Ein Brief wie eine Postkarte

3. Johannes

1 Der Älteste. An meinen Freund Gaius, den ich liebe, weil wir durch die Wahrheit verbunden sind. 2 Mein Lieber, ich wünsche dir, dass du gesund bist und dass es dir an Leib und Seele gut geht.

Ein weiterer Brief des Ältesten. πρεσβτερος An Gaius – einen Freund, dessen Name nicht auf jüdische Herkunft schließen lässt. Der Satz lässt auf herzliche Verbundenheit schließen, auf Nähe. Es fällt auf, dass jeglicher Gruß fehlt. Weil die beiden so vertraut miteinander sind? Weil wichtiger als jeder Gruß die Zusammengehörigkeit in der Wahrheitν ληθείᾳ – ist.  Gemeint ist trotz dieser Kürze vermutlich: In der Wahrheit des Glaubens. Der zweite Satz nach der Anfangszeile hat den Klang eines Privatbriefes. Gute Wünsche für Leib und Seele. Gesundheit.

 3 Ich habe mich sehr gefreut, denn die Brüder kamen zurück und haben mir berichtet: Du hältst an der Wahrheit fest und richtest dein Leben ganz nach ihr aus. 4 Nichts freut mich mehr, als zu hören, dass meine Kinder ihr Leben in der Wahrheit führen.

Es gibt ein hin und Her an guten Nachrichten. Es gibt Brüder, die Gutes über Gaius berichtet haben. Er folgt in seinem Leben konsequent der erkannten Wahrheit des Glaubens. Ob man aus der Wendung „mein Kinder“ schließen darf, dass Gaius durch den Ältesten zum Glauben gefunden hat, lässt sich nicht sicher erschließen. Es ist auch ohne diese Klarheit ein schöner Gedanke: es ist ein wohltat vom Glauben der Geschwister zu hören. Erst recht, wenn in schwierigen Zeiten solche Nachrichten überbracht werden. Die Brüder haben dem Ältesten mit ihrer Nachricht gut getan, eine große Freude bereitet. „Ein Brief wie eine Postkarte“ weiterlesen

Nicht in den Anfängen stecken bleiben

  1. Johannes 7 – 13

7 Denn es sind viele in dieser Welt unterwegs, die andere verführen wollen. Sie behaupten, dass Jesus Christus nicht als Mensch aus Fleisch und Blut gekommen ist. Solche Leute sind Werkzeuge des größten Verführers und Widersacher von Christus.

  Es sind Worte, die irgendwie zeitlos wirken können. Weil sie ja immer stimmen. Es ist zu aller Zeit auch Zeit der Rattenfänger. Nur: Gegen wen richten sich die Worte hier? Es könnte sein, sie richten sich gegen Menschen, die von außen Einfluss auf die Gemeinde und ihr Bekenntnis nehmen wollen – aus dem jüdischen Umfeld der Gemeinde. Die bestreiten, dass dieser Mensch aus Fleisch und Blut, Jesus, der Christus Gottes ist. Dann wären diese Worte Teil einer Auseinandersetzung mit denen draußen.

Was aber, wenn sie Hinweis auf innergemeindliche Auseinandersetzung sind?  Es ist nicht sonderlich viel Phantasie nötig, um darauf zu kommen: wenn dieser Brief wirklich in die Zeit um das Jahr 50 n. Chr. zu datieren ist, auch nur kurz danach – das ist eine Zeit, in der die Ausbildung eines gemeinchristlich verbindlichen Bekenntnisses noch nicht abgeschlossen ist. Da gibt es noch vielfältige Versuche, zu verstehen und ins Bekenntnis zu fassen, was es mit Jesus als dem Christus auf sich hat. Trifft das zu, dann sind diese Worte eine schwere Belastung für das innergemeindliche Gespräch. Sie stempeln die, die nicht auf der Linie des Briefschreibers ab – Werkzeuge des größten Verführers und Widersacher von Christus. πλνος κα ντχριστος. Wörtlich: Wer so tickt, der „ist der Verführer und Antichristus.“ (Luther 2017) Nicht nur ein Werkzeug.  Mit solchen Leuten kann es kein Gespräch geben, nicht einmal den Versuch, eine Gesprächsbasis zu finden. „Nicht in den Anfängen stecken bleiben“ weiterlesen

Glauben – eine Form zu leben

  1. Johannes 1 – 6

 1 Der Älteste. An die von Gott erwählte Herrin und ihre Kinder, die ich wahrhaftig liebe.

Folge ich Klaus Berger, 2021 verstorben, so habe ich hier das älteste „Dokument“ aus dem Umfeld der christlichen Gemeinden vor Augen. Um das Jahr 50 n Chr. geschrieben. Von Wem? Der Autor stellt sich vor: Der Älteste. πρεσβτερος. Das klingt nach Titel und auch so, als müssten die Angeschriebenen nicht überlegen, wer dahinter steckt.

 Angeschrieben ist die von Gott erwählte Herrin und ihre Kinder. Eine Gemeinde, so übertrage ich. Es ist eine Anrede, die Ehrfurcht atmet, nicht nur durch das Wort Herrin. Sondern mehr noch durch die Überzeugung: von Gott erwählteκλεκτῇ. Es liegt nahe, hinter diesem erwählt Gott zu sehen – der griechische Text sagt das nicht. Was er aber zweifelsohne zeigt, ist eine herzliche Zuneigung des Schreibenden zu dieser Gemeine. Ihren Kindern.

