Gute Nachricht für die im Dunkel

Matthäus 4, 12 – 17

 12 Da nun Jesus hörte, dass Johannes gefangen gesetzt worden war, zog er sich nach Galiläa zurück.

Es ist nicht das Interesse des Evangelisten, eine nahtlose Erzählung zu präsentieren. Er reiht Texte aneinander.. Genauer: Geschichten, die im Umlauf sind. Erzählungen, die auf den Weg Jesu zurückblicken. Oft ohne jede Anmerkung, ohne den Versuch, den Leser*innen den Fortgang des Evangeliums plausibel zu machen..

Jesus ist also zurückgekehrt aus der Wüste. Aus der so „unwirklichen“ Wirklichkeit des Ringens mit dem Versucher in die wirkliche Welt. Aus der Einsamkeit der Wüste nicht in eine große Öffentlichkeit, sondern in eine Art „Rückzugs-Gebiet“, nach Galiläa. Dort hört er, dass Johannes gefangen gesetzt worden war. Παραδίδωμι – dahingegeben heißt im Griechischen, was in der Luther-Übersetzung gefangen gesetzt istdas gleiche Wort, das für das Ausgeliefert Werden (20,18) Jesu in der Passion verwendet werden wird. Aber noch ist es nicht so weit. Jesus  entzieht sich dem Machtbereich des Herodes und geht nach Galiläa. „Jesus geht allein deshalb nach Galiläa, weil es dem göttlichen Plan entspricht, dass er im Galiläa der Heiden wirkt.“ (U. Luz, aaO.  S. 170)

Johannes begibt sich nicht in Gefangenschaft, er erleidet dieses Schicksal, gefangen gesetzt zu werden. Er ist in diesem Geschehen nicht aktiv, sondern passiv. Darum zögere ich ein wenig zuzustimmen: „Die Formulierung im Passiv deutet an, dass Gott auch dabei seine Hand im Spiel hat, obwohl das die Schuld der daran beteiligten Menschen nicht mindert. Auch das Schicksal des Täufers ist Konsequenz eines Auftrages, zu dem ihn Gott gesandt hat.“(W. Klaiber, Das Matthäus-Evangelium. Teil 1, Neukirchen 2015,  S. 67) Nicht jedes Passiv deutet zwangsläufig auf Gottes Mitwirken hin. es erklärt sich manchmal auch einfach aus den Abläufen. Dass das Schicksal des Täufers letztlich aus seiner Treue zu seinem Auftrag erwächst, dem ist sicher zuzustimmen.

Warum reagiert Jesus auf die Nachricht von der Festnahme Johannes mit einem Ortswechsel? Es könnte sein, dass er befürchtet, in diese „Geschichte“ mit hineingezogen zu werden. Das würde allerdings voraussetzen, dass er sich irgendwie dem Johanneskreis zugeordnet fühlte. Darüber gibt es nur Spekulationen, keinen textfesten Informationen.  Immerhin mag es sein, dass so etwas wie Furcht den Wechsel des Wohnortes mit bestimmt.

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Eins mit dem Vater

Matthäus 4, 1 – 11

 1 Da wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde.

Matthäus erzählt nicht einfach vor sich hin. Er treibt in seinem „Erzählen“ Theologie. Er will uns verstehen lassen, wer Jesus ist. Was es mit ihm auf sich hat. Vor diesem Abschnitt steht die Proklamation durch die Himmelsstimme: „Dies ist mein lieber Sohn.“ (3,17) Unscheinbar und leicht zu überlesen: Ττε. Da. Jetzt wird es sich zeigen müssen, wie sich das verhält mit dem Sohn-Sein. Es ist der Geist, Gottes Geist, der ihn diesen Prüfungen aussetzt.

