Auf den Gastgeber kommt es an!

Sprüche 9, 1 – 18

 1 Die Weisheit hat ihr Haus gebaut und ihre sieben Säulen behauen.

War die Weisheit schon beim Bau der Welt dabei, so wird sie jetzt als Bauherrin vorgestellt, die ihr eigenes Haus gebaut hat. Eines mit sieben Säulen. Die Zahl sieben wird kein Zufall sein, signalisiert sie doch Vollkommenheit. Sicher kann man danach fragen, ob die sieben Säulen für sieben Aspekte der Weisheit stehen, den sieben Schöpfungstagen entsprechen, sich auf die sieben Planeten beziehen. Wie auch immer: es ist ein vollkommenes Haus. So wie die Weisheit den Weg zur Vollkommenheit zeigt, Schritt für Schritt.

2 Sie hat ihr Vieh geschlachtet, ihren Wein gemischt und ihren Tisch bereitet 3 und sandte ihre Mägde aus, zu rufen oben auf den Höhen der Stadt: 4 »Wer noch unverständig ist, der kehre hier ein!«, und zum Toren spricht sie: 5 »Kommt, esst von meinem Brot und trinkt von dem Wein, den ich gemischt habe! 6 Verlasst die Torheit, so werdet ihr leben, und geht auf dem Wege der Klugheit.«

 In diesem Haus tritt sie auf als Hausherrin, die gerne Gastgeberin sein will. Sie bereitet das Festmahl vor und sendet ihre Mägde aus. Sie lässt zu Tisch rufen. Merkwürdigerweise aber nicht die Weisen, sondern gerade die, die noch unverständig sind, die Toren. Die Parallelen zur Erzählung Jesu vom großen Gastmahl sind mit Händen zu greifen. Als seine Einladung ins Leere zu laufen droht, reagiert der Gastgeber: „Da wurde der Hausherr zornig und sprach zu seinem Knecht: Geh schnell hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt und führe die Armen, Verkrüppelten, Blinden und Lahmen herein. Und der Knecht sprach: Herr, es ist geschehen, was du befohlen hast; es ist aber noch Raum da. Und der Herr sprach zu dem Knecht: Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, dass mein Haus voll werde.“(Lukas 14, 21-23)

 Daran liegt den „himmlischen“ Gastgebern: Dass ihre Einladung nicht ins Leere läuft, dass die Plätze alle besetzt werden, dass die, die kommen, sich gütlich tun können an Brot und Wein. Es ist ihre Einladung, die die Gäste würdigt. Es ist nicht die Würde der Gäste, die die Einladung auslöst. Hier wie dort: Geschenk, Gnade. Wer der Einladung der Weisheit folgt, gewinnt Leben in Fülle. „Auf den Gastgeber kommt es an!“ weiterlesen

Von Anfang an da

Sprüche 8, 22 – 36

 22 Der HERR hat mich schon gehabt im Anfang seiner Wege, ehe er etwas schuf, von Anbeginn her. 23 Ich bin eingesetzt von Ewigkeit her, im Anfang, ehe die Erde war.

 Immer noch hat die Weisheit das Wort. Sie redet wie eine eigenständige Person. Sie stellt sich vor, in ihrer Herkunft, in ihrer Würde. Sie ist schon vor aller Schöpfung. Der Anfang der Schöpfung. Ähnlich klinge die folgenden Worte: „Ich ging aus dem Mund des Höchsten hervor und wie Nebel umhüllte ich die Erde…. Wer auf mich hört, wird nicht zuschanden, wer mir dient, fällt nicht in Sünde. Wer mich ans Licht hebt, hat ewiges Leben. Dies alles ist das Bundesbuch des höchsten Gottes, das Gesetz, das Mose uns vorschrieb als Erbe für die Gemeinde Jakobs.“(Jesus Sirach 24, 3.22-23) Auch da rühmt sich die Weisheit ihres Ursprungs: Und ähnlich wie in den Sprüchen sonst hebt sie den Lebensgewinn hervor, den die haben, die ihr folgen: ewiges Leben.

