Beschenkt leben

Markus 10, 28 – 31

 28 Da fing Petrus an und sagte zu ihm: Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt.

             Erschrecken über die Worte Jesu ist das eine. Auch Petrus sitzt der Schrecken über diese harte Botschaft: Bei den Menschen unmöglich in den Knochen. Aber er weiß ja, was ihn und die anderen, die um Jesus herum sind, von dem, der da eben gegangen ist, unterscheidet: wir haben alles verlassen.

             Für Petrus ist das keine theoretische Überlegung geblieben: loslassen. Sich lösen vom Besitz. Sich lösen aus der Geschichte des eigenen Lebens, wie sie bis dahin gelaufen ist.  Petrus mag begriffsstutzig sein, aber er ist kein Theoretiker des Glaubens. Und dass er und die anderen jetzt hier bei Jesus sind, irgendwo auf dem Weg in Galiläa, das ist doch Folge: wir sind dir nachgefolgt.

             Das Missliche an der Feststellung des Petrus: sie klingt wie eine Erfolgsmeldung. Sie hat etwas von: Wir haben es doch gemacht. Gut gemacht. „Beschenkt leben“ weiterlesen

Loslassen und gewinnen

Markus 10, 17 – 27

17 Und als er sich auf den Weg machte, lief einer herbei, kniete vor ihm nieder und fragte ihn:

             Jesus bricht auf zu seinem Ziel, auch wenn das nicht benannt wird. Irgendwo auf dem Weg in Judäa geschieht es. Da kommt einer und kniet vor ihm. Nicht, dass er ihn anbetet. Ein Akt der Verehrung, vielleicht auch der Erwartung, die ihn fragen lässt. Wer das ist, bleibt völlig in der Schwebe. Der Leser erfährt nichts über seine Status, sein Alter, seine Herkunft. Noch nichts. Es ist halt „einer“.

 Guter Meister, was soll ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?

             Was er aber erfährt ist die Frage, die diesen einen bewegt, die ihn zu Jesu treibt, die er ihm stellt. Doch wohl, weil er sich Antwort von ihm erwartet. Er redet Jesus ehrfurchtsvoll an -nicht übertrieben, trotz des Kniefalls nicht devot, aber voller Respekt:  Guter Meister.

             Es ist die drängende Frage, die ihn beschäftigt. Sie entsteht wohl auch daraus, dass es sich nicht mehr von selbst versteht: Wer Israelit ist, hat Anteil am ewigen Leben.  Es steht ja – auch im Markus-Evangelium – schon hinter dem Ruf zur Umkehr, zur Buße die Einsicht, „dass nicht mehr die Bindung an das Volk Heil garantierte, sondern der einzelne zu sittlicher Entscheidung und Bewährung herausgefordert war.“ (J. Gnilka, aaO. S.85)

Dem entspricht, dass wir heute lernen, dass die Taufe keinen Heilsautomatismus nach sich zieht, sondern dass  zur Taufe der Glauben hinzu treten muss, ein Vertrauen, dass sich in den Zusagen der Taufe festmacht und sie lebt.

Angelegt ist das schon in alten Texten und für den Juden nachvollziehbar in der „Einlass-Liturgie“ zum Tempel:

Wer darf auf des HERRN Berg gehen,                                                                               und wer darf stehen an seiner heiligen Stätte?                                                                   Wer unschuldige Hände hat und reinen Herzens ist,                                                      wer nicht bedacht ist auf Lug und Trug und nicht falsche Eide schwört:                      der wird den Segen vom HERRN empfangen                                                                 und Gerechtigkeit von dem Gott seines Heiles.         Psalm 24, 3 – 5

Es geht dem Frager um Wegweisung für ein Leben, das Gott entspricht. Das will er von dem Lehrer Jesus wissen. „Loslassen und gewinnen“ weiterlesen

