Lernstoff Ostern

Markus 16, 9 – 20

9 Als aber Jesus auferstanden war früh am ersten Tag der Woche, erschien er zuerst Maria von Magdala, von der er sieben böse Geister ausgetrieben hatte.

             Liest man im Zusammenhang mit dem vorigen Text, so wirken diese Worte wie eine ein wenig unbeholfene Weiterführung. Da ist der erneute Verweis auf den Zeitpunkt: früh am ersten Tag der Woche. Da ist die auffallende Charakterisierung der ersten Osterzeugin Maria von Magdala: sie ist die, von der er sieben böse Geister ausgetrieben hatte. Davon hatte Markus im bisherigen Verlauf nichts erzählt. Nur Lukas weiß von ihr, „Maria, genannt Magdalena, von der sieben böse Geister ausgefahren waren,“(Lukas 8,2) so zu berichten.

            Vor allem aber wird sie hier als eine genannt, der er, Jesus selbst, erschienen ist. Im vorhergehenden Text aber ist nicht von einer Begegnung mit Jesu die Rede, sondern nur von dem Jüngling, der im Grab sitzt und die Botschaft Er ist auferstanden, er ist nicht hier.  ausrichtet. Von einer Begegnung Marias mit Jesus erzählt dagegen das Johannes-Evangelium ausführlich und anschaulich. Hier also die Reihenfolge des Markus: erst die Botschaft, dann die Begegnung.

 10 Und sie ging hin und verkündete es denen, die mit ihm gewesen waren und Leid trugen und weinten. 11 Und als diese hörten, dass er lebe und sei ihr erschienen, glaubten sie es nicht.

             Wird vorher erzählt, dass die drei Frauen schweigend und furchtsam vom Grab fliehen, so wird hier Maria zur ersten Botschafterin des Auferstandenen. Sie, die selbst ein so zerstörtes Leben hinter sich hat, wird zur Botschafterin an die, die mit ihm gewesen waren und Leid trugen und weinten. Die nur noch ihren Verlust sehen und in ihrer Trauer gefangen sind. So sehr sind sie gefangen in ihrem Schmerz, dass sie den Worten der Maria nicht glauben.

Diese Unfähigkeit, den Worten zu glauben, die von der Begegnung mit dem Auferstandenen reden,  mag auch ein Hinweis darauf sein: Schon in den allerersten Anfängen liegt diese Botschaft von der Auferstehung quer zur Welt- und Lebenserfahrung. Tote sind tot. Sie kommen nicht wieder und erscheinen.

Eine leibhaftige Auferstehung aus den Toten war damals so unvorstellbar wie sie es heute ist. „Die Auferstehung des Gekreuzigten und Begrabenen war das schlechthin Unwahrscheinliche. Diejenigen, die dieses Unwahrscheinliche mit aller Inbrunst liebender Herzen hätten ersehnen müssen, glaubten nicht, dass die ersten Anzeichen da waren.“ (P. Schütz, aaO. S.521) Sie sprengt den Verstehenshorizont des normalen Lebens. „Lernstoff Ostern“ weiterlesen

Auferstanden

„Man denke sich, dass dieser Schluss fehle. Man denke sich, jene stille Grablegung wäre das letzte Wort, das auf uns gekommen ist – dann wäre das Ganze eine rührende, vielleicht erschütternde Geschichte.  Die rührende, vielleicht erschütternde eines heiligen Menschen, der – wie schon oft vorher und nachher – dem Unverstand der Welt zum Opfer fiel. Nein, es wäre dies nicht, es wäre unendlich weniger. Es wäre nur die Geschichte eines Betrügers oder – eines Schwärmers, der sich selbst betrog.“(P. Schütz, aaO. S.505f.)

Markus 16, 1 – 8

 1 Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria von Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben.

