Maßt euch keine Urteile an!

Lukas 13, 1 – 5

 1 Es kamen aber zu der Zeit einige, die berichteten ihm von den Galiläern, deren Blut Pilatus mit ihren Opfern vermischt hatte.

             Es ist, als würden in das Gespräch Jesu mit den Jüngern und der Menge Leute hineinplatzen. Die dazukommen. Aufgeregt. Sie kommen, „um ihm die schauerliche Nachricht vom Untergang der Galiläer zu bringen.“ (F. Rienecker, Das Evangelium des Lukas, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1976, S. 328) Ihm, weil sie wissen, dass Jesus aus Galiläa stammt. Weil sie ihm vielleicht deshalb eine besondere Nähe zu diesen Leuten unterstellen. Oder auch, um ihn zu warnen? Galiläa – so viel wissen wir, war in dieser Zeit ein Unruheherd, angeheizt mit  sozialem Brennstoff durch Ungerechtigkeit und Gewaltakte.

Pilatus, auch das wissen wir, hat einiges an harten Aktionen zu verantworten. Er kennt kein Zögern, wenn es darum geht, die römische Macht zu behaupten und die Ruhe im Land herzustellen. „Es ist denkbar, dass jene Galiläer in ihrer Unruhe und Empörung in irgendeinen Aufstand verflochten waren, dass Pilatus in seinem Zorn den Befehl gab, sie zu erschlagen, wo auch immer man sie fand.“ (F. Rienecker, ebda.) Es ist in seinen Augen wohl auch nicht schlimm, wenn es eine Friedhofs-Ruhe ist. So geht es hier um ein Ereignis, das die Zeitgenossen Jesu vermutlich heftig erregt hat: Im Tempelbezirk hat Pilatus galiläische Pilger umbringen lassen, die beim Opfer waren. Das weist auf die Passah-Zeit hin, denn nur da gibt ist es so, dass die Pilger selbst opfern. Es ist brutale Gewalt: Beim Vollzug einer religiösen Handlung selbst zum Opfer zu werden, wohl unter dem Vorwurf des Terrorismus. Schon der Verdacht der Unruhen, die Vermutung der möglichen Gewalt genügt den Römern, um hart einzugreifen. Und es spricht für ein Maß an Arroganz und Ignoranz der jüdischen Seite und religiösen Gefühlen gegenüber, das schwer zu ertragen ist. „Maßt euch keine Urteile an!“ weiterlesen

Standfest werden

Lukas 12, 54 – 59

          Bis hierhin waren die Jünger die Adressaten der Worte Jesu. Sie bekommen von ihm die Kosten ihrer Jüngerschaft vor Augen gestellt. Sie werden auch vor Illusionen gewarnt. Im Folgenden wechseln die Adressaten – jetzt wendet sich Jesus an die Menge.

 54 Er sprach aber zu der Menge: Wenn ihr eine Wolke aufsteigen seht vom Westen her, so sagt ihr gleich: Es gibt Regen. Und es geschieht so. 55 Und wenn der Südwind weht, so sagt ihr: Es wird heiß werden. Und es geschieht so.

               Ihr seid urteilsfähige Leute und kennt euch aus mit Wetterzeichen und Natur-Ereignissen. „Eine einzige Wolke genügt, dass die Diagnose gemacht werden kann.“ (F. Bovon, EKK III/2, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 9,51 – 14,35, Neukirchen 1996, S.357) 

εθως – sofort. Darin seid ihr fix.  Ihr macht euch – selbst wenn ihr das kaum bemerkt – wieder und wieder Bilder von der Wirklichkeit und von der Zukunft. Ihr könnt sehen, wie das Wetter wird. Ihr seid Realisten in vielen Dingen des Lebens. „Standfest werden“ weiterlesen

Schmerzhafte Trennungen

Lukas 12, 49 – 53

 49 Ich bin gekommen, ein Feuer anzuzünden auf Erden; was wollte ich lieber, als dass es schon brennte!

Wenn es Worte Jesu gibt, die uns schwer zu schaffen machen, dann doch diese Worte. Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, dass Jesus für Frieden steht, für Versöhnung, für Harmonie, dass wir mit diesen Worten hoffnungslos überkreuz sind. Ein Feuer statt Frieden? Das kann nicht Jesus im Originalton sein. Brandstifter Jesus? Hat ihn der Täufer doch besser verstanden als wir, der einen nach sich kommen sah mit dem Feuerbrand des Gerichtes? (3,9) „Man wird ihm wohl am ehesten gerecht, wenn man von der Erwartung des Täufers ausgeht. Nach ihr stellt der Kommende die reine Gemeinde dadurch her, dass er durch Geist und Feuer alles Unreine vernichtet.“ (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S. 166) Unheimlich und fremd bleiben diese Worte auch nach dieser Erklärung. Sperrig für eine Christenheit, die den guten Gott beschwört und den lieben Herrn Jesus.

