Geöffnete Türen – geöffnete Herzen

Apostelgeschichte 16, 25 – 40

25 Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott.

Erstaunlich. Nicht dass sie beten, wohl aber, dass Paulus und Silas Gott loben. Sie könnten doch auch bitter feststellen: Die Wahrheit zahlt sich nicht aus! Der Einsatz für die Freiheit anderer zahlt sich nicht aus. Aber sie klagen nicht. Sie singen in ihrer Zelle Loblieder. Sie buchstabieren durch, was Paulus später einmal schreiben wird: „Alle Dinge dienen denen zum Besten, die Gott lieben.“(Römer 8, 28) Das weiß man aber manchmal erst hinterher. Sie scheinen so unabhängig von der äußeren Situation, dass sie jetzt schon loben können. Man kann schon fragen: „Was mögen die anderen Gefangengen gedacht haben, die sonst nur stöhnen und schimpfen und fluchen kannten?“(W. de Boor, Die Apostelgeschichte, Wuppertaler Studienbibel; S. 300) Ihr Singen verändert die innere Situation des Gefängnisses, auch wenn es am Äußeren erst einmal nichts ändert.

 Und die Gefangenen hörten sie. 26 Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, sodass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen und von allen fielen die Fesseln ab.

Wieder erweist sich das Gefängnis als Haus mit offenen Türen. Das ist in Jerusalem so gewesen (s.o.) und nun auch in Philippi. Nur ist es diesmal keine „englische“ Befreiungsaktion (5,12; 12,7-10), sondern ein Erdbeben. Gott kann nicht nur auf eine Weise eingreifen, lernen wir. Erdbeben sind in dieser Region keine ungewöhnlichen, gleichwohl aber doch erschütternden Ereignisse. Das Ergebnis: „Die Tore  stehen offen, das Land ist hell und weit.“ (K.P. Hertzsch, 1989, EG 395,3) 

7 Als aber der Aufseher aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offen stehen, zog er das Schwert und wollte sich selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen.

                     Was für die einen wie eine offene Tür wirkt, ist für den Kerkermeister wie ein Todesurteil. „Der Kerkermeister haftet für die sichere Verwahrung der Gefangenen und hat bei deren Entkommen eine harte Strafe zu erwarten. Er „zückt das Schwert“ und will sich selbst damit umbringen.“ (R. Pesch, Die Apostelgeschichte, EKK V/II, S. 115) Die harte Strafe, die ihm droht, ist der Tod. So will er aus Furcht vor dem Tod sich selbst töten. So absurd es klingt, diesen Weg wählen bis heute viele – und nennen es Freitod.

 28 Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier!

Das ist nun schon das zweite Wunder in dieser wunderbaren Nacht. Ein Gefängnis wird in seinen Grundfesten erschüttert und begräbt niemanden unter sich. Und die Gefangenen nützen die offenen Türen nicht zur Flucht!  Die ihm „anvertraut waren“, sind alle da! „Geöffnete Türen – geöffnete Herzen“ weiterlesen

Geschäft oder Wahrheit?

Apostelgeschichte 16, 16 – 24

16 Es geschah aber, als wir zum Gebet gingen, da begegnete uns eine Magd, die hatte einen Wahrsagegeist und brachte ihren Herren viel Gewinn ein mit ihrem Wahrsagen. 17 Die folgte Paulus und uns überall hin und schrie: Diese Menschen sind Knechte des allerhöchsten Gottes, die euch den Weg des Heils verkündigen.

Beten ist – bis heute im Orient – keine Angelegenheit nur für das stille Kämmerlein. Die Gruppe um Paulus geht zum Beten. Vermutlich wieder zu der Gebetsstätte, die am Fluss liegt, vor der Stadt. Wenn man so zum Beten das eigene Haus verlässt, kann es schon zu Begegnungen kommen. So auch hier. Eine Frau, eine Magd, mit einem Wahrsagegeist trifft auf die Gruppe und folgt ihnen und schreit ihnen nach. Nicht dummes Zeug, sondern die Wahrheit: Diese Menschen sind Knechte des allerhöchsten Gottes, die euch den Weg des Heils verkündigen.

