Nachhaltig

Richter 8, 22 ‑ 35

22 Da sprachen die Männer von Israel zu Gideon: Sei Herrscher über uns, du und dein Sohn und deines Sohnes Sohn, weil du uns aus der Hand der Midianiter errettet hast. 23 Aber Gideon sprach zu ihnen: Ich will nicht Herrscher über euch sein, und mein Sohn soll auch nicht Herrscher über euch sein, sondern der HERR soll Herrscher über euch sein.

            Wer so ein „Erfolgstyp“ ist wie Gideon, dem kann man doch auch das Volk anvertrauen. Vergessen sein Zaudern, seine Ängstlichkeit. Die Siege sprechen für sich. Darum das Angebot der Männer von Israel an ihn: Sei Herrscher über uns. Gleich eine ganze Dynastie soll es werden nach dem Wunsch der Bittenden. Es ist das Bedürfnis nach Sicherheit, das sich da meldet. Ein erfolgreicher Richter scheint Sicherheit garantieren zu können.

            Die Bitte an Gideon findet ein spätes Echo im Neuen Testament. Nach dem Brotwunder, der Speisung der 5000, wird erzählt: “Als Jesus nun merkte, dass sie kommen würden und ihn ergreifen, um ihn zum König zu machen, entwich er wieder auf den Berg, er selbst allein. ” (Johannes 6,15) Der, von dem man sich die Lösung der Probleme verspricht, die Überwindung des Hungers, Sicherheit, Wohlstand, der soll sich bitte beständig darum kümmern.

            Aber so wie Jesus sich entziehen wird, verweigert sich Gideon dem Wunsch, darin ein kluger “Vorläufer” Jesu. Mit einem schlagenden, über die Maßen “frommen”, theologischen Argument: Der König Israels ist doch der HERR. Wer sich in Israel zum König machen lässt, ist doch wie einer, der Gott den Platz streitig macht.

            In dieser Ablehnung und diesem Argument Gideons meldet sich die Stimme der kritischen Sicht auf das Königtum. “Es hat gewiss schon im alten Israel eine Richtung gegeben, die das institutionelle Amt ablehnte, da ihr das charismatische genügte; denn dieses brachte deutlicher die unmittelbare und ständige Führung durch den Herrn zum Ausdruck. ” (H. W Hertzberg, aaO.  S. 199) Es ist sicherlich auch nicht falsch, in der Suche nach dem Königshaus den Versuch zu sehen, die Abhängigkeit von Gott und seinem Reden irgendwie zu “lockern”, ihr eine “handhabbare” Gestalt zu geben. Bei einer Institution weiß man, was man hat. Bei Gott weiß man das so sicher nie. Man kann gewiss sein, aber nie sicher. Da bleibt nur eine Abhängigkeit, die nicht jeder, auch nicht jede als Glück empfindet.

24 Und Gideon sprach zu ihnen: Eins begehre ich von euch: Jeder gebe mir die Ringe, die er als Beute genommen hat. Denn weil es Ismaeliter waren, hatten sie goldene Ringe. 215 Sie sprachen: Die wollen wir geben. Und sie breiteten einen Mantel aus und ein jeder warf die Ringe darauf, die er als Beute genommen hatte. 26 Und die goldenen Ringe, die er gefordert hatte, wogen tausendsiebenhundert Lot Gold ohne die kleinen Monde und Ohrringe und Purpurkleider, die die Könige der Midianiter getragen hatten, und ohne die Spangen ihrer Kamele. 27 Und Gideon machte einen Efod daraus und stellte ihn in seiner Stadt Ofra auf. Und ganz Israel trieb dort mit ihm Abgötterei. Und er wurde Gideon und seinem Hause zum Fallstrick.

 Man kann das, was jetzt hier erzählt ist, auch so lesen: Gideon lässt sich seinen Verzicht auf das Königtum vergolden. Nicht, um sich persönlich zu bereichern. Sondern um aus dem, was da an Beutekunst und Beutegold zusammen kommt, ein Efod zu machen. Kein Priestergewand, was das Wort auch bedeuten kann. Sondern einen Kultgegenstand. ” Ein fester Gegenstand, der offenbar der Orakelerteilung diente. “(H. W Hertzberg, aa0. S 198)

 Es klingt fromm. Demütig. Statt der eigenen Macht schafft Gideon eine verlässliche Möglichkeit, sich Gottesworte zu besorgen. Ist es doch das, was das Volk braucht, mehr als alles andere ‑ einen sicheren Zugang zu Gott, damit es sich nicht verrennt in Sackgassen. Und doch ist das Ganze wie eine Wiederholung früherer Praxis.

