Einübung ins Vertrauen

  1. Mose 16, 17 – 36

 17 Und die Israeliten taten’s und sammelten, einer viel, der andere wenig. 18 Aber als man’s nachmaß, hatte der nicht darüber, der viel gesammelt hatte, und der nicht darunter, der wenig gesammelt hatte. Jeder hatte gesammelt, soviel er zum Essen brauchte.

            Alle sammeln und alle haben genug. Die Faulen nicht zu wenig und die Fleißigen nicht zu viel. Es reicht für den Tag und für die Leute, die zu einem gehören.  Paradiesische Zustände mitten in der Wüste.

 19 Und Mose sprach zu ihnen: Niemand lasse etwas davon übrig bis zum nächsten Morgen. 20 Aber sie gehorchten Mose nicht. Und etliche ließen davon übrig bis zum nächsten Morgen; da wurde es voller Würmer und stinkend.

             Es ist eine Anweisung Mose: Keine Vorräte. Spart nichts auf. Eine Weisung, die auf taube Ohren trifft. Solange es Menschen gibt, versuchen sie es mit Vorsorgemaßnahmen, mit Absicherungen gegen das, was kommen könnte. Nichts übrig lassen wäre ein Schritt in eine vollständige Abhängigkeit von Gottes Geben. Ein Verzicht auf die eigenen klugen Absicherungsmaßnahmen.

            Das aber tun sie nicht. Es widerspricht der Klugheit der Menschen, auch des Volkes Gottes: „Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen.“ (Matthäus 6,34) Weil sie nicht so vertrauen können, müssen sie es aus der Erfahrung lernen: Ihre Vorräte verfaulen. Sie werden ungenießbar. In den biblischen Texten steht das Lernen aus der Erfahrung oftmals gleichberechtigt nehmen dem Lernen aus Einsicht. Manchmal geht es ihm gar voraus und oftmals geht es tiefer

 Und Mose wurde zornig auf sie. 21 Sie sammelten aber alle Morgen, soviel ein jeder zum Essen brauchte. Wenn aber die Sonne heiß schien, zerschmolz es. 22 Und am sechsten Tage sammelten sie doppelt so viel Brot, je zwei Krüge voll für einen. Und alle Vorsteher der Gemeinde kamen hin und verkündeten’s Mose.

             Es ist die Erfahrung der Sammelnden: Das Haltbarkeitsdatum wird schon um die Mittagszeit erreicht. Dann zerschmilzt es in der Wüstenhitze. Das zu wissen, stellt die Praxis, am sechsten Tag doppelte Rationen zu sammeln zutiefst in Frage. Man kann es förmlich sehen, wie  alle Vorsteher der Gemeinde mit fragenden Gesichtern vor Mose stehen. Das ist doch angesichts der leichten Verderblichkeit Unsinn, diese doppelten Rationen. „Einübung ins Vertrauen“ weiterlesen

Passa

  1. Mose 12, 1 – 20

 1 Der HERR aber sprach zu Mose und Aaron in Ägyptenland: 2 Dieser Monat soll bei euch der erste Monat sein, und von ihm an sollt ihr die Monate des Jahres zählen.

             Eine neue Zeit bricht an. Sie bricht an, indem sie angesagt wird – nicht von Mose und Aaron, sondern vom HERRN. Die neuen Zeiten, die wir Menschen ansagen, halten meistens nicht, was sie versprechen. Das Neue, das jetzt mit Israel geschehen soll, wird aber alles verändern. Angefangen bei der Zeitrechnung.

            Für uns ist der Kalender eher nebensächlich. Hier aber wird er zum Symbol: alles was folgen wird an Zeitrechnung, soll von dem her, was jetzt geschieht, gezählt werden. Dieser Monat jetzt soll zum ersten Monat werden, dieses Jahr zum Jahr des neuen Anfangs. Die Zeit der Knechtschaft geht zu Ende.

