Seht – der Mensch!

Johannes 19, 1 – 16a

1 Da nahm Pilatus Jesus und ließ ihn geißeln. 2 Und die Soldaten flochten eine Krone aus Dornen und setzten sie auf sein Haupt und legten ihm ein Purpurgewand an 3 und traten zu ihm und sprachen: Sei gegrüßt, König der Juden!, und schlugen ihm ins Gesicht.

            Ist das der Anfang vom Ende Jesu? Er wird zum Gegenstand, der genommen wird. λαμβάνωnehmen, ergreifen, packen, rauben“ (Gemoll, aaO. S. 464). Jesus wird ganz und gar Objekt fremden Handelns, in fremden Händen. Geißeln ist „eine brutale Folter, die häufig zur Erpressung von Geständnissen angewandt wurde und von der römische Bürger ausgenommen waren.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 283) Geschlagen, bis die Knochen blank liegen. Viele sterben schon unter dieser Prozedur. Wenn Pilatus hier anordnet, dass Jesus gegeißelt wird, dann muss das für die jüdischen „Prozessbeobachter“ wie ein Richtspruch wirken: Schuldig!

Und die Spielchen der Soldaten sind auch nicht so, dass man dem Angeklagten noch viel Lebenszukunft zugestehen würde. Sie verspotten ihn – und mit ihrem Spott Sei gegrüßt, König der Juden! verspotten sie zugleich das jüdische Volk mit. Was ist das für ein Volk, dessen „König“ so zur Schau gestellt werden kann. Es ist eine rohe Persiflage, die sie da aufführen.

Mich wundert ein bisschen, dass Kommentare fast wie mit einer Stimme diese grausame Misshandlung Jesu als einen letzten Rettungsversuch des Pilatus interpretieren. Sie sagen, er lässt ihn so zurichten, um Mitleid zu erregen. „Mitleid soll die Ankläger veranlassen, von ihrem Ansinnen abzustehen.“ (G. Voigt, aaO. S. 263) Als ob es nicht gelten würde, dass man sich solche Elendsgestalten erst recht schleunigst aus den Augen schaffen will!

4 Da ging Pilatus wieder hinaus und sprach zu ihnen: Seht, ich führe ihn heraus zu euch, damit ihr erkennt, dass ich keine Schuld an ihm finde. 5 Und Jesus kam heraus und trug die Dornenkrone und das Purpurgewand. Und Pilatus spricht zu ihnen: Seht, welch ein Mensch!

Jetzt steht der Römer vor der Menge und lässt den Gefolterten vorführen. Ich finde keine Schuld an ihm. Wie zynisch ist das. Fertiggemacht, aber schuldlos. Der ganze Vorgang – eine Karikatur des „Rechtsstaates Rom“, der Pax Romana. Wie man diese Darstellung als Versuch einer Entlastung Roms lesen kann, erschließt sich mir nicht.

Aber in der Darstellung des Johannes ist ein wichtiger Punkt erreicht: Dieser da, fertig gemacht, verhöhnt, erniedrigt – dieser ist der Mensch. ҅Ο άνθρωπος. „Siehe – der Mensch“ so kann man übersetzen. Oder eben auch wie Luther:  Seht, welch ein Mensch! Und hört im Hintergrund mit, was Johannes zu Anfang geschrieben hat: „Das Wort ward Fleisch.“ (1,14) Das ist die „extremste Konsequenz“(R. Bultmann, aaO. S. 510) der Fleischwerdung, der Inkarnation, von Weihnachten! Und der so da steht, hingestellt, zur Schau gestellt  ist der König der Wahrheit (18,37). Aber zu sehen ist eben nur ein Mensch.

So lesen die Leser*innen  des Johannes-Evangeliums. Dieses Bild des Gottessohnes malt der Evangelist vor ihren Augen. „Das Entsetzen, das der Joh.evangelist in ihnen auslöst, in dem er sie dessen „Haupt voll Blut und Wunden“ anschauen lässt, soll ihren Glauben prüfen: ob sie in diesem Jesus den Sohn Gottes; in dieser Realistik seines Leidens das Lamm Gottes;  in dem hier sichtbar werdenden Beginn des Sieges seiner Feinde den Sieg Gottes über die Welt und in dem hier sich bereits abzeich56tnenden Tod am Kreuz die Erhöhung des Sohnes zum Vater zu schauen vermögen?“ (U. Wilkens, aaO. S. 284) Wie von selbst steht da die Frage:  Was sehe ich? „Nur“ eines der zahllosen Opfer in Gewalt? Oder das eine Opfer, das die Liebe durchhält und so alles wendet?

 6 Als ihn die Hohenpriester und die Knechte sahen, schrien sie: Kreuzige! Kreuzige! Pilatus spricht zu ihnen: Nehmt ihr ihn hin und kreuzigt ihn, denn ich finde keine Schuld an ihm.

Ekel und Hass statt Mitleid. Ein Anblick, den man nicht mehr ertragen will. Es mag auch die Wut über die Erniedrigung des eigenen Volkes sein, die hier die Hohenpriester und die Knechte so schreien lässt. Sie sind ja nicht blind und sehen, wie der Römer sie verhöhnt mit diesem Elendskönig. Darum: Kreuzige! Kreuzige! Sie wollen sein Mitleid nicht. Nicht für diesen da. Diesen Menschen.

Und Pilatus macht einen Vorschlag, der unsinnig ist von Anfang an. Nehmt ihr ihn hin und kreuzigt ihn. Als ob die Juden das dürften. Als ob ein römischer Kommandant ernsthaft zulassen würde, dass Juden sich römisches Recht anmaßen. Es ist ein zynischer Vorschlag, so wie es auch ein zynisches Urteil ist: Ich finde keine Schuld an ihm. Sagt er doch damit nicht weniger als: Ich habe einen Unschuldigen fertig machen lassen, in einen rohen Klumpen Fleisch verwandeln lassen, einfach so. Was liegt daran. Es ist ja nur ein Mensch.

