Gott ist gegenwärtig

  1. Mose 40, 34 – 38

 34 Da bedeckte die Wolke die Stiftshütte, und die Herrlichkeit des HERRN erfüllte die Wohnung.

             Als die Arbeit getan ist – „Mose macht alle Arbeit fertig“ (40,33) – da übernimmt Gott.  Er nimmt dieses Zelt der Begegnung an – als Ort, an dem er sich finden lässt. In dem er Wohnung nimmt. In seiner Herrlichkeit.  Das wirkt wie die Erinnerung: wir können bauen, was wir wollen. Erst wenn Gott sich dort finden lässt, ist es ein Ort der Gottesgegenwart. Vorher ein Haus, eine Hütte, ein Zelt wie jedes andere. Sakralbauten werden erst heilig, wenn sich Gott darin finden lässt. Er macht sie heilig. Keine Weihe durch uns kann das und sei sie noch so feierlich und zeremoniell ausgefeilt und beeindruckend.   „Gott ist gegenwärtig“ weiterlesen

Gottesorte

  1. Mose 40, 1 – 17

 1 Und der HERR redete mit Mose und sprach: 2 Du sollst die Wohnung der Stiftshütte aufrichten am ersten Tage des ersten Monats. 3 Und du sollst die Lade mit dem Gesetz hineinstellen und vor die Lade den Vorhang hängen; 4 und du sollst den Tisch hineinbringen und die Schaubrote auflegen und den Leuchter hineinstellen und die Lampen darauf setzen; 5 und du sollst den goldenen Räucheraltar vor die Lade mit dem Gesetz stellen und die Decke in der Tür der Wohnung aufhängen.

             Nichts ist nebensächlich. Schon gar nicht, wie das Zelt der Begegnung  – hier im Text: die Stiftshütte – aufgestellt und geordnet wird. Fast kleinlich wirken auf den heutigen Leser diese Anweisungen. Aber darin wird sichtbar: hier geht es nicht um Geschmacksfragen, die man so oder auch anders ordnen kann. Es geht um den Ort, an dem Gott den Menschen trifft. Und da geht es eben nach den „Spielregeln“ Gottes und nicht nach menschlichem Empfinden und Fühlen.

            Der Zeitpunkt der Errichtung wird festgelegt: der erste Tag des ersten Monats. Es geht also um den Beginn eines neuen Jahres. So wie einer, eine in dieses Jahr hineingeht, sorgsam, achtsam auf die Weisungen Gottes, so wird er oder sie wohl auch durch das Jahr gehen und es zu Ende bringen.

            Die Inneneinrichtung ist ganz Moses Aufgabe. „Mose soll die letzte Hand anlegen.“ (Hj. Bräumer, Das zweite Buch Mose, 2. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1999, S.384) Er soll dafür sorgen, dass im Zentrum des Zeltes in der Mitte ist, was Israel prägt und trägt: die Lade mit dem Gesetz. „Gottesorte“ weiterlesen

Das leuchtende Angesicht

  1. Mose 34, 18 – 35

 18 Das Fest der Ungesäuerten Brote sollst du halten. Sieben Tage sollst du ungesäuertes Brot essen, wie ich dir geboten habe, zur Zeit des Monats Abib; denn im Monat Abib bist du aus Ägypten gezogen. 19 Alle Erstgeburt ist mein, alle männliche Erstgeburt von deinem Vieh, es sei Stier oder Schaf. 20 Aber den Erstling des Esels sollst du mit einem Schaf auslösen. Wenn du ihn aber nicht auslöst, so brich ihm das Genick. Alle Erstgeburt unter deinen Söhnen sollst du auslösen. Und dass niemand vor mir mit leeren Händen erscheine! 21 Sechs Tage sollst du arbeiten; am siebenten Tage sollst du ruhen, auch in der Zeit des Pflügens und des Erntens. 22 Das Wochenfest sollst du halten mit den Erstlingen der Weizenernte und das Fest der Lese, wenn das Jahr um ist.

             Es sind Anweisungen für Feste, die nicht zu dem Volk in der Wüste passen. Wohl aber zu dem Land, in das der HERR Israel führen wird. Das gilt sowohl für das Fest der ungesäuerten Brote wie auch für das Wochenfest.

