Keine Angst vor leeren Händen

Jakobus 5, 13 – 20

13 Leidet jemand unter euch, der bete; ist jemand guten Mutes, der singe Psalmen. 14 Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Ältesten der Gemeinde, dass sie über ihm beten und ihn salben mit Öl in dem Namen des Herrn.

            Es ist schon irritierend und bemerkenswert zugleich: ausgerechnet Jakobus, der so sehr aufs Tun aus ist, schreibt solche Sätze über das Beten. Aber er ist sich selbst treu. Er entwickelt keine Theorie des Betens, sondern lädt ein zu einer Praxis des Betens. Man könnte auch sagen: Er will dazu helfen, dass aus den Leser*innen seines Briefes eine betende Gemeinde wird.   

Wenn es Leidende gibt – beten. Der Ausleger aktualisiert: „Wir werden aufgerufen, uns füreinander einzusetzen in der Not unserer Schwachheit und Krankheit.“  (E. Thurneysen, Der Brief des Jakobus, Basel 1941/1959, S. 199)Nicht im Leiden verstummen. Wer vor Gott nicht verstummt, wird womöglich auch vor den Menschen nicht ins Schweigen versinken, sich selbst verschließen. Das Wort κακοπαθής ist ein wenig unspezifisch. Es kann ein Unglück bezeichnen, auch eine Niederlage, Verlust, aber wohl auch, dass einer „nicht gut drauf ist“. Mit sich selbst und der Welt zerfallen. Beten ist das Gegenmittel. Weil es einen öffnet.

Der andere Fall: es geht jemand gut. Er ist wohlgestimmt. Einig mit sich und der Welt. Und wieder der Rat: beten, diesmal singenderweise. Psalmen. Gemeint sind wohl nicht nur die biblischen Psalmen, sondern überhaupt Lieder. Singen ist ja mehr als nur ein Gemütssaufheller. Es lässt auch stabil bleiben.  

Und schließlich: es gibt Kranke in der Gemeinde. Auch für sie gilt: nicht allein bleiben, sich nicht einigeln in die Krankheit. Damit sie nicht mit Gott, der Welt und sich selbst verfallen. Mag sein, der kranke Hund sucht die Einsamkeit. Der kranke Mensch, zumal das kranke Gemeindeglied soll nicht auf den Hund kommen. Nicht in Einsamkeit und Unsichtbarkeit verschwinden.   

Sondern: sich mitteilen. Aus der Krankheit kein Geheimnis machen. „Nur nicht sich verkriechen mit seiner Sorge, seinem Leid, mit seiner Ratlosigkeit. Dann nur nicht stolz und einsam bleiben!“  (E. Thurneysen, aaO. S. 206) Dahinter steht wohl die Abwehr es uralten Gedankens: Krankheit sei eine Strafe Gottes für Fehlverhalten. Und darum zu verheimlichen. Nein, sagt Jakobus, der Kranke muss sich nicht verbergen. Er darf die Hilfe in der Gemeinde suchen.

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Weitblick – Naherwartung

Jakobus 5, 7 – 12

7 So seid nun geduldig, Brüder und Schwestern, bis zum Kommen des Herrn.

            Das mag ein Wechsel sein. Der bitteren scharfen Anklage folgt die Aufforderung, geduldig zu sein. Μακροθυμήσατε – bewahrt euch großen Mut. Langmut. Es klingt in diesem Wort nicht geduldiges Aushalten, Stillhalten auch unter ungerechten Verhältnissen an, sondern eher ein zielgerichtetes Durchhalten. „Geduldig sein heißt vor einer Türe stehen, die einmal aufgehen muss; aber noch ist sie verschlossen und wir müssen davor warten, auch wenn wir es fast nicht mehr können.“(E. Thurneysen, Der Brief des Jakobus, Basel 1941/1959, S. 179) Denn  allen Unbilden der Zeit zum Trotz: der Herr wird ja kommen. Das steht im Wechsel der Zeiten fest. Mag sein, Zeiten ändern sich, werden unerträglich. Aber das Kommen des Herrn bleibt das „Ziel des Ausharrens.“(R. Hoppe, aaO. S. 148) Es ist wohl typisch Jakobus, dass er nicht dieses Ziel ausmalt, sondern darauf verweist, wie sich Ausharren, die Geduld lebenspraktisch zeigt.   

Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen. 8 Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.

            Es ist kein zufällig gewähltes Beispiel. Landwirte warten, aber sie sind deshalb nicht untätig. Ihr Warten räumt Gott die Zeit ein, sein Werk zu tun. Frühregen und Spätregen sind ja seine Gaben. „Werdet ihr nun auf meine Gebote hören, die ich euch heute gebiete, dass ihr den HERRN, euren Gott, liebt und ihm dient von ganzem Herzen und von ganzer Seele, so will ich eurem Lande Regen geben zu seiner Zeit, Frühregen und Spätregen, dass du einsammelst dein Getreide, deinen Wein und dein Öl, und will deinem Vieh Gras geben auf deinem Felde, dass ihr esst und satt werdet.“(5. Mose 11,13-15) Es ist gelebtes Gottvertrauen, dieses Warten auf die kostbare Frucht der Erde

Bevor das Warten anfängt hat der Bauer ja schon gehandelt: den Acker mit der Egge vorbereitet, gepflügt, Dünger ausgebracht, gesät. Dann erst folgt die Zeit, für die Erwarten angesagt ist. Geduld.  Der Ackermann „wartet nicht nur, sondern er weiß, dass er warten muss, denn er weiß, warum er wartet.“(E. Thurneysen, aaO. S. 184)Wie weit ist diese Lebenshaltung entfernt von der Hektik unserer Tage, die glaubt, alles machen zu können und auch machen zu müssen, die an die Steigerung der Produktivität wie an ein Heilsversprechen glaubt, die mehr, immer mehr, will und das schneller, immer schneller.

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Wehe euch Reichen

Jakobus 5, 1 – 6

1 Wohlan nun, ihr Reichen: Weint und heult über das Elend, das über euch kommen wird! 2 Euer Reichtum ist verfault, eure Kleider sind von Motten zerfressen. 3 Euer Gold und Silber ist verrostet und ihr Rost wird gegen euch Zeugnis geben und wird euer Fleisch fressen wie Feuer. Ihr habt euch Schätze gesammelt in den letzten Tagen!

   Noch einmal zur Erinnerung: Jakobus schreibt einen Brief an Gemeinden, an Christinnen und Christen. Kein Pamphlet gegen irgendwelche Reichen im weiten römischen Reich! Das zeigt doch: es gibt in dieser ersten Gemeinde Christen, die ziemlich begütert sein müssen. Die weit mehr haben als die anderen. Die in herrlichen Kleidern und mit goldenen Ringen(2,2) auftreten können und wohl auch häufig genug auftreten. Ist das Sozialneid, der Jakobus so reden lässt?

            Es ist gut, sich zu erinnern: „Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo sie die Motten und der Rost fressen und wo die Diebe einbrechen und stehlen.“(Matthäus 6,19) Die Bergpredigt und der Bergprediger steht hier „Pate“ für Jakobus. Es gibt eine tiefe Skepsis gegenüber dem offenkundigen Reichtum, der auch gerne offen gezeigt wird: „Man gönnt sich ja sonst nichts.“  „Zu den Satten ist das geredet, zu denen, die in falscher Sicherheit leben, zu denen, die im Sattel sitzen und die Initiative in der Hand haben und meinen, es grate ihnen und was sie tun, werde Bestand haben.“(E. Thurneysen, Der Brief des Jakobus, Basel 1941/1959, S. 169)  Christinnen und Christen in der christlichen Gemeinde .