Von Sympathie für den römischen Staat lese ich in diesen Worten des Johannes nichts. Auch nichts vom Versuch, Pilatus von seiner Verantwortung freizusprechen. Vielmehr sehe ich ein menschenverachtendes System mit menschenverachtenden Beamten am Werk.

 7 Die Juden antworteten ihm: Wir haben ein Gesetz und nach dem Gesetz muss er sterben, denn er hat sich selbst zu Gottes Sohn gemacht.

            Es ist nicht die amorphe Menschenmenge, όχλος, von der die Synoptiker reden, wenn sie von den Juden erzählen, die den Tod Jesu fordern. Hier, vor dem Palast des Pilatus stehen rechtskundige Leute. Keine fanatisiert schreiende Meute, sondern die Führungs-Schicht, die das Sagen hat.

Und sie wechseln nun das Thema. Kein Wort mehr von Aufruhr, politischen Umtrieben. Die Anklage bekommt einen neuen Punkt: Er hat sich selbst zu Gottes Sohn gemacht. Das aber ist Gotteslästerung – und für Gotteslästerer verlangt das Gesetz die Todesstrafe. „Wer des HERRN Namen lästert, der soll des Todes sterben; die ganze Gemeinde soll ihn steinigen.“ (3. Mose 24,16) So soll also der Römer der Arm des jüdischen Gesetzes werden.

8 Als Pilatus dies Wort hörte, fürchtete er sich noch mehr 9 und ging wieder hinein in das Prätorium und spricht zu Jesus: Woher bist du? Aber Jesus gab ihm keine Antwort.

Warum greift jetzt die Furcht nach Pilatus, mehr als zuvor? Hat er durchschaut, wie er instrumentalisiert werden soll?  Oder packt ihn eine Scheu, ähnlich wie bei der Schar (18,3), die Jesu verhaften sollte und vor ihm zurück wich? Jedenfalls: Jetzt fragt er erstmals wirklich seinen Gefangen, diesen zusammengeschlagenen Menschen. Woher bist du? Keine Frage nach dem Heimatort, sondern nach der Herkunft hinter der Herkunft! Nach dem Geheimnis hinter diesem Menschen. „Stammst du von Menschen ab, oder bist du göttlichen Ursprungs?“ (J. Schneider, aaO. S. 305) Und Jesus schweigt.

10 Da sprach Pilatus zu ihm: Redest du nicht mit mir? Weißt du nicht, dass ich Macht habe, dich loszugeben, und Macht habe, dich zu kreuzigen? 11 Jesus antwortete: Du hättest keine Macht über mich, wenn es dir nicht von oben her gegeben wäre. Darum: der mich dir überantwortet hat, der hat größere Sünde.

Es hört sich ein wenig beleidigt an. Weißt du nicht, wie abhängig du von mir bist? Dein Leben liegt in meiner Hand. Jetzt antwortet Jesus. Jetzt ist es Zeit, die Stunde, um klar zu stellen: Du, Pilatus, spielst nur eine Rolle. Du bist kein Akteur mit eigener Macht. Und dann – pure Ironie, wie Johannes hier schreibt: Deine Macht ist von oben. Sagt der, der selbst von oben ist (3,31).Es ist mehr als nur eine Relativierung der Macht des Pilatus: Du bist nicht so frei, wie du glaubst. Es ist auch die Deutung; Du bist Werkzeug für einen Weg, der von oben her bestimmt ist, aus dem Himmel. Was hier und jetzt geschieht, geschehen wird, folgt nicht der Logik der Welt, entspringt auch nicht der Macht des Bösen. Es folgt dem Heilswillen Gottes – von oben. „Im Sterben am Kreuz soll die Sendung des Sohnes Gottes vollendet werden. (U. Wilkens, aaO. S. 287)

Wahrheit über den Staat aus dem Mund eines Ohnmächtigen! Jesus fordert Pilatus so ein letztes Mal heraus: Tust du, was deines Amtes ist, dann wirst du mich nicht verurteilen können oder tust du, was „man“ von dir will und wirst so zum Werkzeug des Hasses und der Blindheit? Dann aber wandelt sich auch deine Macht. Sie wird dann in Wahrheit zur Macht aus den Händen des Fürsten dieser Welt. Der nicht im Vordergrund, auf der Bühne des Palastes zu sehen ist – der hat größere Sünde.

12 Von da an trachtete Pilatus danach, ihn freizulassen.

Hat Pilatus verstanden? Ich weiß es nicht. Ich höre nur in seinem Trachten eine Suche nach einem Ausweg. Ein Trachten, das keine Folgen hat. Ein hilfloses Wollen. Absichten, die Absichten bleiben. Ein blödes Gefühl in der Magengegend. Aber nichts, was ihn wirklich anders handeln lässt.. πολῦσαι – „losmachen, sich von etwas trennen, sich losmachen, sich befreien.“(Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- u. Handwörterbuch, München 1957, S. 105) Es könnte sein, dass er einfach nur diesen Fall Jesus loswerden will und sei es um den Preis, dass er ihn laufen lässt. Ich lese also: Von da an trachtete Pilatus danach, ihn los zu werden. Ein tieferes Interesse an seinem Gefangenen  Jesus, gar Motgefühl, Empathie, höre ich auch hier nicht.

Die Juden aber schrien: Lässt du diesen frei, so bist du des Kaisers Freund nicht; denn wer sich zum König macht, der ist gegen den Kaiser.

