Ein neuer Hiob – alt und lebenssatt

Hiob 42, 10 – 17

10 Und der HERR wandte das Geschick Hiobs, als er für seine Freunde Fürbitte tat. Und der HERR gab Hiob doppelt so viel, wie er gehabt hatte.

 Eben noch hatte es geheißen: der Herr erhörte Hiob. Gemeint ist wohl: in seiner Fürbitte für die Freunde. Zu diesem Erhören Gottes kommt jetzt das andere hinzu: Hiobs Leben erfährt eine Wende. Darf man sagen: Eine Re-Vision? Weil es bei Hiob zu einer neuen Innensicht auf Gott gekommen ist, kommt jetzt auch ein neues Leben in Sicht. Zuallererst – und knapp angedeutet: er wird doppelt entschädigt – für den Verlust an Habe, an Kamelen, Schafen, Viehzeug.

Eine Entschädigung für den Tod seiner Kinder vermag ich nicht zu denken. Es gibt keinen Ersatz  für verstorbene Kinder durch Nachgeborene. Das wird beiden nicht gerecht – nicht dem Verlust und nicht den Nachgeborenen. Sie dürfen doch nie nur als Ersatz, als Entschädigung angesehen werden.

 11 Und es kamen zu ihm alle seine Brüder und alle seine Schwestern und alle, die ihn früher gekannt hatten, und aßen mit ihm in seinem Hause und sprachen ihm zu und trösteten ihn über alles Unglück, das der HERR über ihn hatte kommen lassen. Und ein jeder gab ihm ein Goldstück und einen goldenen Ring.

             Jetzt taucht auch die Verwandtschaft auf. Die sich lange bei dem Unglückseligen nicht hat blicken lassen. Die den Freunden den Vortritt gelassen hat. Man kann das schäbig finden: Jetzt, wo das Blatt sich wendet, sind sie wieder da. Aber es ist so menschlich. Es gibt sie doch wirklich, die Angst vor der Ansteckungskraft des Unglücks. „Es ist nicht nur feige und unbeholfen, wenn so viele verschwinden, auf der Straße das Trottoir wechseln oder nicht mehr anrufen.“ (W. Reiser, aaO.; S.200) Es ist allzu menschlich. „Ein neuer Hiob – alt und lebenssatt“ weiterlesen

Entlassen in guter Zuversicht

Hiob 42, 7 – 9

7 Als nun der HERR diese Worte mit Hiob geredet hatte, sprach er zu Elifas von Teman:

Man kann es leicht überlesen: Mit der Gottesrede an Hiob ist noch nicht alles gesagt. Auch Elifas von Teman wird vom HERRN angesprochen. Auch er „bekommt“ ein Gotteswort, seine direkte Gotteserfahrung. Ich habe den Eindruck: wir sind es so sehr gewöhnt, die Freunde Hiobs als theologische Rechthaber und Langweiler zu sehen, dass wir regelrecht blind dafür sind: Elifas wird von Gott einer Antwort gewürdigt. Er wird nicht mit Nichtachtung bestraft!

 Mein Zorn ist entbrannt über dich und über deine beiden Freunde; denn ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Hiob.

             Die Worte der drei Freunde sind Gott seinen Zorn wert. Sie sind nicht ungehört in einer Himmelsleere verhallt. Gott, der HERR, hat sie wahrgenommen. Und bewertet sie: sie sind nicht recht von ihm geredet. Sie haben nichts Zutreffendes über ihn gesagt. Obwohl sie doch ihrer innersten Überzeugung und der Tradition der Weisheit Israels gefolgt sind – nicht recht geredet. Obwohl ihre Sätze nach dem Urteil vieler korrekt sind – nicht zutreffend. Sie haben Gott in ein Denk-System gesperrt und ihn genau darin verloren, verpasst, verfehlt.

Oder anders gesagt: „Die Freunde haben sich hinter ihren religiösen Sätzen und Weisheiten verschanzt, haben ihre schönen und weisen Bilder Gottes sorgfältig hingepinselt, haben ihn gerechtfertigt und verteidigt, weil sie ja Bescheid wussten über ihn. Sie standen mit ihrem Wissen über ihm und darin fest und brauchten sich keinen Zentimeter von sich weg zu ihm hin zu bewegen. Darum hat sich an ihnen auch nichts verändert. Sie blieben, die sie waren.“ (W. Reiser, aaO.; S.196) Das sind erschreckende Worte und wohltuende Warnungen für jemand, der selbst leidenschaftlich gerne Theologie treibt, Prediger ist.

