Der unerkannte Weltenrichter

Matthäus 25, 31 – 46

Keine einleitenden Worte, die sagen: ein Gleichnis. Wir lesen die „letzte ausführliche Unterweisung Jesu an seinen Jünger.“ (U.Luz,  aaO.; S.517) Und, soweit ich das sehen kann, die ausführlichste Schilderung dessen, was wir Weltgericht nennen.

31 Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit, 32 und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, 33 und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken.

             Das Kommen des Menschensohnes wird anders sein als das Auftreten Jesu jetzt. Jetzt ist er einer wie wir, verwechselbar, ohne alle äußere Macht. Und die Selbstbezeichnung Menschensohn könnte fast einfach „ich“ bedeuten. Dann aber wird er kommen in Herrlichkeit und alle Engel mit ihm. Es ist die Majestät, die dem allmächtigen Gott eignet.

Er kommt – zum Gericht. Zum Gericht, das nicht irgendwo in einem Winkel stattfindet. Alle Völker werden vor ihm, vor dem Thron der Herrlichkeit versammelt. πντα τ θνη meint die ganze Völkerwelt, nicht nur die Christen, auch nicht nur die Heiden. Wirklich alle. Die gleiche Wendung wird am Ende des Evangeliums gebraucht werden: „Geht hin und macht zu Jüngern alle Völker.“(28,19) Auch dort wieder πντα τ θνη. Darum schließe ich aus, dass nur die Heiden gemeint sein könnten, auch nicht nur die Christen. Es geht wirklich um alle.

Der richtende Menschensohn scheidet, unterscheidet, trennt. Sortiert nach links und rechts. Wie ein Hirte. Das gilt auch: die Schafe wissen nicht, wie ihnen geschieht. Das ist zugleich der einzige Satz im ganzen Text, der ein Gleichnis andeutet.

Man tut gut daran, eine inhaltliche Bedeutung, warum die Schafe rechts, die Böcklein oder Zicklein aber links zu stehen kommen, nicht zu überspannen. Es könnte auch genau anders herum sein. Es geht nicht um das Geschlecht der Tiere, auch nicht um ihre Farbe – Schafe weiß, Böcke schwarz, auch nicht um ihre Nützlichkeit, Schafe geben Milch, Böcke nicht. Die Verteilung nach links und rechts, nach Schafen und Böcken, ist schlicht der Erzählung geschuldet. „Der unerkannte Weltenrichter“ weiterlesen

Geschenktes Vertrauen

Matthäus 25, 14 – 30

14 Denn es ist wie mit einem Menschen, der außer Landes ging: Er rief seine Knechte und vertraute ihnen sein Vermögen an; 15 dem einen gab er fünf Zentner Silber, dem andern zwei, dem dritten einen, jedem nach seiner Tüchtigkeit, und zog fort.

         Das gibt es zur Zeit Jesu öfters: reiche Leute, die ihre Habe Verwaltern anvertrauen. Ihren Knechten. Ob seine Knechte, δοι δολοι, wirklich Sklaven sind, sei dahingestellt. Das Wort wird sonst allerdings vor allem so gebraucht. Vielleicht geht es auch „nur“ um das Abhängigkeitsverhältnis, das Gefälle in der sozialen Stellung.

Dieser Auftrag zur Vermögensverwaltung ist ein überaus großer Vertrauensbeweis des Herrn an die Knechte. An ihnen hängt jetzt sein Besitz. Sie sind jetzt Verwalter seines Vermögens. Das ist eine durchgreifende Änderung der bisherigen Situation. Als Knechte in Anwesenheit ihres Herren gibt es für sie nur den Gehorsam aufs Wort hin. Der Herr befiehlt und sie tun das Befohlene. Kein Knecht wird in der Anwesenheit des Herren ohne Auftrag handeln. Aber nun werden die Knechte durch den Weggang des Herren zu selbständig Handelnden. Und zwar ist es er selbst, der sie dazu macht. Er traut ihnen zu, dass sie seinen Besitz mehren, ordentlich verwalten, dass er Gewinn von ihrem Tun haben wird.

