Rogate

Matthäus 6, 5 – 15

5 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. 6 Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten. 7 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. 8 Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. 9 Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. 10 Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. 11 Unser tägliches Brot gib uns heute. 12 Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. 13 Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. [Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.] 14 Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. 15 Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.

 

Sonntag Rogate. Beten. Darüber wollte der Prediger im Fernseh-Gottesdienst heute nicht sprechen. Weil Beten in Zeiten von Corona nicht angesagt ist? Weil es stattdessen ums Tun geht, um das füreinander Dasein, wenn auch auf Abstand und nicht um Gott, um Gebet, um ein Dasein vor ihm und mit ihm? Ich will darüber nachdenken, dass in der Mitte der Bergpredigt Jesu Worte zum Beten stehen und als Anleitung zum Beten das Vaterunser.

Wir dürfen, können und sollen in der Verfassung vor und zu Gott kommen, in der wir gerade sind. Das ist in diesen Zeiten Corona als Über-Thema. Ich muss es Gott nicht sagen, was das mit mir und uns macht. Das weiß er schon, wie der Virus uns zusetzt, Angst macht, lähmt, Distanz erzwingt und sterben lässt.

Wenn es an diesem Sonntag Rogate nicht um unsere Worte geht, die wir betend machen, geht es vielleicht um den neuen Versuch zu hören. Will Gott uns in diese Zeit hinein – verrückt genug – durch diesen Virus etwas sagen? Dass wir aufmerksam werden sollen für die Schattenseiten unsrer weltweiten Verknüpfungen? Uns, die so oft zu den Globalisierungsgewinnern gehören – diesmal aber mit allen anderen auch zu den Verlierern.  Dass wir aufmerksamer werden sollen für die, die täglich Dienstleistungen für uns erbringen, oft mager bezahlt und kaum anerkannt? Dass wir dankbarer werden für Pfleger*innen und und Hilfskräfte in Krankenhäusern und Heimen? Dankbarer für die Krankenhäuser, Gesundheitsämter, für alle, die im Lebenshintergrund Daseins-Fürsorge aufrecht erhalten? Dankbarer für gute und aufmerksame Nachbarn? Für Kinder und Enkel, für Großeltern?

Kann es sein, dass Gott uns das alles sehen lassen will, immer schon und auch in Zeiten von Corona? Das Beten mit geöffneten Augen und Ohren anfängt? Ich möchte heute höre, was er uns Betenden zu sagen hat. Damit ich neu beten lerne.

 

Du heiliger Gott, wie viele Seiten habe ich mit Gebeten gefüllt und wie wenig habe ich doch in Wahrheit gebetet. Worte habe ich gemaht, aber sa betende Hören vergessen. Herr, mache Du mich zu einem, der auf Dich hörtdas eigeneHerz und die vielen Wünsche still sein lässt, damit ich Dich höre. Hilf Du mir, neige mein Herz zu Dir, öffne mir die Augen und Ohren, das Herz – für Dich. Amen

Vom Zweitwohnsitz Christi

Matthäus 25, 31 – 46

Keine einleitenden Worte, die sagen: ein Gleichnis. Wir lesen die „letzte ausführliche Unterweisung Jesu an seinen Jünger.“(U. Luz,  aaO.  S. 517) Und, soweit ich das sehen kann, die ausführlichste Schilderung dessen, was wir „Weltgericht“ nennen.

31 Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit, 32 und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, 33 und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken.

             Das Kommen des Menschensohnes wird anders sein als das Auftreten Jesu jetzt. Jetzt ist er einer wie wir, verwechselbar, ohne alle äußere Macht. Und die Selbstbezeichnung Menschensohn könnte fast einfach „ich“ bedeuten. Dann aber wird er kommen in Herrlichkeit und alle Engel mit ihm. Es ist die Majestät, die dem allmächtigen Gott eignet.

Er kommt – zum Gericht. Zum Gericht, das nicht irgendwo in einem Winkel stattfindet. Alle Völker werden vor ihm, vor dem Thron der Herrlichkeit versammelt. πντα τ θνη meint die ganze Völkerwelt, nicht nur die Christen, auch nicht nur die Heiden. Wirklich alle. Die gleiche Wendung wird am Ende des Evangeliums gebraucht werden: „Geht hin und macht zu Jüngern alle Völker.“(28,19) Auch dort wieder πντα τ θνη. Darum schließe ich aus, dass nur die Heiden gemeint sein könnten, auch nicht nur die Christen. Es geht wirklich um alle.

Der richtende Menschensohn scheidet, unterscheidet, trennt. Sortiert nach links und rechts. Wie ein Hirte. Das gilt auch: die Schafe und Böcke wissen nicht, wie ihnen geschieht. Das ist zugleich der einzige Satz im ganzen Text, der ein Gleichnis andeutet.

