Die Wiedergutmachung Gottes

Hiob 42, 10 – 17

10 Und der HERR wandte das Geschick Hiobs, als er für seine Freunde Fürbitte tat. Und der HERR gab Hiob doppelt so viel, wie er gehabt hatte.

 Eben noch hatte es geheißen: der Herr erhörte Hiob. Gemeint ist wohl: in seiner Fürbitte für die Freunde. Zu diesem Erhören Gottes kommt jetzt das andere hinzu: Hiobs Leben erfährt eine Wende. Darf man sagen: Eine Re-Vision? Weil es bei Hiob zu einer neuen Innensicht auf Gott gekommen ist, kommt jetzt auch ein neues Leben in Sicht. Zuallererst – und knapp angedeutet: er wird doppelt entschädigt – für den Verlust an Habe, an Kamelen, Schafen, Viehzeug.

Eine Entschädigung für den Tod seiner Kinder vermag ich nicht zu denken. Es gibt keinen Ersatz  für verstorbene Kinder durch Nachgeborene. Das wird beiden nicht gerecht – nicht dem Verlust und nicht den Nachgeborenen. Sie dürfen doch nie nur als Ersatz, als Entschädigung angesehen werden.

 11 Und es kamen zu ihm alle seine Brüder und alle seine Schwestern und alle, die ihn früher gekannt hatten, und aßen mit ihm in seinem Hause und sprachen ihm zu und trösteten ihn über alles Unglück, das der HERR über ihn hatte kommen lassen. Und ein jeder gab ihm ein Goldstück und einen goldenen Ring.

             Jetzt taucht auch die Verwandtschaft auf. Die sich lange bei dem Unglückseligen nicht hat blicken lassen. Die den Freunden den Vortritt gelassen hat. Man kann das schäbig finden: Jetzt, wo das Blatt sich wendet, sind sie wieder da. Aber es ist so menschlich. Es gibt sie doch wirklich, die Angst vor der Ansteckungskraft des Unglücks. „Es ist nicht nur feige und unbeholfen, wenn so viele verschwinden, auf der Straße das Trottoir wechseln oder nicht mehr anrufen.“ (W. Reiser, aaO.; S.200) Es ist allzu menschlich.

Immerhin: sie kommen, sie bringen ihm gemäß altem Sippenbrauch die Notsteuer, damit er keine finanziellen Sorgen haben muss. Ein Restbestand dieser Sitte sind heutzutage wohl Geldscheine, die man Beileidsbekundungen beilegt, um etwas zur Grabpflege beizusteuern. Und sie essen miteinander. Zeichen dafür, dass Hiob wieder zu den Lebenden zählt, wieder in die Gemeinschaft aufgenommen ist. Sie reden auch wieder miteinander. Keine Angst mehr davor, dass die richtigen Worte fehlen könnten. Die Ansteckungsgefahr durch seine Krankheit und sein Unglück ist ausgestanden.  Ansehen und Ehre des Dulders sind wieder hergestellt. „Die Wiedergutmachung Gottes“ weiterlesen

Umkehr der Unbelehrbaren

Hiob 42, 7 – 9

7 Als nun der HERR diese Worte mit Hiob geredet hatte, sprach er zu Elifas von Teman:

             Man kann es leicht überlesen: Mit der Gottesrede an Hiob ist noch nicht alles gesagt. Auch Elifas von Teman wird vom HERRN angesprochen. Auch er „bekommt“ ein Gotteswort, seine direkte Gotteserfahrung. Ich habe den Eindruck: wir sind es so sehr gewöhnt, die Freunde Hiobs als theologische Rechthaber und Langweiler zu sehen, dass wir regelrecht blind dafür sind: Elifas wird von Gott einer Antwort gewürdigt. Er wird nicht mit Nichtachtung bestraft!

 Mein Zorn ist entbrannt über dich und über deine beiden Freunde; denn ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Hiob.

             Die Worte der drei Freunde sind Gott seinen Zorn wert. Sie sind nicht ungehört in einer Himmelsleere verhallt. Gott, der HERR, hat sie wahrgenommen. Und bewertet sie: sie sind nicht recht von ihm geredet. Sie haben nichts Zutreffendes über ihn gesagt. Obwohl sie doch ihrer innersten Überzeugung und der Tradition der Weisheit Israels gefolgt sind – nicht recht geredet. Obwohl ihre Sätze nach dem Urteil vieler korrekt sind – nicht zutreffend. Sie haben Gott in ein Denk-System gesperrt und ihn genau darin verloren, verpasst, verfehlt.