        Merkwürdig genug wird der Auszugserzählung die Einsetzung des Passafestes in aller Ausführlichkeit vorangestellt. Auch das ein Hinweis: Alles wird anders. „Darum ist Passa das Grundfest Israels, darum ist der Frühlingsmonat Nissan, in dessen Mitte es gefeiert wird, der „erste Monat, das Monatshaupt“, obwohl das jüdische Neujahr nach dem alten Kalender in den Herbst fällt.“ (I. Willi-Plein, Das Buch vom Auszug, Kleine Biblische Bibliothek, Neukirchen 1988, S76.)  

3 Sagt der ganzen Gemeinde Israel: Am zehnten Tage dieses Monats nehme jeder Hausvater ein Lamm, je ein Lamm für ein Haus. 4 Wenn aber in einem Hause für ein Lamm zu wenige sind, so nehme er’s mit seinem Nachbarn, der seinem Hause am nächsten wohnt, bis es so viele sind, dass sie das Lamm aufessen können.

            Es sind detaillierte Anweisungen, die nicht wirklich in die Unruhe der Nacht vor dem Aufbruch passen wollen. Es wird wohl so sein: die Anweisungen und die Art und Weise, wie später im Land der Verheißung das Passa gefeiert wird, werden zurück datiert auf den Anfang. Was in diesen Anweisungen hier nebenbei sichtbar wird: „Das erste Passa ist das Fest einer Hausgemeinschaft“ (Hj. Bräumer, Das zweite Buch Mose, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1996, S.180), offen aber in die Nachbarschaft hinein. Die Hausgemeinschaft ist nicht exklusiv.  Erst in viel späterer Zeit wird die Feier des Passa in Jerusalem zentralisiert. (5. Mose 16,5-8)  „Passa“ weiterlesen

Blind durch Wissenschaftsgläubigkeit?

  1. tMose 7, 1 – 25

 1 Der HERR sprach zu Mose: Siehe, ich habe dich zum Gott gesetzt für den Pharao, und Aaron, dein Bruder, soll dein Prophet sein. 2 Du sollst alles reden, was ich dir gebieten werde; aber Aaron, dein Bruder, soll es vor dem Pharao reden, damit er die Israeliten aus seinem Lande ziehen lasse. 3 Aber ich will das Herz des Pharao verhärten und viele Zeichen und Wunder tun in Ägyptenland. 4 Und der Pharao wird nicht auf euch hören. Dann werde ich meine Hand auf Ägypten legen und durch große Gerichte meine Heerscharen, mein Volk Israel, aus Ägyptenland führen. 5 Und die Ägypter sollen innewerden, dass ich der HERR bin, wenn ich meine Hand über Ägypten ausstrecken und die Israeliten aus ihrer Mitte wegführen werde.

            Es ist ein harter Kampf für Gott, Mose zu seinem Auftrag zu gewinnen. Immer wieder muss er die Skepsis des Mose überwinden: die Israeliten glauben mir nicht. Der Pharao hört nicht auf mich.

            Die Antwort Gottes auf diese Einwände ist zunächst einmal: Ich, der HERR setze dich zum Gott für den Pharao. Zu einem Gegenüber, das mehr als auf Augenhöhe ist. Zu einem, der aus einer anderen Wirklichkeit heraus redet. Nicht aus der Wirklichkeit der Welt, in der der Pharao ganz oben und du als Hebräer ganz unten bist.

            Und so wie die Götter Ägyptens nur mittelbar reden, durch ihre Priester, so soll Aaron der Mund des Mose sein. Sein Prophet. „Der Prophet (hebräisch nābîʼ) ist der Mittler des göttlichen Wortes.“(Hj. Bräumer, Das zweite Buch Mose, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1996, S.136) Auch darin erfährt der Pharao: hiersteht mir mehr als ein Mensch gegenüber. „Blind durch Wissenschaftsgläubigkeit?“ weiterlesen

