Ein geweiteter Horizont

Esther 9, 29 – 10,3

29 Und die Königin Ester, die Tochter Abihails, und Mordechai, der Jude, schrieben mit ganzem Ernst ein zweites Schreiben über das Purimfest, um es zu bestätigen. 30 Und man sandte die Schreiben allen Juden in den 127 Ländern des Königreichs des Ahasveros mit Grußworten des Friedens und der Treue: 31 dass sie annähmen die Purimtage auf ihre bestimmte Zeit, wie sie Mordechai, der Jude, und die Königin Ester für sie festgesetzt hatten und wie sie für sich selbst und für ihre Nachkommen die Einsetzung der Fasten und ihrer Klage festgesetzt hatten. 32 Und der Befehl der Ester bestätigte die Einsetzung dieser Purimtage. Und es wurde in ein Buch geschrieben.

             Nur eine Wiederholung? Nur das Versehen des Schreibers, der nicht merkt, dass er doch schon alles gesagt hat? Inhaltlich kommt in der Tat kaum etwas Neues. Wenn man überliest, dass in diesem zweiten Schreiben das Fasten und die Klage ausdrücklich benannt werden. Das ist der dunkle Hintergrund der Freude. Purim ist nicht nur das Fest ausgelassener Freude und liebevoller Geschenke. Es ist eben auch das Fest der Erinnerung an die Gefährdung des Volkes, an die schon angestimmte Totenklage, an das Fasten in letzter Verzweiflung, um Klarheit für die nächsten Schritte zu erlangen.

Vielleicht ist dieses zweite Schreiben ja auch nötig, weil es nicht so leicht war, das Purimfest  zu etablieren. Nicht alle werden es von Anfang an gemocht haben. „Vielleicht sind die Diskussionen im Talmud, ob Purim überhaupt biblisch begründet sei, ein spätes Echo dieser Opposition.“ (G. Maier, aaO.; S. 144)  All diesen Skeptikern wird der Befehl der Ester entgegen gestellt. Ihre Autorität ist durch das Buch, in das geschrieben wurde, unbezweifelbar. Gemeint ist damit wohl nicht das Esther-Buch selbst, sondern eine andere Schrift. Vielleicht eine Chronik der Perser.  „Ein geweiteter Horizont“ weiterlesen

Purim

Esther 9, 20 – 28

 20 Und Mordechai schrieb diese Geschichten auf und sandte Schreiben an alle Juden, die in allen Ländern des Königs Ahasveros waren, nah und fern, 21 sie sollten als Feiertage den vierzehnten und fünfzehnten Tag des Monats Adar annehmen und jährlich halten 22 als die Tage, an denen die Juden zur Ruhe gekommen waren vor ihren Feinden, und als den Monat, in dem sich ihre Schmerzen in Freude und ihr Leid in Festtage verwandelt hatten: dass sie diese halten sollten als Tage des Festmahls und der Freude und einer dem andern Geschenke und den Armen Gaben schicke.

             Nachdem der Sturm vorüber ist, wird durch ein Schreiben Mordechais das Purim-Fest als Feiertage am vierzehnten und fünfzehnten Tag des Monats Adar etabliert. Alle Juden sollen es  annehmen und jährlich halten. Gedenktage für die glückliche Wendung des Geschicks. Ein bisschen liest sich das wie eine Doppelung des Berichtes zuvor.

  23 Und die Juden nahmen es an als Brauch, was sie angefangen hatten zu tun und was Mordechai an sie geschrieben hatte: 24 wie Haman, der Sohn Hammedatas, der Agagiter, der Feind aller Juden, gedacht hatte, alle Juden umzubringen, und wie er das Pur, das ist das Los, hatte werfen lassen, um sie zu schrecken und umzubringen; 25 und wie Ester zum König gegangen war und dieser durch Schreiben geboten hatte, dass die bösen Anschläge, die Haman gegen die Juden erdacht, auf seinen Kopf zurückfielen, und wie man ihn und seine Söhne an den Galgen gehängt hatte. 26 Daher nannten sie diese Tage Purim nach dem Worte Pur.

