Noch ist alles offen

Johannes 10, 31 – 42

31 Da hoben die Juden abermals Steine auf, um ihn zu steinigen.

Die Antwort der Juden auf das letzte Zeugnis Jesu: Sie wollen ihn steinigen. Hatten sie ihn nicht genötigt, Klartext zu reden, unverschleiert, frei heraus (10,24)? Und jetzt hören sie nur Gotteslästerung. Das zeigt sich daran, dass sie ihn steinigen wollen. Es ist wahr: Sie hören seine Stimme nicht. Die Worte wohl, aber nicht seine Stimme.

 32 Jesus sprach zu ihnen: Viele gute Werke habe ich euch erzeigt vom Vater; um welches dieser Werke willen wollt ihr mich steinigen?

Warum? fragt Jesus. Und konfrontiert sie mit seinen Werken: Wasser ist zu Wein geworden. Der Sohn eines Herodes-Beamten ist gesundet. Ein Langzeitkranker ist auf die Füße gekommen. 5000 Männer  sind satt geworden. Eine Frau, zugegeben: Ehebrecherin, ist vor der Steinigung bewahrt worden. Ein Blinder kann sehen. Welches dieser Werke, die vom Vater her getan sind, ist todeswürdig?

 33 Die Juden antworteten ihm und sprachen: Um eines guten Werkes willen steinigen wir dich nicht, sondern um der Gotteslästerung willen, denn du bist ein Mensch und machst dich selbst zu Gott.

Die Antwort ist eindeutig: Es sind nicht die Werke. Es ist die Gotteslästerung. Seine Gotteslästerung. Auf den Punkt gebracht: Du bist ein Mensch und machst dich selbst zu Gott. Sie scheitern an dem, was sie sehen: Einen Mann aus Nazareth, dessen Familie sie kennen. Und sie können es nicht zusammenbringen mit dem, was er sagt: Ich und der Vater sind eins.

            Es ist ein Scheitern, das ich zutiefst verstehe. Es ist ein Scheitern, dass sich bis heute durchzieht. Wie oft habe ich das gehört, aus dem Mund von Suchenden, Fragenden, aus dem Mund von Leuten, die dem Glauben fremd gegenüber stehen und aus dem Mund von Leuten im Dienst der Verkündigung: „Jesus ist doch auch nur ein Mensch.“ Nicht mehr und nicht weniger. Es ist kein Wunder, wenn wir daran  scheitern.

In der Sprache späterer, aufgeklärter Zeit klingt das so: „Die Religion ist nicht wahr, weil die Evangelisten und Apostel sie lehrten, sondern sie lehrten sie, weil sie wahr ist. Zufällige Geschichtswahrheiten können der Beweis notwendiger Vernunftwahrheiten nie werden.“ (G.E. Lessing) Genau daran scheitern die Juden. Sie sehen einen Menschen, nichts als einen Menschen und sollen es glauben: in ihm ist der ewige Gott auf dem Plan.  „Noch ist alles offen“ weiterlesen

Ich und der Vater – eins

Johannes 10, 22 – 30

22 Es war damals das Fest der Tempelweihe in Jerusalem und es war Winter. 23 Und Jesus ging umher im Tempel in der Halle Salomos.

Jetzt erst, nach der Rede und der Aufregung um sie, wird sie „verortet“.  Im Winter beim Fest der Tempelweihe, im Tempel in Jerusalem. Das Fest der Tempelweihe – heute besser bekannt unter dem Namen Chanukka, Lichterfest – ist ein Erinnerungsfest. Erinnerung an die Wiedereinweihung des Tempels durch Judas Makkabäus im Jahr 165 v. Chr. Zuvor war der Tempel entweiht worden durch Antiochus Epiphanes: Der war einer, der gut in die Reihe der Diebe und Räuber (10,1) passt.

