Der Ort der Verschonung

  1. Samuel 24, 1 – 25

 1 Und der Zorn des HERRN entbrannte abermals gegen Israel, und er reizte David gegen sie und sprach: Geh hin, zähle Israel und Juda! 2 Und der König sprach zu Joab, seinem Feldhauptmann, der bei ihm war: Geh umher in allen Stämmen Israels von Dan bis Beerscheba und zählt das Kriegsvolk, damit ich weiß, wie viel ihrer sind.

             So sind biblische Bücher. Sie kümmern sich nicht um eine ordentliche Chronologie. Nach den letzten Worten Davids wird gewissermaßen zurück geblendet in frühere Zeiten. Vor seinem Ende.

Nichts wird erklärt. Der Zorn des HERRN entbrannte abermals gegen Israel, und er reizte David gegen sie. Warum das so kommt, bleibt im Dunkel. Es gibt nicht den Ehrgeiz zu wissen, wie es zu Gotte Zorn kommt. Was der Auslöser ist. Wie schwierig dieser grundlose Zorn empfunden worden ist, zeigt sich in der Parallel-Überlieferung der Chronik. „Und der Satan stellte sich gegen Israel und reizte David, dass er Israel zählen ließe.“(1. Chronik 21,1) So wird Gott zwar vordergründig entlastet, nur einfacher wird es damit auch nicht.

Abermals zeigt nur: das Entflammen des Zornes Gottes ist kein Einzelfall. auch gott wiederholt sich manchmal.

Es wäre verblüffend einfach, auch ein wenig logisch. Die Volkszählung ist ein Einfall des Königs. Er will Planungssicherheit – sowohl was die Zahl möglicher Krieger angeht als auch, was zukünftige Steuerzahler betrifft. Jeder verantwortungsbewusste König braucht solche Informationen. Auch David.  So beauftragt er seinen Mann für schwierige Missionen, Joab.

 Was daran ist zu tadeln? So fragt man heute im Wissen, dass verlässliche Zahlen unverzichtbar sind für vernünftige Planungen. Der Einwand: „Eine Erhebung zu militärischen Zwecken wird offenbar deshalb verurteilt, weil es nicht menschliche Kampfkraft, sondern Gottes Macht ist, die dem König zu Siegen über seine Feinde verhilft.“ (J. Conrad, Der gefahrvolle Weg zur Macht – Samuelbücher, Bibelauslegung für die Praxis 5 Stuttgart 1994, S. 141) Dann wäre die Anordnung der Volkszählung ein Versuch, sich von der Abhängigkeit von Gott zu lösen, sich von Gottes Macht zu emanzipieren. „Der Ort der Verschonung“ weiterlesen

Letzte Worte

  1. Samuel 23, 1 – 7

 1 Dies sind die letzten Worte Davids. Es spricht David, der Sohn Isais, es spricht der Mann, der hoch erhoben ist, der Gesalbte des Gottes Jakobs, der Liebling der Lieder Israels:

             Letzte Worte. Sie haben wie von selbst besonderes Gewicht, erst recht, wenn es die letzten Worte einer bedeutenden Persönlichkeit sind. Dass es sich bei David um ein herausragende Persönlichkeit handelt, wird mehrfach unterstrichen.  Der Mann, der hoch erhoben ist, der Gesalbte des Gottes Jakobs, der Liebling der Lieder Israels. Diese Worte können wirken, als würde sie ein anderer über David sagen. Staunend, verehrend. Aber: „Heute mehren sich wieder die Stimmen, die, der Überlieferung folgend, David als den Verfasser des Liedes mindestens von V. 3 an betrachten.“(H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, S. 330)

Ob also dieser Auftakt eine Selbstaussage Davids ist, kann offen bleiben. Aber er hat gewusst, dass er nicht von sich aus, aus seiner Herkunft her hoch erhoben war. Man könnte auch lesen: den Gott erhob. Er hat wohl gewusst, dass es Gott ist, der ihn erhoben hat. Er hat gewusst, dass er sich nicht selbst gesalbt hat, sondern gesalbt worden ist.  Durch Samuel und das Volk ist er der Gesalbte des Gottes Jakobs geworden. „Ausdrücklich ist damit die theologische Legitimation seiner Stellung beschrieben.“ (ebda.)