Ein geweiteter Horizont

Esther 9, 29 – 10,3

29 Und die Königin Ester, die Tochter Abihails, und Mordechai, der Jude, schrieben mit ganzem Ernst ein zweites Schreiben über das Purimfest, um es zu bestätigen. 30 Und man sandte die Schreiben allen Juden in den 127 Ländern des Königreichs des Ahasveros mit Grußworten des Friedens und der Treue: 31 dass sie annähmen die Purimtage auf ihre bestimmte Zeit, wie sie Mordechai, der Jude, und die Königin Ester für sie festgesetzt hatten und wie sie für sich selbst und für ihre Nachkommen die Einsetzung der Fasten und ihrer Klage festgesetzt hatten. 32 Und der Befehl der Ester bestätigte die Einsetzung dieser Purimtage. Und es wurde in ein Buch geschrieben.

             Nur eine Wiederholung? Nur das Versehen des Schreibers, der nicht merkt, dass er doch schon alles gesagt hat? Inhaltlich kommt in der Tat kaum etwas Neues. Wenn man überliest, dass in diesem zweiten Schreiben das Fasten und die Klage ausdrücklich benannt werden. Das ist der dunkle Hintergrund der Freude. Purim ist nicht nur das Fest ausgelassener Freude und liebevoller Geschenke. Es ist eben auch das Fest der Erinnerung an die Gefährdung des Volkes, an die schon angestimmte Totenklage, an das Fasten in letzter Verzweiflung, um Klarheit für die nächsten Schritte zu erlangen.

Vielleicht ist dieses zweite Schreiben ja auch nötig, weil es nicht so leicht war, das Purimfest  zu etablieren. Nicht alle werden es von Anfang an gemocht haben. „Vielleicht sind die Diskussionen im Talmud, ob Purim überhaupt biblisch begründet sei, ein spätes Echo dieser Opposition.“ (G. Maier, aaO.; S. 144)  All diesen Skeptikern wird der Befehl der Ester entgegen gestellt. Ihre Autorität ist durch das Buch, in das geschrieben wurde, unbezweifelbar. Gemeint ist damit wohl nicht das Esther-Buch selbst, sondern eine andere Schrift. Vielleicht eine Chronik der Perser.  „Ein geweiteter Horizont“ weiterlesen

Purim

Esther 9, 20 – 28

 20 Und Mordechai schrieb diese Geschichten auf und sandte Schreiben an alle Juden, die in allen Ländern des Königs Ahasveros waren, nah und fern, 21 sie sollten als Feiertage den vierzehnten und fünfzehnten Tag des Monats Adar annehmen und jährlich halten 22 als die Tage, an denen die Juden zur Ruhe gekommen waren vor ihren Feinden, und als den Monat, in dem sich ihre Schmerzen in Freude und ihr Leid in Festtage verwandelt hatten: dass sie diese halten sollten als Tage des Festmahls und der Freude und einer dem andern Geschenke und den Armen Gaben schicke.

             Nachdem der Sturm vorüber ist, wird durch ein Schreiben Mordechais das Purim-Fest als Feiertage am vierzehnten und fünfzehnten Tag des Monats Adar etabliert. Alle Juden sollen es  annehmen und jährlich halten. Gedenktage für die glückliche Wendung des Geschicks. Ein bisschen liest sich das wie eine Doppelung des Berichtes zuvor.

  23 Und die Juden nahmen es an als Brauch, was sie angefangen hatten zu tun und was Mordechai an sie geschrieben hatte: 24 wie Haman, der Sohn Hammedatas, der Agagiter, der Feind aller Juden, gedacht hatte, alle Juden umzubringen, und wie er das Pur, das ist das Los, hatte werfen lassen, um sie zu schrecken und umzubringen; 25 und wie Ester zum König gegangen war und dieser durch Schreiben geboten hatte, dass die bösen Anschläge, die Haman gegen die Juden erdacht, auf seinen Kopf zurückfielen, und wie man ihn und seine Söhne an den Galgen gehängt hatte. 26 Daher nannten sie diese Tage Purim nach dem Worte Pur.