Jesus hält sich wie selbstverständlich im Tempel auf. Ist der Tempel doch „seines Vaters Haus“ (Lukas 2,49), unbeschadet aller Kritik, die er auch am Tempelbetrieb gehabt haben mag. Er geht im Tempel umher. Das ist nicht der neugierige Spaziergang eines Touristen. Das gleiche Wort wird verwendet um zu beschreiben, wie Jesus „auf dem Meer  umhergeht“(6,18). Wie er „in Galiläa umhergeht“(7,1). Es schwingt in diesem Umhergehen immer ein  Suchen mit, die Bereitschaft zu sehen, zu finden, auch Menschen zu finden.

24 Da umringten ihn die Juden und sprachen zu ihm: Wie lange hältst du uns im Ungewissen? Bist du der Christus, so sage es frei heraus.

Es kommt zum Treffen mit den Juden. Sie umringen, umstellen ihn, so dass er nicht ausweichen kann. Sie stellen ihn auch inhaltlich. Sie wollen jetzt eine klare Selbst-Aussage.  Bist du der Christus, so sage es frei heraus. Kein Drumherumreden mehr. Ein Bekenntnis. Ein Selbstbekenntnis. Als ob sie nicht mehr wüssten, was sie früher als Reaktion auf Ich-bin-Worte Jesu wieder und wieder gesagt haben: „Du gibst Zeugnis von dir selbst; dein Zeugnis ist nicht wahr.“ (8,13) Aber nun wollen sie, dass er freimütig Auskunft gibt. Unverhüllt.

Man darf schon fragen: Geht es ihnen wirklich um die Beruhigung der eigenen Seele? Um das Auflösen lähmender Ungewissheiten? Oder wollen sie nicht doch einfach nur  Anklagepunkte sammeln?

Wieder einmal bildet das, was von Jesus und seiner Zeit erzählt wird, wohl auch ab, wie Gespräche zur Zeit der Gemeinde des Johannes laufen.Auch da gibt es die Aufforderung an die Christen: Sage es frei heraus, was mit Christus ist, was du von Jesus glaubst. Παρρησίᾳ. Freimütig. Mutig. Tapfer. Keine Charakter-Eigenschaft, sondern eine Freiheit, die Gott gibt. Sie wird von den Juden gefordert. Sie wird zugleich auch in der Gemeinde gefördert als Ermutigung zum Einstehen für den Glauben, für Christus.   „Ich und der Vater – eins“ weiterlesen

Der gute Hirte

Johannes 10, 11 – 21

11 Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.

            Noch einmal wird das Bild vom Hirten und der Herde aufgegriffen. Und weitergeführt zu einem neuen, zweiten Ich-bin-Wort in dieser Rede. Ich bin der gute Hirte. Diesmal wird das Wort nicht mit einer nachfolgenden Verheißung verbunden: Wer…. der….  Sondern es folgt vielmehr eine Aussage über das Schicksal des guten Hirten. Eine Bestimmung dessen, was diesen Hirten zum guten Hirten macht: dass er sein Leben hingibt für die Schafe.           

Das ist zugleich ein Schritt über das Bild des 23. Psalms hinaus. Da zeigt sich der gute Hirte darin, das er das Leben fördert, dass er schützt, dass er Geborgenheit gibt. Dass er mit durch das dunkle Tal geht und ans Ziel bringt. Hier, im Wort Jesu wird der Blick anders gelenkt: In der Hingabe des Hirten, im Einsatz seines eigenen Lebens zeigt er, dass er der gute Hirte ist.

12 Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht – und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie -, 13 denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe.

Diesem Hirten und seiner Hingabe werden andere gegenüber gestellt. Der Mietling. Lohnarbeiter, Pächter – so lässt sich das Wort μισθωτός  übersetzen, flieht, wenn Gefahr droht. Er bringt sich selbst in Sicherheit und überlässt die Schafe in der Gefahr sich selbst. Ihrem Schicksal. Denn er arbeitet ja nur für Geld. Die Schafe sind ihm nur Mittel zum Zweck. Sie kümmern ihn nicht.