            Jakobus hält das für absurd. Wenn doch das Ende der Zeiten nahe ist – was soll da dieses Schätze Sammeln, dieses Anhäufen von Besitz, der doch vom Zerfall und Verfall bedroht ist, jetzt schon gezeichnet? In den letzten Tagen wäre doch anderes angesagt. Man muss es wohl deutlich sagen: Es geht hier nicht darum, Leuten ihren Besitz madig zu machen. Sondern die Gefahr, die Jakobus sieht, ist, dass die Reichen ihrem Besitz trauen in der großen Krise der Welt und darüber vergessen, wer allein in dieser großen Krise retten kann.

 4 Siehe, der Lohn der Arbeiter, die euer Land abgeerntet haben, den ihr ihnen vorenthalten habt, der schreit, und das Rufen der Schnitter ist gekommen vor die Ohren des Herrn Zebaoth. 5 Ihr habt geschlemmt auf Erden und geprasst und eure Herzen gemästet am Schlachttag.

            Dazu kommt aber noch das andere: dieser Reichtum ist angehäuft worden durch Ausbeutung. Durch Lohndiebstahl. Durch vorenthaltene Löhne. „Auf abgebrochenen Lohn beruht der Reichtum der Reichen…. Abgebrochener Lohn ist es, wenn man seine Steuern nicht recht bezahlt, die das Gemeinwesen braucht. Abgebrochener Lohn ist es, wenn immer noch Dividenden ausgeschüttet werden, die weit hinaus gehen über gerechten Ertrag, während der Arbeiter nicht genug erhält, um seine Lebensmittel beschaffen zu können. Abgebrochener Lohn ist es, wenn der Besitzende hamstert und jeden Preis zahlt, um zu seinen Eiern oder seiner Butter zu kommen und  der Arme leer ausgeht.  Abgebrochener Lohn ist es auch, wenn der Mann zu Hause weiterhin wohlleben will, während die Frau kümmern und sorgen muss, um Speise und trank herbei zu schaffen.“ (E. Thurneysen, aaO. s. 177)

            Was wir hier lesen ist eine prophetische Scheltrede in den Spuren des Amos. „So spricht der HERR: Um drei, ja um vier Frevel willen derer von „Israel“ will ich sie nicht schonen, weil sie die Unschuldigen für Geld und die Armen für ein Paar Schuhe verkaufen. Sie treten den Kopf der Armen in den Staub und drängen die Elenden vom Wege. Sohn und Vater gehen zu demselben Mädchen, um meinen heiligen Namen zu entheiligen. Und bei allen Altären schlemmen sie auf den gepfändeten Kleidern und trinken Wein vom Gelde der Bestraften im Hause ihres Gottes. (Amos 1, 6-8) Es ließen sich leicht auch noch andere Prophetenworte hinzufügen. 

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Planen in Demut

Jakobus 4, 13 –  17

13 Wohlan nun, die ihr sagt: Heute oder morgen wollen wir in die oder die Stadt gehen und wollen ein Jahr dort zubringen und Handel treiben und Gewinn machen -, 14 und wisst nicht, was morgen sein wird.

            Wieder wird es gut sein, sich zu erinnern: Jakobus schreibt seinen Brief an Christen, nicht an irgendwelche Heiden. Nicht an Weltmenschen. Man darf es sich nicht zu einfach machen, indem man behauptet, „Jakobus beschreibe hier das Wesendes jüdischen Händlers aus der damaligen Zeit, der, beweglich wie er war, in der halben Welt herumreist, und überall seine kühnen Pläne hegt und verwirklicht, sein Geschäft aufbaut und seine Gewinne macht.“ (E. Thurneysen, Der Brief des Jakobus, Basel 1941/1959, S. 158) Es ehrt den Schweizer Theologie-Professor, dass er den Namen des Auslegers, den er mit diesen Worte zitiert, verschweigt. Auch, dass er ihm nicht die offene Anbiederung an den Antisemitismus vorhält, der im Nazi-Deutschland im Schwange ist.  Es reicht, deutlich zu signalisieren: diese Sichtweise ist falsch. 