             Der Sabbat ist vorüber gegangen. Still. Es gibt nichts über diesen Tag zu berichten. Erst als der Sabbat vorüber ist, ist wieder Raum für Aktivitäten. Maria von Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome kaufen ein – wohlriechende Öle. Weil sie dem Toten noch seine Würde geben wollen. Ihre Liebe erweisen. Dadurch, dass sie ihn salben. Es ist, als würden sie ihre unbekannte Vorgängerin aus Betanien (14, 3 – 9) nachahmen wollen. Diese Einkäufe muss man sich am Abend des Sabbat-Tages denken. Der Sabbat ist ja schon mit dem ersten Stern am Himmel vergangen. Da bleibt noch Zeit für Einkäufe.

  2 Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging. 3 Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?

             Sie sind am ersten Tag der Woche – nach unserer Zählung am nächsten Tag, unserem Sonntag – morgens sehr früh auf den Beinen. Bei Sonnenaufgang. Ihr Weg führt sie zum Grab. Sie wissen, wo es ist, weil sie ja bei der Grablegung zugesehen hatten. So wissen sie auch, dass sie ein Problem haben werden mit dem Zugang zu dem Toten: da liegt ein schwerer Stein vor des Grabes Tür. Selbst wenn es „nur“ ein Rollstein ist – wie sollen sie den weg bekommen? „Aus eigener Kraft gibt es nicht einmal einen Zugang zu der Erinnerungsstätte des Grabes.“(E. Drewermann, aaO. S. 691)So liegen über ihren Schritten Ungewissheit und Traurigkeit. Und wie anders sollte dieser Weg enden als in Traurigkeit?

4 Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß.

             Indem sie so ihr Problem bereden, ohne eine Lösung zu wissen, werden sie es gewahr. θεωροσιν. – „betrachten, wahrnehmen, erwägen, überlegen“(Gemoll, aaO. S. 374) Das Wort Theorie steckt in diesem griechischen Wort. Aber sie haben keinerlei Theorie für das, was da auf sie zukommen könnte. Nur das wird festgehalten, dass sie sehen, einigermaßen irritiert: Der Stein ist weggewälzt. Es klappt ein bisschen nach: denn der Stein war sehr groß. Eigentlich hätte das vorne zum Gespräch der Frauen auf den Weg gepasst – hier wirkt es wie ein Nachtrag. Wie auch immer: Weil der Stein weggewälzt ist, haben sie jetzt einen freien Zugang in das Grab und, so hoffen sie wohl, zu dem Toten.   „Auferstanden“ weiterlesen

Letzte Ehre

Markus 15, 42 – 47

42 Und als es schon Abend wurde und weil Rüsttag war, das ist der Tag vor dem Sabbat, 43 kam Josef von Arimathäa, ein angesehener Ratsherr, der auch auf das Reich Gottes wartete, der wagte es und ging hinein zu Pilatus und bat um den Leichnam Jesu.

Es ist ein umständlicher Satzanfang. Weil der Zeitpunkt des Geschehens geklärt wird. Der Abend des Passa-Tages vor dem nachfolgenden Sabbat. Erst hier wird durch diese Angabe deutlich: Alles spielt sich an einem Freitag ab. Vielleicht ist die Umständlichkeit aber auch der Aktion geschuldet, die nicht ohne Risiko ist.

Josef von Arimathäa begegnet uns im Evangelium nur hier. Er ist ein angesehener Ratsherr. Aber wahrscheinlich kein Mitglied des Hohen Rates in Jerusalem. Das war das Gremium, von dem galt, dass der ganze Hohe Rat den Tod Jesu beschlossen hatte. Deshalb liegt es näher: Er ist ein Ratsherr seiner Heimatstadt. Wichtiger als die Lokalisierung seiner Herkunft – irgendwo im Norden Judäas – ist jedoch, dass er auch auf das Reich Gottes wartete. Er ist keiner der Jünger Jesu, aber einer, der auch, wie so viele der Anhänger Jesu, auf das kommende Reich Gottes hofft, der vielleicht deshalb von dem Prediger Jesus und der Predigt Jesu eben eben doch berührt war: „Das Reich Gottes ist herbeigekommen,“(1.15)Vielleicht will er ja diesem Prediger nach dem Tod eine letzte Ehre erweisen?