Spannend dabei ist, dass in Jesus Sirach die Weisheit mit der Tora in eins gesetzt wird. Was im späteren Judentum dazu führen kann, dass Sprüche 8,22 „Beweis für die Präexistenz der Thora“(W. Dietrich, aaO.; S.97) werden. Es sind Gedanken, die uns dann im Neuen Testament wieder begegnen, wenn die ersten Christen über Jesus Christus zu sagen wissen, dass er der Schöpfungsmittler ist, von Anfang an bei Gott. „Alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen.“(Kolosser 1,16) Im gleiche Kolosserbrief wird die Verbindung Weisheit – Jesus sogar noch enger gefasst, wenn es heißt: In Christus liegen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis verborgen.(Kolosser 2,3) Es ist von solchen Worten her ein in sich logischer Schritt, in Christus so die Person gewordene Weisheit Gottes zu sehen. „Von Anfang an da“ weiterlesen

Gelingendes Leben

Sprüche 8, 1 – 21

 1 Ruft nicht die Weisheit, und lässt nicht die Klugheit sich hören? 2 Öffentlich am Wege steht sie und an der Kreuzung der Straßen; 3 an den Toren am Ausgang der Stadt und am Eingang der Pforte ruft sie:

 Der Rufende, die Rufende lässt sich nicht in die Ecke stellen. Lässt sich auch nicht den Mund verbieten. Durch den Zeitgeist oder das Argument: Das machen doch alle so. Es ist keine Winkelangelegenheit, wenn es um die Weisheit geht und die Vernunft. Nichts nur für das stille Kämmerlein. „Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.“(Matthäus 6,6) Wohl wahr: Das Gebet des Einzelnen ist nichts für die Öffentlichkeit. Aber die Weisheit darf nicht aus der Öffentlichkeit heraus gehalten werden. Sie muss hineinwirken in die Gesellschaft.

Anknüpfen kann das Buch der Sprüche einmal mehr bei der prophetischen Botschaft, an dem rufenden Gott: „Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch! Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist, und sauren Verdienst für das, was nicht satt macht? Hört doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch am Köstlichen laben. Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir! Höret, so werdet ihr leben.“ (Jesaja 55, 1 – 3) Wenn Gott selbst so in der Figur eines Marktschreiers auftritt, wer wollte es dem Lehrer der Weisheit verdenken, dass er sich daran ein Beispiel nimmt.

Es gibt eine Zeit der Stille, des Schweigens, auch des Schweigens in der Öffentlichkeit. Es gibt aber auch eine Zeit zu rufen, zu werben um Aufmerksamkeit. Hinter diesen Worten der Sprüche steht die Überzeugung: Menschen sind nicht unbelehrbar. Sie können gewonnen werden. Es lohnt sich, Nachdenklichkeit zu fördern. Nicht einfach weiter so zu proklamieren. „Gelingendes Leben“ weiterlesen

So einfach geht Verführung

Sprüche 7, 1 – 27

 1 Mein Sohn, behalte meine Rede und verwahre meine Gebote bei dir. 2 Behalte meine Gebote, so wirst du leben, und hüte meine Weisung wie deinen Augapfel. 3 Binde sie an deine Finger, schreibe sie auf die Tafel deines Herzens. 4 Sprich zur Weisheit: Du bist meine Schwester, und nenne die Klugheit deine Freundin, 5 dass sie dich behüte vor der Frau des andern, vor der Fremden, die glatte Worte gibt.