            Jakobus schreibt nicht aus dem Fenster heraus, eine Fensterrede. Es gibt in der Gemeinde also Leute, die einen weit reichenden Terminkalender haben, langfristige Pläne aufstellen. Es gibt Leute, die viel geschäftlich unterwegs sind, über lange Monate hinweg. Geschäftigkeit ist keine Erfindung der Neuzeit. Auch Geschäfts-Tüchtigkeit nicht. Dass es so ist, konstatiert Jakobus relativ nüchtern.

„Tätige, rechtschaffen im Leben drin stehende Menschen sind hier gemeint.“ (E. Thurneysen, aaO. S. 159) DieKritik richtet sich nicht auf ihren Fleiß,  ihren Eifer, ihre Sorgfalt. Sie richtet sich auf die Folgen ihrer Geschäftigkeit. Es gibt eine ziel-gerichtete, weil zielfixierte Blindheit. Ihr wisst nicht, was morgen sein wird. Diese Blindheit sieht nur noch die eigenen Planungen, aber nicht mehr den Tag heute. Auch nicht mehr, dass jeder Tag ein Geschenk ist. Unverdient empfangen. Nicht selbst erworben. Sie traut auch nur noch den eigenen Planungen. Ich denke, die Worte richten sich nicht gegen vorsorgliches Handeln, wohl aber gegen die selbstgewisse Planungs-Sicherheit.                      

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Klartext aus Liebe

Jakobus 4, 1 – 12

1 Woher kommt der Kampf unter euch, woher der Streit? Kommt’s nicht daher, dass in euren Gliedern die Gelüste gegeneinander streiten?

            Jakobus bleibt undiplomatisch direkt. Hat er seine Mahnung zur Sanftmut vergessen?  „Sanftmut heißt bei Jakobus wie in der Bibel keinesfalls, dass wir zu allem schweigen, dass wir nicht zürnen, dass wir alles gehen lassen sollen, wie es will.“ (E. Thurneysen, Der Brief des Jakobus, Basel 1941/1959, S. 149)Es scheint, er  hat das Bild einer zerstrittenen Gemeinde vor Augen. Konkrete Situationen, über die er informiert worden ist. Das passt nicht zu einem Rundschreiben an alle, sondern spricht eher für einen klaren Adressaten-Kreis, auch wenn wir ihn nicht lokal zuordnen können. Er „stemmt sich gegen Fehlentwicklungen des Glaubens.“(W. Popkes, aaO. S. 209) Vielleicht müsste man präzise sagen: Gegen Fehlentwicklungen in den Gemeinden.

Er sieht darin nicht nur ein „Kommunikationsproblem“, sondern er sieht mehr, tiefer. Gefahren, von denen die Gemeinde und der Glauben bedroht sind. Und geht genau deshalb dem Ganzen auf den Grund. Es liegt an Euch. An eurem Verhalten. An dem, was euch lockt und reizt, woran ihr Freude habt, was eurem Geschmack entspricht. Das alles schwingt im Wort δονή – Gelüste – mit. eingedeutscht: Hedonie. Ihr seid lustbetonte und lustgeleitete, aber auch von der Lust dirigierte Leute. Das alles ist nichts Äußerliches, sondern es sitzt, wie wir sagen würden, tief in den Knochen. Fast könnte man sagen: Es ist verankert in der DNA. In der Wesensart. Trotz des Glaubens. Trotz der Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinde.

Wir tun gut daran, hier nicht gleich Wollust zu hören oder sexuelle Gier. Es geht  wohl primär um Streitlust, um die Lust am Gewinnen, am Rechtbehalten, daran, sich durchzusetzen. Der Kampf ums Sagen in der Gemeinde hat seinen eigenen Reiz – dem sieht Jakobus seine Adressaten verfallen.  