             Die Frau, παιδσκη, „junge Frau, junges Mädchen, junge Sklavin, Dirne“ (Gemoll, Griechisch-Deutsches Schul-u.-Handwörterbuch; München 1957, S. 563) ist keine selbstständige Unternehmerin, sondern abhängig, angestellt, bei Leuten, die in sie investiert haben und mit ihr Gewinn machen. Das wird für die Folge der Geschichte wichtig sein.

Wahrsagegeistπνεμα πθωνα In diesem griechischen Wort steckt das Orakel von Delphi. „Phythōn war ursprünglich der Name der das delphische Orakel hütenden Schlange, die Apollon getötet haben soll; später wurde es jedoch zur Bezeichnung eines Bauchredners…. Wir werden uns die Sklavin demnach konkret als Bauchrednerin vorzustellen haben.“(J.Roloff,  Die Apostelgeschichte, NTD 5, Göttingen 1981, S. 245)Mir kommt das ein wenig kurz geschlossen vor, mir reicht es aus, dass die Bezeichnung eine Brücke nach Delphi und seinem Orakel schlägt.

Was sich aber inhaltlich ereignet, ist schon im Evangelium, vor allem bei Markus, aber auch bei Lukas vielfältig vorgeformt: Dämonen, die Menschen besetzt halten, wissen besser Bescheid über die Wirklichkeit Gottes als die Menschen. Sie sehen, was anderen noch verborgen ist. Sie sehen, wer hinter Paulus steht. Und sie sehen, was die Boten Jesu zu bringen haben für die, die ihnen zuhören – einen Ausweg aus der Misere des eigenen Lebens. Das hat es zu allen Zeiten gegeben: Menschen, die mehr sehen können als vor Augen ist, die einen seltsamen Durchblick durch die Realität haben, unerklärlich und unheimlich zugleich. Geschichten darüber werden fast immer nur unter vorgehaltener Hand erzählt, weil man ahnt, dass dahinter Mächte stehen und es nichts Harmloses ist, sich damit einzulassen. „Geschäft oder Wahrheit?“ weiterlesen

Der Weg nach Europa

Apostelgeschichte 16, 6 – 15

 6 Sie zogen aber durch Phrygien und das Land Galatien, da ihnen vom Heiligen Geist verwehrt wurde, das Wort zu predigen in der Provinz Asien. 7 Als sie aber bis nach Mysien gekommen waren, versuchten sie, nach Bithynien zu reisen; doch der Geist Jesu ließ es ihnen nicht zu. 8 Da zogen sie durch Mysien und kamen hinab nach Troas.

             Weiter, immer weiter will Paulus mit seinen Leuten. Nach Ephesus, der Hauptstadt der Provinz Asien könnte der Weg gehen. „Das hätte der Strategie des Paulus entsprochen, die darauf ausging, jeweils von den städtischen Zentren aus das Umland missionarisch zu erschließen.“ (J. Roloff, Die Apostelgeschichte; NTD 5; Göttingen 1981, S. 241) Aber auf dem Weg in die Provinz Asien stößt er auf ein unüberwindliches Hindernis. Es wurde ihnen vom Heiligen Geist verwehrt wurde, das Wort zu predigen in der Provinz Asien. Wie dieses Verwehren des Geistes aussieht, erfahren wir nicht. Also wird die Route geändert. Doch auch auf dem neuen Weg geht es nicht weiter. Der Geist Jesu ließ es ihnen nicht zu.