So wie die Forderung nach Wachsamkeit Worte gegen eine schläfrige, selbst-zufriedene Haltung sind, so sind auch diese Worte widerständig gegen Anpassungen und Verharmlosungen der Botschaft Jesu. „Jesus hat das Bewusstsein, dass sein Kommen gleichbedeutend ist mit dem Anzünden eines Feuers. Seine Gegenwart ist nicht von diesem Ereignis zu trennen.“(F. Bovon, EKK III/2, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 9,51 – 14,35, Neukirchen 1996, S.350) Mit diesem Jesus ist ein verbürgerlichtes Christentum nicht zu machen.

Wie viel näher ist da Sören Kierkegaard dem, was Jesus hier sagt.

          „Die Geschichte erzählt, dass ein Reisezirkus in Dänemark in Brand geraten war. Der Direktor schickte daraufhin den Clown, der schon zur Vorstellung gerüstet war, in das benachbarte Dorf, um Hilfe zu holen, da die Gefahr bestand, dass über die abgeernteten, ausgetrockneten Felder das Feuer auch auf das Dorf übergreifen würde. Der Clown eilte in das Dorf und bat die Bewohner, sie mögen eiligst zu dem brennenden Zirkus kommen und löschen helfen. Aber die Dörfler hielten das Geschrei des Clowns lediglich für einen ausgezeichneten Werbetrick, um sie möglichst zahlreich in die Vorstellung zu locken; sie applaudierten und lachten Tränen. Dem Clown war mehr zum Weinen als zum Lachen zumute. Er versuchte vergebens die Menschen zu beschwören und ihnen klarzumachen, dass dies keine Verstellung und kein Trick sei, sondern bitterer Ernst. Sein Flehen steigerte nur das Gelächter, man fand, er spiele seine Rolle ausgezeichnet – bis schließlich in der Tat das Feuer auf das Dorf übergegriffen hatte und jede Hilfe zu spät kam, so dass Dorf und Zirkus gleichermaßen verbrannten.“ (Gleichnis von Søren Kierkegaard, Wortlaut aus Ratzinger, Joseph: Einführung in das Christentum. München : Kösel, 4. Auflage 1968, S. 17.) „Schmerzhafte Trennungen“ weiterlesen

Seitdem ist der Himmel offen

Lukas 24, 50 – 53

 50 Er führte sie aber hinaus bis nach Betanien und hob die Hände auf und segnete sie. 51 Und es geschah, als er sie segnete, schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel.

Es ist ein seltsam karger Bericht. Knapp, erst recht, wenn man sich die ausführliche Fassung vor Augen hält, die das gleiche Geschehen in der Apostelgeschichte erhellt. Noch eimal dadurch unterstrichen, dass in vielen Textüberlieferungen des Westens die Worte fehlen: und fuhr auf gen Himmelνεφρετο ες τν ορανν, wörtlich: wurde emporgehoben in den Himmel. In den ältesten Text-Überlieferungen stehen sie allerdings. Wenn diese Wendung fehlt bleibt nur die Szene der Segnung übrig und gewinnt so zusätzlich Gewicht. Das Ende des Weges Jesu ist der Segen für seine Jünger, so wie Gott, der Schöpfer am Anfang Adam und Eva segnet. Dieser Segen geht über bloße Worte hinaus. Darauf deutet die Geste der über die Jünger erhobenen Hände hin.