In welcher Weise der Liebling der Lieder Israels zu verstehen ist kann offen bleiben. David ist besungen worden als Krieger, als König und ihm werden ungezählt Psalmen zugeschrieben. Beide Deutungen sind für den Satz möglich – Sänger und Besungener. „Letzte Worte“ weiterlesen

Wie geht Versöhnung?

  1. Samuel 21, 1 – 14

 Es ist ein vorsichtiges Urteil, das jedoch von den meisten Auslegern geteilt wird: Es folgen Texte, die eigentlich an anderer Stelle, früher stehen müssten. Diese Anordnungen „lassen die restlichen Abschnitte als eine Art Anhang erkennen.“ (K. vom Orde, Das zweite Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal, 2002, S. 278)

1 Es war eine Hungersnot zu Davids Zeiten drei Jahre nacheinander. Und David suchte das Angesicht des HERRN, und der HERR sprach: Auf Saul und auf seinem Hause liegt eine Blutschuld, weil er die Gibeoniter getötet hat. 2 Da ließ der König die Gibeoniter rufen und sprach mit ihnen.

             Eine Hungersnot im Land. Nichts Ungewöhnliches. Sie wird  nicht sonderlich sorgfältig datiert: Zur Zeit Davids. Der immerhin vierzig Jahre König ist. Geht es also um Frühzeit, Machthöhepunkt oder die Endphase? Das interessiert nicht.  Nur ihre Härte wird erkennbar: drei Jahre nacheinander.

Das treibt den König zur Ursachenforschung und die Suche führt ihn zum Gottesorakel. Auf Saul und auf seinem Hause liegt eine Blutschuld. In Kurzfassung: Es liegt an Sauls Sippe. Es geht um alte Schuld des vorigen Königs. Keiner tritt eine Erbe an, dessen Vorgeschichte keine Rolle spielt, nicht zur Belastung werden kann. Auch David nicht.

 Die Gibeoniter aber gehörten nicht zu den Israeliten, sondern waren übrig geblieben von den Amoritern. Und die Israeliten hatten ihnen einen Schwur geleistet; jedoch suchte Saul sie auszurotten in seinem Eifer für Israel und Juda.

             Die Ursachenforschung wird durch eine Erklärung weiter geführt. Saul wollte die Gibeoniter ausrotten. Ganz. Sie waren übrig geblieben im Krieg gegen die Amoriter, weil die Israeliten ihnen das Überleben geschworen hatten. An diesen erschlichenen Schwur hatte sich Saul nicht gebunden gefühlt. Es wirkt ein bisschen verharmlosend: „Freilich klingt der Text so, als habe Saul versucht, die Gibeoniter gleichzuschalten im Sinne einer nationalen Politik, die mit Sonderrechten aufzuräumen trachtete“ (H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, S. 315) Was aber Tat oder Untat Sauls gewesen sein könnte, lässt sich gleichwohl nicht mehr exakt ergründen. „Wie geht Versöhnung?“ weiterlesen

Dreimal Gnade

  1. Samuel 19,9b – 41

 Als Israel geflohen war, ein jeder zu seinen Zelten, 10 stritt sich alles Volk in allen Stämmen Israels, und sie sprachen: Der König hat uns errettet aus der Hand unserer Feinde und uns erlöst aus der Hand der Philister und hat jetzt aus dem Lande fliehen müssen vor Absalom. 11 Aber Absalom, den wir über uns gesalbt hatten, ist gefallen im Kampf. Warum seid ihr nun so still und holt den König nicht wieder zurück?