„Als aber das Volk sah, dass Mose ausblieb und nicht wieder von dem Berge zurückkam, sammelte es sich gegen Aaron und sprach zu ihm: Auf, mach uns einen Gott, der vor uns hergehe! Denn wir wissen nicht, was diesem Mann Mose widerfahren ist, der uns aus Ägyptenland geführt hat. Aaron sprach zu ihnen: Reißt ab die goldenen Ohrringe an den Ohren eurer Frauen, eurer Söhne und eurer Töchter und bringt sie zu mir Da riss alles Volk sich die goldenen Ohrringe von den Ohren und brachte sie zu Aaron. Und er nahm sie von ihren Händen und bildete das Gold in einer Form und machte ein gegossenes Kalb. Und sie sprachen: Das ist dein Gott, Israel, der dich aus Ägyptenland geführt hat.“(2. Mose 32, 1 ‑ 4)

Auch in dieser Geschichte vom Goldenen Kalb wird Schmuck in eine Kultfigur umgearbeitet. Auch hier geht es nicht um ein Götzenbild. Kein Mensch in Israel wäre auf die Idee gekommen, ein Stierbild anzubeten. Sondern es geht um eine Hilfe, den unanschaulichen Gott anschaulich, begreifbar, nahe zu machen. Auf diesem Reittier nimmt der unsichtbare Gott Platz. Und doch ist es ein Irrweg. Daran lassen Mose und das Richter‑Buch keinen Zweifel. „Nachhaltig“ weiterlesen

Neuauflage Jericho

Richter 7, 16 ‑ 8,3

16 Und er teilte die dreihundert Mann in drei Heerhaufen und gab jedem eine Posaune in die Hand und leere Krüge mit Fackeln darin 17 und sprach zu ihnen: Seht auf mich und tut ebenso, wenn ich nun an das Lager komme ‑ wie ich tue, so tut ihr auch! 18 Wenn ich die Posaune blase und alle, die mit mir sind, so sollt ihr auch die Posaune blasen rings um das ganze Heerlager und rufen: Für den HERRN und für Gideon!

Jetzt folgt das Handeln des Heerführer Gideon. Er entwickelt seinen Schlachtplan. Er ordnet seine Männer zur Schlacht. Merkwürdige Bewaffnung, die er ihnen gibt: Jedem eine Posaune und leere Krüge und Fackeln. Wenn man so will: Lärminstrumente und Licht. Ein wenig erinnert die ganze Szene an die Eroberung Jerichos.

Das scheint mit das Wichtigste zu sein ‑ es gibt einen Schlachtruf. Gemeinsam für alle. Einen Slogan, würde man heute sagen: Für den HERRN und für Gideon! Zuerst der HERR, ihm die Ehre. Aber dann auch der Richter. Demut, die den eigenen Anteil nicht verschweigt, aber ihn in die richtige Relation setzt.

19 So kam Gideon mit hundert Mann an das Lager zu Anfang der mittleren Nachtwache, als sie eben die Wachen aufgestellt hatten, und sie bliesen die Posaunen und zerschlugen die Krüge in ihren Händen. 20 Da bliesen alle drei Heerhaufen die Posaunen und zerbrachen die Krüge. Sie hielten aber die Fackeln in ihrer linken Hand und die Posaunen in ihrer rechten Hand, um zu blasen, und riefen: Hier Schwert des HERRN und Gideons! 21 Und sie blieben stehen, jeder an seiner Stelle, rings um das Lager her Da fing das ganze Heer an zu laufen und sie schrien und flohen. 22 Und während die dreihundert Mann die Posaunen bliesen, schaffte der HERR, dass im ganzen Heerlager eines jeden Schwert gegen den andern war

