Ungehindert

Apostelgeschichte 28, 17 – 31

17 Es geschah aber nach drei Tagen, dass Paulus die Angesehensten der Juden bei sich zusammenrief.

             Paulus verliert keine Zeit. Er hat ja schon zwei Jahre in Cäsarea verloren und auch die Schiffs-Reise war, aller Bewahrung zum Trotz, kein Zeitgewinn. Darum ruft er, kaum in Rom, nach drei Tagen die führenden Leute der jüdischen Community zusammen. Es gibt Schätzungen, dass in dieser Zeit fast 50.000 Juden in Rom leben. Der Apostel sucht sie zuerst, so wie er immer zuerst die Gemeinden der Synagoge gesucht hat. Dass er sie rufen lässt, ist keine Anmaßung, sondern wohl dem geschuldet, dass seine Bewegungsfreiheit doch eingeschränkt ist. Schließlich ist er nicht frei, sondern nur ein frei wohnender Gefangener unter Bewachung.

Als sie zusammengekommen waren, sprach er zu ihnen: Ihr Männer, liebe Brüder, ich habe nichts getan gegen unser Volk und die Ordnungen der Väter und bin doch als Gefangener aus Jerusalem überantwortet in die Hände der Römer. 18 Diese wollten mich losgeben, nachdem sie mich verhört hatten, weil nichts gegen mich vorlag, das den Tod verdient hätte.

                Auch hier, wie schon so oft, versucht er in ausgesuchter Freundlichkeit einen Zugang zu seinen Gesprächspartnern zu gewinnen: Ihr Männer, liebe Brüder. Es folgt eine Beteuerung, dass er kein Feind des Volkes Israel ist und sich nicht gegen die Ordnungen der Väter vergangen hat. Auch die römischen Institutionen in der Provinz Syrien haben seine Unschuld bestätigt. Es gibt also, von der Obrigkeit Rom aus gesehen, keinen Grund zur Anklage. „Ungehindert“ weiterlesen

Rom kommt näher

Apostelgeschichte 28, 1 – 16           

1 Und als wir gerettet waren, erfuhren wir, dass die Insel Malta hieß. 2 Die Leute aber erwiesen uns nicht geringe Freundlichkeit, zündeten ein Feuer an und nahmen uns alle auf wegen des Regens, der über uns gekommen war, und wegen der Kälte.

                         Gerettet – auf Malta. Die Bilder unserer Tage mit überfüllten Flüchtlingsbooten stehen einem unwillkürlich vor Augen. Ähnlich gestrandet und gerettet, ist dieser Gefangenentransport auf Freundlichkeit angewiesen. Sie wird ihnen reichlich zuteil. Die Menschlichkeit der Malteser bewährt sich an diesen Schiffbrüchigen – und wird damit zum Namensgeber für barmherzige Dienste bis heute.

 3 Als nun Paulus einen Haufen Reisig zusammenraffte und aufs Feuer legte, fuhr wegen der Hitze eine Schlange heraus und biss sich an seiner Hand fest. 4 Als aber die Leute das Tier an seiner Hand hängen sahen, sprachen sie untereinander: Dieser Mensch muss ein Mörder sein, den die Göttin der Rache nicht leben lässt, obgleich er dem Meer entkommen ist.

                     Wegen der Kälte wird Feuer gemacht und alle, auch Paulus, beteiligen sich an der Suche nach Brennmaterial. Es ist eines meiner innersten Angstbilder, dass bei so einer Suche im Halbdunkel statt eines Stabes, eines Stockes, die eigene Hand eine Schlange ergreift. Das Denken der Leute ist eindeutig: Wer nach solcher Rettung dann doch in Todesgefahr gerät, der muss schuldig sein. Um seinetwillen ging das Schiff unter. Und weil er da entkam, schicken die Götter die Schlange. Er ist ein Bösewicht.

Diese Gedanken vom heimsuchenden Zorn sind biblischen Texten nicht fremd. „Weh denen, die des HERRN Tag herbeiwünschen! Was soll er euch? Denn des HERRN Tag ist Finsternis und nicht Licht, gleichwie wenn jemand vor dem Löwen flieht und ein Bär begegnet ihm und er kommt in ein Haus und lehnt sich mit der Hand an die Wand, so sticht ihn eine Schlange!“(Amos 5,18-19) Es gibt kein Entrinnen vor dem Zorn, vor dem gerechten Gericht Gottes. Und so wird Paulus eben auf Malta eingeholt vom Gericht.  Es ist Gerichtstag Gottes – so denken sie hier! „Rom kommt näher“ weiterlesen

Die Stunde der Menschlichkeit

Apostelgeschichte 27, 27 – 44

27 Als aber die vierzehnte Nacht kam, seit wir in der Adria trieben, wähnten die Schiffsleute um Mitternacht, sie kämen an ein Land. 28 Und sie warfen das Senkblei aus und fanden es zwanzig Faden tief; und ein wenig weiter loteten sie abermals und fanden es fünfzehn Faden tief. 29 Da fürchteten sie, wir würden auf Klippen geraten, und warfen hinten vom Schiff vier Anker aus und wünschten, dass es Tag würde.

