Anklage gegen Anklage

1. Könige 18, 1 – 24

1 Nach einer langen Zeit kam das Wort des HERRN zu Elia, im dritten Jahr: Geh hin und zeige dich Ahab, denn ich will regnen lassen auf die Erde. 2 Und Elia ging hin, um sich Ahab zu zeigen. Es war aber eine große Hungersnot in Samaria.

Die Zeit geht ins Land und sie wird zur tödlichen Dürre. So, dass Gott bei sich den Abbruch der Regenpause beschließt – ich will regnen lassen auf die Erde. Darum soll sich Elia Ahab zeigen. Es geht in diesem sich Zeigen um ein Signal an Ahab, oder doch auch ein Signal an Elia.

„Der Heilige, gebenedeit sei er! redete Elija zu, dass er gehe und sich Ahab zeige. Elija entgegnete ihm: Wie soll ich zu ihm gehen, da er bis jetzt keine Buße getan hat? – Als ich meine Welt tränkte, versetzte der Heilige, gebenedeit sei er! da war nur ein Mensch in der Welt und ich tränkte sie um seinetwegen, wie es heißt: Und ein Dunst stieg auf von der Erde(gen 2,6) Um wie viel mehr jetzt, gehe und zeige dich Achab und ich gebe Regen.“ (Midrasch Tehillim zu Ps. 117,2) (F. Crüsemann / R. Micheel, Dunkles belichten, Ein Prophet geht seinen Weg: Elia, Texte zur Bibel 13, Neukirchen 1997, S. 31)Es kostet, so weiß die rabbinische Auslegung, Gott Mühe, Elia zu seinen Schritten zu bringen.

3 Und Ahab rief Obadja, seinen Hofmeister – Obadja aber fürchtete den HERRN sehr; 4 denn als Isebel die Propheten des HERRN ausrottete, nahm Obadja hundert Propheten und versteckte sie in Höhlen, hier fünfzig und da fünfzig, und versorgte sie mit Brot und Wasser –; 5 und Ahab sprach zu Obadja: Zieh durchs Land zu allen Wasserquellen und Bächen, ob wir Gras finden und die Rosse und Maultiere erhalten könnten, damit wir keines der Tiere töten müssen. 6 Und sie teilten sich ins Land, dass sie es durchzogen. Ahab zog allein auf dem einen Weg und Obadja auch allein auf dem andern Weg.

Ahab hat seinem Hofmeister Obadja den Auftrag gegeben: Mach deinen Job. Denn der „ist für die aus dem Besitz erfolgende Versorgung des Hofes zuständig. Er hat also unmittelbar und dienstlich mit den Folgen einer solchen Notzeit zu tun.“ (F. Crüsemann / R. Micheel, aaO. S. 32) Darum soll Obadja, nach letzten Quellen, letzten Bächen suchen, um zu retten, was noch zu retten ist. Tiere vor dem Verdursten. Man kann das durchaus kritisch lesen: „Der König sorgt sich nur um seine eigene, für seine Macht wichtigen Tiere.“ (E. Würthwein, Die Bücher der Könige, ATD, 11,2, Göttingen 1984, S. 221) Man wird aber auch nicht übersehen dürfen: Ahab macht sich in anderen Teilen des Landes selbst auf die Suche. Er bleibt nicht gemütlich im Regierungssitz zurück.

7 Als nun Obadja auf dem Wege war, siehe, da begegnete ihm Elia. Und als er ihn erkannte, fiel er auf sein Antlitz und sprach: Bist du es, Elia, mein Herr? 8 Er sprach: Ja! Geh hin und sage deinem Herrn: Siehe, Elia ist da!

Es kommt zur Begegnung – Obadja, der hochgestellte Beamte, der treue Diener Ahabs, und der Prophet. Sie erkennen einander und Elia erteilt dem Hofmeister den Auftrag zur Information an Ahab: Siehe, Elia ist da! Das kann Versprechen oder auch Drohung sein. Es zeigt sich in dieser Begegnung und diesem Auftrag auch etwas davon, dass Elia kein Mensch ist, der sich amtlichen Autoritäten zu unterwerfen geneigt ist. „Anklage gegen Anklage“ weiterlesen

Nicht klaglos schweigen

1. Könige 17, 17 – 24

17 Und nach diesen Geschichten wurde der Sohn dieser Frau, seiner Hauswirtin, krank, und seine Krankheit wurde so schwer, dass kein Odem mehr in ihm blieb.

