Sich zu schreien trauen

Markus 10, 46 – 52

46 Und sie kamen nach Jericho. Und als er aus Jericho wegging, er und seine Jünger und eine große Menge, da saß ein blinder Bettler am Wege, Bartimäus, der Sohn des Timäus.

             Weiter geht der Weg, immer weiter in Richtung Jerusalem. Jericho wird durchquert. Der Ortausgang ist schon erreicht. Die jünger, einen Haufen Leute um Jesus herum und Jesus. Bald wird der Weg hoch gehen ins Gebirge, vielleicht durch das Wadi Quelt. Da sitzt einer am Weg. Ein Bettler. Blind. Es ist ausgesprochen ungewöhnlich, dass Markus Namen überliefert. Wir wissen nicht, wie der Gichtbrüchige hieß, wie die Tochter des Jairus, wie die Frau mit dem Blutfluss. Aber hier: Bartimäus, der Sohn des Timäus.

            Jeden Tag sitzt er da, am Ortsausgang von Jericho. Morgens wird er hingebracht. Abends abgeholt. Und tagsüber ist er ausgesetzt, der Sonne, dem Wind, selten genug dem Regen. Er spürt die Blicke nicht mehr, die ihn manchmal streifen. Er spürt allenfalls, wie jemand vorüber geht, weil sein Schatten für einen Moment Kühlung schenkte. So döst er vor sich hin. Wartet, ohne zu wissen worauf. Ein ganzes Leben lang wartet er schon so.

 47 Und als er hörte, dass es Jesus von Nazareth war, fing er an, zu schreien und zu sagen: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!

             Ein Tag wie immer. Aber dann kommen mehr Leute als gewohnt vorbei. Stimmengewirr. Und im Stimmengewirr nimmt er einen Namen war: Jesus. Der Nazarener. Gehört hatte er schon vom ihm. Geschichten, die man sich erzählte. Und was er da gehört hatte, hatte ihn mit den Achseln zucken lassen. „Geschichten!“ Es wird viel erzählt. Nicht im Traum wäre es ihm in den Sinn gekommen, wegen diesem Jesus einen Aufstand zu machen. Nicht er! Aber dann plötzlich – es ist, als säße er neben sich – hört er sich schreien: Jesus! Jesus! Erbarme dich meiner! Du Sohn Davids!

                Nur hier überliefert Markus diese Anrede Jesu: Sohn Davids. „Die Anrufung des Erbarmens des Davidssohn besitzt aber eine breitere Tradition und im jüdischen Bereich ist sie gegenüber dem König in der Salomo-Überlieferung belegt. Der als Davidssohn prädizierte König ist mit Weisheit, Lehrautorität und vollmacht über die Dämonen ausgestattet.“(J.Gnilka, Das Evangelium nach Markus, 8,27 – 16,20, EKK II/2, Neukirchen 1979, S.110) Ob der Blinde das weiß? Ob es bei Markus mitschwingt? Jedenfalls: der Blinde schreit! „Sich zu schreien trauen“ weiterlesen

Die Spur, der wir folgen

Markus 10, 32 – 45

32 Sie waren aber auf dem Wege hinauf nach Jerusalem und Jesus ging ihnen voran; und sie entsetzten sich; die ihm aber nachfolgten, fürchteten sich.

            Der Weg hinauf nach Jerusalem geht weiter. Anders gesagt: Jerusalem als Ziel des Weges kommt immer näher. „Hinauf nach Jerusalem ist ein feststehender Ausdruck für die Wallfahrt zum hochgelegenenen Jerusalem und zum Tempel.“ (W. Klaiber, Das Markusevangelium, Neukirchen 2010, 198) Er erlaubt aber keine präzise Bestimmung des Wegabschnittes, auf dem sie sind.  Jesus führt die Gruppe an. Sie gehen hinter ihm her. Geplagt von einem Gemisch aus Staunen, Ängsten, Furcht und Entsetzen. Es ist eine innere Unruhe, die über dieser Gruppe und ihrem Weg liegt.