In knapper Form wird jetzt die ganze Erzählung zusammengefasst, gebündelt. Dabei wird der Blick vor allem auf den Plan Hamans, das Eintreten von Esther und die Wende gerichtet, die Haman das Leben gekostet hat. Von Mordechai ist in dieser Zusammenfassung keine Rede. Aber er ist immerhin der Verfasser des Briefes. Auch der König Ahasveros wird nicht beim Namen genannt. Dafür aber das Los, das Pur. So legt es sich nahe, diese Passage als Erklärung zu lesen, woher das Purim-Fest seinen Namen hat.  „Purim“ weiterlesen

Ein Gemetzel

Esther 9, 1 – 19

1 Im zwölften Monat, das ist der Monat Adar, am dreizehnten Tage, als des Königs Wort und Gesetz ausgeführt werden sollte, eben an dem Tage, als die Feinde der Juden hofften, sie zu überwältigen, und sich’s wandte, dass nun die Juden ihre Feinde überwältigen sollten, 2 da versammelten sich die Juden in ihren Städten in allen Ländern des Königs Ahasveros, um Hand anzulegen an die, die ihnen übel wollten. Und niemand konnte ihnen widerstehen; denn die Furcht vor ihnen war über alle Völker gekommen.

             Die Zeit vergeht. Elf Monat lang gibt es nichts Neues zu erzählen. Aber als der Tag gekommen ist, der dreizehnte Tag im zwölften Monat, sammeln sich die Juden zur Abwehr. Bis dahin aber: lähmende Stille oder alles geht seinen Gang. Dann aber: So wehrhaft treten die Juden ihren Widersachern entgegen, dass es kein Widerstehen gibt.

  3 Auch alle Obersten in den Ländern und die Fürsten und Statthalter und Amtleute des Königs halfen den Juden; denn die Furcht vor Mordechai war über sie gekommen. 4 Denn Mordechai war groß am Hof des Königs und die Kunde von ihm erscholl in allen Ländern, wie er immer mächtiger werde. 5 So schlugen die Juden alle ihre Feinde mit dem Schwert und töteten und brachten um und taten nach ihrem Gefallen an denen, die ihnen Feind waren. 6 Und in der Festung Susa töteten und brachten die Juden um fünfhundert Mann. 7 Dazu töteten sie Parschandata, Dalfon, Aspata, 8 Porata, Adalja, Aridata, 9 Parmaschta, Arisai, Aridai und Wajesata, 10 die zehn Söhne Hamans, des Sohnes Hammedatas, des Judenfeindes. Aber an die Güter legten sie ihre Hände nicht.

             Ein richtiger Bürgerkrieg ist das nicht. Eher so etwas wie die Bartholomäus-Nacht in Frankreich (23. zum 24. August 1572) Eine Gemetzel, das von oben her geduldet, ja gefördert ist. So stark ist Mordechai  inzwischen am Hof, dass alle Obersten in den Ländern und die Fürsten und Statthalter und Amtleute des Königs seinen Leuten zur Seite stehen. Selbst vor der königlichen Festung Susa macht das Töten nicht halt. Bei dieser Gelegenheit werden auch alle Söhne Hamans zur Seite gebracht.

Es scheint, dass dem Erzähler daran liegt: Diese Aktion dient nicht der Bereicherung. Am Besitz der Getöteten vergreift man sich nicht. Wie anders war das von Haman geplant. Wie anders laufen solche Aktionen auch zu anderen Zeiten ab. Die Staatskasse profitiert gerne von der Eliminierung derer, die auf eine schwarze Liste geraten sind.  „Ein Gemetzel“ weiterlesen

Wie es euch gefällt

Esther 8, 1 – 17

1 An dem Tage schenkte der König Ahasveros der Königin Ester das Haus Hamans, des Judenfeindes. Und Mordechai wurde vom König empfangen; denn Ester hatte ihm gesagt, wie er mit ihr verwandt sei. 2 Und der König tat ab seinen Fingerreif, den er Haman genommen hatte, und gab ihn Mordechai. Und Ester setzte Mordechai über das Haus Hamans.