Er hat „keine echte Beziehung zu den Schafen” (S. Schulz, aaO.;, S. 150) Jenseits des Bildes: Er steht nicht ein für die, die ihm anvertraut sind. Er läuft weg, wenn es gefährlich wird. „Der gute Hirte“ weiterlesen

Die Tür zum Leben

Johannes 10, 1 – 10

Es folgt eine Rede, die irgendwie – zunächst – im luftleeren Raum steht. Kein Ereignis vorher, an das die Worte anknüpfen würden, das die Bilder aus dieser Rede nahe legen würden. Es ist, als würde Jesus hier auf einer Bühne stehen, die völlig leer ist. Und in diese Leere hinein sagen und zeigen, worauf es ankommt und wer er ist. Eine Rede, eine Offenbarung. Der Heiland deckt sein Sein und unser Sein auf.

1 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer nicht zur Tür hineingeht in den Schafstall, sondern steigt anderswo hinein, der ist ein Dieb und ein Räuber.

Eine Alltagserfahrung, damals wie heute. Aber eine, die wichtig ist, bedeutsam. Das signalisiert schon das doppelte Wahrlich, wahrlich. „Aufgepasst!“ würden wir heute sagen. „Achtung, goldener Satz!“ sagte ein Lehrer, dem ich viel verdanke. Wer die Tür meidet und irgendwo sonst einsteigt, dem ist nicht zu trauen. Im konkreten Fall, bezogen auf den Schafstall: Er ist jedenfalls nicht der Hirte. Ein Dieb und ein Räuber sagt Jesus. Einer, der sich an fremdem Eigentum vergreift. Was ist daran so bedeutsam? Ist das nicht völlig klar?

Das Bild erklärt sich zunächst einmal aus den Verhältnissen. Es geht nicht um eine leicht zugängliche Schafhürde in der freien Landschaft, sondern um einen im Dorf gelegenen, „mit einer abschließbaren Tür versehenen ummauerten Hof“. (J. Schneider, aaO,; S.199) Zusätzlich gibt es in der Nacht noch einen Türhüter.

Was offen ist, schwerer zu erklären: Wer ist gemeint mit Dieb und Räuber?  Es gibt einen wichtigen Bezugs-Text:Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden?“ (Hesekiel 34,2) Da sind Hirten im Blick, die ihre Aufgabe verfehlen. Weil sie nur an sich selbst denken, nur sich selbst kennen. Aber: Diebe und Räuber werden sie nicht genannt. Die Frage muss also erst einmal offen bleiben.

 2 Der aber zur Tür hineingeht, der ist der Hirte der Schafe. 3 Dem macht der Türhüter auf, und die Schafe hören seine Stimme; und er ruft seine Schafe mit Namen und führt sie hinaus.

Es gibt aber auch den, der durch die Tür kommt. Das ist der Hirte. Dem öffnet auch der Türhüter, der die Herde nachts bewacht. Seine Stimme ist den Schafen vertraut. Er ruft sie – sogar mit Namen. Und führt sie.

Offensichtlich geht es um so etwas wie ein Vertrauensverhältnis zwischen Hirte und Schafen. „Das passt schon.“ – „Alles o.k. zwischen uns“ Die Schafe hören die Stimme, der Hirte ruft die Schafe. Weil er ihre Namen weiß. Sie sind ihm vertraut. Anvertraut. Sonst könnte er sie nicht mit Namen rufen. „Die Tür zum Leben“ weiterlesen

Eine neue Sicht

Johannes 9, 34 – 41

35 Es kam vor Jesus, dass sie ihn ausgestoßen hatten. Und als er ihn fand, fragte er: Glaubst du an den Menschensohn?

            Jesus hört, dass der Geheilte „erledigt“ ist. Ausgestoßen. Nicht mehr Glied am Volk Gottes. Draußen, auf der Straße, wo die Armen und Krüppel und Blinden und Lahmen ( Lukas 14,22) sind. Dort sucht er ihn und findet ihn. Es ist das gleiche Finden, εὑρίσκειν, wie am Anfang des Evangeliums, als Jesus den Philippus findet (1,45).„Jetzt konzentriert sich die Geschichte auf die nunmehr – übrigens für jeden von uns – entscheidende Frage: Wie steht es zwischen Jesus und dem Geheilten?“ (G. Voigt, aaO.; S.161)