Es gehört zur mich beglückenden Weisheit des Hiob-Buches, dieses unbekannten Schreibers, dass er dem verfehlten Reden der Freunde jetzt keine „richtige Theologie“ entgegensetzt. Gott „verkündet keine Theologie, die ihm angemessen wäre. … Denn dann würden wir hurtig nach seinen theologischen Sätzen greifen und rufen: Das ist es nun… Das wäre nur wieder ein Gott vom Hörensagen, ein Gott der angelernten Sätze, der angelesenen Buchstaben und der einstudierten Wendungen, ein lehrbarer Gott, der rasch wieder ein leerer Gott wäre.“ (W. Reiser, aaO.;,S.195f.) Nichts davon in diesem Buch. Nur der Hinweis: eure Lehre ist es nicht.   „Entlassen in guter Zuversicht“ weiterlesen

So lannge nur aus zweiter Hand

Hiob 42, 1 – 6

1 Und Hiob antwortete dem HERRN und sprach: 2 Ich erkenne, dass du alles vermagst, und nichts, das du dir vorgenommen, ist dir zu schwer.

             Immerhin: Hiob antwortet: Es ist ein Schritt weiter. Er hat verstanden. „Der Macht und den Möglichkeiten Gottes sind keine Schranken gesetzt.“       (A. Weiser, aaO.; S.263) Gott kann, was er will. Und, im Unterschied zu uns Menschen,  was er will, kann er auch.

Das hat Hiob „erkannt.“ Eingesehen. Aber es ist mehr als: ich habe verstanden. „Das Zeitwort erkennen (hebräisch jādaʽ) verdeutlicht, dass es um eine Erfahrung geht, die die ganze Existenz umfasst.“ (Hj. Bräumer, aaO.; S.255) Das gleiche Wort wird auch gebraucht, wenn „Adam seine Frau Eva erkennt“, wenn es zum Geschlechtsverkehr kommt. In dem Erkennen des HERRN geschieht eine Verwandlung des Hiob. Er ist nicht mehr der „alte Hiob“. Da beginnt Neuwerdung.

Was Hiob erkannt hat, ist schlicht gesprochen: Gott ist allem gewachsen. Gott hat sich mit seiner Schöpfung nicht übernommen. Es ist, als würde Hiob den Satz aus dem Schöpfungsbericht bestätigen: „Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“(1. Mose 1,31)

  3 »Wer ist der, der den Ratschluss verhüllt mit Worten ohne Verstand?« Darum hab ich unweise geredet, was mir zu hoch ist und ich nicht verstehe. 4 »So höre nun, lass mich reden; ich will dich fragen, lehre mich!«

             Hiob hat zugehört. Gleich zwei Worte, Fragen aus der Gottesrede nimmt er in seiner Antwort auf. Worte, in denen Gott ihn befragt hat. Herausgefordert hat zu Antworten. Die Antwort, die Hiob jetzt gibt: Ich habe mich übernommen. Ohne Einsicht gesprochen. Ohne den Durchblick und Überblick, der nötig gewesen wäre. In aller Kritik und aller Klage ist Hiob ein Opfer seiner engen, menschlichen Sicht geworden.

„Meine engen Grenzen, meine kurze Sicht
bringe ich vor dich.
Wandle sie in Weite, Herr, erbarme dich.“      E.
Eckert 1981, EG 584 „So lannge nur aus zweiter Hand“ weiterlesen

Hiob allmächtig?

Hiob 40, 6 – 32

6 Und der HERR antwortete Hiob aus dem Wettersturm und sprach:

             Ein drittes Mal: der HERR antwortete – diesmal wieder aus dem Wettersturm. Also immer noch – oder wieder? – eine Gottes-Begegnung, Gotteserfahrung, Gotteserscheinung.

Es gibt mehrere Möglichkeiten, diesen Satz zu verstehen. Er ist eine schlichte Wiederholung aus Kapitel 38. Er ist nur eine Erinnerung an die Umstände, die da schon genannt sind. Oder er kennzeichnet eine zweite Gotteserfahrung, einen Neu-Einsatz nach der ersten knappen, kleinlauten Antwort des Hiob.

  7 Gürte wie ein Mann deine Lenden! Ich will dich fragen; lehre mich! 8 Willst du mein Urteil zunichte machen und mich schuldig sprechen, dass du Recht behältst?