             Alle Erstgeburt ist mein. Auch die Regelungen zur Auslösung der Erstgeburt weisen auf die Zeit im Land. Sie sind zugleich eine Erinnerung: Alles Leben gehört dem Schöpfer, aus dem es kommt. Es ist nicht so, dass Gott diese Auslösung „braucht“, nötig hat für sein Selbstbewusstsein. Sondern wir Menschen haben die Erinnerung nötig, dass das Leben nicht in unserer Verfügungswalt ist, sondern unter dem Eigentumsvorbehalt Gottes. Das stellt diese „Auslösung“ der Erstgeburt inhaltlich der Taufen nahe. Auch sie sagt ja: dieses Leben gehört dem ewigen Gott.

 23 Dreimal im Jahr soll alles, was männlich ist, erscheinen vor dem Herrscher, dem HERRN, dem Gott Israels.

             Es sind wichtige Feste, die mit der dreimaligen Wallfahrt verbunden werden. Die Erinnerung an den Auszug, die Einprägung der Sabbatruhe, die Erntefeste – alles ist geeignet, um in Israel eine Religionskultur zu verankern, die die Verehrung des HERRN zur Mitte hat. Der besondere Hinweis, dass die Sabbatruhe auch in der Zeit des Pflügens und des Erntens  einzuhalten ist, unterstreicht die Bedeutung des Sabbats. Aber auch, dass „dem Einzelnen aus der Ausübung seiner religiösen Pflichten kein Nachteil entsteht“ (I. Willi-Plein, Das Buch vom Auszug, Kleine Biblische Bibliothek, Neukirchen 1988, S.230) Israel hat es ja beim Sammeln des Manna in der Wüste erfahren: Am Sabbat sorgt der HERR dafür, dass das vorher Gesammelte reicht.

             Die dreimalige Wallfahrt setzt im Grunde ein gemeinsames, von allen anerkanntes  Heiligtum voraus. Das wird in Israel erst zur Zeit Salomos mit dem Bau des Tempels in Jerusalem verwirklicht sein.  „Das leuchtende Angesicht“ weiterlesen

Komm in unsre Mitte

  1. Mose 34, 1 – 17

 1 Und der HERR sprach zu Mose: Haue dir zwei steinerne Tafeln zu, wie die ersten waren, dass ich die Worte darauf schreibe, die auf den ersten Tafeln standen, welche du zerbrochen hast. 2 Und sei morgen bereit, dass du früh auf den Berg Sinai steigst und dort zu mir trittst auf dem Gipfel des Berges. 3 Und lass niemand mit dir hinaufsteigen; es soll auch niemand gesehen werden auf dem ganzen Berge. Auch kein Schaf und Rind lass weiden gegen diesen Berg hin. 4 Und Mose hieb zwei steinerne Tafeln zu, wie die ersten waren, und stand am Morgen früh auf und stieg auf den Berg Sinai, wie ihm der HERR geboten hatte, und nahm die zwei steinernen Tafeln in seine Hand.

             Das Gespräch setzt sich fort. Gott erteilt Mose Anweisungen. Er soll Ersatz beschaffen für die ersten zwei Tafeln, die er im Zorn zerbrochen hat. Die soll er vorbereiten, so dass Gott die Worte darauf schreibe, die auf den ersten Tafeln standen. So wird sichtbar: Das Zerbrechen der Tafeln hat nicht den Bund zerbrochen.

            Wo hält sich Mose bei all diesen Worten auf? Auf diese Frage kann man kommen, weil alle Ortsangaben nur ins Ungefähre weisen. Er könnte im Lager sein, aber auch im Zelt der Begegnung und auch auf halber Höhe des Berges, weil er am Morgen früh auf den Sinai steigt. Es scheint, den Erzählern liegt wenig an genauen Ortsangaben, wie wir sie gerne hätten.

            Woran ihm aber liegt, ist dass er „das Tabu des heiligen Berges streng gewahrt wissen will.“ (M. Noth, Das zweite Buch Mose, ATD 5, Göttingen 1968, S.215) Es bleibt dabei, dass es das Privileg des Mose ist, sich Gott auf dem Berg zu nahen. Niemand sonst soll sich auf dem Berg sehen lassen. So wird noch einmal die Sonderstellung des Mose unterstrichen.