             Das Volk ist noch nicht einig. Manche erinnern an die früheren Leistungen Davids. Er hat doch erfolgreich die Philister zurück gedrängt. Was macht es da, dass er vor Absalom fliehen musste. Auch das klingt an: es hat sich erwiesen, dass es falsch war Absalom zum König zu salben. Es wirkt, als würden sie im Tod Absaloms ein Gottesurteil sehen. Warum also still halten und nicht dem König zurückholen?

12 Es kam aber die Rede ganz Israels vor den König. Und der König sandte zu den Priestern Zadok und Abjatar und ließ ihnen sagen: Redet mit den Ältesten in Juda und sprecht: Warum wollt ihr die Letzten sein, den König zurückzuholen in sein Haus? 13 Ihr seid meine Brüder, von meinem Gebein und Fleisch; warum wollt ihr denn die Letzten sein, den König zurückzuholen? 14 Und zu Amasa sprecht: Bist du nicht von meinem Gebein und Fleisch? Gott tue mir dies und das, wenn du nicht Feldhauptmann sein sollst vor mir dein Leben lang an Joabs statt.

             David  erfährt, wie die Stimmung im Land ist Es spricht sich bis Mahanajim herum. Er will die Situation nützen und sendet Botschaft an die Ältesten von Juda. Es ist Zeit zur Umkehr. Es sind Versöhnungsangebote, begründet in der Zusammengehörigkeit: meine Brüder, von meinem Gebein und Fleisch. Ausgesprochen weitgehend an den Mann, den Absalom zu seinem Heerführer gemacht hatte, an Amasa. Auch ihn erinnert er an die Zusammengehörigkeit. Zugleich allerdings will er ihn auch locken mit einer Karriere-Zusage. Amasa soll auf Joab folgen als Feldhauptmann. Steckt hinter diesem Angebot der Ärger, die Scham, dass David nicht vergessen kann und will, dass Joab Absalom getötet hat, dass Joab ihn genötigt hat, die Trauer um den Sohn hinter sich zu lassen?

Es stellt sich die Frage: Ist das nur eine Ankündigung für zukünftige Entscheidungen oder vollzieht David hier eine Personal-Entscheidung, um diesen Joab, der ihm unheimlich ist, aus seiner Nähe zu entfernen? Der Text ist hier nicht eindeutig. Es wird sich später zeigen: „Einen Joab bootet man nicht so leicht aus.“ (W. Dietrich, David, Leipzig 2016, S. 193) So weit aber ist es jetzt noch nicht, auf dem Weg zurück. „Dreimal Gnade“ weiterlesen

Bei der Wahrheit bleiben?

  1. Samuel 18, 19 – 19,9a

 19 Ahimaaz, der Sohn Zadoks, sprach: Lass mich doch laufen und dem König die gute Botschaft bringen, dass der HERR ihm Recht verschafft hat gegen seine Feinde. 20 Joab aber sprach zu ihm: Du bist heute nicht der Mann für eine gute Botschaft. An einem andern Tag darfst du eine Botschaft bringen, aber heute nicht; denn des Königs Sohn ist tot.

Der Priestersohn Ahimaaz will David informieren. Weil er zu glauben schein, dass es eine gute Botschaft ist, dass die Feinde besiegt sind. Joab jedoch weiß es besser. Wichtiger als der Sieg wird für David  das andere sein, dass  des Königs Sohn tot ist. Wer diese Nachricht überringt, ist gefährdet. Der Zorn Davids könnte ihn treffen.

  21 Und Joab befahl einem Kuschiter: Geh hin und sage dem König an, was du gesehen hast. Und der Kuschiter neigte sich vor Joab und lief hin. 22 Ahimaaz aber, der Sohn Zadoks, sprach abermals zu Joab: Komme, was da will, ich möchte auch laufen, dem Kuschiter nach. Joab sprach: Was willst du laufen, mein Sohn? Du hast keine gute Botschaft zu bringen. 23 Ahimaaz sprach: Komme, was da will, ich laufe. Er sprach zu ihm: So lauf! Da lief Ahimaaz auf dem Weg durchs Jordantal und kam dem Kuschiter zuvor.

