Alles drangeben? Ihn gewinnen!

Lukas 18, 18 – 30

 18 Und es fragte ihn ein Oberer und sprach: Guter Meister, was muss ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?

Wieder ein Wechsel. Nach dem Zöllner mit leeren Händen und den neugeborenen Kindern, die noch nichts begreifen, jetzt einer, der es schon zu etwas gebracht hat. Ein Oberer. So wird ein wenig blass ρχων übersetzt. „Ratsherr“ finde ich auch als Übersetzung. „Ein führender Mann“. „Ein Vorsteher“. „Ein Oberster“.  Wie immer salopp: „ein sehr angesagter und reicher Mann“. (Volxbibel S.1056) Wir würden vielleicht sagen: einer aus dem Jetset oder aus den oberen Zehntausend.

               Da ist etwas passiert: Die Frage nach dem ewigen Leben hat diesen Oberen eingeholt.

Es war vielleicht nicht immer seine Frage. Es mag eine Zeit gegeben haben, da hatte er andere Fragen. Wie geht es mit meinem Leben? Wie kann ich in dieser Zeit glücklich werden? Vielleicht hätte er auch eine Zeitlang gesagt: Die Frage nach dem ewigen Leben ist überholt. Was wirklich dran ist, ist die Frage nach Gerechtigkeit hier, nach Frieden jetzt, nach Glück jetzt. Und nach Freiheit jetzt, auch der Freiheit von den Römern und der Freiheit von Angst.

Es ist gut, zu hören, dass einer diese Frage stellt, wissen will, was mit seinem Leben vor Gott ist, wozu sein Leben da ist, wie er gültiges Leben findet. Und auffällig, dass er sie Jesus stellt: „Die Frage lässt erkennen, dass man in den Kreisen der Gesetzestreuen den Ernst Jesu schätzt und sein Urteil achtet.(K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S. 210) Darum auch die ehrfurchtsvoll Anrede: Guter Meister. Διδσκαλε γαθέ. Wer so fragt, wer so den anspricht, den er fragt, der redet nicht von oben herab. „Alles drangeben? Ihn gewinnen!“ weiterlesen

Zwei Typen wie Du und ich

Lukas 18, 9 – 14

9 Er sagte aber zu einigen, die sich anmaßten, fromm zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis:

             Eine Geschichte, die nur Lukas erzählt. „Sondergut des Lukas“ nennen die Ausleger solche Geschichten. Woher er sie hat, wissen wir nicht. Allerdings kann man vermuten: Wenn er sie weiter überliefert, ist sie ihm wichtig!

Das ist die Erzähl-Situation. Jesus ist umgeben von frommen Leuten. Sie sind von ihrer Frömmigkeit, ihrer Gerechtigkeit überzeugt. δκαιος tendiert mehr zur Bedeutung gerecht als fromm, so wie es heute verstanden wird. Es geht nicht um Leute, die in die Bibelstunde kommen, kirchlich engagiert sind und vielleicht von sich selbst sagen: ich bin wiedergeboren. Es geht um honorige Leute, die geachtet sind in der Gesellschaft, wertvolle Mitglieder der Bürgerschaft, die eine Rückbindung zum Glauben haben und pflegen. Die sich anmaßten klingt nach Überheblichkeit. Besser: die von sich selbst überzeugt waren. „Es geht in diesem Satz nicht um ein erlaubtes, gesundes Selbstvertrauen, sondern um eine zerbrechliche Arroganz.“ (F. Bovon, EKK III/3, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 15,1 – 19,27, Neukirchen 2001, S.206) 

 Sie kommen gerne dorthin, wo es gute Worte über Gott zu hören gibt. Denn von diesem Glanz Gottes fällt ja auch etwas ab als Glanz für die Frommen. Jesu „Gesprächspartner sind Leute, die durch ihr Selbstvertrauen auf Grund ihrer Gerechtigkeit und durch ihre Verachtung der anderen näher gekennzeichnet werden.“(W. Grundmann, Das Evangelium nach Lukas, Theol. Handkommentar zum NT 3, Berlin 1978, S.349) Weil aber keine Gruppenbezeichnung verwendet wird – weder Pharisäer noch Schriftgelehrte noch Sadduzäer, auch nicht Sünder und Zöllner, bleibt vorerst in der Schwebe, von wem die Rede ist – in den einigen und den anderen. „Zwei Typen wie Du und ich“ weiterlesen

Nicht locker lassen.