Und da ist diese Menge, die schreit – und jetzt die Ängste des Pilatus trifft. Du spielst mit deiner Karriere, verlierst jede Loyalität von oben (!), wenn du einen frei-lässt, der den Thron beansprucht. Jetzt wird wieder die politische Karte ausgespielt. Das Netz von Verbindungen. Wir haben auch Menschen, die das Ohr des Kaisers erreichen. Wird Pilatus so an seine prekäre, instabile Position nach dem Tod seines Gönners Sejan erinnert?

13 Als Pilatus diese Worte hörte, führte er Jesus heraus und setzte sich auf den Richterstuhl an der Stätte, die da heißt Steinpflaster, auf Hebräisch Gabbata. 14 Es war aber am Rüsttag für das Passafest um die sechste Stunde.

Der Evangelist wird zum Bericht-Erstatter. Mit wenigen Worten skizziert er die letzte Szene des Tribunals. Ort und Zeit werden benannt. Es ist kurz vor der Schlachtung der Lämmer im Tempel für das Passafest. Jetzt geht es nur noch um das eine „Lamm“ (1,29) Pilatus setzt sich – ein Richterspruch wird folgen.

Und er spricht zu den Juden: Seht, das ist euer König!

            Er muss gar nicht mehr auf den Angeklagten, den Gegeißelten, den Gefolterten zeigen. Seine Worte reichen: Seht, das ist euer König! Im Griechischen fast wörtlich parallel zu: „Seht, welch ein Mensch.“(19,4) Und wieder klingt es wie Hohn aus dem Mund des Römers und muss für die Juden vor seinem Richterstuhl wie Hohn klingen: So gehen wir mit einem um, der euer König ist. Ein Nichts für uns Römer.   

15 Sie schrien aber: Weg, weg mit dem! Kreuzige ihn! Spricht Pilatus zu ihnen: Soll ich euren König kreuzigen? Die Hohenpriester antworteten: Wir haben keinen König als den Kaiser.

Jetzt wird das ganze Theater auf die Spitze getrieben. Es ist ein demagogisches Spiel mit den Emotionen, das Pilatus spielt. Kein Versuch, Jesus zu retten, sondern nur einer, der das Volk reizt, über alle Maßen und alle Tradition hinweg reizt. „Der erpresste Pilatus rächt sich mit Spott“ (J. Heer, Das größere Leben, Bibelauslegung für die Praxis, Stuttgart 1988, S. 134): Soll ich euren König kreuzigen? Was sollen sie sagen auf seine Frage? Es ist doch am Tage, dass mit dieser Frage Unterwerfung, gänzliche Preisgabe  der eigenen Identität im Spiel ist.

Prompt kommt die Antwort: Wir haben keinen König als den Kaiser. Schreien nicht irgendwelche Spinner, Fanatiker, Dummköpfe, sondern es ist die Antwort der Hohenpriester. Der Leute, die die Schriften kennen, die Schriften hüten. Der Leute, die es inwendig und auswendig gelernt haben:

„Gott ist König über die Völker, Gott sitzt auf seinem heiligen Thron.“   Psalm 47,9

„So spricht der HERR, der König Israels, und sein Erlöser, der HERR Zebaoth: Ich bin der Erste und ich bin der Letzte, und außer mir ist kein Gott.“ (Jesaja 44, 6)

Es ist das Drama dieser Worte: Es ist nicht nur eine Verwerfung dieses Mannes aus Nazareth. Es ist nicht nur eine Preisgabe eines der Ihren an die Römer. Das alles wäre schlimm genug. Aber in ihrem Hass auf den Römer und auf diesen Jesus geben sie sich selbst preis, die eigene Identität. „Damit verleugnen die Juden, dem Zwang der Situation nachgebend, ihre ganze Messiashoffnung.“ (G. Voigt, aaO. S. 265) Sie werden ein Volk wie alle Völker, dem Kaiser als der letzten Instanz unterworfen.

Und auch daran besteht wohl für Johannes kein Zweifel: In diesem letzten Satz offenbart sich die Blindheit derer, die so reden für Gott, den Vater. So hatte Jesus es gesagt: „Es ist aber mein Vater, der mich ehrt, von dem ihr sagt: Er ist unser Gott; und ihr kennt ihn nicht; ich aber kenne ihn.“ (8, 54-55) Und jetzt wird aus dieser Blindheit für den Vater die Absage an ihn.

 16 Da überantwortete er ihnen Jesus, dass er gekreuzigt würde.

Es bleibt für Pilatus nichts mehr zu tun, als das Urteil auszufertigen. Ein Verwaltungsakt. Was sich mit der Geißelung schon ankündigte, wird jetzt vollzogen werden. Jesus geht den Weg zum Kreuz.

 

Herr Jesus, wie quälend lang ist das alles. Du, ein Spielball im Machtspiel des Pilatus. Preisgegeben, ausgeliefert, ausgestellt. Über Dich wird verfügt. Du wirst ausdiskutiert, Objekt in den Händen der Menschen.

Und doch stehst Du da, König der Wahrheit, der Mensch, in dem sich das Mensch-Sein vollendet, Sohn nach dem Willen des Vaters  und trägst das alles -für uns.

Christe, Du Lamm Gottes. Amen

 

Fürsprecher für Schwestern und Brüder

Johannes 17, 20 – 26

20 Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden,

            Der Blick weitet sich, weit über die Stunde des Abschiedes hinaus., Dieses Gebet Jesu nimmt die Gemeinde aller Zeiten mit hinein in die Fürbitte für den armen Jüngerhaufen am Vorabend der Kreuzigung. Wird gleich davon die Rede sein müssen, wie die Jünger sich in Sicherheit bringen, zerstreut, versprengt werden – hier kommt das andere zur Sprache: Durch ihr Wort werden Menschen zum Glauben an Jesus finden. Man könnte auch sagen: durch ihre Lehre. Λόγος meint kein Zufallswort, nichts so dahin Gesagtes. Es ist das Wort, das Jesus als das Wort Gottes (1,1) als das Fleisch gewordene Wort (1,14) bezeugt.

