Jesus allein

Johannes 5, 31 – 47

31Wenn ich von mir selbst zeuge, so ist mein Zeugnis nicht wahr. 32Ein anderer ist’s, der von mir zeugt; und ich weiß, dass das Zeugnis wahr ist, das er von mir gibt.

Es sind Worte, die auf einen Disput hinweisen. Wir hören die Stimmen und Einwände der Gesprächspartner Jesu nicht. Wir können es nur aus seinen Worten erschließen, auf welche Anfragen er antwortet. Da wird der Vorwurf im Raum stehen: „Du redest ja nur von Dir selbst, aus Dir selbst. Wir sehen hinter Dir keinen, der Dich gesandt hat. Das kann jeder sagen – ich in gesandt“. Es ist die Anfrage, die sofort laut geworden ist, wenn ein Prophet sagte: „So spricht der HERR.“(Jesaja 42,5) Aber Jesus ist ja noch einen Schritt weiter gegangen, wenn er sagt: Es ist meine Stimme, die aus den Gräbern ruft. Und wer mein Wort hört, dem steht die Ewigkeit offen. Es ist nur zu verständlich, dass er damit Nachfragen provoziert: Woher nimmst Du Dir dieses Recht?

Die erste Antwort: „Der Sohn stellt sich seine Vollmacht nicht selbst aus.“ (T. Jänicke, Die Herrlichkeit des Gottessohnes, Gelnhausen 1961, S. 79)Die nachfolgenden Verse werden bestimmt von den Worten Zeugnis und bezeugen. Weil es um Klarheit, um Wahrheit geht, wie in einem Prozess, unterwirft Jesus sich der jüdischen Rechts-Überzeugung: Es braucht zweier Zeugen Mund für die Wahrheit einer Sache. Dass einer „Zeuge in eigener Sache ist“ (G. Voigt, Licht – Liebe – Leben, Das Evangelium nach Johannes, Göttingen 1991, S. 118) reicht nicht aus zur Bestätigung seines Zeugnisses. Aber Jesus weiß und sagt: Da  ist ein anderer, der für ihn Zeugnis ablegt. Und sein Zeugnis ist wahr. Tragfähig. Belastbar.  Wer das ist, sagt er hier noch nicht.

33 Ihr habt zu Johannes geschickt, und er hat die Wahrheit bezeugt. 34 Ich aber nehme nicht Zeugnis von einem Menschen; sondern ich sage das, damit ihr selig werdet. 35 Er war ein brennendes und scheinendes Licht; ihr aber wolltet eine kleine Weile fröhlich sein in seinem Licht.

Lockt er seine Zuhörer jetzt auf die falsche Spur? Da war ja der Zeuge, zu dem ganz Jerusalem lief: Johannes der Täufer. Und er hat Zeugnis abgelegt, gewissermaßen gerichtsfest: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!“(1, 29) Aber sein Zeugnis ist nichts, was Jesus für sich braucht. Es ist nur der Hinweis an die Juden: Da, von Johannes, habt ihr die Wahrheit schon gehört. Johannes hat nichts verheimlicht. So der etymologische Ursprung des Wortes ληθεα. (G. Kittel, Theol. Wörterbuch zum NT, Bd. I, Stuttgart 1933, S. 239)Seine Wahrheit – darauf hätte man trauen können. Aber – und das ist jetzt doch harte Kritik: Ihr wolltet ja gar nicht seine Wahrheit. Ihr seid ihm nur nachgelaufen, wie man einem Star nachläuft, um sich in seinem Glanz zu sonnen. „Jesus allein“ weiterlesen

Die Stimme Jesu hören

Johannes 5, 24 – 30

 24 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen.

            Wer Jesus hat, der hat das ewige Leben.  Das Leben, das bleibt durch allen Wandel der Zeiten hindurch. Durch den Tod hindurch. Wer zu ihm gehört, der gehört auf die Seite des Lebens. Der ist schon durch das Gericht hindurch, bewahrt. Später wird Jesus sagen: „Ihr aber sollt mich sehen, denn ich lebe und ihr sollt auch leben.“ (14,19) Die Gabe des Lebens ist unteilbar. Es gibt das Leben nur als Ganzes – hier und in Ewigkeit. Es gibt kein anderes Leben, zweites Leben, irgendwie später einmal. „Gott wird uns im Himmel nicht mehr lieben als auf Erden.“ (Thomas von Aquin) So ist es. Diese Liebe im Himmel, auf die wir zuleben, wird schon hier auf der Erde empfangen, fängt hier schon an in der Liebe Jesu. Und sie gilt allen, die an ihn glauben. Weil an ihn glauben ja ist, an den glauben, der ihn gesandt hat, an den Vater.