        Nun geht es wieder sachlich-fachlich weiter. Es klingt nüchtern: Als aber die vierzehnte Nacht kam. Dahinter aber steckt ein Sturm, der nicht aufhört, Tag und Nacht. Vierzehn lange Tage und Nächten an die Gewalt des Mittelmeeres, der Adria ausgeliefert. „Das Mittelmeer zwischen Kreta und Kilikien wurde im Altertum zur Adria gerechnet“(Anmerkung Luther 2017) Die Seeleute übernehmen die Regie. Sie suchen Land und fürchten es zugleich. Klippen könnten dem Schiff gefährlich werden. Es gilt vorsichtig zu navigieren. Den Tag erwarten.

30 Als aber die Schiffsleute vom Schiff zu fliehen suchten und das Beiboot ins Meer herabließen und vorgaben, sie wollten auch vorne die Anker herunterlassen, 31 sprach Paulus zu dem Hauptmann und zu den Soldaten: Wenn diese nicht auf dem Schiff bleiben, könnt ihr nicht gerettet werden. 32 Da hieben die Soldaten die Taue ab und ließen das Beiboot ins Meer fallen.

Die Schiffsleute sind erfahren und auch feige. Weil sie Realisten sind und die Gefahr entsprechend einschätzen können? Als sie die Gefahr sehen, dass das Schiff auf Klippen aufläuft, denken sie an sich selbst zuerst und wollen sich retten. Eine Flucht wäre gewiss ein Verstoß gegen jede „Seemanns-Ehre“ und würde die Passagiere dem sicheren Tod ausliefern. Ihre beabsichtigte feige Flucht wird nur durch die Aufmerksamkeit des Paulus verhindert. Es ist eine große Anfrage an die menschliche Solidarität, nicht dem Ruf zu folgen: „Rette sich, wer kann.“ Weil sich solche Solidarität nicht von selbst einstellt, erzwingen die Soldaten sie – auf Anraten des Paulus. Sie kappen alle Fluchtwege, auch für sich selbst.

33 Und als es anfing, hell zu werden, ermahnte Paulus sie alle, Nahrung zu sich zu nehmen, und sprach: Es ist heute der vierzehnte Tag, dass ihr wartet und ohne Nahrung geblieben seid und nichts zu euch genommen habt. 34 Darum ermahne ich euch, etwas zu essen; denn das dient zu eurer Rettung; es wird keinem von euch ein Haar vom Haupt fallen. 35 Und als er das gesagt hatte, nahm er Brot, dankte Gott vor ihnen allen und brach’s und fing an zu essen. 36 Da wurden sie alle guten Mutes und nahmen auch Nahrung zu sich. 37 Wir waren aber alle zusammen im Schiff zweihundertsechsundsiebzig.

 Im Folgenden rückt der gefangene Passagier Paulus in den Mittelpunkt der Erzählung. Vierzehn Tage und Nächte im Sturm sind eine lange Zeit, in der die Kräfte sich erschöpfen. Irgendwann droht dann der Zeitpunkt zu kommen, an dem das Ende seinen Schrecken verliert, weil der Schrecken kein Ende findet. Was dann Not tut, ist, dass die sich schleichend ausbreitende Gleichgültigkeit durchbrochen wird. Die Lebensgeister müssen wieder geweckt werden.

Es sind in dieser Situation so nahe liegende Dinge, die Paulus tut. Er will dafür sorgen, dass alle essen. Denn ohne Nahrung fehlt die Kraft zum Handeln. Wer aber isst, will noch nicht sterben. Er spricht Mut zu. Keinem von euch wird ein Haar vom Haupt fallen. Man kann schon fragen: Klingt das in dieser Lage, nach vierzehn Tagen Sturm nicht wie Pfeifen im Wald? Die Worte sind Erinnerung an Gott, der auch für die Kleinen und in Kleinigkeiten sorgt: „Auch sind die Haare auf eurem Haupt alle gezählt.“ (Lukas 12,7).  Und weil Worte oft nicht reichen, isst Paulus vor. Es ist, wenn man so will, ein Mutmach-Essen. „Die Stunde der Menschlichkeit“ weiterlesen

Schiffbruch

Apostelgeschichte 27, 13 – 44

Als aber der Südwind wehte, meinten sie, ihr Vorhaben ausführen zu können, lichteten die Anker und fuhren nahe an Kreta entlang. 14 Nicht lange danach aber brach von der Insel her ein Sturmwind los, den man Nordost nennt.

Der Versuch, den angenehmeren Winterhafen zu erreichen scheitert. Am Wetter, am Sturm. Es gibt in vielen Weltgegenden Winde, die Namen haben – Beispiel Passat. So auch im Mittelmeer-Raum: Scirocco, Mistral, Boras.  Auch der Sturmwind, der jetzt losbricht und den freundlichen Südwind ablöst, hat einen Namen – Ερακλων. Der Nordost. Dass dieser Wind einen Namen trägt, deutet darauf hin, dass er in der Region um Kreta, in der das Schiff unterwegs ist, häufiger, wohl regelmäßig auftritt. Man hätte also mit ihm rechnen können, vielleicht sogar rechnen müssen.