Jesus bleibt auch als der Auferstandene der, der seine Jünger führt. Und – erstmals wird das so ausdrücklich benannt: er segnet sie. ευ̕λόγησεν. „Die Segnung ist mehr als ein Wort. sie ist eine wirkungsvolle Geste, die im Augenblick des Weggangs oder der Trennung Kontinuität und  Treue zusichert.“ (F. Bovon, EKK III/4, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 19,28 – 24,53, Neukirchen 2009, S.617)Damit eröffnet er ihnen den Weg nach vorne. Der Segen ist Zukunftsöffnung, ist Beistands-Zusage für den Weg, der vor ihnen liegt. Es ist wie bei uns im Gottesdienst: Im Segen geschieht die Wegweisung in die Welt, in der die erfahrene Gemeinschaft mit Jesus bewährt werden will.

Jesus ist jetzt nicht mehr bei den Jüngern – nicht mehr leibhaftig zugänglich. Nicht mehr sichtbar. Er nimmt seinen Platz ein – „zur Rechten der Kraft Gottes“ (23, 69). Aber: „Jesus ist nicht von den Seinen geschieden, ohne sie zu segnen und sie so mit ihrem Auftrag unter Gottes Schutz zu stellen.“ (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S.287) Weil er dort – vor Gott – für sie einsteht, können die Jünger getrost sein. Weil er dort zur Rechten Gottes ist, kommt das Leben von uns Menschen in neuer Weise bei Gott vor – sozusagen aus leibhaftiger Erfahrung des Auferstandenen.

Ich bin unsicher, was es zu bedeuten hat. In allen Leidensansagen Jesu wird sein Auferstehen erwähnt. „und am dritten Tage wird er auferstehen.“ (18, 23, ähnlich 9, 22 und 24,7 sowie 24,46) Nirgends aber wird von Jesus Himmelfahrt angekündigt. Die Aufnahme in den Himmel ist allenfalls indirekt Voraussetzung, wenn er sagt: „Aber von nun an wird der Menschensohn sitzen zur Rechten der Kraft Gottes.“(22,69) Ein eigenes Thema im Munde Jesu ist sie nie!

Wir aber sagen Sonntag für Sonntag: „Aufgefahren in den Himmel. Er sitzt zur Rechten Gottes, des Vaters. Von dort wird er kommen….“ Bei mir selbst beobachte ich, dass es mir wichtig ist, dass er zur Rechten Gottes ist, dass er dort für uns eintritt. Wie er dorthin gekommen ist, ist mir eher nebensächlich. Himmelfahrt ist wichtig, weil Jesus segnend vor Gott für uns ist. Im welcher Weise das „Ortswechsel“ ist? Der Himmel ist näher als wir es gemeinhin denken.

 52 Sie aber beteten ihn an und kehrten zurück nach Jerusalem mit großer Freude 53 und waren allezeit im Tempel und priesen Gott.

Es ist ein Abschied ohne Tränen. Es ist ein Loslassen, das in großer Freiheit geschieht. Und es ist ein Anfang:  Sie aber beteten ihn an. Das ist vorher im Evangelium so nicht erzählt worden. Mit der Auferstehung und jetzt der Himmelfahrt hat sich etwas verändert. Jesus ist nicht mehr nur der Meister, nur der Lehrer, nur der, hinter dem sie hergehen. Jetzt ist er der, den sie anbeten. Man kann auf die Idee kommen – sie, die er kurz zuvor gesegnet hat, sie beten ihn jetzt an. Im Griechischen ist segnen und anbeten ein und das gleiche Wort. Hier steht in kurzer Folge zweimal das gleiche Wort: ευλογείνanbeten. Die Jünger beten Jesus an und sie beten – so das letzte Wort des Evangeliums, Gott an. Die Anbetung Jesu nimmt Gott nichts weg, nichts an Ehre und Preis und Lob.

Weil sie von ihm, den Auferstandenen so gesegnet sind, können sie auch zurückkehren nach Jerusalem. Dorthin, von wo sie am liebsten geflohen wären. Dorthin, wo sie die dunkelste Stunde ihres Lebens erfahren haben. Dorthin, wo ihre Angst sie besetzt hatte, so dass sie sich unsichtbar machten. Dorthin gehen sie jetzt, erfüllt von der Freude.

Und auch das ist bemerkenswert: sie gehen in den Tempel. Mehr noch: Sie waren allezeit im Tempel. Sie wenden sich nicht vom Tempel ab. Es ist ihr Ort. Sie wissen ja: Der Vorhang ist zerrissen.( 23, 45) Die Tür ist weit aufgemacht. Der Ort Gottes ist neu zugänglich, für jedermann.