 25 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Es kommt die Stunde und ist schon jetzt, dass die Toten hören werden die Stimme des Sohnes Gottes, und die sie hören werden, die werden leben. 26 Denn wie der Vater das Leben hat in sich selber, so hat er auch dem Sohn gegeben, das Leben zu haben in sich selber; 27 und er hat ihm Vollmacht gegeben, das Gericht zu halten, weil er der Menschensohn ist. 28 Wundert euch darüber nicht. Denn es kommt die Stunde, in der alle, die in den Gräbern sind, seine Stimme hören werden 29 und werden hervorgehen, die Gutes getan haben, zur Auferstehung des Lebens, die aber Böses getan haben, zur Auferstehung des Gerichts.

Das buchstabiert Jesus jetzt durch – mit uns – im Blick auf die Toten und die Auferstehung. Er ist es, der aus den Toten ruft. Davon erzählen die Geschichten, die die Evangelisten weitergeben. Er hat aus dem Tod gerufen, hat die Toten gerufen und sie sind seinem Rufen gefolgt: Der Jüngling von Nain, die Tochter des Jairus, Lazarus.  Wie sollten sie auch nicht aus ihrem Tod aufstehen, wenn sie seine Stimme hören. „Die Stimme Jesu hören“ weiterlesen

Ehre dem Vater, Ehre dem Sohn

Johannes 5, 19 – 23   

19 Da antwortete Jesus und sprach zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Der Sohn kann nichts von sich aus tun, sondern nur, was er den Vater tun sieht; denn was dieser tut, das tut gleicherweise auch der Sohn. 20 Denn der Vater hat den Sohn lieb und zeigt ihm alles, was er tut, und wird ihm noch größere Werke zeigen, sodass ihr euch verwundern werdet.

            Wieder heißt es: Da antwortete Jesus. Aber was jetzt folgt, ist keine Antwort, sondern eine Rede. So ist es oft im Johannes-Evangelium. Aus einer knappen Antwort wird eine große Rede. Eine, der große Bedeutung zukommt. Das unterstreicht schon das doppelte Ἀμὴν ἀμὴν, (= Amen, Amen) das die Luther-Übersetzung mit Wahrlich, wahrlich wiedergibt. In dieser Rede geht es nicht mehr um das Wunder und den Sabbat, sondern nur noch um das Verhältnis von Jesus zum Vater. Sie ist, steil und streng gesprochen, Offenbarungswort. In dem Jesus offenbart, wer er ist. Jesus tut, was er den Vater tun sieht.

In diesem Tun Jesu geht es nicht um ein Nachmachen, sondern um Übereinstimmung. Was der Vater tut, ist durch den Sohn getan. Was der Sohn tut, durch den Vater. Vor allem aber: der Vater hat den Sohn lieb.  Wir überlesen solche Sätze allzu leicht. Weil wir irgendwie diese Liebe nicht als das sehen, was sie ist: das Geschenk des Vaters an die Welt. Liest man das mit, haben die Worte größtes Gewicht. „Das ist der eigentliche Grund aller Legitimation Jesu.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 116) „Ehre dem Vater, Ehre dem Sohn“ weiterlesen

Sabbat-Entweihung?

Johannes 5, 9 – 18

 Es war aber an dem Tag Sabbat. 10 Da sprachen die Juden zu dem, der gesund geworden war: Es ist heute Sabbat; du darfst dein Bett nicht tragen.