 Der Schreiber, die Schreiber der Sprüche sind unermüdlich in ihrer Erinnerung: Die Gebote sind gut. Sie helfen, das Leben zu bewahren. Sie sind wie ein Geländer, das vor dem Absturz bewahrt. Schön ist die Aufforderung: Sprich zur Weisheit. Sie ist eine Einladung zu positiven Einreden. Das eigene Herz binden. Es ist ja das einzige Macht-Mittel, das die Sprüche zur Verfügung haben, dass sie die Einsicht appellieren. Sie können und wollen nicht befehlen. Sie können sich auch, so will es scheinen, nicht auf irgendeine amtliche Autorität berufen. Kein Priesteramt., kein öffentliches Lehramt. Sie haben nur die Macht der Worte. „Non vi sed verbo.“(Martin Luther, Invokavit Predigten 1522) Nicht durch Macht, durch Kraft, sondern durch das Wort – so soll es in der Kirche zugehen. Zu allen Zeiten. „So einfach geht Verführung“ weiterlesen

Hin und her gerissen

Sprüche 6, 12 – 19

 12 Ein heilloser Mensch, ein nichtswürdiger Mann, wer einhergeht mit trügerischem Munde, 13 wer winkt mit den Augen, gibt Zeichen mit den Füßen, zeigt mit den Fingern, 14 trachtet nach Bösem und Verkehrtem in seinem Herzen und richtet allezeit Hader an.

 Die Worte schließen an die vorhergehenden Mahnungen nahtlos an. Aber hier werden nicht Mahnungen formuliert, sondern hier wird das Bild eines nichtsnutzigen Menschen gezeichnet.

Unklar, zweideutig. In der Septuaginta heißt es: παρνομος, wahnsinnig, frevelhaft. Unser Wort „Paranomie“ wird hier verwendet, aber nicht als Krankheitsbezeichnung, sondern als eine scharfe Verurteilung einer Lebenshaltung, die nicht der Wahrheit verpflichtet ist. Alles an diesem Menschen ist Lug und Trug, seine Mimik, seine Gesten, seine ganze Lebenseinstellung.

Einmal mehr stehen die Sprüche mit ihrem Denken wohl hinter Worten Jesu: „Aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsches Zeugnis, Lästerung.“(Matthäus 15,19) Jesus ist mit seinen Gedanken über den Menschen, seiner Anthropologie sichtbar der Sicht der Sprüche verwandt. Es ist das Herz eines Menschen, auf das es ankommt. Wer der Bosheit seines Herzens freien Lauf lässt und ihr nicht gebietet, der ist so ein „heilloser Mensch, ein Mensch Belials.“ (W. Dietrich, aaO.; S.80) Einer, mit dem nicht gut sein ist. „Hin und her gerissen“ weiterlesen

Genau prüfen

Sprüche 6, 1 – 11

1 Mein Sohn, hast du gebürgt für deinen Nächsten und hast du Handschlag gegeben für einen andern, 2 und bist du gebunden durch deine Worte und gefangen in der Rede deines Mundes, 3 so tu doch dies, mein Sohn, damit du wieder frei wirst, denn du bist in deines Nächsten Hand:

Mit Bürgschaften ist das so eine Sache. Es gibt viele besonnen Menschen, die eher davon abraten. Eine solche Stimme ist offensichtlich hier zu hören. Es wird hervorgehoben: Bürgschaft verpflichtet. Der Bürge ist gebunden durch sein Wort, das er gegeben hat. Geradezu gefangen. Man kann sich also nicht herausreden.

Es ist interessiert dabei nicht, wie die Bürgschaft zustande gekommen ist. Wer der Nächste , hebräisch: rēa‘, ist, für den man bürgt. Es mag eine Andeutung sein, dass hier nicht von Bürgschaft innerhalb der Sippe die Rede ist, wenn es um den Handschlag, gegeben für einen andern  geht. Statt für einen anderen gibt es auch die Übersetzung: einem Fremden. Hier steht das Wort zār,fremd“ wie schon in 5,20. Dann könnte es um Bürgschaften gehen, die geradezu geschäftsmäßig im „berufsmäßigen Handel“ (H.Ringgren, aaO. S.31)  übernommen werden – und eben nicht um die gebotene Gefälligkeit im Sippen-Verbund.