             Ahimaaz aber lässt sich nicht zurückhalten. Er liefert dem von Joab beauftragten Kuschiter einen regelrechten Wettlauf und kommt ihm zuvor.

 24 David aber saß zwischen den beiden Toren. Und der Wächter ging aufs Dach des Tores an der Mauer und hob seine Augen auf und sah einen Mann laufen allein 25 und rief und sagte es dem König an. Der König aber sprach: Ist er allein, so ist eine gute Botschaft in seinem Munde. Und als der Mann immer näher kam, 26 sah der Wächter einen andern Mann laufen und rief in das Tor: Siehe, da kommt noch ein Mann allein. Der König aber sprach: Der ist auch ein guter Bote. 27 Der Wächter sprach: Ich sehe den ersten laufen, wie Ahimaaz, der Sohn Zadoks, läuft. Und der König sprach: Es ist ein guter Mann und bringt eine gute Botschaft. 28 Ahimaaz aber rief und sprach zum König: Friede! Und er fiel nieder vor dem König auf sein Antlitz zur Erde und sprach: Gelobt sei der HERR, dein Gott, der die Leute, die ihre Hand gegen meinen Herrn, den König, erhoben haben, dahingegeben hat.

 Beide Läufer werden David angekündigt und von beiden erhofft der König sich gute Botschaft. Ahimaaz wird vorgelassen und verkündigt den Sieg über die Feinde. Frieden ruft er aus. Das ist seine Botschaft an den König. „Bei der Wahrheit bleiben?“ weiterlesen

Töten aus Verantwortung?

  1. Samuel 18, 1 – 18

 1 Und David ordnete das Kriegsvolk, das bei ihm war, und setzte über sie Hauptleute über Tausend und über Hundert 2 und stellte ein Drittel des Volks unter Joab und ein Drittel unter Abischai, den Sohn der Zeruja, Joabs Bruder, und ein Drittel unter Ittai, den Gatiter.

             David als König ordnet das Heer und vor allem bestellt er die Heerführer. Die beiden Brüder Joab und Abischai und den Gatiter Ittai. Sie führen die Streitmacht Davids.

 Und der König sprach zum Kriegsvolk: Ich will auch mit euch ausziehen. 3 Aber das Kriegsvolk sprach: Du sollst nicht ausziehen, denn wenn wir fliehen oder die Hälfte von uns stirbt, so werden sie unser nicht achten; aber du bist wie zehntausend von uns. So ist’s nun besser, dass du uns von der Stadt aus helfen kannst. 4 Der König sprach zu ihnen: Was euch gefällt, das will ich tun. Und der König trat ans Tor, und das ganze Kriegsvolk zog aus zu Hundert und zu Tausend.

             David möchte selbst mit in den Kampf. Er will nicht zurückstehen, nicht wie früher, vor Rabba. Aber seine Männer verwehren es ihm. Weil sie wissen: Er hilft uns mehr, wenn er die Schlacht von hinten her ordnet, „Formal klingt die militärische Kompetenz Davids an, die schon zu Sauls Zeiten vom Volk besungen worden war.“ (K. vom Orde, Das zweite Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal, 2002, S. 233) Darum ist das Votum der Männer  kein Zeichen eines Misstrauens gegen den Krieger David. Es ist eher Vorsicht. Was, wenn der König im Kampf fiele – das wäre ein härterer Verlust als zehntausend von uns. Weil der König als König auch eine Symbolfigur ist, deren Verlust schlimme Folgen hätte .