Wieder beginnt die Gottesrede damit, dass Hiob nicht nur zur Rede gestellt wird. Er wird herausgefordert. Gott zu belehren. Gott lässt sich darauf ein, dass Hiob ihn fragen will und kehrt die Situation um: Gott „gibt Hiob Antwort, jedoch wieder auf eine Weise, die Hiob nicht erwartet hat: Der Frager wird zum Gefragten.“( Hj. Bräumer, aaO. S. 234)

Mehr noch: Gott stellt sich dem Rechtsanspruch Hiobs – mit dem Risiko, dass sein Urteil zunichtewird, dass Hiob Recht behält. Es wäre zu wenig, wenn das nur Ironie wäre. Es ist die große Herausforderung an Hiob. Mišpat, Recht schaffen ist nie nur ein Urteilsspruch. Sondern dieses Rechtschaffen ist immer zugleich auch zu Recht bringen, in Ordnung bringen. Hiob – daran erinnert die Frage Gottes – erhebt in seinem Fragen den Anspruch, dass er die Welt zu Recht bringen könnte. In Ordnung bringen. Dabei wird er nun behaftet.

  9 Hast du einen Arm wie Gott, und kannst du mit gleicher Stimme donnern wie er? 10 Schmücke dich mit Pracht und Hoheit; zieh Majestät und Herrlichkeit an! 11 Streu aus den Zorn deines Grimmes; schau an alle Hochmütigen und demütige sie! 12 Ja, schau alle Hochmütigen an und beuge sie und zertritt die Gottlosen in Grund und Boden! 13 Verscharre sie miteinander in der Erde, und versenke sie ins Verborgene, 14 so will auch ich dich preisen, dass dir deine rechte Hand helfen kann.

             Das also steckt hinter den Fragen, mit denen Hiob jetzt konfrontiert wird: Hast du die Macht, die Welt zu ordnen, so wie Gott sie ordnet? Traust du dir das zu, die Hochmütigen zu demütigen. Traust du dir das zu, den Starken die Stirn zu bieten, die Mächtigen zu begrenzen. Und eben nicht nur: Traust du dir das zu? Kannst du das? „Hiob allmächtig?“ weiterlesen

Gottes Gegenüber

Hiob 40, 1 – 5

1Und der HERR antwortete Hiob und sprach: 2 Wer mit dem Allmächtigen rechtet, kann der ihm etwas vorschreiben? Wer Gott zurechtweist, der antworte!

           Es wirkt wie eine Wiederholung, ist aber eher wie ein Abschluss der Gottesrede zu lesen. Wie eine Zusammenfassung der Argumente. Wie kommt einer dazu, Gott zurechtweisen zu wollen. Ihm etwas vorzuschreiben. Mit dem Allmächtigen zu rechten? Eine dreifache Abweisung des Rechtes, Gott zu verklagen. Jedes Mal ist klar: das ist unangemessenes Verhalten Gott gegenüber. Dem Schöpfer gegenüber, dem Allmächtigen gegenüber.

Der Kläger Hiob, so wird in diesem kurzen „Statement“ deutlich, hat seine Grenze überschritten. Aus dem klagenden und fragenden Hiob wird durch die Gottesrede ab 38,1 einer, der in Frage gestellt wird. Aus dem Kläger wird der Beklagte, aus dem, der Gott angreift, wird selbst einer, der durch die Fragen Gottes angegriffen und gestellt wird. Zur Rechenschaft hat Hiob Gott gefordert: Siehe, ich bin zum Rechtsstreit gerüstet; ich weiß, dass ich Recht behalten werde. Wer ist, der mit mir rechten könnte? Denn dann wollte ich schweigen und zugrunde gehen.“(13,18-19) Aber nun ist alles anders geworden. Nicht Gott muss sich verantworten vor Hiob, sondern Hiob muss vor Gott antworten. Sich vor Gott verantworten.

Ist dieser Rollentausch überzeugend? Ist er zwingend? Wenn man die Rede Gottes ganz liest, dann ist klar: hier stehen sich Schöpfer und Geschöpf gegenüber. Gott und Mensch. Sie sind nicht gleichwertig. Nicht in ihrem Wollen, nicht in ihrem Können, nicht in ihrem Wesen. Der ewige Gott und der sterbliche Mensch. Der Allmächtige, El Schaddai, und der Ohnmächtige, Hiob.

