Widerstand – zwecklos

Apostelgeschichte 10, 24 – 48

24 Und am folgenden Tag kam er nach Cäsarea.

Zwei Tage dauert der Weg von Joppe nach Cäsarea. Kein Wort über die Beschwerlichkeiten des Weges. Kein Wort über die Gedanken, die sich Petrus auf diesem Weg macht. Er hat reichlich Zeit zum Nachdenken. Wie schnell eilen wir dem gegenüber von Ort zu Ort. So rasch wechselt bei uns der Platz, an dem wir sind, dass unsere Seele kaum nachzukommen vermag.

 Kornelius aber wartete auf sie und hatte seine Verwandten und nächsten Freunde zusammengerufen. 25 Und als Petrus hereinkam, ging ihm Kornelius entgegen und fiel ihm zu Füßen und betete ihn an.

Petrus wird erwartet. Es klingt so, als habe Kornelius die ganze Zeit schon am Fenster gestanden. Aber er hat die Zwischenzeit genützt. Verwandte und nächsten Freunde sind da, gerufen von ihm, der sich sicher war: Meine Boten werden Erfolg haben. Sie bringen diesen Petrus mit. Und als Petrus nun endlich kommt, erweist Kornelius, der Besatzungssoldat, ihm, dem Juden, kniefällig Ehre. Meine Vermutung: er sieht in Petrus den heiligen Menschen, der von Gott gebraucht wird, aber nicht unbedingt eine göttliche Erscheinung. Auch damals sind Götter keine gewohnter Umgang.

Mag sein, dass die Ehrung Petrus schon peinlich ist, dass er überrascht ist. Die Machtverhältnisse in Israel sind ja genau umgekehrt. Da kann ein Römer einen Juden in den Staub treten. Fängt hier eine neue Zeit an?

26 Petrus aber richtete ihn auf und sprach: Steh auf, ich bin auch nur ein Mensch.

Petrus wehrt ab, wehrt einem Missverständnis. Ich bin kein heiliger, kein himmlischer Bote. Ich bin einer wie du, ein Mensch, νθρωπς. Nicht mehr. Mir steht es nicht zu, dass ich angebetet werde. Denn das war der Kniefall des Kornelius, ein Akt der Anbetung. Das ist, was Christen erwarten für das Ende der Zeiten: „Ja, alle Völker werden kommen und anbeten vor dir, denn deine gerechten Gerichte sind offenbar geworden.“ (Offenbarung 15,4) Solche Anbetung gebührt dem Herrn Jesus. Aber Petrus steht sie nicht zu.

Manchmal höre ich den Satz Ich bin auch nur ein Mensch auch heutzutage. Er ist dann eher eine Entschuldigung für Fehlleistungen. Nach dem Motto: `Jeder macht Fehler. Ich auch.’ Er ist eine Abwehr von Erwartungshaltungen. Er soll bitteren Enttäuschungen und womöglich Anklagen wehren. Denn wer „hoch gejubelt wird“, der steht unter besonderer Beobachtung und wird oft genug geradezu genüsslich demontiert, wenn es sich zeigt: Fehlbar! Hier geht es nicht um die Abwehr übersteigerter Erwartungen, sondern um die Zurückweisung einer Ehre, die Petrus nicht zusteht. „Widerstand – zwecklos“ weiterlesen

Irritierter Widerstand

Apostelgeschichte 10, 1 – 23

1 Es war aber ein Mann in Cäsarea mit Namen Kornelius, ein Hauptmann der Abteilung, die die Italische genannt wurde. 2 Der war fromm und gottesfürchtig mit seinem ganzen Haus und gab dem Volk viele Almosen und betete immer zu Gott.

         Eben noch war Joppe Schauplatz des Geschehens. Und jetzt lenkt Lukas den Blick weiter nach Cäsarea am Meer, nicht allzu weit von Joppe entfernt. Der Ort ist „Garnisonsstadt“. Eine Einheit des römischen Heeres ist dort stationiert. In dieser Einheit, deren Namen Lukas zu nennen weiß, die Italische genannt, ist ein Hauptmann mit Namen Kornelius. Nicht nur sein Name ist bekannt, sondern auch seine innere Einstellung: fromm und gottesfürchtig mit seinem ganzen Haus. Einer, der, obwohl Besatzungssoldat die Nähe zum jüdischen Volk sucht. Einer, der wohl auch angezogen ist vom Glauben Israels an den einen Gott.

Fromm wird er von Lukas genannt, ευσεβής steht da im Griechischen. Das Wort ist im NT nicht durch den christlichen Glauben gefüllt. Es ist mehr eine noch schwebende, suchende Religiosität. So ist also Kornelius einer, der auf dem Weg ist, auf der Suche, eben, einer der gottesfürchtig ist, aber noch nicht wirklich dazu gehört. Diese Einstellung brachte ihn an die Schwelle des Judentums. Gottesfürchtig, aber dennoch bleibt eine Grenze im Spiel.