In knapper Form wird jetzt die ganze Erzählung zusammengefasst, gebündelt. Dabei wird der Blick vor allem auf den Plan Hamans, das Eintreten von Esther und die Wende gerichtet, die Haman das Leben gekostet hat. Von Mordechai ist in dieser Zusammenfassung keine Rede. Aber er ist immerhin der Verfasser des Briefes. Auch der König Ahasveros wird nicht beim Namen genannt. Dafür aber das Los, das Pur. So legt es sich nahe, diese Passage als Erklärung zu lesen, woher das Purim-Fest seinen Namen hat.  „Purim“ weiterlesen

Ein Gemetzel

Esther 9, 1 – 19

1 Im zwölften Monat, das ist der Monat Adar, am dreizehnten Tage, als des Königs Wort und Gesetz ausgeführt werden sollte, eben an dem Tage, als die Feinde der Juden hofften, sie zu überwältigen, und sich’s wandte, dass nun die Juden ihre Feinde überwältigen sollten, 2 da versammelten sich die Juden in ihren Städten in allen Ländern des Königs Ahasveros, um Hand anzulegen an die, die ihnen übel wollten. Und niemand konnte ihnen widerstehen; denn die Furcht vor ihnen war über alle Völker gekommen.

             Die Zeit vergeht. Elf Monat lang gibt es nichts Neues zu erzählen. Aber als der Tag gekommen ist, der dreizehnte Tag im zwölften Monat, sammeln sich die Juden zur Abwehr. Bis dahin aber: lähmende Stille oder alles geht seinen Gang. Dann aber: So wehrhaft treten die Juden ihren Widersachern entgegen, dass es kein Widerstehen gibt.

  3 Auch alle Obersten in den Ländern und die Fürsten und Statthalter und Amtleute des Königs halfen den Juden; denn die Furcht vor Mordechai war über sie gekommen. 4 Denn Mordechai war groß am Hof des Königs und die Kunde von ihm erscholl in allen Ländern, wie er immer mächtiger werde. 5 So schlugen die Juden alle ihre Feinde mit dem Schwert und töteten und brachten um und taten nach ihrem Gefallen an denen, die ihnen Feind waren. 6 Und in der Festung Susa töteten und brachten die Juden um fünfhundert Mann. 7 Dazu töteten sie Parschandata, Dalfon, Aspata, 8 Porata, Adalja, Aridata, 9 Parmaschta, Arisai, Aridai und Wajesata, 10 die zehn Söhne Hamans, des Sohnes Hammedatas, des Judenfeindes. Aber an die Güter legten sie ihre Hände nicht.

             Ein richtiger Bürgerkrieg ist das nicht. Eher so etwas wie die Bartholomäus-Nacht in Frankreich (23. zum 24. August 1572) Eine Gemetzel, das von oben her geduldet, ja gefördert ist. So stark ist Mordechai  inzwischen am Hof, dass alle Obersten in den Ländern und die Fürsten und Statthalter und Amtleute des Königs seinen Leuten zur Seite stehen. Selbst vor der königlichen Festung Susa macht das Töten nicht halt. Bei dieser Gelegenheit werden auch alle Söhne Hamans zur Seite gebracht.

Es scheint, dass dem Erzähler daran liegt: Diese Aktion dient nicht der Bereicherung. Am Besitz der Getöteten vergreift man sich nicht. Wie anders war das von Haman geplant. Wie anders laufen solche Aktionen auch zu anderen Zeiten ab. Die Staatskasse profitiert gerne von der Eliminierung derer, die auf eine schwarze Liste geraten sind.  „Ein Gemetzel“ weiterlesen

Wie es euch gefällt

Esther 8, 1 – 17

1 An dem Tage schenkte der König Ahasveros der Königin Ester das Haus Hamans, des Judenfeindes. Und Mordechai wurde vom König empfangen; denn Ester hatte ihm gesagt, wie er mit ihr verwandt sei. 2 Und der König tat ab seinen Fingerreif, den er Haman genommen hatte, und gab ihn Mordechai. Und Ester setzte Mordechai über das Haus Hamans.

             Was für eine Wende. Das Eigentum des gehängten Haman geht an die Königin über. Sein Haus gehört jetzt ihr. Aus dem Haus des Judenfeindes wird die Wohnung der jüdischen Königin. Sein Amt aber geht an Mordechai. Er tritt an Hamans Stelle. Und wird obendrein durch seine Pflegetochter auch zum Verwalter des Haman’schen Besitzes ernannt.