Was ich verstehe: Die Basis eines beide gleich verpflichtenden Rechtes, die Hiob suchte und setzen wollte, gibt es nicht. Der Versuch, eine Gerechtigkeit zu finden, die Gott wie den Menschen in gleicher Weise bindet, die über beiden steht, ist gescheitert. Zwangsläufig, weil Gott nicht mehr Gott wäre, wenn es ein Recht gäbe, dem er unterliegt, vor dem man ihn zur Rechenschaft ziehen kann.              „Gottes Gegenüber“ weiterlesen

Fragen über Fragen

Hiob 38, 1 – 21

1 Und der HERR antwortete Hiob aus dem Wettersturm und sprach:

             Endlich, möchte man fast sagen. Nach diesen quälend langen Redeschlachten der Freunde mit Hiob, nach diesen so aufwühlenden Klagen und Anklagen, Unschuldsbeteuerungen Hiobs. Jetzt endlich antwortet der HERR. Nicht einfach aus heiterem Himmel. Aus dem Wettersturm.

Das ist die Andeutung einer Theophanie, einer Gotteserscheinung.

Er machte Finsternis ringsum zu seinem Zelt;                                                                        in schwarzen, dicken Wolken war er verborgen.                                                             Aus dem Glanz vor ihm zogen seine Wolken dahin mit Hagel und Blitzen.              Der HERR donnerte im Himmel,                                                                                              und der Höchste ließ seine Stimme erschallen mit Hagel und Blitzen.                               Psalm 18,12-14

 In vielen biblischen Texten ist das Erscheinen Gottes mit einem Sturm verbunden. Mit Donner und Blitz, Erdbeben und Feuer. Wir sprechen von „Gotteserscheinung“ – aber zu sehen ist hier nur der Sturm, nicht Gott selbst. Ein kleiner Hinweis: Jede Offenbarung Gottes ist zugleich eine Verhüllung. Denn den „nackten Gott“ könnten wir Menschen nicht aushalten. „Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.“(2.Mose 33,20) So also zeigt sich Gott in den Sturm verhüllt.

 „Jetzt erst, wo Gott selbst in Erscheinung tritt, wird er mit dem Namen Jahwe genannt….Erst jetzt wird das wahre Wesen Gottes, um das es im Streit der Meinungen ging, enthüllt; nur wo Gott sich selbst offenbart, gibt es eine gültige Antwort auf die Gottesfrage.“  (A. Weiser, aaO.; S.243)Das ist ein ernüchterndes Urteil über den langen Diskussionsgang zuvor. Er ist nur ein Tasten nach dem Weg, nach Gott. Der Weg aber, Gott selbst ist in diesem Streit immer noch verborgen. Das ist auch eine Mahnung zur Bescheidenheit, zur Demut im Blick auf das eigene Erkenntnis-Vermögen.     „Fragen über Fragen“ weiterlesen

Noch ein Versuch

Hiob 32, 1 – 22

1 Da hörten die drei Männer auf, Hiob zu antworten, weil er sich für gerecht hielt.

Hiobs Freunde schweigen. Wieder, wie zu Anfang. Weil sie spüren, dass ihre Worte an Hiob vorbei gegangen sind? Weil sie hören, dass sie nicht zusammenfinden, sie mit ihren Schuldsprüchen und er mit seiner Überzeugung von sich selbst, dass er gerecht ist. Da ist keine Verständigungsebene mehr erkennbar. Darum ist es besser zu schweigen.

2 Aber Elihu, der Sohn Barachels des Busiters, aus dem Geschlecht Ram, ward zornig. Er ward zornig über Hiob, weil er sich selber für gerechter hielt als Gott. 3 Auch ward er zornig über seine drei Freunde, weil sie keine Antwort fanden und doch Hiob verdammten. 4 Elihu aber hatte gewartet, bis sie mit Hiob geredet hatten, weil sie älter waren als er. 5 Als Elihu nun sah, dass keine Antwort war im Munde der drei Männer, ward er zornig.

Jetzt erst erfahren wir als Leser, dass da noch ein Vierter da ist. Elihu, der Sohn Barachels, Ein Freund? So wird er nicht vorgestellt, obwohl er doch ausgiebig vorgestellt wird, nach seiner Herkunft. Wichtiger ist dem Erzähler, das Elihu sich aufregt, zornig ist. Zornig über Hiob und zornig über die Freunde. Hiob hält er für selbstgerecht und anmaßend Gott gegenüber. Die Freunde verärgern ihn, weil sie keine Antwort auf Hiob finden, aber ihn gleichwohl verurteilen.    