       Der Mensch, wie ihn hier Matthäus beschreibt, kennt und beurteilt seine Knechte und er vertraut ihnen nach ihren Fähigkeiten an. Auch noch dem, dem nur ein Talent anvertraut wird, wird damit unendlich viel gegeben. Diesen Vertrauensbeweis darf man im Bedenken der ganzen Erzäählung nicht aus den Augen verlieren. Sonst wird die ganze Geschichte irgendwie schief. Es geht in ihr um geschenktes und verweigertes Vertrauen. „Geschenktes Vertrauen“ weiterlesen

Sich nach der Freude ausspannen

Matthäus 25, 1 – 13

1 Dann wird das Himmelreich gleichen zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und gingen hinaus, dem Bräutigam entgegen.

             Ein Himmelreichsgleichnis führt die Überlegungen weiter: wie kann der Einzelne, Christin, Christ, sich vorbereiten auf das Kommen Christi? Wie gelingt es, bereit zu sein? Es ist ein schönes Bild, das Jesus wählt: das Empfangskomitee der zehn Jungfrauen für den kommenden Bräutigam. Das erste Bild-Signal also: Es geht um ein Fest.

Ein Fest, bei dem die Feiernden sein werden wie die Träumenden: lachen vor Freude, tanzen und singen, dem Gastgeber danken und ihn loben. Im Bild der Hochzeit redet Jesus vom großen Tag Gottes und ruft uns, dass wir an ihm teilhaben sollen. In die Freude seines Reiches ruft er. In die Freude die darin liegt, mit ihm Hochzeit zu halten. Das ist unsere tiefste Bestimmung, die wir als Menschen haben: wir sind eingeladen zum Fest Gottes in seiner Ewigkeit, die er heraufführt. So zu lesen passt zur Praxis Jesu auf dem Weg durch Galiläa und nach Jerusalem, wo er immer wieder einkehrt, Feste feiert, selbst Gast zum Gastgeber wird.

Für mich ist kein Zweifel: wenn Jesus hier vom Bräutigam spricht, so spricht er von sich selbst. „Bräutigam ist im Alten Testament ein stehendes Bild für Gott in seiner Beziehung zu Israel. Verlobung bzw. Hochzeit stehen für den Bund, den er mit Israel schließt….. Aber für die nachösterliche Gemeinde und für Matthäus und seine Adressaten war klar, dass Jesus in diesem Gleichnis von sich selbst und seiner Wiederkunft sprach.“ (W.Klaiber, , aaO.;S.191f.) „Sich nach der Freude ausspannen“ weiterlesen

Wartend leben lernen

Matthäus 24, 45 – 51

45 Wer ist nun der treue und kluge Knecht, den der Herr über seine Leute gesetzt hat, damit er ihnen zur rechten Zeit zu essen gebe? 46 Selig ist der Knecht, den sein Herr, wenn er kommt, das tun sieht. 47 Wahrlich, ich sage euch: Er wird ihn über alle seine Güter setzen.

            Was heißt „wachen“ „bereit sein“? wie sieht das praktisch aus? Darauf antwortet Jesus mit seinem Bild-Wort. Von klugen und treuen Knechten spricht er. Die sich bewähren. Indem sie für die sorgen, die von ihnen abhängig sind.  Ihnen zu essen geben. Also das, was zum Leben nötig ist.

Knecht ist keine abwertende Bezeichnung. Sondern im Gegenteil – ein Würdename. „Knecht Jesu Christi“ nennt Paulus sich (Römer 1,1; Philipper 1,1),  nennt sich auch `Petrus´,  (2.Petrus 1.1) und der Verfasser des letzten Buches der Bibel, der Seher Johannes (Offenbarung 1.2). Ihnen allen ist gemeinsam: sie haben eine anvertraute Aufgabe. Das ist ihre Würde. Der suchen sie gerecht zu werden.