Der Teufel, διαβλος, ist nur der Ausführende. Er ist, wie auch sonst, kein gleichberechtigter, gleichwertiger Gegenspieler Gottes. „Matthäus denkt ihn sich als sichtbare Person…. Freilich wird er wie im ganzen Neuen Testament weder näher geschildert noch als Herr der Hölle vorgestellt. Auch bei Matthäus hört man den Teufel. Das Sehen wird nicht betont.“ (E. Schweizer , aaO.  S. 33) Es ist ein Rechnen mit der Realität des Bösen, ob als Struktur, als überpersönliche Macht oder eben als Wirklichkeit, der sich der Einzelne gegenüber sieht, die mit dieser Vorstellung vom Teufel zum Ausdruck kommt.

damit er … versucht würde. Wir hören so etwas wie die Ankündigung eines Tests mit offenem Ausgang. Muss man diesen Weg so verstehen? Oder ist es nicht anders: Der Ausgang ist nicht offen. Der Weg, der mit der Taufe begonnen hat, soll bestätigt werden, Jesus auf dem Weg gestärkt. Durch das Bestehen dieser Versuchungen. Darum: „Die Abwehr des Versuchers gehört zu dem königlichen Werk Jesu, deshalb führt in der Geist selbst in den Kampf.“(A. Schlatter,   Das Evangelium Nach Matthäus, Stuttgart, 1977, S. 37)

 2 Und da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn. 3 Und der Versucher trat zu ihm und sprach: Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden.

            Es passiert erst einmal – nichts. Jesus fastet. Vierzig Tage und vierzig Nächte. Wozu dieses Fasten dienen soll, wird nicht gesagt. Ob es ein Reinigungsfasten, ein Vorbereitungsfasten, ein Fasten in der Spur des Mose ist –  „Und er war allda bei dem HERRN vierzig Tage und vierzig Nächte und aß kein Brot und trank kein Wasser. Und er schrieb auf die Tafeln die Worte des Bundes, die Zehn Worte“(2. Mose 34,28) – zu allem schweigt Matthäus. Kein Wunder, dass ihn hungert, dass ihn dürstet. Es ist ein elementares Lebensbedürfnis, das hier sein Recht fordert.

Das ist der Gesprächseinstieg des Teufels: „Der Ansatzpunkt der Versuchung ist Jesu Hunger.“(W. Klaiber, Das Matthäus-Evangelium. Teil 1, Neukirchen 2015, S. 62) Er nimmt das kreatürliche Lebens-Bedürfnis auf und nimmt zugleich Jesus fragend bei dem, was er ist: Du bist doch der Sohn Gottes. Die tragende Wahrheit des Glaubens wird hier zum Ausgangspunkt gemacht. Nicht in Frage gestellt. Es wird verbunden mit der Behauptung: Du müsstest nicht hungern.

Modern gesprochen: Nimm doch deine Macht in Anspruch. Schöpfe dein Potential aus. Es ist doch nicht zum Ansehen: Da hat einer die Möglichkeit, aus Steinen Brot zu machen – und er hungert. Nimm doch deine Macht, die du als der Sohn Gottes hast und gebrauche sie ‑ zum Kampf gegen den Hunger, den eigenen und womöglich auch den der Menschheit. „Eins mit dem Vater“ weiterlesen

Lass es gut sein

Matthäus 3, 13 – 17

 13 Zu der Zeit kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, dass er sich von ihm taufen ließe.

            Wieder, wie schon in 3,1: Zu der Zeit. ν δ τας μραις.  In diesen Tagen, als so viele zu Johannes strömen. Jesus ist einer unter diesen vielen. Einer, der sich zielgerichtet auf den weiten Weg macht, von Galiläa nach Judäa, an den Jordan. Warum? Ist er angesprochen von dem, was man über Johannes erzählt, was als seine Predigt weiter gesagt wird? Ist er innerlich genötigt? Er ist nicht nur einer, der einmal seine Neugier befriedigen will. „Er kam nicht bloß als Zuschauer, um aus der Ferne zu betrachten, wie Johannes die Sünder bekehrte und die Reuigen aufrichtete.“(A Schlatter,  Das Evangelium Nach Matthäus, Stuttgart, 1977, S. 32)  Er kommt mit dem ausgesprochenen Vorsatz, dass er sich von ihm taufen ließe.

