Maßt euch keine Urteile an!

Lukas 13, 1 – 5

 1 Es kamen aber zu der Zeit einige, die berichteten ihm von den Galiläern, deren Blut Pilatus mit ihren Opfern vermischt hatte.

             Es ist, als würden in das Gespräch Jesu mit den Jüngern und der Menge Leute hineinplatzen. Die dazukommen. Aufgeregt. Sie kommen, „um ihm die schauerliche Nachricht vom Untergang der Galiläer zu bringen.“ (F. Rienecker, Das Evangelium des Lukas, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1976, S. 328) Ihm, weil sie wissen, dass Jesus aus Galiläa stammt. Weil sie ihm vielleicht deshalb eine besondere Nähe zu diesen Leuten unterstellen. Oder auch, um ihn zu warnen? Galiläa – so viel wissen wir, war in dieser Zeit ein Unruheherd, angeheizt mit  sozialem Brennstoff durch Ungerechtigkeit und Gewaltakte.

Pilatus, auch das wissen wir, hat einiges an harten Aktionen zu verantworten. Er kennt kein Zögern, wenn es darum geht, die römische Macht zu behaupten und die Ruhe im Land herzustellen. „Es ist denkbar, dass jene Galiläer in ihrer Unruhe und Empörung in irgendeinen Aufstand verflochten waren, dass Pilatus in seinem Zorn den Befehl gab, sie zu erschlagen, wo auch immer man sie fand.“ (F. Rienecker, ebda.) Es ist in seinen Augen wohl auch nicht schlimm, wenn es eine Friedhofs-Ruhe ist. So geht es hier um ein Ereignis, das die Zeitgenossen Jesu vermutlich heftig erregt hat: Im Tempelbezirk hat Pilatus galiläische Pilger umbringen lassen, die beim Opfer waren. Das weist auf die Passah-Zeit hin, denn nur da gibt ist es so, dass die Pilger selbst opfern. Es ist brutale Gewalt: Beim Vollzug einer religiösen Handlung selbst zum Opfer zu werden, wohl unter dem Vorwurf des Terrorismus. Schon der Verdacht der Unruhen, die Vermutung der möglichen Gewalt genügt den Römern, um hart einzugreifen. Und es spricht für ein Maß an Arroganz und Ignoranz der jüdischen Seite und religiösen Gefühlen gegenüber, das schwer zu ertragen ist. „Maßt euch keine Urteile an!“ weiterlesen

Standfest werden

Lukas 12, 54 – 59

          Bis hierhin waren die Jünger die Adressaten der Worte Jesu. Sie bekommen von ihm die Kosten ihrer Jüngerschaft vor Augen gestellt. Sie werden auch vor Illusionen gewarnt. Im Folgenden wechseln die Adressaten – jetzt wendet sich Jesus an die Menge.

 54 Er sprach aber zu der Menge: Wenn ihr eine Wolke aufsteigen seht vom Westen her, so sagt ihr gleich: Es gibt Regen. Und es geschieht so. 55 Und wenn der Südwind weht, so sagt ihr: Es wird heiß werden. Und es geschieht so.

               Ihr seid urteilsfähige Leute und kennt euch aus mit Wetterzeichen und Natur-Ereignissen. „Eine einzige Wolke genügt, dass die Diagnose gemacht werden kann.“ (F. Bovon, EKK III/2, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 9,51 – 14,35, Neukirchen 1996, S.357) 

εθως – sofort. Darin seid ihr fix.  Ihr macht euch – selbst wenn ihr das kaum bemerkt – wieder und wieder Bilder von der Wirklichkeit und von der Zukunft. Ihr könnt sehen, wie das Wetter wird. Ihr seid Realisten in vielen Dingen des Lebens. „Standfest werden“ weiterlesen

Schmerzhafte Trennungen

Lukas 12, 49 – 53

 49 Ich bin gekommen, ein Feuer anzuzünden auf Erden; was wollte ich lieber, als dass es schon brennte!

Wenn es Worte Jesu gibt, die uns schwer zu schaffen machen, dann doch diese Worte. Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, dass Jesus für Frieden steht, für Versöhnung, für Harmonie, dass wir mit diesen Worten hoffnungslos überkreuz sind. Ein Feuer statt Frieden? Das kann nicht Jesus im Originalton sein. Brandstifter Jesus? Hat ihn der Täufer doch besser verstanden als wir, der einen nach sich kommen sah mit dem Feuerbrand des Gerichtes? (3,9) „Man wird ihm wohl am ehesten gerecht, wenn man von der Erwartung des Täufers ausgeht. Nach ihr stellt der Kommende die reine Gemeinde dadurch her, dass er durch Geist und Feuer alles Unreine vernichtet.“ (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S. 166) Unheimlich und fremd bleiben diese Worte auch nach dieser Erklärung. Sperrig für eine Christenheit, die den guten Gott beschwört und den lieben Herrn Jesus.