Ausleger sagen von der nachfolgenden Episode, dass sie nichts mit der Erzählung über die Dürre zu tun hat. Es sind einige Ungereimtheiten, die es nahelegen, die Erzählung „ist eingeschoben und mit der beliebten Anschlussformel „und es geschah nach diesen Ereignissen“ lose mit der vorangegangenen Anekdote verbunden worden.“ (E. Würthwein, Die Bücher der Könige, ATD, 11,2, Göttingen 1984, S. 222) Es fällt auf – die arme Witwe ist hier eine Hauswirtin mit einem – wie sich zeigen wird – doch relativ großen Haus, mehrgeschossig. Aus der flüchtigen Aufnahme ist ein dauerhaftes Verweilen geworden. Fast möchte man sagen: Ein Mietverhältnis.

„Die kleine Familie ist gut versorgt.“ (F. Crüsemann / R. Micheel, Dunkles belichten, Ein Prophet geht seinen Weg: Elia, Texte zur Bibel 13, Neukirchen 1997, S. 25) Sie hat mehr als Wasser und Brot. Es gilt nicht mehr: zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben. Aber der Sohn wird krank, sein Zustand verschlechtert sich zusehends, er wird sterbenskrank und schließlich ist er tot. Oder muss man vorsichtiger lesen: kein Odem mehr in ihm – er fällt in eine todesähnliche Erstarrung, eine Art natürliches Koma.

18 Und sie sprach zu Elia: Was hab ich mit dir zu schaffen, du Mann Gottes? Du bist zu mir gekommen, dass meiner Sünde gedacht und mein Sohn getötet würde.

Die Frau hat eine eigentümliche Sicht auf den Mann Gottes. Vergessen, dass er ihr wundersam aus dem Verhungern geholfen hat. Jetzt ist er nur noch ein Todesbote. Er hat das Unheil ins Haus gebracht. Weil er da ist, achtet Gott auch auf die Umgebung dieses Mannes und so wird auch verborgene Schuld ins Licht Gottes gerückt.

Es ist ein Denken, das wir gerne für archaisch halten, das aber bis heute im Schwange ist: „Diese Frau sieht einen Zusammenhang zwischen Krankheit und Tod des Sohnes und ihrer Schuld und versteht den Tod als Strafe.“ (H. Schmid, Das erste Buch der Könige, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2000, S. 470) Nichts anderes steht auch heute hinter der Frage: Warum ich? Womit habe ich das verdient? Womit habe ich das ausgelöst? „Nicht klaglos schweigen“ weiterlesen

Ohne Ansehen der Person

1. Könige 17, 7 – 16

7 Und es geschah nach einiger Zeit, dass der Bach vertrocknete; denn es war kein Regen im Lande.

Die Regenzeit ist vorbei. Es gibt keinen Regen und so trocknet der Bach Krit aus. Kein Wasser mehr heißt auch: Kein Leben mehr in dieser Einöde.

8 Da kam das Wort des HERRN zu ihm: 9 Mach dich auf und geh nach Sarepta, das zu Sidon gehört, und bleibe dort; denn ich habe dort einer Witwe geboten, dass sie dich versorge.

Es ergeht Wegweisung an Elia durch das Wort des HERRN. Er soll ins Ausland gehen. Ins Heidenland, nach Sarepta, einem Ort, der zu Sidon gehört. „Das ist nicht nur die Heimat der Isebel, es ist vor allem das Land des Baal“ (F. Crüsemann / R. Micheel, Dunkles belichten, Ein Prophet geht seinen Weg: Elia, Texte zur Bibel 13, Neukirchen 1997, S. 23) Für Jahwe, den Gott Israels gibt es keine territoriale Eingrenzung. Er kann führen, wohin er will. Und er führt vorsorglich. Dort habe ich einer Witwe geboten, dass sie dich versorge. Eine Heidin als Anlaufstelle für den Propheten, dessen Name sagt: Mein Gott ist Jahwe.