Man tut gut daran, eine inhaltliche Bedeutung, warum die Schafe rechts, die Böcklein oder Zicklein aber links zu stehen kommen, nicht zu überspannen. Es könnte auch genau anders herum sein. Es geht nicht um das Geschlecht der Tiere, auch nicht um ihre Farbe – Schafe weiß, Böcke schwarz, auch nicht um ihre Nützlichkeit, Schafe geben Milch, Böcke nicht. Die Verteilung nach links und rechts, nach Schafen und Böcken, ist schlicht der Erzählung geschuldet. „Vom Zweitwohnsitz Christi“ weiterlesen

Einsatz gefragt

Matthäus 25, 14 – 30

14 Denn es ist wie mit einem Menschen, der außer Landes ging: Er rief seine Knechte und vertraute ihnen sein Vermögen an; 15 dem einen gab er fünf Zentner Silber, dem andern zwei, dem dritten einen, jedem nach seiner Tüchtigkeit, und zog fort.

 Das gibt es zur Zeit Jesu öfters: reiche Leute, die ihre Habe Verwaltern anvertrauen. Ihren Knechten. Ob seine Knechte, δοι δολοι, wirklich Sklaven sind, sei dahingestellt. Das Wort wird sonst allerdings in dieser Bedeutung gebraucht. Vielleicht geht es auch „nur“ um das Abhängigkeitsverhältnis, das Gefälle in der sozialen Stellung.

Dieser Auftrag zur Vermögensverwaltung ist ein großer Vertrauensbeweis des Herrn an die Knechte.. Es ist eine durchgreifende Änderung der bisherigen Situation. Als Knechte in Anwesenheit ihres Herren gibt es für sie nur den Gehorsam aufs Wort hin. Der Herr befiehlt und sie tun das Befohlene. Kein Knecht wird in der Anwesenheit des Herren ohne Auftrag handeln. Aber nun werden die Knechte durch den Weggang des Herren zu selbständig Handelnden. An ihnen hängt jetzt sein Besitz. Sie sind jetzt Verwalter seines Vermögens. Er selbst macht sie dazu. Er traut ihnen zu, dass sie seinen Besitz ordentlich verwalten, gar mehren, so dass er Gewinn von ihrem Tun haben wird.

Der Mensch, wie ihn hier Matthäus beschreibt, kennt und beurteilt seine Knechte und er vertraut ihnen nach ihren Fähigkeiten an. Auch noch dem, dem nur einen Zentner, ein Talent anvertraut wird, wird damit unendlich viel gegeben. Diesen Vertrauensbeweis darf man im Bedenken der ganzen Erzäählung nicht aus den Augen verlieren. Sonst wird die ganze Geschichte irgendwie schief. Es geht in ihr um geschenktes und verweigertes Vertrauen. „Einsatz gefragt“ weiterlesen

Nur dies : Bei Dir sein

Matthäus 25, 1 – 13

1 Dann wird das Himmelreich gleichen zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und gingen hinaus, dem Bräutigam entgegen.

             Ein Himmelreichs-Gleichnis führt die Überlegungen weiter: wie kann der Einzelne, Christin, Christ, sich vorbereiten auf das Kommen Christi? Wie gelingt es, bereit zu sein? Es ist ein schönes Bild, das Jesus wählt: das Empfangskomitee der zehn Jungfrauen für den kommenden Bräutigam. Das erste Bild-Signal also: Es geht um ein Fest.

Ein Fest, bei dem die Feiernden sein werden wie die Träumenden: lachen vor Freude, tanzen und singen, dem Gastgeber danken und ihn loben. Im Bild der Hochzeit redet Jesus vom großen Tag Gottes und ruft uns, dass wir an ihm teilhaben sollen. In die Freude seines Reiches ruft er. In die Freude die darin liegt, mit ihm Hochzeit zu halten. Das ist unsere tiefste Bestimmung, die wir als Menschen haben: wir sind eingeladen zum Fest Gottes in seiner Ewigkeit, die er heraufführt. So zu lesen passt zur Praxis Jesu auf dem Weg durch Galiläa und nach Jerusalem, wo er immer wieder einkehrt, Feste feiert, selbst Gast zum Gastgeber wird.

Kein Zweifel: wenn Jesus hier vom Bräutigam spricht, spricht er von sich selbst. „Bräutigam ist im Alten Testament ein stehendes Bild für Gott in seiner Beziehung zu Israel. Verlobung bzw. Hochzeit stehen für den Bund, den er mit Israel schließt….. Aber für die nachösterliche Gemeinde und für Matthäus und seine Adressaten war klar, dass Jesus in diesem Gleichnis von sich selbst und seiner Wiederkunft sprach.“(W. Klaiber, , aaO. S. 191f.)