Ihre Aufgabe: Den Leuten des Herrn essen zu geben. Rechtzeitig. Genug. Im Bild ist das klar und für jeden Zuhörer Jesu einsichtig als Alltagserfahrung: Es gibt Sklaven, denen diese Aufgabe in einem Haushalt übertragen ist. Für die anderen zu sorgen. „Wartend leben lernen“ weiterlesen

Am Ende: Erbarmen

Matthäus 24, 29 – 31

29 Sogleich aber nach der Bedrängnis jener Zeit wird die Sonne sich verfinstern und der Mond seinen Schein verlieren, und die Sterne werden vom Himmel fallen und die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen.

             Jetzt entsteht doch der Eindruck eines Zeitablaufes. Aber es ist ein Ablauf, der nicht mehr mit unseren Kategorien zu fassen ist. „Der Horizont der irdischen Geschichte wird hier gesprengt; der ganze Kosmos wird nun in das Geschehen einbezogen.“ (U.Luz,  aaO.; S.433) Die Zeit des Handelns von Menschen ist vorbei. Was jetzt geschieht, läuft ab als ein Handeln Gottes allein.

Es ist dramatisch. Sonne, Mond und Sterne – die Lichter, von denen der Schöpfungsbericht weiß: „Und Gott sprach: Es werden Lichter an der Feste des Himmels, die da scheiden Tag und Nacht und geben Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre und seien Lichter an der Feste des Himmels, dass sie scheinen auf die Erde. Und es geschah so. Und Gott machte zwei große Lichter: ein großes Licht, das den Tag regiere, und ein kleines Licht, das die Nacht regiere, dazu auch die Sterne.“(1. Mos 1,14 – 16) Diese Lichter verlieren ihr Licht, verlieren ihren Ort. Wird die Schöpfung zurück genommen? Zunichte gemacht?

Die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. Erneut legt sich mir ein Rückgriff auf den Schöpfungsbericht nahe: „Und Gott sprach: Es werde eine Feste zwischen den Wassern, die da scheide zwischen den Wassern. Da machte Gott die Feste und schied das Wasser unter der Feste von dem Wasser über der Feste. Und es geschah so.“(1. Mose 1, 6-7) Die Stabilität der Welt löst sich auf. Der feste Boden und der weit gespannte bergende Himmel gerät ins Wanken, nicht mehr durch ein individuelles Unglück, sondern für alle, die ganze Schöpfung.

Das ist nicht die kosmische Katastrophe, die der Hochmut von Menschen heraufführt. Das ist nicht der Zusammenbruch des Klimagleichgewichts. Das ist vielmehr: „Das Ende der bisherigen Existenz dieser Welt mit all ihren Sicherheiten.“(W.Klaiber, aaO.; S.176) Es sind Bilder, für die uns jede Anschauung fehlt. Albtraumhafte Bilder. Bilder aus der Tradition apokalyptischer Texte, wie sie im Daniel-Buch begegnen, auch beim Propheten Sacharja. Uns fremd und doch zugleich – jede große Naturkatastrophe ist dafür Zeuge – bedrängend nahe. Bilder, die an tiefe Ängste rühren: Der Boden, auf dem wir leben, könnte endgültig und für alle ins Wanken geraten. Zerbersten.

Es sind archaische Bilder, Menschheitsbilder, die aber zugleich auch biographisch „eingefärbt“ werden. Wie oft haben wir das Gefühl, dass der Himmel einstürzt, dass die Erde ins Wanken geraten ist. Mutter Erde trägt nicht mehr. „Es ist nichts mehr, wie es war.“ höre ich als Reaktion auf die Anschläge in Paris und verstehe: Da bricht die Welt, wie sie uns Sicherheit gegeben hat, zusammen. Nicht nur die soziale Ordnung zerbröselt. Auch die Elemente, alles, was unerschütterlich stand – im Wanken. In Auflösung. „Am Ende: Erbarmen“ weiterlesen

Allezeit bereit

Matthäus 24, 32 – 44

32 An dem Feigenbaum lernt ein Gleichnis: Wenn seine Zweige jetzt saftig werden und Blätter treiben, so wisst ihr, dass der Sommer nahe ist. 33 Ebenso auch: Wenn ihr das alles seht, so wisst, dass er nahe vor der Tür ist.