10 Und er machte sich auf und ging nach Sarepta. Und als er an das Tor der Stadt kam, siehe, da war eine Witwe, die las Holz auf. Und er rief ihr zu und sprach: Hole mir ein wenig Wasser im Gefäß, dass ich trinke! 11 Und als sie hinging zu holen, rief er ihr nach und sprach: Bringe mir auch einen Bissen Brot mit!

Eine Witwe, seine Anlaufstelle, ist mit Holzlesen beschäftigt. „Wieder einmal geschieht, was so typisch ist: Es sind die Ärmsten oder selbst Fremde, die als Erste Armen oder Fremden helfen.“ (F. Crüsemann / R. Micheel, aaO. S. 24) Wasser erbittet Elia und dann, wie in einem Nachtrag, auch noch einen Bissen Brot.

12 Sie sprach: So wahr der HERR, dein Gott, lebt: Ich habe nichts Gebackenes, nur eine Handvoll Mehl im Topf und ein wenig Öl im Krug. Und siehe, ich habe ein Scheit Holz oder zwei aufgelesen und gehe heim und will’s mir und meinem Sohn zubereiten, dass wir essen – und sterben.

In der Antwort der Witwe wird offenkundig, an wen Elia geraten ist. An eine Frau, die nur noch den Tod vor Augen hat. Eine letzte Mahlzeit, mehr geht nicht mehr. Eine Handvoll Mehl im Topf und ein wenig Öl im Krug – das ist alles, was sie noch hat. Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel? Es ist so, die Regensperre, die Elia ausgerufen hat, hat auch vor dem Land um Sidon nicht Halt gemacht. „Die Dürre hatte nicht nur in Israel, sondern auch im angrenzenden Ausland katastrophale Folgen, Gerade im Stammesgebiet Baals wuchs nichts mehr.“ (H. Schmid, Das erste Buch der Könige, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2000, S. 467)Und es ist, wie es immer ist: Katastrophen treffen die Ärmsten zuerst und am härtesten. „Ohne Ansehen der Person“ weiterlesen

Dürre Zeiten

1. Könige 16, 29 – 17,6

29 Im achtunddreißigsten Jahr Asas, des Königs von Juda, wurde Ahab, der Sohn Omris, König über Israel und regierte über Israel zu Samaria zweiundzwanzig Jahre 30 und tat, was dem HERRN missfiel, mehr als alle, die vor ihm gewesen waren.

Es ist der formelhafte Anfang, wie ihn die Königebücher lieben. In einem knappen Satz wird der Ertrag eines Königslebens zusammengefasst. Die Zeit des Regierungsantritts wird festgelegt durch den synchronistischen Vergleich. In Zeiten, in denen es noch keinen allgemeingültigen Kalender gibt, wird so die Zeit bestimmt: Es geschah in dem Jahr, in dem…. Es folgt die Dauer der Regierungszeit – hier zweiundzwanzig Jahre – und dann die Bewertung: er tat, was dem HERRN missfiel, mehr als alle, die vor ihm gewesen waren. Er übertrifft sie alle. Wenn es nicht nur eine Formel ist, dann gilt: Er übertrifft sogar noch seinen Vater Omri, der doch schon schlimmer war als alle seine Vorgänger.

31 Es war noch das Geringste, dass er wandelte in der Sünde Jerobeams, des Sohnes Nebats; er nahm Isebel, die Tochter Etbaals, des Königs der Sidonier, zur Frau und ging hin und diente Baal und betete ihn an 32 und richtete Baal einen Altar auf im Tempel Baals, den er ihm zu Samaria baute.

Dies, was das Missfallen Gottes erregt, wird jetzt aufgeschlüsselt. Er heiratet Isebel, eine Sidonierin. Das ist ein außenpolitisch kluger Schachzug, weil es ihm die Frieden im Norden sichern könnte. Aber dann wird es wie bei Salomo. Seine Frau Isebel verleitet ihn – zum Dienst an Baal. Das geht so weit, dass er dem Baal, dem Fruchtbarkeits- und Wettergott, in Samaria ein Tempel baut und einen Altar errichtet. „Salomo hatte ein Haus für Jahwe gebaut, Ahab baute ein Haus für Baal.“ (H. Schmid, Das erste Buch der Könige, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2000, S. 455) Darin wird der Abfall überdeutlich.