Lukas 18, 1 – 8

 Er sagte ihnen aber ein Gleichnis darüber, dass sie allezeit beten und nicht nachlassen sollten, 2 und sprach:

             Wieder ein Gleichnis. Es gewinnt seine Dringlichkeit aus dem, was vorher war. Es gilt ja, das Herz fest zu machen in der Zuversicht auf Gott. Es gilt ja, beständig zu werden in der Hinwendung zu Gott, sich einzuüben in das Leben vor ihm und mit ihm. Es gilt, beten zu lernen. Nicht nachlassen darin, sich nach Gott und seiner Hilfe auszustrecken. „Betet ohne Unterlass“(1. Thessalonicher 5,17) fordert Paulus die Gemeinde auf. Das ist ein Muss! Hier steht δεν, Kennzeichen für das Unbedingte, die göttliche Wirklichkeit und Notwendigkeit. Haben die Jünger zuvor noch gesagt: Stärke uns den Glauben (17,5), so zeigt Jesus  ihnen jetzt den Weg, wie das geht, dass der Glaube Stärke gewinnt.

Es sind Worte wie diese und Gleichnisse, die Luther zu seiner Sicht aufs Beten bringen.Rufen musst du lernen und nicht dasitzen bei dir selbst oder liegen auf der Bank, den Kopf hängen und schütteln und mit den Gedanken sorgen und suchen, wie du loswerdest und wie wehe dir sei und wie übel dir’s gehe. Sondern wohlan, auf deine Knie gefallen, die Augen zum Himmel gehoben, einen Psalm oder ein Vaterunser vorgenommen und deine Not vor Gott dargelegt, geklagt und angerufen.(Losungen vom  15.10.2017) Das hat er im Kloster geübt, ohne Nachlassen.

  Es war ein Richter in einer Stadt, der fürchtete sich nicht vor Gott und scheute sich vor keinem Menschen. 3 Es war aber eine Witwe in derselben Stadt, die kam zu ihm und sprach: Schaffe mir Recht gegen meinen Widersacher! 4 Und er wollte lange nicht. Danach aber dachte er bei sich selbst: Wenn ich mich schon vor Gott nicht fürchte noch vor keinem Menschen scheue, 5 will ich doch dieser Witwe, weil sie mir so viel Mühe macht, Recht schaffen, damit sie nicht zuletzt komme und mir ins Gesicht schlage. 6 Da sprach der Herr: Hört, was der ungerechte Richter sagt!

Richter sind unabhängige Leute. Das ist schon so, bevor es die Gewaltenteilung des demokratischen Staates gibt. Richter machen sich ihr Bild und entscheiden dann danach. Ein unabhängiger Richter, einer, der keine Furcht kennt – das ist eine Wohltat. Er ist nicht bestechlich, weder durch Geschenke noch durch Angst. Nicht einmal mit Gott kann man ihm Furcht einjagen. Es ist für mich nicht ausgemacht, dass Lukas ihn „in volkstümlicher Weise als einen Mann charakterisiert, der gottlos und selbstsüchtig ist.“ (W. Grundmann, Das Evangelium nach Lukas, Theol. Handkommentar zum NT 3, Berlin 1978, S.347) Für mich liegt der Ton auf seiner umfassenden Unabhängigkeit.

Diesem unabhängigen Menschen stellt Jesus das Bild einer Witwe entgegen. Sie ist das Bild von Abhängigkeit. Sie ist angewiesen auf Wohlwollen in der Verwandtschaft. Sie ist angewiesen auf Unterstützung durch Wohltäter. Sie hat selbst praktisch keine Rechte und auch kaum die Möglichkeit, eigene Ansprüche rechtlich geltend zu machen.   „Nicht locker lassen.“ weiterlesen

Mitten unter uns – Leben

Lukas 17, 20 – 37

 20 Als er aber von den Pharisäern gefragt wurde: Wann kommt das Reich Gottes?, antwortete er ihnen und sprach: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man’s beobachten kann; 21 man wird auch nicht sagen: Siehe, hier ist es!, oder: Da ist es! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.

               Die Frage der Pharisäer klingt wie die Frage nach dem Fahrplan, nach dem Zeitplan. Wenn es so etwas gibt, kann man sich darauf einrichten. Wenn wir wüssten, morgen ist es so weit…. Oder wüssten: erst in 2000 Jahren…  Jede Auskunft über das Wann ist darin hilfreich, dass sie es erlaubt, Abstand zu gewinnen, Überblick, sich ein Bild von der verbleibenden Zeit zu machen.