Die nächtliche Überraschung glückt. Der Angriffszeitpunkt ist klug gewählt, er  erfolgt, als „die einen übermüdet sind und schon schlafen wollen und die anderen noch schläfrig sind.“ (M. Holland, aaO. S. 119) Die Posaunen werden geblasen, die Männer schreien. Die Lichter zucken durch die Nacht. Die Midianiter, wohl überrascht im Schlaf, erschrocken durch den Lärm, rennen durcheinander und fallen übereinander her. Einer hält den anderen für den Feind und so geraten die verwirrten Midianiter aneinander. Das nennt die Bibel “Gottesschrecken”. Der HERR schafft dieses Chaos im Midianiter‑Heer. Es ist schon so, wie es der Schlachtruf gesagt hat. Hier Schwert des HERRN und Gideons! Das Schwert des Herrn ist am Werk, das Schwert Gideons sind Posaunen und Tonkrüge. „Neuauflage Jericho“ weiterlesen

Überwindung von Angst.

Richter 7, 1 ‑ 15

1 Da machte sich Jerubbaal ‑ das ist Gideon ‑früh auf und das ganze Kriegsvolk, das mit ihm war, und sie lagerten sich an der Quelle Harod, sodass er das Heerlager der Midianiter nördlich von dem Hügel More im Tal hatte.

Gideon hat getan, was ein verantwortlicher Führer in Israel tun konnte. Männer gesammelt, das ganze Kriegsvolk, um den Feinden entgegen zu treten. Das musste man Gideon nicht beibringen, was heute manchmal als große Weisheit verkauft wird: “Allein gehst du ein.” Das wusste Gideon auch damals schon. Und auf die andere Weisheit: „Viele kleine Leute, an vielen kleinen Orten, die viele kleine Dinge tun, können das Gesicht dieser Welt verändern.“ Sprichwort der Xhosa (Tansania, Südafrika, Botswana und Lesotho) hätte Gideon wohl mit Kopfschütteln geantwortet. In der Schlacht ist es gut, viele auf der eigenen Seite zu haben.

2 Der HERR aber sprach zu Gideon: Zu zahlreich ist das Volk, das bei dir ist, als dass ich Midian in seine Hände geben sollte; Israel könnte sich rühmen wider mich und sagen: Meine Hand hat mich errettet. 3 So lass nun ausrufen vor den Ohren des Volks.‑ Wer ängstlich und verzagt ist, der kehre um. So sichtete sie Gideon. Da kehrten vom Kriegsvolk zweiundzwanzigtausend um, sodass nur zehntausend übrig blieben.

Der HERR aber scheint irgendwie anders zu ticken. Er sieht in dem großen Heerhaufen eine Gefahr. Weil er im Fall des Erfolgs einem falschen Denken Vorschub leisten könnte. Am Ende kommen sie in Israel noch darauf, auf die eigene Stärke zu vertrauen, an die eigene Kampfkraft zu glauben und zu sagen: Meine Hand hat mich errettet.

Es ist so naheliegend: Wer ein großes Heer hat, muss sich nicht fürchten. Darum lässt Gideon früher auch die Posaune blasen (6,34), um möglichst viele zu sammeln. Aber Gott weiß: Auch in diesem großen Heer gibt es Herzen, in denen die Furcht lebt. Und so lässt er Gideon offensiv fragen und die eigene Wehrkraft in Frage stellen. Wer ängstlich und verzagt ist, der kehre um. Und siehe da, zwei Drittel der Kriegsmänner räumen den Platz. Gehen heim. Übrig bleiben nur noch zehntausend. „Überwindung von Angst.“ weiterlesen

Gewissheit ist erfragt

Richter 6, 33 ‑ 40

33 Als nun alle Midianiter und Amalekiter und die aus dem Osten sich versammelt hatten, zogen sie herüber und lagerten sich in der Ebene Jesreel. 24 Da erfüllte der Geist des HERRN den Gideon. Und er ließ die Posaune blasen und rief die Abiüsriter auf, ihm zu folgen. 35 Und er sandte Botschaft zu ganz Manasse und rief sie auf, dass auch sie ihm folgten. Er sandte auch Botschaft zu Asser und Sebulon und Naftali,‑ die kamen herauf, ihm entgegen.