33 Und Ahab machte eine Aschera, sodass Ahab mehr tat, den HERRN, den Gott Israels, zu erzürnen, als alle Könige von Israel, die vor ihm gewesen waren.

Damit nicht genug. Er richtet auch eine Aschera auf. „Das ist ein verbotener Kultgegenstand aus Holz, der in einem – nicht ganz eindeutigen Zusammenhang mit der kanaanäischen Göttin Aschera steht. Beides ist eine massive Verletzung des ersten Gebotes. In dieser Massivität ist sie neu.“ (F. Crüsemann / R. Micheel, Dunkles belichten, Ein Prophet geht seinen Weg: Elia, Texte zur Bibel 13, Neukirchen 1997, S. 14) Mehr Abfall vom Glauben der Väter, vom Gott der Väter ist kaum vorstellbar. „Dürre Zeiten“ weiterlesen

Zu sicher?

1. Könige 14, 1 – 20

1 Zu der Zeit war Abija, der Sohn Jerobeams, krank. 2 Und Jerobeam sprach zu seiner Frau: Mache dich auf und verkleide dich, damit niemand merkt, dass du Jerobeams Frau bist, und geh hin nach Silo. Siehe, dort ist der Prophet Ahija, der mir zugesagt hat, dass ich König sein sollte über dies Volk. 3 Und nimm mit dir zehn Brote, Kuchen und einen Krug mit Honig und geh zu ihm, dass er dir sage, wie es dem Knaben ergehen wird.

Es ist ein schwebender Anschluss an die vorangegangene Erzählung: Zu der Zeit. Wie viel Zeit dazwischen liegt, spielt keine Rolle. Abija, der Sohn Jerobeams, war krank. Ob es der Älteste, ein möglicher Thronfolger ist, wird nicht gesagt. Es ist die Sorge des Vaters, die ihn die Frau um Hilfe senden lässt. Zu dem Propheten, der ihm das Königtum zugesagt hatte – im Auftrag Gottes. Unerkannt soll sie bleiben, warum auch immer. Vielleicht ist es die Hoffnung Jerobeams, „dass ein durch den Propheten erteilter positiver Gottesbescheid die Heilung in Gang setzt.“ (E. Würthwein, Die Bücher der Könige, ATD, 11,1, Göttingen 1977, S. 175) Vielleicht auch will er kein Gefälligkeitswort, nur weil er der König ist?

4 Und Jerobeams Frau tat so und machte sich auf und ging hin nach Silo und kam ins Haus Ahijas. Ahija aber konnte nicht sehen, denn seine Augen standen starr vor Alter. 5 Aber der HERR sprach zu Ahija: Siehe, Jerobeams Frau kommt, um dich wegen ihres Sohnes zu befragen; denn er ist krank. So rede nun mit ihr so und so. Als sie nun hineinkam, stellte sie sich fremd. 6 Als aber Ahija das Geräusch ihrer Tritte hörte, wie sie zur Tür hereinkam, sprach er: Komm herein, du Frau Jerobeams! Warum stellst du dich so fremd? Ich bin zu dir gesandt als ein harter Bote.

Es kommt anders. Nicht, weil Jerobeams Frau sich nicht verkleidet hätte. Sie folgt der Anweisung ihres Mannes. Auch nicht, weil Ahija sie dennoch erkennt. Der ist altersbedingt blind. Aber der HERR hatte seinen Propheten vorinformiert. Vorgewarnt. Und ihn beauftragt – So rede nun mit ihr so und so. „Der Prophet ist nichts als Mund Jahwes… Wenn der Prophet groß ist, dann eben als bloßes Werkzeug Gottes.“ (E. Würthwein, aaO. S. 176)

Die Begrüßung durch Ahija macht allem Versteck-Spielen ein jähes Ende. Und zugleich ist sie unheilvoll – Ahija lässt keinen Zweifel: es sind keine guten Nachrichten, die er zu überbringen hat. Es ist seine Aufgabe, von Gott her, ein harter Bote zu sein. Es ist die Last des Propheten: er muss sagen, was ihm aufgetragen ist, auch wenn es wehtun wird. „Zu sicher?“ weiterlesen

Lüge, die in die Irre führt

1. Könige 13, 11 – 34

11 Es wohnte aber ein alter Prophet in Bethel; zu dem kamen seine Söhne und erzählten ihm alles, was der Mann Gottes getan hatte an diesem Tag in Bethel, und die Worte, die er zum König geredet hatte.