Das letzte Wort des Evangeliums sie priesen Gott weist zurück auf den Anfang. Das Evangelium beginnt mit Lobliedern – aus dem Mund der Maria, des Zacharias, des Simeon. Und es endet mit dem Lob aus dem Mund der Jünger. Alle diese Lobenden – am Anfang und am Schluss des Evangeliums – sind merkwürdige Heilige, ganz und gar nicht fehlerfrei, ganz und gar nicht nur tapfer, oft genug wankend und zögerlich, begriffsstutzig und schwerfällig. Sie sind die, die den Ton angeben für alle Späteren, für alle Leserinnen und Leser des Evangeliums. Es ist sicherlich nicht überzogen zu sagen: So will Lukas sein Evangelium verstanden wissen  – als eine Anleitung zum Lob Gottes.

 

Jesus Christus, Du bist uns nahe und bist uns voraus. Du bist gegenwärtig in der Höhe und der Tiefe, in Leben und Tod. Im Himmel und auf Erden

Wir sehen über uns den Himmel unendlich weit, manchmal offen, tiefes Blau, strahlende Helle. Vor-Zeichen der Ewigkeit. Manchmal grau und düster, bleiernes Schweigen, verschlossen, unzugänglich

Wir sind auf der Erde, sehnsüchtig suchend Glück, Heil, Versöhnung, Gerechtigkeit, Frieden, Dich.

Wo Du bist, ist Himmel da. Wo Du bist, ist Zukunft offen. Wo Du bist, bricht Freude auf.

Unter Deinem Segen wird Weite, wird Friede, wird Lob und Dank. Unter Deinem Segen öffnen sich Wege, können wir uns wagen, Schritte nach vorne tun, uns dem Leben stellen

Sei uns nahe, öffne uns den Himmel mitten im Leben. Amen

Öffne uns die Augen

Lukas 24, 36 – 49

 36 Als sie aber davon redeten, trat er selbst, Jesus, mitten unter sie und sprach zu ihnen: Friede sei mit euch! 37 Sie erschraken aber und fürchteten sich und meinten, sie sähen einen Geist. 38 Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so erschrocken, und warum kommen solche Gedanken in euer Herz?

Nahtlos knüpft die Erzählung an die vorausgehenden Verse an. Die Jünger sind beieinander und diskutieren. Das Thema heißt „Auferstehung“. Alles, was an Argumenten zu bieten ist, das kommt auf den Tisch. Petrus schwört auf seine guten Augen, die beiden Emmaus-Wanderer reden von ihrem brennenden Herzen, die Frauen wissen von dem Engel und seiner Botschaft. Und vielleicht sagt einer sogar: seit Jahrhunderten glauben wir an die Auferstehung von den Toten und bekennen sie in jedem Gottesdienst. Und jetzt, jetzt stehen wir da und sind verwirrt.

Aber dann wird alles anders. Jesus tritt mitten unter die Jünger. Er ist da, er ist bei ihnen. Sie müssen nicht mehr über „Auferstehung“ und ob es das gibt, debattieren: Der Auferstandene steht vor ihnen. Friede sei mit euch!  Jetzt ist doch alles klar.

Weit gefehlt. Sie erschrecken. Furcht greift nach ihnen. Nichts von FreudeSo wenig ist „Auferstehung“ im Blickfeld der Jünger, dass sie eher an ein Gespenst, einen Geist glauben, sich in den Arm kneifen: Träume ich? Oder das Ganze für eine Halluzination halten als dass es ihnen käme: Er ist auferstanden! „Das Entsetzen der Jünger hängt von der Identität ab, die sie dem soeben Eingedrungenen geben. Sie meinem, in ihm einen „Geist“, ein „Gespenst zu sehen.“ (F. Bovon, EKK III/4, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 19,28 – 24,53, Neukirchen 2009, S. 584) Das erinnert an das Erschrecken – auf dem See, von dem Markus erzählt (Markus 6, 49-50) Da heißt es ausdrücklich φάντασμά – ein Phantasie-Gebilde, ein Schreckgespenst. Hier steht πνεῦμα. Geist.

