Selbstmörderische Rache

Richter 16, 23 ‑ 31

23 Als aber die Fürsten der Philister sich versammelten, um ihrem Gott Dagon ein großes Opfer darzubringen und ein Freudenfest zu feiern, sprachen sie: Unser Gott hat uns unsern Feind Simson in unsere Hände gegeben. 24 Als das Volk ihn sah, lobten sie ihren Gott, denn sie sprachen: Unser Gott hat uns unsern Feind in unsere Hände gegeben, der unser Land verwüstete und viele von uns erschlug.

             Ein großes Fest in Gaza im Tempel. „Nun danket alle Gott “ singen sie und freuen sich, dass die Plage der Philister überwunden ist. Sie wissen, wem sie das zu verdanken haben: Der eigenen Klugheit auf der einen Seite, die Geld an der richtigen Stelle einzusetzen weiß. Aber vor allem ihrem Gott Dagon. Von ihm bekennen sie: Er hat uns unsern Feind Simson in unsere Hände gegeben. Fromme Leute also. Religiös. Dankbar, weil die Gefahr vorüber ist für Land und Leute.

25 Als nun ihr Herz guter Dinge war, sprachen sie: Lasst Simson holen, dass er vor uns seine Späße treibe. Da holten sie Simson aus dem Gefängnis, und er trieb seine Späße vor ihnen und sie stellten ihn zwischen die Säulen.

              Zur allgemeinen Volksbelustigung, und um die Freude noch zu steigern, wird Simson geholt. Er steht zwischen den Säulen. Ein Gefangener, der gefesselt ist und deshalb „harmlos“. Mag sein, ein Schauer von Furcht rollt über die Rücken ‑ aber er kann ja nichts mehr machen. Er ist nur noch ein hilfloser Spaßmacher. Und es macht ja auch Spaß, ihn so zu sehen, geblendet, gefangen, keine Gefahr mehr.

Unwillkürlich habe ich Filmbilder vor Augen: King Kong, der Riesen‑Gorilla, gefangen und in Ketten gelegt, in einem Theater zur Schau gestellt. Das Publikum sieht die Bestie an und ein wohliger Schauer überkommt sie: So eine Gefahr ‑ und doch gebannt. Durch unsere Kraft.

26 Simson aber sprach zu dem Knaben, der ihn an der Hand führte: Lass mich los, dass ich nach den Säulen taste, auf denen das Haus steht, damit ich mich daran lehne. 27 Das Haus aber war voller Männer und Frauen. Es waren auch alle Fürsten der Philister da, und auf dem Dach waren etwa dreitausend Männer und Frauen, die zusahen, wie Simson seine Späße trieb.

Es fällt nicht auf. Simson lässt sich an die Säulen des Hauses stellen. Greift nach ihnen. Ein Riesenmenge findet Platz, auf dem Dach, unter dem Dach, das die Säulen tragen etwa dreitausend Männer und Frauen. Die Oberen Zehntausend der Philister, die high society.

28 Simson aber rief den HERRN an und sprach: Herr HERR, denke an mich und gib mir Kraft, Gott, noch dies eine Mal, damit ich mich für meine beiden Augen „einmal“ räche an den Philistern!

Was für ein Gebet. Um Kraft. Dieses eine Mal noch. Um sich zu rächen. Das wird berichtet, ohne dass auch nur der Anschein einer theologischen Kritik an solchem Beten spürbar würde. Das ist auch wohl zu viel verlangt in einer Zeit, in der auch solche Gebete formuliert werden können:

HERR, vergiss den Söhnen Edom nicht,                                                                                was sie sagten am Tage Jerusalems:                                                                                     »Reißt nieder, reißt nieder bis auf den Grund!«                                                           Tochter Babel, du Verwüsterin,                                                                                            wohl dem, der dir vergilt, was du uns angetan hast!                                                   Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt                                                                      und sie am Felsen zerschmettert!                               Psalm 137, 7 ‑ 9

Es ist eine wilde Rachsucht, die sich in solchen Worten Bahn bricht. Gut, wenn es nur Worte sind. Und die unbändige Wut der Seele so ein Ventil findet. Aber hier, in der Erzählung von Simson, bleibt es nicht bei den bloßen Worten.

Wie anders dagegen das Gebet, das auch um das Gedenken bittet: “ Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst!“ (Lukas 23, 42)

29 Und er umfasste die zwei Mittelsäulen, auf denen das Haus ruhte, die eine mit seiner rechten und die andere mit seiner linken Hand, und stemmte sich gegen sie 10 und sprach: Ich will sterben mit den Philistern! Und er neigte sich mit aller Kraft. Da fiel das Haus auf die Fürsten und auf alles Volk, das darin war, sodass es mehr Tote waren, die er durch seinen Tod tötete, als die er zu seinen Lebzeiten getötet hatte.

Ein Selbstmord‑Attentäter, dem die biblische Geschichte ein Denkmal setzt. Ein früher Vorläufer derer, die das World Trade Center zum Einsturz bringen. Das Blut will mir schier stocken, während ich das schreibe. Was für eine Erfolgsbilanz: Er reißt mehr Menschen mit in seinen Tod als er zu Lebzeiten tötete. Und auch da war er ja schon nicht „schlecht“, im Töten!

Was auffällt und mir doch wichtig ist: Hier fehlt die Wendung: Der Geist des HERRN geriet über ihn. Da ich mir abgewöhnt habe, die Schreiber der biblischen Bücher für nachlässig zu halten, unterstelle ich dem Fehlen Bedeutung. Was hier erzählt wird, ist Heldengeschichte, aber nicht Gottesgeschichte.