 Damit ist auch klar: es geht in dem Gleichnis darum, für das Kommen des Bräutigams bereit zu sein. Wann auch immer er kommen wird. Es hängt nicht besonders viel daran, dass die Wartenden Jungfrauen sind. Es geht nicht um einen Status der Unbescholtenheit. Ihre Jungfräulichkeit ist kein Thema, sondern wohl eher der Umwelt und entsprechenden Bräuchen geschuldet. Brautjungfern sind im Normalfall nicht verheiratet.

 

Wichtiger ist dann womöglich schon, dass es zehn sind. Zehn mag nicht die Zahl der Vollkommenheit sein, gleichwohl wird damit Vollständigkeit ausgedrückt. Zehn gleich alle, die nötig sind. Alle, die dieses Empfangskomitee bilden. Vielleicht darf man sagen: diese Zehn steht für die ganze Gemeinde.

2 Aber fünf von ihnen waren töricht und fünf waren klug. 3 Die törichten nahmen ihre Lampen, aber sie nahmen kein Öl mit. 4 Die klugen aber nahmen Öl mit in ihren Gefäßen, samt ihren Lampen.

             Die Zehn sind allerdings nicht alle gleich. Das zeigt sich an ihrem Handeln: die einen denken nur für den Augenblick, die anderen sind vorsorgend unterwegs. Sie achten in ihrem Tun darauf, dass sie über den Augenblick hinaus bereit sind. Nachhaltig nennen wir das heute. Sie sind nicht zukunftsvergessen. „Nur dies : Bei Dir sein“ weiterlesen

Treu und klug

Matthäus 24, 45 – 51

45 Wer ist nun der treue und kluge Knecht, den der Herr über seine Leute gesetzt hat, damit er ihnen zur rechten Zeit zu essen gebe? 46 Selig ist der Knecht, den sein Herr, wenn er kommt, das tun sieht. 47 Wahrlich, ich sage euch: Er wird ihn über alle seine Güter setzen.  

            Was heißt „wachen“ „bereit sein“? Wie sieht das praktisch aus? Darauf antwortet Jesus mit seinem Bild-Wort. Von klugen und treuen Knechten spricht er. Die sich bewähren. Indem sie für die sorgen, die von ihnen abhängig sind.  Ihnen zu essen geben. Also das, was zum Leben nötig ist.

Knecht- δολος -ist keine abwertende Bezeichnung. Sondern im Gegenteil – ein Würdename. „Knecht Jesu Christi“ nennt Paulus sich (Römer 1,1; Philipper 1,1),  nennen sich auch `Petrus´(2. Petrus 1.1)und der Verfasser des letzten Buches der Bibel, der Seher Johannes (Offenbarung 1.2). Ihnen allen ist gemeinsam: sie haben eine anvertraute Aufgabe. Das ist ihre Würde. Der suchen sie gerecht zu werden.

Ihre Aufgabe: Den Leuten des Herrn essen zu geben. Rechtzeitig. Genug. Im Bild ist das klar und für jeden Zuhörer Jesu einsichtig als Alltagserfahrung: Es gibt Sklaven, denen diese Aufgabe in einem Haushalt übertragen ist. Für die anderen zu sorgen.

Darf man „essen“ irgendwie symbolisch deuten? Die Seele nähren durch das Wort? Das Evangelium nicht als Verschluss-Sache behandeln? Sind das besondere Bevollmächtigte, sozusagen „Erzknecht“, Archie-Diakon. Nichts im Text spricht für diese Leseweise. Es sind mit dem Wort vom Knecht alle in der Gemeinde angesprochen. Sie alle sind ja Knechte Jesu Christi. So wie ja auch diese gesamten „Endzeitreden“ Kapitel 24 – 25 sich nicht an einzelne Gruppen wenden, sondern an alle Jüngerinnen und Jünger.           „Treu und klug“ weiterlesen

Meine Worte bleiben

Matthäus 24, 32 – 44

32 An dem Feigenbaum lernt ein Gleichnis: Wenn seine Zweige jetzt saftig werden und Blätter treiben, so wisst ihr, dass der Sommer nahe ist. 33 Ebenso auch: Wenn ihr das alles seht, so wisst, dass er nahe vor der Tür ist.

      Es gibt immer etwas zu sehen und Jesus öffnet denen, die um ihn sind, die Augen. Die ganze Welt ist gleichnisfähig. Früher schon hatte Jesus zu den Pharisäer gesagt: „Des Abends sprecht ihr: Es wird ein schöner Tag werden, denn der Himmel ist rot. Und des Morgens sprecht ihr: Es wird heute ein Unwetter kommen, denn der Himmel ist rot und trübe. Über das Aussehen des Himmels könnt ihr urteilen; könnt ihr dann nicht auch über die Zeichen der Zeit urteilen?“(16, 2-3) Auch die Jünger und Jüngerinnen Jesu sollen sich als urteilsfähige Leute erweisen. Die die Zeichen der Zeit zu deuten verstehen. So wie sie auch aus dem Blättern und Zweigen des Feigenbaumes ihre Schlüsse auf die bevorstehende Sommerzeit ziehen können.