Was hier im Folgenden erzählt wird, ist eine Nebenerzählung. Sie geht dem Schicksal des Gottesmannes nach, der Jerobeam so gewarnt hat. Da gibt es einen alten Prophet in Bethel. Einen nabbij᾽. Es scheint, er hat von allen diesen Vorgängen am Heiligtum nichts mitbekommen, weil er alt ist und nicht mehr zu jedem Fest hinrennt. Seine Söhne aber erzählen ihm, was geschehen ist.

12 Und ihr Vater sprach zu ihnen: Wo ist der Weg, den er gezogen ist? Und seine Söhne zeigten ihm den Weg, den der Mann Gottes gezogen war, der von Juda gekommen war. 13 Er aber sprach zu seinen Söhnen: Sattelt mir den Esel! Und als sie ihm den Esel gesattelt hatten, ritt er auf ihm 14 und zog dem Mann Gottes nach und fand ihn unter einer Eiche sitzen und sprach zu ihm: Bist du der Mann Gottes, der von Juda gekommen ist? Er sprach: Ja.

Ist es Neugier, die bei ihm geweckt wird? Oder Betroffenheit, weil dieser Mann Gottes aus Juda gesagt hat, was er womöglich hätte sagen sollen oder sagen wollen? Jedenfalls, er eilt ihm nach und findet ihn unter einer Eiche, einer Terebinthe. Dort kommt es zur Begegnung, nachdem der Gottesmann aus Juda bestätigt hat – ja ich bin der, nach dem du fragst, den du suchst, der Mann Gottes.

15 Er sprach zu ihm: Komm mit mir heim und iss Brot! 16 Er aber sprach: Ich kann nicht mit dir umkehren und mit dir kommen; ich will auch nicht Brot essen noch Wasser trinken mit dir an diesem Ort. 17 Denn es ist zu mir geredet worden durch das Wort des HERRN: Du sollst dort weder Brot essen noch Wasser trinken; du sollst nicht den Weg zurückgehen, den du gekommen bist.

Nun lädt ihn der alte Prophet ein, mit ihm nach Bethel zurückzukehren. Sein Gast zu sein. Aber er stößt auf Ablehnung. Aus dem einen Grund: Es ist die Anweisung Gottes, der erfolgt: In Bethel keine Tischgemeinschaft. Es ist so – dieser Mann Gottes wiederholt hier nur, was er zuvor schon dem König gesagt hatte. Es geht nicht. Mit dieser Antwort wird auf subtile Weise deutlich: Es ging nicht nur um Jerobeam und sein Fehlverhalten, es ging auch um den Ort Bethel: Keine Gemeinschaft mit Bethel. Mit diesem heiligen Ort, an dem doch Gott dem Vater Jakob erschienen war.

18 Er sprach zu ihm: Ich bin auch ein Prophet wie du, und ein Engel hat zu mir geredet auf das Wort des HERRN hin: Führe ihn wieder mit dir heim, dass er Brot esse und Wasser trinke. Er belog ihn aber. 19 Und er führte ihn wieder zurück, dass er Brot aß und Wasser trank in seinem Hause.