So wie die Forderung nach Wachsamkeit Worte gegen eine schläfrige, selbst-zufriedene Haltung sind, so sind auch diese Worte widerständig gegen Anpassungen und Verharmlosungen der Botschaft Jesu. „Jesus hat das Bewusstsein, dass sein Kommen gleichbedeutend ist mit dem Anzünden eines Feuers. Seine Gegenwart ist nicht von diesem Ereignis zu trennen.“(F. Bovon, EKK III/2, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 9,51 – 14,35, Neukirchen 1996, S.350) Mit diesem Jesus ist ein verbürgerlichtes Christentum nicht zu machen.

Wie viel näher ist da Sören Kierkegaard dem, was Jesus hier sagt.

          „Die Geschichte erzählt, dass ein Reisezirkus in Dänemark in Brand geraten war. Der Direktor schickte daraufhin den Clown, der schon zur Vorstellung gerüstet war, in das benachbarte Dorf, um Hilfe zu holen, da die Gefahr bestand, dass über die abgeernteten, ausgetrockneten Felder das Feuer auch auf das Dorf übergreifen würde. Der Clown eilte in das Dorf und bat die Bewohner, sie mögen eiligst zu dem brennenden Zirkus kommen und löschen helfen. Aber die Dörfler hielten das Geschrei des Clowns lediglich für einen ausgezeichneten Werbetrick, um sie möglichst zahlreich in die Vorstellung zu locken; sie applaudierten und lachten Tränen. Dem Clown war mehr zum Weinen als zum Lachen zumute. Er versuchte vergebens die Menschen zu beschwören und ihnen klarzumachen, dass dies keine Verstellung und kein Trick sei, sondern bitterer Ernst. Sein Flehen steigerte nur das Gelächter, man fand, er spiele seine Rolle ausgezeichnet – bis schließlich in der Tat das Feuer auf das Dorf übergegriffen hatte und jede Hilfe zu spät kam, so dass Dorf und Zirkus gleichermaßen verbrannten.“ (Gleichnis von Søren Kierkegaard, Wortlaut aus Ratzinger, Joseph: Einführung in das Christentum. München : Kösel, 4. Auflage 1968, S. 17.) „Schmerzhafte Trennungen“ weiterlesen

Ungehindert

Apostelgeschichte 28, 17 – 31

17 Es geschah aber nach drei Tagen, dass Paulus die Angesehensten der Juden bei sich zusammenrief.

             Paulus verliert keine Zeit. Er hat ja schon zwei Jahre in Cäsarea verloren und auch die Schiffs-Reise war, aller Bewahrung zum Trotz, kein Zeitgewinn. Darum ruft er, kaum in Rom, nach drei Tagen die führenden Leute der jüdischen Community zusammen. Es gibt Schätzungen, dass in dieser Zeit fast 50.000 Juden in Rom leben. Der Apostel sucht sie zuerst, so wie er immer zuerst die Gemeinden der Synagoge gesucht hat. Dass er sie rufen lässt, ist keine Anmaßung, sondern wohl dem geschuldet, dass seine Bewegungsfreiheit doch eingeschränkt ist. Schließlich ist er nicht frei, sondern nur ein frei wohnender Gefangener unter Bewachung.

Als sie zusammengekommen waren, sprach er zu ihnen: Ihr Männer, liebe Brüder, ich habe nichts getan gegen unser Volk und die Ordnungen der Väter und bin doch als Gefangener aus Jerusalem überantwortet in die Hände der Römer. 18 Diese wollten mich losgeben, nachdem sie mich verhört hatten, weil nichts gegen mich vorlag, das den Tod verdient hätte.