Man kann schon auf die Idee kommen: „Das Erzählte ist eine typisch orientalische Hofintrige.“ (H. Ringgren, aaO.;, S. 397) Aber es ist dennoch doppelt Vorsicht geboten. Zum Einen: Es ist nicht nur „typisch orientalisch“, was hier erzählt wird. Das gibt es in der Welt der Höfe und den Hinterhöfen der Macht doch öfters. Und zum Anderen: Der Erzähler des Esther-Buches ist gewiss kein Klatsch-Kolumnist. Er hat eine geistliche Botschaft, die er mit diesem Buch weiter geben will – wie Gott, der im Vordergrund nicht zu fassen und zu sehen ist, doch „in, mit und unter“ dem Handeln der Menschen seinen Weg geht und für seine Leute und sein Volk Sorge trägt. Auch das ist eine Botschaft dieses Buches: Es muss nicht immer ausdrücklich „fromm“ geredet werden, damit von Gottes Fürsorge die Rede ist.

3 Und Ester redete noch einmal vor dem König und fiel ihm zu Füßen und weinte und flehte ihn an, dass er zunichte mache die Bosheit Hamans, des Agagiters, und seine Anschläge, die er gegen die Juden erdacht hatte. 4 Und der König streckte das goldene Zepter gegen Ester aus. Da stand Ester auf und trat vor den König 5 und sprach: Gefällt es dem König und habe ich Gnade gefunden vor ihm, und dünkt es den König recht und gefalle ich ihm, so möge man die Schreiben mit den Anschlägen Hamans, des Sohnes Hammedatas, des Agagiters, widerrufen, die er geschrieben hat, um die Juden umzubringen in allen Ländern des Königs. 6 Denn wie kann ich dem Unheil zusehen, das mein Volk treffen würde? Und wie kann ich zusehen, dass mein Geschlecht umkäme?

             Diese Fürsorge, die durch das situationsbedingte Handeln von Menschen ihre „weltliche Gestalt“ erhält, zeigt sich im Fortgang des Geschehens. Esther wird erneut aktiv. Weil sie weiß, dass es dieses Dekret des Königs gibt – und das ist auch durch den Tod des Anstifters Haman keineswegs aufgehoben. Wieder ist es so, dass sie den König bittend und flehend bedrängt und seinen Zorn riskiert. Dieser König wird sicherlich nicht gerne erinnert an seinen Missgriff.

Aber Ahasveros schenkt Esther Gnade und Gehör. Vielleicht auch, weil Esther ganz demütig und zugleich variantenreich – gefällt es dem König und habe ich Gnade gefunden vor ihm, und dünkt es den König recht und gefalle ich ihm, – an seine Gnade appelliert. Viele Worte, um zu sagen: Bitte. Aber Ahasveros scheint das zu brauchen.

Die Bitte Esther ist ja weitreichend: Widerruf eines königlichen Dekretes. Ein Gesetz der Meder und Perser zu kassieren. Das bedeutet ja: Einen Sinneswandel des Königs vor aller Augen sichtbar werden lassen. Esther dringt darauf, weil sie sie sich an ihr Volk gebunden weiß. Die Durchführung des Dekretes ist etwas, was für sie nicht hinnehmbar ist. Starke Worte für eine Frau, die trotz aller Gnade und Gunst keine starke Stellung hat, zumal bei diesem launenhaften König. „Wie es euch gefällt“ weiterlesen

Der tödliche Zorn eines Königs

Esther 7, 1 – 10

1 Und als der König mit Haman zu dem Mahl kam, das die Königin Ester bereitet hatte, 2 sprach der König zu Ester auch an diesem zweiten Tage, als er Wein getrunken hatte: Was bittest du, Königin Ester, das man dir geben soll? Und was begehrst du? Wäre es auch das halbe Königreich, es soll geschehen.