            Jesus stellt ihm die Frage: Glaubst du an den Menschensohn? Eigentlich müsste man schreiben: Du glaubst an den Menschensohn? So betont wird das Du vorangestellt. Damit wird zugleich deutlich: Hier wird nicht Dogmatik abgefragt, sondern gegenwärtiges Vertrauen erfragt. Jetzt, Hier. Und der Titel Menschensohn bezeichnet in dieser Frage keine Größe der Zukunft, sondern eine gegenwärtig begegnende Gestalt. (R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Göttingen 1957, S. 257)

 36 Er antwortete und sprach: Herr, wer ist’s?, dass ich an ihn glaube.

Der Gefragte spürt: Das ist eine direkte und persönliche Frage, auf die er Antwort finden muss. Er weiß nicht, wer das ist, der Menschensohn. Aber er ist bereit zu glauben. Sich anzuvertrauen. Darin zeigt er sich als einer, der offen ist. Nicht festgelegt wie die Juden mit ihrem Wissen, das sie aus ihrer Tradition schöpfen. Sondern offen dafür, dass ihm die Augen geöffnet werden für den, der der Menschensohn ist. „Eine neue Sicht“ weiterlesen

Wie siehst Du ihn?

Johannes  9, 24 – 34

24 Da riefen sie noch einmal den Menschen, der blind gewesen war, und sprachen zu ihm: Gib Gott die Ehre! Wir wissen, dass dieser Mensch ein Sünder ist.

Ein neuer Anlauf zur Klärung der Sachverhalte. Diesmal wieder mit dem, der blind gewesen war, und einer eindringlichen Aufforderung an ihn: Gib Gott die Ehre! Fast eine Art Vereidigung: „So wahr mir Gott helfe.“ Darum soll es gehen, dass die Herrlichkeit Gottes – dafür steht ja das Wort δόξα – aufleuchtet. Als ob sie nicht schon in seiner Heilung aufgeleuchtet hätte. Weil in ihr die Werke Gottes offenbar geworden sind.

Auch wenn sie ihn neu befragen – ihr Urteil steht schon fest. Wir wissen, dass dieser Mensch ein Sünder ist. Sie werden also, was immer sie hören, nicht neu hören. Das gibt es nicht nur hier, dass Menschen fragen, fragen, fragen und doch längst nicht mehr offen sind, neu zu hören. Die eigenen Urteile zu revidieren. Sich zu öffnen. Für Antworten, die ihnen nicht passen. Für neue Einsichten.

25 Er antwortete: Ist er ein Sünder? Das weiß ich nicht; eins aber weiß ich: dass ich blind war und bin nun sehend.

Das ist mutig: Das Urteil der „Behörde“ in Fragen zu stellen. Ob ihr Recht habt, steht noch dahin. Sagt er ja mit seiner Frage. „Am Sabbat Teig geknetet“: das ist für euch ein eindeutiger Tatbestand. Für mich ist hier nichts eindeutig.“ (G. Voigt, aaO.; S.160) Und so zieht er sich zurück auf das, was Fakt ist. Dass er blind war und jetzt sehen kann. Wie man das beurteilen soll, mag auf einem anderen Blatt stehen. Aber Fakt ist dieser Wechsel in seiner Lebens-Situation.

 26 Da fragten sie ihn: Was hat er mit dir getan? Wie hat er deine Augen aufgetan? 27 Er antwortete ihnen: Ich habe es euch schon gesagt und ihr habt’s nicht gehört! Was wollt ihr’s abermals hören? Wollt ihr auch seine Jünger werden?