 5 Da kam der HERR hernieder in einer Wolke, und Mose trat daselbst zu ihm und rief den Namen des HERRN an. 6 Und der HERR ging vor seinem Angesicht vorüber, und er rief aus: HERR, HERR, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue, 7 der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertretung und Sünde, aber ungestraft lässt er niemand, sondern sucht die Missetat der Väter heim an Kindern und Kindeskindern bis ins dritte und vierte Glied!

              Der HERR kommt, verhüllt in einer Wolke, „Die Wolke ist für Mose das Zeichen: Gott ist da!“(Hj. Bräumer, Das zweite Buch Mose, 2. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1999, S.348)Mose tritt zu ihm – wie soll man das verstehen? – und ruft ihn an. Ruft den Namen an, den er gelernt hat. Am Dornbusch. Auf dem Weg durch die Wüste, am Schilfmeer,

                Gott setzt einen neuen Anfang. In seinen Zorn, in die Anklagen, in die Verzweiflung und den Schmerz hinein über diesen Treuebruch seines Volkes hört Mose: „Barmherzig und gnädig, geduldig und von großer Treue ist Gott.“

       Das wagte Mose sich und dem Volk nicht mehr zu sagen. Darauf wagte Mose nicht mehr zu setzen. Viel zu klar stand es ihm vor Augen: Wir haben alles vertan. Alles spricht gegen uns. Wir sind halsstarrige, treulose Leute, nicht in der Lage, auch nur einigermaßen dem zu entsprechen, wie Gott ist und was er will. „Komm in unsre Mitte“ weiterlesen

Gnadenfrist

  1. Mose 32, 15 – 35

15 Mose wandte sich und stieg vom Berge und hatte die zwei Tafeln des Gesetzes in seiner Hand; die waren beschrieben auf beiden Seiten. 16 Und Gott hatte sie selbst gemacht und selber die Schrift eingegraben.

             Mose geht, wie er geheißen worden ist. Aber er geht nicht mit leeren Händen. Er trägt die zwei Tafeln des Gesetzes, von Gott selbst geschrieben. Das hält für Israel bleibend fest: Die Gebote des Dekalog sind nicht einfach Recht, das Menschen setzten und damit auch verändern können, je nachdem, wie der Volkswille es meint. Sondern sie haben in „Wortlaut und Inhalt ihren Ursprung in Gott.“(Hj. Bräumer, Das zweite Buch Mose, 2. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1999, S.328) Aber: Kein Israelit war wohl jemals so naiv, sich Gott auf dem Berg mit einer Art Schreibkeil in der Hand vorzustellen.

 17 Als nun Josua das Geschrei des Volks hörte, sprach er zu Mose: Es ist ein Kriegsgeschrei im Lager. 18 Er antwortete: Es ist kein Geschrei wie bei einem Sieg und es ist kein Geschrei wie bei einer Niederlage, ich höre Geschrei wie beim Tanz. 19 Als Mose aber nahe zum Lager kam und das Kalb und das Tanzen sah, entbrannte sein Zorn und er warf die Tafeln aus der Hand und zerbrach sie unten am Berge 20 und nahm das Kalb, das sie gemacht hatten, und ließ es im Feuer zerschmelzen und zermalmte es zu Pulver und streute es aufs Wasser und gab’s den Israeliten zu trinken.

             Josua und Mose hören das Lärmen im Lager. Josua interpretiert: Kriegsgeschrei. Mose aber weiß es besser oder hört anders. Er hört den Tanz, das Lustgeschrei. Weil er ja auch durch Gott schon „vorgewarnt“ ist.

            Als er sehend sein Hören bestätigt sieht, den Tanz um das Goldene Kalb sieht, die entartete Anbetung, packt ihn der Zorn. Er zerbricht, was er in den Händen trägt, die Tafeln der Gebote. Er wirft sie weg – aber nicht, weil Gott sie weggeworfen hätte. „Gottes Wort, bleibt einmal gesprochen, gültig, weil es Schöpferwort ist.“ (I. Willi-Plein, Das Buch vom Auszug, Kleine Biblische Bibliothek, Neukirchen 1988, S.215) Es ist das Volk, das in seinem Tun die Worte Gottes als seine Wegweisung verworfen hat. Sein Zerbrechen der Tafeln ist „das Zeichen, das im wahrsten Sinn des Wortes „schlagartig“ den Israeliten vor Augen führen soll, dass sie ihrerseits die Bundesverpflichtung verworfen und gebrochen haben.“ (I. Willi-Plein, ebda.)