             Er, der nahe vor der Tür ist – das ist der Menschensohn. Es ist die durchgängige Erwartung: Das Kommen Jesu ist nahe. So wie das Himmelreich in ihm schon nahe gekommen ist, herbei gekommen ist, so ist auch sein Kommen wieder nahe. Vor der Tür.

Das ist, mit aller Vorsicht gesagt, die Antwort auf die bis dahin nicht beantwortete Frage der Jünger: „Sage uns, wann wird das geschehen? Und was wird das Zeichen sein für dein Kommen und für das Ende der Welt?“ (24,3) Jetzt also eine erste Antwort: Seht genau hin. Und: Vor der Tür. Nahe.

  34 Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschieht.

Es ist herausgehobener, feierlicher Redestil. Wahrlich, ich sage euch. Und dann der Satz, an dem sich bis heute alle Ausleger mühen: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschieht. Im Klartext: „Die jetzt lebende Generation wird nicht vergehen, bis das alles geschieht. Matthäus erwartet die Parusie innerhalb eines Zeitraumes von allerlängstens einem Menschenleben“ (U. Luz, aaO.  S. 443)

             Gilt diese Erwartung nur für Matthäus oder ist das auch die Erwartung Jesu? Und muss  man dann sagen: Jesus hat sich mit dieser Erwartung geirrt? Was daran aber wäre schlimm, frage ich. Wir bekennen: Jesus ist wahrer Mensch. Das schließt doch die Irrtumsfähigkeit ein. Das schließt auch Lernfähigkeit ein und eben nicht aus – so wie sie sich etwa in der Begegnung mit der kanaanäischen Frau (15,24 – 28) zeigt. Ja – Jesus rechnet mit seinem (Wieder)-Kommen bald, in Kürze. „Meine Worte bleiben“ weiterlesen

Alle werden ihn sehen

Matthäus 24, 29 – 31

29 Sogleich aber nach der Bedrängnis jener Zeit wird die Sonne sich verfinstern und der Mond seinen Schein verlieren, und die Sterne werden vom Himmel fallen und die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen.

             In diesen Sätzen entsteht der Eindruck eines Zeitablaufes. Eines Ablaufes, der nicht mehr mit unseren Kategorien zu fassen ist. „Der Horizont der irdischen Geschichte wird hier gesprengt; der ganze Kosmos wird nun in das Geschehen einbezogen.“(U. Luz,  aaO.  S. 433) Die Zeit des Handelns von Menschen ist vorbei. Was jetzt geschieht, läuft ab als ein Handeln Gottes allein.

Es ist dramatisch. Sonne, Mond und Sterne – die Lichter, von denen der Schöpfungsbericht weiß: „Und Gott sprach: Es werden Lichter an der Feste des Himmels, die da scheiden Tag und Nacht und geben Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre und seien Lichter an der Feste des Himmels, dass sie scheinen auf die Erde. Und es geschah so. Und Gott machte zwei große Lichter: ein großes Licht, das den Tag regiere, und ein kleines Licht, das die Nacht regiere, dazu auch die Sterne.“(1. Mos 1,14 – 16) Diese Lichter verlieren ihr Licht, verlieren ihren Ort. Wird die Schöpfung zurück genommen? Zunichte gemacht?

Die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. Erneut legt sich ein Rückgriff auf den Schöpfungsbericht nahe: „Und Gott sprach: Es werde eine Feste zwischen den Wassern, die da scheide zwischen den Wassern. Da machte Gott die Feste und schied das Wasser unter der Feste von dem Wasser über der Feste. Und es geschah so.“(1. Mose 1, 6-7) Die Stabilität der Welt löst sich auf. Der feste Boden und der weit gespannte bergende Himmel geraten ins Wanken, nicht mehr durch ein individuelles Unglück, sondern für alle, die ganze Schöpfung. „Alle werden ihn sehen“ weiterlesen

Ihr seid urteilsfähig

Matthäus 24, 15 – 28

15 Wenn ihr nun sehen werdet das Gräuelbild der Verwüstung stehen an der heiligen Stätte, wovon gesagt ist durch den Propheten Daniel (Daniel 9,27; 11,31) – wer das liest, der merke auf! -, 16 alsdann fliehe auf die Berge, wer in Judäa ist; 17 und wer auf dem Dach ist, der steige nicht hinunter, etwas aus seinem Hause zu holen; 18 und wer auf dem Feld ist, der kehre nicht zurück, seinen Mantel zu holen. 19 Weh aber den Schwangeren und den Stillenden zu jener Zeit! 20 Bittet aber, dass eure Flucht nicht geschehe im Winter oder am Sabbat.