 15 Und da das Schiff ergriffen wurde und nicht mehr gegen den Wind gerichtet werden konnte, gaben wir auf und ließen uns treiben. 16 Wir fuhren aber vorbei an einer Insel, die Kauda heißt, da konnten wir mit Mühe das Beiboot in unsre Gewalt bekommen. 17 Sie zogen es herauf und umspannten zum Schutz das Schiff mit Seilen. Da sie aber fürchteten, in die Syrte zu geraten, ließen sie den Treibanker herunter und trieben so dahin. 18 Und da wir großes Ungewitter erlitten, warfen sie am nächsten Tag Ladung ins Meer. 19 Und am dritten Tag warfen sie mit eigenen Händen das Schiffsgerät hinaus. 20 Da aber viele Tage weder Sonne noch Sterne schienen und ein gewaltiges Ungewitter uns bedrängte, war all unsre Hoffnung auf Rettung dahin.

Der Sturm ist heftig. Die Folge: Schiff in Not! „Der verzweifelte Versuch, das Schiff  mit dem Bug gegen den Wind zu ringen und in dieser Stellung zu verankern, misslingt; es ist hilflos dem Sturm ausgeliefert, deres nach Südosten abtreibt.“ (J. Roloff, Die Apostelgeschichte; NTD 5; Göttingen 1981, S. 362) Das Schiff treibt durch das südliche Mittelmeer und es ist bald klar: es gilt, nur das nackte Leben zu retten. Fast wie von selbst stellen sich beim Lesen dieser Schilderung die Bilder ein, die wir heute abendlich in der Tagesschau zu Gesicht bekommen – überfüllte Boote, die hilflos auf dem Mittelmeer treiben, vom Kentern und Untergang bedroht.

 21 Und als man lange nichts gegessen hatte, trat Paulus mitten unter sie und sprach: Liebe Männer, man hätte auf mich hören sollen und nicht von Kreta aufbrechen, dann wäre uns Leid und Schaden erspart geblieben.

            Paulus nimmt das Wort. Er scheint, er kann es nicht lassen, an seine Warnungen zu erinnern. So menschlich ist der Mann Paulus. „Wie so manche der apostolischen Reden in der Apostelgeschichte beginnt auch diese Ansprache des Paulus mit einer Anklage, die zur Einkehr führen soll.“(G. Stählin, aaO.  S. 317)  Ich versuche, mir vorzustellen, wie das, was Paulus sagt, auf die Leute wirkt. Es hat ja in der Tat erst einmal den Anschein, als wollte er sagen: „Selbst schuld. Hättet ihr nur auf mich gehört.“ Solche Sätze mögen manchmal verständlich sein, aber sie sind fast immer wenig hilfreich und schon gar nicht willkommen. Als ob alle, die die Entscheidung zur Weiterfahrt getroffen haben, sie nicht längst schon bereuen würden. Aber es geht ja nicht: Zurück auf Anfang, neue Entscheidung. Man muss oft genug mit den Entscheidungen leben, die früher getroffen worden sind, auch von einem selbst.

22 Doch nun ermahne ich euch: Seid unverzagt; denn keiner von euch wird umkommen, nur das Schiff. 23 Denn diese Nacht trat zu mir der Engel des Gottes, dem ich gehöre und dem ich diene, 24 und sprach: Fürchte dich nicht, Paulus, du musst vor den Kaiser gestellt werden; und siehe, Gott hat dir geschenkt alle, die mit dir fahren. 25 Darum, liebe Männer, seid unverzagt; denn ich glaube Gott, es wird so geschehen, wie mir gesagt ist. 26 Wir werden aber auf eine Insel auflaufen.

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Seefahrt

Apostelgeschichte 27, 1 – 12

 1 Als es aber beschlossen war, dass wir nach Italien fahren sollten, übergaben sie Paulus und einige andre Gefangene einem Hauptmann mit Namen Julius von einer kaiserlichen Abteilung.

                Die Beschlüsse sind gefallen. Paulus wird nach Rom überstellt. Es ist wohl ein größerer Gefangenentransport, der da in Marsch gesetzt wird. Über die Gründe der Haft der anderen Gefangenen sagt Lukas nichts, man kann allenfalls spekulieren. Es werden keine „normalen“ Kriminellen sein, sondern wohl eher Leute, die mit poitischen Dingen in Zusammenhang gebracht werden. Alle Gefangenen werden einem Hauptmann Julius übergeben. Er gehört zu der syrischen Auxiliarcohorte, die den Ehrentitel Cohors Augusta führen durfte.(R. Pesch, Die Apostelgeschichte, EKK V/II, S. 288) Mit an Bord sind – freiwillig – einige Begleiter des Paulus, namentlich genannt wird nur Aristarch aus Saloniki. Das wir signalisiert dem Leser: Die Mitfahrer auf dieser Reise sind Augenzeugen des Geschehens.  

  2 Wir bestiegen aber ein Schiff aus Adramyttion, das die Küstenstädte der Provinz Asien anlaufen sollte, und fuhren ab; mit uns war auch Aristarch, ein Mazedonier aus Thessalonich. 3 Und am nächsten Tag kamen wir in Sidon an; und Julius verhielt sich freundlich gegen Paulus und erlaubte ihm, zu seinen Freunden zu gehen und sich pflegen zu lassen. 4 Und von da stießen wir ab und fuhren im Schutz von Zypern hin, weil uns die Winde entgegen waren, 5 und fuhren über das Meer längs der Küste von Zilizien und Pamphylien und kamen nach Myra in Lyzien.