             Was für eine Wende. Das Eigentum des gehängten Haman geht an die Königin über. Sein Haus gehört jetzt ihr. Aus dem Haus des Judenfeindes wird die Wohnung der jüdischen Königin. Sein Amt aber geht an Mordechai. Er tritt an Hamans Stelle. Und wird obendrein durch seine Pflegetochter auch zum Verwalter des Haman’schen Besitzes ernannt.

Man kann schon auf die Idee kommen: „Das Erzählte ist eine typisch orientalische Hofintrige.“ (H. Ringgren, aaO.;, S. 397) Aber es ist dennoch doppelt Vorsicht geboten. Zum Einen: Es ist nicht nur „typisch orientalisch“, was hier erzählt wird. Das gibt es in der Welt der Höfe und den Hinterhöfen der Macht doch öfters. Und zum Anderen: Der Erzähler des Esther-Buches ist gewiss kein Klatsch-Kolumnist. Er hat eine geistliche Botschaft, die er mit diesem Buch weiter geben will – wie Gott, der im Vordergrund nicht zu fassen und zu sehen ist, doch „in, mit und unter“ dem Handeln der Menschen seinen Weg geht und für seine Leute und sein Volk Sorge trägt. Auch das ist eine Botschaft dieses Buches: Es muss nicht immer ausdrücklich „fromm“ geredet werden, damit von Gottes Fürsorge die Rede ist.

3 Und Ester redete noch einmal vor dem König und fiel ihm zu Füßen und weinte und flehte ihn an, dass er zunichte mache die Bosheit Hamans, des Agagiters, und seine Anschläge, die er gegen die Juden erdacht hatte. 4 Und der König streckte das goldene Zepter gegen Ester aus. Da stand Ester auf und trat vor den König 5 und sprach: Gefällt es dem König und habe ich Gnade gefunden vor ihm, und dünkt es den König recht und gefalle ich ihm, so möge man die Schreiben mit den Anschlägen Hamans, des Sohnes Hammedatas, des Agagiters, widerrufen, die er geschrieben hat, um die Juden umzubringen in allen Ländern des Königs. 6 Denn wie kann ich dem Unheil zusehen, das mein Volk treffen würde? Und wie kann ich zusehen, dass mein Geschlecht umkäme?

             Diese Fürsorge, die durch das situationsbedingte Handeln von Menschen ihre „weltliche Gestalt“ erhält, zeigt sich im Fortgang des Geschehens. Esther wird erneut aktiv. Weil sie weiß, dass es dieses Dekret des Königs gibt – und das ist auch durch den Tod des Anstifters Haman keineswegs aufgehoben. Wieder ist es so, dass sie den König bittend und flehend bedrängt und seinen Zorn riskiert. Dieser König wird sicherlich nicht gerne erinnert an seinen Missgriff.

Aber Ahasveros schenkt Esther Gnade und Gehör. Vielleicht auch, weil Esther ganz demütig und zugleich variantenreich – gefällt es dem König und habe ich Gnade gefunden vor ihm, und dünkt es den König recht und gefalle ich ihm, – an seine Gnade appelliert. Viele Worte, um zu sagen: Bitte. Aber Ahasveros scheint das zu brauchen.

Die Bitte Esther ist ja weitreichend: Widerruf eines königlichen Dekretes. Ein Gesetz der Meder und Perser zu kassieren. Das bedeutet ja: Einen Sinneswandel des Königs vor aller Augen sichtbar werden lassen. Esther dringt darauf, weil sie sie sich an ihr Volk gebunden weiß. Die Durchführung des Dekretes ist etwas, was für sie nicht hinnehmbar ist. Starke Worte für eine Frau, die trotz aller Gnade und Gunst keine starke Stellung hat, zumal bei diesem launenhaften König. „Wie es euch gefällt“ weiterlesen

Der tödliche Zorn eines Königs

Esther 7, 1 – 10

1 Und als der König mit Haman zu dem Mahl kam, das die Königin Ester bereitet hatte, 2 sprach der König zu Ester auch an diesem zweiten Tage, als er Wein getrunken hatte: Was bittest du, Königin Ester, das man dir geben soll? Und was begehrst du? Wäre es auch das halbe Königreich, es soll geschehen.