                     Das klingt nach frommer Sprache für ganz normale Ereignisse. Hochwasser kann Straßen versperren. Räuberbanden können einen Weg unpassierbar machen. Erschöpfung kann am Weiterziehen hindern. Das mag alles so sein. Nur die Deutung, die Lukas diesen versperrten Reiserouten zuteilwerden lässt, geht weiter, tiefer: Es ist der Geist, der die Gruppe führt. Es braucht keine Mirakel vom Himmel, durch die der Geist sich zu Wort, zur Stelle meldet. Nur offene Augen, Ohren und Herzen.

Haben wir bis dahin in der Apostelgeschichte den Geist nur als vorwärts drängend, innovativ, weiterführend kennen gelernt, so zeigt sich hier: Er kann auch Hindernisse in den Weg legen. Führungen Gottes, so lehrt Lukas, sind nicht nur da, wo sich Türen öffnen. Sie können auch da sein, wo sich Türen schließen und Wege versperrt werden. Auch die beste und sinnvollste Strategie steht unter dem Vorbehalt: Wie Gott will. „Der Weg nach Europa“ weiterlesen

Sich trennen und frei geben

Apostelgeschichte 15, 36 – 16, 5

36 Nach einigen Tagen sprach Paulus zu Barnabas: Lass uns wieder aufbrechen und nach unsern Brüdern sehen in allen Städten, in denen wir das Wort des Herrn verkündigt haben, wie es um sie steht.

             Es hält Paulus nicht überlang in Antiochia. „Die Initiative zu der neuen Reise geht von Paulus aus.“(J. Roloff, , Die Apostelgeschichte, NTD 5, Göttingen 1981, S.237) Ist es Sehnsucht, ist es Sorge, die ihn treibt, die Brüder zu sehen? Er spürt Verantwortung für die, die er auf den Weg des Glaubens gerufen hat. Es gehört zu den Erfahrungen der Missionare aller Zeiten, dass es gut ist, die immer wieder einmal aufzusuchen, die den Weg des Glaubens begonnen  haben.

Aus meinem eigenen Leben weiß ich, wie sehr ich durch solches Besuchen und Besucht-werden gestärkt worden bin. Ich weiß, wie mich der wiederholte Kontakt  zu Gemeinden, bei denen ich irgendwann einmal war und dort predigen und lehren durfte, ermutigt hat. So gesehen ist es nicht reine Selbstlosigkeit, die Paulus zum Aufbruch treibt. Er wird in diesen Begegnungen selbst auch gestärkt und ermutigt werden, eine Erfahrung, die er später auch als Erwartung in Worte fasst: „Denn mich verlangt danach, euch zu sehen, damit ich euch etwas mitteile an geistlicher Gabe, um euch zu stärken, das ist, dass ich zusammen mit euch getröstet werde durch euren und meinen Glauben, den wir miteinander haben.“(Römer 1, 11-12)

 37 Barnabas aber wollte, dass sie auch Johannes mit dem Beinamen Markus mitnähmen. 38 Paulus aber hielt es nicht für richtig, jemanden mitzunehmen, der sie in Pamphylien verlassen hatte und nicht mit ihnen ans Werk gegangen war. 39 Und sie kamen scharf aneinander, sodass sie sich trennten.

                      Wie oft hat sich das seitdem wiederholt. Über strittigen Personalentscheidungen können Freundschaften zerbrechen. Über Personalentscheidungen können Wege sich trennen. Barnabas will seinen Verwandten mitnehmen, Paulus ist strikt dagegen, weil er sich von Johannes Markus im Stich gelassen fühlte in Pamphylien. Es gibt keine Brücke zwischen den beiden. Sie finden nicht zueinander, sie kamen scharf aneinander, deshalb bleibt nur die Trennung.  „Sich trennen und frei geben“ weiterlesen