Solche Bindungen aber sind höchst gefährlich. Erst recht, wenn man sich mit seiner Bürgschaft übernommen hat. „Hat der Bürge sich im Rahmen seiner Möglichkeiten eingesetzt, so wird er im Notfall für den Schuldiger einspringen und das Geld auslegen können. Wenn er aber über seine Verhältnisse hinaus gegangen ist, gerät er in eine gefährliche Lage.“ (W. Dietrich, aaO. S.78) Das ist wohl die Situation, die hier vorgestellt ist. Es geht um mehr als um eine finanziellen Verlust. Die Integrität des Bürgen steht auf dem Spiel. Darum gilt es, alle Anstrengungen zu unternehmen, um sich aus den Lasten der Bürgschaft zu befreien. „Genau prüfen“ weiterlesen

Vom Segen der durchgehaltenen Treue.

Sprüche 5, 1 – 23

1 Mein Sohn, merke auf meine Weisheit; neige dein Ohr zu meiner Lehre, 2 dass du behaltest guten Rat und dein Mund wisse Erkenntnis zu bewahren!

Der ganze Abschnitt beginnt mit einer Aufforderung zur Aufmerksamkeit. Er wirkt wie ein Wiederholung und ist ja auch wirklich ein. So oder ähnlich haben schon die meisten Abschnitte zuvor begonnen. Offensichtlich liegt es in der „Natur der Dinge“, das die Aufmerksamkeit nachlässt, dass sich anderes in den Vordergrund schiebt, die Weisheit irgendwie übersehen werden kann.

 3 Denn die Lippen der fremden Frau sind süß wie Honigseim, und ihre Kehle ist glatter als Öl, 4 hernach aber ist sie bitter wie Wermut und scharf wie ein zweischneidiges Schwert. 5 Ihre Füße laufen zum Tode hinab; ihre Schritte führen ins Totenreich, 6 dass du den Weg des Lebens nicht wahrnimmst; haltlos sind ihre Tritte und du merkst es nicht.

                       Warnungen. Vor der fremden Frau. Vor ihren Künsten der Verführung. Vor der Verlockung durch sie. Dabei ist der Weg, auf den sie lockt, eine Sackgasse. Er führt ins Totenreich. Wo Leben versprochen wird, ist doch schon der Todesgeruch zu spüren. Wer ihrem Weg folgt, verleirt den Boden unter den Füßen, den festen Halt.

 7 So gehorcht mir nun, meine Söhne, und weicht nicht von der Rede meines Mundes.

             Die Schilderung wird durch eine neue Warnung unterbrochen. Wieder die Aufforderung zur Aufmerksamkeit. Diesmal im Plural: Meine Söhne. Wohl wahr: die Bilder der Verlockung können so stark werden, dass die unanschaulichen Worte dagegen nicht ankommen. Unsere Zeit, die vom Bild lebt, kennt die Wahrheit hinter diesen Worten: Bilder haben eine eigentümliche Macht, die weit über das bloße Wort hinaus geht. „Vom Segen der durchgehaltenen Treue.“ weiterlesen

Ein behütetes Herz

Sprüche 4, 20 – 27

20 Mein Sohn, merke auf meine Rede und neige dein Ohr zu meinen Worten. 21 Lass sie dir nicht aus den Augen kommen; behalte sie in deinem Herzen, 22 denn sie sind das Leben denen, die sie finden, und heilsam ihrem ganzen Leibe.

            Die Frage heißt: sagt der Lehrer, der hier das Wort führt, das alles von seinen eigenen Worten? Von seinen eigenen Einsichten? Dann würde er ja sagen: Auf meine Worte kannst du bauen.  Oder ist in Wahrheit nicht von seinem Wort die Rede, sondern seine Worte weisen hin auf das größere Wort, auf die andere Weisheit? „Denn es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust.“(5. Mose 30,14)

So gelesen machen diese Worte für mich Sinn. Sie binden die Weisheit, das Leben an das Wort, das aus dem Mund Gottes kommt. „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von allem, was aus dem Mund des HERRN geht.“ (5. Mose 8,3) Von diesem Wort kann sich unsere Seele wirklich nähren und Wegweisung empfangen.   „Ein behütetes Herz“ weiterlesen