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Weisheit – von oben

Jakobus 3, 13 – 18

13 Wer ist weise und klug unter euch? Der zeige mit seinem guten Wandel seine Werke in Sanftmut und Weisheit.

            Das klingt wie eine rhetorische Frage. Vielleicht aber steht auch dahinter, dass „mit dem Schlagwort „weise und verständig“ die angeblichen Lehrer ihren Anspruch formuliert“ (R. Hoppe, aaO. S. 127) haben. Vergessen oder gar nicht erst gehört scheinen die warnenden Worte des Paulus:  „Wer unter euch meint, weise zu sein in dieser Welt, der werde ein Narr, dass er weise werde.“(1. Korinther 3, 18) Darin sind sie sich merkwürdig nahe – Paulus und Jakobus, dass sie einem Denken entgegentreten, das sich selbst als weise einschätzt, als klug, sich selbst inszeniert als Lehrer.

            Bemerkenswert bei Jakobus: „Wenn er von Weisheit spricht, so denkt er nicht an etwas bloß Theoretisches, etwas Gedanklich nur, das in unseren Köpfen steckt.“ (E. Thurneysen, Der Brief des Jakobus, Basel 1941/1959, S. 137) Das Kriterium, das Jakobus für die Beurteilung der Weisheit einführt, ist der Lebenswandel. Ob die, die Weisheit für sich reklamieren, sanftmütig sind, ob sie einen guten Wandel  – καλή ναστροφή – führen. Ein schönes Benehmen an den Tag legen könnte man auch übersetzen. Oder gar: eine schöne Umkehr. Weil  ναστροφή eben auch „Umkehr“, „Möglichkeit zur Umkehr“ heißen kann (Gemoll. Griechisch-Deutsches Schulwörterbuch, München 1957, S. 61) Darum geht es Jakobus: dass einer die Möglichkeiten zur Umkehr, die der Glaube eröffnet, der Hinkehr zu Gott und den Menschen, auch wirklich nützt. „Man ist weise, wenn man mit seinen ganzen Leben unter die Gewalt Gottes kommt.“ (E. Thurneysen, aaO. S. 128)

            Es ist durchaus ungewöhnlich: Lehrer – um die Lehrer in der Gemeinde geht es hier wohl immer noch –  werden nicht nach den intellektuellen Fähigkeiten beurteilt, sondern nach ihrem ethischen Verhalten. Ganz nahe ist Jakobus mit diesem Denken bei den Briefen an Timotheus und Titus. „Ein Bischof soll untadelig sein als ein Haushalter Gottes, nicht eigensinnig, nicht jähzornig, kein Säufer, nicht streitsüchtig, nicht schändlichen Gewinn suchen; sondern gastfrei, gütig, besonnen, gerecht, fromm, enthaltsam; er halte sich an das Wort der Lehre, das gewiss ist, damit er die Kraft habe, zu ermahnen mit der heilsamen Lehre und zurechtzuweisen, die widersprechen.“(Titus 1,7-9) Ganz ähnlich 1. Timotheus 3. Es ist eben keine Privatsache, wie sich einer jenseits seines Amtes verhält, im Kreis der Freunde und Familien. Wir empfinden das womöglich als übergriffig, engstirnig, antiquiert. Aber diese Sicht macht ernst damit, dass das Leben unteilbar ist, nicht aufzuteilen in sakrale und profane Bereich, auch nicht aufzuteilen in Privatsphäre und Arbeitsplatz. Es geht immer um das Leben als Einheit.  

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Gib mir die richtigen Worte

Jakobus 3, 1 – 12

1 , Nicht jeder von euch, meine Brüder soll ein Lehrer werden; da wir doch wissen, dass wir ein desto strengeres Urteil empfangen werden.

            Was für eine Warnung in einem Lehrschreiben. Vorsicht vor dem Streben nach der „Position“ des Lehrers der Gemeinde.

Nicht jeder soll ein Lehrer werden (wollen). Eine Warnung nur an die Brüder, weil damals die Schwestern als Lehrerinnen sowieso nicht im Blick und nicht möglich waren? So signalisiert es ja die spätere Anmerkung: „Wie in allen Gemeinden der Heiligen sollen die Frauen schweigen in den Gemeindeversammlungen; denn es ist ihnen nicht gestattet zu reden, sondern sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz sagt. Wollen sie aber etwas lernen, so sollen sie daheim ihre Männer fragen. Es steht einer Frau schlecht an, in der Gemeindeversammlung zu reden.“(1. Korinther 14, 33-35) Heute sind die Verhältnisse im Blick auf das Lehren anders.