                Auch hier, wie schon so oft, versucht er in ausgesuchter Freundlichkeit einen Zugang zu seinen Gesprächspartnern zu gewinnen: Ihr Männer, liebe Brüder. Es folgt eine Beteuerung, dass er kein Feind des Volkes Israel ist und sich nicht gegen die Ordnungen der Väter vergangen hat. Auch die römischen Institutionen in der Provinz Syrien haben seine Unschuld bestätigt. Es gibt also, von der Obrigkeit Rom aus gesehen, keinen Grund zur Anklage. „Ungehindert“ weiterlesen

Rom kommt näher

Apostelgeschichte 28, 1 – 16           

1 Und als wir gerettet waren, erfuhren wir, dass die Insel Malta hieß. 2 Die Leute aber erwiesen uns nicht geringe Freundlichkeit, zündeten ein Feuer an und nahmen uns alle auf wegen des Regens, der über uns gekommen war, und wegen der Kälte.

                         Gerettet – auf Malta. Die Bilder unserer Tage mit überfüllten Flüchtlingsbooten stehen einem unwillkürlich vor Augen. Ähnlich gestrandet und gerettet, ist dieser Gefangenentransport auf Freundlichkeit angewiesen. Sie wird ihnen reichlich zuteil. Die Menschlichkeit der Malteser bewährt sich an diesen Schiffbrüchigen – und wird damit zum Namensgeber für barmherzige Dienste bis heute.

 3 Als nun Paulus einen Haufen Reisig zusammenraffte und aufs Feuer legte, fuhr wegen der Hitze eine Schlange heraus und biss sich an seiner Hand fest. 4 Als aber die Leute das Tier an seiner Hand hängen sahen, sprachen sie untereinander: Dieser Mensch muss ein Mörder sein, den die Göttin der Rache nicht leben lässt, obgleich er dem Meer entkommen ist.

                     Wegen der Kälte wird Feuer gemacht und alle, auch Paulus, beteiligen sich an der Suche nach Brennmaterial. Es ist eines meiner innersten Angstbilder, dass bei so einer Suche im Halbdunkel statt eines Stabes, eines Stockes, die eigene Hand eine Schlange ergreift. Das Denken der Leute ist eindeutig: Wer nach solcher Rettung dann doch in Todesgefahr gerät, der muss schuldig sein. Um seinetwillen ging das Schiff unter. Und weil er da entkam, schicken die Götter die Schlange. Er ist ein Bösewicht.

Diese Gedanken vom heimsuchenden Zorn sind biblischen Texten nicht fremd. „Weh denen, die des HERRN Tag herbeiwünschen! Was soll er euch? Denn des HERRN Tag ist Finsternis und nicht Licht, gleichwie wenn jemand vor dem Löwen flieht und ein Bär begegnet ihm und er kommt in ein Haus und lehnt sich mit der Hand an die Wand, so sticht ihn eine Schlange!“(Amos 5,18-19) Es gibt kein Entrinnen vor dem Zorn, vor dem gerechten Gericht Gottes. Und so wird Paulus eben auf Malta eingeholt vom Gericht.  Es ist Gerichtstag Gottes – so denken sie hier! „Rom kommt näher“ weiterlesen

Die Stunde der Menschlichkeit

Apostelgeschichte 27, 27 – 44

27 Als aber die vierzehnte Nacht kam, seit wir in der Adria trieben, wähnten die Schiffsleute um Mitternacht, sie kämen an ein Land. 28 Und sie warfen das Senkblei aus und fanden es zwanzig Faden tief; und ein wenig weiter loteten sie abermals und fanden es fünfzehn Faden tief. 29 Da fürchteten sie, wir würden auf Klippen geraten, und warfen hinten vom Schiff vier Anker aus und wünschten, dass es Tag würde.

        Nun geht es wieder sachlich-fachlich weiter. Es klingt nüchtern: Als aber die vierzehnte Nacht kam. Dahinter aber steckt ein Sturm, der nicht aufhört, Tag und Nacht. Vierzehn lange Tage und Nächten an die Gewalt des Mittelmeeres, der Adria ausgeliefert. „Das Mittelmeer zwischen Kreta und Kilikien wurde im Altertum zur Adria gerechnet“(Anmerkung Luther 2017) Die Seeleute übernehmen die Regie. Sie suchen Land und fürchten es zugleich. Klippen könnten dem Schiff gefährlich werden. Es gilt vorsichtig zu navigieren. Den Tag erwarten.