            Es klingt fast wie ein Nachtrag: Sabbat. Ob es daran liegt, dass für die Gemeinde, für die Johannes schreibt, die Sabbat-Frage längst entschieden ist? Nur für die Juden, mit denen sie auskommen müssen, noch nicht. Darum sind es dann auch prompt die Juden, die ihn zur Rede stellen. „Am Sabbat-Tage ein Mensch mit einem Bett auf dem Rücken, das war etwas Unerhörtes. Jedermann musste das auffallen.“ (T. Jänicke, Die Herrlichkeit des Gottessohnes, Gelnhausen 1961, S. 73) Eine Matte, dein Bett, spazieren-tragen, das geht nicht. Und doch hat Jesus ihn genau das geheißen! „Das Tragen eines Gegenstandes, wie in diesem Fall des leeren Bettes, war nach den Bestimmungen der pharisäischen Synagoge streng untersagt.“ (S. Schulz, Das Evangelium.  nach Johannes, NTD 4, Göttingen 1975, S. 84) Gesetzesverstoß: Unerlaubte Arbeit.

Mit ihrem Einspruch bewahren die Juden eine wichtige Erinnerung, durchaus nicht nur gesetzlich: „Der siebte Tag sollte… im Leben des Bundesvolkes den Raum für Gott freihalten und für die Freude der Menschen an ihrem Gott. Wir tun meist zu wenig, um der Hinwendung zu Gott in unserem betriebsamen Leben „Raum“ zu geben. Fromme Praxis kann Gott nicht herbei zwingen, aber unser auch den Sonntag einbeziehendes Alltagsprogramm verdrängt ihn.“ (G. Voigt, , Licht – Liebe – Leben, Das Evangelium nach Johannes, Göttingen 1991, S. 108) Das zu wissen gibt ihnen schon ein Recht, eindringlich zu fragen. „Sabbat-Entweihung?“ weiterlesen

Wie gut, einen Menschen zu haben

Johannes 5, 1 – 9a

1 Danach war ein Fest der Juden, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem. 2 Es ist aber in Jerusalem beim Schaftor ein Teich, der heißt auf Hebräisch Betesda. Dort sind fünf Hallen; 3-4 in denen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Ausgezehrte.

Danach legt den Anschluss an die Heilung des Kranken nahe, wie sie zuvor erzählt worden ist. Es kann aber auch genauso gut der Anschluss an die Ereignisse sein, die in Kapitel 6 erzählen werden. Beide Male hält sich Jesus in Galiläa auf. Während das, was im Folgenden erzählt wird, sich in Jerusalem ereignet. Dann wäre, wenn man der Reihenfolge der Kapitel folgt, wie sie in unseren Bibeln steht, der Reiseweg Jesu ein ziemliches Hin und Her zwischen Galiläa und Jerusalem. Für heutige Verkehrsmittel nicht undenkbar. Für Fußreisende, wie Jesus einer ist, weniger wahrscheinlich. Für das Verständnis der Texte ist eine Entscheidung in der Frage der Reihenfolge der Kapitel 5 und 6 im Johannes-Evangelium nicht von entscheidender Bedeutung.

Der Ort wechselt. Nicht mehr Galiläa, auch nicht mehr Samaria. Jesus ist in Jerusalem. Gekommen zu einem Fest. Welches Fest es ist, bleibt unklar. Es liegt dem Evangelisten nicht so viel daran. Auch die Wendung ein Fest der Juden  klingt eher distanziert. Das Fest wird nur beiläufig zitiert. Genau benannt dagegen wird der Ort des nachfolgenden Geschehens. Beim Schaftor ein Teich, der heißt auf Hebräisch Betesda. „Haus des Erbarmens.“ Dort sind viele Hilfsbedürftige.

In späteren Handschriften des Johannes-Evangeliums hinzugefügt ist eine Erläuterung, die in den ältesten Handschriften fehlt: „Sie warteten darauf, dass sich Wellen auf dem Wasser zeigten. Von Zeit zu Zeit bewegte nämlich ein Engel Gottes das Wasser. Wer dann als Erster in den Teich kam, der wurde gesund; ganz gleich, welches Leiden er hatte.“ Eine Zufügung, die mir wichtig ist. Im Griechischen klingt es noch einmal anders: αγγελλος Κυριου κατα καιρον κατεβαινεν – „Ein Engel des Herrn stieg zu seiner Zeit herab.“ Das ist nicht mehr das nach Zufall klingende „von Zeit zu Zeit“. Es ist von Gott her reife Zeit, wenn der Engel kommt.  Zeit, die es anzunehmen gilt, zu ergreifen.