             Das ist nicht Rede vom Ende, von der Wiederkunft. Das führt mitten hinein in die Geschichte. Das Gräuelbild der Verwüstung – das umschreibt „den von den Syrern auf dem Brandopferaltar aufgerichteten Zeusaltar.“(U. Luz, aaO.  S. 425) Verantwortlich: Antiochus IV. Epiphanes um 168. V. Chr.. Diese „Kunstaktion“ wurde zum Auslöser des Aufstandes der Makkabäer. Aber jetzt, wenn sich so etwas wiederholen wird, so die Worte, ist nicht Zeit für Aufstände, sondern Zeit zur Flucht.

Es liegt nahe, diese Worte mit dem Geschehen der Eroberung und Zerstörung Jerusalems zu verbinden. Mit der Verwüstung des Tempels. Als der römische Adler im Tempel aufgepflanzt wurde. Damals ist die junge Christengemeinde aus Jerusalem geflohen. Ausgewandert, weil sie sich dem Aufstand gegen Rom nicht anschließen wollte.

Nur: diese so konkreten Anweisungen machen keinen Sinn, wenn sie nur wie eine nachträgliche Ansage gemeint sein sollten. Sondern gerade die Konkretionen: kein Aufhalten, um irgendetwas im Haus zu holen, der Wehrufe über Schwangeren und Stillenden, die Bitte, nicht im Winter und nicht  am Sabbat deuten auf Geschehen in der Zukunft. Auf ein Geschehen, das wie eine furchtbare Sturmflut auf die Angesprochenen zukommt.

So sind die Worte Jesu zwar sicherlich mit der Zerstörung Jerusalems zu verbinden, aber sie müssen nicht zwangsläufig erst nach den Ereignissen im Jahr 70 erstmals gesprochen sein. Mir scheint auch möglich, dass dieses Geschehen Matthäus im Stil seiner Formulierungen leitet, nicht aber die Aussagen der Sache nach erst hervor bringt. „Ihr seid urteilsfähig“ weiterlesen

Nüchterner Realismus im Blick nach vorne

Matthäus 24, 1 – 14

1 Und Jesus ging aus dem Tempel fort und seine Jünger traten zu ihm und zeigten ihm die Gebäude des Tempels. 2 Er aber sprach zu ihnen: Seht ihr nicht das alles? Wahrlich, ich sage euch: Es wird hier nicht ein Stein auf dem andern bleiben, der nicht zerbrochen werde.

             Mit den Wehe-Rufen gegen die Pharisäer ist in der Öffentlichkeit alles gesagt. Es gibt jetzt keine Rede mehr an das Volk. Jesus verlässt den Tempel und nur noch seine Jünger sind bei ihm.

Wo ist die erzählte Szene zu denken? Am Hang des Ölberges, von wo aus man eine unglaubliche Sicht auf den Tempelberg hat? Sind die Jünger beeindruckt und wollen sie, dass Jesus ihr beeindruckt Sein bestätigt?

Skeptisch könnte man  sagen: Wie oft hat die Kirche auch späterer Jahre auf die Pracht der Steine gesetzt. Mit Gebäuden beeindruckt. Sich selbst und auch das Volk. Und ein wenig traurig stelle ich fest: Mancherorts sind es nur noch die Steine, die eine Geschichte des Glaubens erzählen.

Jesus aber sieht anders. Er sieht nicht nur die Steine, nicht nur das gewaltige Bauwerk des Herodianischen Tempels. Er beginnt seinen Jüngern die Augen zu öffnen. Allen Jüngerinnen und Jüngern, nicht mehr nur den vieren – Petrus und Andreas,  Jakobus und Johannes. Es sind wirklich alle, „die seine Belehrung empfangen. Das erleichtert den Leser/innen in den Gemeinden die Identifikation: Jetzt sind sie und nur sie angesprochen.“ (U. Luz, aaO.  S. 418)

Augen auf für das, was kommen wird, was geschehen wird mit Jerusalem, mit dem Tempel. Es ist die Ansage eines Unterganges, wenn auch ohne Termin-Angabe und ohne Detail-Einsichten. Eines Untergangs,  wie er sich im Jahr 70 n.Chr. auch wirklich abgespielt hat. „Nüchterner Realismus im Blick nach vorne“ weiterlesen

Noch mehr Wehe

Matthäus 23, 29 – 39

29 Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr den Propheten Grabmäler baut und die Gräber der Gerechten schmückt 30 und sprecht: Hätten wir zu Zeiten unserer Väter gelebt, so wären wir nicht mit ihnen schuldig geworden am Blut der Propheten! 31 Damit bezeugt ihr von euch selbst, dass ihr Kinder derer seid, die die Propheten getötet haben. 32 Wohlan, macht auch ihr das Maß eurer Väter voll!

