Glauben: ein Bett für die Nacht

  1. Johannes

1 Der Älteste an Gajus, den Lieben, den ich lieb habe in der Wahrheit.

             Ein Brief wie eine Postkarte. In einem Stück zu lesen. Auf den ersten Blick: Kein Gemeindebrief. Einer an einen Einzelnen, an Gajus, mit dem sich der Briefschreiber verbunden weiß.  Wir wissen nicht, welcher Gajus gemeint ist – es ist ein Name, der häufiger im Neuen Testament begegnet, aber nicht bei Johannes. Gajus muss kein „Lieber“ sein, aber er ist ein Geliebter. In Wahrheit. Ist gemeint: wahrhaftig? Das steht so nicht da. In Wahrheit – vielleicht fehlt nur: In der Wahrheit verbunden.

 2 Mein Lieber, ich wünsche, dass es dir in allen Dingen gut gehe und du gesund seist, so wie es deiner Seele gut geht. 3 Denn ich habe mich sehr gefreut, als die Brüder kamen und Zeugnis gaben von deiner Wahrheit, wie du ja lebst in der Wahrheit. 4 Ich habe keine größere Freude als die, zu hören, dass meine Kinder in der Wahrheit leben.

Der Schreiber hat gute Nachrichten empfangen von Gajus. Sein Brief ist eine Antwort auf diese guten Nachrichten. Es geht Gajus gut – nach Leib und Seele. Das ist wohl mehr als seelische Gesundheit. Es geht um sein Leben in der Wahrheit. Davon haben die Brüder erzählt, Zeugnis gegeben: Gajus ist einer, der fest steht im Glauben.

Das ist die Freude des Ältesten: Meine Kinder leben in der Wahrheit. So würden wir nicht reden. Aber wir verstehen es sofort: „Die Gemeinde, in der ich war, ist immer noch auf einem guten Weg.“ – „Wie schön, dass alles weiter gegangen ist, was wir vor Jahren begonnen haben.“ Nicht Eitelkeit, die ja auch ein wenig verständlich wäre. Freude darüber, dass das Evangelium weiter wirkt, lässt solche Sätze sagen. Und eben: Freude empfinden. „Glauben: ein Bett für die Nacht“ weiterlesen

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  1. Johannes 1 – 13

Der Älteste an die auserwählte Herrin und ihre Kinder, die ich lieb habe in der Wahrheit, und nicht allein ich, sondern auch alle, die die Wahrheit erkannt haben, 2 um der Wahrheit willen, die in uns bleibt und bei uns sein wird in Ewigkeit: 3 Gnade, Barmherzigkeit, Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, dem Sohn des Vaters, sei mit uns in Wahrheit und in Liebe!

             Diesmal fängt der Älteste seinen Brief an, wie man in der Antike Briefe anfängt. Er stellt sich vor. Er muss seinen Namen nicht nennen. Es reicht, dass er sich als πρεσβτερος, der Älteste vorstellt. Aus anderen Quellen legt sich der Schluss nahe: Der Presbyter Johannes aus Ephesus hat hier das Wort. Er nennt seine Adressatin, wenn auch nicht mit Ort oder Namen. Die auserwählte Herrin ist eine Anrede, die der Angeredeten Ehre zuerkennt.

„Ehrwählte Herrin ist eine Umschreibung für Kirche bzw. Gemeinde.“ (H. Balz, Die Johannesbriefe, NTD 10, Göttingen 1973, S. 205) Aus der Wendung spricht die Ehrfurcht vor der Gemeinde. Ein Brief, ein Gespräch auf Augenhöhe. Wie anders klingt das gegenüber heute, wo Gemeinde so oft als eng, defizitär, milieu-verengt beschrieben wird und sich so beschimpft fühlt. Engagierte Menschen, die darin nur abwertende Urteile hören können.

Wir wissen nicht, welche Gemeinde so angesprochen wird. Aber es ist deutlich: Der Schreiber schätzt die Gemeinde und ihr Glieder. Sie sind auserwählt. Auch für sie gilt: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibt.“ (Johannes 15,16)  Wer so von Jesus auserwählt ist, dem kommt auch Ehre von den Leuten Jesu zu.

Sie sind geliebt. Von dem Ältesten und allen, die die Wahrheit erkannt haben. Diese Liebe hat ihren Grund in der Wahrheit, die sie miteinander teilen. Die sie verbindet. In der sie bleiben. Das ist eines der Lieblingsworte des Johannes. Geht es ihm doch – darauf weist auch die griechische Form des Wortes μνουσαν hin – immer wieder um die doppelte Wirkung des Bleibens: In der Zeit bei der Gemeinde und in Ewigkeit in der Gemeinschaft mit Gott, dem Vater.