Die modernen Skeptiker haben in den Jüngern frühe Vorläufer. Sie sind nicht so originell mit ihrem Zweifel, ihren tausend Fragen, ihrer Skepsis, wie sie gerne glauben. Sie sind nur späte Epigonen der Jünger Jesu. Es ist wohl wirklich so: Wir rechnen eher mit irgendwelchen übersinnlichen Realitäten als mit der Wirklichkeit Gottes, die in unsere Welt einbricht und sie verändert. Es scheint vernünftiger, realitätsnäher, mit Geistern und Gespenster zu rechnen als mit der Auferstehung und dem Auferstandenen.

Es will mir scheinen, dass dieses Erschrecken und sich Fürchten ein Hinweis auf die Glaubwürdigkeit der Erfahrungen ist. Auferstehung ist nichts leichtes, nichts, was man einmal locker mit „Praise the Lord!“ abfeiern kann. Unsere Welterfahrung kommt ins Zerbrechen – deshalb ist wirklich Erschrecken und Furcht angesagt. Und doch sollen seine Jünger nicht dabei stehen bleiben. Darum fragt Jesus nach, nach dem Grund ihrer Furcht, ihres Erschreckens. Weil er nicht will, dass sich diese Gefühle und Gedanken in ihrem Herz festsetzen können.    „Öffne uns die Augen“ weiterlesen

Emmaus

Lukas 24, 13 – 35

 13 Und siehe, zwei von ihnen gingen an demselben Tage in ein Dorf, das war von Jerusalem etwa zwei Wegstunden entfernt; dessen Name ist Emmaus. 14 Und sie redeten miteinander von allen diesen Geschichten. 15 Und es geschah, als sie so redeten und sich miteinander besprachen, da nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen. 16 Aber ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht erkannten.

            Jetzt sind die Männer wieder im Spiel. Zwei der Jünger sind auf dem Weg nach Emmaus – warum wird nicht erklärt. Sie reden miteinander auf dem Weg. Von allen diesen Geschichten sind sie bewegt, gefasst, gerüttelt, durchgeschüttelt. Mit dem Weg aus der Stadt lassen sie ihren Schmerz nicht zurück. Der Versuch, vor dem Schmerz, vor dem Leiden davon zu laufen, der Versuch, noch einmal anderswo neu anzufangen – dieser Versuch wird zum Scheitern verurteilt sein.

Denn sie nehmen ja Bilder ihrer Seele mit: das Bild der Menge, die schrie: „Kreuzige ihn!“; das Bild der Soldaten, die ihn zur Schädelstätte führten; das Bild der Todesstunde, in der er sein Leben hingab; das Bild der letzten Liebe, als der geschundene Leib vom Kreuz genommen und in das Felsengrab gebracht wurde. Und diese Bilder in der Seele machen sie blind.

Zum wiederholten Mal: und es geschah. Doch die beiden Wanderer sind blind für eine größere, göttliche  Wirklichkeit als für die unmenschlichen, die sie erfahren haben. So blind, dass sie den nicht erkennen, der sich ihnen zugesellt. Er wird ihr „Sprachgesell“, ohne dass sie ihn darum bitten und ohne dass sie es merken, dass er es ist.

Ein Lämmlein geht….                                                                                                                 Im Durst soll´s sein mein Wasserquell,                                                                                  In Einsamkeit mein Sprachgesell                                                                                           Zu Haus und auch auf Reisen.                      P. Gerhardt 1647, EG 83

            Sie nehmen nicht wahr, dass er, Jesus selbst sich ihnen naht. Sie gehen ihren Weg uns haben keine Augen für ihn, der mit ihnen auf dem Weg ist. sie suchen nach neuen Wegen. Aber ihn erkennen sie nicht.

Ich habe so lange geglaubt und wohl auch gepredigt, dass wir Jesus nahe kommen müssen, Anschluss an ihn suchen und finden müssen, ihn suchen und offene Augen für seine Wirklichkeit haben. Aber in Wahrheit ist es anders: Er hat sich genaht. Er hat den Weg auf sich genommen, mit den beiden damals, mit uns heute, die Klagen, die Fragen, die Schmerzen, das Unverständnis – von dem allem wird sogleich die Rede sein – damit wir den Weg mit ihm nicht verlieren.   

17 Er sprach aber zu ihnen: Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs? Da blieben sie traurig stehen. 18 Und der eine, mit Namen Kleopas, antwortete und sprach zu ihm: Bist du der Einzige unter den Fremden in Jerusalem, der nicht weiß, was in diesen Tagen dort geschehen ist?