            Und Jesus ist der Fürsprecher (1.Johannes 2,1) für die einen wie für die anderen – für die Jüngerinnen und Jünger, die jetzt bei ihm sind, und für die, die durch ihr Zeugnis für den Glauben gewonnen werden im Lauf der Zeit. „Wenn man übe die großen Kirchhöfe eurer Stadt geht und die Tausende und Zehntausende betrachtet, die hier liegen, Staub vom Staub, und wenn nun ein Stab sich zum anderen fügt und ein Grab an’s andre sich reiht, dann hat man nur den einen Trost, sonst müsste man ja vergehen oder in das helle Lachen eines Irrsinnigen ausbrechen, nur den einen Trost: „Ich bitte für sie.“ (H. Bezzel, Das Gebet Jesu für die Seinen, Hrsg. J. Rupprecht, München 1936; S.126)

            Darum heißt dieses Gebet Jesu zu Recht das „hohepriesterliche Gebet“, weil es uns ihn vor Augen stellt in dem, was er auch heute tut, unaufhörlich bis ans Ende der Zeit: Er vertritt uns. Er bittet für uns. Er legt sein gutes Wort ein für uns. Er ist der große Hohepriester (Hebräer 4,14), von dessen Fürsprache wir alle leben.  

21 damit sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast. 22 Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, damit sie eins seien, wie wir eins sind, 23 ich in ihnen und du in mir, damit sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst.

            Das ist das Leitwort dieser Gedanken: Damit sie eins seien, wie wir eins sind. Das Eins-Sein des Vaters mit dem Sohn spiegelt sich in dem Eins-Sein der Jünger aller Zeiten. Es macht keinen Unterschied, ob es die erste oder die 20. Generation der Christen ist – sie sind alle Gott gleich nah. Sie sind alle – über alle Grenzen hinweg – eins.

            Zum Eins-Sein der Christen und Christinnen braucht es keine einheitlichen Riten, Gewänder, Sitten, Festkalender, keine uniformen Liederbücher und keine gleichförmigen Wortlaute in den Bekenntnissen. Zum Eins-Sein der Christen braucht es nur dies eine, dass sie eins sind in Gott, gebunden an den Vater und den Sohn durch den Geist. „Fürsprecher für Schwestern und Brüder“ weiterlesen

Er verliert keine und keinen

Johannes 17, 9 – 19

9 Ich bitte für sie und bitte nicht für die Welt, sondern für die, die du mir gegeben hast; denn sie sind dein. 10 Und alles, was mein ist, das ist dein, und was dein ist, das ist mein; und ich bin in ihnen verherrlicht.

            Hat Jesus bis hierhin seinen Weg, seinen Gehorsam ins Wort gefasst, so wechselt jetzt das Thema seines Betens immer mehr in Richtung „Fürbitte“. Gerade weil er nicht vergeblich an ihnen gehandelt hat, weil sie seinen Ruf gehört haben, weil sie ihn erkannt (17,7) haben, gerade darum bittet er für sie. Sie sind ja nicht nur seine Jüngerinnen und Jünger. Sie sind schon immer Gottes geliebte Leute, die Seinen (1,11) Weil sie ihn aufnahmen sind sie wirklich mitten in der Welt die Seinen. Und ihr Glauben lässt die Herrlichkeit Jesu aufleuchten.

            Der Glanz Gottes, die Herrlichkeit Jesu zeigt sich nicht auf dem Gesicht von Engel-Wesen, sondern in der Existenz von Menschen. Von Menschen, die Fehler haben und Fehler machen, die langsam zum Verstehen sind und manchmal schnell zum Zorn, die angefochten sind und ihre Haut zu retten suchen. Und doch: Ich bin in ihnen verherrlicht. Von diesem Wort Jesu lebt der Satz, den Christen Sonntag für Sonntag sprechen: Ich glaube die heilige, christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen…..

11 Ich bin nicht mehr in der Welt; sie aber sind in der Welt, und ich komme zu dir. Heiliger Vater, erhalte sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, dass sie eins seien wie wir.

            Diese seine Leute soll der Vater bewahren. Erhalten in seinem Namen. Ihnen zur Treue helfen im Gegenwind der Welt. Es ist gut, sich zu erinnern: Das sind Bitten unmittelbar vor der Nacht, in der er verraten wird. Vor der Flucht der Jünger. Am Tag vor der Kreuzigung. Vor dem völligen Zusammenbruch all ihrer Hoffnungen. Die Jünger werden nicht einfach tapfer weiter machen, die Sache Jesu nicht fahren lassen. „Die Kirche schafft, erhält, trägt, schützt, heilt sich nicht selbst.“ (G. Voigt, Licht – Liebe – Leben, Das Evangelium nach Johannes, Göttingen 1991; S.245) Sie lebt von der Fürbitte des Sohnes vor dem Vater, so wie sie hier in diesem Gebet beginnt und in der Zeit niemals endet.

12 Solange ich bei ihnen war, erhielt ich sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, und ich habe sie bewahrt, und keiner von ihnen ist verloren außer dem Sohn des Verderbens, damit die Schrift erfüllt werde.

            Noch einmal wird es spürbar, wie sehr der Verrat des Judas schmerzt, auch Jesus schmerzt. Er ist nicht kühl einkalkuliert als Heilsnotwendigkeit. Wohl wahr: Sein Tun dient dazu, damit die Schrift erfüllt werde. Aber das ändert nichts daran: Er ist ein Verlust. Judas fehlt. Unersetzlich. Dieses Gebet überspringt den Schmerz Gottes nicht.