Dann folgt er dem antiken Briefformular mit seinem volltönenden Segenswort. Gnade, Barmherzigkeit, Friede – mehr geht nicht.  Das ist der Lebensraum, in den er die Gemeinde stellt und in dem sich ihr Leben entfalten kann. „Die Gemeinschaft der Glaubenden darf gewiss sein, dass ihr Gnade, Erbarmen, Friede als Inbegriff aller Heilsgaben Gottes auf Dauer geschenkt sind.“ (H-J. Klauck, Der Zweite und Dritte Johannesbrief, EKK XXIII/2; Neukirchen 1992, S. 41) Diese guten Gaben kommen von Gott und von Jesus Christus. Und in der Formel wird präzisiert: Gott ist der Vater und Jesus Christus der Sohn des Vaters. In einer Welt, in der viele Götter verehrt werden, wird so klargestellt, wer hinter  dem Segen steht. „Vertrauens-Werbung“ weiterlesen

Am Ende: Staunen

  1. Johannes 5, 13 – 21

13 Das habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr das ewige Leben habt, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes.

             Es liegt nahe, diese Worte mit dem Schluss des Johannes-Evangeliums in Beziehung zu setzen. „Diese (Zeichen) aber sind geschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen.“ (Johannes 20,31) An die Stelle des Passiv sind geschrieben“ tritt hier: ich habe euch geschrieben.“ Geht es dem Evangelium um Wecken des Glaubens, so geht es dem Briefschreiber um die Vergewisserung im Glauben. Vergewisserung fußt dabei auch auf dem Wissen. Gleich sechsmal wird das Wort wissenοδαμεν verwendet. Eine fast schon liturgisch wirkende Wiederholung.

Man darf es nicht leichtfertig überspringen. Glaube braucht auch ein gewisses Maß an Wissen  „Fides quae creditur, der Glaube, der geglaubt wird, beschreibt Glaubensinhalte und kann und muss gelernt werden. Das Lernen bezieht sich vor allem auf die notitia, also die Glaubenskenntnis.“(B. Hofmann, Erwachsen glauben in: Erwachsen glauben. Missionarische Bildungsangebote als Kernaufgabe der Gemeinde. Dokumentation. Hannover 2008; S. 20) Das alles ist nötig, damit der Glaube nicht an die Gefühle ausgeliefert wird. Alles Wissen des Glaubens bereitet der Vergewisserung den Weg.

14 Und das ist die Zuversicht, die wir haben zu Gott: Wenn wir um etwas bitten nach seinem Willen, so hört er uns. 15 Und wenn wir wissen, dass er uns hört, worum wir auch bitten, so wissen wir, dass wir erhalten, was wir von ihm erbeten haben.

Diese Vergewisserung erzeugt Zuversicht. Freimut. Um Gott zu bitten. Bitten ist ein großes Thema für den ganzen Brief. Es ist ein Zeichen lebendigen Glaubens, die eigene Lebens-Situation, die Lage der Gemeinde und die Schwestern und Brüder vor Gott zu bringen. Das Vertrauen zu Gott äußert sich im Gebet. „Vor Gott haben sie volle Zuversicht, dass er ihre Gebete erhört.“ (H. Balz, Die Johannesbriefe, NTD 10, Göttingen 197, S. 201) In der Gewissheit, dass Beten nicht vergeblich ist, nicht nur Selbst-Gespräch, sondern dass er uns hört und dass wir erhalten, was wir von ihm erbeten haben. Man könnte auch sagen: Beten ist der Ernstfall des Glaubens. Wer aufhört zu beten, hört auch auf zu glauben, mit dem Handeln Gottes in die Welt hinein und ins eigene Leben hinein zu rechnen. „Am Ende: Staunen“ weiterlesen

Das Zeugnis des Vaters

  1. Johannes 5, 6 – 12

6 Dieser ist’s, der gekommen ist durch Wasser und Blut, Jesus Christus; nicht im Wasser allein, sondern im Wasser und im Blut; und der Geist ist’s, der das bezeugt, denn der Geist ist die Wahrheit. 7 Denn drei sind, die das bezeugen: 8 der Geist und das Wasser und das Blut; und die drei stimmen überein.

