Von der Kraft der Fürbitte

Jakobus 5, 13 – 20

13 Leidet jemand unter euch, der bete; ist jemand guten Mutes, der singe Psalmen. 14 Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Ältesten der Gemeinde, dass sie über ihm beten und ihn salben mit Öl in dem Namen des Herrn.

             Es ist schon irritierend und bemerkenswert zugleich: ausgerechnet Jakobus, der so sehr aufs Tun aus ist, schreibt solche Sätze über das Beten. Aber er ist sich selbst treu. Er entwickelt keine Theorie des Betens, sondern lädt ein zu einer Praxis des Betens.

Wenn es Leidende gibt – beten. Nicht im Leiden verstummen. Wer vor Gott nicht verstummt, wird womöglich auch vor den Menschen nicht ins Schweigen versinken, sich selbst verschließen. Das Wort κακοπαθής ist ein wenig unspezifisch. Es kann ein Unglück bezeichnen, auch eine Niederlage, Verlust, aber wohl auch das, dass einer „nicht gut drauf ist“. Mit sich selbst und der Welt zerfallen. Beten ist das Gegenmittel. Weil es einen öffnet.

Der andere Fall: es geht jemand gut. Er ist wohlgestimmt. Einig mit sich und der Welt. Und wieder der Rat: beten, diesmal singenderweise. Psalmen. Gemeint sind wohl nicht nur die biblischen Psalmen, sondern überhaupt Lieder. Singen ist ja mehr als nur ein Gemütssaufheller. Es lässt auch stabil bleiben.

Und schließlich: es gibt Kranke in der Gemeinde. Auch für sie gilt: nicht allein bleiben, sich nicht einigeln in die Krankheit. Damit sie nicht mit Gott, der Welt und sich selbst verfallen. Mag sein, der kranke Hund sucht die Einsamkeit. Der kranke Mensch, zumal das kranke Gemeindeglied soll nicht auf den Hund kommen. Nicht in Einsamkeit und Unsichtbarkeit verschwinden.

Sondern: sich mitteilen. Aus der Krankheit kein Geheimnis machen. Dahinter steht wohl die Abwehr es uralten Gedankens: Krankheit sei eine Strafe Gottes für Fehlverhalten. Und darum zu verheimlichen. Nein, sagt Jakobus, der Kranke muss sich nicht verbergen. Er darf die Hilfe in der Gemeinde suchen. „Von der Kraft der Fürbitte“ weiterlesen

Leben von der Geduld – leben in Geduld

Jakobus 5, 7 – 12

7 So seid nun geduldig, liebe Brüder, bis zum Kommen des Herrn.

             Das man ein Wechsel sein. Der bitteren scharfen Anklage folgt die Aufforderung, geduldig zu sein. Μακροθυμσατε – bewahrt euch großen Mut. Langmut. Es klingt in diesem Wort nicht so geduldiges Aushalten, Stillhalten auch unter ungerechten Verhältnissen an, sondern eher ein zielgerichtetes Durchhalten. Denn  allen Unbilden der Zeit zum Trotz: der Herr wird ja kommen. Das steht im Wechsel der Zeiten fest. Mag sein, Zeiten ändern sich, werden unerträglich. Aber das Kommen des Herrn bleibt das „Ziel des Ausharrens.“  (R.Hoppe, aaO.; S.148) Es ist wohl typisch Jakobus, dass er nicht dieses Ziel ausmalt, sondern darauf verweist, wie sich Ausharren, die Geduld lebenspraktisch zeigt.   

Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen. 8 Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.

             Es ist kein zufällig gewähltes Beispiel. Landwirte warten, aber sie sind deshalb nicht untätig. Ihr Warten räumt Gott die Zeit ein, sein Werk zu tun. Frühregen und Spätregen sind ja seine Gaben. „Werdet ihr nun auf meine Gebote hören, die ich euch heute gebiete, dass ihr den HERRN, euren Gott, liebt und ihm dient von ganzem Herzen und von ganzer Seele, so will ich eurem Lande Regen geben zu seiner Zeit, Frühregen und Spätregen, dass du einsammelst dein Getreide, deinen Wein und dein Öl, und will deinem Vieh Gras geben auf deinem Felde, dass ihr esst und satt werdet.“(5. Mose 11,13-15) Es ist gelebtes Gottvertrauen, dieses Warten auf die kostbare Frucht der Erde