 Und er nahm abermals die Zwölf zu sich und fing an, ihnen zu sagen, was ihm widerfahren werde: 33 Siehe, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und der Menschensohn wird überantwortet werden den Hohenpriestern und Schriftgelehrten, und sie werden ihn zum Tode verurteilen und den Heiden überantworten. 34 Die werden ihn verspotten und anspeien und geißeln und töten, und nach drei Tagen wird er auferstehen.

             Auf dem Weg nimmt er aus den Vielen, die mitgehen, abermals die Zwölf zu sich,  besonders, und sagt ihnen, was auf ihn – und auf sie – zukommt. Es ist „das dritte und letzte Mal, dass Jesus auf sein Leiden hinweist, wie wenn er Stufe um Stufe bei seinem Weg hinauf nach Jerusalem die Empore eines Opferaltars besteige, der unvermeidbar auf ihn wartet.“(E. Drewermann, Das Markusevangelium, Zweiter Teil , Zürich 1988, S.129)

             Seine Ankündigung zeigt: Jesus geht diesen Weg im klaren Wissen, dass es ein Weg ins Leiden ist. Er macht sich nichts vor über das, was ihn erwartet: die Konfrontation mit den Hohenpriestern und Schriftgelehrten, das Todesurteil durch die Juden, die Auslieferung an die Römer – sie sind die Heiden – , die Erniedrigung durch Spott und Hohn und dann der Tod.

       Es gibt, das zeigt diese dritte Leidensansage, für Jesus kein Ausweichen vor diesen Weg. Geht er ihn deshalb freiwillig? Oder geht er ihn, gezwungen durch eine Gehorsamsforderung, die für ihn unausweichlich ist? Da ist kein äußerer Zwang. Es gibt keine Stimme vom Himmel, die sagt: auf, nach Jerusalem, ins Leiden. Aber auch das geht mir zu weit: „Der vorangehende Jesus, der aus eigenem Entschluss dieses Ziel anstrebt, und die hinter ihm her ziehende Gefolgschaft setzten denn Gedanken der Nachfolge ins Bild und verdeutlichen, dass Nachfolge Jesu Gang zum Leiden ist.“ (J.Gnilka, Das Evangelium nach Markus, 8,27 – 16,20, EKK II/2, Neukirchen 1979, S.96)

              Mich stört, dass Jesus nach dieser Auslegung zielbewusst das Leiden anstrebt. Ja, er geht nach Jerusalem, ja, wer weiß, was ihn erwartet, aber er ist kein selbstgeleiteter und fehlgeleiteter Märtyrer. Er geht seinen Weg und es wird geschehen, was geschieht. In dem allem erfüllt sich der Weg Gottes. „Das schuldhafte Vorgehen der Menschen und Gotte Vorauswissen fügen sich ineinander, ohne dass sich die Freiheit Gottes und die Freiheit der Menschen gegenseitig aufheben würden.“  (J.Gnilka, ebda.)

             Am Ende der Leidensansage der Lichtblick: und nach drei Tagen wird er auferstehen. Das ist kein Trostpflaster, hebt auch den Schmerz des Leidens nicht auf. Der Blick auf die Auferstehung mildert nichts an der Härte des Weges vorher. Jesus wird zerbrochen, erniedrigt, „entmenscht“ werden. Opfer zum Wegschauen. Aber hinter dem Tod eröffnet sich ein neuer Horizont. Vielleicht darf man sagen: Es ist der Glaube Jesu, dass nicht Menschen, sondern der Vater im Himmel das letzte Wort über ihn sprechen wird. „Die Spur, der wir folgen“ weiterlesen

Überreich beschenkt – doch das Schönste kommt noch

Markus 10, 28 – 31

28 Da fing Petrus an und sagte zu ihm: Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt.

            Erschrecken über die Worte Jesu ist das eine. Auch Petrus sitzt der Schrecken über diese harte Botschaft: Bei den Menschen unmöglich in den Knochen. Aber er weiß ja, was ihn und die anderen, die um Jesus herum sind, von dem, der da eben gegangen ist, unterscheidet: wir haben alles verlassen.