Das ist – von außen und äußerlich betrachtet – die Situation:  „Der Teich hatte eine intermittierende Heilquelle.“ (T. Jänicke, Die Herrlichkeit des Gottessohnes, Gelnhausen 1961, S. 71) Eine, die nicht immer sprudelte, sondern manchmal in sich selbst versiegte. „Möglicherweise wurden die Teiche zusätzlich von einer unterirdischen Quelle gespeist, die nur einige Male im Jahr Wasser gab, so dass dann eine aufwallende Bewegung in den Teichen entstand.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 114) Das ist die natürliche Erklärung für das Sprudeln.Der „fromme Zusatz“  sieht tiefer, wenn er  einen Engel am Werk glaubt. . So oder so: Wenn das Wasser sprudelt, gilt: Nur die Schnellsten werden von der Heilkraft des Wassers berührt.

Eine absurde Vorstellung: Da findet demnach immer wieder ein Wettlauf der Kranken, Blinden, Lahmen, Ausgezehrten statt. Nur: So absurd auch wieder nicht, wenn ich überlege: Wer nicht privat versichert ist, muss Monate warten, bis er beim Facharzt seinen Termin kriegt. Andere sind da viel schneller dran.

5 Es war aber dort ein Mensch, der lag achtunddreißig Jahre krank.

Unter den vielen, die dort sind, liegt einer, der ist da seit achtunddreißig Jahren. Krank. Was seine Krankheit ist, wird nicht gesagt. Aber es reicht ja auch zu wissen:  Er liegt  dort achtunddreißig Jahre. Da wird einer seine Krankheit. Sie ist nicht mehr nur ein Teil von ihm, sein Missgeschick. Sie ist sein Schicksal. Und mag ihn oft genug fluchen, hadern, verzagen haben lassen. Und wenn einer so lange da liegt, wird er kaum noch wahrgenommen. Er ist wie ein Stück Inventar dieses „Hauses des Erbarmens“ geworden. Irgendwie unmerklich und unbemerkt.

6 Als Jesus den liegen sah und vernahm, dass er schon so lange gelegen hatte, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden? 7 Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein.

Jesus aber sieht unter den vielen diesen Einen. Und er wird, vom wem auch immer, informiert, wie es um ihn steht. „Er sieht“ den elenden Menschen liegen, wo doch die anderen geflissentlich hinwegsehen…. Mit dem Sehen fängt die wirkliche Barmherzigkeit an, mit dem Anblicken die tätige Hilfe.“ (G. Voigt, Licht – Liebe – Leben, Das Evangelium nach Johannes, Göttingen 1991, S. 107) Aber Jesus heilt nicht einfach. Er weiß nicht wie von selbst, was für den Kranken dran ist.

               Darum fragt er: Willst du gesund werden? Fast möchte man sagen: Was denn sonst? Darum ist er doch an diesem Ort. Das ist doch seine bis zu diesem Tag durch achtunddreißig Jahre hin nie gänzlich erloschene Hoffnung. Aber so verrückt ist die Frage Jesu nicht. „Es gibt Menschen, die – im übertragenen oder gar im wörtlichen Sinne – nicht „auf die Beine kommen“, weil sie vor den Herausforderungen ihres Lebens in die Krankheit flüchten.“ (G. Voigt, aaO. S. 107) Es ist nicht immer ausgemacht, dass einer aus der Rolle des Hilfsbedürftigen heraus will, weil er dann ja auch die Verantwortung tragen muss für sein Leben.

Das andere Moment in der Frage Jesu. Er nimmt diesen Menschen als Subjekt seines Lebens ganz ernst. Er mutet ihm zu, zu sagen, was er will. Er erspart ihm nicht, sich über sich selbst klar zu werden. Und es mag so sein: Mit dieser Frage berührt Jesus die lange schon verschüttete Hoffnung, die aufgegebene und verloren gegangene Sehnsucht. Vielleicht hatte der „Langzeit-Kranke“ sich den Wunsch nach Gesundwerden längst abgeschminkt. Aber jetzt wird er durch diese Frage noch einmal mit der vergessenen Hoffnung konfrontiert. Sie wird aus dem Vergessen geholt.