30 Als aber die Schiffsleute vom Schiff zu fliehen suchten und das Beiboot ins Meer herabließen und vorgaben, sie wollten auch vorne die Anker herunterlassen, 31 sprach Paulus zu dem Hauptmann und zu den Soldaten: Wenn diese nicht auf dem Schiff bleiben, könnt ihr nicht gerettet werden. 32 Da hieben die Soldaten die Taue ab und ließen das Beiboot ins Meer fallen.

Die Schiffsleute sind erfahren und auch feige. Weil sie Realisten sind und die Gefahr entsprechend einschätzen können? Als sie die Gefahr sehen, dass das Schiff auf Klippen aufläuft, denken sie an sich selbst zuerst und wollen sich retten. Eine Flucht wäre gewiss ein Verstoß gegen jede „Seemanns-Ehre“ und würde die Passagiere dem sicheren Tod ausliefern. Ihre beabsichtigte feige Flucht wird nur durch die Aufmerksamkeit des Paulus verhindert. Es ist eine große Anfrage an die menschliche Solidarität, nicht dem Ruf zu folgen: „Rette sich, wer kann.“ Weil sich solche Solidarität nicht von selbst einstellt, erzwingen die Soldaten sie – auf Anraten des Paulus. Sie kappen alle Fluchtwege, auch für sich selbst.

33 Und als es anfing, hell zu werden, ermahnte Paulus sie alle, Nahrung zu sich zu nehmen, und sprach: Es ist heute der vierzehnte Tag, dass ihr wartet und ohne Nahrung geblieben seid und nichts zu euch genommen habt. 34 Darum ermahne ich euch, etwas zu essen; denn das dient zu eurer Rettung; es wird keinem von euch ein Haar vom Haupt fallen. 35 Und als er das gesagt hatte, nahm er Brot, dankte Gott vor ihnen allen und brach’s und fing an zu essen. 36 Da wurden sie alle guten Mutes und nahmen auch Nahrung zu sich. 37 Wir waren aber alle zusammen im Schiff zweihundertsechsundsiebzig.

 Im Folgenden rückt der gefangene Passagier Paulus in den Mittelpunkt der Erzählung. Vierzehn Tage und Nächte im Sturm sind eine lange Zeit, in der die Kräfte sich erschöpfen. Irgendwann droht dann der Zeitpunkt zu kommen, an dem das Ende seinen Schrecken verliert, weil der Schrecken kein Ende findet. Was dann Not tut, ist, dass die sich schleichend ausbreitende Gleichgültigkeit durchbrochen wird. Die Lebensgeister müssen wieder geweckt werden.

Es sind in dieser Situation so nahe liegende Dinge, die Paulus tut. Er will dafür sorgen, dass alle essen. Denn ohne Nahrung fehlt die Kraft zum Handeln. Wer aber isst, will noch nicht sterben. Er spricht Mut zu. Keinem von euch wird ein Haar vom Haupt fallen. Man kann schon fragen: Klingt das in dieser Lage, nach vierzehn Tagen Sturm nicht wie Pfeifen im Wald? Die Worte sind Erinnerung an Gott, der auch für die Kleinen und in Kleinigkeiten sorgt: „Auch sind die Haare auf eurem Haupt alle gezählt.“ (Lukas 12,7).  Und weil Worte oft nicht reichen, isst Paulus vor. Es ist, wenn man so will, ein Mutmach-Essen. „Die Stunde der Menschlichkeit“ weiterlesen

Schiffbruch

Apostelgeschichte 27, 13 – 44

Als aber der Südwind wehte, meinten sie, ihr Vorhaben ausführen zu können, lichteten die Anker und fuhren nahe an Kreta entlang. 14 Nicht lange danach aber brach von der Insel her ein Sturmwind los, den man Nordost nennt.

Der Versuch, den angenehmeren Winterhafen zu erreichen scheitert. Am Wetter, am Sturm. Es gibt in vielen Weltgegenden Winde, die Namen haben – Beispiel Passat. So auch im Mittelmeer-Raum: Scirocco, Mistral, Boras.  Auch der Sturmwind, der jetzt losbricht und den freundlichen Südwind ablöst, hat einen Namen – Ερακλων. Der Nordost. Dass dieser Wind einen Namen trägt, deutet darauf hin, dass er in der Region um Kreta, in der das Schiff unterwegs ist, häufiger, wohl regelmäßig auftritt. Man hätte also mit ihm rechnen können, vielleicht sogar rechnen müssen.