Nicht nur ich liebe sie, sondern es lieben sie alle, die die Wahrheit erkannt haben. 2 Diese Wahrheit bleibt in uns, und sie wird in Ewigkeit bei uns sein. 3 Gnade, Barmherzigkeit und Frieden werden bei uns sein – geschenkt von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, dem Sohn des Vaters. Genauso werden auch Wahrheit und Liebe bei uns sein.

 Es ist keine Liebe im Alleingang. Der Älteste weiß sich in seiner Liebe in Übereinstimmung mit allen, die die Wahrheit erkannt haben. Darin sind sich Briefschreiber und Briefempfänger einig – sie teilen diese Wahrheit, wir heute würden wohl sagen: diese Überzeugung. „Sie ist für uns ein fester, bleibender Halt.“ (K. Berger/ C. Nord, Das neue Testament und frühchristliche Schriften, Frankfurt 1999, S. 37) „Glauben – eine Form zu leben“ weiterlesen

Sei wachsam

  1. Johannes 5, 13 – 21

 13 Dies alles habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst: Ihr habt das ewige Leben. Denn ihr glaubt an den Sohn Gottes.

Es geht um Gewissheit. Es geht um Zuversicht. Es geh um die Stärkung des Glaubens. Es geht um Wirkungen im Leben und Glauben der Lesenden. Sie sollen nicht in irgendeiner kirchlichen Lehre unterwiesen werden. Sondern sie sollen festen Boden unter die Füße bekommen. Glaubensgewissheit. Einen Halt im Leben und im Sterben.

14 So können wir uns voller Zuversicht an Gott wenden. Denn er hört uns, wenn wir ihn um etwas bitten, das seinem Willen entspricht. 15 Wir haben also die Gewissheit, dass er uns hört, wenn wir ihn um etwas bitten. Und das gibt uns auch die Gewissheit, dass wir erhalten, worum wir ihn gebeten haben.

Der Glaube an den Sohn bereitet den Weg zu einer zuversichtlichen Hinwendung zu Gott. Zu einem Beten, das kein Blatt vor den Mund nimmt. Darum einmal mehr das Wort παρρησα. Gleich viermal im ganzen Brief – Gott will Glaubende, die sich trauen, zu ihm zu rufen.  Die erwarten und damit rechnen, dass ihr Beten nicht in einen leeren, verschlossenen Himmel geht, nicht auf taube Ohren Gottes trifft, sondern ein Echo findet. Er hört uns, wenn wir ihn um etwas bitten.

Das ist eine Dauerfrage des Glaubens. Ist Beten denn mehr als ein Selbstgespräch, mehr als gute Worte für eine aufgeregte Seele, für sich selbst? „Was hilft ein Gebet, wenn man seelisch und körperlich „heil“ erden möchte? … Es hat Theologen gegeben, die das Bittgebet aufgeben wollten. Sie meinten, das Bittgebet sei nur der Versuch, Gottes Willen zu beugen und ihn für die eigenen Zwecke einzuspannen…. Das Glück des Betens besteht weniger darin, dass Bitten erhört werden, als eher darin, dass sie überhaupt gehört werden, dass also Seele und gott in Kontakt treten und sich gegenseitig verstehen.“ (J. H. Clausen, Einmal bitte Hilfe von oben, in Anders Handeln, Hamburg 1/2022, S. 53) „Sei wachsam“ weiterlesen

Was alles ein Zeugnis ist

  1. Johannes 5, 6 – 12

 6 Jesus Christus ist zu uns gekommen durch das Wasser seiner Taufe und das Blut seines Todes. Er ist nicht nur durch das Wasser zu uns gekommen, sondern durch das Wasser und das Blut. Dies bezeugt der Geist, und der Geist sagt die Wahrheit. 7 Es gibt also diese drei Zeugen – 8 den Geist, das Wasser und das Blut. Und diese drei stimmen überein.

 Das ist ein Rückgriff auf das Geschehen in der Gemeinde. Auf Gottesdienst-Praxis. Sie, die den Brief lesen, sind getaufte Leute. Sie haben gehört, vielleicht nicht mit diesen Worten, aber sinngemäß: „Oder wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, auf dass, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, so auch wir in einem neuen Leben wandeln. (Römer 6, 3-4) Das ist gemeinchristliche Lehre, damals, heute. Die Taufe ist die Zueignung des Heils. Sie ist der Anfang der Lebensverbindung mit Jesus. Dies bezeugt der Geist, und der Geist sagt die Wahrheit. Das ist tragfähige, belastbare Wahrheit.

            Es ist ein Rückgriff auf die Zeugenregel Israels. Damit Das Zeugnis vor Gericht anerkannt wird, braucht es eine Bestätigung aus dem Mund von wenigsten zwei, die für die Wahrheit des Gesagten einstehen. Hier aber sind es sogar drei Zeugen.  Zeugen allerdings, die in unsern Augen heutzutage nichts gerichtsfähig sind. Geist, Wasser und Blut. Das reicht allenfalls für einen Indizienbeweis. Aber diese Argumentation hat eine eigene Plausibilität für sich: Die Lesenden kennen diese Regel und sie haben die Erfahrung der eigenen Taufe. „Was alles ein Zeugnis ist“ weiterlesen