            Aber auch das Stierbild wird zerstört. Regelrecht vernichtet, indem es zerschmolzen und zermalmt wird – und dann müssen es die Israeliten trinken. Sie müssen ihre „Hoffnung“ zu sich nehmen, sich an ihr „verschlucken“. Es wird ihnen bitter aufstoßen.

  21 Und er sprach zu Aaron: Was hat dir das Volk getan, dass du eine so große Sünde über sie gebracht hast? 22 Aaron sprach: Mein Herr lasse seinen Zorn nicht entbrennen. Du weißt, dass dies Volk böse ist. 23 Sie sprachen zu mir: Mache uns einen Gott, der vor uns hergehe; denn wir wissen nicht, was mit diesem Mann Mose geschehen ist, der uns aus Ägyptenland geführt hat. 24 Ich sprach zu ihnen: Wer Gold hat, der reiße es ab und gebe es mir. Und ich warf es ins Feuer; daraus ist das Kalb geworden.

            Erst nach diesen Aktionen stellt Mose Aaron zur Rede. Indem er ihn so befragt, wie er ihn befragt, wird sichtbar: Für Mose ist Aaron nicht nur der überforderte Erfüllungsgehilfe, der den Wünschen des Volkes nachgegeben hat. Er ist Täter. Er hat diese Sünde über sie gebracht. Er hätte sich weigern müssen, ihnen ihren Willen zu tun. Es ist die Verantwortung der Führenden im Staat, „Schaden vom Volk abzuwenden“ – so der Eid des Kanzlers, der Kanzlerin der Bundesrepublik. Es ist auch die Verantwortung der Führenden in der Kirche, der Hirten, das ihnen anvertraute Volk vor Irrwegen zu bewahren. Wehe den Hirten, die sich dieser Verantwortung zu entledigen suchen. Wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern.“ (Lukas 12,48)   „Gnadenfrist“ weiterlesen

Fürbitte – Gott in den Arm fallen

  1. Mose 32, 1 – 14

 1 Als aber das Volk sah, dass Mose ausblieb und nicht wieder von dem Berge zurückkam, sammelte es sich gegen Aaron und sprach zu ihm: Auf, mach uns einen Gott, der vor uns hergehe! Denn wir wissen nicht, was diesem Mann Mose widerfahren ist, der uns aus Ägyptenland geführt hat.

             Der Mann Mose lässt auf sich warten. Vierzig Tage und vierzig Nächte (24,18) ist er verschwunden. Länger als es das Volk gut aushält. So wollen sie Ersatz für den Mann. Ihre Aufforderung an Aaron: mach uns einen Gott, wirft ein Licht auf die Bedeutung, die Mose für sie hat. Er ist ihnen nicht nur Sprachrohr Gottes, er steht für sie an der Stelle Gottes. Weil der Führer aus Ägypten vermisst wird, braucht es Ersatz. Im wahrsten Sinn des Wortes: Augenblicklich. Weil Mose ihnen aus den Augen gekommen ist und Gott ja ohnehin unanschaulich und verhüllt ist.

           Aber auch das mag mitschwingen: Mose war nie so wirklich einer wie die anderen. Und jetzt ist er so lange schon weg. „Man weiß nicht, was aus ihm geworden ist, ein hergelaufener Mensch ist er, dessen Spuren der Wind verweht. Gott braucht den Menschen für sein Werk, aber Menschen möchten lieber Idole, an die sie sich halten können.“ (I. Willi-Plein, Das Buch vom Auszug, Kleine Biblische Bibliothek, Neukirchen 1988, S.213 )  

  2 Aaron sprach zu ihnen: Reißt ab die goldenen Ohrringe an den Ohren eurer Frauen, eurer Söhne und eurer Töchter und bringt sie zu mir. 3 Da riss alles Volk sich die goldenen Ohrringe von den Ohren und brachte sie zu Aaron. 4 Und er nahm sie von ihren Händen und bildete das Gold in einer Form und machte ein gegossenes Kalb. Und sie sprachen: Das ist dein Gott, Israel, der dich aus Ägyptenland geführt hat!