Oder anders gesagt: „Die Freunde haben sich hinter ihren religiösen Sätzen und Weisheiten verschanzt, haben ihre schönen und weisen Bilder Gottes sorgfältig hingepinselt, haben ihn gerechtfertigt und verteidigt, weil sie ja Bescheid wussten über ihn. Sie standen mit ihrem Wissen über ihm und darin fest und brauchten sich keinen Zentimeter von sich weg zu ihm hin zu bewegen. Darum hat sich an ihnen auch nichts verändert. Sie blieben, die sie waren.“ (W. Reiser, aaO.; S.196) Das sind erschreckende Worte und wohltuende Warnungen für jemand, der selbst leidenschaftlich gerne Theologie treibt, Prediger ist.

Es gehört zur mich beglückenden Weisheit des Hiob-Buches, dieses unbekannten Schreibers, dass er dem verfehlten Reden der Freunde jetzt keine „richtige Theologie“ entgegensetzt. Gott „verkündet keine Theologie, die ihm angemessen wäre. … Denn dann würden wir hurtig nach seinen theologischen Sätzen greifen und rufen: Das ist es nun… Das wäre nur wieder ein Gott vom Hörensagen, ein Gott der angelernten Sätze, der angelesenen Buchstaben und der einstudierten Wendungen, ein lehrbarer Gott, der rasch wieder ein leerer Gott wäre.“ (W. Reiser, aaO.;,S.195f.) Nichts davon in diesem Buch. Nur der Hinweis: eure Lehre ist es nicht.  „Umkehr der Unbelehrbaren“ weiterlesen

Unser Gottkennen – nur Hörensagen?

Hiob 40, 6 – 41,3 .   42, 1 – 6

6 Und der HERR antwortete Hiob aus dem Wettersturm und sprach:

             Ein drittes Mal: der HERR antwortete – diesmal wieder aus dem Wettersturm. Also immer noch – oder wieder? – eine Gottes-Begegnung, Gotteserfahrung, Gotteserscheinung.

 7 Gürte wie ein Mann deine Lenden! Ich will dich fragen; lehre mich! 8 Willst du mein Urteil zunichte machen und mich schuldig sprechen, dass du Recht behältst?

Wieder beginnt die Gottesrede damit, dass Hiob nicht nur zur Rede gestellt wird. Er wird herausgefordert. Gott zu belehren. Gott lässt sich darauf ein, dass Hiob ihn fragen will und kehrt die Situation um: Gott „gibt Hiob Antwort, jedoch wieder auf eine Weise, die Hiob nicht erwartet hat: Der Frager wird zum Gefragten.“ ( Hj. Bräumer, aaO. S. 234)

Mehr noch: Gott stellt sich dem Rechtsanspruch Hiobs – mit dem Risiko, dass sein Urteil zunichtewird, dass Hiob Recht behält. Es wäre zu wenig, wenn das nur Ironie wäre. Es ist die große Herausforderung an Hiob. Mišpat, Recht schaffen ist nie nur ein Urteilsspruch. Sondern dieses Rechtschaffen ist immer zugleich auch zu Recht bringen, in Ordnung bringen. Hiob – daran erinnert die Frage Gottes – erhebt in seinem Fragen den Anspruch, dass er die Welt zu Recht bringen könnte. In Ordnung bringen. Dabei wird er nun behaftet.

  9 Hast du einen Arm wie Gott, und kannst du mit gleicher Stimme donnern wie er? 10 Schmücke dich mit Pracht und Hoheit; zieh Majestät und Herrlichkeit an! 11 Streu aus den Zorn deines Grimmes; schau an alle Hochmütigen und demütige sie! 12 Ja, schau alle Hochmütigen an und beuge sie und zertritt die Gottlosen in Grund und Boden! 13 Verscharre sie miteinander in der Erde, und versenke sie ins Verborgene, 14 so will auch ich dich preisen, dass dir deine rechte Hand helfen kann.