Bevor das Warten anfängt hat der Bauer ja schon gehandelt: den Acker vorbereitet, gepflügt, gesät. Dann erst folgt die Zeit, für die Erwarten angesagt ist. Geduld.  Wie weit ist diese Lebenshaltung entfernt von der Hektik unserer Tage, die glaubt, alles machen zu können und auch machen zu müssen, die an die Steigerung der Produktivität wie an ein Heilsversprechen glaubt, die mehr, immer mehr, will und das schneller, immer schneller. „Leben von der Geduld – leben in Geduld“ weiterlesen

So Gott will

 Jakobus 4,13 – 5,6

13 Und nun ihr, die ihr sagt: Heute oder morgen wollen wir in die oder die Stadt gehen und wollen ein Jahr dort zubringen und Handel treiben und Gewinn machen -, 14 und wisst nicht, was morgen sein wird.

             Wieder wird es gut sein, sich zu erinnern: Jakobus schreibt einen Brief an Christen, nicht an irgendwelche Heiden. Weltmenschen. Es gibt in der Gemeinde also Leute, die einen weit reichenden Terminkalender haben, langfristige Pläne aufstellen. Es gibt Leute, die viel geschäftlich unterwegs sind, über lange Monate hinweg. Geschäftigkeit ist keine Erfindung der Neuzeit. Auch Geschäfts-Tüchtigkeit nicht. Dass es so ist, konstatiert Jakobus relativ nüchtern.

Seine Kritik richtet sich auf die Folgen. Es gibt eine ziel-gerichtete, weil zielfixierte Blindheit. Ihr wisst nicht, was morgen sein wird. Diese Blindheit sieht nur noch die eigenen Planungen, aber nicht mehr den Tag heute. Auch nicht mehr, dass jeder Tag ein Geschenk ist. Unverdient empfangen. Nicht selbst erworben. Sie traut auch nur noch den eigenen Planungen. Ich denke, die Worte richten sich nicht gegen vorsorgliches Handeln, wohl aber gegen die selbstgewisse Planungs-Sicherheit.

Es ist keine weltfremde Miesmacherei, die in manchen Liedern das Wort führt:

Wie eine Rose blühet, wenn man die Sonne siehet
begrüßen diese Welt,
die, eh der Tag sich neiget, eh sich der Abend zeiget,
verwelkt und unversehens fällt:

Wir rechnen Jahr auf Jahre; indessen wird die Bahre
uns vor die Tür gebracht.
Drauf müssen wir von hinnen und, eh wir uns besinnen,
der Erde sagen: Gute Nacht!
                                  A. Gryphius 1650, EG 527

Und ähnlich klingt es aus dem Mund einer Frau

Wer weiß, wie nahe mir mein Ende! Hin geht die Zeit, her kommt der Tod;
ach wie geschwinde und behände kann kommen meine Todesnot.
Es kann vor Nacht leicht anders werden, als es am frühen Morgen war;
solang ich leb auf dieser Erden, leb ich in steter Todesgefahr.                                                Ämilie Juliane von Schwarzburg-Rudolfstadt 1688, EG 530

Bemerkenswert ist ihre Antwort auf die Einsicht in die Hinfälligkeit des Lebens:

Mein Gott, mein Gott, ich bitt durch Christi Blut:
Mach´s nur mit meinem Ende gut.                                                                                                                                                                 
                         Die adlige Frau aus dem 16. Jahrhundert setzt nicht auf Unvergänglichkeit, auch nicht auf eigenes Planen. Sie setzt auf Christi Blut. Auf das Erbarmen, das sich in der Hingabe am Kreuz zeigt. Auf den Weg, den er, Christus darin geöffnet hat, durch den Tod hindurch. Das steht im starken Kontrast zu der Diesseitigkeit, in der Jakobus seine Gedanken fortführt.  „So Gott will“ weiterlesen

Umkehr für eine angepasste Gemeinde

Jakobus 4, 1 – 12

 1 Woher kommt der Kampf unter euch, woher der Streit? Kommt’s nicht daher, dass in euren Gliedern die Gelüste gegeneinander streiten?

