auch eine Verheißung: Ihr werdet mich von jetzt an nicht sehen, bis ihr sprecht: Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn! Es wird eine Zeit neuer Worte geben, nicht nur neuer Worte von der Seite Gottes her. Sondern neuer Worte von Jerusalems, von Israels Seite her. Worte, in denen ganz Israel ihn grüßt – und segnet: Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn! Der Ruf der Volksmenge beim Einzug des sanftmütigen Königs auf dem Esel soll zum Ruf aller werden, die zum Samen Abrahams gehören.

Herauforderungen an uner Denken und Glauben:

 Ich höre in diesen Worten am Schluss dieses so düsteren Stakkatos von Wehe-Rufen und Gerichtsworten die gleiche verhaltene Hoffnung, wie sie Paulus formuliert hat: „Ich will euch, liebe Brüder, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, so lange bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist; und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht (Jesaja 59,20; Jeremia 31,33): »Es wird kommen aus Zion der Erlöser, der abwenden wird alle Gottlosigkeit von Jakob. Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.« (Römer 11, 25 – 27)

Es mag spitzfindig sein, Wortklauberei. Aber mir fällt es auf: sieben Wehe-Rufe, aber nur sechsmal ποκριτα – Hypokritiker. Als ob festgehalten würde: das Maß ist noch nicht übervoll. Noch nicht am Überlaufen. Auch für die, die Jesus so hart attaktiert, Pharisäer und Schriftgelehrte, ist noch der Raum zur Umkehr offen. Weil sie ja nicht anders sind als die Menschen sonst auch. Es ist schon wichtig zu sehen, wie auch diese Worte anknüpfen an die Früheren Worte in der Bergpredigt: „Denn wie ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welchem Maß ihr messt, wird euch zugemessen werden. Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge? 4 Oder wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen! – und siehe, ein Balken ist in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; danach kannst du sehen und den Splitter aus deines Bruders Auge ziehen.“(7, 3-5) Die Worte Jesus zielen nicht nur auf eine soziologisch fixierbare Gruppe – sie gelten allen. Darum ist Selbstprüfung angesagt und unerlässlich. Wenn man so will: Selbstkritik.

Eine Frage bleibt: wie bringe ich dieses Kapitel in seiner Unerbittlichkeit, mit seinen auch unfairen und ungerechten Anklagen zusammen mit dem, was Matthäus sonst von Jesus zu sagen weiß, mit der Botschaft seiner grenzenlose Liebe? Eine erste Antwort: Überhaupt nicht. Es scheint so, als lernte ich hier die andere Seite Jesu kennen, die sonst verborgen bleibt. Ähnlich wie es bei Gott ist, der auch eine dunkle Seite hat, der nicht nur der liebevoll offenbare Gott ist, sondern auch der verborgene Gott gewalt-tätig, zornig, erschreckend? Jesus also – voller Aggression und Zorn? Allerdings denke ich nicht, dass uns diese Texte nur dies vorrangig lehren wollen: Jesus hat zwei Seiten – und ihr Christen betont immer nur die eine Seite. Das ahne ich schon lange. Aber es ist mir zu wenig als Ertrag dieser Wehe-Rufe.

Dennoch: Ich sehe keine Brücke. Ich sehe kein `so passt es zusammen´ mit dem anderen, was das Evangelium erzählt. Allerdings denke ich auch nicht, dass Matthäus nur aus historischer Treue überliefert hat, was er an „Rede-Material“ vorgefunden hat. Umso schärfer fällt die Spannung auf. Ich sehe nur den Widerspruch.

Aber wie ist der Widerspruch erklärbar? Als enttäuschte Liebe? Aus der Situation der Gemeinde, die sich in einen unendlich schmerzhaften Prozess aus der Synagoge erst vertrieben erfährt und dann diese Vertreibung auch akzeptiert. Aber eben akzeptiert mit einer Wut, die sich hier Luft macht.  Ist es vorstellbar, dass Jesus, der so sehr liebende Jesus so gesprochen haben könnte? Fragen über Fragen. Ich bin um Antworten verlegen.