Es ist ein hohes Risiko, das er eingeht. Sich den Leichnam – im Griechischen steht hier σμα, was eigentlich nicht Leichnam, sondern Leib heißt – eines Hingerichteten zu erbitten, könnte gefährlich sein für den Bittenden, ein gefährliches Licht auf ihn werfen: Ist er etwa ein Sympathisant dieses Gekreuzigten, der doch, so die Sichtweise der Römer, wegen politischer Umtriebe hingerichtet worden ist ?

Dabei will Josef zunächst einmal wohl nur tun, was das jüdische Gesetz gebietet. „Wenn jemand eine Sünde getan hat, die des Todes würdig ist, und wird getötet und man hängt ihn an ein Holz, so soll sein Leichnam nicht über Nacht an dem Holz bleiben, sondern du sollst ihn am selben Tage begraben – denn ein Aufgehängter ist verflucht bei Gott -, auf dass du dein Land nicht unrein machst, das dir der HERR, dein Gott, zum Erbe gibt.“(5.Mose 21,22-23) Das könnte durchaus ein Motiv für das Handeln des Josef sein: Weil er auf das Reich Gottes wartet, will er das Land vor der Unreinheit bewahren. Es ginge dann in der Bitte des Josef primär nicht um die letzte Ehre für den toten Jesus, sondern um die zu Gott hin offene Zukunft für Israel. „Letzte Ehre“ weiterlesen

Gekreuzigt

Markus 15, 24 – 41

24 Und sie kreuzigten ihn.

             Drei knappe Worte im Deutschen. Auf Griechisch: κα σταυροσιν ατν Nichts über Hammer, Schreie, Blut. Keine Ausmalung, keine Details. Auch nichts zur Atmosphäre. Das alles ist nicht wichtig. Wichtig ist nur: sie kreuzigten ihn. Jetzt hängt er am Kreuz, zwischen Himmel und Erde.

 Und sie teilten seine Kleider und warfen das Los, wer was bekommen solle.

             Unter dem Kreuz: Alltag. Die armselige Habe des Gekreuzigten – er hat ja nichts als seine Kleider – wird geteilt. Verlost. Heißt doch wohl: Wer gewinnt, bekommt alles. Ohne es zu wissen, tun sie, was die Schriften sagen: „Sie teilen meine Kleider unter sich und werfen das Los um mein Gewand.“(Psalm 22,19) Sie gehen mit ihm um, als sei er schon erledigt, schon Geschichte, schon tot. Für das römische Hinrichtungskommando wird es wohl auch gefühlsmäßig so sein: Auftrag erledigt.

 25 Und es war die dritte Stunde, als sie ihn kreuzigten. 26 Und es stand über ihm geschrieben, welche Schuld man ihm gab, nämlich: Der König der Juden.

             Die dritte Stunde – das ist 9 Uhr vormittags. Über ihm der Grund für die Kreuzigung: Der König der Juden. Es ist die politische Anklage, die hier genannt wird. Wie anders sollte auch die römische Form der Hinrichtung durch das Kreuz begründet werden als politisch? Wenn auch mit einem Grund, den die junge christliche Gemeinde nie als den eigentlichen Grund verstanden hat. Sie hat in Jesus nicht den König Israels gesehen, sondern den Christus Gottes.   „Gekreuzigt“ weiterlesen

Folteropfer

Markus 15, 16 – 23

 16 Die Soldaten aber führten ihn hinein in den Palast, das ist ins Prätorium, und riefen die ganze Abteilung zusammen

             Der Ort wird gewechselt. Nicht mehr die öffentliche Verhandlung vor aller Augen, sondern jetzt geht es hinein in das Prätorium. Wo das Prätorium zu suchen ist, bleibt umstritten. Meistens nimmt man an, dass es sich um die Burg Antonia im Nordwesten des Tempels handelt. „Dort zeigt man noch heute Reste eines Pflasters (Lithostrotos), das angeblich aus dem Hof stammt, in dem Jesus gegeißelt wurde.“(W. Klaiber, aaO. S.298)