            Es ist noch kein abgeschlossener Kreis von Lehrern – διδάσκαλοι -, der der Gemeinde gegenüber steht. Vielmehr scheint es, dass die Aufgabe des Lehrens in der Gemeinde so attraktiv ist, dass sich manche, vielleicht sogar viele, danach drängen. Weil die Aufgabe mit Gewinn an Prestige verbunden ist? „Schlimm und erschreckend wäre es, wenn wir das Leben vor Gott für eine höchst einfache und allzu leichte Sache halten würden.“ (E. Thurneysen, Der Brief des Jakobus, Basel 1941/1959, S. 122)Und damit auch die Lehre darüber. Im Hintergrund wird man mitlesen dürfen: Es fällt Jakobus nicht leicht, diesen Brief zu schreiben. Er ringt ihn sich ab.  

Der Lehrer Jakobus weiß: mein Lehren ist vorläufig, halb fertig. Bruchstück. Er weiß: „Gottes Wort im Menschenmund“ ist eine Riesenverantwortung.“ (F. Grünzweig, aaO. S. 98)  Es ist im Gedächtnis der Gemeinde, was Jesus sagt: Für jedes unbedachte, „unnütze Wort“(Matthäus 12,36) sind wir Rechenschaft schuldig.

Die Worte des Jakobus sind weit entfernt von einer Selbstsicherheit, die eigene Worte für unfehlbar hält. Die eigene Lehre für die letzte, verbindliche Weisheit. Sie sind eine Warnung an alle, sich davor zu hüten, die eigene Position zu absolut zu setzen. Spätestens im Himmel werden wir es sehen: Unser auch hochgelehrtes Lehren war nur Gestammel.  

2 Denn wir verfehlen uns alle mannigfaltig. Wer sich aber im Wort nicht verfehlt, der ist ein vollkommener Mensch und kann auch den ganzen Leib im Zaum halten.

            Das gilt nicht nur für die Lehrer. Es gilt für alle. Wir alle sagen Worte, die wir besser nicht gesagt hätten. Wenn du doch geschwiegen hättest…. gilt nicht nur irgendwelchen vorlauten Leuten. Es ist die Gefahr aller und es ist die Herausforderung an alle: Sich im Wort nicht verfehlen – sich im Ton nicht vergreifen. Aber es geht noch um mehr als nur auf die Art und Weise seines Redens zu achten. „Man darf Gottes Wort nicht verwechseln mit all dem christlichen Reden, Schreiben und Predigen, das unter uns ergeht. Wir dürfen nicht übersehen, dass gerade in diesem christlichen Reden und Schreiben Gottes Wort durch unser Wort ebenso oft verschüttet, zugedeckt, auf die Seite geschoben und geschändet wird wie aufgedeckt und ausgerichtet.“ (E. Thurneysen, aaO. S. 127) Wir – Ausleger*innen, Prediger*innen verfehlen mannigfaltig. Was für ein Bußruf an uns als Kirchenleute.  

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Zupacken – es gibt viel zu tun

Jakobus 2, 14 – 26

14 Was hilft’s, liebe Brüder, wenn jemand sagt, er habe Glauben, und hat doch keine Werke? Kann denn der Glaube ihn selig machen?

            Jakobus bleibt bei seinem Thema, dem Glauben, der nur Folgen in den Worten hat, aber nicht im Tun. Was ändert solch ein Glauben? Und: Für wen ändert er etwas? Ist so ein Glaube rettender Glaube? Der selig macht, den Himmel aufschließt? Es ist offenkundig: Jakobus argumentiert durchgängig von dem Blick auf das Ziel her – und das Ziel ist: Seligkeit. Gerettet sein.