         Es wirkt ein bisschen, als würden jetzt noch einmal früher gebrachte Argumente überprüft, korrigiert, auf den Punkt gebracht. „Elihu spielt in diesen Reden trotz seiner Jugend die Rolle eines Kritikers und Schiedsrichters.“(A. Weiser, aaO.; S.217)Seine Worte wirken wie ein Kommentar aus einer anderen Sicht, auch aus einer anderen Zeit. Es könnte durchaus ein, dass sie erst später zum Hiob-Buch hinzugefügt worden sind.        „Noch ein Versuch“ weiterlesen

Hiob – ein guter Mensch!

Hiob 31, 16 – 40

16 Hab ich den Bedürftigen ihr Begehren versagt und die Augen der Witwe verschmachten lassen? 17 Hab ich meinen Bissen allein gegessen, und hat nicht die Waise auch davon gegessen? 18 Nein, ich habe sie von Jugend auf gehalten wie ein Vater, und ich habe sie von Mutterleib an geleitet. 19 Hab ich zugesehen, wie jemand ohne Kleid verkommen ist, und den Armen ohne Decke gehen lassen? 20 Hat er mich nicht gesegnet, wenn er von der Wolle meiner Lämmer erwärmt wurde? 21 Hab ich meine Hand gegen eine Waise erhoben, weil ich sah, dass ich im Tor Helfer hatte, 22 so falle meine Schulter vom Nacken und mein Arm breche aus dem Gelenk!

             Es liest sich, als würde Hiob sich selbst noch einmal als Zeugnis ausstellen, was ganz am Anfang des Buches von ihm gesagt worden ist: fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und mied das Böse.(1.1) Er geht jetzt die Möglichkeiten durch, dieses fromme Leben zu verfehlen, den Weg Gottes zu verlassen.

Hiob ist sich sicher: Diese Irrwege habe ich nicht eingeschlagen. Ich war nie einer, der sich selbst genug war in seinem Reichtum. Einer, der vor der Not anderer die Augen verschlossen hat.

Hiob ist nach diesem Worten das Gegenbild zu dem reichem Mann, von dem Jesus erzählt:  „Es war aber ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur und kostbares Leinen und lebte alle Tage herrlich und in Freuden. Es war aber ein Armer mit Namen Lazarus, der lag vor seiner Tür voll von Geschwüren und begehrte sich zu sättigen mit dem, was von des Reichen Tisch fiel; dazu kamen auch die Hunde und leckten seine Geschwüre.“(Lukas 16, 19-21)

Hiob ist, daran kann es keinen Zweifel geben, einer, der im Gericht auf der Seite der Gerechten stehen wird: „Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben, oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen, oder nackt und haben dich gekleidet? Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“(Matthäus 25, 37-40)

 Hiob ist ein guter Mensch. Ein Gerechter. Einer, der anderen zum Leben hilft. So sieht er sich. Er weiß das und sagt es ohne Prahlerei. Ohne gleich einen Heiligenschein zu beanspruchen oder sich das Etikett „Gutmensch“ umzuhängen. „Hiob – ein guter Mensch!“ weiterlesen

Mein Erlöser lebt

Hiob 19, 21 – 29

 21 Erbarmt euch über mich, erbarmt euch, meine Freunde; denn die Hand Gottes hat mich getroffen! 22 Warum verfolgt ihr mich wie Gott und könnt nicht satt werden von meinem Fleisch?

             Irgendwann geht Hiob die Luft aus. Auch die Widerstandskraft gegen die Worte der Freunde. Was er braucht, ist Erbarmen, ist Solidarität, Beistand. Was er erfährt, sind Angriffe auf ihn, die den Angriff Gottes fortsetzen. Wenn schon die Hand Gottes ihn getroffen hat, schwer auf ihm liegt, müssen dann auch noch ihre Worte für ihn Last sein?

Hiob „klagt die Freunde an und stellt sie in eine Linie mit Gott. Beide sind wie Raubtiere, die den angeschlagenen Menschen verfolgen und zerfleischen, bis er schließlich tot ist.“ (P. Deselaers, aaO.;,S.102) Würden sie doch sehen – das wäre in Hiobs Augen schon Erbarmen – dass er unschuldig ist! Könnten sie doch aufhören, ihm immerzu die Schuld an seinem Geschick zuzuschieben.