            Aber auch: ich habe keinen von ihnen verloren. Das ist der Blick Jesu auf sein Werk: Ich habe sie alle bewahrt. Dazu die Worte eines großen Bischofs: „Sein himmlischer Vater hat ihm alle Seelen, nicht bloß die Getauften ans Herz gelegt, alle, die Heidenwelt, Israel, das ganze, arme, abgestandene Christenleben, diese verzerrte Nachfolge, diesen Kirchentod und diese Kirchenlauheit, die Satten, die Sicheren, die im Bekenntnis Erstarrten, die Wortgläubigen, die Mundbekenner, die bequemen Märtyrer, die Salon-Christen. Er hat sie ihm alle anbefohlen, alle – und er verliert keinen, keinen.“ (Hermann Bezzel, Das Gebet Jesu für die Seinen, Hrsg. J. Rupprecht, München 1936, S.82) „Er verliert keine und keinen“ weiterlesen

In Jesus: Gottes Herrlichkeit

Johannes 17, 1 – 8

Früher, als Kind, habe ich manchmal gelauscht, wenn Vater und Mutter miteinander über uns Kinder geredet haben. Das war spannend. Und irgendwie habe ich mich dann gefreut, wenn ich vorkam, noch mehr, wenn es etwas Gutes über mich zu hören gab. Es war aber auch peinlich, beim Lauschen erwischt zu werden – es gab einen roten Kopf und tiefe Verlegenheit. Und irgendwann stellte sich dann auch das schlechte Gewissen ein: Lauschen gehört sich nicht.

Das 17. Kapitel des Johannes-Evangeliums ist eine Einladung zum Lauschen. Ganz ohne schlechtes Gewissen. Wir hören hinein in das Gespräch Jesu mit seinem Vater. Es ist ein „innerliches“, Gespräch – in vielen Bibelausgaben mit der Überschrift „Das hohepriesterliche Gebet“ versehen. Das geht auf den Rostocker Theologen Chyträus (†1600) zurück.

Die Evangelien erzählen zwar öfters davon, dass Jesus wieder und wieder mit dem Vater spricht, dass er Nächte im Gebet zubringt. Aber sie sind sparsam in dem Erzählen, was der Inhalt dieser Gebete Jesu ist. So oft sie auch sagen, dass Jesus mit dem Vater redet, so selten sagen sie doch, was Jesus mit dem Vater redet. Hier aber, geformt in der Sprache des Johannes, hören wir dem Beter Jesus zu.

1 So redete Jesus und hob seine Augen auf zum Himmel und sprach:

            Der Weg neigt sich dem Ende zu. „Steht auf und lasst uns von hier weggehen.“ (14,31) hatte Jesus gesagt. Und jetzt, bereit zum Aufbruch sieht er auf zum Himmel. Er sieht nicht in das Dunkel der Nacht mit dem, was er sagt. „Zöllnerart ist es, das Auge zu senken, Kindesrecht ist es, das Auge zu erheben. Verlorenen Sohnes Weise ist es, die Augen niedergeschlagen zu haben, aber der geliebte Sohn kehrt heim mit dem Blick zur Heimat gerichtet.“ (Hermann Bezzel, Das Gebet Jesu für die Seinen, Hrsg. J. Rupprecht, München 1936, S.10) Jesus also sieht betend in den Himmel. Das ist mehr als nur ein Hinweis auf die äußere Gebetshaltung. Das Gebet Jesu wie sein ganzes Leben lebt aus diesem Blick in den Himmel, hat von daher seine Eigenart.

Vater, die Stunde ist da: verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrliche; 2 denn du hast ihm Macht gegeben über alle Menschen, damit er das ewige Leben gebe allen, die du ihm gegeben hast.

            Jetzt ist die Zeit erfüllt. Die Stunde ist da. So oft zuvor hatte Jesus auf seine Stunde gewartet, nach ihr gefragt, sich dem Drängen der Menschen verweigert. Jetzt sieht er: Es ist so weit. Erfüllte Zeit. „Vater, verherrliche Deinen Namen“ (12,15) hatte er früher gebetet – jetzt bittet er: Verherrliche deinen Sohn. Kein Gegensatz: In der Herrlichkeit des Sohnes wird die Herrlichkeit Gottes aufleuchten.

Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit. (1,14) hatte Johannes im Prolog als sein Bekenntnis geschrieben. Die Herrlichkeit, um die Jesus hier bittet, leuchtet auf im Weg dessen, der durch Israel geht, sich Menschen zuwendet, heilt, tröstet, zurechtbringt. Es ist eine irdische Herrlichkeit, Fleisch geworden, menschlich – und darin göttlich.

Es ist zugleich eine machtvolle Herrlichkeit. Εξουσία, Macht, Vollmacht. Dieser irdische Jesus weiß um seine Macht. Er duckt sich nicht, macht sich nicht klein. Er wird auch im Prozess vor Pilatus aufrecht dastehen. Seine Macht aber ist nicht selbstbezogen. Sie dient anderen, damit er das ewige Leben gebe allen, die du ihm gegeben hast. Aus seinen Händen kommt die Gabe des ewigen Lebens, des gültigen Lebens, des Lebens, das bleibt im Wechsel der Zeiten. Nicht irdische Machtverleihung an seine Leute – die Gabe des ewigen Lebens ist sein Geben. Darin ist er herrlich, dass wir die Ewigkeit von ihm empfangen. „In Jesus: Gottes Herrlichkeit“ weiterlesen

An jenem Tag

Johannes 16, 25 – 33

25 Das habe ich euch in Bildern gesagt. Es kommt die Zeit, dass ich nicht mehr in Bildern mit euch reden werde, sondern euch frei heraus verkündigen von meinem Vater.