Nicht im Blick auf das Sein in der Welt, sondern im Blick auf die Möglichkeit, dieses Ziel in falscher Sicherheit zu vertun, gewinnen die Worte über den Glauben ihre eigentliche Schärfe. Wenn der Glaube zum Nichtstun führt, verführt er.   

Der Einwand scheint auf der Hand zu liegen: Jakobus hätte besser Paulus-Briefe sorgfältig lesen sollen. „Ist es nicht eine ganz falsche Auffassung vom Glauben, wenn man verlangt, dass der Glaube Werke zeitigen soll?… Man könnte weiter fragen: Ist denn das Evangelium ein Moralbuch, eine Sammlung von Vorschriften und Geboten, die wir zu erfüllen haben?“(E. Thurneysen, Der Brief des Jakobus, Basel 1941/1959, s. 109 f.)Das sind Anfragen, die über fast 2000 Jahre unermüdlich wiederholt worden sind! Sie haben den Ruf dieses Briefes kräftig ins Negative gezogen. 

 15 Wenn ein Bruder oder eine Schwester Mangel hätte an Kleidung und an der täglichen Nahrung 16 und jemand unter euch spräche zu ihnen: Geht hin in Frieden, wärmt euch und sättigt euch!, ihr gäbet ihnen aber nicht, was der Leib nötig hat – was könnte ihnen das helfen?

            Um seinen Gedanken zu konkretisierten, bringt Jakobus ein Beispiel. Man kann doch den Hilfsbedürftigen, ob Bruder oder Schwester nicht abspeisen mit schönen Worten. Man kann doch nicht Leute in Seenot einfach ersaufen lassen – gleich, woher sie kommen. Es ist doch geradezu zynisch, die Hilfe schuldig zu bleiben, aber mit Worten ermutigen zu wollen. „Wer nicht die Nichtigkeit des bloßen Redens erkennt, der betrügt sich selbst.“ (W. Popkes, aaO. S. 97) 

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Vor Gott sind wir alle gleich

Jakobus 2, 1 – 13

1 Meine Brüder und Schwestern, haltet den Glauben an Jesus Christus, unsern Herrn der Herrlichkeit, frei von allem Ansehen der Person.

            Die persönliche Anrede geht weiter – und vermittelt so den Eindruck eines ausgesprochen zugewandten Schreibens. Fast wie eine Predigt, in der die direkte Anrede Aufmerksamkeit weckt.  Aufmerksamkeit für das, was Jakobus über den Glauben sagt Er bestimmt ihn näher als Glauben an Jesus Christus, unsern Herrn der Herrlichkeit. Da ist nicht von dem irdischen Jesus die Rede, nicht von dem, der einer ist wie wir. Der Glaube hängt an dem, an dem die Herrlichkeit, δόξα, aufleuchtet. Der Glanz, der Gott zu eigen ist. Der Glanz aber auch, der einmal den Christen zu eigen sein wird. „Wenn aber Christus, euer Leben, sich offenbaren wird, dann werdet ihr auch offenbar werden mit ihm in Herrlichkeit.“(Kolosser 3,4) 

            Weil das so ist, verträgt der Glaube nicht, dass man sich am Ansehen der Person orientiert. An ihrer Rolle, die sie spielt. An dem Status, der ihr gesellschaftlich zukommt. Es geht nicht um ein Verleugnen der Einmaligkeit, der Würde des Einzelnen. So wird ja jeder angesehen – als ein einmaliges Geschöpf Gottes, als Unikat, als Original. Aber es geht um die gesellschaftliche Rolle, „das Etikett, das einer trug. Es war einer ein Sklave, ein Bürger, ein Händler, ein Feldherr.“(F. Grünzweig, aaO.  S. 68) Dieser gesellschaftliche, soziale Status darf keine Rolle spielen im geschwisterlichen Miteinander der Gemeinde. Keine Bevorzugung, keine Vorzugsstellung.  Jakobus kennt noch keine „kirchlichen Räume“. So steht hier das Wort Synagoge: συναγωγὴ.  Gemeint ist der Raum, wo die Christ*innen sich versammeln.