Es ist erschütternd: Hiob ist am Ende. Nicht nur, weil das Leben ihn mit Schicksalsschlägen hart getroffen  hat. Sondern vor allem, weil es für ihn immer deutlicher wird: Gott hat sich mit seinen Schlägen gegen ihn gewandt. Der ihm da so entgegentritt und ihn ins Leiden stürzt, ist Gott, dem er sich anvertraut hatte. Hiob kennt die Abmachungen im Himmel nicht, weiß nichts von der Probe, der er ausgesetzt wird. Aber es nimmt ihm alle Kraft zum Leben, dass er Gott als den erfährt, er sich ihm feindlich entgegenstellt. Wie naiv klingt nach all diesen Sätzen und Gesprächen, was er seiner Frau gesagt hatte: „Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen?“(2,10) Da glaubt er Gott noch als den der ihm nicht über die Kräfte Böses auferlegen wird.

Die Freunde sind ihm kein Beistand, sondern sie stellen sich auf die Seite Gottes, stellen sich gleichfalls gegen ihn. Was bleibt von Hiob noch übrig? Am Anfang konnte er noch sagen: „Der Name des Herrn sei gelobt.“(1,21)Am Anfang konnte er noch auf die Nähe der Freunde hoffen, sieben Tage und Nächte lang. Aber jetzt: Gott ist ihm feind und die Freunde verurteilen ihn.  „Mein Erlöser lebt“ weiterlesen

Gegen die Hoffnungslosigkeit

Hiob 12, 1 – 6; 14, 1 – 12

 1 Da antwortete Hiob und sprach: 2 Ja, ihr seid die Leute, mit euch wird die Weisheit sterben!

             Manchmal bleibt nur noch Ironie. Hiob ist physisch und psychisch fast am Ende. Aber das macht ihn noch nicht wehrlos, noch nicht gefühllos. So antwortet er auf die Attacken der Freunde, auf ihre Verhaltung mit einem Gegenangriff. „Wofür haltet ihr euch eigentlich?“ lese ich zwischen den Zeilen. „Die Freunde sollen nur nicht glauben, die Leute zu sein, die die Weisheit gepachtet haben.“(Hj. Bräumer, aaO.;S.197) Hiob treibt es auf die Spitze: ohne euch und eure Weisheit wäre die Welt ein dunkles Loch!

 3 Ich hab ebenso Verstand wie ihr und bin nicht geringer als ihr; wer wüsste das nicht?

             Ohne Umschweife: ich bin nicht dümmer als ihr. Ich bin nicht weniger bewandert in den Schriften wie ihr. Ich kann auch denken. Es wirkt, als würde Hiob sich darauf berufen, dass die Leute ihn doch kennen, dass es doch dieses Bild von ihm gibt: „fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und mied das Böse.“(1,1) Hiob kann sich durchaus sehen lassen, auch mit seinem Verstand, seinem Verstehen und Begreifen.   

 4 Ich muss von meinem Nächsten verlacht sein, der ich Gott anrief und den er erhörte. Der Gerechte und Fromme muss verlacht sein. 5 Dem Unglück gebührt Verachtung, so meint der Sichere; ein Stoß denen, deren Fuß schon wankt! 6 Die Hütten der Verwüster stehen ganz sicher, und Ruhe haben, die wider Gott toben, die Gott in ihrer Faust führen.

             Aber – wie auch immer Hiob sich selbst sieht, andere sehen ihn anders. Er ist zum Gespött geworden. Er ist in den Augen der Freunde einer, der mit seiner Frömmigkeit und Gerechtigkeit gescheitert ist. „Hohlkopf“ hat ihn Zofar genannt und damit auf den Punkt gebracht, was sie wohl alle drei denken: Das, was sie jetzt vor Augen haben, Hiob auf seinem Aschehaufen, sagt, was ist: sein Leben ist nichts mehr wert. Seine Überzeugungen sind widerlegt. Alles, was er gesagt, getan, geglaubt hat, ist wie ein Kartenhaus in sich zusammen gebrochen. Ein einziges Trümmerfeld – sein Leben, sein Glauben. Und sie sind dabei, ihm den letzten Stoß zu versetzen.

„Die sich des Tun-Ergehen-Zusammenhang so sicher sind, leben nach dem gemeinen Grundsatz: „Was fallen will, das soll man auch noch stoßen“ (Hj. Bräumer, aaO.; S.198) Da ist kein Mitgefühl, kein Mitleid, vielleicht auch keine klammheimliche Schadenfreude. Aber sie sind himmelweit entfernt von dem, was die Schrift als die Art Gottes zeichnet. Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“(Jesaja 42,3) Sie, die so stolz die Gerechtigkeit Gottes zu kennen behaupten, werden doch Gott in keiner Weise gerecht.  „Gegen die Hoffnungslosigkeit“ weiterlesen