             Das Mahl beginnt. Es wiederholt sich als Szene, was schon am Tag zuvor war. Der König gibt Esther gewissermaßen freie Wahl, was sie sich wünschen darf und wäre es auch das halbe Königreich. Das ist wie im Märchen. Es ist das Bild, das sich dem Leser einprägt: Dieser König ist maßlos, in seiner Großzügigkeit, aber wohl auch in seinem Zorn. „Die Tatsache, dass er dieses alles zum zweiten Mal vor einem Zeugen sagt und dass dies beim Weintrinken geschieht, macht seinen Beschluss nach persischer Sitte felsenfest.“ (G. Maier, aaO.; S.113) Die Wiederholung der Formulierung aus 5,6 bestätigt: Diese Großzügigkeit ist nicht nur eine augenblickliche Laune. Es ist der feste Wille des Königs, Esther jeden Wunsch zu erfüllen.

 3 Die Königin Ester antwortete: Hab ich Gnade vor dir gefunden, o König, und gefällt es dem König, so gib mir mein Leben um meiner Bitte willen und mein Volk um meines Begehrens willen. 4 Denn wir sind verkauft, ich und mein Volk, dass wir vertilgt, getötet und umgebracht werden. Wären wir nur zu Knechten und Mägden verkauft, so wollte ich schweigen; denn die Bedrängnis wäre nicht so groß, dass man den König darum belästigen müsste.

             Jetzt zögert Esther nicht mehr. Sie nennt ihren Wunsch: Leben für sich und ihr Volk, aus dem sie stammt. Aber sie sagt noch immer nicht, um welches Volk es geht. Sie nennt nur die Fakten: Wir sollen vertilgt, getötet und umgebracht werden. Und fügt an: sollten wir nur geknechtet werden, versklavt das wäre kein Thema, dessen sich der König annehmen müsste. Aber gerade dieser Hinweis macht deutlich: Es geht wirklich um Leben und Tod – und zwar um ihr Leben. In diesen Worten bindet Esther ihr persönliches Geschick an das Geschick ihres Volkes. Es wird kein Leben für sie geben, wenn ihr Volk ausgerottet wird.

  5 Der König Ahasveros antwortete und sprach zu der Königin Ester: Wer ist der oder wo ist der, der sich hat in den Sinn kommen lassen, solches zu tun?

             Noch immer versteht der König nicht. „Er scheint entweder sein Judendekret ganz vergessen oder nicht gewusst zu haben, dass das Dekret den Juden galt – oder weiß er noch nicht, dass Esther Jüdin ist?“ (H. Ringgren, aaO.;, S. 396) Es geht Ahasveros so, wie es Regierenden öfter einmal gehen mag: Sie unterschreiben etwas, was ihnen vorgelegt wird, genehmigen und haben buchstäblich keine Ahnung, wen das alles betreffen wird, welche Folgen ihre Unterschrift haben wird. So auch Ahasveros. Er hat sich ja überhaupt nicht dafür interessiert, welches Volk sein Dekret trifft und wer im Einzelnen als Jude alles betroffen sein wird. „Der tödliche Zorn eines Königs“ weiterlesen

Schlaflos

Esther 6, 1 – 14

1 In derselben Nacht konnte der König nicht schlafen und ließ sich das Buch mit den täglichen Meldungen bringen. Als diese dem König vorgelesen wurden, 2 fand sich’s geschrieben, dass Mordechai angezeigt hatte, wie die zwei Kämmerer des Königs, Bigtan und Teresch, die an der Schwelle die Wache hielten, danach getrachtet hatten, Hand an den König Ahasveros zu legen. 3 Und der König sprach: Welche Ehre und Würde hat Mordechai dafür bekommen?

