Gottes Zeichen

Lukas 11, 33 – 36

 33 Niemand zündet ein Licht an und setzt es in einen Winkel, auch nicht unter einen Scheffel, sondern auf den Leuchter, damit, wer hineingeht, das Licht sehe. 34 Dein Auge ist das Licht des Leibes. Wenn nun dein Auge lauter ist, so ist dein ganzer Leib licht; wenn es aber böse ist, so ist auch dein Leib finster.

              Es gibt Übergänge im Text des Lukas-Evangeliums, die sich mir nicht gleich erschließen. So auch hier. Wie es von dieser Konfrontation her zu dem Wort vom Licht unter dem Scheffel, vom finsteren Auge kommt, verstehe ich nicht. Bei Matthäus steht diese Passage in der Bergpredigt und hat dort einen guten Platz. Warum steht sie bei Lukas jetzt hier? Eine Idee: es ist ein assoziativer Anschluss über das doppelt gebrauchte πονηρ und πονηρός. Dem bösen, verkehrten Geschlecht entspricht das blinde, schlechte Auge.

            Auf den ersten Blick ist es eine Binsenweisheit: wenn das Auge böse, πονηρός ist, schlecht, blind, dann ist der ganze Leib betroffen. Allerdings, die bloße Feststellung der Tatsache der Blindheit wird kaum Jesu Sache sein. Auch nicht einer „inneren, geistlichen Blindheit.“

               Eine Möglichkeit wäre: Es könnte eine Mahnung an die Gemeinde sein, sich vor Überheblichkeit zu bewahren. Diese Mahnung wehrt der falschen Sicherheit: Wir sind ja Kinder des Lichtes. Wir sind ja erleuchtet durch den Glauben. Wir stehen auf der richtigen Seite. Gott hat – so klingt das dann – euch nicht berufen, damit ihr euch in eurem Erleuchtet-Sein sonnt, sondern damit ihr anderen den Weg weist. Gott hat euch berufen, damit euer Glaube sichtbar wird, Zeugnis wird. Darum schaue auf dich selbst prüfe dich selbst. Das klingt im griechischen Wort σκοπ – skopo – mit und ist mehr als ein einfaches „sieh hin“. Auch das mag mitschwingen: Schaue mit einem lauteren Herzen und nicht voller Hochmut auf die, die es mit dem Glauben schwer haben, die an dem Ruf Jesu scheitern. Du hast Dir den Glauben nicht selbst gegeben – er ist Geschenk Gottes an dich.

      Diese Abwehr eines christlichen Hochmutes, eines neuen Erwählungs-Bewusstseins, dass blind dafür wird, was Paulus nach Rom schreibt: „Rühmst du dich aber, so sollst du wissen, dass nicht du die Wurzel trägst, sondern die Wurzel trägt dich.“ (Römer 11,18) ist umso dringlicher gerade in diesem Zusammenhang, in dem die Heiden so in den Worten Jesu zur Provokation Israels „benützt“ werden. Hier darf kein falscher Zungenschlag entstehen, keine falsche Sicherheit.

35 So schaue darauf, dass nicht das Licht in dir Finsternis sei. 36 Wenn nun dein Leib ganz licht ist und kein Teil an ihm finster ist, dann wird er ganz licht sein, wie wenn dich das Licht erleuchtet mit hellem Schein.

            Was ich anschaue, wirkt auf mich ein. Wer immer nur ins Dunkel sieht, muss sich nicht wundern, wenn es in ihm selbst dunkel wird. „Wer mit Ungeheuern kämpft, muss zusehen, dass er dabei nicht zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in Dich.“ (F. Nietzsche) In diesem Satz steckt so viel Wahrheit. Jesus hat die gleiche Sicht, allerdings ins Positive gewendet: Wer auf das Licht schaut, in dem wird es hell und licht. Das Auge lässt das Licht ein und so wird es in uns hell.   

Zum Weiterdenken

Es ist mir wichtig: Wir empfangen das Licht, wir sind nicht wie von selbst Licht. Zugespitzt: Wir sind Mondmenschen. Wir spiegeln das Licht der Sonne, das auf uns fällt. Darum kann der Prophet sagen: „Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir!“ (Jesaja 60,1) Weil das Licht Jesu auf uns fällt, werden wir zu Lichtern in der Welt. Darum wird es hell in uns und – vielleicht – auch um uns herum. So verstehe ich auch das große Wort, das in der Bergpredigt überliefert ist: „Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein.“(Matthäus 5,14) Wir sind nur Widerschein – mehr nicht. Weniger sollen wir allerdings auch nicht sein.