             Das Mahl beginnt. Es wiederholt sich als Szene, was schon am Tag zuvor war. Der König gibt Esther gewissermaßen freie Wahl, was sie sich wünschen darf und wäre es auch das halbe Königreich. Das ist wie im Märchen. Es ist das Bild, das sich dem Leser einprägt: Dieser König ist maßlos, in seiner Großzügigkeit, aber wohl auch in seinem Zorn. „Die Tatsache, dass er dieses alles zum zweiten Mal vor einem Zeugen sagt und dass dies beim Weintrinken geschieht, macht seinen Beschluss nach persischer Sitte felsenfest.“ (G. Maier, aaO.; S.113) Die Wiederholung der Formulierung aus 5,6 bestätigt: Diese Großzügigkeit ist nicht nur eine augenblickliche Laune. Es ist der feste Wille des Königs, Esther jeden Wunsch zu erfüllen.

 3 Die Königin Ester antwortete: Hab ich Gnade vor dir gefunden, o König, und gefällt es dem König, so gib mir mein Leben um meiner Bitte willen und mein Volk um meines Begehrens willen. 4 Denn wir sind verkauft, ich und mein Volk, dass wir vertilgt, getötet und umgebracht werden. Wären wir nur zu Knechten und Mägden verkauft, so wollte ich schweigen; denn die Bedrängnis wäre nicht so groß, dass man den König darum belästigen müsste.

             Jetzt zögert Esther nicht mehr. Sie nennt ihren Wunsch: Leben für sich und ihr Volk, aus dem sie stammt. Aber sie sagt noch immer nicht, um welches Volk es geht. Sie nennt nur die Fakten: Wir sollen vertilgt, getötet und umgebracht werden. Und fügt an: sollten wir nur geknechtet werden, versklavt das wäre kein Thema, dessen sich der König annehmen müsste. Aber gerade dieser Hinweis macht deutlich: Es geht wirklich um Leben und Tod – und zwar um ihr Leben. In diesen Worten bindet Esther ihr persönliches Geschick an das Geschick ihres Volkes. Es wird kein Leben für sie geben, wenn ihr Volk ausgerottet wird.

  5 Der König Ahasveros antwortete und sprach zu der Königin Ester: Wer ist der oder wo ist der, der sich hat in den Sinn kommen lassen, solches zu tun?

             Noch immer versteht der König nicht. „Er scheint entweder sein Judendekret ganz vergessen oder nicht gewusst zu haben, dass das Dekret den Juden galt – oder weiß er noch nicht, dass Esther Jüdin ist?“ (H. Ringgren, aaO.;, S. 396) Es geht Ahasveros so, wie es Regierenden öfter einmal gehen mag: Sie unterschreiben etwas, was ihnen vorgelegt wird, genehmigen und haben buchstäblich keine Ahnung, wen das alles betreffen wird, welche Folgen ihre Unterschrift haben wird. So auch Ahasveros. Er hat sich ja überhaupt nicht dafür interessiert, welches Volk sein Dekret trifft und wer im Einzelnen als Jude alles betroffen sein wird. „Der tödliche Zorn eines Königs“ weiterlesen

Schlaflos

Esther 6, 1 – 14

1 In derselben Nacht konnte der König nicht schlafen und ließ sich das Buch mit den täglichen Meldungen bringen. Als diese dem König vorgelesen wurden, 2 fand sich’s geschrieben, dass Mordechai angezeigt hatte, wie die zwei Kämmerer des Königs, Bigtan und Teresch, die an der Schwelle die Wache hielten, danach getrachtet hatten, Hand an den König Ahasveros zu legen. 3 Und der König sprach: Welche Ehre und Würde hat Mordechai dafür bekommen?

             Auch Könige erleben schlaflose Nächte. Die Septuaginta deutet durch ihre Zusätze gegenüber dem hebräischen Text an: Es ist der HERR, der Ahasveros keinen Schlaf finden lässt. Das liegt als Gedanke nahe – ist es doch Gott, „der den Seinen Schlaf gibt.“(Psalm 127,2) Es kann also gut sein, dass er dem König den Schlaf verweigert, weil so viel auf dem Spiel steht, für die Seinen.

Aus Langweile verfällt Ahasveros aufs Aktenstudium. Er lässt sich Tagesberichte vorlesen. Für die meisten wohl eher eine absolut sichere Methode, um einzuschlafen. Nicht aber bei Ahasveros. Er wird an den vereitelten Anschlag erinnert und fragt nach: Welche Ehre und Würde hat Mordechai dafür bekommen? Es gibt Könige, die sich gerne dankbar erzeigen und nicht gerne schuldigen Dank schuldig bleiben.