             Das ist dein Gott – im Hebräischen steht das Pluralwort ælohîm, Götter, auch wenn Luther wohl zu Recht im Singular mit Gott übersetzt. Götter fordern Opfer So ist es auch hier. Die Israeliten lassen es sich etwas kosten: Das Edelmetall Gold wird eingesammelt, eingeschmolzen und umgestaltet – zum gegossenen Kalb. ʽegæl wird es genannt, entweder als Jungstierbild oder im verächtlichen Ton: nur ein Kalb.“ (O.-A.Scriba, Aufbruch in Gottes Zukunft, Zur 32. Bibelwoche 1969/70, Berlin 1969, S.74) Dazu  ringt sich Aaron durch. Oder ist es doch so, dass er den Ansturm des Volkes sieht und ihm sofort willfährig entspricht?

            Es bleibt nicht bei der Statue – es kommt zu einem regelrechten Ausruf der Verehrung: Das ist dein Gott, Israel, der dich aus Ägyptenland geführt hat! Es ist ein hartes Urteil, aber zugleich eine bestürzende Wahrheit: „Der Moseersatz wurde zum Gottesersatz.“(R. Gradwohl. Bibelauslegung aus jüdischen Quellen, Bd. 4; Stuttgart, 1989, S.89)  Und indem sie so ausrufen, überschreiten die Israeliten eine Grenze, die ihnen gesetzt worden ist: Sie haben „einen Gott neben dem einen Gott.“(20,3)  „Fürbitte – Gott in den Arm fallen“ weiterlesen

Himmlisches Modell, irdische Ausführung

  1. Mose 25, 1 – 22

 1 Und der HERR redete mit Mose und sprach: 2 Sage den Israeliten, dass sie für mich eine Opfergabe erheben von jedem, der es freiwillig gibt. 3 Das ist aber die Opfergabe, die ihr von ihnen erheben sollt: Gold, Silber, Kupfer, 4 blauer und roter Purpur, Scharlach, feine Leinwand, Ziegenhaar, 5 rot gefärbte Widderfelle, Dachsfelle, Akazienholz, 6 Öl für die Lampen, Spezerei zum Salböl und zu wohlriechendem Räucherwerk, 7 Onyxsteine und eingefasste Steine zum Priesterschurz und zur Brusttasche.

             Dort, im Dunkel der Wolke auf dem Berg, redet der HERR  mit Mose. Aber nicht über Zukunftspläne, Gesetze, Regeln. Sondern über eine Opfergabe. Eine Abgabe – hebräisch terȗmāh. Nicht Abfall, sondern Hochgehobenes, wenn man so will: Hochwertiges. Freiwillig soll sie sein. Von Herzen kommend.  Keine Zwangssteuer. Das verträgt sich nicht mit dem Bund, den Gott mit Israel geschlossen hat.

        Was dann aufgezählt wird, sind hochwertige Kulturgüter. Edle Metalle und edle Stoffe. Die Schreiber der Texte „haben sich offensichtlich keine Gedanken darüber gemacht, woher die Israeliten am Sinai alle diese Kostbarkeiten haben sollten, die, wie schon ihre teilweise sicheren ausländischen Benennungen zeigen, ausgesprochene Kulturlandgüter waren.“ (M. Noth, Das zweite Buch Mose, ATD 5, Göttingen 1968, S.164) Das legt einmal mehr den Gedanken nahe: hier werden spätere Sichtweisen in die Anfangszeit zurück transportiert: Da, vom Sinai, kommt alles her.

 8 Und sie sollen mir ein Heiligtum machen, dass ich unter ihnen wohne. 9 Genau nach dem Bild, das ich dir von der Wohnung und ihrem ganzen Gerät zeige, sollt ihr’s machen.

         Wichtiger als das Material ist allerdings, was damit gemacht wird, was daraus werden soll. Ein Heiligtum, hebräisch: miqdāš, geweihtes Land, eine Wohnung Gottes. Es lohnt sich genau zu lesen. Das Heiligtum ist nicht gedacht als der „Wohnort“ Gottes. Wohnen will er unter ihnen. Das Heiligtum ist – so lese ich – nur die Erinnerung daran, dass Gott unter ihnen wohnen will. Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, braucht doch keine Wohnung. „Die, die dieses Heiligtum brauchen, sind die Israeliten. Wenn sie das Heiligtum sehen, werden sie gewiss: Gott will unter und bei ihnen wohnen.“ (Hj. Bräumer, Das zweite Buch Mose, 2. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1999, S.239)