Es gefällt dem Geist und uns

Apostelgeschichte 15, 22- 35

22 Und die Apostel und Ältesten beschlossen samt der ganzen Gemeinde, aus ihrer Mitte Männer auszuwählen und mit Paulus und Barnabas nach Antiochia zu senden, nämlich Judas mit dem Beinamen Barsabbas und Silas, angesehene Männer unter den Brüdern. 23 Und sie gaben ein Schreiben in ihre Hand, also lautend:

             Es kommt zu einem Gemeindebeschluss, dem offensichtlich alle zustimmen. Sorgfältig werden alle Beteiligten noch einmal genannt: die Apostel und Ältesten samt der ganzen Gemeinde. Es werden Männer ausgewählt, die das Vertrauen der Gemeinde haben, und zusammen mit Paulus und Barnabas nach Antiochia geschickt. Silas und der „Sabbatsohn“ Judas sind angesehene Leute. Das wird hervorgehoben, weil es die Bedeutung ihrer Gesandtschaft unterstreicht. „Damit, dass man das Schreiben nicht Paulus und Barnabas mitgibt, sondern es von einer besonderen Delegation überbringen lässt, wird einerseits sein offizieller Charakter betont, andererseits die antiochenische Gemeinde geehrt.“(J. Roloff, Die Apostelgeschichte, NTD 5, Göttingen 1981, S.233) Sie sollen die Gemeinde dort über die Verabredungen unterrichten. Um das gesprochene Wort zu unterstreichen, wird ihnen ein Brief mit gegeben.

  Wir, die Apostel und Ältesten, eure Brüder, wünschen Heil den Brüdern aus den Heiden in Antiochia und Syrien und Zilizien. 24 Weil wir gehört haben, dass einige von den Unsern, denen wir doch nichts befohlen hatten, euch mit Lehren irregemacht und eure Seelen verwirrt haben, 25 so haben wir, einmütig versammelt, beschlossen, Männer auszuwählen und zu euch zu senden mit unsern geliebten Brüdern Barnabas und Paulus, 26 Männer, die ihr Leben eingesetzt haben für den Namen unseres Herrn Jesus Christus. 27 So haben wir Judas und Silas gesandt, die euch mündlich dasselbe mitteilen werden. 28 Denn es gefällt dem Heiligen Geist und uns, euch weiter keine Last aufzuerlegen als nur diese notwendigen Dinge: 29 dass ihr euch enthaltet vom Götzenopfer und vom Blut und vom Erstickten und von Unzucht.

             Der Brief folgt der gewohnten Form eines Briefes dieser Zeit. Als Absender werden die Apostel und Ältesten genannt, die sich mit der Formel eure Brüder zu den Empfängern des Briefes bekennen. Wir gehören zusammen. Was wie eine Formel klingt, ist doch inhaltlich weitreichend. Da ist kein Unterschied mehr zwischen Judenchristen in Jerusalem und Heidenchristen in Antiochia. Die Boten, die den Brief überbringen werden ausdrücklich gewürdigt: Es sind Männer, die ihr Leben eingesetzt haben für den Namen unseres Herrn Jesus Christus. Darin stehen sie Paulus und Barnabas nicht nach. Es unterstreicht die Bedeutung der Botschaft, dass sie solchen Leuten anvertraut ist.  „Es gefällt dem Geist und uns“ weiterlesen

Wegweisende Tage in Jerusalem

Apostelgeschichte 15, 1 – 21

1 Und einige kamen herab von Judäa und lehrten die Brüder: Wenn ihr euch nicht beschneiden lasst nach der Ordnung des Mose, könnt ihr nicht selig werden.

             Das ist erst einmal Topographie: Das Bergland von Judäa liegt höher als Antiochia. Aber vielleicht ist es doch  nicht nur Topographie. Die da herab kommen, wissen, was Sache ist und sie belehren die da unten. Es geht nicht um Kleinigkeiten. Die Seligkeit steht auf dem Spiel. Und die aus Jerusalem kommen, wissen, dass die Pforte zur Seligkeit eng und der Weg schmal ist. Ohne Beschneidung geht es nicht.