            Das meint nicht nur die Worte dieses Abends. Es meint die ganze Verkündigung Jesu. Sie war den Jüngern oft genug „Bilderrede“, „Rätselrede“, beides ist eine mögliche Übersetzung von παροιμίαι, einem Wort, das sonst außer bei Johannes nur noch einmal im Neuen Testament gebraucht wird, und da bedeutet es Sprichwort (2. Petrus 2,22) Hier geht es darum, dass die Worte Jesu den Jüngern verborgen sind in ihrer tieferen Wahrheit. Sie sind so oft an den äußeren Worten hängen geblieben.

            Jetzt aber kommt die Zeit, in der alles klar wird, durchsichtig, transparent. Die Wirklichkeit des Vaters leuchtet auf. Jesus redet frei heraus. Da steht mit παρρησία – Parraesia -das Wort, das oftmals für die freimütige Verkündigung der Jünger gebraucht werden wird. Der Freimut der Jünger entzündet sich an diesem freimütigen Reden Jesu.

26 An jenem Tage werdet ihr bitten in meinem Namen. Und ich sage euch nicht, dass ich den Vater für euch bitten will; 27 denn er selbst, der Vater, hat euch lieb, weil ihr mich liebt und glaubt, dass ich von Gott ausgegangen bin. 28 Ich bin vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen; ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater.

            Wieder: an jenem Tage. Wenn das Fragen zu Ende gekommen ist, fängt das Bitten im Namen Jesu an. Das könnte ja zusammen hängen. Wenn es keine Fragen mehr gibt, wenn alles klar ist, dann ist auch er in seiner Herrlichkeit „klar“. Und es nimmt dem Vater keine Ehre, wenn wir ihn bitten. Und alles, was wir ihn bitten, kommt auch zugleich beim Vater an. Jesus muss nicht unser Postbote bei Gott sein. Was ihm gesagt ist, ist dem Vater gesagt.

            Die Begründung Jesu verweist einmal mehr auf den inneren Kreislauf der Liebe: Weil die Jünger Jesus lieben, den der Vater liebt, liebt der Vater die Jünger. Und sie sehen, was die Welt nicht sehen konnte: Dass Jesus vom Vater gekommen ist und dass er zum Vater geht. Das ist so etwas wie ein urchristliches Grundbekenntnis, diesmal Jesus selbst in den Mund gelegt. Aber die Gemeinde glaubt ja, dass sie nichts von Jesus glaubt, bekennt, was nicht auf ihn selbst, seine Worte und sein Tun, zurückgeht.

            Noch einmal: Ihr werdet bitten in meinem Namen. Es zieht sich durch die letzten Worte Jesu hin: „Was ihr bitten werdet in meinem Namen, das will ich tun, damit der Vater verherrlicht werde im Sohn.“(14,13), einen Vers später (14,14) wortgleich wiederholt. Und unmittelbar vor dem obigen Vers: „Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er’s euch geben.“ (16,23) Was so oft zur Sprache kommt, signalisiert besondere Bedeutung. „An jenem Tag“ weiterlesen

Alle Fragen: aufgehoben in ihm

Johannes 16, 16 – 24

16 Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht mehr sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen. 17 Da sprachen einige seiner Jünger untereinander: Was bedeutet das, was er zu uns sagt: Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen; und: Ich gehe zum Vater? 18 Da sprachen sie: Was bedeutet das, was er sagt: Noch eine kleine Weile? Wir wissen nicht, was er redet.

            Wenn jemand wie Johannes so umständlich wird in seinem Sagen, ist das kein Zeichen dafür, das er ein bisschen senil ist, sondern dann hat das Bedeutung. Warum ist es so wichtig mit der kleinen Weile, dass sie gleich fünfmal in diesen wenigen Sätzen zur Sprache kommt? Μικρόν steht da – klein. „Über ein Kleines“ hieß es in der alten Luther-Übersetzung. „In Kürze“ könnte man auch sagen.

            Als Erstes legt sich natürlich das Geschehen der Passion nahe. Jesus wird seinen Jüngern genommen werden. Sie werden ihn nicht mehr sehen. Er wird verschwinden im Haufen der Häscher. Und wenn sie ihn wieder sehen werden, dass ist es zum Erschrecken – schändlich zugerichtet, verunstaltet durch die Folter. Dann wird er hochgezogen am Kreuz, „erhöht“ und nach dem Sterben ins Grab gelegt. Auch da werden sie ihn nicht mehr sehen. Sie werden ihn suchen im Grab – aber das Grab wird leer sein. Vergebliches Suchen.

            Aber dann, wenn sie mit ihrem Suchen am Ende sind, werden sie ihn wieder sehen. Wie er in ihre Mitte tritt. Wie er ihnen neu begegnet. Wie er sie neu ruft, ihnen den Geist gibt, sie sendet. Auch das wird ja in Kürze sein, nach einer kleinen Weile.

            Es ist kein Wunder, dass die Jünger das nicht verstehen. Da wird ihnen angesagt, was ihr Verstehen und ihre Erfahrung übersteigt. Und doch ist es so wichtig, dass dieser Hinweis gleich fünfmal erfolgt.

19 Da merkte Jesus, dass sie ihn fragen wollten, und sprach zu ihnen: Danach fragt ihr euch untereinander, dass ich gesagt habe: Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen?

            Es gehört für mich zu den wunderbaren Zügen des Johannes-Evangelium, dass dieses Evangelium mit seiner hochfliegenden Denke so bodennah ist und Jesus so liebevoll zeigt. Er wendet sich den Jüngern, die nicht verstehen können, erneut zu. Er greift ihr Fragen auf. Er macht sie nicht fertig: Wann endlich seid ihr so weit, dass ihr begreift? Es ist gut, an einen Jesus glauben zu dürfen, der nicht erwartet, dass wir auf Anhieb verstehen, begreifen, durchschauen. Wir dürfen Fragende sein – über die lange Zeit unseres Lebens hin. Mag sein, die Ereignisse eilen, unser Verstehen muss nicht mit dem Tempo der Ereignisse Schritt halten können. „Alle Fragen: aufgehoben in ihm“ weiterlesen

Der Geist hat nur ein Thema: Jesus

Johannes 16, 5 – 15

5 Jetzt aber gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat; und niemand von euch fragt mich: Wo gehst du hin? 6 Doch weil ich das zu euch geredet habe, ist euer Herz voll Trauer.