 5 Und der König gebot Joab und Abischai und Ittai und sprach: Schont mir den jungen Absalom! Und das ganze Kriegsvolk hörte es, als der König allen Hauptleuten Absaloms wegen diesen Befehl gab.

             Der Kampf steht bevor, aber Davids ganze Sorge gilt seinem Sohn, dem jungen Mann Absalom. Ihn will er schützen, ihn sollen seine Krieger im Kampf schonen. Ob wirklich zutrifft: „Es könnte sein, dass der alternde König die ganze Aktion Absaloms als einen „jugendlichen dummen Streich“ ansah.“ (K. vom Orde, aaO. S. 234) Es kann aber auch sein, hier meldet sich wieder die Schwäche des Vaters David, wie sie schon gegenüber der Gewalttat Amnons sichtar geworden war. Der König ist im eigenen Haus zu sanft. Ob Joab diese „Schwäche“ Davids dadurch unterbinden wollte, dasss er ihn aus dem Kampfgeschehen  fern hielt? Dann wäre es ihm ganz recht gewesen, dass David in der Stadt zurückblieb und nicht an vorderster Front anwesend sein konnte.

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Zurück geworfen

  1. Samuel 17, 5 – 23

 5 Aber Absalom sprach: Lasst doch auch Huschai, den Arkiter, rufen und hören, was er dazu sagt. 6 Und als Huschai hinein zu Absalom kam, sprach Absalom zu ihm: Das und das hat Ahitofel geredet; sage du, sollen wir’s tun oder nicht?

             Es ist ein erneutes Zeichen der Unsicherheit. Absalom will auch Huschai hören, was er dazu sagt. Weil es ihm nicht reicht, den Vorschlag und Plan Ahitofels zu haben.  Weil er glaubt, dass viele Berater auch zu gutem, noch besserem  Rat führen?

 7 Da sprach Huschai zu Absalom: Der Rat, den Ahitofel diesmal gegeben hat, ist nicht gut. 8 Und Huschai sprach weiter: Du kennst deinen Vater und seine Leute, dass sie stark sind und zornigen Gemüts wie eine Bärin auf dem Felde, der die Jungen geraubt sind. Dazu ist dein Vater ein Kriegsmann und wird seinen Leuten auch des Nachts keine Ruhe gönnen. 9 Siehe, er hat sich jetzt vielleicht verkrochen in irgendeiner Schlucht oder sonst einem Versteck. Wenn’s dann geschähe, dass gleich zu Anfang einige unter ihnen fallen, und es käme das Gerücht auf: Das Volk, das Absalom nachfolgt, ist geschlagen worden, 10 so würde jedermann verzagt werden, auch wenn er ein Krieger ist und ein Herz hat wie ein Löwe. Denn es weiß ganz Israel, dass dein Vater ein Held ist und tapfere Leute bei sich hat. 11 Darum rate ich, dass du zu dir versammelst ganz Israel von Dan bis Beerscheba, so viel wie der Sand am Meer, und dass du selbst in den Kampf ziehst. 12 So wollen wir ihn überfallen, wo wir ihn finden, und wollen über ihn kommen, wie der Tau auf die Erde fällt, dass wir von ihm und allen seinen Männern nicht einen einzigen übrig lassen. 13 Zieht er sich aber in eine Stadt zurück, so soll ganz Israel Stricke an die Stadt legen und sie ins Tal schleifen, dass man nicht einen Stein mehr dort finde.