             Für Petrus ist das keine theoretische Überlegung geblieben: loslassen. Sich lösen vom Besitz. Sich lösen aus der Geschichte des eigenen Lebens, wie sie bis dahin gelaufen ist.  Petrus mag begriffsstutzig sein, aber er ist kein Theoretiker des Glaubens. Und dass er und die anderen jetzt hier sind, irgendwo auf dem Weg in Judäa, das ist doch Folge: wir sind dir nachgefolgt.

             Das Missliche an der Feststellung des Petrus: sie klingt wie eine Erfolgsmeldung. Sie hat etwas von: wir haben es doch gemacht. Gut gemacht. „Überreich beschenkt – doch das Schönste kommt noch“ weiterlesen

Um des Lebens willen – Komm. Lass los!

Markus 10, 17 – 27

17 Und als er sich auf den Weg machte, lief einer herbei, kniete vor ihm nieder und fragte ihn:

            Jesus bricht auf zu seinem Ziel, auch wenn das nicht benannt wird. Irgendwo auf dem Weg in Judäa geschieht es. Da kommt einer und kniet vor ihm. Nicht, dass er ihn anbetet. Ein Akt der Verehrung, vielleicht auch der Erwartung, die ihn auch fragen lässt. Wer das ist, bleibt völlig in der Schwebe. Der Leser erfährt nichts über seine Status, sein Alter, seine Herkunft. Halt „einer“. Noch nicht.

 Guter Meister, was soll ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?

             Was er aber erfährt ist die Frage, die diesen einen bewegt, die ihn zu Jesu treibt, die er ihm stellt. Doch wohl, weil er sich Antwort von ihm erwartet. Er redet Jesus ehrfurchtsvoll an -nicht übertrieben, trotz des Kniefalls nicht devot, aber voller Respekt:  Guter Meister.

             Es ist die drängende Frage, die ihn beschäftigt. Sie entsteht wohl auch daraus, dass es sich nicht mehr von selbst versteht: Wer Israelit ist, hat Anteil am ewigen Leben.  Es steht ja – auch im Markus-Evangelium – schon hinter dem Ruf zur Umkehr, zur Buße die Einsicht, „dass nicht mehr die Bindung an das Volk Heil garantierte, sondern der einzelne zu sittlicher Entscheidung und Bewährung herausgefordert war.“ (J.Gnilka, Das Evangelium nach Markus, 8,27 – 16,20, EKK II/2, Neukirchen 1979, S.85)

            Dem entspricht, dass wir heute lernen, dass die Taufe keinen Heilsautomatismus nach sich zieht, sondern dass  zur Taufe der Glauben hinzu treten muss, ein Vertrauen, dass sich in den Zusagen der Taufe festmacht und sie lebt.

            Angelegt ist das schon in alten Texten und für den Juden nachvollziehbar in der „Einlass-Liturgie“ zum Tempel:

Wer darf auf des HERRN Berg gehen,                                                                                     und wer darf stehen an seiner heiligen Stätte?                                                                 Wer unschuldige Hände hat und reinen Herzens ist,                                                            wer nicht bedacht ist auf Lug und Trug und nicht falsche Eide schwört:                 der wird den Segen vom HERRN empfangen                                                                      und Gerechtigkeit von dem Gott seines Heiles.             Psalm 24, 3 – 5

            Es geht dem Frager um Wegweisung für ein Leben, das Gott entspricht. Das will er von dem Lehrer Jesus wissen. „Um des Lebens willen – Komm. Lass los!“ weiterlesen

Empfänger der Liebe

Markus 10, 13 – 16

13 Und sie brachten Kinder zu ihm, damit er sie anrühre. Die Jünger aber fuhren sie an.

            Diese Szene wird wohl, so legt es der Zusammenhang nahe, im Haus stattfinden. Es kommen Leute, die nicht näher bezeichnet werden und bringen Kinder zu Jesus. Für den Vorgang spielt es keine Rolle, wer diese Leute sind – ob die Eltern, Verwandte oder wer auch immer. Ihr Anliegen: Er soll sie anrühren. Heißt wohl: sie segnen. Ihnen Kraft aus seiner Kraft vermitteln.