Die Antwort des Kranken ist etwas vom Bittersten, das für mich denkbar ist: Ich habe keinen Menschen. Und ich höre hier: Nicht nur keinen für den Krankentransport, für diesen absurden Wettlauf. Nein, ich habe keinen, der für mich da ist. Mich als Menschen wahrnimmt. Mich wert achtet. Mich sieht. So muss er sich vorkommen: eine Last für alle anderen, Ein Unbrauchbarer, auf den nur noch der Tod wartet. Wer will sich da wundern, dass er sich nicht traut zu sagen: Ich will gesund werden. Dass er sich nicht traut, um Hilfe zu bitten.

Es gehört nicht in die Auslegung, aber es ist meine persönliche Anmerkung: Ich bin zutiefst dankbar, dass ich einem Menschen habe, der mich wahrnimmt, trägt, erträgt. Liebevoll mit mir verbunden das Leben teilt.

Mit seiner Frage gibt Jesus ihm seine Würde. Die er womöglich selbst schon lange nicht mehr sieht. Er ist nicht nur Bittsteller. Er ist und soll wieder werden: Subjekt seines Lebens. Vielleicht ist es genau das, was diesen Man nach achtunddreißig verlegenen Jahren wieder auf die Beine bringen kann.

Es ist das so alltägliche Drama der Vergessenen und Übersehenen, derer, die nicht wahrgenommen werden. „Denn man sieht nur die im Lichte, die im Schatten sieht man nicht.“ (B. Brecht, Dreigroschenoper) Vielleicht darf ich das so pathetisch sagen: Jesus ist Spezialist für die, die im Schatten stehen. Und darum hört er hinter der Klage die unausgesprochene Bitte. Und hilft.

8 Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin! Und sogleich wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging hin.

Jesus spricht. Befiehlt. „Dreifach Unmögliches.“(U. Wilkens, ebda.) Und doch: Sein Wort wirkt. Wie das Wort des Vaters, des Schöpfers, von dem der Ewige sagt: „Es wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.“(Jesaja 55, 11) Die Worte Jesu sind eine Zumutung an einen Menschen, der seit 38 Jahren nicht auf die Beine gekommen ist. Er traut es ihm zu – zu stehen, aufzustehen, nicht in seinem Elend liegen zu bleiben und sich abzufinden: Da kommt nichts mehr. Es ist nicht die Bestimmung des Menschen, in seinem Schmerz und Leid einfach sich aufzugeben. Jesu Wort glaubt eine andere Bestimmung über uns: Aufstehen, den aufrechten Gang neu erlernen.

Der Kranke kann tun und tut, was ihm gesagt wird. Er nimmt seine Matte und geht. Hin. Περιπτει steht da. Geh umher. Im Markus-Evangelium sagt Jesus zu dem Gelähmten, den er heilt: Geh heim. (Markus 2,11) Hier: Geh umher. Das ist für den Fortgang der Geschichte von Bedeutung

Was auffällt: Ob dieser Kranke glaubt oder nicht, scheint keine Rolle zu spielen. Jesus jedenfalls fragt nicht nach seinem Glauben. Und er deutet auch die geschehene Heilung nicht  mit den Worten „Dein Glaube hat dir geholfen.“(Markus 10,52) Es ist Hilfe, da, wo sie nötig ist, nach einer Leidenszeit von achtunddreißig Jahren. Mehr nicht. Auf diesem Wunder, Zeichen, liegt für den Evangelisten nicht die besondere Aufmerksamkeit. Er erzählt es. Punkt.

 

Mein Gott, wie gut, einen Menschen zu haben, der uns sieht, uns achtet. Wie gut, einen Menschen zu haben, der nach uns fragt, uns fragt, unser Klagen zulässt, vor unserem Schmerz nicht davon läuft.

Wie gut, diesen Menschen Jesus zu haben, Deinen Sohn, der uns sieht, auch wenn wir von allen übersehen werden. Amen

Nicht aufgeben zu bitten

Johannes 4, 43 – 54

43 Aber nach zwei Tagen ging er von dort weiter nach Galiläa. 44 Denn er selber, Jesus, bezeugte, dass ein Prophet daheim nichts gilt. 45 Als er nun nach Galiläa kam, nahmen ihn die Galiläer auf, die alles gesehen hatten, was er in Jerusalem auf dem Fest getan hatte; denn sie waren auch zum Fest gekommen. 46 Und Jesus kam abermals nach Kana in Galiläa, wo er das Wasser zu Wein gemacht hatte.