      Die ganze Abteilung, eine Kohorte von 500 Mann wird zusammengerufen. Es handelt sich dabei um Auxiliartruppen“, nicht um Römer aus Italien, sondern um Leute, die im jeweiligen Land ausgehoben wurden. „Die Angehörigen dieser Truppe waren keine Juden – diese waren vom Militärdienst befreit -, sondern Leute aus dem Gebiet von Cäsarea, Samaria-Sebaste und aus dem nördliche Syrien. In einigen dieser Gebiete gab es erhebliche Spannungen zwischen der nichtjüdischen Bevölkerung und der jüdischen Minderheit, was den antijüdischen Ton der folgenden Demonstration erklärt.“(W. Klaiber, aaO. S.299)Oder vorsichtiger: Andeutungsweise erklären könnte.

  17 und zogen ihm einen Purpurmantel an und flochten eine Dornenkrone und setzten sie ihm auf 18 und fingen an, ihn zu grüßen: Gegrüßet seist du, der Juden König! 19 Und sie schlugen ihn mit einem Rohr auf das Haupt und spien ihn an und fielen auf die Knie und huldigten ihm.

             Was geschieht, ist von erschreckender Rohheit. Eine Parodie auf eine Königskrönung. Jesus wird als König verkleidet, mit den Requisiten eines Königs ausgestattet. Purpurmantel und Dornenkrone stellen den Krönungsumhang und das goldene Diadem einer Königserhebung dar. Dazu kommt der Gruß Gegrüßet seist du, der Juden König! Soviel haben sie ja mitbekommen bei der öffentlichen Verhandlung: Dieser Mann in ihrer Gewalt beansprucht angeblich, in König zu sein. „Folteropfer“ weiterlesen

gelitten unter Pontius Pilatus

Markus 15, 1 – 15

1 Und alsbald am Morgen hielten die Hohenpriester Rat mit den Ältesten und Schriftgelehrten und dem ganzen Hohen Rat, und sie banden Jesus, führten ihn ab und überantworteten ihn Pilatus.

             Die Nacht ist vergangen, ein neuer Tag ist herbeigekommen. Das Ergebnis des nächtlichen Prozesses sofort am Morgen nach einem Rat des gesamten Synhedrions in allen seinen Gruppen: Jesus wird an Pilatus überantwortet. Ausgeliefert an die Heiden. Ganz so wie es Jesus angekündigt hatte: sie werden ihn zum Tode verurteilen und den Heiden überantworten.“ (10,33) παρδωκαν „Das entsprechende griechische Wort bildet eine Art Leitmotiv der Passionsgeschichte.“(W. Klaiber, aaO. S.294) Diese Auslieferung an Pilatus hat zugleich etwas von einer Ausstoßung aus dem Volk. Haben mit diesem da nichts mehr zu tun.

Markus verzichtet auf eine Erklärung für seine Leser, um wen es sich bei Pilatus handelt. Es könnte sein, er setzt voraus, dass sie wissen, welche Stellung und Ruf dieser Römer hat. Philo, ein römische Schriftsteller, „sagt ihm Bestechlichkeit, Gewalttätigkeit, Räubereien, Misshandlungen, Beleidigungen, fortgesetzte Hinrichtungen ohne Gerichtsverfahren, unaufhörliche und unerträgliche Grausamkeit nach. Pilatus war ein Freund des Seianus, des mächtigsten Mann im Imperium Romanum nach dem Kaiser. Da Seianus als Judenfeind galt, kann Gleiches für Pilatus gelten.“(J. Gnilka, aaO. S.299) An diesen Mann wird Jesus übergeben.

 2 Und Pilatus fragte ihn: Bist du der König der Juden? Er aber antwortete und sprach zu ihm: Du sagst es. 3 Und die Hohenpriester beschuldigten ihn hart. 4 Pilatus aber fragte ihn abermals: Antwortest du nichts? Siehe, wie hart sie dich verklagen! 5 Jesus aber antwortete nichts mehr, sodass sich Pilatus verwunderte.