Das heißt im Klartext: Man muss Jude werden, um durch den Messias Israels, durch Jesus, gerettet werden zu können. Das Heil kommt von den Juden (Johannes 4, 22) heißt es aus dem Mund der höchsten Autorität der Christen, aus dem Mund Jesu. Wie sollte da der Weg der Beschneidung nicht heilsnotwendig sein, weil erst er ja zum Juden macht?

„In der Kirchengeschichte hat sich dieser Vorgang bis heute immer wieder  neu wiederholt. Das Christentum wird nicht nur von außen bestritten und angegriffen, sondern auch in der Gemeinde selbst erheben sich Männer, die mit Nachdruck und aller Bestimmtheit lehren: Wenn ihr nicht dies und das tut, was doch als Gottes Gebot biblisch zu belegen ist, dann könnt ihr nicht errettet sein.“ (W. de Boor,  Die Apostelgeschichte, Wuppertaler Studienbibel; S. 269) Es ist die Gefahr eines biblizistischen Denkens, dass es meint, den Weg Gottes normieren zu können, dass es Bedingungen formuliert, die zu erfüllen sind und so das Tun des Menschen zur Voraussetzung für die Seligkeit macht und darüber  vergisst, dass alles an der Gnade hängt. An Jesus allein und dem Glauben allein.

 2 Als nun Zwietracht entstand und Paulus und Barnabas einen nicht geringen Streit mit ihnen hatten, ordnete man an, dass Paulus und Barnabas und einige andre von ihnen nach Jerusalem hinaufziehen sollten zu den Aposteln und Ältesten um dieser Frage willen.

             Offensichtlich sind Paulus und Barnabas nicht gewillt, diese Sicht so hinzunehmen. Sie haben ja niemanden beschnitten, weder in Antiochia noch auf ihrer Reise nach Kleinasien. Aber sie haben erlebt, dass Menschen zum Glauben an den Herrn Jesus gekommen sind. Es gibt also Klärungsbedarf: Wie ist das mit der beschneidungsfreien Heidenmission? Wird sie anerkannt oder wird sie verworfen? Dahinter taucht ja die Grundsatzfrage schon auf: Was ist mit dem Gesetz des Mose?

Es ist ein unglaublich wichtiger Beschluss, schon in Antiochia: Wir entscheiden das nicht regional oder lokal. Wir brauchen zur Klärung dieser Frage die Apostel und Ältesten in Jerusalem. Es geht nicht an, dass eine Gemeinde, und sei sie noch so aktiv, erfolgreich und missionarisch gesegnet,  allein definiert, was richtig ist in Sachen Glauben und Mission. Es geht aber auch nicht an, sich ohne grundlegende Gespräche einfach einem Beschluss der „Zentrale“ zu unterwerfen. „Wegweisende Tage in Jerusalem“ weiterlesen

Unsere Freiheit – ein Geschenk

Apostelgeschichte 14, 20b – 28

Am nächsten Tag zog er mit Barnabas weiter nach Derbe; 21 und sie predigten dieser Stadt das Evangelium und machten viele zu Jüngern.

               Der dem Tod gerade noch einmal Entkommene zieht weiter. Ob es logisch ist, dass einer gestern gesteinigt worden ist und heute schon einen Weg über das Gebirge von mehr als 150km auf sich nehmen kann, interessiert Lukas nicht. Er hält einfach fest: Keine lange Rekonvaleszenz nach der Steinigung. Auch das ist ein Wunder, selbst wenn es nicht ausdrücklich so benannt wird. Sie kommen nach Derbe und predigen das Evangelium. Es wird nicht gesagt, wo, auch nicht, wie lange. Wichtig ist nur: Viele werden Jünger.