Geschenkt

Markus 10, 13 – 16

13 Und sie brachten Kinder zu ihm, damit er sie anrühre. Die Jünger aber fuhren sie an.

             Diese Szene wird wohl, so legt es der Zusammenhang nahe, im Haus stattfinden. Es kommen Leute, die nicht näher bezeichnet werden und bringen Kinder zu Jesus. παιδα. Für den Vorgang spielt es keine Rolle, wer diese Leute sind – ob die Eltern, Verwandte oder wer auch immer. Ihr Anliegen: Er soll sie anrühren. πτω„berühren erfassen“ (Gemoll, aaO. S. 117). Das griechische Wort hat nicht wie von selbst eine religiöse Bedeutung. Es taucht an sehr bedeutsamer Stelle im Mund des auferstanden auf: Rühre mich nicht an. (Johannes 20,17) Worum es also denen geht, die die Kinder zu Jesus bringen, muss offen bleiben. Es kann sein: Er soll sie durch ein Berühren segnen. Ihnen Kraft aus seiner Kraft vermitteln.

Es ist wie eine Wiederholung: In Betsaida „brachten sie zu ihm einen Blinden und baten ihn, dass er ihn anrühre.“ (8,22) Da ging es um Heilung. Davon ist hier aber keine Rede. Sondern die Parallele ist eher, dass manche Rabbis segnen, dass Eltern ihre Kinder segnen.

Es ist schwer zu verstehen, was die Jünger dazu bringt, diese Leute so anzufahren, abzuweisen. Zu bedrohen. Liegt es nur daran, dass sie sich gestört fühlen? Oder spielt mit, dass Kinder im Grunde noch nicht zählen? Spielen sie sich nur auf, als die, die über die Zugangsberechtigung zu Jesus verfügen? Sie wirken wie Leute, die sagen: So einfach kann man doch nicht zu Jesus kommen. Da muss man schon etwas vorzuweisen haben, den Willen, ihm nahe zu sein, die Bereitschaft, hinter ihm her zu gehen. „Jedenfalls ist das geschilderte Gebahren der Jünger herrschsüchtig und wenig liebevoll. Gegenüber Kinder konnte man es sich leisten, sie standen innerhalb der Rangordnung der Gesellschaft ziemlich weit unten.“ (J. Gnilka, aaO., S.80) Die früheren Auftritte der Jünger in ihrem Streit um die eigene Größe (9,33ff.) und ihr Abweisung des fremden Exorzisten (9,38f.) lassen solche Motive nicht unmöglich erscheinen. „Geschenkt“ weiterlesen

Herzfehler

Markus 10, 1 – 12

1 Und er machte sich auf und kam von dort in das Gebiet von Judäa und jenseits des Jordans. Und abermals lief das Volk in Scharen bei ihm zusammen, und wie es seine Gewohnheit war, lehrte er sie abermals.

             Jesus bricht auf, aus Kapernaum in Richtung Jerusalem. Er wird nicht mehr nach Galiläa zurückkehren. Ein wenig umständlich erscheint der Weg: Man muss nicht in das Gebiet jenseits des Jordans, um nach Judäa zu gehen. Es könnte sein, Markus will andeuten, dass er einen Umweg wählt, um den Weg durch Samaria zu meiden. Sicher ist das aber nicht – andere Evangelien erzählen ja auch prompt, dass Jesus durch Samaria nach Jerusalem zieht (Lukas 9,51 – 57). Ähnlich auch Johannes (Johannes 4).

             Auf dem Weg zieht er immer noch die Volksmassen an. Es sind „die Bewohner der beiden Bezirke Judäa und Ostjordangebiet, die ihm zulaufen.“ (W. Grundmann, aaO. S.269) Seine Wirksamkeit, sein Lehren ist nicht auf das Gebiet Galiläas begrenzt. Er ist nicht nur eine lokale Provinzgröße. Es entspricht seiner Gewohnheit, dass er auch hier nicht aufhört zu lehren, das Volk zu unterweisen, den Willen Gottes auszurufen.