Üb immer Treu und Redlichkeit…

Sprüche 4, 10 – 19

10 Höre, mein Sohn, und nimm an meine Rede, so werden deine Jahre viel werden. 11 Ich will dich den Weg der Weisheit führen; ich will dich auf rechter Bahn leiten, 12 dass, wenn du gehst, dein Gang dir nicht sauer werde, und wenn du läufst, du nicht strauchelst. 13 Bleibe in der Unterweisung, lass nicht ab davon; bewahre sie, denn sie ist dein Leben.

            Dieser Lehrer der Weisheit kann sich gar nicht genug tun mit dem Preisen der Weisheit. Dem Lob eines Lebens in der Spur, die durch die Weisheit und die Gottesfurcht gelegt wird. Es sind vollmundige Versprechen, die er hier gibt. Immer mit der einen Absicht, zu zeigen, dass das Leben auf dem Weg der Weisheit sich lohnt, dass es gelingt, das es ein gutes Leben ist. Wer diesen Weg geht, der kann sichere Schritte tun, der geht auf rechter Bahn.

In einem Land, in dem es mühsam sein kann, Wege zu finden, in dem es zur Aufgabe des Lebens gehört, sich die richtigen Wege zu suchen und nicht in der Wüste in die Irre zu gehen, gewinnen solche Versprechen ein anderes Gewicht als in dem Land, wo Wege als Infrastruktur-Maßnahmen von staatlicher Seite gebahnt werden. Wer einmal in der Wüste unterwegs war, bekommt eine Ahnung davon, dass diese Worte nicht nur schöne Bilder sind. Sie haben einen handfesten Hintergrund im Alltagsleben. Es gibt Wege, die in der Wüste verenden und deshalb auch verenden lassen.  „Üb immer Treu und Redlichkeit…“ weiterlesen

Schlüpfriger Boden

Sprüche 3, 27 – 35

27 Weigere dich nicht, dem Bedürftigen Gutes zu tun, wenn deine Hand es vermag. 28 Sprich nicht zu deinem Nächsten: Geh hin und komm wieder; morgen will ich dir geben -, wenn du es doch hast.

Mahnungen, die zu einem sorgfältigen und gerechten Umgang mit dem Nächsten mahnen. „Der Nächste (hebr. rēa‘) ist ursprünglich der Stammes- oder Volksgenosse, der Freund und Bruder; das Wort bekommt aber in der Weisheitsliteratur oft eine weitere Bedeutung.“ (H.Ringgren, aaO.S.23) Weisheit ist kein Konzept erbaulicher Innerlichkeit, sondern sie will das gute Miteinander.

Sie ist damit nahe an prophetischer Botschaft: „Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!“ (Jesaja 58,7) Nicht bis zur Selbstaufgabe, nicht bis man selbst bedürftig ist, aber wie und wenn deine Hand es vermag. Weisheit kennt auch keinen Aufschub des Guten. Heute gilt es zu helfen und nicht zu vertrösten auf morgen.

 29 Trachte nicht nach Bösem gegen deinen Nächsten, der arglos bei dir wohnt. 30 Geh nicht mutwillig mit jemand vor Gericht, wenn er dir kein Leid getan hat.

            Rechtliches Denken wehrt schon den falschen und bösen Gedanken. Unrecht – das weiß die Sprachsammlung – fängt in den Gedanken an und wird dann zur Tat. Darum soll man sich hüten vor den böse Gedanken, Genauso vor der Heimtücke gegen den Nächsten. Auch das verträgt sich nicht mit der Weisheit und der Gottesfurcht, dass man jemand mit falschen Anschuldigungen vor Gericht zerrt. Nicht der Weg vor das Gericht, in das Tor als solcher wird verboten. Man darf sein Recht suchen. Aber nicht, wenn es keinen Grund zur Klage gibt. „Schlüpfriger Boden“ weiterlesen