             Jetzt scheint es mir, dass Jakobus das Bild einer zerstrittenen Gemeinde vor Augen hat. Konkrete Situationen. Das passt nicht zu einem Rundschreiben an alle, sondern spricht eher für einen klaren Adressaten-Kreis, auch wenn wir ihn nicht lokal zuordnen können. Er „stemmt sich gegen Fehlentwicklungen des Glaubens“. (W. Popkes, aaO.; S. 209) Vielleicht müsste man präzise sagen: Gegen Fehlentwicklungen in den Gemeinden.

Aber  er sieht darin eben nicht nur ein „Kommunikationsproblem“, sondern die Gemeinde und den Glauben bedroht. Und geht genau deshalb dem Ganzen auf den Grund. Es liegt an Euch. An eurem Verhalten. An dem, was euch lockt und reizt, woran ihr Freude habt, was eurem Geschmack entspricht. Das alles schwingt im Wort δονή mit. Ihr seid lustbetonte und lustgeleitete, aber auch von der Lust dirigierte Leute. Das alles ist nichts Äußerliches, sondern es sitzt, wie wir sagen würden, tief in den Knochen. Fast könnte man sagen: Es ist verankert in der DNA. In der Wesensart. Trotz des Glaubens. Trotz der Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinde.

Wir tun gut daran, hier nicht gleich Wollust zu hören oder sexuelle Gier. Es geht um wohl primär um Streitlust, um die Lust am Gewinnen, am Rechtbehalten, daran, sich durchzusetzen. Der Kampf ums Sagen in der Gemeinde hat seinen eigenen Reiz – dem sieht Jakobus seine Adressaten verfallen.   „Umkehr für eine angepasste Gemeinde“ weiterlesen

Weisheit und Sanftmut

Jakobus 3, 13 – 18

13 Wer ist weise und klug unter euch? Der zeige mit seinem guten Wandel seine Werke in Sanftmut und Weisheit.

             Das klingt wie eine rhetorische Frage. Vielleicht aber steht auch dahinter, dass „mit dem Schlagwort „weise und verständig“ die angeblichen Lehrer ihren Anspruch formuliert“ (R.Hoppe, aaO.; S.127) haben.  Vergessen oder gar nicht erst gehört scheinen die warnende Worte des Paulus:  „Wer unter euch meint, weise zu sein in dieser Welt, der werde ein Narr, dass er weise werde.“(1. Korinther 3, 18) Darin sind sie sich merkwürdig nahe – Paulus und Jakobus, dass sie einem Denken entgegentreten, das sich selbst als weise einschätzt, als klug, sich selbst inszeniert als Lehrer.

Bemerkenswert: Das Kriterium, das Jakobus für die Beurteilung der Lehrer einführt, ist ihr Lebenswandel. Ob sie sanftmütig sind, ob sie einen guten Wandel  – καλή ναστροφή – führen. Ein schönes Benehmen an den Tag legen könnte man auch übersetzen. Oder gar: eine schöne Umkehr. Weil  ναστροφή eben auch „Umkehr“, „Möglichkeit zur Umkehr“ heißen kann (Gemoll. Griechisch-Deutsches Schulwörterbuch, München 1957, S. 61) Darum geht es Jakobus: dass einer die Möglichkeiten zur Umkehr, die der Glaube eröffnet, der Hinkehr zu Gott und den Menschen, auch wirklich nützt.

Es ist durchaus ungewöhnlich: Lehrer werden nicht nach den intellektuellen Fähigkeiten beurteilt, sondern nach ihrem ethischen Verhalten. Ganz nahe ist Jakobus mit diesem Denken bei den Briefen an Timotheus und Titus. „Ein Bischof soll untadelig sein als ein Haushalter Gottes, nicht eigensinnig, nicht jähzornig, kein Säufer, nicht streitsüchtig, nicht schändlichen Gewinn suchen; sondern gastfrei, gütig, besonnen, gerecht, fromm, enthaltsam; er halte sich an das Wort der Lehre, das gewiss ist, damit er die Kraft habe, zu ermahnen mit der heilsamen Lehre und zurechtzuweisen, die widersprechen.“(Titus 1,7-9) Ganz ähnlich 1. Timotheus 3. Es ist eben keine Privatsache, wie sich einer jenseits seines Amtes verhält, im Kreis der Freunde und Familien.  Wir empfinden das womöglich als übergriffig, engstirnig, antiquiert. Aber diese Sicht macht ernst damit, dass das Leben unteilbar ist, nicht aufzuteilen in sakrale und profane Bereich, auch nicht aufzuteilen in Privatsphäre und Arbeitsplatz. Es geht immer um das Leben als Einheit.   „Weisheit und Sanftmut“ weiterlesen