          Das hat, ernst genommen, Folgen bis zu uns heute. Wir reden gern von der Kirche als dem Gotteshaus – und beschränken dann auch die Gegenwart Gottes im eigenen Leben auf die Zeit, in der wir im Gotteshaus sind – sonntags von 10 – 11, wenn es denn gut geht. Aber auch die Kirchen bei uns haben eine andere Funktion; Sie sollen und wollen daran erinnern, dass Gott unter uns wohnt, in den Herzen, in den Häusern, in unserem Alltag. Gegenwärtig ist in unseren Entscheidungen, unseren Plänen, auch unserem Scheitern. „Himmlisches Modell, irdische Ausführung“ weiterlesen

Angesichts Gottes

  1. Mose 24, 1 – 18

 Diesem Abschnitt geht das „Bundesbuch“ voraus, eine „Sammlung von Rechtssätzen verschiedener Form und verschiedenen Inhalts.“ (M. Noth, Das zweite Buch Mose, ATD 5, Göttingen 1968, S.139)Es ist wie eine Wanderung durch die Lebensumstände Israels. Altargesetz, Sklavengesetze, Körperverletzungen,  Eigentumsdelikte, Festkalender todeswürdige Verbrechen, – alles wird aufgelistet und behandelt. Es ist eine alte Sammlung, aber es will nicht so recht gelingen, ihre Entstehungszeit fest zu legen. In der fortlaufende Bibellese wird das Bundesbuch ausgelassen und einmal mehr weiß ich nicht so recht, warum.

 1 Und zu Mose sprach er: Steig herauf zum HERRN, du und Aaron, Nadab und Abihu und siebzig von den Ältesten Israels, und betet an von ferne. 2 Aber Mose allein nahe sich zum HERRN und lasse jene sich nicht nahen und das Volk komme auch nicht mit ihm herauf.

             Diese Sätze knüpfen fast übergangslos an den Schluss von Kapitel 20 an Nicht nur Mose soll heraufsteigen auf den Berg, sondern mit ihm Aaron, Nadab und Abihu und siebzig von den Ältesten Israels.  Sie sollen anbeten von ferne. Daran bleibe ich hängen: von ferne. Weil es viel später, rund um die Kreuzigung Jesu wieder und wieder auch so heißen wird: „Petrus aber folgte von ferne.“( Lukas 22,54) Und: „Es waren viele Frauen da, die von ferne zusahen; die waren Jesus aus Galiläa nachgefolgt und hatten ihm gedient.“(Matthäus 27,55) Es gibt nicht nur die Nähe zu Gott, es gibt auch ein „von ferne“, das  allein angemessen sein kann.

            Es ist nicht der Mensch, der entscheidet, wie nahe er Gott kommen möchte. Es ist der HERR, der entscheidet. Hier: dass Mose allein sich nahen darf.

3 Mose kam und sagte dem Volk alle Worte des HERRN und alle Rechtsordnungen. Da antwortete alles Volk wie aus einem Munde: Alle Worte, die der HERR gesagt hat, wollen wir tun.

            Wieder wird Mose zum Boten der Gottesworte. Er ist ein treuer Informant. Er sagt, gibt weiter, was er empfangen hat. Alle Worte des HERRN und alle Rechtsordnungen. Hier entsteht unauffällig das Grundmuster der Weitergabe des Glaubens: Empfangen und Weitersagen. Diese Weitergabe findet Antwort, wie aus einem Munde. Das Volk verpflichtet sich selbst auf das, was es von Mose als Wort des HERRN gehört hat. Wir wollen es tun. Auch das ist  grundlegend, bis zu uns heute: Glauben ist das Gehörte tun. „Seid aber Täter des Worts und nicht Hörer allein.“(Jakobus 1,22)

4 Da schrieb Mose alle Worte des HERRN nieder und machte sich früh am Morgen auf und baute einen Altar unten am Berge und zwölf Steinmale nach den zwölf Stämmen Israels 5 und sandte junge Männer von den Israeliten hin, dass sie darauf dem HERRN Brandopfer opferten und Dankopfer von jungen Stieren. 6 Und Mose nahm die Hälfte des Blutes und goss es in die Becken, die andere Hälfte aber sprengte er an den Altar. 7 Und er nahm das Buch des Bundes und las es vor den Ohren des Volks. Und sie sprachen: Alles, was der HERR gesagt hat, wollen wir tun und darauf hören. 8 Da nahm Mose das Blut und besprengte das Volk damit und sprach: Seht, das ist das Blut des Bundes, geschlossen hat den der HERR mit euch aufgrund aller dieser Worte.