             Auch Könige erleben schlaflose Nächte. Die Septuaginta deutet durch ihre Zusätze gegenüber dem hebräischen Text an: Es ist der HERR, der Ahasveros keinen Schlaf finden lässt. Das liegt als Gedanke nahe – ist es doch Gott, „der den Seinen Schlaf gibt.“(Psalm 127,2) Es kann also gut sein, dass er dem König den Schlaf verweigert, weil so viel auf dem Spiel steht, für die Seinen.

Aus Langweile verfällt Ahasveros aufs Aktenstudium. Er lässt sich Tagesberichte vorlesen. Für die meisten wohl eher eine absolut sichere Methode, um einzuschlafen. Nicht aber bei Ahasveros. Er wird an den vereitelten Anschlag erinnert und fragt nach: Welche Ehre und Würde hat Mordechai dafür bekommen? Es gibt Könige, die sich gerne dankbar erzeigen und nicht gerne schuldigen Dank schuldig bleiben.

 Da sprachen die Diener des Königs, die um ihn waren: Er hat nichts bekommen.

             Die Auskunft der Diener ist peinlich, erst recht für einen König Ahasveros, der es liebt, sich  großzügig zu erweisen. Es ist zuvor ja breit erzählt worden, die der König zu feiern versteht und sein Volk Anteil haben lässt an seiner Güte und Freude. Jetzt also: Die Tat ist vereitelt worden. Aber der, der sie angezeigt hat, ist leer ausgegangen. Da ist also noch eine Schuld zu begleichen.  „Schlaflos“ weiterlesen

Besser geht`s nicht – und doch ….

Esther 5, 1 – 14

1 Und am dritten Tage zog sich Ester königlich an und trat in den inneren Hof am Palast des Königs gegenüber dem Palast des Königs. Und der König saß auf seinem königlichen Thron im königlichen Saale gegenüber dem Tor des Palastes. 2 Und als der König die Königin Ester im Hofe stehen sah, fand sie Gnade vor seinen Augen. Und der König streckte das goldene Zepter in seiner Hand gegen Ester aus.

             Nach drei Tagen Fasten ist Esther bereit. Sie macht sich, ungerufen, aber königlich gekleidet, auf den Weg zu Ahasveros. Ein Gang auf der Rasierklinge. Aber er gelingt. Als der König die Königin Ester im Hofe stehen sah, fand sie Gnade vor seinen Augen. Es ist kein Weg in den Tod, sondern ein Schritt in die erneute Gunst und Gnade

 Da trat Ester herzu und rührte die Spitze des Zepters an. 3 Da sprach der König zu ihr: Was hast du, Ester, Königin? Und was begehrst du? Auch die Hälfte des Königreichs soll dir gegeben werden. 4 Ester sprach: Gefällt es dem König, so komme der König mit Haman heute zu dem Mahl, das ich bereitet habe.

             Esther darf dem König nahen. Und, geradezu märchenhaft großzügig er zeigt sich der Perser: Was begehrst du? Auch die Hälfte des Königreichs soll dir gegeben werden. Es ist offensichtlich: Esther hat ein Anliegen. Sonst wäre sie doch nicht zum König gekommen. Das spürt der Mann auf dem Thron. Und so wie er gleich zweimal fragt, will er es erfahren.

             Esther aber bringt ihr Anliegen nicht gleich zur Sprache. „Warum bringt sie ihre Bitte nicht gleich vor? Der biblische Bericht gibt an dieser Stelle keine direkt Antwort.“ (G. Maier, aaO.; S.100) Man darf also spekulieren: Weibliche Klugheit? Will sie den König auf die Folter spannen? Wartet sie auf den richtigen Augenblick, auf eine Eingebung? „Oder versagt ihr im letzten Augenblick der Mut, so dass sie die Entscheidung aufzuschieben sucht?“ (H. Ringgren, aaO.;, S.302)  „Besser geht`s nicht – und doch ….“ weiterlesen