             Pilatus begegnet als einer, der sich ein eigenes Bild zu machen sucht.  Er fragt – und nimmt in der Frage eine politische Spur auf, vielleicht durch den Hohen Rat auf diese Spur gesetzt: Bist du der König der Juden? Der Hohepriester hatte anders gefragt: Bist du der Christus? (14,61) Der Römer fragt nach dem politischen Anspruch: König der Juden ist keine religiöse, sondern eine politische Kategorie. Im Israel der Zeit Jesu gibt es mit Herodes einen König der Juden, aber einen, der das von Roms Gnaden ist.

„Bist du der König der Juden? Wie soll Jesus darauf antworten? Ein König ist im Mund der Macht ein Herrscher mit Befehlsgewalt, der Führer an der Spitze eines durchorganisierten Sozialwesen mit Soldaten, Polizisten, Richtern, Ministern – Staatsdienern aller Art. … Es ist Jesus nicht möglich, auf die Frage des Pilatus mit „Ja“ zu antworten. Im Sinne des Pilatus ist er gerade kein König, eher ein Bettler, ein Dichter, ein Visionär, ein Phantast, in jedem Falle ein ohnmächtiger Habenichts, der sich auf einen Gott beruft, den man nicht sehen kann.“(E. Drewermann, aaO. S. 571) „gelitten unter Pontius Pilatus“ weiterlesen

Kündigung der Freundschaft

Markus 14, 66 – 72

 66 Und Petrus war unten im Hof.

   Jetzt wieder Petrus. Er ist immer noch unten im Hof. Eine lange Nacht lang, nahe dran und doch weit weg. Einer unter den vielen, die d herumstehen und darauf warten, wie es weitergehen wird.

 Da kam eine von den Mägden des Hohenpriesters; 67 und als sie Petrus sah, wie er sich wärmte, schaute sie ihn an und sprach: Und du warst auch mit dem Jesus von Nazareth. 68 Er leugnete aber und sprach: Ich weiß nicht und verstehe nicht, was du sagst. Und er ging hinaus in den Vorhof, und der Hahn krähte.

           Eine von den Mägden des Hohenpriesters sieht ihm ins Gesicht, wie er sich da ans Feuer drängt, um sich zu wärmen. Und dann sagt sie es ihm auf den Kopf zu: du warst auch mit dem Jesus von Nazareth. Woher sie das weiß, wird nicht gesagt. Es könnte sein: „Seine galiläische Mundart verrät einer Magd des Hohenpriesters seine wahre Zugehörigkeit zu den Jüngern Jesu – er ist gesehen worden.“(E. Drewermann, aaO. S. 556) Aber das steht nicht da. Nur so viel: Sie spricht ihn als einen Anhänger des Angeklagten an. Du hast zu ihm gehört. Du auch. Das ist gefährlich genug.

Darf man in der Vergangenheitsform: Du warst mehr hören als: Du bist einer von denen? Klingt da schon an: Das ist deine Vergangenheit – und du bist jetzt drauf und dran, dich zu lösen aus ihr?

Jedenfalls: Petrus ist so verunsichert, dass er nicht einmal richtig antworten kann. Er stottert sich eins ab, „in unkorrektem Griechisch“(J. Gnilka, aaO. S.292): Keine Ahnung, wovon Du redest. Er stellt sich dumm, dümmer als er ist.   „Kündigung der Freundschaft“ weiterlesen

Bist Du? Ich bin.

Markus 14, 53 – 65

53 Und sie führten Jesus zu dem Hohenpriester; und es versammelten sich alle Hohenpriester und Ältesten und Schriftgelehrten.

        Es geht aus dem Landgut Gethsemane in den Palast des Hohenpriesters. Auch wenn sein Name nicht genannt wird – es ist Kaiphas, ein höchst einflussreicher Mann, der den Spagat schafft, Vertrauensmann der Römer und gleichzeitig Vertrauensmann der orthodoxen Kreise in Jerusalem zu sein. „Er war ein Mann der Kunst des Möglichen: Die römische Besatzungsmacht aus dem Land zu drängen, war nicht möglich; man musste sich loyal verhalten.“(E. Drewermann, aaO. S. 529) Er wird die Verhandlung gegen Jesus führen.