            Die Worte des Volkes, seine Zustimmung wird weitergeführt: Die Worte werden festgehalten, aufgeschrieben. Alles wird feierlich festgemacht in einer Feier vor Gott. Ein Altar wird gebaut, mit zwölf Steinmalen für die zwölf Stämme Israels. „Nach jüdischer Auslegung symbolisieren die zwölf Steine nicht nur die damals lebenden Israeliten, sondern auch alle Zukünftigen. Mose baute die Steine dem unsterblichen Israel der Zukunft.“ (Hj. Bräumer, Das zweite Buch Mose, 2. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1999, S.228) Brandopfer und Dankopfer werden dargebracht.  „Angesichts Gottes“ weiterlesen

Das Gebot

  1. Mose 20, 1 – 21

1 Und Gott redete alle diese Worte:

             Dieser Satz ist ein irgendwie schwebender, zeit- und ortloser Auftakt. Nach dem ganzen Hin und Her, das Mose auf dem Berg hinter sich bringen musste, würde man gerne der Ort dieses Redens Gottes wissen. Aber er wird nicht mitgeteilt. Wichtig ist nur: Was jetzt folgt, ist alles Gottes Rede. Alle diese Worte sind Gottes Worte.

 2 Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.

             Das ist der Schlüsselsatz zu allem, was wir die Zehn Gebote nennen. Keine Aufforderung, sondern eine Selbsterschließung. Gott sagt, wer er ist. Das muss das Volk wissen, um alles, was danach folgt, richtig hören zu können. Im Gebot hat Israel es mit einem anspruchsvollen Gott zu tun. Aber alle seine Ansprüche ruhen auf dem, was er zuvor getan hat,  der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. Es ist seine Tat, dass Israel jetzt an diesen Berg ist, dass es frei ist, dass er es in seinen Bund rufen kann.

           Die Tat Gottes hat immer Vorrang und Vortritt vor der Forderung Gottes. Juden und Christen glauben an einen Gott, der nicht einfach nur Ansprüche macht, sondern dessen Anspruch berechtigt ist, weil alle seine Aufforderungen ein Ruf in das geschenkte Leben sind. Wegweisung, hinter der Gottes Wohltat steht.  

  3 Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.

             Das ist ein Satz, gesagt in einer Welt voller Götter. Israel hatte sie in Ägypten vor Augen und wird sie später auch in Kanaan, in Syrien, in Babylon vor Augen haben: die Welt voller Götter. Es ist der Satz, den der sagt, der für sein Volk da ist, es trägt, schützt, errettet. „Er hat uns Menschen sein Angesicht zugewendet, darum kann es „ihm ins Angesicht“, keine anderen Götter für uns geben. Hier wird kein theoretischer Monotheismus (Eingottglaube) verkündet, sondern eine Selbstverständlichkeit in der Liebesbeziehung zwischen Gott und seinem Volk.“ (I. Willi-Plein, Das Buch vom Auszug, Kleine Biblische Bibliothek, Neukirchen 1988, S.139) Der Bund als exklusive Beziehung verträgt keinen Zweit-Gott.

4 Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: 5 Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, 6 aber Barmherzigkeit erweist an vielen tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.

             Von dieser Exklusivität und von den Erfahrungen Israels her versteht es sich leichter: Keine Bilder. Kein Versuch, Gott in irgendeine Gegenständlichkeit hinein zu bilden. Der Feuersäule und Wetterwolke als „Erscheinungsform“ wählt, der sich ein- und verhüllt in das Beben der Berge, in das Dunkel, der den Ostwind treibt, der die Ägypter schreckt – wie sollte man den „abbilden“ können? Das einzige erlaubte Bild Gottes ist der Mensch selbst –  so wie ihn Gott geschaffen sein. „Das Gebot“ weiterlesen

Gott nahen ist gefährlich

  1. Mose 19, 1 – 25

 1 Am ersten Tag des dritten Monats nach dem Auszug der Israeliten aus Ägyptenland, genau auf den Tag, kamen sie in die Wüste Sinai. 2 Denn sie waren ausgezogen von Refidim und kamen in die Wüste Sinai und lagerten sich dort in der Wüste gegenüber dem Berge.