            Es ist wie eine Wiederholung: In Betsaida „brachten sie zu ihm einen Blinden und baten ihn, dass er ihn anrühre.“(8,22) Da ging es um Heilung. Davon ist hier aber keine Rede. Sondern die Parallele ist eher, dass mancher Rabbi segnet,auch,  dass Eltern ihre Kinder segnen.

            Es ist schwer zu verstehen, was die Jünger dazu bringt, diese Leute so anzufahren, abzuweisen. Zu bedrohen. Liegt es nur daran, dass sie sich gestört fühlen? Oder spielt mit, dass Kinder im Grunde noch nicht zählen? Spielen sie sich nur auf, als die, die über die Zugangsberechtigung zu Jesus verfügen? „Jedenfalls ist das geschilderte Gebahren der Jünger herrschsüchtig und wenig liebevoll. Gegenüber Kinder konnte man es sich leisten, sie standen innerhalb der Rangordnung der Gesellschaft ziemlich weit unten.“ (J.Gnilka, Das Evangelium nach Markus, 8,27 – 16,20, EKK II/2, Neukirchen 1979, S.80) Die früheren Auftritte der Jünger in ihrem Streit um die eigene Größe (9,33ff.) und ihr Abweisung des fremden Exorzisten (9,38f.) lassen solche Motive nicht unmöglich erscheinen.

14 Als es aber Jesus sah, wurde er unwillig und sprach zu ihnen: Lasst die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solchen gehört das Reich Gottes.

             Für Jesus aber ist das Verhalten der Jünger unmöglich. So will er sie nicht erleben, sie so nicht agieren sehen. Deshalb wird er unwillig. Er reagiert ärgerlich und weist sie zurecht: Lasst sie zu mir kommen. Hindert sie nicht. Es spielt dabei keine Rolle, dass die Kinder gebracht werden, oder ob sie schon aus eigenen Stücken den Weg zu ihm suchen. Ob es große Kinder sind, die schon selbst laufen oder kleine Kinder sind, die noch getragen werden. Sie sollen kommen dürfen. Alle. „Empfänger der Liebe“ weiterlesen

Vom Scheitern an der Gabe Gottes

Markus 10, 1 – 12

1 Und er machte sich auf und kam von dort in das Gebiet von Judäa und jenseits des Jordans. Und abermals lief das Volk in Scharen bei ihm zusammen, und wie es seine Gewohnheit war, lehrte er sie abermals.

             Jesus bricht auf, aus Kapernaum in Richtung Jerusalem. Er wird nicht mehr nach Galiläa zurückkehren. Ein wenig umständlich erscheint der Weg: Man muss nicht in das Gebiet jenseits des Jordans, um nach Judäa zu gehen. Es könnte sein, Markus will andeuten, dass er einen Umweg wählt, um den Weg durch Samaria zu meiden. Sicher ist das aber nicht – andere Evangelien erzählen ja auch prompt, dass Jesus durch Samaria nach Jerusalem zieht (Lukas 9,51 – 57). Ähnlich auch Johannes (Johannes 4).

             Auf dem Weg zieht er immer noch die Volksmassen an. Es sind „die Bewohner der beiden Bezirke Judäa und Ostjordangebiet, die ihm zulaufen.“(W. Grundmann, Das Evangelium nach Markus, Theol. Handkommentar 2, Berlin, 1980, S.269) Sein Wirksamkeit, sein Lehren ist nicht auf das Gebiet Galiläas begrenzt. Er ist nicht nur eine lokale Provinzgröße. Es entspricht seiner Gewohnheit, dass er auch hier nicht aufhört zu lehren, das Volk zu unterweisen, den Willen Gottes auszurufen.

