Unter dem offenen Himmel

Lukas 24, 50 – 53

 50 Er führte sie aber hinaus bis nach Betanien und hob die Hände auf und segnete sie. 51 Und es geschah, als er sie segnete, schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel.

Es ist ein seltsam karger Bericht. Knapp, erst recht, wenn man sich die ausführliche Fassung vor Augen hält, die das gleiche Geschehen in der Apostelgeschichte erhellt. Noch eimal dadurch unterstrichen, dass in vielen Textüberlieferungen des Westens die Worte fehlen: und fuhr auf gen Himmelνεφρετο ες τν ορανν, wörtlich: wurde emporgehoben in den Himmel. In den ältesten Text-Überlieferungen stehen sie allerdings. Wenn diese Wendung fehlt bleibt nur die Szene der Segnung übrig und gewinnt so zusätzlich Gewicht. Das Ende des Weges Jesu ist der Segen für seine Jünger, so wie Gott, der Schöpfer am Anfang Adam und Eva segnet. Dieser Segen geht über bloße Worte hinaus. Darauf deutet die Geste der über die Jünger erhobenen Hände hin.

Jesus bleibt auch als der Auferstandene der, der seine Jünger führt. Und – erstmals wird das so ausdrücklich benannt: er segnet sie. ευ̕λόγησεν. Damit eröffnet er ihnen den Weg nach vorne. Der Segen ist Zukunftsöffnung, ist Beistands-Zusage für den Weg, der vor ihnen liegt. Es ist wie bei uns im Gottesdienst: Im Segen geschieht die Wegweisung in die Welt, in der die erfahrene Gemeinschaft mit Jesus bewährt werden will.

Jesus ist jetzt nicht mehr bei den Jüngern – nicht mehr leibhaftig zugänglich. Nicht mehr sichtbar. Er nimmt seinen Platz ein – „zur Rechten der Kraft Gottes“ (23, 69). Weil er dort – vor Gott – für sie einsteht, können die Jünger getrost sein. Weil er dort zur Rechten Gottes ist, kommt das Leben von uns Menschen in neuer Weise bei Gott vor – sozusagen aus leibhaftiger Erfahrung des Auferstandenen. „Unter dem offenen Himmel“ weiterlesen

Sein Weg – Gottes Weg

Lukas 24, 36 – 49

 36 Als sie aber davon redeten, trat er selbst, Jesus, mitten unter sie und sprach zu ihnen: Friede sei mit euch! 37 Sie erschraken aber und fürchteten sich und meinten, sie sähen einen Geist. 38 Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so erschrocken, und warum kommen solche Gedanken in euer Herz?

Nahtlos knüpft die Erzählung an die vorausgehenden Verse an. Die Jünger sind beieinander und diskutieren. Das Thema heißt “Auferstehung”. Alles, was an Argumenten zu bieten ist, das kommt auf den Tisch. Petrus schwört auf seine guten Augen, die beiden Emmaus-Wanderer reden von ihrem brennenden Herzen, die Frauen wissen von dem Engel und seiner Botschaft. Und vielleicht sagt einer sogar: seit Jahrhunderten glauben wir an die Auferstehung von den Toten und bekennen sie in jedem Gottesdienst. Und jetzt, jetzt stehen wir da und sind verwirrt.

Aber dann wird alles anders. Jesus tritt mitten unter die Jünger. Er ist da, er ist bei ihnen. Sie müssen nicht mehr über “Auferstehung” und ob es das gibt, debattieren: Der Auferstandene steht vor ihnen. Friede sei mit euch!  Jetzt ist doch alles klar.

Weit gefehlt. Sie erschrecken. Furcht greift nach ihnen. Nichts von Freude. So wenig ist „Auferstehung“ im Blickfeld der Jünger, dass sie eher an ein Gespenst, einen Geist glauben, sich in den Arm kneifen: Träume ich? Oder das Ganze für eine Halluzination halten als dass es ihnen käme: Er ist auferstanden! Das erinnert an das Erschrecken – auf dem See, von dem Markus erzählt (Markus 6, 49-50). Da heißt es ausdrücklich φντασμά – ein Phantasie-Gebilde, ein Schreckgespenst. Hier steht πνεμα. Geist.

