Glauben: ein Bett für die Nacht

  1. Johannes

1 Der Älteste an Gajus, den Lieben, den ich lieb habe in der Wahrheit.

             Ein Brief wie eine Postkarte. In einem Stück zu lesen. Auf den ersten Blick: Kein Gemeindebrief. Einer an einen Einzelnen, an Gajus, mit dem sich der Briefschreiber verbunden weiß.  Wir wissen nicht, welcher Gajus gemeint ist – es ist ein Name, der häufiger im Neuen Testament begegnet, aber nicht bei Johannes. Gajus muss kein „Lieber“ sein, aber er ist ein Geliebter. In Wahrheit. Ist gemeint: wahrhaftig? Das steht so nicht da. In Wahrheit – vielleicht fehlt nur: In der Wahrheit verbunden.

 2 Mein Lieber, ich wünsche, dass es dir in allen Dingen gut gehe und du gesund seist, so wie es deiner Seele gut geht. 3 Denn ich habe mich sehr gefreut, als die Brüder kamen und Zeugnis gaben von deiner Wahrheit, wie du ja lebst in der Wahrheit. 4 Ich habe keine größere Freude als die, zu hören, dass meine Kinder in der Wahrheit leben.

Der Schreiber hat gute Nachrichten empfangen von Gajus. Sein Brief ist eine Antwort auf diese guten Nachrichten. Es geht Gajus gut – nach Leib und Seele. Das ist wohl mehr als seelische Gesundheit. Es geht um sein Leben in der Wahrheit. Davon haben die Brüder erzählt, Zeugnis gegeben: Gajus ist einer, der fest steht im Glauben.

Das ist die Freude des Ältesten: Meine Kinder leben in der Wahrheit. So würden wir nicht reden. Aber wir verstehen es sofort: „Die Gemeinde, in der ich war, ist immer noch auf einem guten Weg.“ – „Wie schön, dass alles weiter gegangen ist, was wir vor Jahren begonnen haben.“ Nicht Eitelkeit, die ja auch ein wenig verständlich wäre. Freude darüber, dass das Evangelium weiter wirkt, lässt solche Sätze sagen. Und eben: Freude empfinden. „Glauben: ein Bett für die Nacht“ weiterlesen

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  1. Johannes 1 – 13

Der Älteste an die auserwählte Herrin und ihre Kinder, die ich lieb habe in der Wahrheit, und nicht allein ich, sondern auch alle, die die Wahrheit erkannt haben, 2 um der Wahrheit willen, die in uns bleibt und bei uns sein wird in Ewigkeit: 3 Gnade, Barmherzigkeit, Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, dem Sohn des Vaters, sei mit uns in Wahrheit und in Liebe!

             Diesmal fängt der Älteste seinen Brief an, wie man in der Antike Briefe anfängt. Er stellt sich vor. Er muss seinen Namen nicht nennen. Es reicht, dass er sich als πρεσβτερος, der Älteste vorstellt. Aus anderen Quellen legt sich der Schluss nahe: Der Presbyter Johannes aus Ephesus hat hier das Wort. Er nennt seine Adressatin, wenn auch nicht mit Ort oder Namen. Die auserwählte Herrin ist eine Anrede, die der Angeredeten Ehre zuerkennt.

„Ehrwählte Herrin ist eine Umschreibung für Kirche bzw. Gemeinde.“ (H. Balz, Die Johannesbriefe, NTD 10, Göttingen 1973, S. 205) Aus der Wendung spricht die Ehrfurcht vor der Gemeinde. Ein Brief, ein Gespräch auf Augenhöhe. Wie anders klingt das gegenüber heute, wo Gemeinde so oft als eng, defizitär, milieu-verengt beschrieben wird und sich so beschimpft fühlt. Engagierte Menschen, die darin nur abwertende Urteile hören können.

Wir wissen nicht, welche Gemeinde so angesprochen wird. Aber es ist deutlich: Der Schreiber schätzt die Gemeinde und ihr Glieder. Sie sind auserwählt. Auch für sie gilt: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibt.“ (Johannes 15,16)  Wer so von Jesus auserwählt ist, dem kommt auch Ehre von den Leuten Jesu zu.