             Lange ist die Liebe das Thema des Briefes – die Liebe Gottes, die Liebe zu Gott und die Liebe der Christen zueinander.  In diesen Worten jetzt rückt Jesus Christus in die Mitte, die personalisierte Liebe. Es geht darum, ihn zu sehen. Die erste Aussage: Er ist gekommen durch Wasser und Blut. Wasser mag Hinweis auf die Taufe Jesu sein, Blut ist der Hinweis auf das Kreuz. In beidem geht es darum, dass Jesus wahrer Mensch ist, kein Geistwesen. Und zugleich, dass er der Gottessohn ist, von Ewigkeit her. „Allein Jesus, der getauft und gekreuzigt worden ist, ist der Gottessohn.“ (H. Balz, Die Johannesbriefe, NTD 10, Göttingen 1973, s. 197 )

Wenn der Geist das bezeugt, so kann das nur auf das Zeugnis gegenüber den Glaubenden bezogen sein. Er erweckt in den Glaubenden die Gewissheit, dass sie in diesem Gekommenen das Leben haben, dass er der Gesandte Gottes ist, der den Weg zu Gott für sie frei macht.

Die Zusammenfügung von der Geist und das Wasser und das Blut könnte – so sehe ich das –  eine Erinnerung an ihre eigene Taufe sein. „Bei der Taufe wird ihnen der Geist ins Herz gesenkt“. (H-J. Klauck, Der Erste Johannesbrief, EKK XXIII/1; Neukirchen 1991 S. 295) Und er „aktualisiert“, sozusagen im Herzen der Glaubenden, das Zeugnis von Wasser und Blut.  Bestätigt die Tragfähigkeit. Zeigt, dass das die Wahrheit ist, mit der man leben und auf die hin man sterben kann. „Das Zeugnis des Vaters“ weiterlesen

Nicht schwer

  1. Johannes 5, 1 – 5

Wer glaubt, dass Jesus der Christus ist, der ist von Gott geboren; und wer den liebt, der ihn geboren hat, der liebt auch den, der von ihm geboren ist.

             So fängt Johannes gern einmal seine Sätze an. „Wer recht tut, der …“ (2,29), „Wer liebt, der…(4,7)  und hier:  Wer glaubt, der … Und jedes Mal endet der Satz: …der ist von Gott geboren. Es ist die Zusammenschau, die Johannes seiner Gemeinde einprägen will. Glauben und Gerechtigkeit tun und Liebe üben – das alles hat eine gemeinsame Wurzel: Das Sein in Gott. Und er bezeugt dieses Sein in Gott als „Geburt“, also als neue Existenz.

Das Bild von der Geburt knüpft wieder einmal am Evangelium an. „Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.“ (Johannes 3,3) Statt von neuem kann man auch lesen: von oben. Und ist damit ziemlich nahe an der Formulierung hier: der ist von Gott geboren.

            Und wieder bindet Johannes zusammen: Wer so Gott liebt, der wird auch die lieben, die wie er von Gott geboren sind. Seine Brüder und Schwestern. Wer zum Glauben kommt, gehört nicht nur als Kind zu Gott, er gehört auch zu den anderen Glaubenden. Johannes kennt so wenig wie alle anderen Schriften des NT die Solo-Existenz als Christ. Als eine Art Beiklang darf man vielleicht auch mithören: Wer Gott liebt, liebt auch Jesus als den eingeborenen Sohn (4,9) Aber das ist nicht die Hauptrichtung. Die wird ja sofort im folgenden Satz weiter markiert.

2 Daran erkennen wir, dass wir Gottes Kinder lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote halten.

             Ich lese diese Worte als eine Einladung, einmal auf  sich selbst zu schauen: Ihr seht, dass ihr die Kinder Gottes liebt und ihr seht, dass ihr Gott liebt und an seinen Geboten hängt. Darin seht ihr euch als Kinder Gottes, als glaubende und liebende Menschen. Und könnt darüber gewiss werden. Getrost. Ruhig. Gelassen. Solche Vergewisserung des eigenen Glaubens dürfen wir suchen – nicht als Dauersuch-Bewegung, aber ab und an, bevor es zu Krisen kommt.     „Nicht schwer“ weiterlesen

Gottes Liebe – der Sohn

  1. Johannes 4, 7 – 21                                                                                                                                                                                                                  7 Ihr Lieben, lasst uns einander lieb haben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott. 8 Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe.