  3 Der hatte eine Erscheinung um die neunte Stunde am Tage und sah deutlich einen Engel Gottes bei sich eintreten; der sprach zu ihm: Kornelius! 4 Er aber sah ihn an, erschrak und fragte: Herr, was ist? Der sprach zu ihm: Deine Gebete und deine Almosen sind vor Gott gekommen und er hat ihrer gedacht.

 „Gott spannt leise feine Fäden.“ Nach der Beschreibung kommt die Geschichte in Gang.  Sie wird durch Gott in Gang gesetzt. Das ist wichtig für die ganze folgende Erzählung: Gott ist hier initiativ. Die Menschen, sowohl Kornelius als auch Petrus kommen immer nur nach.

 Ein Engel Gottes tritt auf. Es wird nicht gesagt, dass Kornelius gerade im Gebet ist. Erst später im Fortgang der Erzählung (10,30) erfährt der Leser aus dem Mund des Kornelius, dass er tatsächlich betete. Kornelius hat sich an der jüdischen Gebetspraxis orientiert. Sie ist ihm vertraut, wohl auch eine Hilfe. Ein Ritual, das sein Leben stützt. „Irritierter Widerstand“ weiterlesen

Wunder über Wunder

Apostelgeschichte 9, 32 – 43

 32 Es geschah aber, als Petrus überall im Land umherzog, dass er auch zu den Heiligen kam, die in Lydda wohnten.

Petrus nützt die Zeit des Friedens, um sich auf den Weg zu machen. Er besucht die Heiligen, die sich ja zur Zeit der Bedrängnis in Jerusalem (8,1) in die Städte und Dörfer des Landes verzogen haben. Was für einen Charakter hat dieses Umherziehen? Es könnte so eine Art „Inspektionsreise“ sein mit der Frage: Wie steht es um euch? Es könnte auch ein Kontakthalten sein, das deutlich macht: Ihr seid nicht vergessen. Also mehr eine Seelsorge-Aktion als eine Reise mit zielgerichtet missionarischer Absicht. „Brüderlicher Besuchsdienst“ zu einer Zeit, in der es anders kaum möglich war, im Kontakt zu bleiben. So kommt Petrus auch nach Lydda. Lydda ist ein Ort 20 km entfernt von Tel Aviv, in der Schefola, der fruchtbaren Landschaft zwischen Meer, judäischer Wüste und judäischem Bergland.

  33 Dort fand er einen Mann mit Namen Äneas, seit acht Jahren ans Bett gebunden; der war gelähmt. 34 Und Petrus sprach zu ihm: Äneas, Jesus Christus macht dich gesund; steh auf und mach dir selber das Bett. Und sogleich stand er auf.

Zu diesem seelsorgerlichem Charakter der Wanderung passt es, dass Petrus als Ersten einen Gelähmten findet.  Er stößt bei seinem Wandern auf ihn. Wenn Äneas etwas braucht, dann ist es Zuwendung, Aufmerksamkeit. Wer acht Jahre ans Bett gefesselt ist, der ist nicht mehr so im Blick. Da kann es verdammt einsam um einen werden.

Ist Äneas einer der Heiligen, die sich dorthin, in die Schefola zurückgezogen haben? Dagegen spricht, dass er seit acht Jahren ans Bett gebunden ist. Wie aber ist es dann um ihn und seine Beziehung zu den Heiligen bestellt? Er könnte auch ein Bewohner von Lydda sein, der immer schon dort lebt. Und er könnte durch die Vertriebenen aus Jerusalem für den neuen Glauben gewonnen worden sein

 Petrus findet ihn. ερεν meint wirklich finden, auch ohne zielgerichtetes Suchen. Aber gefunden Werden ist gleichwohl keine Sache des Zufalls. In Jesu Gleichnissen vom Verloren (Lukas 15) spielt es eine große Rolle. Jesus erzählt von der Freude, die entsteht, wenn Einer oder etwas gefunden wird. Dass Petrus Äneas findet, ist, so gelesen, der erste Schritt zur Freude.

Wie schon bei der Heilung des Gelähmten an der Schönen Pforte (3,1–10) handelt Petrus, ohne lange zu fragen. Nicht: „Was willst du, dass ich dir tun soll?“ Auch nicht: „Glaubst du, dass Jesus dich heilen kann?“ Es geht nicht um den Glauben des Kranken. Äneas wird nicht mehr erwartet haben als ein paar gute Worte, freundliche Zuwendung. Wer soll ihm schon auf die Beine helfen können? Der Apostel sieht die Not des Kranken, seine verlegenen Jahre, und er handelt aus der Vollmacht, die er in sich weiß. „Wunder über Wunder“ weiterlesen

Erste Schritte

Apostelgeschichte 9, 19b – 31

 Saulus blieb aber einige Tage bei den Jüngern in Damaskus. 20 Und alsbald predigte er in den Synagogen von Jesus, dass dieser Gottes Sohn sei.