Mir leuchtet ein: An den Angriffen auf die Pharisäer wird deutlich, wie belastend der Widerspruch und Widerstand jüdischer Gruppierungen auch für Jesus gewesen sein muss, auch für die Gemeinde, die ihn als Christus, Gottessohn glaubt. Und es wird etwas sichtbar davon, wie tief sich Menschen in ihrem Widerstand in innere Widersprüche verstricken können. Das Gute wollen, aber es aus den Augen verlieren. Opfer ihrer eigenen heiligen Sätze werden können. Blind werden für das Erbarmen und unempfänglich, weil ihnen der Glaube zum Regelwerk verkommt.

            Die Wehe-Rufe sind falsch gehört und falsch verstanden, wenn wir sie nur an andere adressiert hören. Wenn wir sie als historische Erinnerung abheften – so war das im Jahr 33. Nein, sie wollen uns erschüttern, indem sie uns in unseren Sicherheiten in Frage stellen. Und erschüttern, damit wir Zuflucht bei ihm suchen, der uns auch in diesen so strengen Worten immer noch sucht. Unsere Umkehr.

 

Jesus, ich kenne Dich nicht wieder. Bist Du nun der Ankläger, der im Zorn wütet, frustriert seinen Gefühlen freien Lauf lässt, auch wenn es ungerecht und unfair ist? Oder bist Du doch der, den ich zu kennen meine, liebevoll und geduldig, voller Erbarmen und Langmut?

Ich habe keine Wahl, keinen anderen Zufluchtsort. Ich halte mich an Dich, auch wenn ich Dich nie ganz kennen werde, bis ich Dich schauen darf – von Angesicht zu Angesicht.

Aber bis dahin will ich glauben, dass Deine Liebe größer ist als Dein Zorn, dass Dein Erbarmen die Oberhand gewinnt über alle Wut, dass Du Dir selbst in den Arm fällst, dass Du Deiner Liebe treu bleibst, die Du uns zugesagt hast, für die Du bis in den Tod gegangen bist. Amen

Zum Erschrecken

Matthäus 23, 13 – 28

13-14 Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr das Himmelreich zuschließt vor den Menschen! Ihr geht nicht hinein und die hineinwollen, lasst ihr nicht hineingehen.15 Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr Land und Meer durchzieht, damit ihr einen Judengenossen gewinnt; und wenn er’s geworden ist, macht ihr aus ihm ein Kind der Hölle, doppelt so schlimm wie ihr.

Es folgen Weh-Rufe. Sieben insgesamt. Damit verbunden ist die Botschaft: Das Maß ist voll. Diesmal direkt adressiert an die Schriftgelehrten und Pharisäer. Dass sie direkt an sie gerichtet sind, setzt dann wohl ihre Anwesenheit voraus.

Ausgelassen ist im neuen Luther Text der Satz Vers 14: »Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr die Häuser der Witwen fresst und zum Schein lange Gebete verrichtet! Darum werdet ihr ein umso härteres Urteil empfangen« Er findet sich nur in einzelnen Handschriften und ist – vielleicht – aus Markus 12,40 übernommen. Ein Angriff auf ein geistliches Schmarotzertum, das sich durch Frömmigkeit ausgerechnet an den Armen und seelisch Abhängigen bereichert.

Es sind harte Vorwürfe: sie versperren anderen den Zugang zum Himmelreich. Weil sie es exklusiv für sich beanspruchen? Nein, sondern weil sie durch ihre Gesetzesauslegung Hindernisse aufbauen. Mehr wohl noch: selbst mit ihrer Haltung Hindernis sind. Sie werben für den Glauben, wollen Judengenossen gewinnen. Aber in Wahrheit stürzen sie die, die sie so gewinnen, in die Hölle. Nicht, weil sie schlimmere Heuchler wären, sondern weil sie sie binden unter ihre Auslegung, unter ihr Gesetz, das unerträgliche Bürde(23,4) ist.