            Das Johannes-Evangelium erzählt keine Himmelfahrt-Geschichte. Ich glaube, dass es sie nicht braucht, weil es so unüberbietbar deutlich vom Weg Jesu redet, der die Welt übersteigt. Ich gehe hin zu dem, der mich gesandt hat. Das sagt er vor der Passion, vor Kreuz und Auferstehung. Damit wird dieser Weg vor ihm von ihm als Heimweg gekennzeichnet. Er ist nicht der Weg in die Gottesferne – so „lesen“ Matthäus (27,46) und Markus (15,39) das Kreuz. Hier: Es ist der Weg zu dem, der mich gesandt hat.

            Aber auch jetzt noch verstehen die Jünger nicht. Und sie fragen nicht, weil sie nicht verstehen. Sie hören nur „Abschied“. Sie hören nicht „Heimweg“. Sie hören nicht „Wegbereitung“. Sie sind gefangen im engen Kreis der Welt, des Kosmos Erde. Weil sie nur dieses Weggehen hören, sind sie voller Traurigkeit. Das zeigt etwas von ihrer Verbundenheit mit Jesus, aber zugleich auch von ihrer engen Sicht. Die aber ist nur allzu menschlich.

7 Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden.

            Das Weggehen Jesus macht den Platz frei für den Tröster. Es ist auch anderswo in den Evangelien der ähnliche Gedanke zu finden: Erst das Zurückgeben des Geistes Jesu in die Hände des Vaters (Lukas 23,46) macht die Gabe des Geistes an die Jünger möglich. Erst wenn Jesus an der Seite des Vaters ist, kann er mit ihm den Geist senden.

            Tausendfache Analogie im Alltag unseres Lebens: Wenn alle Plätze besetzt sind, muss einer aufstehen und gehen, damit andere ihren Platz finden können. Und wie oft ist es ein quälender Prozess, dass Leute auf ihrem Platz festsitzen, ihn nicht räumen wollen und so verhindern, dass Neues werden kann. Jesus jedenfalls will dem Geist nicht im Weg stehen. Er macht durch sein Gehen den Weg frei für das Kommen des Geistes. Er selbst wird ihn senden. „Der Geist hat nur ein Thema: Jesus“ weiterlesen

Schicksalsgemeinschaft mit Jesus

Johannes 15, 18 – 16,4

18 Wenn euch die Welt hasst, so wisst, dass sie mich vor euch gehasst hat. 19 Wäret ihr von der Welt, so hätte die Welt das Ihre lieb. Weil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich euch aus der Welt erwählt habe, darum hasst euch die Welt.

            Das mag ein Wechsel sein. Ist das Wesen der Jüngerschaft Liebe, so ist das Wesen der Welt Hass – Hass auch auf die Jünger. Ihnen widerfährt, was Jesus widerfahren ist: „Er kam in sein Eigentum, und die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ (1,11) Dabei ist die Welt durchaus liebesfähig – sie liebt, was ist wie sie selbst. Aber sie liebt dieses Fremde, diesen Fremden und mit ihm diese Fremden nicht. Das wird ja später sogar eine Benennung der Christen: „An die auserwählten Fremdlinge“ (1.Petrus 1,1) Dass sie zu Christus gehören, das macht die Christen weltfremd, entfremdet sie der Welt. Das ist aber, so gewendet, nicht gleichzusetzen mit lebensuntüchtig oder gar lebensuntauglich. Nur: Sie sind von anderer Art.

20 Gedenkt an das Wort, das ich euch gesagt habe: Der Knecht ist nicht größer als sein Herr. Haben sie mich verfolgt, so werden sie euch auch verfolgen; haben sie mein Wort gehalten, so werden sie eures auch halten.

            Schicksalsgemeinschaft. Eintreten in die Jüngerschaft verbindet auch in der Weise mit Jesus, dass den Jüngern widerfährt, was er erleidet. Das hat sich in den ersten Jahrhunderten der Christenheit ja an vielen buchstäblich erfüllt. Sie haben Verfolgung erlitten. Sie sind dahin gegeben worden in den Tod – um Jesu willen.

            Dies hat Jesus ja zuvor schon gesagt. Das Wort aus der Fußwaschung (13,16) wird hier aufgegriffen, aber verändert. Dort ist es Einweisung in die Lebenspraxis der Hingabe: Wenn der Herr dient, wie viel mehr die Jünger. Hier ist es die Voraussage: Ihr werdet erfahren, was auch ich erfahren habe. Seid also nicht erstaunt, dass euch das geschieht. „Aus Wesensverbundenheit folgt Schicksalsgemeinschaft“ (R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Kritisch-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1957; S.424) Einem Christentum, dass in der Steigerung der äußeren Lebensqualität seinen Wahrheitserweis sieht, redet Johannes jedenfalls nicht das Wort.