Es ist wichtig, dass sie erzählt und nicht verschwiegen wird. So irritierend menschlich sind manchmal auch die Geweihten Gottes. Dass der Geweihte Gottes in seiner Rachsucht Tausende mit in den Tod reißt, ist nicht die Wiederherstellung der Ehre Gottes. Es ist schlicht menschliche Unzulänglichkeit. Und Rachsucht ist die menschliche Unzulänglichkeit, neu befeuert bei jeder Beerdigung von Gewaltopfern, an der die Völker im Raum Israel-Palästina, Naher Osten bis heute leiden. Ohne dass ein Ende in Sicht wäre.

,Als Vorkämpfer des Gottesvolkes gegen die Philister wird er den Anfänger einer Kette, die über Samuel und Saul zu David geht. Als im Mutterleibe Zubereiteter, Gott Geweihter, mit dem Geist Begabter wird er ein Vorläufer in einem noch weiteren Sinne. Hinter ihm erscheint “ der Könige Kräftigster“, wie der Heliand den Christus nennt. Der Mann, der mit seinem Tod mehr Menschen tötete als je in seinem Leben, steht in einer merkwürdigen Beziehung zu dem Jesus, der mit seinem Tode einer Welt ‑ das Leben gab.“ (H. W Hertzberg; aaO.; S. 235)

Größer aber könnte der Kontrast kaum sein: Hier der, der wahllos und bedenkenlos mit in den eigenen Tod reißt, einer, den die Rache treibt ‑ und ich scheue mich nicht zu sagen: den hier auf jeden Fall nicht der Geist des Gottes treibt, an den ich glaube. Und dort der, der sein Leben gibt, in einer Liebe, die aufs Ganze geht, sich selbst nicht schont, um den Tod zu durchbrechen, zu entmächtigen, um Leben zu schenken.

Solch ein Urteil aber, darüber bin ich mir im Klaren, wirft zugleich viel mehr Fragen auf als es Antworten gibt. Fragen nach der Einheit Gottes, nach der Wertigkeit der unterschiedlichen Geschichten der Schrift für unser Denken über Gott ‑ und wichtiger noch: für unseren Glauben an Gott.

Es gibt sie oft, bei vielen Völkern, die Erzählungen von unverwundbaren, schier  unbesiegbaren Helden. Achilles ist so einer. Siegfried auch. Der Fürst der Nazgûl in der modernen Saga vom „Herrn der Ringe“. Aber sie alle sind in Wahrheit nicht unbesiegbar und unverwundbar. Achilles hat seine Ferse, Siegfried die Wundstelle, auf die das Lindenblatt – oder war es ein Eichenblatt – im Odenwald fiel. Und der Fürst der Nazgûl wird einer Frau nicht standhalten können und einem Hobbit und stirbt, merk-würdig genug, durch einen Stich in seine Achillesferse. Was Simson von ihnen allen unterscheidet: Seine Stärke ist vom Herrn und nicht Schicksalsgabe.

31 Da kamen seine Brüder herab und das ganze Haus seines Vaters, und sie hoben ihn auf und brachten ihn hinauf und begruben ihn im Grab seines Vaters Manoach zwischen Zora und Eschtaol. Er hatte aber Israel zwanzig Jahre gerichtet.

Simson findet sein Grab zu Hause. In Dan. Im Grab bei seinem Vater. Und noch einmal wird daran erinnert: Er hatte aber Israel zwanzig Jahre gerichtet. Er ist mehr als der etwas rüpelhafte Spaßmacher Gottes. Einer, der seinem Volk geholfen hat.

 

Mein Gott, manchmal staune ich. Ausgerechnet das ist einer, eine, der, die zu Dir gehört. Das hätte ich nicht gedacht, so wie er, wie sie sich gibt.  Aber Du erwählst Dir, wen Du willst, schräge Vögel, ernsthafte Denkerinnen, liebevolle Helfer und grobe Kerle mit grimmigem Humor.

Ich danke Dir, dass Du Dir den erwählt hast als das eine große Heilszeichen, der sein Leben in den Tod gegeben hat, damit er uns Leben über allen Tod hinaus gibt. Amen

Ein naiver Riese

Richter 16, 4 ‑ 22

1 Danach gewann er ein Mädchen lieb im Tal Sorek, die hieß Delila.

 Offensichtlich ist Simson, was Frauen angeht, nicht lernfähig. Es ist geradezu rührend. Alle schwierigen Erfahrungen mit Mädchen, Frauen aus dem Stamm der Philister können Simson nicht beirren. Er findet eine neue Liebe. Delila. Die erste, deren Namen wir erfahren. Und wir ahnen es schon: Seine letzte Liebe.

5 Zu der kamen die Fürsten der Philister und sprachen zu ihr: Überrede ihn und sieh, wodurch er so große Kraft hat und womit wir ihn überwältigen können, dass wir ihn binden und bezwingen, so wollen wir dir ein jeder tausendeinhundert Silberstücke geben. ~ Und Delila sprach zu Simson: Sage mir doch, worin deine große Kraft liegt und womit man dich binden muss, um dich zu bezwingen? Z Simson sprach zu ihr: Wenn man mich bände mit sieben Seilen von frischem Bast, die noch nicht getrocknet sind, so würde ich schwach und wäre wie ein anderer Mensch.