So tickt unsere Zeit ja auch: Der Film „Armageddon“ lebt davon, dass die Zeit herunter tickt, dass es eine Stunde, eine Sekunde „Null“ gibt. Bis dahin muss der Auftrag erfüllt sein.

Mit ihrer Frage haben die Pharisäer Anteil an der großen Sehnsucht über die Welt hinaus. Es gibt von Anfang an eine Linie der Erwartung, der Sehnsucht: Nach der Welt, in der Gerechtigkeit wohnt und lohnt, nach der Welt, in der die Menschen miteinander freundlich umgehen, in der sie versöhnlich leben, nach der Welt, in der der Tod kein Thema mehr ist. Und von Anfang an fragen Menschen: Wann wird das sein? Wann wird diese Welt anders werden?  Umso dringlicher stellt sich die Frage, weil die Sehnsucht leidet, weil die Erfahrung des Lebens es zeigt; diese Weltzeit ist gefährdet. Die Welt ist zwar wunderschön, aber doch auch ein lebens-gefährlicher Ort.

Seltsam, dass sie Jesus, der so oft vom „Heute“ redet als der Zeit, auf die alles ankommt, nach dem Morgen fragen. Sie meinten wohl nicht einen Termin, „sondern sie wollten hören, an welchen geschichtlichen Vorgängen und Naturerscheinungen man den Eintritt der Gottesherrschaft erkennen werde.“ (F. Rienecker, Das Evangelium des Lukas, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1976, S.409) Seine Antwort dürfte kaum zufrieden stellend sein für die Fragenden:  Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man’s beobachten kann. Es gibt keine unabhängige, objektive Beobachter-Position in Sachen Reich Gottes. Es gibt keine Neutralität und auch keine Kriterien, an denen man es fest machen könnte. „Mitten unter uns – Leben“ weiterlesen

Vage Hoffnung – Danke

Lukas 17, 11 – 19

11 Und es begab sich, als er nach Jerusalem wanderte, dass er durch Samarien und Galiläa hin zog. 12 Und als er in ein Dorf kam, begegneten ihm zehn aussätzige Männer; die standen von ferne 13 und erhoben ihre Stimme und sprachen: Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser!

Der Weg nach Jerusalem zieht sich. Es kommt zu immer neuen Begegnungen. Und als er in ein Dorf kam, begegneten ihm zehn aussätzige Männer; die standen von ferne. Hinter den Männern liegt eine schlimme Geschichte der Warnungen vor sich selbst. Sie sind  eingemauert in ihre Krankheit. Sie sind isoliert von allen anderen, draußen, ausgegrenzt, lebendig tot. Wer sie einmal waren, wo sie herkamen, ist nicht mehr wichtig. Mit der Diagnose „Aussatz“ ist über sie entschieden.  Bei lebendigem Leib verfaulen, sich selbst und anderen ein Ekel. Was ihnen bleibt, ist die Warnung vor sich selbst: „Unrein, unrein“, ist ein einsamer Weg in Höhlen und am Rande der Gesellschaft, ist die Hoffnung auf ein Stück Brot, einen Krug Wasser, den eine barmherzige Seele hinstellt. Eine Lebensperspektive haben die Zehn nicht: Nur einen Weg zum  Sterben haben sie noch vor sich.

Von diesen Zehn wird erzählt: Sie standen von ferne und erhoben ihre Stimmen und sprachen: Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser. πισττα, Meister rufen sie – woher der Luther-Text das „lieber“ hat, erschließt sich mir nicht. „ἐπιστάτα , Vorsteher, Meister, Boss, Chef, jener, der eher die Macht als das Wissen hat.“ (F. Bovon, EKK III/3, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 15,1 – 19,27, Neukirchen 2001, S.150) Es ist die Anrede eines schwachen Glaubens oder eines verstockten Verstandes, nicht die Anrede derer, die in Jesus ihren Herrn sehen. „Vage Hoffnung – Danke“ weiterlesen

Du hast genug …

Lukas 17, 1 – 10

 1 Er sprach aber zu seinen Jüngern:

             Wechselt die Zuhörerschaft und mit ihnen das Thema? Zuvor waren Pharisäer um Jesus herum. Jetzt spricht er mit seinen Jüngern. Zuvor war der Reichtum das verbindende Thema, jetzt wird ein anderes Thema angeschlagen. Es geht um die Gemeinde. Die Worte Jesu sind nach innen gerichtet.