             Es hat Tradition, Untaten hinter Prachtbauten zu verbergen. Sich aus der Kontinuität der Geschichte heraus zu schleichen, indem man sie einfach leugnet. Überspielt. Es ist relativ einfach, sich für die Eroberung Amerikas vor 500 Jahren zu entschuldigen, den Völkermord an den Armeniern vor 100 Jahren zu geißeln. Es wird schwierig, und ist anspruchsvoll zugleich,  aus den Verhaltensmustern auszusteigen, die zu solchen Gräueln führen. Aus dem Streben nach Gewinn, nach Erweiterung der Einfluss-Sphären, nach Sicherung der eigenen Marktmacht.

Ich glaube, dass hier nicht die individuelle Haltung des einzelnen Pharisäers zur Diskussion steht, sondern die Haltung des Kollektivs. Deshalb auch meine Beispiele, die auf staatliches und kollektives Verhalten hinzielen, auf Bündnisse und solche Mächte wie die „Märkte“. Im Verhalten zeigt sich, wes Geistes Kind man ist – und ob man wirklich aus der Gesinnung ausgestiegen ist, die allein der eigenen Größe und dem eigenen Wohlergehen verpflichtet ist.

Es ist leicht zu sagen: wenn wir damals gelebt hätten,  wir hätten auf der Seite der Guten gestanden. Der Propheten. Der Widerstandskämpfer. Der Mahner. Der Tapferen, die es mit dem „Pack“ aufnehmen. Der Wahrheitsbeweis solcher Beteuerungen wird immer im eigenen Leben angetreten.

Der Wahrheitsbeweis der Pharisäer für ihren Widerspruch gegen die Prophetenmorde wird anzutreten sein, in dem, was sie rufen werden: „Hosianna!“(21,9) oder „Lass ihn kreuzigen!“(27,22)  Für den Sprecher der Wehe-Rufe ist es längst entschieden: sie werden das Maß der Väter vollmachen.

  33 Ihr Schlangen, ihr Otternbrut! Wie wollt ihr der höllischen Verdammnis entrinnen?

             Aus den Wehe-Rufen wird jetzt noch direkter Anrede. „Nachdem alle Streitgespräche nichts gebracht haben, zieht Jesus, der als der kommende Menschensohn die Welt richten wird, die Bilanz über seine Gegner. Sie ist vernichtend. Die Farben werden immer dunkler. Jeder Lichtblick fehlt.“(U. Luz, aaO.  S.351) Erschreckend schon die Anrede: Ihr Schlangen, ihr Otternbrut! Worte wie zuvor schon aus dem Mund des Täufers, der den kommenden Richter ankündigt (3,7) Da bleibt keine Hoffnung mehr.

34 Darum: siehe, ich sende zu euch Propheten und Weise und Schriftgelehrte; und von ihnen werdet ihr einige töten und kreuzigen, und einige werdet ihr geißeln in euren Synagogen und werdet sie verfolgen von einer Stadt zur andern, 35 damit über euch komme all das gerechte Blut, das vergossen ist auf Erden, von dem Blut des gerechten Abel an bis auf das Blut des Secharja, des Sohnes Berechjas, den ihr getötet habt zwischen Tempel und Altar. 36 Wahrlich, ich sage euch: Das alles wird über dieses Geschlecht kommen.

             Und doch: ich sende. Es ist Jesus, der das von sich sagt. Jesus, der ja seine Jünger bereits einmal gesandt hat: Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt böse Geister aus.“(10,7-8) Eine andere Sendung mit einem anderen Inhalt kann ich mir für die Boten Jesu auch jetzt nicht vorstellen. Sie sollen Evangelium verkündigen, nicht Gericht ankündigen.

Ich vermag in dem „darum“ δι τοτο, nicht die Zielangabe der Sendung zu sehen, sondern „nur“, was sie bewirkt. Deshalb widerspreche ich auch der folgenden Auslegung: „Der matthäische Jesus weiß also, dass die Aussendung erfolglos sein und zu nichts anderem dienen wird, als dazu, das Maß der Untaten seiner Gegenspieler voll und das Gericht über sie unausweichlich zu machen.“ (U. Luz, aaO. S.373) 

Es wird die Reaktion der Hörer sein, auf die es ankommt, ob die Botschaft der Propheten und Weise und Schriftgelehrte ihr Ziel erreicht oder ob sie die Ablehnung völlig macht.