             Der Rat Huschais ist ein Wortschwall, „ein Meisterstück orientalischer Beredsamkeit.“.(H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, S. 289)  Sortiert man die vielen Worte, so ist die Rede im Vordergrund zunächst eine Warnung. David ist nicht zu unterschätzen. Dieser gewesen König ist ein Kriegsmann, erfahren im Kampf und er wird kämpfen wie eine Bärin. Was wäre, wenn der sofortige Angriff misslingt? Würden sich dann nicht viele abwenden?  Würde nicht auch tapferen Leute der Mut sinken? Das ist wohl bedacht an den jungen Usurpator der Königs-Würde gerichtet, der in seinem Ratsuchen seine eigene Unsicherheit nur zu deutlich zeigt. „Zurück geworfen“ weiterlesen

Guter Rat ist teuer

  1. Samuel 16, 15 – 17,4

 15 Aber Absalom und alles Volk, die Männer Israels, kamen nach Jerusalem und Ahitofel mit ihm. 16 Als aber Huschai, der Arkiter, Davids Freund, zu Absalom hineinkam, rief er Absalom zu: Es lebe der König! Es lebe der König! 17 Absalom aber sprach zu Huschai: Ist das deine Treue zu deinem Freunde? Warum bist du nicht mit deinem Freunde gezogen?

Szenenwechsel hin zu Absalom. Er zieht in Jerusalem ein, mit großem Gefolge, unter anderen den früheren Ratgeber Davids, Ahitofel. Dort, im verlassenen Haus des Königs(?) tritt ihm Huschai, ausdrücklich gekennzeichnet als Davids Freund, huldigend entgegen. Er mischt sich unter den Kreis, der um Absalom ist. Es scheint, er ist eine Einzelstimme, nicht nur einer, der mit-ruft, wenn alle rufen: Es lebe der König!

             Dieses Rufen, diese Huldigung fällt Absalom auf, so dass er nachfragt. Was ist mit dir und David? Mit der Treue zu ihm? Sagst du dich so schnell von deinem Freund los? Was machst du noch hier?Liegt in diesem Fragen Gefahr für Huschai und ist es ein, wenn auch gelindes Misstrauen, das Absalom so fragen lässt? „Ein solch schneller Sinneswandel musste dem jungen Herrscher verdächtig vorkommen.“ (K. vom Orde, Das zweite Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal, 2002, S. 216) Die Fragen erfordern Antworten.

18 Huschai aber sprach zu Absalom: Nein! Sondern wen der HERR erwählt und dies Volk und alle Männer in Israel, zu dem gehöre ich und bei dem will ich bleiben. 19 Zum andern, wem diene ich? Ist es nicht sein Sohn, dem ich diene? Wie ich deinem Vater gedient habe, so will ich auch vor dir sein.

            Huschai zögert nicht. Er argumentiert geschickt – in dem er darauf verweist, dass er in seiner Huldigung nur nachvollzieht, was geschehen ist. Wen der HERR erwählt und dies Volk und alle Männer in Israel, zu dem gehöre ich. Das muss Absalom doch hören als eine Anerkennung dessen, was in Hebron geschehen ist. Er ist der rite erwählte und in Hebron durch das Volk bestätigte König. Heißt im Klartext: Gott steht hinter dieser Wahl! Es ist nur ein Zusatzargument: Immerhin hält Huschai doch so auch der Davids-Dynastie die Treue – wie dem Vater, so dem Sohn. Damit sind die Nachfragen Absaloms an der Oberfläche für ihn befriedigend beantwortet. Huschai bleibt unter denen in der Nähe des neuen Königs. „Guter Rat ist teuer“ weiterlesen

Schimi – mehr als nur ein Schreihals

 2. Samuel 16, 1 – 14

 1 Und als David ein wenig von der Höhe hinabgegangen war, siehe, da begegnete ihm Ziba, der Knecht Mefi-Boschets, mit einem Paar gesattelter Esel; darauf waren zweihundert Brote und hundert Rosinenkuchen und hundert frische Früchte und ein Schlauch Wein. 2 Da sprach der König zu Ziba: Was willst du damit machen? Ziba sprach: Die Esel sollen für das Haus des Königs sein, um darauf zu reiten, und die Brote und die Früchte sind für die Leute zum Essen und der Wein zum Trinken, wenn sie müde werden in der Wüste.