             Es ist nicht der Hauptakzent der Erzählung und doch auch nicht ganz nebensächlich, weil Markus es sonst nicht erwähnt hätte: wie es seine Gewohnheit war.  ς εἰώθει. Genau die gleiche Wendung verwendet Lukas, wenn er erzählt: „Jesus ging nach seiner Gewohnheit am Sabbat in die Synagoge“(Lukas 4,16). Jesus – ein Gewohnheitsmensch? Ja, meinen die beiden Evangelisten und finden nicht Schlimmes darin, sondern: Es gibt gute Gewohnheiten. Es gibt Gewohnheiten, die dem Glauben dienen. Glaube braucht die Regenmäßigkeit, die Gewohnheit, Formen und Rituale, in denen er „wohnen“ kann, aus denen er seine Bestätigung findet.

            Es ist wohl einer der Krankheitsgründe des Glaubens in unserer Zeit, dass er weithin nicht mehr gewohnheitsbildend ist, dass man sich seiner nur noch gelegentlich erinnert, in von Fall zu Fall, eventuell einmal wahrnimmt. Bei einem familiären Event halt, bei einer „Kasualie“ in kirchlicher Sprache. Wenn es anfällt. Wenn Gott gebraucht wird, soll er da sein. Wenn der Glaube gebraucht wird, soll er tragen. Aber so ist es nicht. Der Glaube bei Gelegenheit stürzt von einer Verlegenheit in die nächste. Er trägt nicht, er ist höchstens frag-würdig. Erst wo der Glaube Gewohnheiten erzeugt und von Gewohnheiten getragen wird, gewinnt er Stabilität. Lebensprägende Kraft.  „Vom Scheitern an der Gabe Gottes“ weiterlesen

Lernt Achtsamkeit

Markus 9, 42 – 50

 42 Und wer einen dieser Kleinen, die an mich glauben, zum Abfall verführt, für den wäre es besser, dass ihm ein Mühlstein an den Hals gehängt und er ins Meer geworfen würde.

             Hier werden Sprüche aneinander gereiht. Sie wirken nur lose verbunden. Es ist, als wirkte in ihrem Anfang die Debatte um die Größe in den Worten Jesu noch nach. Vielleicht, so überlege ich, muss man sich immer noch vorstellen: „Das Kind“ steht in der Mitte (9,36).  Nicht nach oben, nach unten wird der Blick gelenkt. Auf die Kleinen. Die Geringen, die Letzten. Sie stehen unter besonderem Schutz. Wer sich an ihnen vergreift, vergreift sich an den besonders Geliebten und Geschützten Gottes.

            Das ist ein starker Akzent in einer Umwelt, in der Kinder nicht wirklich zählen. Das ist heute ein starker Akzent in einer Umwelt, in der Kinderpornographie wie ein Kavaliersdelikt wirken kann, in der skrupellose Geschäftemacher millionenfachen Gewinn damit erzielen, dass sie Kinder seelisch und körperlich ausbeuten. Das ist auch ein starker Akzent in einem Land, in dem Kindergärten immer noch beklagt werden können, weil der Kinderlärm Anwohner stört und den Grundstückswert anliegender Ländereien mindert.

            Es wirkt, als würde der – wohl spätere – Zusatz die an mich glauben die Reichweite des Satz einschränken. Als wäre gemeint: „Wer einen Glaubenden um seinen Glauben bringt, für den wäre es besser, ein gewaltsamer Tod hätte ihn vor dieser Möglichkeit der Verschuldung getroffen.“ (W. Grundmann, Das Evangelium nach Markus, Theol. Handkommentar 2, Berlin, 1980, S.265)