Noch in der Nacht kommen sie alle zusammen: alle Hohenpriester und Ältesten und Schriftgelehrten. Das ganze Synhedrion, der Hohe Rat. „Es ist dem Erzähler weder wichtig, wo genau die Gerichtsverhandlung stattfindet, noch, wer der amtierende Hohepriester ist. Seinen Namen erfahren wir bei Markus nicht. Das Amt ist wichtiger als die Person. Die Instanz bedeutsamer als die Mitteilung von Namen.“(J. Gnilka, aaO. S.278)

54 Petrus aber folgte ihm nach von ferne, bis hinein in den Palast des Hohenpriesters, und saß da bei den Knechten und wärmte sich am Feuer.

             Alle Jünger sind in Gethsemane geflohen. Aber Petrus kommt nicht los von Jesus. Er folgt ihm. Von ferne. Mit Abstand. Aber immerhin: „Er will sehen, was mit seinem Meister wird. Er hatte dem widersprochen, was jetzt zu geschehen beginnt und er will dennoch Jünger bleiben.“ (W. Grundmann, aaO. S.409) π μακρθεν, von ferne – das wird auch unter dem Kreuz der Ort sein, von dem aus dann die Frauen das Geschehen sehen.

Jetzt ist Petrus im Hof, im Palast des Hohenpriesters. Einer unter vielen, die sich um das Feuer drängen, um sich zu wärmen. Ein eher unauffälliger „Gast“ in diesem Hof, von dem gelten kann: „Für den Ablauf der äußeren Ereignisse kommt ihm so gut wie keine Bedeutung zu.“(E. Drewermann, aaO. S. 545)   „Bist Du? Ich bin.“ weiterlesen

Verhaftung

Markus 14, 43- 52

43 Und alsbald, während er noch redete, kam herzu Judas, einer von den Zwölfen, und mit ihm eine Schar mit Schwertern und mit Stangen, von den Hohenpriestern und Schriftgelehrten und Ältesten.  

Ein großer Auftritt. Plötzlich, sogleich. εθς. Sofort nach den Worten Jesu ist Judas da, einmal mehr bestimmt als einer von den Zwölfen. Er, der irgendwie von der Bildfläche verschwunden war, ohne dass es Markus groß erwähnt hätte.  Jetzt ist er da und mit ihm ein ganzer Trupp von Leuten. Die Schar ist eine „Abordnung der drei Fraktionen des Synhedrions… Damit ist zu verstehen gegeben, dass die offizielle höchstrichterliche jüdische Behörde gegen Jesus eingreift.“ (J. Gnilka, aaO.   S.268)

 44 Und der Verräter hatte ihnen ein Zeichen genannt und gesagt: Welchen ich küssen werde, der ist’s; den ergreift und führt ihn sicher ab. 45 Und als er kam, trat er alsbald zu ihm und sprach: Rabbi!, und küsste ihn.

             Jetzt wird Judas Verräter genannt – vom Griechischen παραδιδος her wäre genauer: Auslieferer. Er hat ein Zeichen ausgemacht mit seinen Begleitern, an dem sie Jesus erkennen sollen: der ist es, welchen ich küssen werde. Das ist erst einmal nichts Ungewöhnliches. So begrüßt man sich unter vertrauten Leuten im Orient. Offensichtlich aber muss Jesus gekennzeichnet werden – weil er der Schar nicht bekannt ist? Oder weil es in dem Gelände dunkel ist?  

             Jedenfalls: Judas tritt, kaum, dass sie da sind, zu Jesus, grüßt ihn: Rabbi, Meister und küsst ihn. Die Anrede zeigt Respekt, trotz allem. Sie macht aber auch den inneren Widerspruch im Tun des Judas sichtbar. Und: „Der innige Kuss zeigt, wie das Freundschaftsverhältnis infam missbraucht wird.“ (J. Gnilka, aaO. S.269) κατεφλησεν. katephilaesen. Ob in diesem Wort wirklich gesagt ist, dass der Kuss innig ist, wage ich nicht zu entscheiden. Erst recht wage ich nicht, hier irgendwie die Gefühlslage des Judas zu deuten. Oder die Gedankengänge festzuschreiben, die sich mit dem Kuss des Judas verbinden könnten. Bei ihm, bei uns.