Es ist unmöglich, dass keine Verführungen kommen; aber weh dem, durch den sie kommen! 2 Es wäre besser für ihn, dass man einen Mühlstein an seinen Hals hängte und würfe ihn ins Meer, als dass er einen dieser Kleinen zum Abfall verführt.

               Jesus ist illusionslos. Er weiß um die Gefahr der Verführung, der Stimmen, die von außen auf die Gemeinde eindringen, den Glauben in Frage stellen, Enge verbreiten oder in eine Weite locken, in der man sich verlieren kann. Aber es sind nicht die Verführer von außen, die hier gemeint sind. Es sind die, die in der Gemeinde ihre Stimme erheben und auf falsche Wege locken.

Das ist in vielen neutestamentlichen Schriften ein Thema. „Die Lehre vom Abfall war Teil der mündlichen Unterweisung der Urkirche.“ (F. Bovon, EKK III/3, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 15,1 – 19,27, Neukirchen 2001, S.133) Paulus findet schärfste Worte, wenn es um „Irrlehrer“ geht: „Mich wundert, dass ihr euch so bald abwenden lasst von dem, der euch berufen hat in die Gnade Christi, zu einem andern Evangelium, obwohl es doch kein andres gibt; nur dass einige da sind, die euch verwirren und wollen das Evangelium Christi verkehren. Aber auch wenn wir oder ein Engel vom Himmel euch ein Evangelium predigen würden, das anders ist, als wir es euch gepredigt haben, der sei verflucht.“ (Galater 1,6-8) Und er ist mit seinen Warnungen gewiss, dass sein Thema  kein Einzelfall ist.

        Unmöglich sagt Jesus – und wir hören: es ist nicht auszuschließen. Es ist geradezu zwangsläufig, dass es dazu kommt, dann Menschen verführt werden. Aber das griechische, sehr seltene Wort ννδεκτς meint mehr – es ist ursprünglich unannehmbar, unzulässig. Man darf sich nicht damit abfinden. Schon gar nicht widerstandslos.

Man kann schon bei flüchtiger Durchsicht der entsprechenden Texte den Eindruck haben, dass die Gefahr der Verwirrung durch christliche Abweichler höher eingeschätzt wird als die Gefahr, die aus der Bedrängnis und dem Angriff von außen entsteht. Der Druck von außen führt zusammen, die unterschiedliche Lehre aber spaltet. „Du hast genug …“ weiterlesen

Der Reiche und der arme Lazarus

Lukas 16, 19 – 31

 19 Es war aber ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur und kostbares Leinen und lebte alle Tage herrlich und in Freuden. 20 Es war aber ein Armer mit Namen Lazarus, der lag vor seiner Tür voll von Geschwüren 21 und begehrte sich zu sättigen mit dem, was von des Reichen Tisch fiel; dazu kamen auch die Hunde und leckten seine Geschwüre.

          Wieder erzählt Jesus eine seiner Geschichten. „Die Gesprächspartner sind die gleiche wie vorher“ (W. Grundmann, Das Evangelium nach Lukas, Theol. Handkommentar zum NT 3, Berlin 1978, S.327), also sowohl Jünger als auch Pharisäer. Die Erzählung fängt damit an, dass er mit wenigen Sätzen die Gegensätze des Lebens aufzeigt: Da ist ein Reicher, der alles hat und der sich alles leisten kann. Ein Leben wie ein Traum. Er hat es zu etwas gebracht. Er hat sich den Aufgaben seines Lebens gestellt und sich in seiner Zeit seine Position erarbeitet. Seine Kleidung zeigt Lebenserfolg und Lebenskunst. Was ihn sympathisch macht: Er ist ein Mensch, der seinen Erfolg auch genießen will und genießt. „Man gönnt sich ja sonst nichts.“

Und vor seiner Tür lebt ein Armer, der nichts hat, der sich nichts leisten kann, der von den Abfällen des Reichen lebt und von seinen Hunden abgeleckt wird. So hilflos und wehrlos ist er dem Leben ausgeliefert.