                In der folgenden Schilderung der Seefahrt hebt Lukas zunächst hervor, dass sich Julius freundlich gegenüber Paulus verhält. Er lässt ihm Freiheiten. Hinter den Freunden, die Paulus aufsuchen darf, kann man Leute aus der Gemeinde in Sidon vermuten. Offensichtlich spürt der Soldat, dass er von diesem Gefangenen nichts Böses zu erwarten hat. Er hat keine Sorge, dass er flüchten könnte.

Die Reise selbst aber geht nicht glatt vonstatten. Der Wind macht Schwierigkeiten. Darum wird wohl immer wieder die schützende Küstennähe gesucht. Dazu kommen vermutlich  auch Notwendigkeiten, die sich aus den Interessen des Schhiffseigentümers ergeben. Für ihn ist der Gefanenen-Transport ja nur ein Zusatzgeschäft. Sein eigentliches Geschäft ist Warentransport und deswegen braucht er die Nähe zur Küste und das Anlaufen der Häfen, in denen er verkaufen kann. Dazu mag kommen: Die Fahrt über das freie Meer wäre zu gefährlich. Schließlich wird Myra erreicht, ein Hafen an der südlichen, kleinasiatischen Küste.

  6 Und dort fand der Hauptmann ein Schiff aus Alexandria, das nach Italien ging, und ließ uns darauf übersteigen. 7 Wir kamen aber viele Tage nur langsam vorwärts und gelangten mit Mühe bis auf die Höhe von Knidos, denn der Wind hinderte uns; und wir fuhren im Schutz von Kreta hin, bis auf die Höhe von Salmone, 8 und gelangten kaum daran vorbei und kamen an einen Ort, der »Guthafen« heißt; nahe dabei lag die Stadt Lasäa.

                In Myra heißt es umsteigen. Der ganze Transport wird auf ein anderes Schiff geladen. Es kommt aus Alexandria und soll nach Italien fahren. Diese Herkunft deutet auf ein höheres Maß an  Seetauglichkeit hin. Wieder machen die Winde das Vorankommen schwierig. Das Schiff hat längst die kleinasiatischen Küstengewässer verlassen und befindet sich jetzt südlich von Kreta. Dort wird ein Ort namens Guthafen angesteuert.

  9 Da nun viel Zeit vergangen war und die Schifffahrt bereits gefährlich wurde, weil auch die Fastenzeit schon vorüber war, ermahnte sie Paulus 10 und sprach zu ihnen: Liebe Männer, ich sehe, dass diese Fahrt nur mit Leid und großem Schaden vor sich gehen wird, nicht allein für die Ladung und das Schiff, sondern auch für unser Leben.

               Man ist durch das mühsame Reisen deutlich im Zeitverzug. Dass die Fastenzeit schon vorüber ist, deutet auf Oktober hin. Nach dieser Zeit wird die Schifffahrt im Mittelmeer leicht zum Abenteuer. Deshalb meldet sich Paulus zu Wort. Man darf ihm unterstellen, dass er durch seine vielen Reisen Einiges an Erfahrung gesammelt hat. Er kann von sich sagen: Dreimal habe ich Schiffbruch erlitten, einen Tag und eine Nacht trieb ich auf dem tiefen Meer.“(2. Korinther 11, 25). Das reicht, um ein gewisses Maß an Kompetenz vorzuweisen.

Paulus warnt. Wenn man weiter fährt, steigt das Risiko, für die Fracht, für die Passagiere und für das Schiff selbst. Es wird lebensgefährlich werden. Womöglich hat Paulus auch im Sinn, dass das Mittelmeer ab Mitte Oktober zum „mare claustrum“ wird: „Betreten auf eigenen Gefahr!“ Die Schifffahrt wird vernünftigerweise eingestellt. Steckt hinter der Warnung die Weitsichtigkeit des Vielreisenden, der Gefahren ahnt? Manchmal reicht ja schon ein gesundes Maß an Lebenserfahrung, um Gefahren kommen zu sehen, für die Andere noch blind sind. „Seefahrt“ weiterlesen

Beinahe

Apostelgeschichte 26, 24 – 32

24 Als er aber dies zu seiner Verteidigung sagte, sprach Festus mit lauter Stimme: Paulus, du bist von Sinnen! Das große Wissen macht dich wahnsinnig.

                Bis dahin haben sie alle zugehört. Still, merkwürdig berührt. Vielleicht auch fasziniert von der inneren Freiheit, der sie sich in diesem Mann Paulus gegenüber sehen. Genau deshalb reagiert Festus. Und wird laut: Du bist von Sinnen! Das große Wissen macht dich wahnsinnig. Du vergisst, wo Du bist und wie es um Dich steht. Schmeicheleien hätte er erwartet – und abgewiesen. Betteln um Gnade hätte er erwartet – und abgewiesen. Aber diese Rede! Das ist Wahnsinn. Festus hat Recht.

πολογουμνος steht da im Griechischen. Daraus ist Apologie als das deutsche Lehnwort erwachsen. Eine Rede zur Verteidigung, zur Rechtfertigung, zur Verantwortung. Das Verb wird auch wiedergegeben mit genau „auseinander setzen.“(Gemoll, aaO. S. 105) Es ist im strengen Sinn keine Verteidigungsrede. Paulus plädiert nicht auf Unschuld oder Missverständnis. Er richtet seinen Auftrag aus. Er ist hier der Zeuge, zu dem er vor Jahrzehnten berufen worden ist durch Christus. Er will auch nur Zeuge dafür sein, dass Gott sein „Projekt Auferstehung der Toten“ mitten in der Weltzeit in der Auferstehung Jesu in Gang gesetzt hat, unwiderruflich angefangen.