                Die Fürsten der Philister wissen um Simsons Schwäche für Delila. Auch darum, dass er nicht schweigen kann, wenn eine Frau ihn fragt. Sie „kaufen“ sie ‑ und Delila lässt sich kaufen. Es geht um das Geheimnis seiner Kraft, das sie Simson entlocken soll. Sie fragt und Simson antwortet. Freilich sagt er nicht die Wahrheit. Sieben Seilen von frischem Bast ‑ das ist eine schier unzerreißbare Fessel.

Darf man das mithören in Simsons Antwort: Den, der von keinem Scher‑Messer berührt und von keinem Wein berauscht worden ist, den kann nur überwinden, fesseln, was selbst frisch, unberührt, „rein wie am Anfang“ (EG 455) ist? Und auch das klingt wohl mit an, das Wissen Simsons, dass er nicht ist wie ein anderer Mensch.

 8 Da brachten die Fürsten der Philister ihr sieben Seile von frischem Bast, die noch nicht getrocknet waren, und sie band ihn damit. 9 Man lauerte ihm aber auf bei ihr in der Kammer Da sprach sie zu ihm: Philister über dir, Simson! Er aber zerriss die Seile, wie eine Flachsschnur zerreißt, wenn sie ans Feuer kommt. Und so wurde nicht kund, worin seine Kraft lag.

 Die Philister und Delila glauben Simson. Sie spielt ein „Fesselspiel“ mit ihm. Bringt ihn dazu, sich binden zu lassen. Wie sie ihn dazu bringt, ist nebensächlich. Aber als sie ruft: Philister über dir, Simson! erweist es sich: Diese Bande sind für ihn nicht stark genug. Er hat sein Geheimnis gewahrt. „Ein naiver Riese“ weiterlesen

Der das fromme Schema sprengt

Richter 15, 1 ‑ 16, 3

 1 Es begab sich aber nach einigen Tagen, um die Weizenernte, dass Simson seine Frau besuchte mit einem Ziegenböcklein. Und als er dachte: Ich will zu meiner Frau in die Kammer gehen, da wollte ihn ihr Vater nicht hineinlassen 2 und sprach: Ich meinte, du bist ihrer ganz überdrüssig geworden, und ich habe sie deinem Gesellen gegeben. Sie hat aber eine jüngere Schwester, die ist schöner als sie; die nimm statt ihrer.

         Es ist noch immer seine Frau, das Mädchen in Timna. Simson will sein Recht als Ehemann. Der Schwiegervater aber will ihn hindern. Weil er den neuen Mann der Tochter, den Brautgesellen des Simson fürchtet? So bietet er ihm Ersatz. Eine jüngere Schwester, die ist schöner als sie. Was die Schwester von diesem Angebot hält, wird nicht erwähnt. Es ist in der damaligen Männergesellschaft auch nicht wirklich relevant.

3 Da sprach Simson zu ihnen: Diesmal bin ich frei von Schuld, wenn ich den Philistern Böses tue. 4 Und Simson ging hin undfing dreihundert Füchse, nahm Fackeln und kehrte je einen Schwanz zum andern und tat eine Fackel je zwischen zwei Schwänze 5 und zündete die Fackeln an und ließ die Füchse in das Korn der Philister laufen und zündete so die Garben samt dem stehenden Korn an und Weinberge und Ölbäume.

           Simson aber sieht das Angebot als Affront. Er wollte seine Frau. Anlass genug für ihn, jetzt den Philistern Böses zu tun. Es ist eben so: Der Ärger mit der einen Sippe steht für das ganze Volk. Was folgt, verhandeln wir heute unter der Überschrift „Tierquälerei“. Andere Zeiten denken darüber anders: „Eine Tat voll grimmigen Humors, die auch außerhalb der Bibel gelegentlich vorkommt.“(H. W Hertzberg,‑ aaO.; S231) Man kann bis heute das Lachen der Israeliten hören, wenn dieser Streich erzählt wird.

6 Da sprachen die Philister: Wer hat das getan? Da sagte man: Simson, der Schwiegersohn des Timnaiters, weil er ihm seine Frau genommen und seinem Gesellen gegeben hat. Da zogen die Philister hin und verbrannten sie samt ihrer Familie mit Feuer

Die Folge allerdings ist furchtbar. Nicht der Verursacher, Simson, wird von den Philistern bestraft. Sie greifen sich die, deren sie habhaft werden können. Sippenhaftung. Die ganze Familie des Timnaiters kommt im Feuer um, das sie legen. Es wird, so fällt mir auf, oft vom Feuer als Vernichtungswaffe erzählt im Buch der Richter. Es herrscht nun ‑ und das ist wohl der tiefere Zweck der Aktion Simsons, zumindest nach den Plänen Gottes – Zwietracht unter den Philistern.

 7 Simson aber sprach zu ihnen: Wenn ihr das tut, so will ich nicht ruhen, bis ich mich an euch gerächt habe. 8 Und er schlug sie zusammen mit mächtigen Schlägen und zog hinab und wohnte in der Felsenkluft von Etam.

Das Feuer und die Vernichtung seiner angeheirateten Familie löst eine neue Attacke des Simson aus. “ Er schlug sie auf Schenkel und Hüfte „, mit mächtigen Schlägen, heißt es. Er verprügelt sie nach Strich und Faden. Ob dabei Philister zu Tode kommen, wird nicht erwähnt. Ist dem Erzähler auch nicht wichtig. Auf ein paar Tote mehr scheint es in diesem Buch nicht anzukommen. Anschließend zieht sich Simson zurück. In eine Felskluft. Macht sich unsichtbar, so wie es Partisanen öfters tun.