Der Prophet aus Bethel beruft sich auf eine Anweisung Gottes durch einen Engel – mit genau der gegenteiligen Beauftragung. Er soll den aus Juda zu Gast holen und bewirten. Lapidar stellt der Text fest: Er belog ihn aber. Es gibt keinen Grund für diese Lüge. Es wird auch im Lauf der Erzählung keiner erkennbar. Es ist pure Spekulation: „Vielleicht fühlte sich der Prophet auch von Gott zurückgesetzt, weil er nicht beauftragt worden war, sondern extra jemand aus Juda kommen musste.“ (H. Schmid, Das erste Buch der Könige, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2000, S. 385)Vielleicht ist es auch anders und aus der judäischen Perspektive zu erklären: Die Rückkehr nach Bethel und das ganze folgende Unheil basiert auf einer Lüge. „Lüge, die in die Irre führt“ weiterlesen

Ein Eklat am Altar

1. Könige 12, 33 – 13,10

33 Und er opferte auf dem Altar, den er gemacht hatte in Bethel, am fünfzehnten Tage im achten Monat, den er sich in seinem Herzen ausgedacht hatte, und machte den Israeliten ein Fest und stieg auf den Altar, um zu opfern.

Es muss für die in Jerusalem wie eine Parodie wirken – Jerobeam feiert in Bethel ein Parallel-Fest zum Laubhüttenfest in Jerusalem Er hat es sich so in seinem Herzen ausgedacht. Die Verschiebung um einen Monat erklärt sich aus der späteren Erntezeit im Norden. Er nimmt das alte Königsrecht für sich in Anspruch, kultisch zu handeln, Opfer zu vollziehen. So hatte es Saul getan, so auch Salomo ja noch anlässlich der Tempelweihe gehalten: „Und der König und ganz Israel opferten vor dem HERRN Opfer. Und Salomo opferte Dankopfer, die er dem HERRN opferte, zweiundzwanzigtausend Rinder und hundertzwanzigtausend Schafe. So weihten sie das Haus des HERRN ein, der König und ganz Israel. An demselben Tage weihte der König die Mitte des Vorhofes, der vor dem Hause des HERRN war, dadurch, dass er Brandopfer, Speisopfer und das Fett der Dankopfer dort darbrachte.“ (8, 62-64) Die Tradition wird also vom König in Bethel reichlich in Anspruch genommen. „Ein Eklat am Altar“ weiterlesen

Religion als Machtinstrument

1. Könige 12, 20 – 32

20 Als nun ganz Israel hörte, dass Jerobeam zurückgekommen war, sandten sie hin und ließen ihn rufen zu der Gemeinde und machten ihn zum König über ganz Israel; niemand folgte dem Hause David als der Stamm Juda allein.

Es ist ein bisschen umständlich, vielleicht dem Zusammenwachsen verschiedener Textblöcke geschuldet. Als nun ganz Israel hörte, dass Jerobeam zurückgekommen war Vielleicht ist es auch nur eine überflüssige Wiederholung. Es hat sich herumgesprochen – und so wird Jerobeam in den Norden gerufen und dort zum König über ganz Israel gemacht. Wichtig ist dem Text: damit steht das Haus David bzw. der Stamm Juda allein.

21 Und als Rehabeam nach Jerusalem kam, sammelte er das ganze Haus Juda und den Stamm Benjamin, hundertachtzigtausend streitbare Männer, um gegen das Haus Israel zu kämpfen und das Königtum an Rehabeam, den Sohn Salomos, zurückzubringen.

Rehabeam, in Jerusalem in Sicherheit, sammelt Truppen – aus dem Haus Juda und dem Stamm Benjamin. Mit hundertachtzigtausend streitbaren Männern eine unglaublich große Streitmacht. Sie „scheint vielen Auslegern unrealistisch hoch.“ (H. Schmid, Das erste Buch der Könige, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2000, S. 363) Es wird wohl so sein, dass Rehabeam alles zum Kampf ruft, was nur irgendwie waffenfähig ist.

22 Es kam aber Gottes Wort zu Schemaja, dem Mann Gottes: 23 Sage Rehabeam, dem Sohn Salomos, dem König von Juda, und dem ganzen Hause Juda und Benjamin und dem übrigen Volk und sprich: 24 So spricht der HERR: Ihr sollt nicht hinaufziehen und gegen eure Brüder, die Israeliten, kämpfen. Jedermann gehe wieder heim, denn das alles ist von mir geschehen.