 15 Und da das Schiff ergriffen wurde und nicht mehr gegen den Wind gerichtet werden konnte, gaben wir auf und ließen uns treiben. 16 Wir fuhren aber vorbei an einer Insel, die Kauda heißt, da konnten wir mit Mühe das Beiboot in unsre Gewalt bekommen. 17 Sie zogen es herauf und umspannten zum Schutz das Schiff mit Seilen. Da sie aber fürchteten, in die Syrte zu geraten, ließen sie den Treibanker herunter und trieben so dahin. 18 Und da wir großes Ungewitter erlitten, warfen sie am nächsten Tag Ladung ins Meer. 19 Und am dritten Tag warfen sie mit eigenen Händen das Schiffsgerät hinaus. 20 Da aber viele Tage weder Sonne noch Sterne schienen und ein gewaltiges Ungewitter uns bedrängte, war all unsre Hoffnung auf Rettung dahin.

Der Sturm ist heftig. Die Folge: Schiff in Not! „Der verzweifelte Versuch, das Schiff  mit dem Bug gegen den Wind zu ringen und in dieser Stellung zu verankern, misslingt; es ist hilflos dem Sturm ausgeliefert, deres nach Südosten abtreibt.“ (J. Roloff, Die Apostelgeschichte; NTD 5; Göttingen 1981, S. 362) Das Schiff treibt durch das südliche Mittelmeer und es ist bald klar: es gilt, nur das nackte Leben zu retten. Fast wie von selbst stellen sich beim Lesen dieser Schilderung die Bilder ein, die wir heute abendlich in der Tagesschau zu Gesicht bekommen – überfüllte Boote, die hilflos auf dem Mittelmeer treiben, vom Kentern und Untergang bedroht.

 21 Und als man lange nichts gegessen hatte, trat Paulus mitten unter sie und sprach: Liebe Männer, man hätte auf mich hören sollen und nicht von Kreta aufbrechen, dann wäre uns Leid und Schaden erspart geblieben.

            Paulus nimmt das Wort. Er scheint, er kann es nicht lassen, an seine Warnungen zu erinnern. So menschlich ist der Mann Paulus. „Wie so manche der apostolischen Reden in der Apostelgeschichte beginnt auch diese Ansprache des Paulus mit einer Anklage, die zur Einkehr führen soll.“(G. Stählin, aaO.  S. 317)  Ich versuche, mir vorzustellen, wie das, was Paulus sagt, auf die Leute wirkt. Es hat ja in der Tat erst einmal den Anschein, als wollte er sagen: „Selbst schuld. Hättet ihr nur auf mich gehört.“ Solche Sätze mögen manchmal verständlich sein, aber sie sind fast immer wenig hilfreich und schon gar nicht willkommen. Als ob alle, die die Entscheidung zur Weiterfahrt getroffen haben, sie nicht längst schon bereuen würden. Aber es geht ja nicht: Zurück auf Anfang, neue Entscheidung. Man muss oft genug mit den Entscheidungen leben, die früher getroffen worden sind, auch von einem selbst.

22 Doch nun ermahne ich euch: Seid unverzagt; denn keiner von euch wird umkommen, nur das Schiff. 23 Denn diese Nacht trat zu mir der Engel des Gottes, dem ich gehöre und dem ich diene, 24 und sprach: Fürchte dich nicht, Paulus, du musst vor den Kaiser gestellt werden; und siehe, Gott hat dir geschenkt alle, die mit dir fahren. 25 Darum, liebe Männer, seid unverzagt; denn ich glaube Gott, es wird so geschehen, wie mir gesagt ist. 26 Wir werden aber auf eine Insel auflaufen.

„Schiffbruch“ weiterlesen

Seefahrt

Apostelgeschichte 27, 1 – 12

 1 Als es aber beschlossen war, dass wir nach Italien fahren sollten, übergaben sie Paulus und einige andre Gefangene einem Hauptmann mit Namen Julius von einer kaiserlichen Abteilung.