           Wer erleuchtet ist, in wem das Licht des Glaubens angezündet ist, der bleibt darauf angewiesen, dass Gott dieses Licht in ihm am Brennen hält, dass er den hellen Schein in ihm nicht verlöschen lässt. Wir können uns – so denkt Lukas wohl – den Glauben nicht selbst geben und auch nicht selbst erhalten. Wir können uns immer nur demütig in das Licht Gottes halten, damit er es in uns zum Leuchten bringt – noch einmal Paulus: „Denn Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervor leuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi.“ (2. Korinther 4,6) Da ist kein bisschen Raum und Anlass für christlichen Hochmut und Überheblichkeit. Stattdessen ist eine tief demütige Dankbarkeit am Platz – und in ihr leuchtet das Licht des Glaubens hell.

Täglich zu singen:                                                                                                                „Die Sonne, die mir lachet ist mein Herr Jesus Christ.                                                      Das was mich singen machet, ist, was im Himmel ist.

 

Jesus, Du bist Gottes Zeichen der Liebe. Du bist Gottes Zeichen der Treue. Du bist Gottes Zeichen des Erbarmens. Ich danke Dir, dass ich auf Dich schauen darf und es glauben kann: Dein Weg geht durch das Dunkel des Todes hindurch.

Und so wie Du drei Tage im Schoß der Erde warst, so werde auch ich im Schoß der Erde sein und neu geboren werden aus diesem Schoß zum ewigen Leben. Ich werde bleiben in dem Licht, das nie vergeht. Amen

Überholt

Lukas 11, 29 – 32

29 Die Menge aber drängte herzu.

                    Kein Ortswechsel, kein anderer Zeitpunkt. Es geht immer noch in der gleichen Szene weiter. Die Menge drängt sich um Jesus, von dem sie gerade gehört hat, wie eine Seligpreisung über ihm gesprochen wird. Will sie Anteil daran, an ihm haben? Ahnt sie doch, dass er mehr ist als nur ein Wundertäter? Ist dieses zu ihm hin Drängen nicht ein Zeichen dafür, dass sie nicht wie die Wortführer von eben denken, sondern dass sie ihn von  Gott gesegnet sehen?

Da fing er an und sagte: Dies Geschlecht ist ein böses Geschlecht; es fordert ein Zeichen, aber es wird ihm kein Zeichen gegeben werden als nur das Zeichen des Jona. 30 Denn wie Jona ein Zeichen war für die Leute von Ninive, so wird es auch der Menschensohn sein für dieses Geschlecht.

 In diesem Gewühl und Gedränge beginnt Jesus zu reden. Und dann dies: Dies Geschlecht ist ein böses Geschlecht. γενε πονηρ. Das ist der nasse Lappen ins Gesicht der Leute um ihn herum. Das ist Angriff, Attacke. Woher kommt das? Jesus ist jedenfalls kein Gefälligkeitsredner. Es ist manchmal vielmehr so, als sei er auf Konfrontation aus. Jesus knüpft mit seinen Worten an das an, was unmittelbar vorher verhandelt wurde: Die Forderung an ihn, sich durch Zeichen zu legitimieren. „Andere aber wunderten sich, versuchten ihn und forderten von ihm ein Zeichen vom Himmel.“(11,16) Ich denke: Jesus hört in ihrem Fordern die Stimme des Versuchers und darum reagiert er so hart: Wer von ihm Zeichen fordert, ruft ihn heraus aus dem Weg des unbedingten Gehorsams, will von ihm die Selbstinszenierung und nicht den Gehorsam des Sohnes. „Überholt“ weiterlesen

Konflikt um Wohltat

Lukas 11, 14 – 28

 14 Und er trieb einen bösen Geist aus, der war stumm. Und es geschah, als der Geist ausfuhr, da redete der Stumme. Und die Menge verwunderte sich.

               Es ist von einer geradezu lapidaren Kürze, wie Lukas hier erzählt. Fast so, als hätte er sich schon an Wunder gewöhnt. Aber was für ein Kontrast: Lukas führt von der Weite, die uns Jesus durch seine Einladung zum Gebet erschließt in die Weltwirklichkeit, die ist, wie sie ist – gut und schwierig zugleich. Aber er erzählt sofort davon, wie diese Wirklichkeit durch Jesus aufgebrochen und verwandelt wird. Ein Stummer kann wieder reden. Was ihm den Mund verschlossen hatte, hat keine Macht mehr über ihn. Er findet Worte.

            Es ist in aller Kürze, wie eine erzählerische Veranschaulichung des Satzes unmittelbar zuvor: Der Vater gibt sein Gutes, seinen Geist.(11,13) Durch Jesus, der den bösen Geist austreibt. Durch ihn, der einem Menschen due Zunge löst. Der Heilige Geist zeigt sich wirksam in solcher Befreiung. Man könnte auch sagen: Jesus tut, was der Vater gibt.  Und die es miterleben, staunen und geraten ins Wundern, ins Fragen.