Der Verfolger wird zum Prediger. Saulus bleibt in Damaskus, am Ort seiner Umkehr. Bei den Jüngern. Mischt sich unter die, die seine Opfer werden sollten. Aber es ist kein ruhiger Beginn. Es geht turbulent los mit dem neuen Gläubigen. Es ist kein Anfang, in dem er erst einmal sortiert, was ihm da widerfahren ist. Da sind keine 100 Tage Schonfrist, um sich zurecht zu finden, einen Schnellkurs in den Grundkenntnissen des neuen Glaubens zu absolvieren.

Alsbald macht er seinen Mund auf. Es ist das urchristliche Credo: Jesus ist der Herr, Jesus ist der Sohn Gottes. „Niemand kann Jesus den Herrn nennen außer durch den Heiligen Geist.“ (1.Korinther 12,3) wird Paulus später schreiben. Weiter als zu diesem Bekenntnis ist er nie gekommen. Es ist sein Glaube am Anfang und am Ende.

 21 Alle aber, die es hörten, entsetzten sich und sprachen: Ist das nicht der, der in Jerusalem alle vernichten wollte, die diesen Namen anrufen, und ist er nicht deshalb hierher gekommen, dass er sie gefesselt zu den Hohenpriestern führe?

Es ist nicht sonderlich verwunderlich, dass sich alle entsetzen, die das miterleben. Eine so völlige Lebenswende ist wirklich unerhört. Alle, Beteiligte und Unbeteiligte, auch Beobachter des Geschehens fragen verwirrt: Er wollte doch vernichten. Er wollte diesen neuen Glauben doch ausrotten mit Stumpf und Stiel. Und nun gehört er selbst zu denen, die er ausrotten, ausmerzen wollte. .

Ich kann mir vorstellen, dass einer sagt: So geht es. Was Du besonders bekämpfst, das wird zu deiner Gefährdung. Du musst aufpassen, dass du nicht so wirst wie das, was du bekämpfst, wie die, die du hasst. Unzählige Mal zeigt sich das in späteren Zeiten an anderen Orten.       „Erste Schritte“ weiterlesen

Die Umkehr des Hananias

Apostelgeschichte 9, 10 – 19a

10 Es war aber ein Jünger in Damaskus mit Namen Hananias; dem erschien der Herr und sprach: Hananias! Und er sprach: Hier bin ich, Herr.

Es bleibt eine offene Frage, wie es dazu kommt, dass es Jünger in Damaskus gibt. Sind sie durch die Christen in der Zerstreuung gewonnen worden? Oder sind sie selbst aus Jerusalem geflohen und haben in Damaskus sichere Zuflucht gesucht? Wie auch immer: Genau sie wollte Saulus festsetzen. Einer von ihnen ist Hananias. Ihm erscheint der Herr, ό κύριος, Jesus. Das ist gewollte Parallelität – vor Damaskus und in Damaskus ist der Herr der Handelnde, der Sprechende. Er ruft Hananias an und der antwortet: Hier bin ich, Herr. Es ist die Antwort, die Jesaja in der Tempel-Vision gibt. „Hier bin ich, sende mich!“ (Jesaja 6,8) Hananias sagt mehr als „Ich bin da.“ Er sagt: Ich stehe Dir zur Verfügung.

 11 Der Herr sprach zu ihm: Steh auf und geh in die Straße, die die Gerade heißt, und frage in dem Haus des Judas nach einem Mann mit Namen Saulus von Tarsus. Denn siehe, er betet 12 und hat in einer Erscheinung einen Mann gesehen mit Namen Hananias, der zu ihm hereinkam und die Hand auf ihn legte, damit er wieder sehend werde.

Hananias bekommt einen detaillierten Auftrag. Der Ort, die Adresse, der Mann – alles wird genannt. Und er hört, dass er erwartet wird. Er, zu dem er gesandt wird, hat ihn, obwohl im augenblick blind, in einem Gesicht schon gesehen. Er ist vorbereitet auf seinen „Besuch“.

Wie hier erzählt wird, erinnert an Szenen aus dem Evangelium. Jesus sendet seine Jünger zur Vorbereitung des Einzugs in Jerusalem (Lukas 19,30-31) und zur Vorbereitung des letzten Mahles (Lukas 22, 10-11) jedes Mal in ähnlicher Weise. Sie werden Menschen treffen, die ihnen weiterhelfen. Es reicht der Rückbezug auf den Herrn. Die Jünger Jesu gehen in unbekannte Situationen hinein, aber es sind vorbereitete Situationen.  Ein Hinweis an die Lesenden, weit über die erzählte Situation hinaus. Wohin ihr auch geht, ihr geht nie in unvorbereitetes, unbekanntes Land. Der Herr hat es schon zuvor gesehen, was ist. Er hat ein Auge auf den Weg vor euch, den ihr noch nicht überblicken könnt. „Die Umkehr des Hananias“ weiterlesen