                Die Beschlüsse sind gefallen. Paulus wird nach Rom überstellt. Es ist wohl ein größerer Gefangenentransport, der da in Marsch gesetzt wird. Über die Gründe der Haft der anderen Gefangenen sagt Lukas nichts, man kann allenfalls spekulieren. Es werden keine „normalen“ Kriminellen sein, sondern wohl eher Leute, die mit poitischen Dingen in Zusammenhang gebracht werden. Alle Gefangenen werden einem Hauptmann Julius übergeben. Er gehört zu der syrischen Auxiliarcohorte, die den Ehrentitel Cohors Augusta führen durfte.(R. Pesch, Die Apostelgeschichte, EKK V/II, S. 288) Mit an Bord sind – freiwillig – einige Begleiter des Paulus, namentlich genannt wird nur Aristarch aus Saloniki. Das wir signalisiert dem Leser: Die Mitfahrer auf dieser Reise sind Augenzeugen des Geschehens.  

  2 Wir bestiegen aber ein Schiff aus Adramyttion, das die Küstenstädte der Provinz Asien anlaufen sollte, und fuhren ab; mit uns war auch Aristarch, ein Mazedonier aus Thessalonich. 3 Und am nächsten Tag kamen wir in Sidon an; und Julius verhielt sich freundlich gegen Paulus und erlaubte ihm, zu seinen Freunden zu gehen und sich pflegen zu lassen. 4 Und von da stießen wir ab und fuhren im Schutz von Zypern hin, weil uns die Winde entgegen waren, 5 und fuhren über das Meer längs der Küste von Zilizien und Pamphylien und kamen nach Myra in Lyzien.

                In der folgenden Schilderung der Seefahrt hebt Lukas zunächst hervor, dass sich Julius freundlich gegenüber Paulus verhält. Er lässt ihm Freiheiten. Hinter den Freunden, die Paulus aufsuchen darf, kann man Leute aus der Gemeinde in Sidon vermuten. Offensichtlich spürt der Soldat, dass er von diesem Gefangenen nichts Böses zu erwarten hat. Er hat keine Sorge, dass er flüchten könnte.

Die Reise selbst aber geht nicht glatt vonstatten. Der Wind macht Schwierigkeiten. Darum wird wohl immer wieder die schützende Küstennähe gesucht. Dazu kommen vermutlich  auch Notwendigkeiten, die sich aus den Interessen des Schhiffseigentümers ergeben. Für ihn ist der Gefanenen-Transport ja nur ein Zusatzgeschäft. Sein eigentliches Geschäft ist Warentransport und deswegen braucht er die Nähe zur Küste und das Anlaufen der Häfen, in denen er verkaufen kann. Dazu mag kommen: Die Fahrt über das freie Meer wäre zu gefährlich. Schließlich wird Myra erreicht, ein Hafen an der südlichen, kleinasiatischen Küste.

  6 Und dort fand der Hauptmann ein Schiff aus Alexandria, das nach Italien ging, und ließ uns darauf übersteigen. 7 Wir kamen aber viele Tage nur langsam vorwärts und gelangten mit Mühe bis auf die Höhe von Knidos, denn der Wind hinderte uns; und wir fuhren im Schutz von Kreta hin, bis auf die Höhe von Salmone, 8 und gelangten kaum daran vorbei und kamen an einen Ort, der »Guthafen« heißt; nahe dabei lag die Stadt Lasäa.

                In Myra heißt es umsteigen. Der ganze Transport wird auf ein anderes Schiff geladen. Es kommt aus Alexandria und soll nach Italien fahren. Diese Herkunft deutet auf ein höheres Maß an  Seetauglichkeit hin. Wieder machen die Winde das Vorankommen schwierig. Das Schiff hat längst die kleinasiatischen Küstengewässer verlassen und befindet sich jetzt südlich von Kreta. Dort wird ein Ort namens Guthafen angesteuert.

  9 Da nun viel Zeit vergangen war und die Schifffahrt bereits gefährlich wurde, weil auch die Fastenzeit schon vorüber war, ermahnte sie Paulus 10 und sprach zu ihnen: Liebe Männer, ich sehe, dass diese Fahrt nur mit Leid und großem Schaden vor sich gehen wird, nicht allein für die Ladung und das Schiff, sondern auch für unser Leben.