Hier steht μαθηεύσαντες, „zu Jüngern machend“ – das gleiche Wort, das im Matthäus-Evangelium im Sendungswort des Auferstandenen an seine Jünger steht: „Darum geht hin und macht zu Jüngern alle Völker.“(Matthäus 28,19) Indem das Evangelium verkündigt wird, die Boten zum Glauben rufen, kann das geschehen, dass Menschen Jünger werden. Dafür sind Paulus und Barnabas unterwegs. Sie wollen Jünger machen.

Das mag sich für unsere Ohren befremdlich anhören. Aber es ist kein Vorgang, in dem Menschen zum Objekt gemacht werden, nicht mehr frei sind. Es ist die Intention aller Verkündigung, dass Menschen Jünger werden oder in ihrem Jünger-Sein gestärkt werden. Nur in einer Situation, in der man lange so getan hat als wäre Christsein ein Existenzform, die sich mit der Geburt in einem christlichen Land wie von selbst einstellt, kann man es übersehen: Von Natur aus ist kein Mensch Christ. Er wird dazu „gemacht“ durch die Verkündigung des Evangeliums, die er sich gefallen lässt, die er bejaht.

 Dann kehrten sie zurück nach Lystra und Ikonion und Antiochia, 22 stärkten die Seelen der Jünger und ermahnten sie, im Glauben zu bleiben, und sagten: Wir müssen durch viele Bedrängnisse in das Reich Gottes eingehen.

             Mit Derbe ist der Zielpunkt der Reise erreicht. Jetzt beginnt der Rückweg. Auch für die Wahl dieses Weges liefert Lukas wieder keine Begründung. Es ist einfach so, sie kehren zurück. Es ist eine Rückkehr an die Orte, durch die sie ihre Reise bereits geführt hatte. Ein Rückweg, der die Gefahr nicht scheut. θλπσις, Bedrängnis ist nicht nur das, was über diesem Weg steht. Sondern es wird grundsätzlich gedeutet „als ein Kennzeichen christlicher Existenz.“ (G. Schille, Die Apostelgeschichte des Lukas, Theol. Hand-Kommentar zum NT, Bd. 5; S.309) Eine Nähe zu Gedanken, wie sie sich in Briefen des Paulus finden, liegt auf der Hand: „Wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.“(Römer5, 3-5) So positiv von Schwierigkeiten und Enge-Erfahrungen zu denken, fällt heute schwer in einer Zeit, in der Glück mancherorts – z. B. in den USA – schon Verfassungsrang erreicht hat, auch wenn es nicht immer einklagbar ist. Nur haarscharf am Rand des Erlaubten und voll Ironie kann man noch sagen, unter Masochismus-Verdacht: „Was uns nicht umbringt, macht uns nur härter.“ „Unsere Freiheit – ein Geschenk“ weiterlesen

Wir sind auch nur Menschen

Apostelgeschichte 14, 8 – 20a

 8 Und es war ein Mann in Lystra, der hatte schwache Füße und konnte nur sitzen; er war gelähmt von Mutterleib an und hatte noch nie gehen können. 9 Der hörte Paulus reden. Und als dieser ihn ansah und merkte, dass er glaubte, ihm könne geholfen werden, 10 sprach er mit lauter Stimme: Stell dich aufrecht auf deine Füße! Und er sprang auf und ging umher.

        Einer von diesen Menschen in Lystra ist ein Leben lang noch nicht auf die eigenen Beine gekommen. Gelähmt von Mutterleib an. Unfähig zu eigenen Schritten. Unfähig, für sich selbst zu sorgen. Unfähig zu kraftvollem Leben. Auf schwachen Füßen lassen sich keine großen Sprünge machen. Es wird wohl so sein: Von Kindesbeinen an hat er nie gehört und gelernt: du kannst auf den eigenen Füßen stehen. Immer ist er auf seine Schwäche reduziert worden. In ihr festgehalten, regelrecht eingemauert worden.