             Das Erste – und wohl Wichtigste: Der Ausgangspunkt allen Nachdenkens bei Johannes ist die Liebe Gottes. Er beginnt sachlich, gegen die Satzfolge, nicht bei uns Menschen, sondern er beginnt bei Gott. Mitten in diesem Text steht ein schier unglaublicher Satz: Gott ist die Liebe! Dieser Satz darf nicht umgedreht werden: Die Liebe ist Gott. Aber er ist die Voraussetzung für das, was vorher steht: lasst uns einander lieb haben. Diese Liebe – daran liegt Johannes viel – ist ein im Anfang ganz und gar einseitiger Akt Gottes. Nichts und niemand hat ihn dazu zwingen können.

Es geht nicht um die Liebe, wie sie der Schlager besingt. Von der γπη, Agape ist die Rede, nicht vom Eros. Von der liebevollen, fürsorglichen, ermutigenden, anteilnehmenden Liebe, die nichts zwingt, aber sich schenkt. Diese Liebe wurzelt in Gott. Sie spiegelt ihn.

Liebe geht nicht nur von Gott aus, sondern sie bezeichnet den Wirkungsraum Gottes überhaupt.“ (H. Balz, Die Johannesbriefe, NTD 10, Göttingen 1973, S. 191) Spricht der Zustand der Welt nicht gegen so einen Satz? Ist sie also gar nicht sein Wirkungsraum? So fragt es in mir selbst. Sieh doch genau hin – hast Du Haiti, den Tsunami, den Flug der Malaysia Airline schon vergessen? Die Bombenanschläge, die Terrorangriffe? Siehst Du nicht die Bilder aus dem Sudan, der Ukraine, Afghanistan, Irak, Syrien? Siehst Du nicht die alltäglichen Bilder im Fernsehen und den Zeitungen von Selbstmordattentaten, schrecklichen Autounfällen, zerstörter Landschaft? Warst Du noch nie auf dem Friedhof, wenn einer viel zu früh aus dem Leben gerissen worden ist? Spricht das alles nicht gegen einen Gott, der die Liebe ist?

 „Du fragst mich, wo mein Gott denn war beim Anflug auf Hiroshima. Wo hat er sich verkrochen?                                               Hat er noch dabei zugeseh´n wie Menschen dort zugrunde gehen. Hat er den Brand gerochen?

 Ich weiß es nicht. Und es mag sein, ich wollt es gar nicht wissen. Doch glaub ich, als die Bombe fiel, hat sie auch Gott zerrissen.

 Du fragst mich, wo mein Gott denn war beim Angriff auf Amerika an dem Septembermorgen.                                                                        Hat Gott die Opfer nicht gekannt? Hat er die Augen abgewandt, im Himmel sich verborgen?

 Ich hoffe nicht. und es mag sein, ich möchte darauf hoffen:         Als Terror diese Menschen traf, hat er auch Gott getroffen.“                            M.Buchholz, CD Alles Liebe,  Felsenfest Wesel 2004 „Gottes Liebe – der Sohn“ weiterlesen

Prüfen und Beurteilen

  1. Johannes 4, 1 – 6

1 Ihr Lieben, glaubt nicht einem jeden Geist, sondern prüft die Geister, ob sie von Gott sind; denn es sind viele falsche Propheten ausgegangen in die Welt.

             Gleich siebenmal steht in den Versen 1 – 6 das Wort Geist, πνεμα, im Singular und Plural. Es geht um eine Grundklärung, um die Frage, woran sich die Geister unterscheiden lassen. Die Fähigkeit zu dieser Unterscheidung ist, so weiß es Paulus, selbst eine Gabe des Geistes (1. Korinther 12,10), die der Gemeinde in einzelnen ihrer Glieder gegeben ist.

Johannes fordert seine Leserinnen und Leser dazu auf, diese Gabe anzuwenden. Prüft die Geister.  Es ist eine so weitreichende „Ermächtigung“. Uneingelöst allerdings bis heute. Die Worte sind ja nicht an irgendwelche Amtsträger gerichtet, sondern an die normalen Christ*innen. Es ist das Amt und die Würde der gemeinde, Verkündigung zu prüfen. Von Anfang an. Diese Beauftragung der Gemeinde ist in pfarrerzentrierten Kirchen verloren gegangen, auch nicht eingefordert worden, auch nicht gefördert worden von selbstgefälligen Theologen, Klerikern, Geistlichen. Vorzugsweise männlichen Geschlechts. Dass das durch die Frauenordination und Frauen im geistlichen Amt nachhaltig besser geworden wäre, vermag ich noch nicht zu erkennen.