 Mich erinnert die Szene vielmehr an die offiziellen Brüderküsse früher Ostblock-Zeiten, von denen eine Menge nur falsche Küsse waren, geheuchelt. Vielleicht ist es hier auch so: Ein falscher Kuss. Der Rest ist Schweigen. Judas hat seinen Part erfüllt. Von ihm ist danach bei Markus keine Rede mehr. „Verhaftung“ weiterlesen

Und Gott schweigt

Markus 14, 32 – 42

32 Und sie kamen zu einem Garten mit Namen Gethsemane.

             Am Fuß des Ölbergs liegt der Garten Gethsemaneχωρον heißt kaum Garten, sondern eher „Landgut, Acker, kleines Grundstück“.(Gemoll, aaO. S.811) Neue Übersetzungen sind darum vorsichtiger als Luther: „Sie kamen zu einem Grundstück“(Einheitsübersetzung); „sie kamen an eine Stelle am Ölberg“(Neue Genfer Übersetzung) Auch die alte Luther-Übersetzung von 1912 war noch näher am griechischen Wortlaut: „Sie kamen zu einem Hofe.“ Die Übersetzung Garten ist wohl aus dem Johannesevangelium „eingewandert“, weil dort der Ort ausdrücklich als κπος, Garten (Johannes 18,1) bezeichnet wird. Bis heute kann man Gethsemane, der Name bedeutet: Ölkelter, in Jerusalem aufsuchen – eine Anlage mit uralten Ölbäumen. Ein beeindruckender Ort.

Und er sprach zu seinen Jüngern: Setzt euch hierher, bis ich gebetet habe. 33 Und er nahm mit sich Petrus und Jakobus und Johannes und fing an zu zittern und zu zagen 34 und sprach zu ihnen: Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wachet!

             Jesus lässt seine Jünger zurück. Nur Petrus und Jakobus und Johannes nimmt er weiter mit, auf dem Weg in das Grundstück. Vor allem aber mit auf seinen Weg, seinen inneren Weg. Er geht weiter, um dort zu beten. Das ist kein heldenhaftes „jetzt erst recht“, sondern er fängt an zu zittern und zu zagen. Jesus ist nicht der Held, der keine Erschrecken, keine Bangigkeit kennt. Er ist nicht der Gerechte, der so in sich ruht, dass ihn nichts mehr berührt. Es gehört zur Erinnerung der ersten Gemeinde: „Als Christus hier auf der Erde war – ein Mensch von Fleisch und Blut – , hat er mit lautem Schreien und unter Tränen gebetet und zu dem gefleht, der ihn aus der Gewalt des Todes befreien konnte.“ (Hebräer 5,7)

Jesus geht diesen Weg nicht „dankbar ohne Zittern“(D. Bonhoeffer). Auffallend und ungewöhnlich: „Im Judentum pflegte man das Ideal des leidenden Gerechten, der voller Gottvertrauen in den Tod geht und der Märtyrer, die dem Tod heldenhaft in die Augen blicken.“ (W. Klaiber, Das Markusevangelium, Neukirchen 2010, S.278) Jesus dagegen sagt von sich selbst: Meine Seele ist betrübt bis an den Tod. περλυπς – umgangssprachlich könnte man sagen: todtraurig. Er ist – schon vor dem Tod – zu Tode verwundet durch das, was auf ihn zukommt. „Die über Jesus kommende Angst ist so groß, dass Sterben Befreiung bedeuten könnte.“(J. Gnilka, aaO. S.259) Dagegen sucht er Halt – in seinem Beten und im Mitwachen der Jünger. Weil er weiß, dass er das kommende Geschick nicht allein wird tragen können.  „Und Gott schweigt“ weiterlesen