               Man ist durch das mühsame Reisen deutlich im Zeitverzug. Dass die Fastenzeit schon vorüber ist, deutet auf Oktober hin. Nach dieser Zeit wird die Schifffahrt im Mittelmeer leicht zum Abenteuer. Deshalb meldet sich Paulus zu Wort. Man darf ihm unterstellen, dass er durch seine vielen Reisen Einiges an Erfahrung gesammelt hat. Er kann von sich sagen: Dreimal habe ich Schiffbruch erlitten, einen Tag und eine Nacht trieb ich auf dem tiefen Meer.“(2. Korinther 11, 25). Das reicht, um ein gewisses Maß an Kompetenz vorzuweisen.

Paulus warnt. Wenn man weiter fährt, steigt das Risiko, für die Fracht, für die Passagiere und für das Schiff selbst. Es wird lebensgefährlich werden. Womöglich hat Paulus auch im Sinn, dass das Mittelmeer ab Mitte Oktober zum „mare claustrum“ wird: „Betreten auf eigenen Gefahr!“ Die Schifffahrt wird vernünftigerweise eingestellt. Steckt hinter der Warnung die Weitsichtigkeit des Vielreisenden, der Gefahren ahnt? Manchmal reicht ja schon ein gesundes Maß an Lebenserfahrung, um Gefahren kommen zu sehen, für die Andere noch blind sind. „Seefahrt“ weiterlesen

Beinahe

Apostelgeschichte 26, 24 – 32

24 Als er aber dies zu seiner Verteidigung sagte, sprach Festus mit lauter Stimme: Paulus, du bist von Sinnen! Das große Wissen macht dich wahnsinnig.

                Bis dahin haben sie alle zugehört. Still, merkwürdig berührt. Vielleicht auch fasziniert von der inneren Freiheit, der sie sich in diesem Mann Paulus gegenüber sehen. Genau deshalb reagiert Festus. Und wird laut: Du bist von Sinnen! Das große Wissen macht dich wahnsinnig. Du vergisst, wo Du bist und wie es um Dich steht. Schmeicheleien hätte er erwartet – und abgewiesen. Betteln um Gnade hätte er erwartet – und abgewiesen. Aber diese Rede! Das ist Wahnsinn. Festus hat Recht.

πολογουμνος steht da im Griechischen. Daraus ist Apologie als das deutsche Lehnwort erwachsen. Eine Rede zur Verteidigung, zur Rechtfertigung, zur Verantwortung. Das Verb wird auch wiedergegeben mit genau „auseinander setzen.“(Gemoll, aaO. S. 105) Es ist im strengen Sinn keine Verteidigungsrede. Paulus plädiert nicht auf Unschuld oder Missverständnis. Er richtet seinen Auftrag aus. Er ist hier der Zeuge, zu dem er vor Jahrzehnten berufen worden ist durch Christus. Er will auch nur Zeuge dafür sein, dass Gott sein „Projekt Auferstehung der Toten“ mitten in der Weltzeit in der Auferstehung Jesu in Gang gesetzt hat, unwiderruflich angefangen.

25 Paulus aber sprach: Edler Festus, ich bin nicht von Sinnen, sondern ich rede wahre und vernünftige Worte. 26 Der König, zu dem ich frei und offen rede, versteht sich auf diese Dinge. Denn ich bin gewiss, dass ihm nichts davon verborgen ist; denn dies ist nicht im Winkel geschehen. 27 Glaubst du, König Agrippa, den Propheten? Ich weiß, dass du glaubst.

            Paulus aber hält wieder dagegen. Nicht ich bin von Sinnen oder verrückt. Ich weiß doch, was ich tue. παρρησιαζόμενος – freimütig spricht Paulus, ungebunden, seinen Fesseln zum Trotz. Vielleicht ist er nie so frei wie in diesem Augenblick. Aber die Situation ist verrückt. Was Paulus sagt und bezeugt, ist ja keine Winkelangelegenheit. Es ist in Jerusalem geschehen, der Stadt Gottes. Und was er als Glauben Israels vertritt, das kann jeder in den Schriften nachlesen.

               Und dann spricht Paulus Agrippa direkt auf sein Wissen und seinen Glauben hin an – unerhört, einmalig im ganzen Neuen Testament. Er sucht, Agrippa eine Brücke zu bauen, ihn aus der Reserve zu locken. Er spricht ihn an auf den Glauben der Väter, sucht ihn als Juden: Glaubst du den Propheten? Im Evangelium heißt es: „Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.“ (Lukas 16,31) Glaubt Agrippa den Propheten, so wird er auch nicht anders können als an den glauben, der von den Toten auferstanden ist. „Beinahe“ weiterlesen

zum 3. Mal: Damaskus

Apostelgeschichte 26, 1 – 23

Agrippa aber sprach zu Paulus: Es ist dir erlaubt, für dich selbst zu reden.