14 Aber Johannes wehrte ihm und sprach: Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir?

Sofort türmen sich die Fragen: Warum wehrt Johannes sich gegen Jesu Taufanliegen? Im Nachhinein ist das verständlich. Aber im Gang der Geschichte doch nicht. Da steht ein jüdischer Mann vor Johannes wie tausend andere. Kein Heiligenschein. Matthäus weiß nichts zu berichten von Augen, die zwingen, von einer Ausstrahlung, die unwiderstehlich ist. Er sieht eben nicht „eine eigenartig zwingende Hoheit in Jesu Haltung und Antwort.“(J. Wilkens, aaO.  S. 35) Keine Andeutung von einem Wesen, das sofort ahnen lässt: Hier ist mehr im Spiel.

Nichts dergleichen. Aber Johannes sagt: Verkehrte Welt. Dass Petrus das sagen wird, in der Nacht der Fußwaschung, dass er Einspruch erhebt: „Da kam er zu Simon Petrus; der sprach zu ihm: Herr, solltest du mir die Füße waschen? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Was ich tue, das verstehst du jetzt nicht; du wirst es aber hernach erfahren. Da sprach Petrus zu ihm: Nimmermehr sollst du mir die Füße waschen!“(Johannes 13,6-8) das ist ja nach einem gemeinsamen Weg durch Jahre hin einigermaßen einleuchtend. Aber hier bei Johannes? Er ist doch der, der Zulauf ohne Ende hat, zu dem die Menschen nur so strömen, auch dieser Jesus.

Was also ist es, das Johannes so abwehren lässt? Unter Exegeten wird öfters gemutmaßt, dass Jesus ursprünglich ein Johannes-Jünger gewesen sein könnte, der sich dann von ihm gelöst hätte. Ich halte das nicht für schlüssig. Wenn es so gewesen wäre, dann müsste hinter der Frage ja Bitterkeit stecken: Wenn du schon weggehst, warum dann noch die Taufe? Was versprichst du dir davon? Aber nichts ist in dieser Richtung spürbar.  „Lass es gut sein“ weiterlesen

Ein freier Rufer

Matthäus 3, 1 – 12

 1 Zu der Zeit kam Johannes der Täufer und predigte in der Wüste von Judäa 2 und sprach: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen! 3 Denn dieser ist’s, von dem der Prophet Jesaja gesprochen und gesagt hat (Jesaja 40,3): »Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg und macht eben seine Steige!«

Ganz unbekümmert knüpft Matthäus an: ν δ τας μραις. In diesen Tagen. Dabei ist es ein Zeitsprung von etlichen Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, zwischen der Rückkehr aus Ägypten, der Ansiedlung der „heiligen Familie“ in Nazareth  und dem Auftreten des Täufers. Für Matthäus aber rücken diese Zeiten zusammen, weil sich in ihnen die Zeit verdichtet.

Es ist viel mehr als eine geographische Notiz: In der Wüste von Judäa tritt der Täufer Johannes auf. Muss er auftreten, damit sich die Schrift erfüllt mit ihrem Wort von der Stimme eines Predigers in der Wüste. Mit diesem Zitat wird zugleich deutlich, wer der Täufer ist. Der Wegbereiter. Der Vorläufer. Johannes ist nicht der, auf den zu warten ist. Nicht der Erwartete.