             Das also steckt hinter den Fragen, mit denen Hiob jetzt konfrontiert wird: Hast du die Macht, die Welt zu ordnen, so wie Gott sie ordnet? Traust du dir das zu, die Hochmütigen zu demütigen. Traust du dir das zu, den Starken die Stirn zu bieten, die Mächtigen zu begrenzen. Und eben nicht nur: Traust du dir das zu? Kannst du das?

Wenn Hiob Ja sagt auf diese Fragen, dann gilt: Mach es. Tue es. Jetzt. Die Aufforderung Schmücke dich mit Pracht und Hoheit; zieh Majestät und Herrlichkeit an! Zielt ja nicht auf eine Kleiderfrage. Sondern es ist die Aufforderung, zu tun, was der Macht entspricht. Das Recht in Kraft zu setzen. Die Ordnung der Welt herzustellen. So dass sie gut ist. Dass sie Frieden widerspiegelt. Schalom.

15 Siehe da den Behemot, den ich geschaffen habe wie auch dich! Er frisst Gras wie ein Rind. 16 Siehe, welch eine Kraft ist in seinen Lenden und welch eine Stärke in den Muskeln seines Bauchs! 17 Sein Schwanz streckt sich wie eine Zeder; die Sehnen seiner Schenkel sind dicht geflochten. 18 Seine Knochen sind wie eherne Röhren, seine Gebeine wie eiserne Stäbe. 19 Er ist das erste der Werke Gottes; der ihn gemacht hat, gab ihm sein Schwert. 20 Die Berge tragen Futter für ihn, und alle wilden Tiere spielen dort. 21 Er liegt unter Lotosbüschen, im Rohr und im Schlamm verborgen. 22 Lotosbüsche bedecken ihn mit Schatten, und die Bachweiden umgeben ihn. 23 Siehe, der Strom schwillt gewaltig an: er dünkt sich sicher, auch wenn ihm der Jordan ins Maul dringt. 24 Kann man ihn fangen Auge in Auge und ihm einen Strick durch seine Nase ziehen? 25 Kannst du den Leviatan fangen mit der Angel und seine Zunge mit einer Fangschnur fassen? 26 Kannst du ihm ein Binsenseil an die Nase legen und mit einem Haken ihm die Backen durchbohren? 27 Meinst du, er wird dich lang um Gnade bitten oder dir süße Worte geben? 28 Meinst du, er wird einen Bund mit dir schließen, dass du ihn für immer zum Knecht bekommst? 29 Kannst du mit ihm spielen wie mit einem Vogel oder ihn für deine Mädchen anbinden? 30 Meinst du, die Zunftgenossen werden um ihn feilschen und die Händler ihn verteilen? 31 Kannst du mit Spießen spicken seine Haut und mit Fischerhaken seinen Kopf? 32 Lege deine Hand an ihn! An „den“ Kampf wirst du denken und es nicht wieder tun!

             Zwei Ur-Tiere nennt die Gottesrede, an denen Hiob seine Macht erweisen soll. Den Behemot und den Leviatan. Es mag sein, dass mit den beiden Namen Nilpferd und Krokodil angedeutet sind. Sicher ist das allerdings nicht. Sie sind Chaos-Ungeheuer, die in den beiden Groß-Tieren Nilpferd und Krokodil nur ein ungefähres Abbild haben. „Um sie schweben so viel Kampf, Gefahr und Bedrohung, dass sie geradezu zum Bild des Ungeheuren und Monströsen werden…Sie knüpfen an uralte Bilder an, mit denen sie sich die Menschen die Ängste vor einer bedrohten und bedrohlichen Welt von der Seele malten.“ (W. Reiser aaO.; S. 190)Und doch: Beides nur Geschöpfe Gottes, genau wie Hiob. Beide begrenzt durch die Macht Gottes. Riesentiere, die an Gott ihre Grenze haben

Die Herausforderung an Hiob heißt: Wenn Hiob sich mit Gott im Rechtsstreit messen will, dann muss er doch erst einmal diesen Ur-Tieren gewachsen sein. Wenn er sich mit dem Schöpfer „anlegen will“, dann soll er seine Kräfte doch erst einmal an diesen Riesengeschöpfen erproben. An dem Monströsen in der Welt. An dem Unheimlichen. Ahnt Gott: diesen Kampf wird Hiob nicht auf sich nehmen können? Weil er schon beim Anblick der Ungeheuer sieht: Zu groß.