             Diese Worte knüpfen an frühere Worte, die Jesus an die Pharisäer gerichtet hatte, an: „Des Abends sprecht ihr: Es wird ein schöner Tag werden, denn der Himmel ist rot. Und des Morgens sprecht ihr: Es wird heute ein Unwetter kommen, denn der Himmel ist rot und trübe. Über das Aussehen des Himmels könnt ihr urteilen; könnt ihr dann nicht auch über die Zeichen der Zeit urteilen?“(16, 2-3) Auch die Jünger und Jüngerinnen Jesu sollen sich als urteilsfähige Leute erweisen. Die die Zeichen der Zeit zu deuten verstehen. So wie sie auch aus dem Blättern und Zweigen des Feigenbaumes ihre Schlüsse auf die bevorstehende Sommerzeit ziehen können.

             Er, der nahe vor der Tür ist – das ist der Menschensohn. Es ist die durchgängige Erwartung: Das Kommen Jesu ist nahe. So wie das Himmelreich in ihm schon nahe gekommen ist, herbei gekommen ist, so ist auch sein Kommen wieder nahe. Vor der Tür.

Das ist, mit aller Vorsicht gesagt, die Antwort auf die bis dahin nicht beantwortete Frage der Jünger: „Sage uns, wann wird das geschehen? Und was wird das Zeichen sein für dein Kommen und für das Ende der Welt?“ (24,3) Jetzt also eine erste Antwort: Seht genau hin. Und: Vor der Tür. Nahe.

  34 Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschieht.

             Es ist herausgehobener, feierlicher Redestil. Wahrlich, ich sage euch. Und dann der Satz, an dem sich bis heute alle Ausleger mühen: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschieht. „Die jetzt lebende Generation wird nicht vergehen, bis das alles geschieht. Matthäus erwartet also die Parusie innerhalb eines Zeitraumes von allerlängstens einem Menschenleben“ (U.Luz, aaO.; S.443)

             Gilt diese Erwartung nur für Matthäus oder ist das auch die Erwartung Jesu? Und muss  man dann sagen: Jesus hat sich mit dieser Erwartung geirrt? Was daran aber, so frage ich, wäre schlimm? Wir bekennen: Jesus ist wahrer Mensch. Das schließt doch die Irrtumsfähigkeit ein. Das schließt auch Lernfähigkeit ein und eben nicht aus – so wie sie sich etwa in der Begegnung mit der kanaanäischen Frau (15,24 – 28) zeigt. Ja – Jesus rechnet mit seinem (Wieder)-Kommen bald, in Kürze.  „Allezeit bereit“ weiterlesen

Lasst euch nicht erschrecken!

Matthäus 24, 15 – 28

15 Wenn ihr nun sehen werdet das Gräuelbild der Verwüstung stehen an der heiligen Stätte, wovon gesagt ist durch den Propheten Daniel (Daniel 9,27; 11,31) – wer das liest, der merke auf! -, 16 alsdann fliehe auf die Berge, wer in Judäa ist; 17 und wer auf dem Dach ist, der steige nicht hinunter, etwas aus seinem Hause zu holen; 18 und wer auf dem Feld ist, der kehre nicht zurück, seinen Mantel zu holen. 19 Weh aber den Schwangeren und den Stillenden zu jener Zeit! 20 Bittet aber, dass eure Flucht nicht geschehe im Winter oder am Sabbat.

             Das ist nicht Rede vom Ende, von der Wiederkunft. Das führt mitten hinein in die Geschichte. Das Gräuelbild der Verwüstung – das umschreibt „den von den Syrern auf dem Brandopferaltar aufgerichteten Zeusaltar.“ (U.Luz, aaO.; S.425) Verantwortlich: Antiochus IV. Epiphanes um 168. V. Chr.. Diese „Kunstaktion“ wurde zum Auslöser des Aufstandes der Makkabäer. Aber jetzt, wenn sich so etwas wiederholen wird, so die Worte, ist nicht Zeit für Aufstände, sondern Zeit zur Flucht.