               Es ist nicht abzustreiten, dass damit ein Problem in der Gemeinde angesprochen ist. Paulus ist dafür Zeuge: „Seht aber zu, dass diese eure Freiheit für die Schwachen nicht zum Anstoß wird! Denn wenn jemand dich, der du die Erkenntnis hast, im Götzentempel zu Tisch sitzen sieht, wird dann nicht sein Gewissen, da er doch schwach ist, verleitet, das Götzenopfer zu essen? Und so wird durch deine Erkenntnis der Schwache zugrunde gehen, der Bruder, für den doch Christus gestorben ist. Wenn ihr aber so sündigt an den Brüdern und verletzt ihr schwaches Gewissen, so sündigt ihr an Christus. Darum, wenn Speise meinen Bruder zu Fall bringt, will ich nie mehr Fleisch essen, damit ich meinen Bruder nicht zu Fall bringe.“(1. Korinther 8, 9 – 13) Aber es ist – in meinen Augen – nicht zulässig, die Achtsamkeit nur auf die in der Gemeinde zu richten. Sie gilt in gleicher Weise denen draußen vor der Tür.   „Lernt Achtsamkeit“ weiterlesen

Die Weite Jesu und unsere Enge

Markus 9, 38 – 41

38 Johannes sprach zu ihm: Meister, wir sahen einen, der trieb böse Geister in deinem Namen aus, und wir verboten’s ihm, weil er uns nicht nachfolgt.

             Ist Johannes mutig geworden, dass er jetzt das Wort ergreift? Weil es eben nicht so sein muss, dass es nach Rangfolge geht und immer Petrus der Sprecher des Jüngerkreises ist. Aber, Vorsicht ist geboten: „Johannes gilt zusammen mit seinem Bruder in der synoptischen Überlieferung als eifernder, leidenschaftlicher und Ansprüche stellender Mensch.“ (W. Grundmann, Das Evangelium nach Markus, Theol. Handkommentar 2, Berlin, 1980, S.263) Darauf könnte auch sein Beiname „Donnersohn“ beruhen. Gesichert ist das allerdings alles nicht – weil die Autoren wie Markus sparsam und äußerst zurückhaltende mit psychologisch fundierten Profilen umgehen.

            Immerhin: Er hat keine Scheu zu erkläreN: wir haben nicht nur untereinander mit Eifersucht zu tun. Wir grenzen uns auch deutlich ab. Einem, der im Namen Jesu böse Geister ausgetrieben hat, dem haben sie das Handwerk gelegt. Es ihm untersagt. Aber nicht mit dem Argument: Das funktioniert bei dir nicht.

            Das Erfolgskriterium spielt offenkundig keine Rolle – im Gegenteil:  er trieb böse Geister in deinem Namen aus. Es hat bei diesem unbekannten Exorzisten funktioniert. Er hat den Namen Jesus wie eine mächtige Zauberformel verwendet und damit Erfolg gehabt. „Der gegebene Fall belegt eine bestimmt Einschätzung Jesu seitens der Nichtchristen. Man sah in ihm einen mächtigen Thaumaturgen.“ (J.Gnilka, Das Evangelium nach Markus, 8,27 – 16,20, EKK II/2, Neukirchen 1979, S.60)

                 Eine Bezugsgeschichte bietet sich an: „Es unterstanden sich aber einige von den Juden, die als Beschwörer umherzogen, den Namen des Herrn Jesus zu nennen über denen, die böse Geister hatten, und sprachen: Ich beschwöre euch bei dem Jesus, den Paulus predigt. Es waren aber sieben Söhne eines jüdischen Hohenpriesters mit Namen Skevas, die dies taten. Aber der böse Geist antwortete und sprach zu ihnen: Jesus kenne ich wohl und von Paulus weiß ich wohl; aber wer seid ihr? Und der Mensch, in dem der böse Geist war, stürzte sich auf sie und überwältigte sie alle und richtete sie so zu, dass sie nackt und verwundet aus dem Haus flohen.“(Apostelgeschichte 19, 13 – 16) Das hat man sicher in der ersten Gemeinde gerne und mit Lächeln erzählt: Das kommt davon, wenn man sich mit fremden Federn schmückt.