Sie sind geliebt. Von dem Ältesten und allen, die die Wahrheit erkannt haben. Diese Liebe hat ihren Grund in der Wahrheit, die sie miteinander teilen. Die sie verbindet. In der sie bleiben. Das ist eines der Lieblingsworte des Johannes. Geht es ihm doch – darauf weist auch die griechische Form des Wortes μνουσαν hin – immer wieder um die doppelte Wirkung des Bleibens: In der Zeit bei der Gemeinde und in Ewigkeit in der Gemeinschaft mit Gott, dem Vater.

Dann folgt er dem antiken Briefformular mit seinem volltönenden Segenswort. Gnade, Barmherzigkeit, Friede – mehr geht nicht.  Das ist der Lebensraum, in den er die Gemeinde stellt und in dem sich ihr Leben entfalten kann. „Die Gemeinschaft der Glaubenden darf gewiss sein, dass ihr Gnade, Erbarmen, Friede als Inbegriff aller Heilsgaben Gottes auf Dauer geschenkt sind.“ (H-J. Klauck, Der Zweite und Dritte Johannesbrief, EKK XXIII/2; Neukirchen 1992, S. 41) Diese guten Gaben kommen von Gott und von Jesus Christus. Und in der Formel wird präzisiert: Gott ist der Vater und Jesus Christus der Sohn des Vaters. In einer Welt, in der viele Götter verehrt werden, wird so klargestellt, wer hinter  dem Segen steht. „Vertrauens-Werbung“ weiterlesen

Am Ende: Staunen

  1. Johannes 5, 13 – 21

13 Das habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr das ewige Leben habt, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes.

             Es liegt nahe, diese Worte mit dem Schluss des Johannes-Evangeliums in Beziehung zu setzen. „Diese (Zeichen) aber sind geschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen.“ (Johannes 20,31) An die Stelle des Passiv sind geschrieben“ tritt hier: ich habe euch geschrieben.“ Geht es dem Evangelium um Wecken des Glaubens, so geht es dem Briefschreiber um die Vergewisserung im Glauben. Vergewisserung fußt dabei auch auf dem Wissen. Gleich sechsmal wird das Wort wissenοδαμεν verwendet. Eine fast schon liturgisch wirkende Wiederholung.

Man darf es nicht leichtfertig überspringen. Glaube braucht auch ein gewisses Maß an Wissen  „Fides quae creditur, der Glaube, der geglaubt wird, beschreibt Glaubensinhalte und kann und muss gelernt werden. Das Lernen bezieht sich vor allem auf die notitia, also die Glaubenskenntnis.“(B. Hofmann, Erwachsen glauben in: Erwachsen glauben. Missionarische Bildungsangebote als Kernaufgabe der Gemeinde. Dokumentation. Hannover 2008; S. 20) Das alles ist nötig, damit der Glaube nicht an die Gefühle ausgeliefert wird. Alles Wissen des Glaubens bereitet der Vergewisserung den Weg.

14 Und das ist die Zuversicht, die wir haben zu Gott: Wenn wir um etwas bitten nach seinem Willen, so hört er uns. 15 Und wenn wir wissen, dass er uns hört, worum wir auch bitten, so wissen wir, dass wir erhalten, was wir von ihm erbeten haben.

Diese Vergewisserung erzeugt Zuversicht. Freimut. Um Gott zu bitten. Bitten ist ein großes Thema für den ganzen Brief. Es ist ein Zeichen lebendigen Glaubens, die eigene Lebens-Situation, die Lage der Gemeinde und die Schwestern und Brüder vor Gott zu bringen. Das Vertrauen zu Gott äußert sich im Gebet. „Vor Gott haben sie volle Zuversicht, dass er ihre Gebete erhört.“ (H. Balz, Die Johannesbriefe, NTD 10, Göttingen 197, S. 201) In der Gewissheit, dass Beten nicht vergeblich ist, nicht nur Selbst-Gespräch, sondern dass er uns hört und dass wir erhalten, was wir von ihm erbeten haben. Man könnte auch sagen: Beten ist der Ernstfall des Glaubens. Wer aufhört zu beten, hört auch auf zu glauben, mit dem Handeln Gottes in die Welt hinein und ins eigene Leben hinein zu rechnen. „Am Ende: Staunen“ weiterlesen

Das Zeugnis des Vaters

  1. Johannes 5, 6 – 12

6 Dieser ist’s, der gekommen ist durch Wasser und Blut, Jesus Christus; nicht im Wasser allein, sondern im Wasser und im Blut; und der Geist ist’s, der das bezeugt, denn der Geist ist die Wahrheit. 7 Denn drei sind, die das bezeugen: 8 der Geist und das Wasser und das Blut; und die drei stimmen überein.