Das Gespräch fängt mit Jesu Frage an. Stellt er sich unwissend, „dumm“? Er weiß doch, was war. Oder will er sie sagen lassen, was sie bewegt? Wer einem Menschen zum Reden bringen will, muss ihn fragen, am besten nach dem fragen, was ihn bewegt. Jesus ist ein Kenner der Herzen und hier zeigt es sich: ein Meister der Gesprächsführung. Damit er ihnen zu Herzen reden kann, müssen sie zuvor ihm das Herz öffnen und ausschütten können. Dafür nimmt er auch den leisen Vorwurf in Kauf: Was bist du für ein seltsamer Zeitgenosse, der nicht mitbekommt, was geschieht und eine ganze Stadt bewegt. „Emmaus“ weiterlesen

Am Grab ist kein Bleiben

Lukas 24, 1 – 12

1 Aber am ersten Tag der Woche sehr früh kamen sie zum Grab und trugen bei sich die wohlriechenden Öle, die sie bereitet hatten.

               Der Sabbat ist vorbei. Es ist Zeit, Zeit für den letzten Liebesdienst. Am Tagesanbruch, sehr früh. Einen ganzen Tag lang haben sich die Frauen auf diesen Weg vorbereitet. Sie wollen den Geruch des Todes vertreiben. Sie wollen Jesus für die lange Reise in die Unterwelt „reisefertig“ machen. Es ist seit uralten Zeiten Sitte, die Toten zu salben, sie mit guten Gerüchen zu umgeben. Die Einsamkeit des Todes soll ein wenig gemildert werden. Und wer weiß, dahinter mag auch die Hoffnung stehen: Es ist noch ein Weg da. Auch für die Toten.

2 Sie fanden aber den Stein weggewälzt von dem Grab 3 und gingen hinein und fanden den Leib des Herrn Jesus nicht.

                            Das erste Problem ist gelöst – der Rollstein vor dem Grab ist weggewälzt. Sie müssen es nicht selbst tun. Der Zugang zum Grab ist frei. Sie gehen hinein und finden – nichts.  Da ist kein Leichnam.  Da ist kein toter Herr Jesus. Das ist im Lukas-Evangelium ein ziemliche seltene Formulierung Herr Jesus. Herr ist oft, Jesus noch öfters, aber Herr Jesus ist selten. Wenn es hier so steht, mag es ein Hinweis sein für die Leser: Sucht den Herrn Jesus nicht im Grab.

4 Und als sie darüber bekümmert waren, siehe, da traten zu ihnen zwei Männer mit glänzenden Kleidern. 5 Sie aber erschraken und neigten ihr Angesicht zur Erde. Da sprachen die zu ihnen: Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? 6 Er ist nicht hier, er ist auferstanden. Gedenkt daran, wie er euch gesagt hat, als er noch in Galiläa war: 7 Der Menschensohn muss überantwortet werden in die Hände der Sünder und gekreuzigt werden und am dritten Tage auferstehen. 8 Und sie gedachten an seine Worte.

               Das leere Grab löst keine Freude aus. Es löst keine verwegene Hoffnung aus. Es bewirkt Kummer. Verlegenheit wohl auch und Fragen. Wo ist er? Was geht hier vor? Aber dafür lässt der Erzähler keinen Raum. Einmal mehr im Evangelium, und wieder an markanter Stelle: κα γνετο Hier wie auch sonst Hinweis auf göttliches Geschehen. Zwei Männer in weißen Kleidern kommen. Sie sind zweifelsfrei Boten aus der Welt Gottes. Sie müssen nicht Engel genannt werden, um die Assoziation Engel auszulösen. Sie sind zu zweit, getreu der alten Botenformel: Die Wahrheit ist in zweier Zeugen Mund.

Ihre Botschaft: Jesus ist nicht bei den Toten. Er ist auferstanden. Das Wort, sein Wort hat sich erfüllt. Sein Wort? Die beiden Boten spielen die Leidensankündigungen Jesu ein – aber diesmal liegt alles Gewicht auf dem Schluss: Der Menschensohn muss überantwortet werden in die Hände der Sünder und gekreuzigt werden und am dritten Tage auferstehen. Das, was sie zu Lebzeiten Jesu immer schon nicht mehr gehört hatten – und am dritten Tage auferstehen – das ist plötzlich der Kern der Botschaft. „Am Grab ist kein Bleiben“ weiterlesen

Grablegung – Zeichen der Liebe zu Jesus

Lukas 23, 50 – 56

50 Und siehe, da war ein Mann mit Namen Josef, ein Ratsherr, der war ein guter, frommer Mann 51 und hatte ihren Rat und ihr Handeln nicht gebilligt. Er war aus Arimathäa, einer Stadt der Juden, und wartete auf das Reich Gottes.