Es liegt nahe, diese Worte mit dem Geschehen der Eroberung und Zerstörung Jerusalems zu verbinden. Mit der Verwüstung des Tempels. Als der römische Adler im Tenpel aufgepflanzt wurde. Damals ist die junge Christengemeinde aus Jerusalem geflohen. Ausgewandert, weil sie sich dem Aufstand gegen Rom nicht anschließen wollte.

Nur: diese so konkreten Anweisungen machen keinen Sinn, wenn sie nur wie eine nachträgliche Ansage gemeint sein sollten. Sondern gerade die Konkretionen: kein Aufhalten, um irgendetwas im Haus zu holen, der Wehrufe über Schwangeren und Stillenden, die Bitte, nicht im Winter und nicht  am Sabbat deuten auf Geschehen in der Zukunft. Auf ein Geschehen, das wie eine furchtbare Sturmflut auf die Angesprochenen zukommt.

So sind die Worte Jesu zwar sicherlich mit der Zerstörung Jerusalems zu verbinden, aber sie müssen nicht deshalb zwangsläufig erst nach den Ereignissen im Jahr 70 erstmals gesprochen sein. Mir scheint auch möglich, dass dieses Geschehen Matthäus im Stil seiner Formulierungen leitet, nicht aber die Aussagen der Sache nach erst hervor bringt.

Während man die Bitte nicht im Winter sofort versteht, gibt die Wendung nicht am Sabbat Rätsel auf. Vielleicht gibt es in der Gemeinde, die das Evangelium liest, doch noch Menschen, die sich streng an die alten Sabbat-Regeln gebunden fühlen, trotz der Freiheit, die Jesus im Umgang mit dem Sabbat gelebt hat. Es ist nicht so leicht, Freiheit in das eigene Leben hinein, das lange anders geprägt war, zu übertragen. Dem tragen diese Worte Rechnung.

Menschen auf der Flucht, Menschen mit Fluchterfahrungen lesen diese Worte anders als wir in einem sicheren Land. Als wir, die allenfalls über die Aufnahme von Flüchtlingen nachdenken, darüber, ob es für eine Aufnahme Grenzen geben muss. Wer vor der Gewalt fliehen muss, die sein Leben bedroht, findet sich in solchen Worten mit seiner bedrohten Existenz  wieder.  „Lasst euch nicht erschrecken!“ weiterlesen

Wehe

Matthäus 23, 23 – 39

23 Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr den Zehnten gebt von Minze, Dill und Kümmel und lasst das Wichtigste im Gesetz beiseite, nämlich das Recht, die Barmherzigkeit und den Glauben! Doch dies sollte man tun und jenes nicht lassen. 24 Ihr verblendeten Führer, die ihr Mücken aussiebt, aber Kamele verschluckt!

 Es ist ein Zeichen von Verblendung, wenn man sich in tausend Kleinigkeiten verliert. Schon bei der Frage nach den Schwurformeln war es so, dass vor lauter Achten auf mögliche Verfehlungen der Sinn des Ganzen verfehlt wird. Genau so auch hier: Peinlichste Genauigkeit führt zu einer abstrusen Lebenshaltung. Man achtet höchst sorgfältig auf die ordnungsgemäße Besteuerung von allen Gartenkräutern, Darauf, auch nicht das kleinste Insekt zu verschlucken, weil Insekten ja unreine Tiere sind. Aber übersieht dabei die „dicken Hunde“. Dass das Recht, die Barmherzigkeit und der Glauben unter die Räder kommen, nebensächlich werden!

„Menschen, die sich einer Sache mit Übereifer widmen und sie nach allen Seiten absichern wollen, erliegen leicht der Gefahr, genau dadurch das eigentliche Anliegen zu verfehlen.“ (W.Klaiber, aaO.; S.150) Modernes Beispiel: Wer sich nur noch an den Buchstaben seiner Paragraphen hält, verliert nur zu leicht aus den Augen, dass sie dem Leben dienen sollten. Das Ersticken von sozialen Hilfen im Paragraphendschungel – für Hartz-IV-Bezieher, für Flüchtlinge, für Obdachlose – liefert Anschauungsmaterial für die verschluckten Kamele in Hülle und Fülle.