             Noch eine Begegnung auf der Flucht. Diesmal Ziba, der Mann, dem David die Verwaltung der Ländereien Mefi-Boschets übertragen hatte. Er ist mit Proviant unterwegs. Für wen? Ist es nur eine geschickte, rasche Reaktion, dass Ziba sagt: für das Haus des Königs. Dann würde er sich als Unterstützer Davids zu erkennen geben.

 3 Der König sprach: Wo ist der Sohn deines Herrn? Ziba sprach zum König: Siehe, er blieb in Jerusalem; denn er denkt: Heute wird mir das Haus Israel meines Vaters Königtum zurückgeben. 4 Der König sprach zu Ziba: Siehe, es soll dein sein alles, was Mefi-Boschet hat. Ziba sprach: Ich neige mich; lass mich Gnade finden vor dir, mein Herr und König.

David fragt weiter – nach dem Sohn deines Herrn? „Der Herr, der hier gemeint ist, war Saul, dem Zia ursprünglich gedient hatte.“ (K. vom Orde, Das zweite Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal, 2002, s. 211) Der Sohn ist Mefi-Boschet. Die Auskunft Zibas ist eindeutig: Er ist in Jerusalem geblieben, weil er hofft, dass er von den Wirren profitieren kann, dass am Ende doch der Mann aus dem Geschlecht Sauls König werden wird. Es lohnt sich für Zia, dass er seinen Herren so anschwärzt: David übergibt  ihm  alles, was Mefi-Boschet hat. Ist das voreilig? Vertrauensselig? Es ist doch in der augenblicklichen Situation nur ein symbolischer Akt – David hat gar nicht die Macht, diese Besitzwechsel voran zu bringen. Allerdings ist es kaltblütig berechnet – David verpflichtet sich diesen Ziba.

5 Als aber der König David ach Bahurim kam, siehe, da kam ein Mann von dort heraus, vom Geschlecht des Hauses Saul, der hieß Schimi, der Sohn Geras; der kam heraus und fluchte 6 und warf mit Steinen nach David und allen Knechten des Königs David, obwohl das ganze Kriegsvolk und alle Helden zu seiner Rechten und Linken waren. 7 So aber rief Schimi, als er fluchte: Hinaus, hinaus, du Bluthund, du ruchloser Mann! 8 Der HERR hat über dich gebracht alles Blut des Hauses Sauls, an dessen statt du König geworden bist. Jetzt hat der HERR das Königtum gegeben in die Hand deines Sohnes Absalom; und siehe, nun steckst du in deinem Unglück, denn du bist ein Bluthund.

            Noch eine Begegnung auf dem Fluchtweg. In Bahurim – einem Ort auf dem Weg zwischen Jerusalem und Jericho. In der Weglosen Einöde. dort Tritt David ein Mann aus der Saul-Sippe entgegen. Schimi. Er wirft mit Steinen nach David. Er hat keine Furcht vor den Männern, die um David sind. Und er beschimpft ihn. Was er sagt, ist eine einzige große Anklage. Bluthund, nennt er ihn, du ruchloser Mann! „Schimi – mehr als nur ein Schreihals“ weiterlesen

Beistand in der Not

 2. Samuel 15, 13 – 37 

13 Da kam einer, der sagte es David an und sprach: Jedermanns Herz in Israel hat sich Absalom zugewandt. 14 David aber sprach zu allen seinen Knechten, die bei ihm in Jerusalem waren: Auf, lasst uns fliehen! Denn hier wird kein Entrinnen sein vor Absalom. Eilt, dass wir gehen, damit er uns nicht einholt und uns ergreift und Unheil über uns bringt und die Stadt schlägt mit der Schärfe des Schwerts.