So wie Jesus erzählt, wird die Kluft reich – arm einfach nur konstatiert. „Die Erzählung wächst ebenso aus den sozialen Verhältnissen der Umwelt Jesu heraus, wie sie die pharisäischen Anschauungen über Tod und Jenseits widerspiegelt.“ (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S. 193)Alle Zuhörer kennen, was Jesus erzählt und finden sich in dieser Erzählung angesprochen. So ist es auf dieser Welt: Es gibt Reiche und es gibt Arme. Jesus erhebt nicht dem modischen Vorwurf: Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer. Er ist auch mit  diesen Anfangsätzen der moral-freie Erzähler, der einfach nur Bilder vor den Augen seiner Zuhörer entstehen lässt. Und doch hat wohl jeder Zuhörer sofort das Gefühl: Hier ist Unrecht im Gange.  „Der Reiche und der arme Lazarus“ weiterlesen

Anspruchsvoll

Lukas 16, 10 – 18

10 Wer im Geringsten treu ist, der ist auch im Großen treu; und wer im Geringsten ungerecht ist, der ist auch im Großen ungerecht. 11 Wenn ihr nun mit dem ungerechten Mammon nicht treu seid, wer wird euch das wahre Gut anvertrauen?

An diese schräge Geschichte schließt sich – fast klingt es wie eine Korrektur – eine Mahnrede zur Treue im Kleinen, im Geringsten an. Ist es vorstellbar, dass der gleiche Jesus, der diese vorangehende Geschichte vom ungerechten Haushalter so moralfrei erzählt, auch mit solchen Sätzen mahnt? Das klingt ja nach Ermahnungen, wie sie ein Vater seinen Kindern zuteil werden lässt: Ihr müsst euch im Geringsten bewähren, bevor ihr größere Aufgaben anvertraut bekommt. Das ist so völlig in der soliden Logik eines bürgerlichen Lebens. Und das soll O-Ton Jesu sein?

In den Worten Jesu steckt schon eine ziemliche Herausforderung, an die Hörer damals wie an die Leserinnen und Leser heute: ν λαχστ, im Geringsten bezieht sich auf die irdischen Besitztümer. Auf das, was wir uns unter Blut, Schweiß und Tränen erarbeitet haben. Auf das, worauf wir stolz sind, was uns einen Platz in der Gesellschaft sichern hilft. Paulus kann sagen: Gemessen an der Ewigkeit ist das alles Mist, Dreck, ein Haufen Kot. „Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet. Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, auf dass ich Christus gewinne.“(Philipper 3,7-8) In einer Zeit, in der täglich der DAX-Stand in der Tagesschau Thema ist und die Verleihung von Bundesverdienstkreuzen bis in die Regionalzeitungen berichtet wird, scheint Vorsicht geboten, gar zu eilig zu sagen: alles nur Kleinigkeiten, nur unbedeutend. Unwesentlich.

Der Inhalt der Mahnung ist klar: Es geht um die Treue und Bewährung. Es geht um Verlässlichkeit im Einstehen, um Verlässlichkeit im Umgang mit anvertrautem Gut. Wer etwas veruntreut, ist nicht verlässlich. Wer etwas nach eigenem Gutdünken verwendet, ist nicht verlässlich. An dem, was die Welt hoch schätzt, am Geld, gilt es doch nur zu lernen, was wirklich zählt: Den Umgang mit den anvertrauten geistlichen Gütern, mit der Kostbarkeit des Lebens.

Das ist jetzt dann doch vielleicht wieder „jesuanisch“, Jesus-mäßig: Dass das Leben mehr ist als Hab und Gut, dass  das Leben mehr ist als Reichtum und Geltung. Das wahre Gut ist das, was Gott uns anvertraut – Leben aus seiner Liebe. „Anspruchsvoll“ weiterlesen

Keine Chance – nütze sie

Lukas 16, 1 – 9

 Es gibt in der Bibel etliche „schräge“ Geschichten. „Das Gleichnis vom ungerechten Verwalter gehört zu den schwierigsten Abschnitten der Evangelien.“ (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S. 188) Liefert es doch scheinbar Argumente, die Integrität und Redlichkeit nicht nur der Kirche, sondern auch die Jesu anzuzweifeln. Man wundert sich, dass Jesus so etwas erzählt. Aber vielleicht erzählt er deshalb auch solche schrägen, ausgefallenen Geschichten, damit seine Hörer sich nicht so leicht wohlig in fromme Gefühle einhüllen können.