Bis hierher ist die Gideon‑Geschichte nur eine nette Episode. Lokal gebunden, Ohne große Flächenwirkung. Aber jetzt wendet sich das Blatt. Alle Midianiter und Amalekiter sammeln sich in der Jesreel‑Ebene. Ob zum Kampf oder „nur“ zu einem erneuten Raubzug, um die Ernte als Tribut einzusammeln, wird nicht deutlich. Vielleicht ist nur eine „militärische Spezialaktion“ geplant? Das alles zu unterscheiden ist dem Erzähler nicht wirklich wichtig.

Sondern wichtig ist ihm das andere und deshalb sagt er es sehr betont: Der Geist des HERRN erfüllte den Gideon. Aus einem etwas skurrilen Einzeltäter wird ein Anführer, einer, der vom Geist Gottes erfüllt, umkleidet und geleitet wird. Einer, der berufen ist, der das Amt empfangen hat, das ihn berechtigt, Botschaft zu ganz Manasse, Asser, Sebulon und Naftali zu senden. Einer, der Israel sammelt und zum Streit ruft. Vier Stämme folgen ihm. Manasse, Asser, Sebulon und Naftali. Aus dem Sippenführer wird ein Führer in Israel. „Gewissheit ist erfragt“ weiterlesen

Mehr als Vandalismus

Richter 6, 25 ‑ 32

25 Und in derselben Nacht sprach der HERR zu ihm: Nimm einen jungen Stier von den Stieren deines Vaters und einen zweiten Stier, der siebenjährig ist, und reiße nieder den Altar Baals, der deinem Vater gehört, und haue um das Bild der Aschera, das dabei steht, 26 und baue dem HERRN, deinem Gott, oben auf der Höhe dieses Felsens einen Altar und rüste ihn zu und nimm den zweiten Stier und bringe ein Brandopfer dar mit dem Holz des Ascherabildes, das du umgehauen hast.

Ein bisschen beißt sich dieses frühere Betonen des Friedens mit der Anweisung Gottes zur nächtlichen Altarschändung. Gideon soll die friedliche Ko‑Existenz beenden, die sein Vater zwischen Baal, Aschera‑Bildern und Jahwe hergestellt hatte. Aus den Trümmern der Altäre der Götter soll er einen Altar für den einen Gott bauen, den HERRN, deinen Gott. Mit Religionsfrieden hat das Richterbuch so viel nicht im Sinn. Ihm geht es darum: Das Land Israel ist das Land des HERRN und dort ist kein Platz für Baal, Aschera und Genossen.

Es ist nicht die Streitlust der Menschen, die hier am Werk ist. „Du sollst dir kein Götterbild machen, auch keinerlei Abbild dessen, was oben im Himmel oder was unten auf der Erde oder was im Wasser unter der Erde ist. Du sollst dich vor ihnen nicht niederwerfen und ihnen nicht dienen. Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott ” (2. Mose 20, 4‑5) Gideon folgt der Weisung eines unduldsamen, eifersüchtigen Gottes.

27 Da nahm Gideon zehn Mann von seinen Leuten und tat, wie ihm der HERR gesagt hatte. Aber erfürchtete sich vor seines Vaters Haus und vor den Leuten in der Stadt, das am Tage zu tun, und tat’s in der Nacht. 28 Als nun die Leute in der Stadtfrüh am Morgen aufstanden, siehe, da war der Altar Baals niedergerissen und das Ascherabild daneben umgehauen und der zweite Stier als Brandopfer dargebracht auf dem Altar, der gebaut war

Gideon führt die konspirative Aktion im Schutz der Nacht durch. Nicht allein, sondern mit der Hilfe von zehn Mann von seinen Leuten Klug, auch wenn er es tut, weil er sich fürchtete, denn am Tag hätte er mit Widerstand zu rechnen. So aber stehen die Leute am nächsten Morgen in Ofra – dort spielt sich das alles wohl ab – vor vollendeten Tatsachen: Die Götterbilder sind zerstört – der Altar Baals niedergerissen, das Ascherabild umgehauen. Dagegen ist der Brandopfer-Altar des HERRN errichtet und hat schon sein erstes Opfer gefunden. „Mehr als Vandalismus“ weiterlesen