Die modernen Skeptiker haben in den Jüngern frühe Vorläufer. Sie sind nicht so originell mit ihrem Zweifel, ihren tausend Fragen, ihrer Skepsis, wie sie gerne glauben. Sie sind nur späte Epigonen der Jünger Jesu. Es ist wohl wirklich so: Wir rechnen eher mit irgendwelchen übersinnlichen Realitäten als mit der Wirklichkeit Gottes, die in unsere Welt einbricht und sie verändert. Es scheint vernünftiger, realitätsnäher, mit Geistern und Gespenster zu rechnen als mit der Auferstehung und dem Auferstandenen.    „Sein Weg – Gottes Weg“ weiterlesen

Der Weg ist weit, der Tisch schon gedeckt

Lukas 24, 13 – 35

 13 Und siehe, zwei von ihnen gingen an demselben Tage in ein Dorf, das war von Jerusalem etwa zwei Wegstunden entfernt; dessen Name ist Emmaus. 14 Und sie redeten miteinander von allen diesen Geschichten. 15 Und es geschah, als sie so redeten und sich miteinander besprachen, da nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen. 16 Aber ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht erkannten.

 Jetzt sind die Männer wieder im Spiel. Zwei der Jünger sind auf dem Weg nach Emmaus – warum wird nicht erklärt. Sie reden miteinander auf dem Weg. Von allen diesen Geschichten sind sie bewegt, gefasst, gerüttelt, durchgeschüttelt. Mit dem Weg aus der Stadt lassen sie ihren Schmerz nicht zurück. Der Versuch, vor dem Schmerz, vor dem Leiden davon zu laufen, der Versuch, noch einmal anderswo neu anzufangen – dieser Versuch wird zum Scheitern verurteilt sein.

Denn sie nehmen ja Bilder ihrer Seele mit: das Bild der Menge, die schrie: „Kreuzige ihn!”; das Bild der Soldaten, die ihn zur Schädelstätte führten; das Bild der Todesstunde, in der er sein Leben hingab; das Bild der letzten Liebe, als der geschundene Leib vom Kreuz genommen und in das Felsengrab gebracht wurde. Und diese Bilder in der Seele machen sie blind.

Zum wiederholten Mal: und es geschah. Doch die beiden Wanderer sind blind für eine größere, göttliche  Wirklichkeit als für die unmenschlichen, die sie erfahren haben. So blind, dass sie den nicht erkennen, der sich ihnen zugesellt. Er wird ihr „Sprachgesell“, ohne dass sie ihn darum bitten und ohne dass sie merken, dass er es ist.

Ein Lämmlein geht….                                                                                                                Im Durst soll´s sein mein Wasserquell,
In Einsamkeit mein Sprachgesell
Zu Haus und auch auf Reisen.                       P. Gerhardt 1647, EG 83

             Sie nehmen nicht wahr, dass er, Jesus selbst sich ihnen naht. Sie gehen ihren Weg uns haben keine Augen für ihn, der mit ihnen auf dem Weg ist. sie suchen nach neuen Wegen. Aber ihn erkennen sie nicht.

Ich habe lange so geglaubt und wohl auch gepredigt, dass wir Jesus nahe kommen müssen, Anschluss an ihn suchen und finden müssen, ihn suchen und offene Augen für seine Wirklichkeit haben. Aber in Wahrheit ist es anders: Er hat sich genaht. Er hat den Weg auf sich genommen, mit den beiden damals, mit uns heute, die Klagen, die Fragen, die Schmerzen, das Unverständnis – von dem allem wird sogleich die Rede sein – damit wir den Weg mit ihm nicht verlieren.    „Der Weg ist weit, der Tisch schon gedeckt“ weiterlesen

Auferstanden!

Lukas 24, 1 – 12

1 Aber am ersten Tag der Woche sehr früh kamen sie zum Grab und trugen bei sich die wohlriechenden Öle, die sie bereitet hatten.

              Der Sabbat ist vorbei. Es ist Zeit, Zeit für den letzten Liebesdienst. Am Tagesanbruch, sehr früh. Einen ganzen Tag lang haben sich die Frauen auf diesen Weg vorbereitet. Sie wollen den Geruch des Todes vertreiben. Sie wollen Jesus für die lange Reise in die Unterwelt „reisefertig“ machen. Es ist seit uralten Zeiten Sitte, die Toten zu salben, sie mit guten Gerüchen zu umgeben. Die Einsamkeit des Todes soll ein wenig gemildert werden. Und wer weiß, dahinter mag auch die Hoffnung stehen: Es ist noch ein Weg da. Auch für die Toten.