 Da sprachen die Diener des Königs, die um ihn waren: Er hat nichts bekommen.

             Die Auskunft der Diener ist peinlich, erst recht für einen König Ahasveros, der es liebt, sich  großzügig zu erweisen. Es ist zuvor ja breit erzählt worden, die der König zu feiern versteht und sein Volk Anteil haben lässt an seiner Güte und Freude. Jetzt also: Die Tat ist vereitelt worden. Aber der, der sie angezeigt hat, ist leer ausgegangen. Da ist also noch eine Schuld zu begleichen.  „Schlaflos“ weiterlesen

Besser geht`s nicht – und doch ….

Esther 5, 1 – 14

1 Und am dritten Tage zog sich Ester königlich an und trat in den inneren Hof am Palast des Königs gegenüber dem Palast des Königs. Und der König saß auf seinem königlichen Thron im königlichen Saale gegenüber dem Tor des Palastes. 2 Und als der König die Königin Ester im Hofe stehen sah, fand sie Gnade vor seinen Augen. Und der König streckte das goldene Zepter in seiner Hand gegen Ester aus.

             Nach drei Tagen Fasten ist Esther bereit. Sie macht sich, ungerufen, aber königlich gekleidet, auf den Weg zu Ahasveros. Ein Gang auf der Rasierklinge. Aber er gelingt. Als der König die Königin Ester im Hofe stehen sah, fand sie Gnade vor seinen Augen. Es ist kein Weg in den Tod, sondern ein Schritt in die erneute Gunst und Gnade

 Da trat Ester herzu und rührte die Spitze des Zepters an. 3 Da sprach der König zu ihr: Was hast du, Ester, Königin? Und was begehrst du? Auch die Hälfte des Königreichs soll dir gegeben werden. 4 Ester sprach: Gefällt es dem König, so komme der König mit Haman heute zu dem Mahl, das ich bereitet habe.

             Esther darf dem König nahen. Und, geradezu märchenhaft großzügig er zeigt sich der Perser: Was begehrst du? Auch die Hälfte des Königreichs soll dir gegeben werden. Es ist offensichtlich: Esther hat ein Anliegen. Sonst wäre sie doch nicht zum König gekommen. Das spürt der Mann auf dem Thron. Und so wie er gleich zweimal fragt, will er es erfahren.

             Esther aber bringt ihr Anliegen nicht gleich zur Sprache. „Warum bringt sie ihre Bitte nicht gleich vor? Der biblische Bericht gibt an dieser Stelle keine direkt Antwort.“ (G. Maier, aaO.; S.100) Man darf also spekulieren: Weibliche Klugheit? Will sie den König auf die Folter spannen? Wartet sie auf den richtigen Augenblick, auf eine Eingebung? „Oder versagt ihr im letzten Augenblick der Mut, so dass sie die Entscheidung aufzuschieben sucht?“ (H. Ringgren, aaO.;, S.302)  „Besser geht`s nicht – und doch ….“ weiterlesen

Du bist jetzt dran

Esther  4, 1 – 17

1 Als Mordechai alles erfuhr, was geschehen war, zerriss er seine Kleider und legte den Sack an und tat Asche aufs Haupt und ging hinaus mitten in die Stadt und schrie laut klagend 2 und kam bis vor das Tor des Königs; denn es durfte niemand in das Tor des Königs eintreten, der einen Sack anhatte.3 Und in allen Ländern, wohin des Königs Wort und Gebot gelangte, war ein großes Klagen unter den Juden, und viele fasteten, weinten, trugen Leid und lagen in Sack und Asche.

             Mordechai reagiert auf die Bekanntmachungen. In Sack und Asche. In diesem Fall kein Buß-Ritus. „Fasten, Sack und Asche waren auch Zeichen für die Trrauer, und in diesem Fall sind sie anscheinend nicht mehr als das.“ (J. Miles, Gott. Eine Biographie, München 1995, S. 413) Fast könnte man sagen: Die vorweggenommene Totenklage. Denn wie soll es Einspruch gegen diesen Befehl in der Autorität des Königs geben? Und so wie es Mordechai geht und wie er reagiert, reagieren Juden in allen Ländern, das meint: Provinzen  des Perser-Reiches.