Es mag sein, dass sich in diesen so konkreten Ankündigungen von ihnen werdet ihr einige töten und kreuzigen, und einige werdet ihr geißeln in euren Synagogen und werdet sie verfolgen von einer Stadt zur andern auch Erfahrungen der Urgemeinde spiegeln. Die Erfahrungen, dass es zu Verfolgungen gekommen ist, in Jerusalem, in den Städten des Landes, auch in den Städten des Mittelmeerraumes, wo sich jüdische Gruppen gegen Boten des Glaubens an Jesus gestellt haben.

In der Sendung dieser Boten wird sichtbar, wie erbittert die Feindschaft ist. Eine Feindschaft, die hier scheinbar den Pharisäern und Schriftgelehrten angelastet wird. Ich denke allerdings: sie stehen für ganz Israel. Es geht nicht mehr um sie als Gruppe, sondern um sie als Repräsentanten des Volkes, das Jesus und seine Leute verwirft.

Was bleibt, wenn die Sendung scheitert, ist das Gericht. Es liegt nahe, hier den Untergang Jerusalems im Jahr 70 angekündigt zu hören – und gleichzeitig gedeutet: nicht einfach nur als Sieg der Römer über jüdische Kämpfer, sondern eben als Gericht Gottes.

37 Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken versammelt unter ihre Flügel; und ihr habt nicht gewollt! 38 Siehe, »euer Haus soll euch wüst gelassen werden« (Jeremia 22,5; Psalm 69,26). 39 Denn ich sage euch: Ihr werdet mich von jetzt an nicht sehen, bis ihr sprecht: Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!

Der Abschluss ist ein Wort voller Schmerz. Ein neuer, anderer Ton nach den so harten Wehe-Rufen. Mir kommt die Assoziation: fast schon eine Totenklage. Noch einmal die Anklagepunkte: die du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind. Aber dem gegenüber der Blick auf das eigene, vergebliche Bemühen. Und die resignativ klingende Feststellung: ihr habt nicht gewollt! Der Heilswille Jesu findet seine Grenze im Willen und Wollen derer, die er ruft, die er sammeln will. Darf ich so weit gehen: der Heilswille Gottes kann an unserem Eigenwillen scheitern? Die Weigerung zu hören, sich rufen zu lassen, lässt ihn abprallen wie an einer hohen Wand ein Ball abprallt. Zurück geworfen wird.

Darum wandert Gott aus. Dass es Gott ist, um den es hier geht, ist wieder verborgen in die Passivformulierung: »euer Haus soll euch wüst gelassen werden«. Das wüste Haus meint den zurück gelassenen Tempel, nicht die verwüstete Stadt. Ein Tempel ohne Gottes Gegengenwart ist nur ein wüster Steinhaufen. Vielleicht noch architektonisch wertvoll. Kulturerbe der Menschheit. Aber in Wahrheit tohuwabohu. „Wüst und leer.“(1. Mose 1,2)

Und doch: auch diese Gerichtsansage bleibt nicht das letzte Wort. Es wird noch genauer gefasst: die Abwesenheit Gottes wird zusammen gesehen damit, „dass auch der „Immanuel“ nicht mehr zu sehen ist.“ (U. Luz, aaO.  S,383) Ein ganz verhaltener Hinweis darauf, wie das Matthäus-Evangelium Jesus sieht: als den, in dem Gott mit uns ist. Bei uns ist.

Gleichwohl: diese Worte enthalten auch eine Verheißung: Ihr werdet mich von jetzt an nicht sehen, bis ihr sprecht: Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn! Es wird eine Zeit neuer Worte geben, nicht nur neuer Worte von der Seite Gottes her. Sondern neuer Worte von Jerusalems, von Israels Seite her. Worte, in denen ganz Israel ihn grüßt – und segnet: Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn! Der Ruf der Volksmenge beim Einzug des sanftmütigen Königs auf dem Esel soll zum Ruf aller werden, die zum Samen Abrahams gehören.

Herauforderungen an uner Denken und Glauben:

 Ich höre in diesen Worten am Schluss dieses so düsteren Stakkatos von Wehe-Rufen und Gerichtsworten die gleiche verhaltene Hoffnung, wie sie Paulus formuliert hat: „Ich will euch, liebe Brüder, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, so lange bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist; und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht (Jesaja 59,20; Jeremia 31,33): »Es wird kommen aus Zion der Erlöser, der abwenden wird alle Gottlosigkeit von Jakob. Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.« (Römer 11, 25 – 27)