 9 Da zogen die Philister hinauf und lagerten sich in Juda und breiteten sich aus bei Lehi. 10 Aber die von Juda sprachen: Warum seid ihr gegen uns heraufgezogen? Sie antworteten: Wir sind heraufgekommen, Simson zu binden, dass wir ihm tun, wie er uns getan hat. 11 Da zogen dreitausend Mann von Juda hinab in die Felsenkluft zu Etam und sprachen zu Simson: Weißt du nicht, dass die Philister über uns herrschen? Warum hast du uns denn das angetan? Er sprach zu ihnen: Wie sie mir getan haben, so hab ich ihnen wieder getan. 12 Sie sprachen zu ihm: Wir sind herab gekommen, dich zu binden und in die Hände der Philister zu geben. Simson sprach zu ihnen: So schwört mir, dass ihr selber mir nichts antun wollt. 13 Sie antworteten ihm: Nein, sondern wir wollen dich nur binden und in ihre Hände geben und wollen dich nicht töten. Und sie banden ihn mit zwei neuen Stricken und führten ihn aus der Felsenkluft hinauf 14 Und als er nach Lehi kam, jauchzten die Philister ihm entgegen.

Es geht hin und her. Jetzt sind wieder die Philister am Zug. Sie fallen in Juda ein und setzen die von Juda unter Druck. Von Drohungen muss nicht erzählt werden. Aber sie wirken. Dreitausend Mann von Juda machen sich auf den Weg, finden Simson in seinem Versteck und bringen ihn dazu, dass er sich an die Philister ausliefern lässt. Gebunden mit neuen, deshalb besonders widerstandsfähigen Stricken. So wird er ausgeliefert an die Philister. Die begrüßen den gebundenen Feind, diesen rüpelhaften Quälgeist mit Freudengeschrei. Endlich haben sie ihn.

 Aber der Geist des HERRN geriet über ihn, und die Stricke an seinen Armen wurden wie Fäden, die das Feuer versengt hat, sodass die Fesseln an seinen Händen zerschmolzen. 15 Und erfand einen frischen Eselskinnbacken. Da streckte er seine Hand aus und nahm ihn und erschlug damit tausend Mann. 16 Und Simson sprach: Mit eines Esels Kinnbacken hab ich sie geschunden; mit eines Esels Kinnbacken hab ich tausend Mann erschlagen. 17 Und als er das gesagt hatte, warf er den Kinnbacken aus seiner Hand, und man nannte die Stätte Ramat‑Lehi.

Ob es dieses Freudengeheul ist, das Simson in Wut versetzt und ihm so übermenschliche Kräfte verleiht? Der Text deutet: Der Geist des HERRN geriet über ihn. Er entfesselt regelrecht seine Kräfte, setzt sie frei. Ein herumliegender Eselskinnbacken wird in den Händen des Simson zur tödlichen Waffe. Tausend Mann erschlägt er. Es braucht immer noch keine „ordentlichen“ Waffen, um mit den Philistern fertig zu werden. Es braucht „nur“ den Geist des HERRN. So lehrt der Schreiber des Richterbuches. „Es soll nicht durch Heer oder Kraft geschehen, sondern durch meinen Geist.“ (Sacharja 4,6) Nur ein Werkzeug des Geistes Gottes ist dieser riesenstarke Mann. Mehr nicht.

Und wieder stehen wir heutigen Leser vor einem Problem. So denken wir uns das mit dem Wirken des Geistes ja nicht mehr. Einer, der seine Feinde verprügelt ‑ geistgeleitet? Einer, der mit seiner Kraft zuschlägt wie ein Berserker ‑ geistgeleitet? Die Werkzeuge Gottes sind nach unserem Denken von sanfter Verfassung.  Israel denkt da anders von seinem Gott und seinem Geist.

 Furchtbar bist du!                                                                                                                       Wer kann vor dir bestehen, wenn du zürnest?          Psalm 76,8

Und wenig später in diesem Psalm wird Gott „der Furchtbare“ (Psalm 76,12) genannt. Es ist nichts mit dem „lieben Gott“ und dem „guten Gott“. Nicht in den Augen der Schriften des Alten Testamentes. Er ist kein harmloser und ein wenig hilfloser alter Mann, der unser Mitleid verdient. Gott ist gefährlich. Ob das nicht auch heute noch mehr Wahrheit in sich trägt als es uns lieb ist? Ohne eine Rechtfertigung zu sein für das Ausüben von Gewalt im Namen Gottes!

18 Als ihn aber sehr dürstete, rief er den HERRN an und sprach: Du hast solch großes Heil gegeben durch die Hand deines Knechts; nun aber muss ich vor Durst sterben und in die Hände der Unbeschnittenen fallen. 19 Da spaltete Gott die Höhlung im Kinnbacken, dass Wasser herausfloss. Und als er trank, kehrte sein Geist zurück und er lebte wieder auf Darum heißt der Ort »Quelle des Rufenden«; die ist in Lehi bis auf den heutigen Tag. 20 Und er richtete Israel zu den Zeiten der Philister zwanzig Jahre.

Auch Sieger haben elementare Lebensbedürfnisse. Simson dürstet. Und er ist sich der Gefahr bewusst: In der Wüste ist es tödlich, nichts zu trinken zu haben. So ruft er den HERRN an. Gott ist auch dafür zuständig, das Leben zu bewahren. Und der ihn die Eselskinnbacke finden ließ, der lässt ihn nun auch Wasser finden in einer Höhlung im Kinnbacken. Gemeint ist wohl eine Felsformation, die bei einiger Phantasie an so einen Eselskinnbacken erinnert. Das Wasser belebt seine Lebensgeister.