Bis heute ist das so: „Das kannst du nicht. das lernst du nie. Du hast nicht die Kraft und nicht das Geschick für so etwas. Du hast sowieso zwei linke Hände.“ Botschaften, die Kräfte rauben, lähmen, am Leben verzagen lassen. Unvergessen, wie einer erzählt: Die Mutter sagte immer: „Du musst dich anstrengen, damit was aus dir wird.“ Und der Vater: „Du kannst dich anstrengen, wie du willst. Aus dir wird nie was.“ Gewiss ein Extremfall, aber kein Einzelfall.

Nun kommt es zu folgenschwerer Kommunikation, zum größten Teil wortlos! Der hörte Paulus reden. Und Paulus sieht seinen Zuhörer an und spürt, dass sich da im Inneren etwas tut: Er glaubte, ihm könne geholfen werden. Wie gerne wüsste man, was Paulus gesagt hat, das plötzlich Hoffnung in einem bis dahin festgelegten, hoffnungslosen Leben aufglühen kann. Der Apostel des Herzenskenners Jesus wird selbst zu einem, der in einem Gesicht lesen kann, der Erwartungen erspüren kann. Da entsteht Erwartung im Herzen eines Menschen. Sie findet noch keine Worte, aber zeichnet sich ab auf dem Gesicht.

Es gibt ja auch das Andere, ein sich Abfinden mit dem Leben, das zwar an Gott glaubt, aber nicht mehr daran, dass sich die eigene Lebenssituation noch einmal ändern könnte. Hier fängt einer an zu glauben, zu hoffen, dass Änderung möglich sein könnte.

Das zu spüren macht für Paulus den Weg auch zu Worten frei: Stell dich aufrecht auf deine Füße! Dieser Befehl, wenn es denn ein Befehl ist, traut ihm zu, was er ein Leben lang nicht konnte. Dieser Befehl schenkt ihm und weckt in ihm ein Vertrauen, das er selbst ein Leben lang noch nicht einen Tag hatte. Vertrauen zu sich selbst und zu den eigenen schwachen Füßen. Selbstvertrauen. Es wird wohl so sein. Manchmal erlaubt uns erst das Wort von außen den Schritt über die eigenen inneren Barrieren, die uns gelähmt und festgehalten haben.

Es wirkt nebensächlich: Paulus wird laut. Er ruft mit lauter Stimme μεγλ φωνῇ.  Ich glaube nicht an eine zufällige Wortwahl:  Vom Einzug Jesu in Jerusalem berichtet Lukas: Und als er schon nahe am Abhang des Ölbergs war, fing die ganze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten.“ (Lukas 19,37)  In der Erzählung von der Auferweckung des Lazarus durch Jesus heißt es:  „Als er das gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus!“(Johannes 11,43) Schließlich – in Konkurrenz dazu: „Und an einem festgesetzten Tag legte Herodes das königliche Gewand an, setzte sich auf den Thron und hielt eine Rede an sie. Das Volk aber rief ihm zu: Das ist Gottes Stimme und nicht die eines Menschen! (12.21-22) Die Stimme des Paulus ist keine göttliche Stimme, aber die Stimme eines Menschen, der Jesus folgt und Jesus glaubt.  „Wir sind auch nur Menschen“ weiterlesen

Ikonion – eine Stadt im Zwiespalt

Apostelgeschichte 14, 1 – 7

 1 Es geschah aber in Ikonion, dass sie wieder in die Synagoge der Juden gingen und so predigten, dass eine große Menge Juden und Griechen gläubig wurde. 2 Die Juden aber, die ungläubig blieben, stifteten Unruhe und hetzten die Seelen der Heiden auf gegen die Brüder.

                      Der Ort wechselt, die Abläufe bleiben gleich. Wieder, auch in Ikonion, suchen die Apostel den Weg in die Synagoge. Wieder predigen sie so, dass sie Glauben finden und Glauben wecken. Es sind Juden und Griechen, die gläubig werden. Der Weg zu den Heiden setzt sich also fort. Und wieder ist die Reaktion gespalten. Während die einen den Worten der beiden Christus-Zeugen anhängen, gehen die anderen dazu über, Feindschaft zu säen, die Seelen aufzuhetzen.