25 Paulus aber sprach: Edler Festus, ich bin nicht von Sinnen, sondern ich rede wahre und vernünftige Worte. 26 Der König, zu dem ich frei und offen rede, versteht sich auf diese Dinge. Denn ich bin gewiss, dass ihm nichts davon verborgen ist; denn dies ist nicht im Winkel geschehen. 27 Glaubst du, König Agrippa, den Propheten? Ich weiß, dass du glaubst.

            Paulus aber hält wieder dagegen. Nicht ich bin von Sinnen oder verrückt. Ich weiß doch, was ich tue. παρρησιαζόμενος – freimütig spricht Paulus, ungebunden, seinen Fesseln zum Trotz. Vielleicht ist er nie so frei wie in diesem Augenblick. Aber die Situation ist verrückt. Was Paulus sagt und bezeugt, ist ja keine Winkelangelegenheit. Es ist in Jerusalem geschehen, der Stadt Gottes. Und was er als Glauben Israels vertritt, das kann jeder in den Schriften nachlesen.

               Und dann spricht Paulus Agrippa direkt auf sein Wissen und seinen Glauben hin an – unerhört, einmalig im ganzen Neuen Testament. Er sucht, Agrippa eine Brücke zu bauen, ihn aus der Reserve zu locken. Er spricht ihn an auf den Glauben der Väter, sucht ihn als Juden: Glaubst du den Propheten? Im Evangelium heißt es: „Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.“ (Lukas 16,31) Glaubt Agrippa den Propheten, so wird er auch nicht anders können als an den glauben, der von den Toten auferstanden ist. „Beinahe“ weiterlesen

zum 3. Mal: Damaskus

Apostelgeschichte 26, 1 – 23

Agrippa aber sprach zu Paulus: Es ist dir erlaubt, für dich selbst zu reden.

             Ist das großmütig? Natürlich darf der Gefangene nicht einfach los-reden. Natürlich muss er warten, bis er gefragt ist. Aber es klingt doch schon ein wenig: „Sag mal was. Egal was. Unterhalte uns. Aber wisse: Es ändert nichts an Deiner Lage.“ Es ist der jüdische König, der Paulus auffordert zu reden, nicht der römische Prokurator. Das allein zeigt schon: Was Paulus sagen wird, hat rechtlich betrachtet, keine Relevanz und zeitigt auch keine Folgen für seinen Prozess.

Da streckte Paulus die Hand aus und verantwortete sich: 2 Es ist mir sehr lieb, König Agrippa, dass ich mich heute vor dir verantworten soll wegen all der Dinge, deren ich von den Juden beschuldigt werde, 3 vor allem weil du alle Ordnungen und Streitfragen der Juden kennst. Darum bitte ich dich, mich geduldig anzuhören.

                    Wie stelle ich mir die ausgestreckte Hand des Paulus vor? Zum Gruß erhoben? Ist es die Geste, die einer am Beginn einer Rede macht, um Aufmerksamkeit zu gewinnen, gar, um Ruhe zu erbitten? Paulus ist ja eigentlich nicht in der Situation, eine große Rede halten zu dürfen. Darum wirkt sein Redner-Gestus auf die Zuhörer möglicherweise fast ein wenig deplatziert, anmaßend.

Die ersten Sätze sind ein Dank für die Chance, die ihm eröffnet wird. Er kann sich vor Agrippa verantworten. Ihn sieht er als den Adressaten, an den sich seine Worte zu richten haben, den er „gewinnen“ will. Er steht vor einem König, der jüdisches Denken kennt, aber nicht vor einem jüdischen Tribunal, das gar nicht mehr zuhören muss, weil es schon weiß, was Sache ist. Es ist so auch ein Appell an Agrippa, sich unvoreingenommen ein Bild zu machen. Dabei weiß Paulus dennoch ja sehr wohl: Alle Entscheidungen über seine Zukunft liegen bei Festus.

4 Mein Leben von Jugend auf, wie ich es von Anfang an unter meinem Volk und in Jerusalem zugebracht habe, ist allen Juden bekannt, 5 die mich von früher kennen, wenn sie es bezeugen wollten. Denn nach der allerstrengsten Richtung unsres Glaubens habe ich gelebt als Pharisäer.

Inhaltlich weist Paulus als Erstes darauf hin: Ich bin Jude und wollte nie etwas Anderes sein. Es gibt aus seiner bisherigen Biographie keinen Grund zum Zweifel an seiner Gesetzestreue – das müssen alle bestätigen. Pharisäer wie Paulus nehmen es in ihrer Lebenspraxis mit dem Gesetz genau.   

6 Und nun stehe ich hier und werde angeklagt wegen der Hoffnung auf die Verheißung, die unsern Vätern von Gott gegeben ist. 7 Auf ihre Erfüllung hoffen die zwölf Stämme unsres Volkes, wenn sie Gott bei Tag und Nacht beharrlich dienen. Wegen dieser Hoffnung werde ich, o König, von den Juden beschuldigt. 8 Warum wird das bei euch für unglaublich gehalten, dass Gott Tote auferweckt?