Über die unmittelbar erzählte Geschichte hinaus gibt es Parallelen. In Massa und Meriba schlägt Mose auf Geheiß des HERRN Wasser aus dem Felsen. „Der HERR sprach zu ihm: Tritt hin vor das Volk und nimm einige von den Ältesten Israels mit dir und nimm deinen Stab in deine Hand, mit dem du den Nil schlugst, und geh hin. Siehe, ich will dort vor dir stehen auf dem Fels am Horeb. Da sollst du an den Fels schlagen, so wird Wasser herauslaufen, dass das Volk trinke. Und Mose tat so vor den Augen der Ältesten von Israel.“ (2. Mose 17,5-6)

Als Elia der Gefahr des Verhungerns und Verdursten ausgesetzt ist, da versorgt ihn Gott auch auf ungewöhnliche Weise. „Da kam das Wort des HERRN zu ihm: Geh weg von hier und wende dich nach Osten und verbirg dich am Bach Krit, der zum Jordan fließt. Und du sollst aus dem Bach trinken und ich habe den Raben geboten, dass sie dich dort versorgen sollen.Er aber ging hin und tat nach dem Wort des HERRN und setzte sich nieder am Bach Krit, der zum Jordan fließt. Und die Raben brachten ihm Brot und Fleisch des Morgens und des Abends und er trank aus dem Bach.“ (1. Könige 17, 2- 6)

Lese ich das zusammen, so wird daraus ein Bild: Gott lässt seine Leute nicht in der Not. Er steht zu ihnen, stärkt ihre Lebensgeister, lässt sie die Mittel zum Leben finden, die ihr Leben erhalten. Gott gibt nicht unbedingt Überfluss, aber das Not-Wendige.

 „In wie viel Not hat nicht der gnädige Gott über dir Flügel gebreitet.“                                                                                J. Neander 1680, EG 317

Jetzt wird das Erzählte für die Leser verortet. Diese »Quelle des Rufenden« kann man besichtigen, erfahren sie. Bis heute. In Lehi. Vielleicht gab es schon damals Ausflüge an Orte, von denen besondere Geschichten erzählt werden. Oder Orte, die mit besonderen Geschichten ihre Bedeutung untermauern konnten.

1 Simson ging nach Gaza und sah dort eine Hure und ging zu ihr 2 Da wurde den Gazatitern gesagt: Simson ist hierher gekommen! Und sie umstellten ihn und ließen auf ihn lauern am Stadttor; aber die ganze Nacht verhielten sie sich still und dachten: Morgen, wenn’s licht wird, wollen wir ihn umbringen. 3 Simson aber lag bis Mitternacht. Da stand er auf um Mitternacht und ergriff beide Torflügel am Stadttor samt den beiden Pfosten, hob sie aus mit den Riegeln und legte sie auf seine Schultern und trug sie hinauf auf die Höhe des Berges vor Hebron.

Simson ist kein Frauenverächter. Diesmal verguckt er sich in eine Hure. Das wird ohne jede moralische Attitüde erzählt. In ihrer Stadt, in Gaza, gibt es weit mehr Feinde als Freunde Simsons. Sie wollen ihm ans Leben und lauern ihm auf ‑ zum Tagesanbruch wollen sie ihn am Stadttor umbringen. Bis dahin aber halten sie beide Stadt‑Tore fest verschlossen. Nur: Simson kommt um Mitternacht von seinem Lustlager, hebt die Stadttore aus den Angeln und trägt sie davon, hoch auf die Berge. So macht er seine Gegner in Gaza lächerlich. Kein Wort von Gott in dieser Geschichte. Es fehlt auch der Satz: Der Geist des HERRN geriet über ihn. Aber die Kraft Simsons ist dennoch ‑ daran besteht kein Zweifel – allein Gottes Gabe.

In manchen orthodoxen Kirchen, aber auch im evangelischen Kloster Bursfelde bei Göttingen, kann man das Bild dieses seltsamen Mannes Simson sehen, wie er die Türen der Stadt Gaza um Mitternacht aufbricht und sie davon trägt in seiner urwüchsigen Kraft und hoch oben auf die Berge legt. Dieser kraftstrotzende Kerl voller Vitalität, voll unbeugsamer und unbeherrschter Lebenslust wird in der orthodoxen Kirche zum Hinweis auf die Auferstehung Jesu. Die um Mitternacht aufgebrochenen Tore der Stadt Gaza werden zum Vorbild für das aufgebrochene Grab in der Osternacht. Der Muskelprotz und derbe Spaßmacher Simson wird zum „Vorbild“ für den auferstandenen Christus. Was für eine freizügige Theologie!

 

Mein Gott, Du erwählst Dir Leute, die für uns nur zweite Wahl wären. Du nimmst Leute in Deinen Dienst, bei denen wir zurück zucken, weil uns die rohe Kraft Angst macht, weil wir nicht sehen können, wie diese Vitalität mit dem zusammen passt, was wir ein frommes Leben nennen.

Aber das Leben bricht sich Bahn durch das Handeln von Menschen hindurch, die Du rufst, auch wenn wir sie nie wählen würden. Und Du zeigst Deine große Kraft, die dem Tod standhält in ihrem Tun, in dem Aufbrechen von Schloss und Riegel, die gefangen nehmen wollen.