               Achtung! sagt Lukas. Und siehe. Es kommt Ungewöhnliches. Und führt jetzt einen Abweichler aus dem Hohen Rat in die Geschichte ein. Josef von Arimathia, „ein guter und gerechter Mann“ (Luther 2017),  – νρ γαθς κα δκαιος  – das Urteil des Hauptmann über den sterbenden Jesus wird hier fast wortgleich zur Charakterisierung des Josef. Dieser Ratsherr  aus einer Stadt in Judäa, war nicht einverstanden mit dem ganzen Verfahren gegen Jesus. Er hatte es nicht aufhalten können. Aber auch wenn er überstimmt – oder muss man sagen: über-schrien wurde – das änderte nichts an seiner inneren Haltung. Er wartete auf das Reich Gottes. Und was er jetzt tut, tut er aus dieser Haltung eines erwartungsvollen Menschen heraus.

52 Der ging zu Pilatus und bat um den Leib Jesu 53 und nahm ihn ab, wickelte ihn in ein Leinentuch und legte ihn in ein Felsengrab, in dem noch nie jemand gelegen hatte. 54 Und es war Rüsttag und der Sabbat brach an.

Es ist Abendzeit, am Ende eines langen Tages. Josef erbittet den Leib Jesu. Er kann ihn nicht einfach nehmen. Das römische Recht sieht grausam genug vor, das Gekreuzigte am Kreuz verrotten. „Nach römischem Recht durften die zum Tode Verurteilten nicht beerdigt werden.“ (F. Bovon, EKK III/4, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 19,28 – 24,53, Neukirchen 2009, S.498) Darum muss Josef eine Ausnahme erwirken. Das geht nur durch den Gang zu Pilatus. Ist es die Prominenz des Ratsherrn – er erreicht sein Ziel ohne jede Verzögerung. Die anderen Evangelisten wissen hier viel mehr zu erzählen, vom Erstaunen des Pilatus, von sorgfältiger Nachforschung und Kontrolle. Hier nichts davon. Die Bitte wird wortlos erfüllt. „Grablegung – Zeichen der Liebe zu Jesus“ weiterlesen

Schreckensbild der Liebe

Lukas 23, 32 – 49

             Bis zu diesem Tag, bis zu dieser Stunde war alles nur Vorspiel: die Predigten auf den Wegen durch Galiläa“ die Wunder und Zeichen an den Menschen, die Feindschaft und der Hass der Gegner ‑ all dies verblasst gegen diese Stunde auf Golgatha. Jetzt, an diesem Tag ist die Zeit der Entscheidung! Jetzt muss es sich zeigen, wer Jesus ist.

 32 Es wurden aber auch andere hingeführt, zwei Übeltäter, dass sie mit ihm hingerichtet würden. 33 Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken.

Jesus geht seinen Weg zum Kreuz nicht allein. Zwei andere gehen mit ihm. Übeltäter. Die mit ihm abgetan werden sollen – so die alte Luther-Übersetzung von 1964. Dieses Wort abgetan macht noch etwas von der Missachtung deutlich, die den dreien auf ihrem Weg schon gilt. ναιρεθναι kommt von ναιρέω „vernichten, töten, wegschaffen, abschaffen“ (Gemoll, Griechisch-deutsches Schul- u. Handwörterbuch, München 1957, S. 53) Für diese Drei ist kein Platz mehr auf der Welt.

Jesus ist auf seinem letzten Weg in schlechter Gesellschaft, so wie er es auch vorher immer wieder einmal war. Sie werden den Weg geführt, den keiner will. Jesus erleidet, was vor ihm und nach ihm Menschen gelitten haben. Er wird durch das Kreuz zum Abschaum der Menschheit erklärt. Der würdeloseste Tod, den sich einer denken konnte, ist der Tod am Kreuz. Und diesem Tod wird Jesus preisgegeben.