Mit den eigenen Worten achtsam sein

Jakobus 3, 1 – 12

1 Liebe Brüder, nicht jeder von euch soll ein Lehrer werden; und wisst, dass wir ein desto strengeres Urteil empfangen werden.

             Was für eine Warnung in einem Lehrschreiben. Es ist noch kein abgeschlossener Kreis von Lehrern, der der Gemeinde gegenüber steht. Vielmehr scheint es, dass die Aufgabe des Lehrens in der Gemeinde so attraktiv ist, dass sich manche, vielleicht sogar viele, danach drängen. Weil die Aufgabe mit Gewinn an Prestige verbunden ist?

Der Lehrer Jakobus weiß: mein Lehren ist vorläufig, halb fertig. Bruchstück. Und er weiß: „Gottes Wort im Menschenmund“ ist eine Riesenverantwortung.“ (F. Grünzweig, aaO.; S.98)  Es ist im Gedächtnis der Gemeinde, was Jesus sagt: Für jedes unbedachte, „unnütze Wort“(Matthäus 12,36) sind wir Rechenschaft schuldig.

Die Worte des Jakobus sind weit entfernt von einer Selbstsicherheit, die die eigenen Worte für unfehlbar hält. Die eigene Lehre für die letzte, verbindliche Weisheit. Sie sind eine Warnung an alle, sich davor zu hüten, die eigene Position zu absolut zu setzen. Spätestens im Himmel werden wir es sehen: Unser Lehren war nur Gestammel.

 2 Denn wir verfehlen uns alle mannigfaltig. Wer sich aber im Wort nicht verfehlt, der ist ein vollkommener Mann und kann auch den ganzen Leib im Zaum halten.

             Das gilt nicht nur für die Lehrer. Es gilt für alle. Wir alle sagen Worte, die wir besser nicht gesagt hätten. Wenn du doch geschwiegen hättest…. gilt nicht nur irgendwelchen vorlauten Leuten. Es ist die Gefahr aller und es ist die Herausforderung an alle: Sich im Wort nicht verfehlen – sich im Ton nicht vergreifen.

Wer das könnte, seine Worte bedenken, bevor er sie sagt, seine Rede zügeln, auch wenn es ihn noch so sehr drängt, der wäre weit auf dem Weg zu einem vollkommenen Mann. Ich würde gerne erweitern: zu einem vollkommenen Menschen. „Mit den eigenen Worten achtsam sein“ weiterlesen

Tatenlos Glauben? Unmöglich!

Jakobus 2, 14 – 26

14 Was hilft’s, liebe Brüder, wenn jemand sagt, er habe Glauben, und hat doch keine Werke? Kann denn der Glaube ihn selig machen?

Jakobus bleibt bei seinem Thema, dem Glauben, der nur Folgen in den Worten hat, aber nicht im Tun. Was ändert solch ein Glauben? Und: Für wen ändert er etwas?  Ist so ein Glaube rettender Glaube? Der selig macht, den Himmel aufschließt? Es ist offenkundig: Jakobus argumentiert durchgängig von dem Blick auf das Ziel her – und das Ziel ist: Seligkeit. Gerettet sein.

Nicht im Blick auf das Sein in der Welt, sondern im Blick auf die Möglichkeit, dieses Ziel in falscher Sicherheit zu vertun, gewinnen die Worte über den Glauben ihre eigentliche Schärfe. Wenn der Glaube zum Nichtstun führt, verführt er.

  15 Wenn ein Bruder oder eine Schwester Mangel hätte an Kleidung und an der täglichen Nahrung 16 und jemand unter euch spräche zu ihnen: Geht hin in Frieden, wärmt euch und sättigt euch!, ihr gäbet ihnen aber nicht, was der Leib nötig hat – was könnte ihnen das helfen?