Ein bisschen umständlich ist die ganze Schilderung. Jesus hat seinen Weg nach Galiläa nur kurz unterbrochen. Jetzt geht er weiter nach Galiläa. Er geht weiter, weil es sich bewahrheiten soll, was er selbst bezeugte, dass ein Prophet daheim nichts gilt. In diesem Wort stimmt Johannes mit den anderen Evangelisten überein. Ein wenig weiter ist nur der Bezugsrahmen – hier ist es Galiläa, bei den anderen Evangelisten Nazareth. Aber warum „denn“? Eine Möglichkeit: Es muss herauskommen, dass das so ist. Sichtbar werden. Zielt Johannes auch darauf, dass Jesu Wirken in Galiläa nicht so eine unangefochtene „Erfolgsgeschichte“ ist?

Ein wenig überrascht es aber dann doch: Die Galiläer nehmen ihn freundlich auf. Sie haben in Jerusalem seine „Aufräumaktion“ im Tempel  mitbekommen, sie vielleicht sogar selbst beeindruckt miterlebt. Jetzt kommt er heim – einer von uns. Man sonnt sich gerne im Licht berühmter Söhne und Töchter der Stadt, auch und erst recht dann, wenn man sagen kann: Wir kennen ihn, sie, schon von kleinauf. Kocht auch nur mit Wasser.

Die folgende Szene spielt, so erzählt Johannes, in Kana. Da, wo Jesus Wasser zu Wein gemacht hatte, Trübsal in Freude verwandelt. Der Ort wird nicht ganz ohne Bedacht vom Evangelisten erneut als Ort der Handlung gewählt sein. Geht es doch wieder um die Wandlung von Trübsal in Freude.  „Nicht aufgeben zu bitten“ weiterlesen

Vielleicht-Glauben

Johannes 4, 27 – 42

27 Unterdessen kamen seine Jünger, und sie wunderten sich, dass er mit einer Frau redete; doch sagte niemand: Was fragst du?, oder: Was redest du mit ihr?

            Die Geschichte geht weiter. Die Jünger kommen aus der Stadt zurück und wundern sich. Ihr Wundern macht noch einmal das doppelt Ungewöhnliche, vielleicht auch Ungehörige im Verhalten Jesu sichtbar. Er redet mit einer fremden Frau, obendrein dazu noch mit einer Samaritanerin. Aber sie sprechen ihre Irritation nicht aus. Dieses Schweigen und Nicht-Fragen hat Schule gemacht, bis heute: Wir sind es nicht gewöhnt, Jesus, Gott, mit unseren Irritationen zu kommen. Wir glauben allzu oft, dass er nur unsere Zustimmung sucht. Dabei sucht er doch uns!

28 Da ließ die Frau ihren Krug stehen und ging in die Stadt und spricht zu den Leuten: 29 Kommt, seht einen Menschen, der mir alles gesagt hat, was ich getan habe, ob er nicht der Christus sei! 30 Da gingen sie aus der Stadt heraus und kamen zu ihm.

         Die Jünger kommen, die Frau geht. Sie ist so aufgewühlt von diesem Gespräch, dass sie ihren Krug stehen lässt. Dabei ist sie – nach den Erzählungen der Evangelien in guter Gesellschaft. Bartimäus wirft seinen Mantel weg (Markus 10,50), Petrus&Co lassen ihre Boote zurück (Lukas 5, 11), Levi verlässt sein Zollhaus (Markus 2, 14).  Immer wieder führt die Begegnung mit Jesus dazu, dass Menschen ihre seitherigen Sicherheiten preisgeben, alles zurücklassen, weil sie erfüllt sind, neu ins Fragen gekommen, einen neuen Weg vor sich sehen.