Ohne weitere Umschweife kommt er auf das zentrale Thema zu sprechen. Es geht um die jüdische Hoffnung auf die Auferstehung der Toten. Was Juden seit uralter Zeit erhoffen, das wird ihm vorgeworfen. So Paulus, der dabei den Unterschied überspringt, dass er an die Auferweckung eines Toten, Jesu von Nazareth, mitten in der Geschichte glaubt, während Israels Hoffnung der Auferstehung sich auf das Ende der Geschichte richtet. Dieser Unterschied ist Paulus wohl bewusst. Aber er verschweigt ihn, weil es ihm um seine jüdische Identität geht. Er betont vielmehr: Was er von Christus glaubt, ist jüdisch gedacht und geglaubt.  „zum 3. Mal: Damaskus“ weiterlesen

Fachexpertise gefragt?

Apostelgeschichte 25, 13 – 27

Nach einigen Tagen kamen König Agrippa und Berenike nach Cäsarea, Festus zu begrüßen.

                   Es ist noch immer Anfangszeit und Zeit der Antrittsbesuche. So kommt auch König Agrippa mit seiner Frau Berenike, um dem neuen Prokurator seine Aufwartung zu machen. „Berenike, in einer ihrer früheren Ehen mit dem Onkel Herodes von Chalkis verheiratet, später Mätresse des Kaisers Titus, lebte damals mit ihrem Bruder zusammen, in einer den Juden höchst anstößigen inzestuösen Verbindung.“(R. Pesch, Die Apostelgeschichte, EKK V/II, S.269) Damit umzugehen  ist diplomatischer Alltag.

  14 Und als sie mehrere Tage dort waren, legte Festus dem König die Sache des Paulus vor und sprach: Da ist ein Mann von Felix als Gefangener zurückgelassen worden; 15 um dessentwillen erschienen die Hohenpriester und Ältesten der Juden vor mir, als ich in Jerusalem war, und baten, ich solle ihn richten lassen. 16 Denen antwortete ich: Es ist der Römer Art nicht, einen Angeklagten preiszugeben, bevor er seinen Klägern gegenüberstand und Gelegenheit hatte, sich gegen die Anklage zu verteidigen.

                Festus sucht bei dem landeskundigen König fachlichen Rat, darum legt er ihm die Sache des Paulus vor. Aber seine Formulierung Da ist ein Mann lässt zugleich Desinteresse vermuten, dass ihm die ganze Geschichte einfach lästig ist. Er hat von Felix einen Fall geerbt, den er irgendwie gerne loswerden würde. Aber weil die Hohenpriester und die Ältesten der Juden so drängeln, kann er nicht einfach zur Tagesordnung übergehen.

Die Forderung der Ältesten, ihn richten zu lassen, ihn an sie zu übergeben, ist ihm gleichwohl nicht recht. Da sträubt sich etwas in ihm, sei es sein Rechtsempfinden oder sein Machtinstinkt. So lässt er sie auch regelrecht abblitzen und besteht auf Klärung der Sachlage in Cäsarea. Darum besteht Festus auf einem ordentlichen Verfahren, auf rechtsstaatlichem Vorgehen.

  17 Als sie aber hier zusammenkamen, duldete ich keinen Aufschub, sondern hielt am nächsten Tag Gericht und ließ den Mann vorführen. 18 Als seine Ankläger auftraten, brachten sie keine Anklage vor wegen Vergehen, wie ich sie erwartet hatte. 19 Sie hatten aber Streit mit ihm über einige Fragen ihres Glaubens und über einen verstorbenen Jesus, von dem Paulus behauptete, er lebe.

                Festus fasst seine Erfahrungen mit dem Fall  gegenüber Agrippa zusammen. Der Versuch, die Fakten sofort, an Ort und Stelle und ohne Aufschub zu klären, hat nichts erbracht. Stichhaltige Anklagen, die für ihn justiziabel gewesen wären, hat er nicht gehört. Stattdessen ging es um innerjüdische Streitfragen in Sachen Glauben.

Vielleicht war Festus schon in Rom davor gewarnt worden, dass so etwas auf ihn zukommen könnte. Und jetzt auf einmal diese dubiose Debatte um einen verstorbenen Jesus, von dem Paulus behauptete, er lebe. Wie fremd muss Festus das alles vorgekommen sein. Auferstehung der Toten kommt im Denken eines römischen Realpolitikers kaum vor. „Fachexpertise gefragt?“ weiterlesen

Die Berufung auf den Kaiser

Apostelgeschichte 25, 1 – 12

 1 Als nun Festus ins Land gekommen war, zog er nach drei Tagen von Cäsarea hinauf nach Jerusalem. 2 Da erschienen die Hohenpriester und die Angesehensten der Juden vor ihm gegen Paulus und drangen in ihn 3 und baten ihn um die Gunst, dass er Paulus nach Jerusalem kommen ließe; denn sie wollten ihm einen Hinterhalt legen, um ihn unterwegs umzubringen.

                Der neue Prokurator Festus tritt seinen Dienst an. Kaum in Jerusalem angekommen, wird er mit den „Altlasten“ seines Vorgängers Felix konfrontiert. Dem hatte der Gefangene Paulus keine Sorgen bereitet. Vielleicht hatte er ihn manchmal regelrecht „vergessen“. Aber die geistliche Führung der Juden in Jerusalem hat diesen Gefangenen Paulus nie vergessen. Sie wollen den Fall erledigt haben, wollen Paulus weg haben, egal wie. Es ist die alte Wut, über zwei Jahre hin aufgestaut. Das freilich sagen sie Festus nicht, als sie Festus bitten, die Wiederaufnahme des Falles in Jerusalem zu betreiben. Der alte Überfall-Plan wird wieder ausgegraben.