Er sprach aber auch zu den Jüngern: Es war ein reicher Mann, der hatte einen Verwalter; der wurde bei ihm beschuldigt, er verschleudere ihm seinen Besitz. 2 Und er ließ ihn rufen und sprach zu ihm: Was höre ich da von dir? Gib Rechenschaft über deine Verwaltung; denn du kannst hinfort nicht Verwalter sein.

                Jesus erzählt seinen Jüngern. Man muss sich wohl nicht nur den Kreis der Zwölf unter ihnen vorstellen, „sondern eine große Schar, eine Zuhörerschaft, die aus Zöllnern und Sündern bestand.“(F. Rienecker, Das Evangelium des Lukas, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1976, S. 382) Er will sie lehren, weil sie vorbereitet werden müssen auf Situationen, die sie sonst leicht überfordern könnten. Jesus erzählt vom Verleumden und der  Wehrlosigkeit gegenüber Gerüchten. Es geht um Misswirtschaft und Perspektivlosigkeit, um das Herausfallen aus dem sozialen Netz der Sicherheiten und die Angst vor dem Absturz.

Ein Gerücht macht die Runde. Irgendjemand hat etwas gesagt, ein anderer hat es aufgeschnappt, es ist weiter gegangen und schließlich ist es ganz oben gelandet. Die Gerüchte – er verschleudere ihm seinen Besitz – wiegen schwer und sie zu entkräften scheint schier unmöglich. Es spielt gar keine Rolle, ob die Anklagen zu Recht oder zu Unrecht bestehen. Gerüchte können ein Lebensfundament zerstören. Sie sind nicht harmlos, sondern gefährlich. Sie sind ein tödlicher Angriff auf eine Existenz. „Keine Chance – nütze sie“ weiterlesen

Weit offen

Lukas 15, 11 – 32

 11 Und er sprach: Ein Mensch hatte zwei Söhne. 12 Und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht. Und er teilte Hab und Gut unter sie. 13 Und nicht lange danach sammelte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land; und dort brachte er sein Erbteil durch mit Prassen.

Wieder eine Geschichte, wie sie tausendmal passiert, wie Jesu Zuhörer sie aus ihrem Lebensalltag kennen. Eine Geschichte aus dem Leben und doch durchsichtig, auf das hin, wie Jesus Gott sieht. Nach den beiden Geschichten zuvor ist es ja klar: Es geht weiter darum, wie Gott sich gegenüber denen verhält, die sich nicht an ihn und seine Gebote gehalten haben.

Ein Sohn,  der jüngere der beiden, fordert sein Erbe  – jetzt. Damit erklärt er seinem Vater: Für mich bist du schon so gut wie tot. Und der Vater? Er klärt ihn nicht auf, wie die Rechtslage ist. Er hält ihm keinen Vortrag über Undankbarkeit, Flegelhaftigkeit und menschliche Rohheit. Das alles hätte er tun können und er hätte Recht gehabt. Aber dieser Vater zeigt: Du kannst gehen. Ich halte dich nicht fest. Er zeigt es, indem er das Erbe teilt.

Es bleibt festzuhalten: Dieser jüngere Sohn bricht mit dem Vater. Völlig unabhängig davon, ob er auch bestehendes, geltendes Recht bricht. Das interessiert den Erzähler Jesus wohl nicht wirklich. „Er kündigt bereits in der Forderung auf Herausgabe des Erbes an ihn zu beliebigem Gebrauch das Sohnverhältnis auf und verzichtet auf die Gemeinschaft mit dem Vater. (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S. 185) Man könnte auch drastisch sagen, er lässt ihn wissen: Du bist für mich tot.

                Im Bild dieses Vaters malt Jesus das Bild Gottes. Gott hält keinen mit Gewalt bei sich fest. Gott bindet niemand aus lauter Liebe bei sich fest, wenn er oder sie weg will. Gott ballt auch nicht die Faust wie zum Fluch hinterher. Es mag sein, dass ihm das Herz blutet, wenn einer geht, aber er schreit es nicht heraus. Es mag sein, dass er schon all die Irrwege vor sich sieht, die dieses Weggehen mit sich bringen wird, aber er malt sie nicht als Horrorgemälde vor den Augen aus. Dass Gott gehen lässt, nicht bei sich festhält, das hat mit der Art Beziehung zu tun, die Gott will. Er will eine Beziehung des Vertrauens und nicht der erzwungenen Abhängigkeit. Er will eine Beziehung der freiwilligen Nähe und nicht des aufgezwungenen Gehorsams. „Weit offen“ weiterlesen