Es hört sich viel vorsichtiger an als bei Andreas. Der sagte: Wir haben den Messias gefunden: Bei ihr ist es verhaltener: Seht einen Menschen, der mir alles gesagt hat, was ich getan habe, ob er nicht der Christus sei! Fest steht ihr: Er hat mein Leben durchschaut, mich bis in den Grund meiner Seele. Ein Prophet – das hätte sie sofort unterschrieben. Sagt sie auch selbst. Aber der Christus? Da ist sie eine Fragende. Sie darf es auch sein. Aber immerhin: „Schon diesen „Vielleicht-Glauben“ gibt sie als missionarisches Zeugnis mit der typischen Einladung „Kommt, seht!“ weiter.(J. Heer, Das größere Leben, Bibelauslegung für die Praxis, Stuttgart 1988, S. 50) Wobei die Einschätzung „missionarisch“ die des Exegeten ist. Ich glaube nicht, dass die Frau sich so missionarisch unterwegs sieht.   „Vielleicht-Glauben“ weiterlesen

Ein neue Sichtweise

Johannes 9, 35 – 41

35 Es kam vor Jesus, dass sie ihn ausgestoßen hatten. Und als er ihn fand, fragte er: Glaubst du an den Menschensohn?

       Jesus hört, dass der Geheilte „erledigt“ ist. Ausgestoßen. Nicht mehr Glied am Volk Gottes. Draußen, auf der Straße, wo die Armen und Krüppel und Blinden und Lahmen (Lukas 14,22) sind. Dort sucht er ihn und findet ihn. Es ist das gleiche Finden, ερίσκειν, wie am Anfang des Evangeliums, als Jesus den Philippus findet (1,45).„Jetzt konzentriert sich die Geschichte auf die nunmehr – übrigens für jeden von uns – entscheidende Frage: Wie steht es zwischen Jesus und dem Geheilten?“ (G. Voigt, Licht – Liebe – Leben, Das Evangelium nach Johannes, Göttingen 1991, S. 161)

            Es kann auffallen: Kein Wort des Bedauerns, des Mitgefühls. Auch keine Klage über diese Pharisäer. Stattdessen stellt Jesus ihm die Frage: Glaubst du an den Menschensohn? Eigentlich müsste man schreiben: Du glaubst an den Menschensohn? So betont wird das Du vorangestellt. Damit wird zugleich deutlich: Hier wird nicht Dogmatik abgefragt, sondern gegenwärtiges Vertrauen erfragt. Jetzt, Hier. Und der Titel Menschensohn bezeichnet in dieser Frage keine Größe der Zukunft, sondern „eine gegenwärtig begegnende Gestalt.“ (R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Kritisch-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1957, S. 257)

 36 Er antwortete und sprach: Herr, wer ist’s?, dass ich an ihn glaube.

Der Gefragte spürt: Das ist eine direkte und persönliche Frage, auf die er Antwort finden muss. Er weiß nicht, wer das ist, der Menschensohn. Aber er ist bereit zu glauben. Sich anzuvertrauen. Darin zeigt er sich als einer, der offen ist. Nicht festgelegt wie die Juden mit ihrem Wissen, das sie aus ihrer Tradition schöpfen. Sondern offen dafür, dass ihm die Augen geöffnet werden für den, der der Menschensohn ist. „Ein neue Sichtweise“ weiterlesen

Nur ein jüdischer Mann?

Johannes 4, 15 – 26

15 Spricht die Frau zu ihm: Herr, gib mir solches Wasser, damit mich nicht dürstet und ich nicht herkommen muss, um zu schöpfen!

Das ist die tiefste Sehnsucht: Wasser, das den Durst für immer stillt. Den Lebensdurst. Die Frau spricht mir aus dem Herzen. Und es ist ja nicht oberflächlich: Ich möchte die Mühe des täglichen Brunnenganges los werden. Nein, sie möchte den tieferen Durst stillen können, für den der tägliche Gang zum Brunnen nur ein Bild ist. Wenn die Sehnsucht nach Leben, die Sehnsucht des Lebens, gestillt ist, muss man keine Angst mehr haben, ein Opfer seiner Sucht, seines so oft vergeblichen Suchens zu werden.

16 Jesus spricht zu ihr: Geh hin, ruf deinen Mann und komm wieder her! 17 Die Frau antwortete und sprach zu ihm: Ich habe keinen Mann. Jesus spricht zu ihr: Du hast recht geantwortet: Ich habe keinen Mann. 18 Fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann; das hast du recht gesagt.