 16 Weh euch, ihr verblendeten Führer, die ihr sagt: Wenn einer schwört bei dem Tempel, das gilt nicht; wenn aber einer schwört bei dem Gold des Tempels, der ist gebunden. 17 Ihr Narren und Blinden! Was ist mehr: das Gold oder der Tempel, der das Gold heilig macht? 18 Oder: Wenn einer schwört bei dem Altar, das gilt nicht; wenn aber einer schwört bei dem Opfer, das darauf liegt, der ist gebunden. 19 Ihr Blinden! Was ist mehr: das Opfer oder der Altar, der das Opfer heilig macht? 20 Darum, wer schwört bei dem Altar, der schwört bei ihm und bei allem, was darauf liegt. 21 Und wer schwört bei dem Tempel, der schwört bei ihm und bei dem, der darin wohnt. 22 Und wer schwört bei dem Himmel, der schwört bei dem Thron Gottes und bei dem, der darauf sitzt.

  Der nächste Weh-Ruf  ist ein Angriff auf Haarspaltereien. Auf ein Umgehen mit dem Schwören, das sich in Kleinigkeiten verliert und nur geeignet ist, Skrupel zu erzeugen. Es geht um Differenzierungen, die in Wahrheit aber völlig hirnrissig sind.Es geht um eine „Inflation von Beschwörungs- und Bekräftigungsformeln.“(U. Luz, aaO.  S. 327)

 „Beim Leben meiner Mutter!“-„ Beim Bart des Propheten!“-„ Bei allem, was mir heilig ist.“ Macht das Worte glaubwürdiger? Es ist eine Polemik gegen eine Praxis, die in sich hohl ist. Auch nicht der Heiligkeit Gottes entspricht.

Die radikale Konsequenz hatte Jesus schon in der Bergpredigt gezogen: Ich aber sage euch, dass ihr überhaupt nicht schwören sollt, weder bei dem Himmel, denn er ist Gottes Thron; noch bei der Erde, denn sie ist der Schemel seiner Füße; noch bei Jerusalem, denn sie ist die Stadt des großen Königs. Auch sollst du nicht bei deinem Haupt schwören; denn du vermagst nicht ein einziges Haar weiß oder schwarz zu machen. Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.“(5,34-37)

Auch hier wieder: Es sind Wehe-Rufe in eine bestimmte historische Situation hinein. Geprägt auch von Polemik gegenüber den Gegnern und Konkurrenten um die Herzen von Menschen. Umso mehr ist es an uns, sorgfältig zu prüfen: wie steht es mit unserem Verhalten? Wo treffen diese Wehe-Rufe uns als Kirche, mich als Christenmensch. Prüfen, damit es „anders und besser werden kann.“(U. Luz, aaO. ,S. 310) Bei uns, bei mir.

23 Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr den Zehnten gebt von Minze, Dill und Kümmel und lasst das Wichtigste im Gesetz beiseite, nämlich das Recht, die Barmherzigkeit und den Glauben! Doch dies sollte man tun und jenes nicht lassen. 24 Ihr verblendeten Führer, die ihr Mücken aussiebt, aber Kamele verschluckt!

 Es ist ein Zeichen von Verblendung, wenn man sich in tausend Kleinigkeiten verliert. Schon bei der Frage nach den Schwurformeln war es so, dass vor lauter Achten auf mögliche Verfehlungen der Sinn des Ganzen verfehlt wird. Genau so auch hier: Peinlichste Genauigkeit führt zu einer abstrusen Lebenshaltung. Man achtet höchst sorgfältig auf die ordnungsgemäße Besteuerung von allen Gartenkräutern, Darauf, auch nicht das kleinste Insekt zu verschlucken, weil Insekten ja unreine Tiere sind. Aber übersieht dabei die „dicken Hunde“. Dass das Recht, die Barmherzigkeit und der Glauben unter die Räder kommen, nebensächlich werden!

„Menschen, die sich einer Sache mit Übereifer widmen und sie nach allen Seiten absichern wollen, erliegen leicht der Gefahr, genau dadurch das eigentliche Anliegen zu verfehlen.“(W. Klaiber, aaO. S.150) Modernes Beispiel: Wer sich nur noch an den Buchstaben seiner Paragraphen hält, verliert nur zu leicht aus den Augen, dass sie dem Leben dienen sollten. Das Ersticken von sozialen Hilfen im Paragraphendschungel – für Hartz-IV-Bezieher, für Flüchtlinge, für Obdachlose, Alleinerziehende – liefert Anschauungsmaterial für die verschluckten Kamele in Hülle und Fülle.