Es mag spitzfindig sein, Wortklauberei. Aber mir fällt es auf: sieben Wehe-Rufe, aber nur sechsmal ποκριτα – Hypokritiker. Als ob festgehalten würde: das Maß ist noch nicht übervoll. Noch nicht am Überlaufen. Auch für die, die Jesus so hart attaktiert, Pharisäer und Schriftgelehrte, ist noch der Raum zur Umkehr offen. Weil sie ja nicht anders sind als die Menschen sonst auch. Es ist schon wichtig zu sehen, wie auch diese Worte anknüpfen an die Früheren Worte in der Bergpredigt: „Denn wie ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welchem Maß ihr messt, wird euch zugemessen werden. Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge? 4 Oder wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen! – und siehe, ein Balken ist in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; danach kannst du sehen und den Splitter aus deines Bruders Auge ziehen.“(7, 3-5) Die Worte Jesus zielen nicht nur auf eine soziologisch fixierbare Gruppe – sie gelten allen. Darum ist Selbstprüfung angesagt und unerlässlich. Wenn man so will: Selbstkritik.

Eine Frage bleibt: wie bringe ich dieses Kapitel in seiner Unerbittlichkeit, mit seinen auch unfairen und ungerechten Anklagen zusammen mit dem, was Matthäus sonst von Jesus zu sagen weiß, mit der Botschaft seiner grenzenlose Liebe? Eine erste Antwort: Überhaupt nicht. Es scheint so, als lernte ich hier die andere Seite Jesu kennen, die sonst verborgen bleibt. Ähnlich wie es bei Gott ist, der auch eine dunkle Seite hat, der nicht nur der liebevoll offenbare Gott ist, sondern auch der verborgene Gott gewalt-tätig, zornig, erschreckend? Jesus also – voller Aggression und Zorn? Allerdings denke ich nicht, dass uns diese Texte nur dies vorrangig lehren wollen: Jesus hat zwei Seiten – und ihr Christen betont immer nur die eine Seite. Das ahne ich schon lange. Aber es ist mir zu wenig als Ertrag dieser Wehe-Rufe.

Dennoch: Ich sehe keine Brücke. Ich sehe kein `so passt es zusammen´ mit dem anderen, was das Evangelium erzählt. Allerdings denke ich auch nicht, dass Matthäus nur aus historischer Treue überliefert hat, was er an „Rede-Material“ vorgefunden hat. Umso schärfer fällt die Spannung auf. Ich sehe nur den Widerspruch.

Aber wie ist der Widerspruch erklärbar? Als enttäuschte Liebe? Aus der Situation der Gemeinde, die sich in einen unendlich schmerzhaften Prozess aus der Synagoge erst vertrieben erfährt und dann diese Vertreibung auch akzeptiert. Aber eben akzeptiert mit einer Wut, die sich hier Luft macht.  Ist es vorstellbar, dass Jesus, der so sehr liebende Jesus so gesprochen haben könnte? Fragen über Fragen. Ich bin um Antworten verlegen.

Mir leuchtet ein: An den Angriffen auf die Pharisäer wird deutlich, wie belastend der Widerspruch und Widerstand jüdischer Gruppierungen auch für Jesus gewesen sein muss, auch für die Gemeinde, die ihn als Christus, Gottessohn glaubt. Und es wird etwas sichtbar davon, wie tief sich Menschen in ihrem Widerstand in innere Widersprüche verstricken können. Das Gute wollen, aber es aus den Augen verlieren. Opfer ihrer eigenen heiligen Sätze werden können. Blind werden für das Erbarmen und unempfänglich, weil ihnen der Glaube zum Regelwerk verkommt.

            Die Wehe-Rufe sind falsch gehört und falsch verstanden, wenn wir sie nur an andere adressiert hören. Wenn wir sie als historische Erinnerung abheften – so war das im Jahr 33. Nein, sie wollen uns erschüttern, indem sie uns in unseren Sicherheiten in Frage stellen. Und erschüttern, damit wir Zuflucht bei ihm suchen, der uns auch in diesen so strengen Worten immer noch sucht. Unsere Umkehr.

 

Jesus, ich kenne Dich nicht wieder. Bist Du nun der Ankläger, der im Zorn wütet, frustriert seinen Gefühlen freien Lauf lässt, auch wenn es ungerecht und unfair ist? Oder bist Du doch der, den ich zu kennen meine, liebevoll und geduldig, voller Erbarmen und Langmut?

Ich habe keine Wahl, keinen anderen Zufluchtsort. Ich halte mich an Dich, auch wenn ich Dich nie ganz kennen werde, bis ich Dich schauen darf – von Angesicht zu Angesicht.

Aber bis dahin will ich glauben, dass Deine Liebe größer ist als Dein Zorn, dass Dein Erbarmen die Oberhand gewinnt über alle Wut, dass Du Dir selbst in den Arm fällst, dass Du Deiner Liebe treu bleibst, die Du uns zugesagt hast, für die Du bis in den Tod gegangen bist. Amen