Ich danke Dir für die Zeichen der unbändigen Freiheit, die aus Deinem Geist lebt. Amen

Ein geistgeleiteter Muskel-Mann

Richter 14, 1 ‑ 20

1 Simson ging hinab nach Timna und sah ein Mädchen in Timna unter den Töchtern der Philister ‑2 Und als er heraufkam, sagte er’s seinem Vater und seiner Mutter und sprach: Ich hab ein Mädchen gesehen in Timna unter den Töchtern der Philister; nehmt mir nun diese zur Frau. 1 Sein Vater und seine Mutter sprachen zu ihm: Ist denn nun kein Mädchen unter den Töchtern deiner Brüder und in deinem ganzen Volk dass du hingehst und willst eine Frau nehmen von den Philistern, die unbeschnitten sind? Simson sprach zu seinem Vater: Nimm mir diese, denn sie gefällt meinen Augen.

 Es wird die große Schwäche des Simson sein. Er ist ein Augen‑geleiteter Mensch. Was er sieht, weckt sein Begehren. Sie gefällt meinen Augen. Da helfen auch gut gemeinte elterliche Ratschläge nichts. In einer Zeit, in der Mischehen mit den Fremdvölkern in Kanaan als der Anfang vom Abfall vom Glauben gesehen werden, ursächlich für den Ungehorsam gegen den HERRN, ist das ein schweres Vergehen. Dieser Gottgeweihte hält sich nicht an die Spielregeln, die für alle gelten.

4 Aber sein Vater und seine Mutter wussten nicht, dass es von dem HERRN kam; denn er suchte einen Anlass gegen die Philister Die Philister aber herrschten zu der Zeit über Israel.

Das ist sehr merkwürdig: Der HERR hat seine Finger im Spiel. Sozusagen hinter dem Rücken der Eltern. Es macht nachdenklich: Die Wünsche von Eltern und die Ideen Gottes für einen Menschen und seinen Weg sind durchaus nicht immer deckungsgleich. Gott bedient sich der unbändigen und ungebärdigen Lust des Simson, um seine Dinge vorwärts zu treiben. Es ist der HERR, der einen Anlass gegen die Philister sucht. Nicht der heranwachsende Simson.

Das stellt unser Gottesbild auf eine harte Probe. Können wir das überhaupt denken: Gott provoziert Auseinandersetzungen? Für ein Buch, das Gott durchaus als den sehen kann, der seinem eigenen Volk Fallen stellt, Völker zu Fangstricken (Richter 2,3) werden lässt, ist das so ungeheuerlich nicht. „Test it!“ Finde heraus, wie es um dieses Volk und seine Treue steht ‑ das ist im biblischen Denken keineswegs tabu. Und dass Gott auch unsere schwierigen, problematischen Neigungen für sich und seine Wege nützt, ist Israel auch nicht fremd. „Ein geistgeleiteter Muskel-Mann“ weiterlesen

Ein Kind braucht mehr

Richter 13, 1 ‑ 25

1 Und die Israeliten taten wiederum, was dem HERRN missfiel, und der HERR gab sie in die Hände der Philister vierzig Jahre.

Alles wieder von vorn. Drei Richter später, aber die gleiche Geschichte. Ob dieses Buch genau deshalb geschrieben ist, so geschrieben ist? Weil Israel ist, wie es ist; wir sind, wie wir sind: Anfänger, die rückfällig werden. Glaubende, die den Glauben verleugnen in ihrem Tun. Menschen, die Gott vergessen.

Auch darin sind wir ja wie Israel: Wir irren ab und geraten unter Fremdherrschaft: Unterwerfen uns dem Zeitgeist. Beugen uns unter die Bestimmungen der Meinungsmacher, dass nur zählt, was sie melden und produzieren deshalb Meldungen, von denen wir hoffen, dass sie sie melden. Laufen hinter dem Urteil her, dass die Kirche nicht auf der Höhe der Zeit sei, sich der neuen Zeit öffhen müsse, modern werden. Es sind harte Herren und sie herrschen über uns, diese Philister seit mehr als vierzig Jahren.

 2 Es war aber ein Mann in Zora von einem Geschlecht der Daniter mit Namen Manoach, und seine Frau war unfruchtbar und hatte keine Kinder

Wieder einmal das harte Schicksal der Kinderlosigkeit. Es trifft den Daniter Manoach und seine Frau. Selbstverständlich liegt es an der Frau. Sie ist unfruchtbar Am Mann kann es ja nicht liegen ‑ nicht bei Abraham, nicht bei Elkana, nicht bei Zacharias, und natürlich auch nicht bei Manoach. Es sind damals ja wohl immer Männer, die diese Texte schreiben. Und die sind, nach der männlichen Vorstellung, immer zeugungsfähig.

3 Und der Engel des HERRN erschien der Frau und sprach zu ihr: Siehe, du bist unfruchtbar und hast keine Kinder, aber du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären. ‑4 So hüte dich nun, Wein oder starkes Getränk zu trinken und Unreines zu essen; 5 denn du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, dem kein Schermesser aufs Haupt kommen soll. Denn der Knabe wird ein Geweihter Gottes sein von Mutterleibe an; und er wird anfangen, Israel zu erretten aus der Hand der Philister

Aber, wie zum Ausgleich ist es die Frau, die Besuch bekommt aus der Höhe (Lukas 1,68;78) Ihr wird die Botschaft zuteil, die ihre Schande beendet. Sie, ausgerechnet sie, wird gewürdigt, ein besonderes Kind zu gebären. Von Anfang an besonders. Auserwählt. Ein Geweihter Gottes von Mutterleibe an. So wird in biblischen Texten sonst nur von Propheten wie Jeremia geredet. So redet die Bibel von Johannes dem Täufer und Jesus. So bezeugt es Paulus ‑ unglaublich kühn ‑ von sich selbst. Das ganze Leben dieses noch nicht einmal gezeugten Kindes steht unter diesem Vorzeichen: “ Gottesmann, von Mutterleib an. “ (H. W Hertzberg, aaO.; S.224) „Ein Kind braucht mehr“ weiterlesen

Gottes Mühlen mahlen….