             Um diesen Gedanken zu konkretisierten, bringt Jakobus sein Beispiel. Man kann doch den Hilfsbedürftigen, ob Bruder oder Schwester nicht abspeisen mit schönen Worten. Es ist doch geradezu zynisch, die Hilfe schuldig zu bleiben, aber mit Worten ermutigen zu wollen. „Wer nicht die Nichtigkeit des bloßen Redens erkennt, der betrügt sich selbst.“ (W. Popkes, aaO.; S. 97) 

 Wer dieser Erden Güter hat, und sieht die Brüder leiden,
Und macht den Hungrigen nicht satt, lässt Nackende nicht kleiden;
Der ist ein Feind der ersten Pflicht, Und hat die Liebe Gottes nicht.                                                C.F.Gellert 1757, EG 412

  17 So ist auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, tot in sich selber.

             Aus dem bisher gesagten folgt das harte Urteil. Solcher Glaube ohne Werke ist tot in sich selber. Er hat keine Zukunft, keine Kraft, kein Leben. „Der Glaube will konkret werden, sonst ist er gar kein Glaube.“ (W. Popkes, aaO.: S.204)

Man kann danach fragen, ob Jakobus hier eine Auseinandersetzung mit Paulus führt. Mit dessen Sicht vom Glauben. Paulus liegt ja ausgesprochener Maßen daran, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.(Römer 3,28) Aber mit diesen Worten und seinem allein durch den Glauben redet Paulus nicht der Untätigkeit der Christen das Wort. Er wehrt nur ab, dass man sich durch das Halten des Gesetzes, durch seine „Werke“, seine Gesetzestreue, den Himmel verdienen könnte. Mit keinem Wort ist Paulus auf Untätigkeit aus, wohl aber will er der Versuchung wehren, so etwas wie eine christliche Leistungsbilanz zu erstellen. Meine Vermutung: darin können sich Paulus und Jakobus schnell einig werden.    „Tatenlos Glauben? Unmöglich!“ weiterlesen

Unterschiedslos lieben und ehren

Jakobus 2, 1 – 13

1 Liebe Brüder, haltet den Glauben an Jesus Christus, unsern Herrn der Herrlichkeit, frei von allem Ansehen der Person.

             Die Übersetzung weiß mehr als der Text hergibt: Meine Brüder schreibt Jakobus. Dass sie liebe Brüder sind, ist von den Worten weiter vorne (1,19) eingetragen. Aber wichtiger ist auch, was Jakobus über den Glauben sagt Er bestimmt ihn näher als Glauben an Jesus Christus, unsern Herrn der Herrlichkeit. Da ist nicht von dem irdischen Jesus die Rede, nicht von dem, der einer ist wie wir. Der Glaube hängt an dem, an dem die Herrlichkeit, δξα, aufleuchtet. Der Glanz, der Gott zu eigen ist. Der Glanz aber auch, der einmal den Christen zu eigen sein wird. „Wenn aber Christus, euer Leben, sich offenbaren wird, dann werdet ihr auch offenbar werden mit ihm in Herrlichkeit.“(Kolosser 3,4) 

             Weil das so ist, verträgt der Glaube nicht, dass man sich am Ansehen der Person orientiert. An ihrer Rolle, die sie spielt. An dem Status, der ihr gesellschaftlich zukommt. Es geht nicht um ein Verleugnen der Einmaligkeit, der Würde des Einzelnen. So wird ja jeder angesehen – als ein einmaliges Geschöpf Gottes, als Unikat, als Original. Aber es geht um die gesellschaftliche Rolle, „das Etikett, das einer trug. Es war einer ein Sklave, ein Bürger, ein Händler, ein Feldherr.“ (F. Grünzweig, aaO.;  S.68) Dieser gesellschaftliche, soziale Status darf keine Rolle spielen im geschwisterlichen Miteinander der Gemeinde. Keine Bevorzugung, keine Vorzugsstellung.