             Drei Monate sind sie schon unterwegs. Jetzt gelangen die Israeliten von Refidim aus kommend in die Wüste Sinai an den Berg.  Der Weg in die Freiheit hat sie in die Wüste geführt. Es klingt, als sei der Berg ein bestimmter Berg. Gottesberg. Das ist vom Text her schon fast zu viel gesagt. Denn so wird  der Berg eben nicht benannt. „Israel hat nie versucht, auch nicht in der Königszeit, irgendeinen bestimmten Berg auf der Sinaihalbinsel als Wallfahrtsberg auszumachen oder auszubauen; Es hielt aber immer daran fest, dass der besondere Offenbarungsort Jahwes geographisch außerhalb und historisch vor dem kanaanäischen Kulturland lag.“ (E. Zenger, Der Gott der Bibel. Stuttgart 1992, S. 66) Das mag die geographisch so unbestimmte Redeweise erklären.

 3 Und Mose stieg hinauf zu Gott.

             Es scheint: Mose weiß, wo er ist. Er kennt diesen Ort. Und er geht, kaum angekommen, los. „Ungerufen, wie ein Bote, der kommt, dem Herrn die Ausführung seine Auftrages zu melden, beginnt Mose den Gottesberg zu besteigen.“ (Hj. Bräumer, Das zweite Buch Mose, 2. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1999, S.21)

 Und der HERR rief ihm vom Berge zu und sprach: So sollst du sagen zu dem Hause Jakob und den Israeliten verkündigen: 4 Ihr habt gesehen, was ich mit den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht.

             Es scheint, auf halbem Weg nach oben erreicht ihn das Wort des HERRN: Vom Berg her ruft er ihn an. Mit einer Botschaft an das Haus Jakob. Das macht schon deutlich: Der hier zu Israel spricht, hat schon längst eine Geschichte mit den Vorfahren. Mag sein, Israel hat sich nur noch als ein unterdrückter Haufen von Fronarbeitern sehen können. Gott aber hat es immer schon und immer noch als das Haus Jakob gesehen, als die, an denen die Verheißungen an die Väter noch einzulösen sind.

         Nach dieser Adressatenangabe folgt zuerst die Erinnerung an das, wie Gott an ihnen gehandelt hat. Sie haben nur den mühsamen Weg durch die Wüste vor Augen, den Durst, den Hunger, die Ängste. Er aber, Gott, sieht anders: ich habe euch getragen auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht. Was ihnen Mühsal war, das hat Gott wie eine leichte Last auf sich genommen. Jetzt, an diesem Ort in der Wüste, an dem Berg sind sie bei Gott. Bei mir.  

 Mehr geht nicht. Nie kann ein Volk weiter kommen, nie kann ein Einzelner, eine Einzelne weiter kommen als dass Gott sagt: Ich habe dich zu mir gebracht. Wir mögen es in der Welt noch so weit bringen – es reicht alles nicht an dies heran: zu mir gebracht. Als der verlorene Sohn an der Tür des Vaterhauses in den Armen des Vaters liegt, da hat er es wirklich weit gebracht. Da ist er am Ziel. So sieht es Jesus: „Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin.“(Johannes 14,3) Weiter werden wir es nie bringen; weiter müssen wir es auch nicht bringen – und dorthin, an sein Ziel, werden wir gebracht.

Wenn man so so will: Jetzt ist Israel da, wo es hin soll. Wo Gott es immer schon haben wollte – bei ihm. Kein Wunder, dass später Propheten das als die „Glückszeit Israels“ sehen: „Darum siehe, ich will sie locken und will sie in die Wüste führen und freundlich mit ihr reden.Dann will ich ihr von dorther ihre Weinberge geben und das Tal Achor zum Tor der Hoffnung machen. Und dorthin wird sie willig folgen wie zur Zeit ihrer Jugend, als sie aus Ägyptenland zog.“(Hosea 2, 16-17)

5 Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. 6 Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein. Das sind die Worte, die du den Israeliten sagen sollst.

             Dieses Glück, bei Gott zu sein, soll, nach dem Willen Gottes, auf Dauer gestellt werden. Darum bietet er Israel seinen Bund an, will er sie zu seinem Eigentum machen – vor allen Völkern.  Er könnte ja auch anders wählen, denn die ganze Erde ist ja die Erde des Herrn. Alle Völker stehen zur Auswahl. Er aber wählt Israel. „Gott nahen ist gefährlich“ weiterlesen