             Lange ist die Liebe das Thema des Briefes – die Liebe Gottes, die Liebe zu Gott und die Liebe der Christen zueinander.  In diesen Worten jetzt rückt Jesus Christus in die Mitte, die personalisierte Liebe. Es geht darum, ihn zu sehen. Die erste Aussage: Er ist gekommen durch Wasser und Blut. Wasser mag Hinweis auf die Taufe Jesu sein, Blut ist der Hinweis auf das Kreuz. In beidem geht es darum, dass Jesus wahrer Mensch ist, kein Geistwesen. Und zugleich, dass er der Gottessohn ist, von Ewigkeit her. „Allein Jesus, der getauft und gekreuzigt worden ist, ist der Gottessohn.“ (H. Balz, Die Johannesbriefe, NTD 10, Göttingen 1973, s. 197 )

Wenn der Geist das bezeugt, so kann das nur auf das Zeugnis gegenüber den Glaubenden bezogen sein. Er erweckt in den Glaubenden die Gewissheit, dass sie in diesem Gekommenen das Leben haben, dass er der Gesandte Gottes ist, der den Weg zu Gott für sie frei macht.

Die Zusammenfügung von der Geist und das Wasser und das Blut könnte – so sehe ich das –  eine Erinnerung an ihre eigene Taufe sein. „Bei der Taufe wird ihnen der Geist ins Herz gesenkt“. (H-J. Klauck, Der Erste Johannesbrief, EKK XXIII/1; Neukirchen 1991 S. 295) Und er „aktualisiert“, sozusagen im Herzen der Glaubenden, das Zeugnis von Wasser und Blut.  Bestätigt die Tragfähigkeit. Zeigt, dass das die Wahrheit ist, mit der man leben und auf die hin man sterben kann. „Das Zeugnis des Vaters“ weiterlesen

Nicht schwer

  1. Johannes 5, 1 – 5

Wer glaubt, dass Jesus der Christus ist, der ist von Gott geboren; und wer den liebt, der ihn geboren hat, der liebt auch den, der von ihm geboren ist.

             So fängt Johannes gern einmal seine Sätze an. „Wer recht tut, der …“ (2,29), „Wer liebt, der…(4,7)  und hier:  Wer glaubt, der … Und jedes Mal endet der Satz: …der ist von Gott geboren. Es ist die Zusammenschau, die Johannes seiner Gemeinde einprägen will. Glauben und Gerechtigkeit tun und Liebe üben – das alles hat eine gemeinsame Wurzel: Das Sein in Gott. Und er bezeugt dieses Sein in Gott als „Geburt“, also als neue Existenz.

Das Bild von der Geburt knüpft wieder einmal am Evangelium an. „Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.“ (Johannes 3,3) Statt von neuem kann man auch lesen: von oben. Und ist damit ziemlich nahe an der Formulierung hier: der ist von Gott geboren.

            Und wieder bindet Johannes zusammen: Wer so Gott liebt, der wird auch die lieben, die wie er von Gott geboren sind. Seine Brüder und Schwestern. Wer zum Glauben kommt, gehört nicht nur als Kind zu Gott, er gehört auch zu den anderen Glaubenden. Johannes kennt so wenig wie alle anderen Schriften des NT die Solo-Existenz als Christ. Als eine Art Beiklang darf man vielleicht auch mithören: Wer Gott liebt, liebt auch Jesus als den eingeborenen Sohn (4,9) Aber das ist nicht die Hauptrichtung. Die wird ja sofort im folgenden Satz weiter markiert.

2 Daran erkennen wir, dass wir Gottes Kinder lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote halten.

             Ich lese diese Worte als eine Einladung, einmal auf  sich selbst zu schauen: Ihr seht, dass ihr die Kinder Gottes liebt und ihr seht, dass ihr Gott liebt und an seinen Geboten hängt. Darin seht ihr euch als Kinder Gottes, als glaubende und liebende Menschen. Und könnt darüber gewiss werden. Getrost. Ruhig. Gelassen. Solche Vergewisserung des eigenen Glaubens dürfen wir suchen – nicht als Dauersuch-Bewegung, aber ab und an, bevor es zu Krisen kommt.     „Nicht schwer“ weiterlesen