             David wird von einem – wer das ist, tut nichts zur Sache – informiert über das, was im Gange ist. Es ist für den König eine Katastrophen-Nachricht: Jedermanns Herz in Israel hat sich Absalom zugewandt. Das heißt doch: David ist in seinem Volk völlig isoliert. Aber endlich möchte man sagen: Die alte Tatkraft und Urteilsfähigkeit sind David nicht gänzlich verloren gegangen. Er weiß, dass es jetzt keinen offenen Kampf um Jerusalem geben kann. Flucht ist angesagt. So erspart man auch der Stadt, dass sie zum Schlachtfeld wird. Das ist ein letzter Rest königlicher Weitsicht und Verantwortung.

 15 Da sprachen die Knechte des Königs zu ihm: Ganz wie unser Herr und König will; siehe, wir sind deine Knechte. 16 Und der König zog hinaus und sein ganzes Haus ihm nach. Der König aber ließ zehn Nebenfrauen zurück, das Haus zu bewahren. 17 Und als der König und alles Volk, das ihm nachfolgte, hinauskamen, blieben sie stehen beim letzten Hause. 18 Und alle seine Knechte zogen an ihm vorüber; dazu alle Kreter und Pleter, auch alle Gatiter, sechshundert Mann, die von Gat ihm nachgefolgt waren, zogen an dem König vorüber.

Es wirkt, als hätten die Knechte des Königs noch nicht jedes Vertrauen zu ihm verloren. „Es ist ein Glück für David, dass sein ihn umgebender Hofstaat nicht nur seine Ergebenheit vor den König zum Ausdruck brachte, sondern auch seinen Fähigkeiten, die rechten Entscheidungen zu trennen, traute.“(K. vom Orde, Das zweite Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal, 2002, s. 203) Es gilt erst einmal, den ganzen Apparat- so ist wohl hier sein ganzes Haus zu lesen – in Sicherheit zu bringen. Sie alle nimmt er mit Kreter und Pleter, auch alle Gatiter, sechshundert Mann. Die Leute aus Gat sind Philister! Zurück bleibt Davids Harem. Seine Nebenfrauen.

 19 Und der König sprach zu Ittai, dem Gatiter: Warum gehst auch du mit uns? Kehre um und bleibe bei dem König, denn du bist ein Ausländer und von deiner Heimat hierhergezogen. 20 Gestern bist du gekommen und heute sollte ich dich mit uns hin und her ziehen lassen? Ich gehe nun, wohin ich gehen muss. Du aber kehre um und bring deine Brüder zurück; dir widerfahre Barmherzigkeit und Treue. 21 Ittai antwortete dem König und sprach: So wahr der HERR lebt und so wahr mein Herr und König lebt: Wo immer mein Herr, der König, ist, es gerate zum Tod oder zum Leben, da wird dein Knecht auch sein. 22 David sprach zu Ittai: So komm und zieh vorüber! Da zog Ittai, der Gatiter, vorüber und alle seine Männer und der ganze Tross, der bei ihm war.

Aus den vielen, die mit David ziehen, wird einer hervorgehoben. Ittai, der Gatiter.   Wir wissen nicht, was diesen Philister dazu gebracht hat, sich zu David zu halten. Es scheint, er ist noch nicht lange ein Mann Davids. – Gestern bist du gekommen. so stellt ihm David frei, die Seiten zu wechseln und sich dem König, gemeint ist Absalom!, anzuschließen. David redet sich die Verhältnisse nicht schön. Die stärkere Macht ist auf Absaloms Seite.

Man kann überlegen: Hört Ittai in den Worten Davids eine Treue-Probe? Jedenfalls ist seine Antwort eindeutig. Er wird bei David bleiben. Mag sein, es  klingt hier über das eine biblische Buch hinaus der Satz aus einem anderen Buch an – auch da gesprochen in der Situation, dass Wege sich trennen könnten: „Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden.(Ruth 1, 16-17) Auch da ist es die Fremde aus anderem Volk, die dem Glied Israels die Treue verspricht. David nimmt an und hat so einen treuen Mann gewonnen.   „Beistand in der Not“ weiterlesen