            Johannes begründet dann auch sein Handlungsverbot wie ein Gemeindemensch. Wir haben ihn vom Platz gestellt, weil er uns nicht nachfolgt. Uns! sagt Johannes. Und macht damit erkennbar: Es geht um Abgrenzung der Gemeinde. Nach innen ist das Wetteifern verboten. Aber nach außen muss es doch möglich sein, deutliche Grenzen zu ziehen. Es muss doch klar sein, wer zu uns gehört und wer nicht. Noch spitzer gesagt: Es muss doch klar sein, wer im Namen Jesu handeln darf! Oder anders gefragt: „Wie sehr muss eine Person in die Kirche eingebunden sein, um sich auf Jesus berufen zu können?“ (W. Klaiber, Das Markusevangelium, Neukirchen 2010, S.178) „Die Weite Jesu und unsere Enge“ weiterlesen

Der Größte – der Kleinste

Markus 9, 30 – 37

30 Und sie gingen von dort weg und zogen durch Galiläa; und er wollte nicht, dass es jemand wissen sollte. 31 Denn er lehrte seine Jünger und sprach zu ihnen:

             Dort – das ist wohl nach wie vor die Gegend um Cäsarea Philippi, am Fuß des Hermon. Diese Gegend verlassen sie und ziehen weiter durch Galiläa. Heimlich. Verborgen vor den Augen der Öffentlichkeit. Ein Motiv für dieses Versteckspiel? Man kann es sich also aussuchen: Die Ahnung, dass es gefährlich wird, dass Feindseligkeiten zu erwarten sind. Ausweichen von Herodes? Oder weil er „auf dem Weg nach Jerusalem nicht unnötig aufgehalten werden will“  (J.Gnilka, Das Evangelium nach Markus, 8,27 – 16,20, EKK II/2, Neukirchen 1979, S.53) Es ist ja unvermeidlich: weil überall Wunder erwartet und erbeten werden, geht es nicht vorwärts auf dem Weg.

            Markus deutet die Zeit der Verborgenheit als Zeit, die Jesus braucht, um seine Jünger zu lehren. Bis dahin ist meistens das Volk, die Menge der Adressat des Lehrens Jesu. Die Jünger dagegen müssen immer wieder daheim nachfragen, damit sie verstehen. Gerade weil es nach Jerusalem geht und Jesus weiß, was ihn da erwartet, ist es umso dringlicher, dass er jetzt Zeit für seine Jünger hat.  Dass er sie lehren kann. Er, der Lehrer, διδάσκαλος,  lehrt sie, δίδασκεν,   weist sie ein, schließt ihnen den Weg auf, der auf ihn und sie zukommt. Das braucht nach den vorausgegangen Erfahrungen Zeit. Die Jünger sind nicht so rasch im Verstehen.

Der Menschensohn wird überantwortet werden in die Hände der Menschen und sie werden ihn töten; und wenn er getötet ist, so wird er nach drei Tagen auferstehen. 32 Sie aber verstanden das Wort nicht und fürchteten sich, ihn zu fragen.

             Das also lehrt er sie. Zum zweiten Mal: der Weg nach Jerusalem wird zum Weg der Auslieferung. Der Menschensohn in den Händen der Menschen. „Das einprägsame Wortspiel artikuliert das Skandalon der Passion, das darin besteht, dass Gott seinen Erwählten der brutalen Gewalt der Menschen preisgeben wird.“ (J.Gnilka, aaO.;S.54) Er, der Mensch unter den Menschen ist, er wird an sie überliefert, überantwortet, ausgeliefert. Es ist, darauf deutet das Passiv, aber auch die Wortwahl hin, der Weg Gottes, der sich vollzieht. Und, auch wenn es nicht ausdrücklich gesagt ist: „Dass Jesus an die Besatzungsmacht zur Verurteilung „ausgeliefert“ wird, ist die äußere Seite der Tatsache, dass er um der Sünde der Menschen willen in den Tod „dahingegeben“ wird.“ (W. Klaiber, Das Markusevangelium, Neukirchen 2010, S.174)Immer steht das das gleiche Wort: παραδδοται. „Der Größte – der Kleinste“ weiterlesen

Der schwache Glaube und der starke Herr

Markus 9, 14 – 29

14 Und sie kamen zu den Jüngern und sahen eine große Menge um sie herum und Schriftgelehrte, die mit ihnen stritten. 15 Und sobald die Menge ihn sah, entsetzten sich alle, liefen herbei und grüßten ihn.