Sie aber, die Pharisäer, die Juden, geben noch nicht auf. Sie wollen ihn zu einer Stellungnahme bringen, „Als könnte – etwa durch einen Selbstwiderspruch des Verhörten – doch noch etwas für Jesus entscheidend Belastendes herausgebracht werden.“ (R. Bultmann, aaO.; S.255) Wenigstens wollen sie ihn dazu bringen, dass er sich positioniert – contra Jesus oder eben pro Jesus. Darum nötigen sie ihn, noch einmal zu erzählen. Was hat er mit dir gemacht? Wie hat er es gemacht? Ihre Anklage hängt ja auch an dem „Wie“, an der Zubereitung des Heil-Breis. „Wie siehst Du ihn?“ weiterlesen

Nachforschungen

Johannes 9, 13 – 23

13 Da führten sie ihn, der vorher blind gewesen war, zu den Pharisäern. 14 Es war aber Sabbat an dem Tag, als Jesus den Brei machte und seine Augen öffnete.

Die Szene verändert sich. Es sind nicht mehr die Nachbarn, die sich wundern. Sondern aus der Geschichte wird ein Vorgang. Er wird aktenkundig gemacht. Man führt den Geheilten zu den Pharisäern. Sie erscheinen wie eine Behörde, die sich jetzt weiter kümmern wird, wie das Geschehen zu beurteilen ist. Wie nachgetragen wirkt die Bemerkung, dass sich alles am Sabbat abspielte. Die Frage ist erlaubt: Findet das, was jetzt erzählt wird, auch an diesem Sabbat statt?

 15 Da fragten ihn auch die Pharisäer, wie er sehend geworden wäre. Er aber sprach zu ihnen: Einen Brei legte er mir auf die Augen, und ich wusch mich und bin nun sehend. 16 Da sprachen einige der Pharisäer: Dieser Mensch ist nicht von Gott, weil er den Sabbat nicht hält. Andere aber sprachen: Wie kann ein sündiger Mensch solche Zeichen tun? Und es entstand Zwietracht unter ihnen.

Nicht die Heilung ist mehr Gegenstand der Diskussion, sondern nur noch ihr Zeitpunkt am Sabbat. Das stellt alles in ein neues Licht. Für die Pharisäer liegt ein Verstoß gegen das Gesetz vor. Den Brei zu machen ist Arbeit. Damit liegt für sie der Fall klar: Der Heiler kann nicht von Gott sein. Wer von Gott ist, hält den Sabbat. Es kommt zur Spaltung, zur Zwietracht, zum Schisma – so im Griechischen: σχίσμα.

An den Zeichen Jesus entsteht – so ist wohl zu lesen – nicht wie von selbst Glauben. Sie können auch Unglauben hervorbringen. Sie weisen auf ihn hin, aber sie erklären ihn nicht automatisch. Es ist auch die Erfahrung der Gemeinde, die sich hier widerspiegelt. Sie erzählt von den Wundern Jesu, aber das führt nicht unbedingt zum Glauben. „Nachforschungen“ weiterlesen

Blind geboren

Johannes 9, 1 – 12

1 Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war.

Jesus geht weiter. In Jerusalem. Durch den Tempelbezirk? Er sieht im Vorbeigehen. Er sieht nicht nur seinen Weg, nicht nur auf seinem Weg. Er sieht nicht weg. Er sieht, was um ihn herum ist. Hier einen Menschen, der blind geboren war. Ausgeschlossen aus der Umwelt. Abgeschlossen vom Licht. Eingeschlossen in das Dunkel. Von Anfang an.

2 Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Meister, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist?

            Seine Jünger sehen den Blinden auch. Und fragen. Stellen eine Erörterung an – ganz Kinder ihrer Zeit. Meister, wer hat gesündigt? Es gibt nicht so viele Möglichkeiten. Entweder er oder die Eltern. Denn das ist ihnen klar: Von selbst kommt so etwas nicht. Darin sind sie Kinder ihrer Zeit, Zeitgenossen der ganzen Antike. Jede Wirkung hat eine Ursache. Jedes Ergehen kommt aus einem vorherigen Tun. So ist die Welt geordnet.