            Seine Botschaft: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen! Umkehr, μετάνοια  predigt der Täufer.  Ist das seine  Antwort auf das diffuse Warten und Hoffen des Volkes? Es mag ja stimmen: „Es gibt Zeiten der Not, des Elends und der Erniedrigung, in denen die Hoffnung auf kommende Herrschaft gewaltig durch das Volk geht.“(J. Wilkens, Der König Israels; Die urchristliche Botschaft, Abt.1 Matthäusevangelium, 1. Halbband, Berlin 1934, S. 68)  Aber hier ist auch zwischen den Zeilen nicht die geringste Andeutung zu finden, dass dieser Ruf des Johannes von solch einem Warten ausgelöst ist. Dieser Ruf ist ausgelöst durch die Anweisung aus einer anderen Welt, aus der Sphäre der Ewigkeit Gottes. Und er zielt auf mehr als darauf, ein paar neue Gedanken zu denken. Mehr auch als eine neue Gesinnung. Das Wort will eine neue Lebenspraxis. Und sie ist möglich und nötig, weil  das Himmelreich nahe herbeigekommen ist.

       Das Himmelreich, βασιλεα τν ορανν ist ein Ausdruck, der so nur bei Matthäus begegnet. Da aber gleich 32-mal. Die geläufigere Wendung bei den anderen Evangelisten ist das „Reich Gottes“. Βασιλεύειν, königlich herrschen, ist die Verbform, die beide Wendungen verbindet. Auch sie ist bei Matthäus häufiger als bei allen anderen Evangelisten zu finden. Vom theologischen Inhalt her sind diese beiden Wendungen – Reich der Himmel und Reich Gottes – nicht wirklich deutlich unterschieden. Es kann sein, dass Matthäus mit seiner Wendung einen Sprachgebrauch aufnimmt, der ihm aus der Gemeinde vertraut ist. Oder, dass er, aus dem Judentum kommend, das direkte Reden von Gott aus Ehrfurcht vor dem Gottesnamen meidet und deshalb vom Himmel spricht.  Auch Evangelisten schreiben nicht im luftleeren Raum.  „Ein freier Rufer“ weiterlesen

Aufgehoben

Matthäus 2, 13 – 23

13 Als sie aber hinweggezogen waren, siehe, da erschien der Engel des Herrn dem Josef im Traum und sprach:

               Die Weisen sind gegangen. Josef, von dem in der Begegnung mit den Weisen keine Rede war, ist aber da. Es fällt mir auf, dass in der Geburtserzählung des Matthäus Josef eine weitaus aktivere Rolle einnimmt als Maria, im Unterschied zum Lukas-Evangelium. Josef also empfängt erneut einen Traum und im Traum einen Engel. Nicht irgendeinen Allerwelts-Engel, sondern den Engel des Herrn. Diese so bestimmte Formulierung wirkt wie ein Rückverweis in alt-testamentliche Erzählungen. „Und der Engel des HERRN kam und setzte sich unter die Eiche bei Ofra; die gehörte Joasch, dem Abiësriter. Und sein Sohn Gideon drosch Weizen in der Kelter, damit er ihn berge vor den Midianitern. 12 Da erschien ihm der Engel des HERRN“ (Richter 6,11-12) Es hat also Tradition: Gott selbst nimmt sich durch seinen Boten seiner Leute an, hier des Josef und seiner Maria und des Kindes.

 Steh auf, nimm das Kindlein und seine Mutter mit dir und flieh nach Ägypten und bleib dort, bis ich dir’s sage; denn Herodes hat vor, das Kindlein zu suchen, um es umzubringen. 14 Da stand er auf und nahm das Kindlein und seine Mutter mit sich bei Nacht und entwich nach Ägypten 15 und blieb dort bis nach dem Tod des Herodes, damit erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht (Hosea 11,1): »Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.«

Ein Befehl zur Flucht. Zum Ausweichen vor dem Unheil. Ausgerechnet nach Ägypten. Dorthin, wo Israel 400 Jahre in der Knechtschaft war. Dorthin, wo die Flucht von Israeliten nach der Zerstörung Jerusalems im Jahr 586 in einem Desaster geendet ist. Aber angesichts der Mordpläne des Herodes ist sogar Ägypten besser als tapferes, aber sinnfreies Bleiben.