 34 Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun! Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum. 35 Und das Volk stand da und sah zu.

             Das ist bei Lukas das erste Wort Jesu am Kreuz. Vater, vergib ihnen. Er bleibt sich und seinem Auftrag noch im Sterben treu. Es ist ja sein Auftrag, Gottes Versöhnung in die Welt zu bringen. Es ist sein Auftrag, das Bild des vergebenden Vaters Menschen so vor Augen zu stellen, dass sie wieder Vertrauen zu Gott fassen können. Sie wissen nicht, was sie tun! „Dachte er daran, dass die römischen Soldaten, die ihn ans Kreuz nagelten, nur Werkzeuge eines Willens waren, dessen Bosheit sie nicht zu erkennen vermochten?“ (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S. 271) Oder steckt dahinter, dass die, die ihn verurteilen, nicht wissen, wie sie sich gegen das Erbarmen und die Gerechtigkeit stellen und doch darin den Willen Gottes zum Ziel bringen müssen? Sie glauben sich autonom, selbst bestimmt und sind doch Werkzeuge.

  Lukas wird nicht müde werden, die Unwissenheit als Entschuldigung für das Tun der jüdischen Obrigkeiten zu benennen „Ihr aber habt den Heiligen und Gerechten verleugnet und darum gebeten, dass man euch den Mörder schenke; aber den Fürsten des Lebens habt ihr getötet….Nun, liebe Brüder, ich weiß, dass ihr’s aus Unwissenheit getan habt wie auch eure Oberen.“ (Apostelgeschichte 3, 15.17) Diese Unwissenheit macht die Fürbitte Jesu möglich.

Er ruft um Gnade für die Hohenpriester, die ihr Hass blind gemacht hat. Er ruft um Gnade für Pontius Pilatus, der nicht den Mut fand, seinem Herzen zu folgen. Er ruft um Gnade für die Kriegsknechte, die ja nur eine Exekution mehr vornehmen und nicht wissen, wen sie da ans Kreuz nageln. Er ruft um Gnade für seine Jünger, die geflohen sind. Er ruft um Gnade für die Spötter, die sich so einen Heiland nicht vorstellen können. Er ruft um Gnade für die, deren Sünden er trägt am Stamm dieses Kreuzes. „Schreckensbild der Liebe“ weiterlesen

Kreuzträger

Lukas 23, 26 – 31

 26 Und als sie ihn abführten, ergriffen sie einen Mann, Simon von Kyrene, der vom Feld kam, und legten das Kreuz auf ihn, dass er’s Jesus nachtrüge.

                    Es ist eine Unbestimmtheit in den Worten: Wer sind sie, die ihn abführten? Nach dem Fortgang der Geschichte müssten es die Römer sein. Nach den Worten zuvor eher die Juden, an deren Willen Pilatus Jesus übergeben hat. Wählt Lukas diese Unbestimmheit, um das unheilvolle Zusammenspiel zwischen beiden Gruppierungen anzudeuten?

Auf dem Weg zum Hinrichtungsort ergreifen sie – diesmal müssen es wohl die römischen Soldaten sein, die zu so einer Maßnahme das Recht haben einen bis dahin Unbeteiligten – Simon von Kyrene. Er kommt vom Feld oder vom Land – beides ist möglich. Er wird in die Geschichte Jesu hineingezogen. Er wird – das deutet die Formulierung des Lukas an, zum „Prototyp“ des Jüngers, indem er Jesus sein Kreuz nachträgt.

Das ist ja mehrfach  von Jesus als das Kennzeichen der  Jüngerschaft benannt worden. „Wer mir folgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge mir nach.“(9,23)„Und wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein.“ (14,27) „Simon von Kyrene wird bei Lukas zum Bild des Christen, der seinem Herrn nachfolgt als Träger des Kreuzes.“ (W. Grundmann, Das Evangelium nach Lukas, Theol. Handkommentar zum NT 3, Berlin 1978, S.429) Der ersten Kreuzträger – nicht aus freier Entscheidung, sondern genötigt von außen, ungefragt, schicksalhaft. Es ist wie eine Korrektur möglicher – auch frühchristlicher – Missverständnisse: Zum Kreuztragen kann und darf man sich nicht drängen – es wird einem auferlegt,  und dann muss man es tragen.    „Kreuzträger“ weiterlesen