Diese Auffassung ist weit davon entfernt, Gott als Akteur hinter jedem Unheil zu verstehen. Aber der Lebenszusammenhang, der sich hier auswirkt, ist von Gott gesetzt. Es gibt keine neutralen Gesetzmäßigkeiten im Denken der alten Welt – ob bei Juden oder Heiden. In den Gesetzmäßigkeiten der Welt ist Gottes Willen am Werk.

Wir wehren uns gegen so ein Denken. Heftig. Bis in die Sprache des Kommentars. „Die Jünger sind  hier noch der schärferen, wenn auch absurden Auffassung, dass die Kinder für die Sünden der Eltern bestraft werden. In jeder Krankheit erscheint die strafende und vergeltende Gerechtigkeit Gottes, das ist die Konsequenz jeder Gesetzes-Frömmigkeit.“ (S. Schulz, aaO.; S.141)  Man kann den Zorn des Schreibers in den Worten spüren.

Nur: Ist uns das alles so fremd? Ich sehe im Fernsehen einen Bericht über Säuglinge, die drogensüchtig auf dem Welt kommen. Ihr Zucken, ihr Beschädigt-sein wird beschrieben. Ihre gefährdete Existenz vorgeführt. Und die Stimme im Film lässt keinen Zweifel: Diese Kinder bezahlen für den Drogen-Konsum der Mutter. „Blind geboren“ weiterlesen

Mehr als Abraham

Johannes  8, 46 – 59

46 Wer von euch kann mich einer Sünde zeihen? Wenn ich aber die Wahrheit sage, warum glaubt ihr mir nicht? 47 Wer von Gott ist, der hört Gottes Worte; ihr hört darum nicht, weil ihr nicht von Gott seid.

Das hört sich nach einer rhetorischen Frage an. Wer von euch kann mich einer Sünde zeihen? Keiner – antwortet die Christenheit. „Wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde.“ (Hebräer 4,15) Dass Jesus einer ist wie wir, Mensch unter Menschen ist die eine Wahrheit. Dass er in seinem Mensch-sein nie vom Vater getrennt ist, nie seinem Willen den Raum und das Recht nimmt, die andere Wahrheit.  Wenn er aber das sagt, findet er keinen Glauben. Seine Zuhörer sehen in ihm nur diesen Galiläer. Und hören seine Worte nicht als das, was sie in Wahrheit sind. Gottes Worte. Sie hören nur den,von dem sie sagen: er ist ja nicht einmal ordentlich als Rabbi ausgebildet.

 48 Da antworteten die Juden und sprachen zu ihm: Sagen wir nicht mit Recht, dass du ein Samariter bist und einen bösen Geist hast?

Darum beschimpfen sie ihn auch. Samariter – das ist hart. Schlimmer als „Saupreuße“ oder „Ossi“ oder „Besser-Wessi“. Das ist „Du Jud’“ im Dritten Reich. Abqualifizierung. Häme und Verachtung. Genau wie der Vorwurf: besessen. Du hast eine bösen Geist. Einen Dämon. Du bist nicht ganz sauber heißt das heute. Sie sind nicht zimperlich. Vielleicht darin ein Echo auf Jesu Angriff: „Ihr habt den Teufel zum Vater.“ (8,44) Man kann auf die Idee kommen: Wie man in den Wald ruft, so schallt es heraus. Jedenfalls ist das kein Dialog, der unseren Standards von Höflichkeit und wechselseitiger Achtung zu entsprechen scheint.

„Rabbinische Texte aus der Zeit nach Jesus beschreiben Jesus als Zauberer, als Verführer, als Ketzer, als Götzendiener, als Samaritaner, als Besessenen. Der Evangelist kennt solche Verunglimpfungen Jesu offenbar aus eigenem Erleben, wohl noch zur Zeit der Abfassung des Evangeliums.“ (G. Voigt, aaO.; S.151)

 49 Jesus antwortete: Ich habe keinen bösen Geist, sondern ich ehre meinen Vater, aber ihr nehmt mir die Ehre. 50 Ich suche nicht meine Ehre; es ist aber einer, der sie sucht, und er richtet. 51 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hält, der wird den Tod nicht sehen in Ewigkeit.