2 Sie fanden aber den Stein weggewälzt von dem Grab 3 und gingen hinein und fanden den Leib des Herrn Jesus nicht.

 Das erste Problem ist gelöst – der Rollstein vor dem Grab ist weggewälzt. Sie müssen es nicht selbst tun. Der Zugang zum Grab ist frei. Sie gehen hinein und finden – nichts.  Da ist kein Leichnam.  Da ist kein toter Herr Jesus. Das ist im Lukas-Evangelium ein ziemliche seltene Formulierung Herr Jesus. Herr ist oft, Jesus noch öfters, aber Herr Jesus ist selten. Wenn es hier so steht, mag es ein Hinweis sein für die Leser: Sucht den Herrn Jesus nicht im Grab.

4 Und als sie darüber bekümmert waren, siehe, da traten zu ihnen zwei Männer mit glänzenden Kleidern. 5 Sie aber erschraken und neigten ihr Angesicht zur Erde. Da sprachen die zu ihnen: Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? 6 Er ist nicht hier, er ist auferstanden. Gedenkt daran, wie er euch gesagt hat, als er noch in Galiläa war: 7 Der Menschensohn muss überantwortet werden in die Hände der Sünder und gekreuzigt werden und am dritten Tage auferstehen. 8 Und sie gedachten an seine Worte.

Das leere Grab löst keine Freude aus. Es löst keine verwegene Hoffnung aus. Es bewirkt Kummer. Verlegenheit wohl auch und Fragen. Wo ist er? Was geht hier vor? Aber dafür lässt der Erzähler keinen Raum. Einmal mehr im Evangelium, und wieder an markanter Stelle: κα γνετο Hier wie auch sonst Hinweis auf göttliches Geschehen. Zwei Männer in weißen Kleidern kommen. Sie sind zweifelsfrei Boten aus der Welt Gottes. Sie müssen nicht Engel genannt werden, um die Assoziation Engel auszulösen. Sie sind zu zweit, getreu der alten Botenformel: Die Wahrheit ist in zweier Zeugen Mund. „Auferstanden!“ weiterlesen

Zeichen der Nähe

Lukas 23, 50 – 56

50 Und siehe, da war ein Mann mit Namen Josef, ein Ratsherr, der war ein guter, frommer Mann 51 und hatte ihren Rat und ihr Handeln nicht gebilligt. Er war aus Arimathäa, einer Stadt der Juden, und wartete auf das Reich Gottes.

              Achtung! sagt Lukas. Und siehe. Es kommt Ungewöhnliches. Und führt jetzt einen Abweichler aus dem Hohen Rat in die Geschichte ein. Josef von Arimathia, „ein guter und gerechter Mann“(Luther 2017),  – νρ γαθς κα δκαιος  – das Urteil des Hauptmann über den sterbenden Jesus wird hier fast wortgleich zur Charakterisierung des Josef. Dieser Ratsherr  aus einer Stadt in Judäa, war nicht einverstanden mit dem ganzen Verfahren gegen Jesus. Er hatte es nicht aufhalten können. Aber auch wenn er überstimmt wurde – oder muss man sagen: über-schrien – das änderte nichts an seiner inneren Haltung. Er wartete auf das Reich Gottes. Und was er jetzt tut, tut er aus dieser Haltung eines erwartungsvollen Menschen heraus.

52 Der ging zu Pilatus und bat um den Leib Jesu 53 und nahm ihn ab, wickelte ihn in ein Leinentuch und legte ihn in ein Felsengrab, in dem noch nie jemand gelegen hatte. 54 Und es war Rüsttag und der Sabbat brach an.

              Es ist Abendzeit, am Ende eines langen Tages. Josef erbittet den Leib Jesu. Er kann ihn nicht einfach nehmen. Das römische Recht sieht grausam genug vor, das Gekreuzigte am Kreuz verrotten. Keine ehrenvolle Beerdigung. Darum muss Josef eine Ausnahme erwirken. Das geht nur durch den Gang zu Pilatus. Kein Wort darüber, dass das ein riskanter Weg ist. Schließlich ist Jesus unter einer politischen Anklage hingerichtet worden, in unserer Sprache als potentieller Freiheitskämpfer, als Gefährder der öffentlichen Sicherheit, als Terrorist. Ist es die Prominenz des Ratsherrn – er erreicht sein Ziel ohne jede Verzögerung. Die anderen Evangelisten wissen hier viel mehr zu erzählen, vom Erstaunen des Pilatus, von sorgfältiger Nachforschung und Kontrolle. Hier nichts davon. Die Bitte wird wortlos erfüllt. „Zeichen der Nähe“ weiterlesen