Das Geschehen wird aufgehalten. Unterbrochen durch ein Gottes Wort, das an Schemaja gerichtet wird. Einen Gottesmann. Einen Propheten, einen Seher. „Der Titel „Mann Gottes bringt eine besondere Beziehung des so Bezeichneten zu Gott zum Ausdruck.“ (H. Schmid, ebda.) Mose, Samuel, David, auch viele namentlich unbekannte Propheten sind so bezeichnet worden. Er stellt sich im Auftrag Gottes dem geplanten Heerzug, dem Bruderkrieg in den Weg. Mit der einen Begründung: was da geschehen ist, sagt Gott, das alles ist von mir geschehen. Damit würde ein Kriegszug gegen die Nordstämme zum Kriegszug gegen den Willen Gottes! „Religion als Machtinstrument“ weiterlesen

Kurzsichtige Brutalität

1. Könige 12, 1 – 19

1 Und Rehabeam zog nach Sichem, denn ganz Israel war nach Sichem gekommen, um ihn zum König zu machen.

Es genügt nicht, dass Rehabeam in Jerusalem als König installiert ist. Wenn er für ganz Israel König sein will, muss er sich darum mühen, dass ihn alle Stämme als König anerkennen. Darum der Weg nach Sichem, „das als Zentrum der Stämme Schauplatz wichtiger Entscheidungen war.“ (E. Würthwein, Die Bücher der Könige, ATD, 11,1, Göttingen 1977, S. 153) In Sichem hatte Josua dem Volk Fluch und Segen vorgelegt: „Josua versammelte alle Stämme Israels nach Sichem und berief die Ältesten von Israel, seine Obersten, Richter und Amtleute.“ (Josua 24,1)

2 Und Jerobeam, der Sohn Nebats, hörte das, als er noch in Ägypten war, wohin er vor dem König Salomo geflohen war, und kehrte aus Ägypten zurück. 3 Und sie sandten hin und ließen ihn rufen. Und Jerobeam und die ganze Gemeinde Israel kamen und redeten mit Rehabeam und sprachen: 4 Dein Vater hat unser Joch zu hart gemacht. Mache du nun den harten Dienst und das schwere Joch leichter, das er uns aufgelegt hat, so wollen wir dir untertan sein.

Jetzt betritt mit Jerobeam ein neuer Mann die Bühne. Nach seiner Rückkehr aus Ägypten wird er gerufen – aber von wem? Und mit welcher Absicht? Es scheint so, dass er der Sprecher der versammelten ganzen Gemeinde Israel wird. Oder ist er nur einer in einer Delegation, die die Anliegen der Gemeinde- qahal – vorbringt? Es ist ein klares Statement an den potentiellen König: Wir werden dich nur dann akzeptieren, wenn es nicht so weitergeht wie unter deinem Vater Salomo. Unser Joch war zu hart. So kann es nicht weitergehen. So fällt im Nachhinein noch tiefer Schatten auf den Glanz Salomos. Es war eine Zeit unter dem Joch, unter Zwang. Immerhin – sie hoffen bei dem Sohn auf Milde, auf bessere Zeiten.

5 Er aber sprach zu ihnen: Geht hin bis zum dritten Tag, dann kommt wieder zu mir. Und das Volk ging hin. 6 Und der König Rehabeam hielt einen Rat mit den Ältesten, die vor seinem Vater Salomo gestanden hatten, als er noch lebte, und sprach: Wie ratet ihr, dass wir diesem Volk Antwort geben? 7 Sie sprachen zu ihm: Wirst du heute diesem Volk einen Dienst tun und ihnen zu Willen sein und sie erhören und ihnen gute Worte geben, so werden sie dir untertan sein dein Leben lang.

Rehabeam hört – und spielt auf Zeit. Er sucht zunächst einen Rat bei bewährten Leuten, Ältesten, die schon im Dienst Salomos gestanden hatten. „Diese Alten hatten die Entwicklung unter Salomo persönlich miterlebt. Sie dürften über den wachsenden Unmut in der Bevölkerung, vor allem des Nordens, informiert gewesen sein.“ (H. Schmid, Das erste Buch der Könige, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2000, S. 354) Darum raten sie zu moderatem Verhalten. Zu Erleichterungen und zu Entgegenkommen. Entgegenkommen, so ihre Überzeugung, wird sich für Rehabeam auszahlen – er wird das Volk für sich gewinnen. Ein Leben lang. Es würde sich lohnen. Sie raten so, weil sie wissen: Rehabeams Verhalten wird das Verhalten des Volkes bestimmen. „Kurzsichtige Brutalität“ weiterlesen

Prophetische Zeichen

1. Könige 11, 26 – 43

26 Auch Jerobeam, der Sohn Nebats, ein Ephraimiter von Zereda, Salomos Vogt – seine Mutter hieß Zerua, eine Witwe –, hob die Hand auf gegen den König.