  4 Da kamen die Dienerinnen Esters und ihre Kämmerer und erzählten ihr davon. Da erschrak die Königin sehr. Und sie sandte Kleider, dass Mordechai sie anzöge und den Sack ablegte; er aber nahm sie nicht an.

             Offensichtlich ist die Aktion Mordechais bemerkt worden. Bei Hofe. So berichten die Dienerinnen Esters ihr davon. Sie versucht ihn von seinem Verhalten abzubringen, wohl, weil sie  den wahren Grund dafür noch nicht kennt. Mordechai aber bleibt bei seiner Kleiderordnung, die ihn den Zugang zum Hof versperrt. So kann keiner vor dem König herumlaufen. Das beleidigt seine Majestät, seinen Sinn für Ästhetik.

 5 Da rief Ester Hatach, einen von des Königs Kämmerern, der ihr diente, und gab ihm Befehl wegen Mordechai, um zu erfahren, was das sei und warum er so tue. 6 Da ging Hatach hinaus zu Mordechai auf den Platz der Stadt, der vor dem Tor des Königs war. 7 Und Mordechai sagte ihm alles, was ihm begegnet war, auch die Summe des Silbers, das Haman versprochen hatte in des Königs Schatzkammer darzuwägen, wenn die Juden vertilgt würden, 8 und gab ihm eine Abschrift des Gesetzes, das in Susa angeschlagen war, sie zu vertilgen, damit er’s Ester zeige und es ihr sage und ihr gebiete, dass sie zum König hineingehe und zu ihm flehe und bei ihm Fürbitte tue für ihr Volk.

             Jetzt forscht Esther genauer nach, durch Hatach, einen von des Königs Kämmerern. Es mutet gtespenstisch an, dass Esther keine Ahnung davon hat, was im Lande geplant wird.  Das mag auch auch ein deutlicher Hinweis darauf sein, dass der Haman-Plan kein Thema am Hof ist, sei es aus Geheimhalutng, sei es, weil es nicht so bdeutsam ist am Hof des Persers, wenn ein Knechts- oder Gastvolk vernichtet wird.

             Mordechai seinerseits nützt die Chance und informiert Esther. Das deckt auf, dass der Haman-Plan am Hof kein Thema ist. Aber Mordechai geht einen Schritt weiter: er fordert von Esther, dass sie zum König geht, um Fürsprache zu üben für ihr Volk. Der gleiche Mordechai hatte Esther früher geraten, ihre Identität als Jüdin zu verbergen. Jetzt fordert er in der Stunde der Gefahr ihr Solidarität mit den Volk. „Du bist jetzt dran“ weiterlesen

Vernichtungspläne – in Gang gesetzt

Esther 3, 7 – 15

7 Im ersten Monat, das ist der Monat Nisan, im zwölften Jahr des Königs Ahasveros, wurde das Pur, das ist das Los, geworfen vor Haman, von einem Tage zum andern und von Monat zu Monat, und das Los fiel auf den dreizehnten Tag im zwölften Monat, das ist der Monat Adar.

             Haman treibt seinen Plan voran. Er sucht den günstigsten Zeitpunkt. Den bestimmt er, religiös wie er ist, nicht selbst. Haman lässt das Los werfen im Nisan. „Ńissan: das ist der Monat der Befreiung aus Ägypten, der Monat des Passafestes, der Monat, in dem Nehemia die Erlaubnis zum Bau der Mauern Jerusalems erhielt. Sol dieser Befreiungsmonat jetzt zum Monat der Vernichtung werden?  Ziehen wir die Linie bis zum NT. Im Monat Nissan starb Jesus den Sühnetod, in diesem Monat ist er auferstanden. Nissan ist auch der Befreiungsmonat für die Gemeinde des Neuen Bundes.“ (G. Maier, aaO.; S. 82)  

            Pur, das ist das Los, legt den Termin fest. Das ist zugleich die Namens-Erklärung für das Purim-Fest, das ja im Hintergrund der Esther-Erzählung immer mitschwingt. Genau betrachtet liegt der günstigste Tag für Hamans Aktions-Plan fast ein Jahr voraus.