             Ist das großmütig? Natürlich darf der Gefangene nicht einfach los-reden. Natürlich muss er warten, bis er gefragt ist. Aber es klingt doch schon ein wenig: „Sag mal was. Egal was. Unterhalte uns. Aber wisse: Es ändert nichts an Deiner Lage.“ Es ist der jüdische König, der Paulus auffordert zu reden, nicht der römische Prokurator. Das allein zeigt schon: Was Paulus sagen wird, hat rechtlich betrachtet, keine Relevanz und zeitigt auch keine Folgen für seinen Prozess.

Da streckte Paulus die Hand aus und verantwortete sich: 2 Es ist mir sehr lieb, König Agrippa, dass ich mich heute vor dir verantworten soll wegen all der Dinge, deren ich von den Juden beschuldigt werde, 3 vor allem weil du alle Ordnungen und Streitfragen der Juden kennst. Darum bitte ich dich, mich geduldig anzuhören.

                    Wie stelle ich mir die ausgestreckte Hand des Paulus vor? Zum Gruß erhoben? Ist es die Geste, die einer am Beginn einer Rede macht, um Aufmerksamkeit zu gewinnen, gar, um Ruhe zu erbitten? Paulus ist ja eigentlich nicht in der Situation, eine große Rede halten zu dürfen. Darum wirkt sein Redner-Gestus auf die Zuhörer möglicherweise fast ein wenig deplatziert, anmaßend.

Die ersten Sätze sind ein Dank für die Chance, die ihm eröffnet wird. Er kann sich vor Agrippa verantworten. Ihn sieht er als den Adressaten, an den sich seine Worte zu richten haben, den er „gewinnen“ will. Er steht vor einem König, der jüdisches Denken kennt, aber nicht vor einem jüdischen Tribunal, das gar nicht mehr zuhören muss, weil es schon weiß, was Sache ist. Es ist so auch ein Appell an Agrippa, sich unvoreingenommen ein Bild zu machen. Dabei weiß Paulus dennoch ja sehr wohl: Alle Entscheidungen über seine Zukunft liegen bei Festus.

4 Mein Leben von Jugend auf, wie ich es von Anfang an unter meinem Volk und in Jerusalem zugebracht habe, ist allen Juden bekannt, 5 die mich von früher kennen, wenn sie es bezeugen wollten. Denn nach der allerstrengsten Richtung unsres Glaubens habe ich gelebt als Pharisäer.

Inhaltlich weist Paulus als Erstes darauf hin: Ich bin Jude und wollte nie etwas Anderes sein. Es gibt aus seiner bisherigen Biographie keinen Grund zum Zweifel an seiner Gesetzestreue – das müssen alle bestätigen. Pharisäer wie Paulus nehmen es in ihrer Lebenspraxis mit dem Gesetz genau.   

6 Und nun stehe ich hier und werde angeklagt wegen der Hoffnung auf die Verheißung, die unsern Vätern von Gott gegeben ist. 7 Auf ihre Erfüllung hoffen die zwölf Stämme unsres Volkes, wenn sie Gott bei Tag und Nacht beharrlich dienen. Wegen dieser Hoffnung werde ich, o König, von den Juden beschuldigt. 8 Warum wird das bei euch für unglaublich gehalten, dass Gott Tote auferweckt?

Ohne weitere Umschweife kommt er auf das zentrale Thema zu sprechen. Es geht um die jüdische Hoffnung auf die Auferstehung der Toten. Was Juden seit uralter Zeit erhoffen, das wird ihm vorgeworfen. So Paulus, der dabei den Unterschied überspringt, dass er an die Auferweckung eines Toten, Jesu von Nazareth, mitten in der Geschichte glaubt, während Israels Hoffnung der Auferstehung sich auf das Ende der Geschichte richtet. Dieser Unterschied ist Paulus wohl bewusst. Aber er verschweigt ihn, weil es ihm um seine jüdische Identität geht. Er betont vielmehr: Was er von Christus glaubt, ist jüdisch gedacht und geglaubt.  „zum 3. Mal: Damaskus“ weiterlesen