Die Begründung ist „hoch aufgehängt“: Christus „allein kommt göttliche Herrlichkeit zu. Deshalb ist es unmöglich, wenn in seiner Gemeinde einer bevorzugt wird, weil er in glänzendem Gewand auftritt.“ (D.Puttkammer, aaO.; S.54)Mit dieser Sicht auf die Gemeinde ist sich Jakobus seltsam einig mit Paulus: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“(Galater 3,28) 

So etwas kann ich nicht schreiben, ohne es anzumerken: die kirchliche Wirklichkeit sieht anders aus. Bei Katholiken, bei Protestanten, bei den Freikirchen, bei den Orthodoxen, wohl auch bei denen, die sich besonders bibeltreu wähnen. Überall gibt es kirchliche Würdenträger. Überall gibt es genau das, was Jakobus als eine Möglichkeit beschreibt, als eine Szene, wie sie sich in einer Gemeinde, der  Versammlung – heißt doch: im Kirchenraum, abspielen kann. Auch wenn da, weil Jakobus solche „kirchlichen Räume“ der Christen noch nicht kennt, ausgerechnet das Wort Synagoge steht: συναγωγ.  „Unterschiedslos lieben und ehren“ weiterlesen

Seid Täter des Wortes

Jakobus 1, 19 – 27

19 Ihr sollt wissen, meine lieben Brüder: Ein jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn. 20 Denn des Menschen Zorn tut nicht, was vor Gott recht ist.

Daran liegt Jakobus, dass er nicht von oben herab redet. Darum: meine lieben Brüder. Ich ergänze sachgemäß: meine lieben Schwestern. So sieht Jakobus die Gemeinde – es sind alles geliebte Leute. Sie müssen deshalb nicht auch gleich schon liebe Leute sein. Das „geliebt“ ist unabhängig von der eigenen Liebeswürdigkeit. Auch wenn es leichter sein mag, liebenswürdige Leute zu mögen als Kratzbürsten.

           Wisst – steht da und meint: Prägt es euch ein. Es geht nicht um ein intellektuelles Wissen, auch nicht um bloßes Bescheid-Wissen, sondern um Wissen, das Verhalten prägt.

Es geht um gute Regeln für das Miteinander. Rasch zum Hören. Ganz Ohr. Ganz aufmerksam. Es geht nicht nur um das zeitlich schnelle Hören – das steckt zwar vorzugsweise im Wörtchen ταχς. Aber der Zusammenhang zielt nicht auf Tempo oder Tempoverlangsamung, sondern auf einen sorgfältigen, bedachten, klaren Umgang. Sich nicht verschließen, wenn Zuhören angesagt ist, sich nicht abwenden, nicht verweigern.

Aber umgekehrt: βραδς, langsam mit den eigenen Worten. Bedächtig. Dem Zorn Zügel anlegen und ihm nicht freien Lauf lassen. Und, es ist die Sicht des lebenserfahrenen Schreibers: Der ungebremste Zorn  richtet allzu oft Unheil an. Auch der vermeintlich gerechte und heilige Zorn.                „Seid Täter des Wortes“ weiterlesen

Das Bild Gottes nicht verdunkeln

Jakobus 1, 13 – 18

 13 Niemand sage, wenn er versucht wird, dass er von Gott versucht werde.

             Jakobus bleibt bei seinem Stichwort: πειρασμός Versuchung. Anfechtung. Die Lutherübersetzung scheint verschiedene Sachverhalte nahezulegen. Aber im Griechischen ist es ein Thema. Es geht um Augenblicke, in denen Entscheidungen zu fällen sind, ein falscher Weg verlockend erscheint und der richtige Weg wenig attraktiv.

Mir kommt es so vor, als reagiere Jakobus auf Sätze und Gedanken, die in den Gemeinden geäußert werden. „Es geht ihm wohl schlicht und einfach um die Bekämpfung falscher Ausreden und Ausflüchte.“(W.Schrage, aaO.; S. 18) Es liegt in der Natur des Menschen (?), sich herauszureden. „Die anderen sind schuld.“ – „Die Verhältnisse haben mich gezwungen. “ – Oder gar: „Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß.“ (1. Mose 3, 12) Am Ende der Ausreden-Liste ist es häufig genug Gott, der verantwortlich gemacht wird.    „Das Bild Gottes nicht verdunkeln“ weiterlesen