            Das ist keine Passage zur moralischen Bloßstellung der Frau. Es geht auch nicht um gescheiterte Beziehungen oder gar um Beziehungs-Unfähigkeit. Mit keiner Silbe wird angedeutet, welches Lebens-Drama sich hinter dieser Männerfolge verbergen mag. Wie viel Erniedrigung und Schmerz. Durch keine Andeutung im Text ist das schroffe Urteil gerechtfertigt: „Sie hat sich über alles hinweg gesetzt und ist zur Dirne geworden.“ (T. Jänicke, Die Herrlichkeit des Gottessohnes, Gelnhausen 1961, S. 63) So moralisch denkt das Evangelium offenkundig nicht!

            Es geht vielmehr um die Sehnsucht des Lebens. Bei der Suche, die Sehnsucht des eigenen Lebens zu stillen, spielt die Suche nach Beziehungen eine herausragende Rolle. Einen Menschen zu haben, dem man sich vertrauen kann. Mit dem man sich freuen kann. Bei dem man sich ausweinen kann. Dieser Durst bleibt ihr ungestillt. Diese Wahrheit ihres Lebens wird von Jesus aufgedeckt: Du hast recht geantwortet: Ich habe keinen Mann. Mit leeren Händen und einem leeren Herzen steht sie da.      „Nur ein jüdischer Mann?“ weiterlesen

Vom Durst nach Wasser des Lebens

Johannes 4, 1 – 14

1 Als nun Jesus erfuhr, dass den Pharisäern zu Ohren gekommen war, dass er mehr zu Jüngern machte und taufte als Johannes 2 – obwohl Jesus nicht selber taufte, sondern seine Jünger -, 3 verließ er Judäa und ging wieder nach Galiläa.

Jesus hält sich in Judäa auf. Sein Wirken bleibt nicht verborgen. Erstmals werden die Pharisäer als Gruppe erwähnt. Zuvor war ja lediglich von Nikodemus als einzelnem Pharisäer die Rede. Sie registrieren, dass der Zulauf zu Jesu sogar den des Täufers Johannes übertrifft. Ob sie das misstrauisch macht, verärgert, besorgt, feindlich gesonnen, verschweigt der Text. Nur so viel sagt er: Jesus weicht vor  ihnen aus nach Galiläa.

Der Evangelist nutzt die Gelegenheit zu einer Klarstellung: Es ist nicht Jesus, der tauft. Seine Jünger taufen. Das ist, trotz Klarstellung,  eine deutliche Differenz zu den anderen Evangelien. Bei ihnen gibt es keine Tauf-Praxis der Jünger Jesu vor Pfingsten.

Die Kommentare schweigen sich zu dieser Differenz unter den Evangelien gerne aus. Wahrscheinlich zu Recht. Weil die Frage nach dem historisch sicher Feststellbaren doch den meisten eher schwierig erscheint. Bis auf zwei Stimmen: „Es liegt kein Anlass vor, die Geschichtlichkeit der Vorgänge, wie der Evangelist sie darstellt, zu bestreiten. Wenn die Jünger die Taufe mit der vollständigen Zustimmung Jesu vollzogen, dann lässt sich am besten erklären, dass sie die ihnen vertraute Taufpraxis sogleich nach Pfingsten wieder aufnahmen  und die für den Glauben Gewonnenen auf den Namen Jesu tauften“ (J. Schneider, Das Evangelium nach Johannes, Theol. Handkommentar zum NT; Berlin 1985,  S. 109) Klaus Berger, ohnehin als Querdenker in Sachen Exegese bekannt, formuliert: „Seine (des Johannes) Notizen über Jesu Taufen sind zuverlässig. Seine Auffassung, dass Jesus zu Lebzeiten auf Erden mit Wasser wie der Täufer getauft hat, ist historisch gesehen gut möglich.“(K. Berger, Im Anfang war Johannes, Stuttgart 1997, S. 152) Manchmal komme ich aus dem Staunen nicht heraus, was Exegeten so alles sicher wissen.   „Vom Durst nach Wasser des Lebens“ weiterlesen