4 Da antwortete Festus, Paulus werde weiter in Gewahrsam gehalten in Cäsarea; er selber aber werde in Kürze wieder dahin ziehen. 5 Die nun unter euch ermächtigt sind, sprach er, die lasst mit hinabziehen und den Mann verklagen, wenn etwas Unrechtes an ihm ist. 6 Nachdem aber Festus bei ihnen nicht mehr als acht oder zehn Tage gewesen war, zog er hinab nach Cäsarea.

             „Der Römer lehnt das Ansinnen ab, wobei sich nicht sein besseres Wissen, etwa aus den Akten, die er wohl noch kaum hat einsehen können, sondern seine Redlichkeit zeigt.“(G. Schille, Die Apostelgeschichte des Lukas, Theol. Hand-Kommentar zum NT, Bd. 5; Berlin 1983, s. 441) Spürt er, dass ihm nicht alles gesagt wird? Die Antwort des Festus durchkreuzt die heimtückischen Planungen. Und sie brüskiert die Jerusalemer. Sagt doch der Römer nichts anderes als: Ich lasse mir von euch nichts vorschreiben, weder den Ort noch den Zeitplan für ein Verfahren. So müssen sie sich erneut nach Cäsarea bequemen, wenn sie den Mann verklagen wollen.

 Und am nächsten Tag setzte er sich auf den Richterstuhl und ließ Paulus holen. 7 Als der aber vor ihn kam, umringten ihn die Juden, die von Jerusalem herabgekommen waren, und brachten viele und schwere Klagen gegen ihn vor, die sie aber nicht beweisen konnten.

             Festus ist das Gegenteil von Felix. Er verschleppt nicht, sondern bringt den Fall Paulus voran. Kaum zurück in Cäsarea lässt er ihn vorführen.  Auch wenn die anklagenden Juden zugegen sind und Paulus regelrecht einkreisen – Festus ist der Herr des Verfahrens. Mögen die Anklagen gegen Paulus noch so zahlreich und schwer sein. Sie lassen sich nicht beweisen. Für die Juden ist das ein Desaster. „Die Berufung auf den Kaiser“ weiterlesen

Bestechung als Ausweg?

Apostelgeschichte  24, 22 – 27

22 Felix aber zog die Sache hin, denn er wusste recht gut um diese Lehre und sprach: Wenn der Oberst Lysias herabkommt, so will ich eure Sache entscheiden. 23 Er befahl aber dem Hauptmann, Paulus gefangen zu halten, doch in leichtem Gewahrsam, und niemandem von den Seinen zu wehren, ihm zu dienen.

Felix verhält sich so, wie sich Politiker gerne verhalten. Er spielt auf Zeit. Er will sich nicht festlegen, schon gar nicht inhaltlich festlegen. Dass er von der Bedeutung der Auferstehung für den Glauben Israels gehört hat, muss nicht weit hergeholt sein. Es ist auch für einen hohen römischen Beamten immer gut, sich mit den kulturellen Gegebenheiten des Landes vertraut zu machen. Dazu gehören auch religiöse Überzeugungen, zumal sie damals nicht Privatsachen sind wie heutzutage, sondern den Alltag der Menschen durch und durch bestimmen und prägen.

Gleichwohl: er verschiebt seinen Urteilsspruch. Wenn Lysias da ist, der Oberst, der Paulus festgesetzt und überstellt hatte, dann wird er entscheiden. Bis dahin bleibt Paulus gefangen, aber es gibt doch Hafterleichterungen, die ihm signalisieren mögen: Es steht nicht schlecht um meine Sache.

24 Nach einigen Tagen aber kam Felix mit seiner Frau Drusilla, die eine Jüdin war, und ließ Paulus kommen und hörte ihn über den Glauben an Christus Jesus. 25 Als aber Paulus von Gerechtigkeit und Enthaltsamkeit und von dem zukünftigen Gericht redete, erschrak Felix und antwortete: Für diesmal geh! Zu gelegener Zeit will ich dich wieder rufen lassen. 26 Er hoffte aber nebenbei, dass ihm von Paulus Geld gegeben werde; darum ließ er ihn auch oft kommen und besprach sich mit ihm.

Hat Paulus auf Felix Eindruck gemacht? Hat seine Frau Drusilla als Jüdin sich für den Gefangenen und seine Botschaft interessiert? Jedenfalls lässt er Paulus kommen und lässt ihn reden, hört ihm zu in dem, was er über den Glauben an Christus Jesus zu sagen weiß. Die karge Formulierung des Lukas weist darauf hin, dass Paulus wohl von den Konsequenzen des Glaubens geredet hat, von  Gerechtigkeit und Enthaltsamkeit und von dem zukünftigen Gericht.

Felix ist ein Hörer, wie es viele sind: So genau hatte er es gar nicht wissen wollen. Ein paar steile, ruhig auch ungewohnte theologische Sätze über Gott – dagegen hat niemand etwas. Aber das eigene Leben im Licht des Evangeliums beleuchtet sehen? Da rückt der Glaube unangenehm nahe an einen Menschen heran. Und darum spielt Felix wieder auf Zeit: Für diesmal geh! Zu gelegener Zeit will ich dich wieder rufen lassen. Es gibt für einen Statthalter noch mehr zu tun als einen Prediger Paulus anzuhören.