Fast hilflos kommt einem Jesus in seiner Antwort vor. Er beteuert, was er oft beteuert: Ich suche nicht meine Ehre, die ihr mir nehmen wollt. Jesus „sucht nicht seine Ehre – ein Wort, dass der Evangelist fast bis zum Überdruss seinen Lesern und allen Ungläubigen vorsetzt ( 5,23; 41, 44; 7,18) Allein der Vater will, dass der Sohn geehrt wird.“(S. Schulz, aaO.; S.138) Ob die Juden das hören können: Es geht nicht um mich, darum, dass ich gut da stehe. Es geht um Gott, den Vater und seine Ehre. Das allein ist Jesu Anliegen. Er aber, der Vater, wird für meine Ehre einstehen. Das weiß der Mann aus Nazareth. „Mehr als Abraham“ weiterlesen

Erschreckend!

Johannes  8, 37 – 45

37 Ich weiß wohl, dass ihr Abrahams Kinder seid; aber ihr sucht mich zu töten, denn mein Wort findet bei euch keinen Raum. 38 Ich rede, was ich von meinem Vater gesehen habe; und ihr tut, was ihr von eurem Vater gehört habt.

Jesus setzt seine Rede fort. Seine Zuhörer kommen nur noch als „Stichwortgeber“ zum Zuge.  Ja, sie beanspruchen, Abrahams Kinder zu sein. Aber das ändert nichts an ihren Mordplänen. Weil sie Jesu Worten und damit ihm selbst keinen Raum, heißt keine Gültigkeit geben wollen. Jesus bleibt bei dem Gedanken Vater – vom Vater Abraham kommt er zu seinem Vater – und zu ihrem Vater.

            Und wechselt wieder hin und her: Ich rede – was ich gesehen habe. Ihr tut, was ihr gehört habt. Man müsste es ja anders erwarten: Ich rede, was ich gehört habe. Ihr tut, was ihr gesehen habt. Im Kern aber geht es um den einen Gedanken: Um das Empfangen des eigenen  Weges in Worten und Taten vom Vater.

Fast wie im Sprichwort: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Es ist der Vater, der ausschlaggebend ist für den Weg der Kinder. Des Sohnes. Das sind Lebensgesetze, die sich  im Lauf der Menschheitsgeschichte heraus kristallisiert haben. Und das Evangelium hebt solche Gesetzmäßigkeit nicht automatisch auf. Solche Gesetzmäßigkeit mag schicksalhaft sein. Aber sie ist nicht deterministische Festlegung für immer und ewig. Sie entschuldigt nichts.

 39 Sie antworteten und sprachen zu ihm: Abraham ist unser Vater. Spricht Jesus zu ihnen: Wenn ihr Abrahams Kinder wärt, so tätet ihr Abrahams Werke.

Es ist – wie so oft – kein Zufall, welche Worte Johannes wählt. In V.37 steht für Abrahams Kinder σπέρμα. Sperma. Samen. Es geht um biologische Abstammung. In V.39 verwendet Johannes für die Wendung „Kinder Abrahams“ das Wort  τέκνα. Aber sie tun nicht, was der Kindschaft entsprechen würde.

Hinter diesem Wortwechsel meldet sich ein Wissen: Es ist nicht der Same, der zu Kindern macht. Es ist das soziale Miteinander, der Lebenskontakt, das Tun, das bei dem Vater gesehen und gelernt worden ist. Vaterschaft ist auch Biologie, aber vor allem ist es Verantwortung und Einführung in das Leben.

Das aber ist das Defizit, das sich bei den Juden zeigt. Sie sehen an Abraham nur den Gesetzestreuen, nur den Mann des Gehorsams gegen das Gesetz. Aber sie sehen nicht den Glaubenden, der sich im Gehen des Weges Gott anvertraut. Darum lernen sie das nicht vom Vater Abraham.        „Erschreckend!“ weiterlesen