Richter 9, 50 ‑ 57

50 Abimelech aber zog nach Tebez, belagerte es und eroberte es. 5I Es war aber eine starke Burg mitten in der Stadt. Dahin flohen alle Männer und Frauen und alle Bürger der Stadt, schlossen hinter sich zu und stiegen auf das Dach der Burg. 52 Da kam Abimelech zur Burg und kämpfte gegen sie und näherte sich dem Burgtor, um es mit Feuer zu verbrennen.

Es ist nicht klar, wohl auch nicht wirklich erwähnenswert, warum Abimelech Tebez, eine Stadt nördliche von Sichern, belagert. Vielleicht war Tebez mit Sichern verbündet. Wie auch immer. Abimelech ist erfolgreich. Die Stadt wird erobert. Und jetzt wiederholt sich Sichem. Die Bewohner der Stadt flüchten in die Burg. Sie ist ihre letzte Zuflucht. Wie in Sichem, greift Abimelech auch jetzt wieder zum Feuer. Er will die Belagerten aus‑räuchern, zur Aufgabe zwingen.

53 Aber eine Frau warf einen Mühlstein Abimelech auf den Kopf und zerschmetterte ihm den Schädel.

Offensichtlich hat sich Abimelech aktiv am Feuerlegen beteiligt, sich weit nach vorne gewagt. Zu weit. Eine Frau wirft einen Mühlstein aufseinen Kopf Von einer Frau zur Strecke gebracht. Dem eigenen Feuergeist zum Opfer gefallen. „Gottes Mühlen mahlen….“ weiterlesen

Jotams Fabel

Richter 9, 7 ‑ 21

7 Als das dem Jotam angesagt wurde, ging er hin und stellte sich auf den Gipfel des Berges Garizim, erhob seine Stimme, rief und sprach zu ihnen: Röret mich, ihr Männer von Sichem, dass euch Gott auch höre.

Jotam, der letzte Gideons‑Sohn außer Abimelech, der Überlebende des Gemetzels im Haus in Ofra, kommt heraus aus seinem Winkel, seinem Versteck. Auf dem Berg Garizim ergreift er das Wort. „Die Ortsüberlieferung zeigt oberhalb der heutigen Stadt Nablus, der Nachfolgerin des alten Sichem, die“ Jothamskanzel“, einen Felsvorsprung, von dem aus die Rede Jothams gehalten worden sei. “ (H. W Hertzberg,‑ aaO.; S. 206)

Bibelleser wissen: Der Berg Garizim ist ein heiliger Berg, bis in die Zeit Jesu, ein Ort, um Gott anzubeten: „Unsere Väter haben auf diesem Berge angebetet, und ihr sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten soll. „(Johannes 4, 20) Hier, in der Rede Jotams wird der Berg, wie Berge oft in der Bibel, zu einem Ort der Wahrheit. Jotam redet in der Gegenwart Gottes. „Jotams Fabel“ weiterlesen

König des Gemetzels

Richter 9,1 ‑ 6

1 Abimelech aber, der Sohn Jerubbaals, ging hin nach Sichem zu den Brüdern seiner Mutter und redete mit ihnen und mit dem ganzen Geschlecht des Hauses seiner Mutter und sprach: 2 Redet doch vor den Ohren aller Männer von Sichem: Was ist euch besser, dass siebzig Männer, alle die Söhne Jerubbaals, über euch Herrscher seien oder dass „ein“ Mann über euch Herrscher sei? Denkt auch daran, dass ich euer Gebein und Fleisch bin.

             Der Vater, Gideon, hatte es noch abgelehnt, Herrscher, König zu werden. Ob er dabei seinen Sohn Abimelech schon mit im Auge hatte und deshalb ablehnte? Der Sohn jedenfalls will die Macht. Und er will sie nicht teilen. Unbetont wird doch mitgeteilt: Er stammt mütterlicherseits aus Sichern, wo der Baal‑Berit (8,33) verehrt wird.

Die Frage des Abimelech erinnert mich verrückter‑weise an den Satz des Kaiphas. „Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe.‘ “ (Johannes 11,50) Wer wollte schon im Ernst die Herrschaft einer ganzen Sippe, wo sich die Ansprüche multiplizieren. Da ist doch die Herrschaft eines Einzelnen „kostengünstiger“. Und immerhin: Abimelech stammt ab von Gideon, dem sie das Königtum angetragen hatten. Und dann sein Name: „Mein Vater ist König“. Der ist doch wie ein Versprechen: Du bist der Thronfolger. So scheint es jedenfalls Abimelech verstanden zu haben. Er wäre nicht der Erste und auch nicht der Letzte, der sich auch durch seinen Namen ermutigt und ermächtigt fühlt. Zu Höherem berufen. „König des Gemetzels“ weiterlesen

Der Siegertyp Gideon – ohne Nachhaltigkeit?