Es passt zum Bild, das andere Texte der Antike von Felix zeichnen, dass er auch auf Geldzuwendungen hoffte. Bestechlichkeit von Beamten und Würdenträgern ist durchaus kein ausschließlich neuzeitliches Phänomen. Mit Geld kann der Gerechtigkeit auch früher schon einmal nachgeholfen werden. Die Hoffnung auf solche Zuwendungen macht Paulus zu einem recht gern gesehenen Gesprächspartner bei Felix. Hat er diese Hoffnung des Felix geschickt am Leben erhalten?

27 Als aber zwei Jahre um waren, kam Porzius Festus als Nachfolger des Felix. Felix aber wollte den Juden eine Gunst erweisen und ließ Paulus gefangen zurück.

Der Aufenthalt im Palast des Herodes zieht sich in die Länge. Zwei Jahre später wird Felix abgelöst. „Sein Bruder Pallas war bei Nero in Ungnade gefallen… Er verlor in der zweiten Hälfte des Jahrs 55 sein Amt als Leiter der kaiserlichen Finanzverwaltung. (R. Pesch, aaO. S. 262) Mit dem Fall seines Bruders hatte Felix seine Rückendeckung in Rom verloren. So wird er durch Porzius Festus ersetzt. Der erbt mit allen anderen Akten auch den Gefangenen Paulus. Felix fehlte offensichtlich der Wille, diese Geschichte vorher zum Abschluss zu bringen. Was interessiert einen Statthalter schon, dass er seit zwei Jahren einen Gefangenen hat, der auf einen Urteilsspruch wartet.

Während Felix nur seinen Posten verliert, aber ansonsten in eine nicht unkomfortable Lebenssituation zurückgeht, verliert Paulus zwei Jahre seines Lebens im Gefängnis. Zwei Jahre, weit über 700 Tage. Der Evangelist, der weiß, dass seine Gemeinden ihn brauchen, sitzt fest. Der Prediger, der eine Botschaft hat, die ihn bis an die Enden der Erde führen soll, sitzt in einer Gefängniszelle fest. „Da draußen liegt die Welt und wartet auf das Evangelium. Und der Apostel, der es ihr bringen soll, der sitzt gefangen…Zwei Jahre Gefangenschaft, ohne zu wissen, was werden soll, sind eine furchtbar lange Zeit.’“ (O. Dibelius, Die werdende Kirche, Eine Einführung in die Apostelgeschichte, S. 318) Paulus weiß sich berufen. Aber der ihn berufen hat, holt ihn nicht aus diesem „Wartestand“ heraus. Ab und zu wird er einmal zum Gespräch gebeten. Aber nichts geht vorwärts.

Ich erinnere mich an das Jahr 1995. Über lange Wochen hin war ich lahmgelegt, nachdem ich gerade eine neue Aufgabe voll innerer Spannung und Freude übernommen hatte. Schmerzgeplagt an Leib und Seele musste ich Veranstaltung nach Veranstaltung absagen. Was denkt sich Gott, der mich in diese Arbeit ruft und sie mir dann durch Krankheit versperrt? Fragen, die wehgetan haben. Es hat Jahre gedauert, bis ich mich mit diesen drei Monaten Stillstand versuchsweise versöhnen konnte und sie als Wachstumszeit für meine Seele ansehen konnte.

Ich bin nicht Paulus und Paulus ist nicht ich. Aber die Frage stellt sich mir schon: Ob Paulus diese zwei Jahre im Kerker, wenn auch bei leichter Haft, jemals als Wachstumszeit für sich sehen konnte? Ich weiß es nicht. Aber immerhin schreibt er in seinem Brief nah Philippi über seine Gefangenschaft:  Ich lasse euch aber wissen, Brüder und Schwestern: Wie es um mich steht, das ist zur größeren Förderung des Evangeliums geschehen. Denn dass ich meine Fesseln für Christus trage, das ist im ganzen Prätorium und bei allen andern offenbar geworden, und die meisten Brüder in dem Herrn haben durch meine Gefangenschaft Zuversicht gewonnen und sind umso kühner geworden, das Wort zu reden ohne Scheu.“(Philipper 1, 12-14) Ob das auf diese zwei endlos langen Jahre in Cäsarea gemünzt ist, wissen wir nicht.

 

 

Herr, wie viel Geduld wird einem abverlangt, der ohne Anklage, ohne klare Beschuldigung in Haft sitzt. Wie viel Geduld wird einem abverlangt, der, gesandt von Dir, das Evangelium unter die Leute bringen will und lahm gelegt wird.

Herr, es ist hart, abhängig zu sein vom Wohlwollen anderer, die die Macht haben. Es ist hart, nicht den eigenen Weg gehen zu können, weil er kleinlich versperrt wird, die Umstände nicht stimmen, der Weg nicht frei ist.

Es tut weh, das Evangelium sagen zu wollen, von Dir reden zu wollen und es nicht zu können, weil man festgelegt, festgesetzt ist, die Möglichkeiten einem genommen werden.

Es ist gut, dass Du auch dann bei Deinen Leuten bist. Amen