8 Und Haman sprach zum König Ahasveros: Es gibt ein Volk, zerstreut und abgesondert unter allen Völkern in allen Ländern deines Königreichs, und ihr Gesetz ist anders als das aller Völker und sie tun nicht nach des Königs Gesetzen. Es ziemt dem König nicht, sie gewähren zu lassen. 9 Gefällt es dem König, so lasse er schreiben, dass man sie umbringe; so will ich zehntausend Zentner Silber darwägen in die Hand der Amtleute, dass man’s bringe in die Schatzkammer des Königs.

            Jetzt muss Haman den König für sein Vorhaben gewinnen. Dafür setzt er auf eine doppelte Strategie. Er verleumdet das jüdische Volk und er verspricht der Staatskasse Einnahmen. „Ohne auch nur den Namen des Volkes zu nennen, legt Haman dem König die Anklagen vor, die zu allen Zeiten gegen die Juden erhoben worden sind.“ (H. Ringgren, aaO.;, S. 388) Sie sind zerstreut und abgesondert unter allen Völkern. Integrations-unwillig. Eigenartig und eigenbrötlerisch. Ghetto-Existenzen mit Sondergesetzen. Sie wollen anders sein als alle anderen.

Es ist das Arsenal, aus dem der Antisemitismus, aber auch jeder andere Fremdenhass sich seit Jahrtausenden bedient, in dem Haman seine Argumente findet. Für eine Verfolgung reicht es immer wieder, anders zu sein, fremd auszusehen, nicht wie alle anderen.    „Vernichtungspläne – in Gang gesetzt“ weiterlesen

Verweigerte Unterwerfung

Esther 2, 19 – 3,6

19 Und als man nun die übrigen Jungfrauen in das andere Frauenhaus brachte, saß Mordechai im Tor des Königs. 20 Und Ester hatte noch nichts gesagt von ihrer Herkunft und von ihrem Volk, wie ihr Mordechai geboten hatte; denn Ester tat nach dem Wort Mordechais wie zur Zeit, als er ihr Pflegevater war.

             Die Verhältnisse werden jetzt neu geordnet. Die jungen Frauen, die ursprünglich mit Esther „gesammelt“ worden waren, kommen in das andere Frauenhaus. Wohl unter die Obhut des Schaaschgas, des königlichen Kämmerers, des Hüters der Nebenfrauen.(2,14) Mordechai ist einfach nur anwesend im Palast, an seinem Arbeitsplatz. Eher unauffällig. Auch die Verbindung Esthers zu Mordechai und zum Volk der Juden ist noch kein Thema geworden. Esther aber ist auch als Königin die Tochter, die dem Wort Mordechais folgt. Das zeigt, wie viel Zutrauen sie zu ihm hat und wie weit entfernt sie von allem Hochmut ist.

 21 In jenen Tagen, als Mordechai im Tor des Königs saß, gerieten zwei Kämmerer des Königs, Bigtan und Teresch, die die Tür hüteten, in Zorn und trachteten danach, Hand an den König Ahasveros zu legen. 22 Als das Mordechai zu wissen bekam, sagte er es der Königin Ester und Ester sagte es dem König in Mordechais Namen. 23 Und als man nachforschte, wurde es als richtig befunden, und sie wurden beide an den Galgen gehängt. Und es wurde aufgezeichnet im Buch der täglichen Meldungen für den König.

             Durch seine Anwesenheit wird Mordechai Zeuge einer Verschwörung gegen Ahasveros. Zwei Kämmerer trachten ihm nach dem Leben. Der Grund für ihren Zorn bleibt unklar. Aber die beiden sind gefährlich. „Denn sie gehören zu den Wachen (wörtlich: den Hütern der Schwelle). Sie hatten also Zugang zum königlichen Palast.“(G.Maier, aaO.; S.74) Mordechai informiert Esther, die ihrerseits sofort den König informiert, in Mordechais Namen.

             Das löst Nachforschungen aus, die die Meldung bestätigen. Die beiden Verschwörer werden gefasst und hingerichtet. Der Vorgang kommt zu den Akten. Aber damit hat es sich auch. Auf den ersten Blick. Mordechai als wertvoller Informant bleibt ohne Belohnung.       „Verweigerte Unterwerfung“ weiterlesen