Dabei gilt doch auch für uns: Gesetze sollen dem Leben dienen, dem Recht. Und sie sollen die schützen, die sich selbst nicht schützen können. Arme, Schwache, Leute ohne Lobby und ohne Machtmittel. Die Barmherzigkeit in der biblischen Sprache findet ihre sachlich-fachliche Fortsetzung in der Solidarität und der Fürsorge. Der Überschuss über das Recht hinaus, der in der Barmherzigkeit liegt, ist aber freilich mit Gesetzen nicht zu bewahren. Er braucht Menschen, die sie üben.

 25 Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr die Becher und Schüsseln außen reinigt, innen aber sind sie voller Raub und Gier! 26 Du blinder Pharisäer, reinige zuerst das Innere des Bechers, damit auch das Äußere rein wird! 27 Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr seid wie die übertünchten Gräber, die von außen hübsch aussehen, aber innen sind sie voller Totengebeine und lauter Unrat! 28 So auch ihr: von außen scheint ihr vor den Menschen fromm, aber innen seid ihr voller Heuchelei und Unrecht.

             Weiter geht es mit den Wehe-Rufen. Diesmal über die Tendenz zur Außendarstellung. Festgemacht an den Reinheitsvorschriften. Becher müssen gereinigt werden, innen und außen, damit sich der Trinkende nicht verunreinigt.

Es könnte sein, dass es auch um den Becherinhalt geht: „Es ist daran gedacht, dass die Becher und Schüsseln unrein sind, weil sie das den Armen geraubte Gut enthalten, ebenso wie ihre Besitzer, die Reichen, weil sie sich nicht beherrschen können und in ihrer Maßlosigkeit alles in ihre Bäuche (und Taschen) stopfen.“(U. Luz aaO. S.337) Was für eine Konsequenz: Unsoziales Verhalten den Armen gegenüber macht unrein!

Reinheit, wie sie die Pharisäer üben, wird demgegenüber zur bloßen Fassaden-Verschönerung. Hauptsache, das Image stimmt. „Wie es da drinnen aussieht, geht niemand etwas an.“(Land des Lächelns) Für Jesus aber ist es umgekehrt: Ihm geht es nie um Äußerlichkeiten, sondern immer um das Innere, um das Herz. Weil aus dem Herzen das kommt, was den Menschen bestimmt und ausmacht: „Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. Ein guter Mensch bringt Gutes hervor aus dem guten Schatz seines Herzens; und ein böser Mensch bringt Böses hervor aus seinem bösen Schatz.“(12,34-35)

Es sind  harte Worte für eine Zeit wie die unsere, die so sehr auf Außenwirkung bedacht ist, auf Selbstinszenierung, auf Image. Worte, die zu einer Selbstprüfung auffordern: wie ist das bei mir mit innen und außen, mit dem, was ich zeige und mit dem, was ich verberge? Mir will es scheinen, dass es viele Menschen gibt, die darunter leiden, dass sie immer gut drauf sein müssen und nie das Chaos im eigenen Inneren auch nur anschauen dürfen. Weil sie sonst keine Selbstachtung mehr haben können. Oder: Weil sie nicht wissen, wer denn noch zu ihnen stehen wird, wenn sie sich so „bloßstellen“, zu erkennen geben, wie es in ihnen aussieht. Was für eine Herausforderung an die Seelsorge der Kirchen.

 

Jesus, es ist zum Erschrecken, wie Du hier Wehe rufst, weil ich mich selbst entdecke  in denen, die Du da anklagst, deren Frömmigkeit Du geißelst, deren verlogenes Leben Du entlarvst.

Herr, wie oft achte ich auf das Erscheinungsbild meines Lebens, dass es gut aussieht und weiß doch nur zu genau, dass es im Inneren drunter und drüber geht, das Chaos herrscht.

Jesus, schaffe Du in mir ein neues Herz. Gib mir einen neuen gewissen Geist, der sich Dir ganz anvertraut, die Freude am Gehorsam gegen Dein Wort, Wahrhaftigkeit, die auch zu der eigenen Unvollkommenheit steht, weil Du doch Dein Leben schenkst, wo wir uns in unserer Schwäche Dir öffnen. Amen