 15 Einige aber unter ihnen sprachen: Er treibt die bösen Geister aus durch Beelzebul, ihren Obersten.

 Einige aber müssen nichts mehr fragen. Sie wissen. Sie haben ihre Deutung für das, was sie sehen: Es ist die Macht des Bösen, des Widergöttlichen, der Bestreitung des Gottes Israels, die in Jesus, durch Jesus am Werk ist. Magie, auch hne jede Beschwörungsformel. Das ist ein frontaler Angriff auf Jesus: Du bist ein Werkzeug des Beelzebul, du verdankst deine Macht nicht der Güte Gottes, sondern du paktierst mit dem Teufel.

Es ist merkwürdig: Der Güte Gottes, sich eines Menschen zu solchen Werken zu bedienen, trauen sie offensichtlich nicht wirklich viel zu. Das „Zutrauen“ zur Macht des Bösen scheint ausgeprägter zu sein. Und das Rechnen damit, dass der Böse sich verstellt, sich als vermeintlicher Wohltäter tarnt. Aber es ist wohl so: Wo das Vertrauen auf Gottes Güte klein wird, wird die Angst vor dem Bösen und seiner Macht groß und man sieht ihn schließlich überall am Werk. „Konflikt um Wohltat“ weiterlesen

Unter Freunden

Lukas 11, 5 – 13

 5 Und er sprach zu ihnen: Wenn jemand unter euch einen Freund hat und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote; 6 denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann, 7 und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben. 8 Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, dann wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, soviel er bedarf.

  Gute Geschichten können häufig etwas viel besser deutlich machen als noch so viele Erklärungen. Jesus lebt in einer Umwelt der Geschichtenerzähler und er ist auch selbst einer. Er lehrt seine Jünger, indem er erzählt. Da steckt ja auch Zutrauen mit drin: Sie werden verstehen. Sie werden hören. Sie sind nicht unempfänglich für die Botschaft einer Geschichte.

Weil er sie zum Beten ermutigen will, erzählt er – von der Freundschaft. Der Erzähler Jesus zielt darauf ab, dass sie sagen werden: Ja, so ist es. Einem Freund kannst du ungelegen kommen. Einem Freund kannst du Ärger machen. Einem Freund kannst du auf die Nerven gehen. Und doch wird er am Ende des Tages zu dir stehen. So sind gute Freunde. Er sucht mit seiner Geschichte ihr Einverständnis.

Die Situation ist so klar: Wenn ich selbst nichts mehr im Haus habe, es kommt Besuch und alle Läden sind dicht – wo gehe ich hin – zum Freund, zum freundlichen Nachbarn. Und er wird helfen – murrend vielleicht, knurrend, vermutlich gestört, weil es Lärm macht, die Einraumhütte zu öffnen, ohne dass alle im Haus wach werden – aber er wird helfen. „Unter Freunden“ weiterlesen

Vater. Mutter

Lukas 11, 1 – 4

 1 Und es begab sich, dass er an einem Ort war und betete. Als er aufgehört hatte, sprach einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte.

 Jesus betet immer wieder, an allen möglichen Orten, in der Einsamkeit, auf dem Berg, vor einer Herausforderung. Sein Beten ist etwas, was seine Jünger wahrnehmen, wohl auch als ungewöhnlich wahrnehmen. Und zugleich spüren sie, dass dieses Beten die Quelle der Kraft Jesu ist. Aus dem Reden mit dem Vater schöpft er. Aus diesem Reden nährt sich seine Seele. In diesem Reden empfängt er die Freiheit für sein Tun.

Der betende Jesus ist keineswegs irgendwie exotisch. Um die Jünger herum wird gebetet – die Pharisäer und Schriftgelehrten beten, Menschen beten im Tempel und der Synagoge. In der hebräischen Bibel gibt es den Psalter – das Gebetbuch Jesu und aller Juden in seiner Zeit. Vielleicht kann man sagen: Jude sein heißt beten – sich dem Schöpfer des Himmels und der Erde, dem Gott der Väter zuwenden, ihn mit ganzem Ernst suchen. Vielleicht gibt es gerade deshalb keine Anweisungen, weil es eine selbstverständliche Praxis gab, über die man nicht reden musste, die in einer ungebrochenen Traditionskette gelehrt wurde. Ohne große theologische Reflexion.

 Und doch muss etwas am Beten Jesu so sein, dass einen der Jünger sagen lässt: Herr, lehre uns beten. Er lehnt sich mit dieser Bitte an die Praxis des Johannes an. Der hatte seine Jünger offenkundig beten gelehrt. Das heißt wohl nicht: Er hat sie ein paar Gebete gelehrt. Sondern er hat sie in eine bestimme Gebetspraxis eingeführt, sie vielleicht sogar Methoden gelehrt, wie man zur Ruhe findet, wie man stille wird, wie man sich auf Gott hin ausrichtet – wenn man das überhaupt kann: Sich ausrichten auf Gott. So höre ich dann auch die Bitte der Jünger: Sie fragen, so denke ich, nach einer „Methode“ des Gebetes, nach einer Haltung des Betens, nach einer Übung vielleicht auch. „Vater. Mutter“ weiterlesen