Und wieder der Gehorsam aufs Wort und auf der Stelle. Da stand er auf und nahm das Kindlein und seine Mutter mit sich bei Nacht und entwich nach Ägypten. Keine Diskussion, kein Warum, kein Wenn und Aber. Schlichter Gehorsam. Noch in der gleichen Nacht.  „Aufgehoben“ weiterlesen

Wir wollen anbeten

Matthäus 2, 1 – 12

1 Da Jesus geboren war zu Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen:

            Nur wie nebenbei, fast könnte es ein Nachtrag sein, um anderer Quellen willen, wird es erwähnt. Jesus ist in Bethlehem geboren, in Judäa, zur Zeit des Herodes. Es wirkt, als würden der nachfolgenden Erzählung damit Haftpunkte in der Geschichte gegeben, in Raum und Zeit. Damit sie nicht zeitlose Geschichte ist, sondern tief hineinverankert in die Welt. es geht um reale Menschwerdung, um ein wirklichens Kommen und Gehen in der Zeit.

Weise aus dem Morgenland kommen nach Jerusalem. Die fromme Tradition weiß mehr über sie als Matthäus erzählt: Es waren drei, Könige. Kaspar, Melchior und Balthasar. Einer davon schwarz.  Das alles interessiert Matthäus nicht.

Matthäus nennt sie Weise. Μγοι  Aus Anatolien kommen sie. So klingt Morgenland auf Griechisch! Sie sind „Wissenschaftler“, die sich mit den Sternen auskennen. Wohl auch mit der Kunst der Traumdeutung. „Sterndeuter, die das Geschick der Menschen in den Steren lesen wollten und allerlei dunkle Künste trieben.“(A Schlatter,  Das Evangelium Nach Matthäus, Stuttgart, 1977, S. 14) So weiß es der fromme Exeget –  der karge Text gibt solche Deutung nicht wirklich her. „Wir wollen anbeten“ weiterlesen

Wie im Traum

Matthäus 1, 18 – 25

18 Die Geburt Jesu Christi geschah aber so:

Der Satz scheint eine Schilderung der Geburt Jesu anzukündigen. Aber im Folgenden geht es nicht um die Geburt und ihre Umstände, insofern ist der Satz irreführend. Vielmehr wird es um Josef und Maria gehen. Um eine Engelbotschaft. Und es geht um die Konsequenzen, die Josef aus der Botschaft zieht. In dem allem geht es um Jesu Ursprung und Werden. Bemerkenswert: Das griechische Wort, das hier verwendet wird ist  γνεσις – Genesis

Als Maria, seine Mutter, dem Josef vertraut war, fand es sich, ehe sie zusammenkamen, dass sie schwanger war von dem Heiligen Geist. 19 Josef aber, ihr Mann, der fromm und gerecht war und , sie nicht in Schande bringen wollte, gedachte, sie heimlich zu verlassen.

Josef und Maria sind verlobt. Das ist ein bindendes Versprechen mit rechtlichen Folgen. „Eine Verlobung kann nur durch Scheidebrief gelöst werden.“ (U. Luz, aaO.  S. 103) Nun aber, als Josef sie als seine Frau heimholen will, erweist es sich, dass sie schwanger ist. Das griechische Wort für zusammenkommen, συνελθεν, wird von manchen, vor allem östlichen Kirchenvätern, auch auf den Geschlechtsverkehr hin gedeutet.