Dabei gilt doch auch für uns: Gesetze sollen dem Leben dienen, dem Recht. Und sie sollen die schützen, die sich selbst nicht schützen können. Arme, Schwache, Leute ohne Lobby und ohne Machtmittel. Die Barmherzigkeit in der biblischen Sprache findet ihre sachlich-fachliche Fortsetzung in der Solidarität und der Fürsorge. Der Überschuss über das Recht hinaus, der in der Barmherzigkeit liegt, ist aber freilich mit Gesetzen nicht zu bewahren. Er braucht Menschen, die sie üben.

25 Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr die Becher und Schüsseln außen reinigt, innen aber sind sie voller Raub und Gier! 26 Du blinder Pharisäer, reinige zuerst das Innere des Bechers, damit auch das Äußere rein wird! 27 Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr seid wie die übertünchten Gräber, die von außen hübsch aussehen, aber innen sind sie voller Totengebeine und lauter Unrat! 28 So auch ihr: von außen scheint ihr vor den Menschen fromm, aber innen seid ihr voller Heuchelei und Unrecht.

Weiter geht es mit den Wehe-Rufen. Diesmal über die Tendenz zur Außendarstellung. Festgemacht an den Reinheitsvorschriften. Becher müssen gereinigt werden, innen und außen, damit sich der Trinkende nicht verunreinigt.

Es könnte sein, dass es auch um den Becherinhalt geht: „Es ist daran gedacht, dass die Becher und Schüsseln unrein sind, weil sie das den Armen geraubte Gut enthalten, ebenso wie ihre Besitzer, die Reichen, weil sie sich nicht beherrschen können und in ihrer Maßlosigkeit alles in ihre Bäuche (und Taschen) stopfen.“(U.Luz aaO.;,S.337) Was für eine Konsequenz: Unsoziales Verhalten den Armen gegenüber macht unrein!

 Reinheit, wie sie die Pharisäer üben, wird demgegenüber zur bloßen Fassaden-Verschönerung. Hauptsache, das Image stimmt. „Wie es da drinnen aussieht, geht niemand etwas an.“(Land des Lächelns) Für Jesus aber ist es umgekehrt: Ihm geht es nie um Äußerlichkeiten, sondern immer um das Innere, um das Herz. Weil aus dem Herzen das kommt, was den Menschen bestimmt und ausmacht: „Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. Ein guter Mensch bringt Gutes hervor aus dem guten Schatz seines Herzens; und ein böser Mensch bringt Böses hervor aus seinem bösen Schatz.“(12,34-35) „Wehe“ weiterlesen

Schein-Heilig

Matthäus 23, 1 – 22

1 Da redete Jesus zu dem Volk und zu seinen Jüngern 2 und sprach:

             Das Gespräch mit den Pharisäern ist zu Ende. Zurück bleiben Jesus, die Jünger und das Volk. Zu ihnen spricht Jesus nun – in einer langen Rede über die Pharisäer und die Schriftgelehrten. Ob auch die Pharisäer noch anwesend gedacht werden müssen, ergibt sich für nicht aus diesen ersten Sätzen. Klar ist nur: Es ist das letzte Mal, dass sich Jesus auch an das Volk wendet.   

 Auf dem Stuhl des Mose sitzen die Schriftgelehrten und Pharisäer. 3 Alles nun, was sie euch sagen, das tut und haltet; aber nach ihren Werken sollt ihr nicht handeln; denn sie sagen’s zwar, tun’s aber nicht. 4 Sie binden schwere und unerträgliche Bürden und legen sie den Menschen auf die Schultern; aber sie selbst wollen keinen Finger dafür krümmen.

             Jesus beginnt mit einer Feststellung. Schriftgelehrte und Pharisäer beanspruchen die Lehrautorität, beanspruchen, dass sie es sind,  die Mose richtig auslegen. Es mag sein, dass sich das auch äußerlich auf herausgehobene Sitze in den Synagogen bezieht, aber im Kern geht es doch wohl um die Auslegung des Gesetzes, der Torah.