            Die Begründung für das Nichtansehen ist „hoch aufgehängt“: Christus „allein kommt göttliche Herrlichkeit zu. Deshalb ist es unmöglich, wenn in seiner Gemeinde einer bevorzugt wird, weil er in glänzendem Gewand auftritt.“ (M. Behnisch/D. Puttkammer, aaO. S. 54)Mit dieser Sicht auf die Gemeinde ist sich Jakobus seltsam einig mit Paulus: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“(Galater 3,28) 

2 Denn wenn in eure Versammlung ein Mann käme mit einem goldenen Ring und in herrlicher Kleidung, es käme aber auch ein Armer in unsauberer Kleidung, 3 und ihr sähet auf den, der herrlich gekleidet ist, und sprächet zu ihm: Setze du dich hierher auf den guten Platz!, und sprächet zu dem Armen: Stell du dich dorthin!, oder: Setze dich unten zu meinen Füßen!, 4 ist’s recht, dass ihr solche Unterschiede bei euch macht und urteilt mit bösen Gedanken?

            Fühlen sich die Leser des Jakobus ertappt? Oder können sie souverän sagen: Bei uns doch nicht. Ich kann mir schlechterdings nicht vorstellen, dass Jakobus sich dieses Beispiel, diesen Fall nur einmal so ausgedacht hat. Deshalb halte ich es für naiv, zu schreiben: „Man darf aus dem fiktiven Beispiel keine Rückschlüsse auf die Situation der Gemeinden ziehen. (W. Schrage, aaO. S. 25)

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Hören und Tun

Jakobus 1, 19 – 27

19 Ihr sollt wissen: Ein jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn. 20 Denn des Menschen Zorn tut nicht, was vor Gott recht ist.

            Erstaunlich. δελφοί μου γαπητοί· meine lieben Brüder bleibt in der neuen Luther-Übersetzung unübersetzt. Warum? Unklar. Ich hänge daran, weil es ein Signal ist: Daran liegt Jakobus, dass er nicht von oben herab redet. Darum: meine lieben Brüder. Ich ergänze sachgemäß: meine lieben Schwestern. So sieht Jakobus die Gemeinde – es sind alles geliebte Leute. Sie müssen deshalb nicht auch gleich schon liebe Leute sein. Das „geliebt“ ist unabhängig von der eigenen Liebeswürdigkeit. Auch wenn es leichter sein mag, liebenswürdige Leute zu mögen als Kratzbürsten.

           Der Verlust dieser knappen Anrede führt dazu, dass der Adressat der Sätze nicht mehr deutlich ist. Sie sind keine Allerweltsätze, an alle gerichtet, sondern sie sind Sätze, die sich an die Menschen richten, die in der Gemeinde unterwegs sind. Die neutestamentlichen Schriften neigen nicht dazu, alle Welt zu mahnen. Sie mahnen die Gemeinde. Vielleicht darf und muss man sogar noch einen Schritt weiter gehen: „Wir sehen vor uns die kleine Versammlung der ersten Christen, irgendwo zusammengekommen in einem Privathaus, um miteinander zu hören, was Gottes Wort durch Propheten und Apostel zu uns sagt, dann aber auch, um sofort über das Gehörte miteinander ins Reden zu kommen, und zwar in ein sehr bewegtes, sehr beteiligtes, ja in ein leidenschaftliches Reden über Gottes Wort.“ (E. Thurneysen, Der Brief des Jakobus, Basel 1941/1959, s. 57)Dann wäre diese kleine Wendung „meine lieben Brüder und Schwestern“ wie eine Anrede in der Predigt – liebe Gemeinde, ihr wisst.

Wisst – steht da und meint: Ihr kennt das. Meint aber mehr noch: Prägt es euch ein, so dass es euch auch wirklich prägt. Euer Verhalten, euer Reden, euer Hören. Es geht nicht um ein intellektuelles Wissen, auch nicht um bloßes Bescheid-Wissen, sondern um Wissen, das Verhalten prägt.

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