Solche kritische Prüfung der Geister ist deshalb nötig, weil es nicht nur den Geist Gottes gibt, sondern auch andere  Geister. Das zeigt sich an den falschen Propheten, im Griechischen steht da wörtlich Pseudeopropheten. Lügenpropheten. Es steht alles, das ewige Leben, die Existenz vor Gott  auf dem Spiel mit der Frage: Welchen Geistern kann man, darf man glauben? Das macht schon deutlich: Glauben ist hier nicht einfach nur eine Haltung des Vertrauens, sondern mit einem konkreten Inhalt verbunden. Es ist nicht Sache der biblischen Autoren, Vertrauensseligkeit zu fordern.  Sie fordern auch nüchterne Prüfung. „Prüfen und Beurteilen“ weiterlesen

Größer als unser Herz

  1. Johannes 3, 19 – 24

 19 Daran erkennen wir, dass wir aus der Wahrheit sind, und können unser Herz vor ihm damit zum Schweigen bringen, 20 dass, wenn uns unser Herz verdammt, Gott größer ist als unser Herz und erkennt alle Dinge.

             Offensichtlich schreibt Johannes an Leute, die über ihren eigenen Glaubensstand in Verwirrung geraten sind. Sind wir auf dem richtigen Weg? Genügt unser Bekenntnis zu Jesus, unsere Liebe zu den Brüdern und Schwestern? Bin ich nicht allen, Gott und den Brüdern und Schwestern alles schuldig geblieben – Glauben und tatkräftige Liebe? Es geht um Vergewisserung, die durch Anfragen, durch andere Stimmen und andere Lehren, erschüttert worden ist.  Es geht um erschrockene Gewissen.

Darauf deutet auch seine Formulierung Daran erkennen wir, dass wir aus der Wahrheit sind… hin. Er möchte sie erinnern an ihr Lieben in Tat und Wahrheit (3,18). Und wenn sie so leben, werden sie darüber auch ihres Glaubens gewiss werden. Hier steht im Griechischen eine Futur-Form, während der Luther-Text mit Präsenz übersetzt. Das ist wohl dem geschuldet, dass der Trost, die Vergewisserung aus den inneren Anklagen jetzt  herausführen soll.

Worum geht es? „Auch die Christen sind keine Perfektionisten in der Liebe und mögen wegen mancher Fälle des Versagens mit ihrem Gewissen in Konflikt geraten.“ (H. Balz, Die Johannesbriefe, NTD 10, Göttingen 1973, S. 187) In den kleinen Gemeinden der ersten Zeit wird es nicht ohne Konflikte abgegangen sein. Wo Menschen nahe zusammen sind, kommt es zu unbedachten Worten, Kränkungen, wird Liebe schuldig geblieben, gibt es Worte, die verletzen. Manche werden übersehen. „In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung.“ Apostelgeschichte 6,1) Das ist nur ein Beispiel. Wo aber die Liebe das Kriterium ist, an dem sich Vergewisserung festmachen kann, da wird das Scheitern an der Liebe zur massiven Anfrage an sich selbst.

An das Herz. καρδα, sagt Johannes. Wir heute würden sagen: das Gewissen. Es ist biblisches Denken über den Menschen, das dem Herzen die Funktion zuschreibt, die wir heutzutage dem Gewissen zurechnen. „Das Herz ist der Ort, wo moralische Entscheidungen fallen und Werturteile getroffen werden.“ (H-J. Klauck, Der Erste Johannesbrief, EKK XXIII/1; Neukirchen 1991, S. 218) „Größer als unser Herz“ weiterlesen

Nicht nur Mundwerk

  1. Johannes 3, 11 – 18

 11 Denn das ist die Botschaft, die ihr gehört habt von Anfang an, dass wir uns untereinander lieben sollen, 12 nicht wie Kain, der von dem Bösen stammte und seinen Bruder umbrachte. Und warum brachte er ihn um? Weil seine Werke böse waren und die seines Bruders gerecht.