Der Evangelist stellt gleich klar, was der Mann Josef noch nicht weiß: Maria ist schwanger vom Heiligen Geist. Kein Wort zu dem Wie. Kein Wort zu dem Warum. Einfach nur ein Faktum. Immerhin: Für die Leser*innen ist „damit klargestellt, dass kein anderer Mann im Spiel ist, sondern die schöpferische Kraft des Geistes Gottes.“(W. Klaiber, Das Matthäus-Evangelium. Teil 1, Neukirchen 2015, S. 27) Josef aber muss mit dieser Entdeckung fertig werden, zurechtkommen. Sie gäbe ihm das Recht, sie öffentlich an den Pranger zu stellen. Josef aber geht einen anderen Weg. Seine Lösung: Stillschweigender Rückzug. Kein Skandal. Es ist ein Zeichen feinfühliger Gesinnung, Sie kennzeichnet ihn als „fromm“. Δκαιος meint eigentlich „gerecht“, gewinnt hier aber unter dem Verhalten des Josef einen Beiklang von „barmherzig“. Er möchte seiner Verlobten durch sein Verhalten gerecht werden. Darin ist er ein guter Mann, der seiner Verlobten die Bloßstellung ersparen möchte. Einer, der viel auf sich nimmt. „Wie im Traum“ weiterlesen

Gottes Plan – ein langer Weg

Matthäus 1, 1 – 17

 1 Dies ist das Buch von der Geschichte Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams.

Mit einem ersten großen Satz wird das Thema genannt. Es geht um die Geschichte Jesu Christi. Ganz so einfach ist es aber dennoch nicht. Ββλος γενσεως – diese Wendung wird vielfältig so übersetzt: „Buch des Ursprungs“ (Neue evangelistische Übersetzung); „Stammbaum“ (Einheitsübersetzung); „Geschlechtsregister“(Schlachter); „Dieses Buch berichtet über die Herkunft und Geschichte von Jesus Christus“ (Gute Nachricht). Wörtlich steht da „Buch der Abstammung“. Eine neue Genesis. Ein neuer Anfang Gottes am Anfang des Neuen Testaments.

Der Satz kann als Überschrift, Inhaltsangabe für das ganze nachfolgende Evangelium gelesen werden. Es klingen für Israel hoch bedeutsame Wendungen an: „Dies ist die Geschichte von Himmel und Erde, da sie geschaffen wurden.“(1. Mose 2,4) und im gleichen Buch:  „Dies ist das Buch von Adams Geschlecht.“(1. Mose 5,1) Hört man das mit, wird die Wendung theologisch voll Fülle. Was hier erzählt wird, ist der Beginn der neuen Schöpfung. Mit Jesus Christus kommt die Welt in eine neue Wirklichkeit, analog zur Schöpfung am Anfang.

Das Problem, das sich allerdings stellt: Der Satz kann auch enger verstanden werden. Man kann ihn nur auf den unmittelbar folgenden Stammbaum bezogen lesen. „die Überschrift signalisiert: „Hier folgen Informationen über die Herkunft Jesu Christi, und zwar in der Form eines Stammbaums.“(W. Klaiber, Das Matthäus-Evangelium. Teil 1, Neukirchen 2015, S. 21) Danach geht es „nur“ um seine Herkunft. Es spricht manches dafür, dieser eher „bescheidenen“ Deutung den Vorzug zu geben. Der leise Ton liegt näher als der große Posaunenklang. „Gottes Plan – ein langer Weg“ weiterlesen

Der unerkannte Weltenrichter

Matthäus 25, 31 – 46

Keine einleitenden Worte, die sagen: ein Gleichnis. Wir lesen die „letzte ausführliche Unterweisung Jesu an seinen Jünger.“ (U.Luz,  aaO.; S.517) Und, soweit ich das sehen kann, die ausführlichste Schilderung dessen, was wir Weltgericht nennen.

31 Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit, 32 und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, 33 und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken.

             Das Kommen des Menschensohnes wird anders sein als das Auftreten Jesu jetzt. Jetzt ist er einer wie wir, verwechselbar, ohne alle äußere Macht. Und die Selbstbezeichnung Menschensohn könnte fast einfach „ich“ bedeuten. Dann aber wird er kommen in Herrlichkeit und alle Engel mit ihm. Es ist die Majestät, die dem allmächtigen Gott eignet.