             Mit der Ruhe des Berges, der Bergstille, ist es endgültig vorbei. Die Verklärung verblasst geradezu im Getümmel. Die Jünger und Schriftgelehrten inmitten einer Menschenmenge und sie streiten. Worum der Streit geht, bleibt zunächst offen. Als die Menge – hier steht immer wieder χλος, was eine unspezifische Mengenangabe ist und nie den Klang „das Volk“ hat – Jesus wahrnimmt, lassen sie die Streitenden stehen und laufen auf ihn zu. Eine merkwürdige, auffallende Mischung. „Bei Markus rufen Wunder und Lehre Jesu das erregte Erstaunen der Menge hervor.“ (J.Gnilka, Das Evangelium nach Markus, 8,27 – 16,20, EKK II/2, Neukirchen 1979, S. 46)

 16 Und er fragte sie: Was streitet ihr mit ihnen?

             Wen fragt Jesus nach dem Streit? Die Menge, aber die sind doch nur Zuschauer? Oder fragt er seine Jünger, warum sie sich mit den Schriftgelehrten streiten – sie, die doch selbst alles sind, aber gewiss keine Schriftgelehrten.

  17 Einer aber aus der Menge antwortete: Meister, ich habe meinen Sohn hergebracht zu dir, der hat einen sprachlosen Geist. 18 Und wo er ihn erwischt, reißt er ihn; und er hat Schaum vor dem Mund und knirscht mit den Zähnen und wird starr. Und ich habe mit deinen Jüngern geredet, dass sie ihn austreiben sollen, und sie konnten’s nicht.

            Die Antwort kommt von einem aus der Menge. In der Antwort zeigt sich, dass es der Vater ist, der mit seinem Sohn gekommen ist, weil er sich Hilfe erhofft. Merkwürdig: Er sagt: ich habe ihn hergebracht zu dir. Er wollte zu Jesus und ist bei den Jüngern gelandet. Weil Jesus ja nicht da war, sondern mit den Dreien auf dem Berg. Jetzt aber, so hat es den Anschein, ist der Vater da, wo er sein wollte, wo er sich Hilfe erhoffte: Bei Jesus.

            Es folgt, dass er  ausführlich die Krankheit des Sohnes beschreibt. „ Diese Schilderung der Symptome des Leidens des Kindes ist die präziseste Krankheitsbrechreibung, die wir im neuen Testament finden. Zusammen mit den Angaben in V. 20 und 22 weist sie eindeutig auf das Krankheitsbild, das wir heute „Grand-Mal-Epilepsie“ nennen. Die Krankheit wurde auch schon in der Antike in ihrer Besonderheit erkannt und auf göttliche oder dämonische Einwirkung zurückgeführt.“ (W. Klaiber, Das Markusevangelium, Neukirchen 2010, S.169) Es mindert das Leiden an dieser Krankheit nicht, dass sie im Volk auch als „heilige Krankheit“ galt. 

           Auf Hilfe aus dieser Not hat der Vater gehofft und ist bitter enttäuscht. Die Jünger sollten den sprachlosen Geist austreiben und konnten es nicht. Trotz der früheren Vollmacht – so muss der Leser des Evangeliums ja erschreckt erinnern: Und er rief die Zwölf zu sich und fing an, sie auszusenden je zwei und zwei, und gab ihnen Macht über die unreinen Geister.“(6,7)  Es ist für die Leser des Evangeliums hart – bis heute: Die Vollmacht aus früherer Zeit steht nicht immer  und nicht für immer zur Verfügung. Sie scheitert an manchen Stellen und Aufgaben. „Der schwache Glaube und der starke Herr“ weiterlesen