Als wären zwei Widersacher für Salomo noch nicht genug, tritt neben diesen beiden Nicht-Israeliten auch Jerobeam, ein Ephraimiter. Einer aus einem der nördlichen Stämme, aus dem Volk, der sich gegen Salomo stellt. Der ihn anzugreifen bereit wird.

27 Und so ging es zu, als er die Hand gegen den König aufhob: Salomo baute den Millo und schloss damit die Lücke in der Stadt Davids, seines Vaters. 28 Und Jerobeam war ein tüchtiger Mann. Und als Salomo sah, dass der Jüngling viel schaffte, setzte er ihn über alle Fronarbeit des Hauses Josef.

Warum dieser Mann Jerobeam dazu kommt, die Loyalität gegen Salomo zu verlassen, wird einigermaßen umständlich erzählt. Zunächst ist er einer, der von Salomo gefördert wurde. Er war ein tüchtiger Mann, „ein gibbor hăjil, ein wehrfähiger und voll berechtigter Grundbesitzer.“ (E. Würthwein, aaO. S. 142) Entsprechend selbstbewusst wohl auch. Aber er konnte auch zupacken, so hat er Karriere gemacht, durch die Gunst Salomos. Aufseher über alle Fronarbeit des Hauses Josef. Er ist der Organisator eines Tragedienstes aus den Stämmen Ephraim und Manasse, die das Haus Josefs bilden, durch den Baumaterialen herbeigeschafft wurden. Darauf weist das hebräische Wort sebæl hin, das „Last“ heißt. Damit ist Jerobeam vorgestellt, aber noch nichts über seine Motivation zum Aufstand gesagt.

29 Es begab sich aber zu der Zeit, dass Jerobeam aus Jerusalem hinausging, und es traf ihn der Prophet Ahija von Silo auf dem Wege und hatte einen neuen Mantel an, und die beiden waren allein auf dem Felde. 30 Und Ahija fasste den neuen Mantel, den er anhatte, und riss ihn in zwölf Stücke 31 und sprach zu Jerobeam: Nimm zehn Stücke zu dir! Denn so spricht der HERR, der Gott Israels: Siehe, ich will das Königtum aus der Hand Salomos reißen und dir zehn Stämme geben – 32 einen Stamm soll er haben um meines Knechts David willen und um der Stadt Jerusalem willen, die ich erwählt habe aus allen Stämmen Israels –, 33 weil er mich verlassen hat und angebetet die Astarte, die Göttin der Sidonier, Kemosch, den Gott der Moabiter, und Milkom, den Gott der Ammoniter, und nicht in meinen Wegen gewandelt ist und nicht getan hat, was mir wohlgefällt, meine Gebote und Rechte, wie sein Vater David.

Das geschieht jetzt. Es ist eine regelrechte Berufung, die hier erzählt wird. Auf einem Weg, der nicht weiter erläutert wird. Es kommt zu einer prophetischen Zeichenhandlung durch den Prophet Ahija von Silo. Kein Wort über ein Warum – dieser Prophet ergreift Jerobeam, zerreißt seinen eigenen neuen Mantel und gibt zehn Stücke, Stoff-Fetzen an Jerobeam. Immerhin – dieser Prophet kennzeichnet sein Handeln durch den Spruch des HERRN. Es ist Gott, der verfügt, was geschehen wird – zehn Stämme werden sich von Salomo abwenden, nur einer wird bleiben. Es ist nicht nur eine politische Aktion, die hier angesagt wird. Es ist ein Urteil Gottes. Die spätere Reichsteilung wird in dieser prophetischen Zeichenhandlung angekündigt. Oder müssten man sogar sagen: Sie wird durch sie ausgelöst? „Prophetische Zeichen“ weiterlesen