            Aber umgekehrt gilt auch: Wo das Wort Jesu aufgenommen worden ist, wo es gehalten wird, da finden auch die Jünger Gehör, da werden auch sie aufgenommen. Eines der schönsten Beispiele ist Lydia, die erste Christin in Europa. „Der tat der Herr das Herz auf… Als sie aber mit ihrem Hause getauft war, bat sie uns und sprach: Wenn ihr anerkennt, dass ich an den Herrn glaube, so kommt in mein Haus und bleibt da. Und sie nötigte uns“(Apostelgeschichte 16,14.15) Es ist die Erfahrung der ersten Gemeinde: Wo es zum Hören des Wortes Jesu in den Worten der Boten kommt, da entsteht ein anderes Hören auch auf die Worte der Boten. „Schicksalsgemeinschaft mit Jesus“ weiterlesen

Christi Freunde – zur Freude bestimmt

Johannes 15, 9 – 17

9 Wie mich mein Vater liebt, so liebe ich euch auch. Bleibt in meiner Liebe!

            Es ist ein Kreislauf der Liebe – vom Vater zum Sohn, vom Sohn zu den Jüngern, von den Jüngern zu den anderen Jüngern. Die Liebe zu den Schwestern und Brüdern nimmt Gott nichts, so wie die Liebe zum Sohn dem Vater nichts nimmt. Wer einen Gegensatz zwischen der Liebe zu Gott und der Liebe zu den Menschen konstruiert, der hat nichts von Johannes verstanden. Aber wohl auch nichts von Jesus, wie ihn die anderen Evangelisten bezeugen. „O-Ton“ Jesus: „Du sollst den Herren, deinen Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Matthäus 22, 37-39) Wie arm ist eine Liebe zu Gott, die den Menschen vergisst. Und wie bedroht ist die Liebe zu den Menschen, die sich nicht aus der Liebe Gottes nährt.

10 Wenn ihr meine Gebote haltet, so bleibt ihr in meiner Liebe, wie ich meines Vaters Gebote halte und bleibe in seiner Liebe.

            Wie schon wiederholt (13,34) wird die Liebe inhaltlich bestimmt. Sie zeigt sich im Halten der Gebote, der Weisungen Jesu. Wer sich an seinem Wort orientiert und ihm folgt, der liebt ihn. Sie ist also nicht, wie wir neuzeitlich denken, durch das Gefühl bestimmt, sie baut nicht auf der Emotion auf. Lieben und Liebe ist bei Johannes vor allem anderen Tätigkeit. Wer den anderen dient, wer sie aufhebt aus ihrer Schuld, wer ihnen eine Lebensperspektive öffnet – das ist der, der sie liebt. Nicht Liebesschwüre – Liebestaten.

           Darin folgen die Jünger dem Beispiel Jesu. Jesus hat auf dem Weg seines Lebens nichts gesucht als den Willen, das Gebot des Vaters. Darum wartet er, bis seine Stunde da ist. Darum handelt er erst, wenn er sich „rückversichert“ hat, aus dem Gebet heraus (11,42). In diesen Gehorsam, der ihn als den Sohn kennzeichnet, zieht er seine Jünger, und die Christen, hinein. Diesen Gehorsam aus Liebe meint auch das schöne Wort „Gottvertrauen“.

            In dieser Haltung gilt es zu bleiben, beständig zu werden, einzuwurzeln. Es geht nicht darum, aus einer Augenblickregung heraus auch einmal etwas Gutes zu tun. Das ist schön und nicht verboten. Das darf auch keiner abwerten. Jede Tat der Liebe steht für sich. Aber es geht dennoch um mehr. Das Wort Jesu will, dass das Handeln des Lebens von der Güte Gottes – so umschreibe ich für mich gerne auch αγάπη, die Liebe – ganz durchdrungen und bestimmt wird.   „Christi Freunde – zur Freude bestimmt“ weiterlesen

Bei dir, Jesus, will ich bleiben

Johannes 15, 1 – 8

            Nach diesem Satz: Steht auf und lasst uns von hier weggehen. könnte gut der Weg der Passion beginnen. Nicht so bei Johannes. Er fügt hier – vor seinem „Bericht“ über die Passion – drei lange Kapitel ein mit Reden Jesu und einem Gebet Jesu. Den „Abschiedsreden“ und dem „Hohenpriesterlichen Gebet“ So die Bezeichnung dieser Passagen, die sich auch in Bibelausgaben findet.

            Warum? Kann man fragen. Hat der Schreiber nicht aufgepasst? Wer so denkt, unterstellt ihm doch ein Stück Naivität oder, wenn nicht sogar Dummheit. Aber Johannes ist bestimmt nicht dumm oder naiv. Er weiß, was er tut, auch mit diesem Einschub. Er hält den Gang des Geschehens auf mit diesen Reden. Darin, so denke ich, zeigt er: Was folgen wird, ist nicht unglückliches Schicksal, sondern der Weg, den Jesus wählt in Gehorsam und Liebe – Gehorsam gegen den Vater, Liebe zu uns.

            Und: es sind eben Abschiedsreden, nicht nur letzte Worte. Die werden noch eindrücklich genug am Kreuz folgen. Hier aber wird noch einmal zusammengefasst, was den Weg Jesu ausmacht und wer er ist. Jesus ist das Thema dieser Worte, nicht nur seine Funktion. Er selbst.

1 Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner.

            Folgerichtig fängt Jesus an: εγώ ειμι. Ich bin. Und dann: der wahre Weinstock. Es ist das letzte der Ich-bin-Worte. Das erste war das Wort: Ich bin das Brot des Lebens (6,35; 6,48) Am Anfang dieser Reihe von sieben Ich-bin-Worten das Brot, am Ende der Weinstock. Man muss nicht sonderlich Phantasie-begabt sein, um hier einen Hinweis auf Brot und Wein, die Gaben des Abendmahles zu lesen.

            Der wahre Weinstock – das ist Hinweis auf andere Weinstöcke, die nicht die wahren sind. „Der Weinstock galt geradezu als der Lebensbaum“ (G. Voigt, aaO.; S. 226) Es ist die Suche nach dem Leben, nach der Freude, die sich mit der Frucht des Weinstocks verbindet. Diese Suche läuft ins Leere, wenn sie nicht in Jesus erfüllt wird. „Bei dir, Jesus, will ich bleiben“ weiterlesen