             So ähnlich hat es Johannes schon einmal gesagt, aber von sich selbst und seinen Brüdern: „Das ist die Botschaft, die wir von ihm gehört haben und euch verkündigen. (1,5) Was die Leserinnen und Leser lesen und hören, das ist keine selbst erdachte Botschaft des Johannes. Sie geht zurück auf das, was er und andere gehört haben. Wir sollen uns untereinander lieben. Wieder stehen Jesus-Worte aus dem Evangelium „Pate“: „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt.“ (Johannes 13,35)

             Sozusagen als abschreckendes Gegenbeispiel für die verweigerte Bruderliebe wird Kain angeführt. Aber seine Tat wird sehr grundsätzlich gewertet. „Kains Werke waren böse, und dies schon…vor dem Brudermord. Sein und Tun greifen ineinander.“ (H-J. Klauck, Der Erste Johannesbrief, EKK XXIII/1; Neukirchen 1991. S. 205) Uns ist das fremd – und der biblische Text gibt in dieser Schärfe das Urteil über Kain auch nicht her. Erst recht nicht, wenn man weiter liest und die Fürsorge Gottes für Kain zur Kenntnis nimmt: „Aber der HERR sprach zu ihm: Nein, sondern wer Kain totschlägt, das soll siebenfältig gerächt werden. Und der HERR machte ein Zeichen an Kain, dass ihn niemand erschlüge, der ihn fände. So ging Kain hinweg von dem Angesicht des HERRN und wohnte im Lande Nod, jenseits von Eden, gegen Osten.“ (1. Mose 4,15-16) 

Diese Sicht des Johannes auf Kain ist freilich ein gutes Beispiel dafür, dass Autoren des Neuen Testamentes nicht im luftleeren Raum schreiben. Es gibt im jüdischen Umfeld eine Sicht auf Kain, die aus außerbiblischen Quellen genährt ist, die Johannes wohl kennt und der er nahe stehen mag: „“Zuerst entstand der Ehebruch, danach der Mord. Und er (Kain) wurde aus dem Ehebruch gezeugt, denn er war der Sohn der Schlange. Deshalb wurde er Menschentöter wie auch sein Vater und er tötete seinen Bruder.“ (EVPhil 42 zitiert nach H.-J. Klauck, aaO. S. 206) Eine Menge Voraussetzungen, die uns fremd sind: Eva begeht Ehebruch mit der Schlange. Kain ist der Sohn der Schlange! Darum stammt er vom Bösen ab. Da halte ich es lieber mit dem Schweigen des Erzählers aus 1. Mose 4! Und dem schier Unerklärbaren, Rätselhaften, dass Brüder einander so hassen können. „Nicht nur Mundwerk“ weiterlesen

Leben, wie es Gott entspricht

  1. Johannes 3, 1 – 10

1 Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch! Darum kennt uns die Welt nicht; denn sie kennt ihn nicht.

             Ein großes Staunen liegt in diesen Worten: Wir sind Gottes Kinder. Wir heißen so – uns wird dieser Name beigelegt. Nicht von uns selbst, Sondern der Vater lässt uns so heißen. „Kinder Gottes ist für ihn (den Verfasser) so etwas wie ein christlicher Hoheitstitel, ein Würdenamen, den alle Glaubenden voll Stolz tragen dürfen.“ (H.-J. Klauck, Der Erste Johannesbrief, EKK XXIII/1; Neukirchen 1991, S. 180)

Es gibt ein Reden von der Gotteskindschaft, das sie im Naturgegebenen festmacht. Hier wird deutlich, dass Johannes anders denkt: Es ist ein Sein, das zugeeignet wird, das nicht von Natur aus dem Menschen eignet. Ein Sein, das in der Liebe des Vaters – ich ergänze: die sich im Sohn zeigt – seinen Grund hat. Der Name macht`s. nomen est omen. Weil Gott uns so nennt, sind wir es auch. „Das nachklappende Sätzchen „wir sind es auch“ betont die gegenwärtige Realität des Kindseins.“ (H. Balz, Die Johannesbriefe, NTD 10, Göttingen 1973 S. 180) Jetzt, in einer Welt, die davon nichts weiß.

Und so, wie die Welt den Sohn nicht erkannt hat und dadurch auch blind ist für den Vater – „Jesus antwortete: Ihr kennt weder mich noch meinen Vater; wenn ihr mich kenntet, so kenntet ihr auch meinen Vater.“ (Johannes 8, 19) – , so erkennt sie auch nicht dieses Wesen der Christen. Sie sind ihr nur irgendwelche religiösen Leute. Sie sieht nicht: Das sind die Kinder Gottes. Das ist ja nicht an der Lebensqualität der Christen, auch nicht an ihrer moralischen Qualität erkennbar. Das sieht nur, wer Gott sieht, der sie als seine Kinder „adoptiert“ hat. „Leben, wie es Gott entspricht“ weiterlesen