Das steht im Griechischen wörtlich da: ψυχς τν θνν  – Seelen der Heiden, der Völker. Und ist viel ausdrucksstärker als die abgeblasste Formulierung: sie hetzten die Heiden auf (Luther 2017) Es ist nicht nur ein bisschen Randale. Sondern es ist der Appell an die Herzen, an die Seelen. Es ist auch das Wissen des Lukas: Wer Menschen zu etwas bringen will, der muss sie in ihre Psyche – das ist ja das griechische Wort, das die alten Übersetzungen mit Seele wiedergeben –  ansprechen, nicht in ihrer Rationalität, der muss Emotionen wecken, so wie wir es heute erleben, wenn Menschen mit dumpfen Parolen aufgehetzt werden gegen Muslime, gegen Fremde, gegen alle, die anders sind als man selbst.   

„Verkündigung bewirkt Glauben und Widerspruch. (πειθεν ist das Oppositum zu πιστεύειν)“ (G. Schille Die Apostelgeschichte des Lukas, Theol. Hand-Kommentar zum NT, Bd. 5; S 299)Vertrauen oder verweigertes Vertrauen. Man kann Juden, die ungläubig blieben auch übersetzen: „Juden, die nicht gehorchen wollten.“(W. de Boor, Die Apostelgeschichte, Wuppertaler Studienbibel; S. 254) auffällig ist, dass hier von Paulus und Barnabas als den Brüdern die Rede ist, weil das im Grunde eine eher allgemeine Bezeichnung für die Christen ist. Der Aufruhr, so kann man von daher verstehen, richtet sich nicht gegen „Amtsträger“, sondern gegen die ganze Glaubensgemeinschaft, für die sie stehen.  „Ikonion – eine Stadt im Zwiespalt“ weiterlesen

Ein neuer Weg geht auf

Apostelgeschichte 13, 44 – 52

  44 Am folgenden Sabbat aber kam fast die ganze Stadt zusammen, das Wort Gottes zu hören. 45 Als aber die Juden die Menge sahen, wurden sie neidisch und widersprachen dem, was Paulus sagte, und lästerten.

Was zwischen den Sabbaten geschieht, zeigt Wirkung. Fast die ganze Stadt  ist vor Ort – Erfolg der intensiven Begegnungen auch im Alltag. Sie wollen das Wort Gottes hören – was ist damit inhaltlich gemeint? Das Zeugnis von Jesus als die Erfüllung der Verheißungen? Das Zeugnis von ihm als der Gestalt gewordenen Gnade? Das Zeugnis von dem Leben, das kein Tod mehr zerstören kann?

Vor allem: Wer kommt da in der Synagoge zusammen. Erst einmal natürlicherweise die Juden. Aber dann ja auch die Menge. „Die Kunde von der erregend neuen Botschaft der Missionare hat sich in der Bevölkerung der Stadt wie ein Lauffeuer verbreitet, und so quillt die Synagoge über von Heiden, die ihre Predigt hören möchten.“(J. Roloff, Die Apostelgeschichte; NTD 5; Göttingen 1981  S. 209) Das also ist die Menge, χλος – die heidnische Bewohnerschasft der Stadt. Es ist nicht das Volk, sondern nur eine großer Haufen.

Dass die beiden Prediger so viele Menschen erreichen, ruft Neid und Widerstand hervor. Es ist selten, dass Neid als Motiv so eindeutig benannt wird. Aber es ist wohl die Wirkung der Verkündigung – sie weckt Glauben und sie bringt auch den Widerstand ans Licht. Gleichgültigkeit hat hier keinen Platz.   „Ein neuer Weg geht auf“ weiterlesen