Es wirkt überraschend: die Hörer sollen alles halten, was die Pharisäer lehren, aber sich nicht an ihrem Tun orientieren. Es wird noch schwieriger, wenn ich weiterlese: das, was sie lehren, legt den Menschen schwere Lasten auf die Schultern. Und dennoch soll man ihren Lehren folgen?

Es ist gut, sich zu erinnern, was Jesus  von sich und seinem Lehren sagt:  „Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“ (11,29-30) Es kann also, so die logische Schlussfolgerung, doch nicht wirklich gelten: Alles, was sie euch sagen, das tut. 

Wo ist der Ausweg? Man kann exegetisch zu retten versuchen: Es sind keine Worte Jesu, sondern spätere Bildungen.  Aber das überzeugt mich nicht, denn auch für Matthäus, wenn er denn diese Worte gebildet hätte, gilt doch, dass er den inneren Widerspruch in diesen Worten bemerkt haben muss. „Schein-Heilig“ weiterlesen

Das vornehmste Gebot

Matthäus 22, 34 – 46

34 Als aber die Pharisäer hörten, dass er den Sadduzäern das Maul gestopft hatte, versammelten sie sich.

             Man könnte auf die Idee kommen, Schadenfreude bei den Pharisäern zu vermuten. Es würde zur „bekannten Rivalität zwischen Pharisäern und Sadduzäern“ (W.Klaiber, aaO.; S. 130) passen. Wie auch immer Die Pharisäer konstatieren, dass Jesus die Sadduzäer zum Schweigen gebracht hat. Punktsieg oder gar K.O.-Sieg im Rededuell. Auf diese Nachricht hin versammeln sie sich. Mit welcher Absicht wird nicht ausgeführt. Aber die nachfolgende Szene scheint durch diese Zusammenkunft initiiert zu sein.

 35 Und einer von ihnen, ein Schriftgelehrter, versuchte ihn und fragte: 36 Meister, welches ist das höchste Gebot im Gesetz?

             Einer wird ihr Sprecher, ein Schriftgelehrter. Er stellte Jesus eine Frage, die vom Evangelisten bewertet wird: er versuchte ihn. Das ist nicht das offene Gespräch, in dem man nur wissen will, wie der andere denkt und glaubt. Sondern das ist die Glaubensprüfung: Stehst Du überhaupt auf dem Boden dessen, was wir als Juden glauben? Versuchen ist also hier nicht der Versuch, Jesus zu einer Grenzüberschreitung zu bringen, sondern der Frager will ihn auf die Probe stellen. Prüfen. Seine Rechtgläubigkeit klären. Dahinter wird wohl der Verdacht stehen, der schon lange bei den Pharisäern schwelt: Jesus ist ein Ketzer, ein Irrlehrer, ein Gotteslästerer.

Jetzt also die Frage, mit der einigermaßen ehrenvollen Anrede Meister, Lehrer verbunden, aber nicht mit der Anrede der Glaubenden, Herr: Welches ist das höchste Gebot im Gesetz? Die Luther-Übersetzung übertreibt ein wenig. Im Griechischen Text ist nicht vom höchsten Gebot die Rede, sondern – so ντολ μεγλη – von dem großen Gebot im Gesetz.   

 Man könnte zurückfragen: Gibt es überhaupt eine Rangliste – dieses Gebot ist wichtiger als andere? Wo liegt der Maßstab – für das größere oder gar das größte Gebot? Aber es ist gängige Praxis, Judentum damals wie bei uns heute. „Auch die Rabbinen haben nach verschiedenen Gesichtspunkten „geringe“ und „schwere“ Gebote unterschieden.“ (U.Luz, aaO.; S.278) Es wäre auch heute ein wenig lebensfremd, würde man alle Gebote für gleichwertig und gleichwesentlich halten. Das gilt ja nicht nur „für die 248 Gebote und 365 Verbote“ (U.Luz, ebda.)der Torah. „Das vornehmste Gebot“ weiterlesen