Er kommt – zum Gericht. Zum Gericht, das nicht irgendwo in einem Winkel stattfindet. Alle Völker werden vor ihm, vor dem Thron der Herrlichkeit versammelt. πντα τ θνη meint die ganze Völkerwelt, nicht nur die Christen, auch nicht nur die Heiden. Wirklich alle. Die gleiche Wendung wird am Ende des Evangeliums gebraucht werden: „Geht hin und macht zu Jüngern alle Völker.“(28,19) Auch dort wieder πντα τ θνη. Darum schließe ich aus, dass nur die Heiden gemeint sein könnten, auch nicht nur die Christen. Es geht wirklich um alle.

Der richtende Menschensohn scheidet, unterscheidet, trennt. Sortiert nach links und rechts. Wie ein Hirte. Das gilt auch: die Schafe wissen nicht, wie ihnen geschieht. Das ist zugleich der einzige Satz im ganzen Text, der ein Gleichnis andeutet.

Man tut gut daran, eine inhaltliche Bedeutung, warum die Schafe rechts, die Böcklein oder Zicklein aber links zu stehen kommen, nicht zu überspannen. Es könnte auch genau anders herum sein. Es geht nicht um das Geschlecht der Tiere, auch nicht um ihre Farbe – Schafe weiß, Böcke schwarz, auch nicht um ihre Nützlichkeit, Schafe geben Milch, Böcke nicht. Die Verteilung nach links und rechts, nach Schafen und Böcken, ist schlicht der Erzählung geschuldet. „Der unerkannte Weltenrichter“ weiterlesen

Geschenktes Vertrauen

Matthäus 25, 14 – 30

14 Denn es ist wie mit einem Menschen, der außer Landes ging: Er rief seine Knechte und vertraute ihnen sein Vermögen an; 15 dem einen gab er fünf Zentner Silber, dem andern zwei, dem dritten einen, jedem nach seiner Tüchtigkeit, und zog fort.

         Das gibt es zur Zeit Jesu öfters: reiche Leute, die ihre Habe Verwaltern anvertrauen. Ihren Knechten. Ob seine Knechte, δοι δολοι, wirklich Sklaven sind, sei dahingestellt. Das Wort wird sonst allerdings vor allem so gebraucht. Vielleicht geht es auch „nur“ um das Abhängigkeitsverhältnis, das Gefälle in der sozialen Stellung.

Dieser Auftrag zur Vermögensverwaltung ist ein überaus großer Vertrauensbeweis des Herrn an die Knechte. An ihnen hängt jetzt sein Besitz. Sie sind jetzt Verwalter seines Vermögens. Das ist eine durchgreifende Änderung der bisherigen Situation. Als Knechte in Anwesenheit ihres Herren gibt es für sie nur den Gehorsam aufs Wort hin. Der Herr befiehlt und sie tun das Befohlene. Kein Knecht wird in der Anwesenheit des Herren ohne Auftrag handeln. Aber nun werden die Knechte durch den Weggang des Herren zu selbständig Handelnden. Und zwar ist es er selbst, der sie dazu macht. Er traut ihnen zu, dass sie seinen Besitz mehren, ordentlich verwalten, dass er Gewinn von ihrem Tun haben wird.

       Der Mensch, wie ihn hier Matthäus beschreibt, kennt und beurteilt seine Knechte und er vertraut ihnen nach ihren Fähigkeiten an. Auch noch dem, dem nur ein Talent anvertraut wird, wird damit unendlich viel gegeben. Diesen Vertrauensbeweis darf man im Bedenken der ganzen Erzäählung nicht aus den Augen verlieren. Sonst wird die ganze Geschichte irgendwie schief. Es geht in ihr um geschenktes und verweigertes Vertrauen. „Geschenktes Vertrauen“ weiterlesen