Es ist nicht der Hauptakzent der Erzählung und doch auch nicht ganz nebensächlich, weil Markus es sonst nicht erwähnt hätte: wie es seine Gewohnheit war.  ς εἰώθει. Genau die gleiche Wendung verwendet Lukas, wenn er erzählt: „Jesus ging nach seiner Gewohnheit am Sabbat in die Synagoge“ (Lukas 4,16). Jesus – ein Gewohnheitsmensch? Ja, meinen die beiden Evangelisten und finden nicht Schlimmes darin, sondern: Es gibt gute Gewohnheiten. Es gibt Gewohnheiten, die dem Glauben dienen. Glaube braucht die Regelmäßigkeit, die Gewohnheit, braucht gewohnte Formen und Rituale, in denen er „wohnen“ kann, aus denen er seine Bestätigung und seine Beständigkeit findet. „Herzfehler“ weiterlesen

Es gilt zu wählen

Markus 9, 42 – 50

 42 Und wer einen dieser Kleinen, die an mich glauben, zum Abfall verführt, für den wäre es besser, dass ihm ein Mühlstein an den Hals gehängt und er ins Meer geworfen würde.

 Hier werden Sprüche aneinander gereiht. Sie wirken nur lose verbunden. Es ist, als wirkte in ihrem Anfang in den Worten Jesu noch die Debatte um die Größe nach. Vielleicht, so überlege ich, muss man sich immer noch vorstellen: „Das Kind“ steht in der Mitte (9,36). Nicht nach oben, nach unten wird der Blick gelenkt. Auf die Kleinen. Μίκροι. Die Mikrigen. Die Geringen, die Letzten. Immerhin vermeidet Markus das in der Umwelt geringschätzige, abwertende ταπεινόϛ. Die Kleinen stehen unter besonderem Schutz. Wer sich an ihnen vergreift, vergreift sich an den besonders Geliebten und Geschützten Gottes.

Das ist ein starker Akzent in einer Umwelt, in der Kinder nicht wirklich zählen. Das ist heute ein starker Akzent in einer Umwelt, in der Kinderpornographie wie ein Kavaliersdelikt wirken kann, in der skrupellose Geschäftemacher millionenfachen Gewinn damit erzielen, dass sie Kinder seelisch und körperlich ausbeuten. Das ist auch ein starker Akzent in einem Land, in dem Kindergärten immer noch beklagt werden können, weil der Kinderlärm Anwohner stört und den Grundstückswert anliegender Ländereien mindert.

Es wirkt, als würde der – wohl spätere – Zusatz die an mich glauben die Reichweite des Satzes einschränken. Als wäre gemeint: „Wer einen Glaubenden um seinen Glauben bringt, für den wäre es besser, ein gewaltsamer Tod hätte ihn vor dieser Möglichkeit der Verschuldung getroffen.“ (W. Grundmann, aaO. S.265)

   Es ist nicht abzustreiten, dass damit ein Problem in der Gemeinde angesprochen ist. Paulus ist dafür Zeuge: „Seht aber zu, dass diese eure Freiheit für die Schwachen nicht zum Anstoß wird! Denn wenn jemand dich, der du die Erkenntnis hast, im Götzentempel zu Tisch sitzen sieht, wird dann nicht sein Gewissen, da er doch schwach ist, verleitet, das Götzenopfer zu essen? Und so wird durch deine Erkenntnis der Schwache zugrunde gehen, der Bruder, für den doch Christus gestorben ist. Wenn ihr aber so sündigt an den Brüdern und verletzt ihr schwaches Gewissen, so sündigt ihr an Christus. Darum, wenn Speise meinen Bruder zu Fall bringt, will ich nie mehr Fleisch essen, damit ich meinen Bruder nicht zu Fall bringe.“ (1. Korinther 8, 9 – 13) Aber es ist – in meinen Augen – nicht zulässig, die Achtsamkeit nur auf die in der Gemeinde zu richten. Sie gilt in gleicher Weise denen draußen vor der Tür.   „Es gilt zu wählen“ weiterlesen