Richter 8, 22 ‑ 35

22 Da sprachen die Männer von Israel zu Gideon: Sei Herrscher über uns, du und dein Sohn und deines Sohnes Sohn, weil du uns aus der Hand der Midianiter errettet hast. 23 Aber Gideon sprach zu ihnen: Ich will nicht Herrscher über euch sein, und mein Sohn soll auch nicht Herrscher über euch sein, sondern der HERR soll Herrscher über euch sein.

Wer so ein Erfolgstyp ist wie Gideon, dem kann man doch auch das Volk anvertrauen.‘ Darum das Angebot der Männer von Israel an ihn: Sei Herrscher über uns. Gleich eine ganze Dynastie soll es werden nach dem Wunsch der Bittenden. Es ist das Bedürfnis nach Sicherheit, das sich da meldet. Ein erfolgreicher Richter scheint Sicherheit garantieren zu können.

Die Bitte an Gideon findet ein spätes Echo im Neuen Testament. Nach dem Brotwunder, der Speisung der 5000, wird erzählt: „Als Jesus nun merkte, dass sie kommen würden und ihn ergreifen, um ihn zum König zu machen, entwich er wieder auf den Berg, er selbst allein. “ (Johannes 6,15) Der, von dem man sich die Lösung der Probleme verspricht, die Überwindung des Hungers, Sicherheit, Wohlstand, der soll sich bitte beständig darum kümmern.

Aber so wie Jesus sich entziehen wird, verweigert sich Gideon dem Wunsch, darin ein kluger „Vorläufer“ Jesu. Mit einem schlagenden, über die Maßen „frommen“, theologischen Argument: Der König Israels ist doch der HERR. Wer sich in Israel zum König machen lässt, ist doch wie einer, der Gott den Platz streitig macht.

In dieser Ablehnung und diesem Argument Gideons meldet sich die Stimme der kritischen Sicht auf das Königtum. „Es hat gewiss schon im alten Israel eine Richtung gegeben, die das institutionelle Amt ablehnte, da ihr das charismatische genügte; denn dieses brachte deutlicher die unmittelbare und ständige Führung durch den Herrn zum Ausdruck. “ (H. W Hertzberg,‑ aaO.; S 199) Es ist sicherlich auch nicht falsch, in der Suche nach dem Königshaus den Versuch zu sehen, die Abhängigkeit von Gott und seinem Reden irgendwie zu „lockern“, ihr eine „handhabbare“ Gestalt zu geben. Bei einer Institution weiß man, was man hat. Bei Gott weiß man das so sicher nie. Man kann gewiss sein, aber nie sicher. Da bleibt nur eine Abhängigkeit, die nicht jeder als Glück empfindet. „Der Siegertyp Gideon – ohne Nachhaltigkeit?“ weiterlesen

Seltsame Siegesgeschichte

Richter 7, 16 ‑ 8,3

16 Und er teilte die dreihundert Mann in drei Heerhaufen und gab jedem eine Posaune in die Hand und leere Krüge mit Fackeln darin 17 und sprach zu ihnen: Seht auf mich und tut ebenso,. wenn ich nun an das Lager komme ‑ wie ich tue, so tut ihr auch! 18 Wenn ich die Posaune blase und alle, die mit mir sind, so sollt ihr auch die Posaune blasen rings um das ganze Heerlager und rufen: Für den HERRN undfür Gideon!

Jetzt folgt das Handeln des Heerführer Gideon. Er ordnet seine Männer zur Schlacht. Merkwürdige Bewaffnung, die er ihnen gibt: Jedem eine Posaune und leere Krüge und Fackeln. Wenn man so will: Lärminstrumente und Licht. Ein wenig erinnert die ganze Szene an die Eroberung Jerichos.

Das scheint mit das Wichtigste zu sein ‑ es gibt einen Schlachtruf. Gemeinsam für alle. Einen Slogan, würde man heute sagen: Für den HERRN und für Gideon! Zuerst’der HERR, ihm die Ehre. Aber dann auch der Richter. Demut, die den eigenen Anteil nicht verschweigt, aber ihn in die richtige Relation setzt.

19 So kam Gideon mit hundert Mann an das Lager zu Anfang der mittleren Nachtwache, als sie eben die Wachen aufgestellt hatten, und sie bliesen die Posaunen und zerschlugen die Krüge in ihren Händen. 20 Da bliesen alle drei Heerhaufen die Posaunen und zerbrachen die Krüge. Sie hielten aber die Fackeln in ihrer linken Hand und die Posaunen in ihrer rechten Hand, um zu blasen, und riefen: Hier Schwert des HERRN und Gideons! 21 Und sie blieben stehen, jeder an seiner Stelle, rings um das Lager her Da fing das ganze Heer an zu laufen und sie schrien undflohen. 22 Und während die dreihundert Mann die Posaunen bliesen, schaffte der HERR, dass im ganzen Heerlager einesjeden Schwert gegen den andern war

Die nächtliche Überraschung glückt. Die Posaunen werden geblasen, die Männer schreien. Die Lichter zucken durch die Nacht. Und die Midianiter, wohl überrascht im Schlaf, erschrocken durch den Lärm, rennen durcheinander und fallen übereinander her. Einer hält den anderen für den Feind und so geraten die verwirrten Midianiter aneinander. Das nennt die Bibel „Gottesschrecken“. Der HERR schafft dieses Chaos im Midianiter‑Heer. Es ist schon so, wie es der Schlachtruf gesagt hat. Hier Schwert des HERRN und Gideons! Das Schwert des Herrn ist am Werk, das Schwert Gideons sind Posaunen und Tonkrüge. „Seltsame Siegesgeschichte“ weiterlesen