Mich beschäftigt noch ein anderer Gedanke, der so nicht im Text steht. Sind  Behemot und den Leviatan womöglich auch Bilder für unheimliche Möglichkeiten, die im Menschen selbst schlummern? Für die Ungeheuer, zu denen Menschen für andere Menschen werden können? Es ist ja doch erschreckend, zu welchen Monströsitäten Menschen fähig sind. Erst recht, wenn sie sich nicht nur stark fühlen, sondern auch sich im Recht wähnen. Und dazu die Möglichkeiten haben, ihr Recht als Macht zu behaupten und durchzusetzen.

Die Blutspur der Rechthaber zieht sich tief durch die Geschichte der Menschheit. Unter stetig wechselnden Vor-Zeichen: Dem Kreuz, dem Halbmond, der allmächtigen Wahrheit des Kommunismus,  auch der Flagge der Freiheit und jüngst der Fahne des IS. Ja, auch im Namen der Freiheit sind schreckliche Dinge geschehen. Man muss nicht Linksaußen sein, um hier an Afghanistan, den Irakkrieg und andere „Interventionen“ zu denken. Mich packt manchmal die Angst, dass auch das Reden von der Völkergemeinschaft oder gar Weltgemeinschaft nichts anderes ist als ein Rechtfertigungsversuch für das eigene Machtspiel.

Immer braucht es ein eigenes, hehres Bild, eine große Vision – und andere zahlen den hohen Preis und Blutzoll, wenn zu dieser Vision nicht die ganz grundsätzliche Absage an die Gewalt, die Weltherrschaft, den neuen Menschen oder ähnliches gehört. Hat Hiob – damals – die Kraft, sich dem zu stellen?  Haben wir heute den Mut, diesen Kampf anzufangen?

41,1 Siehe, jede Hoffnung wird an ihm zuschanden; schon wenn einer ihn sieht, stürzt er zu Boden. 2 Niemand ist so kühn, dass er ihn zu reizen wagt.

             Immer noch ist die Rede vom Leviatan. „Jede Herausforderung dieses gefährlichen Gegners wäre tollkühn und geradezu verrückt.“(P. Deselaers, aaO. s. 141)Es ist doch so: bevor man sich in einen Kampf wagt, überlegt man doch, o man überhaupt Chancen auf den Sieg hat oder o man von vornherein auf verlorenem Posten steht.

 – Wer ist denn, der vor mir bestehen könnte? 3 Wer kann mir entgegentreten und ich lasse ihn unversehrt? Alles unter dem Himmel ist mein!

             Es ist ein merkwürdiger, irritierender Vergleich, der hier anklingt: Gott ist doch unbesiegbar wie der Leviatan. Und sich mit Gott anlegen, ist, als würde sich einer mit diesem unüberwindlichen Ungeheuer der Urzeit anlegen. Dieses Ungeheuer ist Gottes Eigentum, so wie alles unter dem Himmel.

42, 1 Und Hiob antwortete dem HERRN und sprach: 2 Ich erkenne, dass du alles vermagst, und nichts, das du dir vorgenommen, ist dir zu schwer.

             Immerhin: Hiob antwortet: Es ist ein Schritt weiter. Er hat verstanden. „Der Macht und den Möglichkeiten Gottes sind keine Schranken gesetzt.“ (A. Weiser, aaO; S. 263) Gott kann, was er will. Und, im Unterschied zu uns Menschen,  was er will, kann er auch.

Das hat Hiob „erkannt.“ Eingesehen. Aber es ist mehr als: ich habe verstanden. „Das Zeitwort erkennen (hebräisch jādaʽ) verdeutlicht, dass es um eine Erfahrung geht, die die ganze Existenz umfasst.“ (Hj. Bräumer, aaO.; S.255) Das gleiche Wort wird auch gebraucht, wenn „Adam seine Frau Eva erkennt“, wenn es zum Geschlechtsverkehr kommt. In dem Erkennen des HERRN geschieht eine Verwandlung des Hiob. Er ist nicht mehr der „alte Hiob“. Da beginnt Neuwerdung.

Was Hiob erkannt hat, ist schlicht gesprochen: Gott ist allem gewachsen. Gott hat sich mit seiner Schöpfung nicht übernommen. Es ist, als würde Hiob den Satz aus dem Schöpfungsbericht bestätigen: „Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“(1. Mose 1,31)

  3 »Wer ist der, der den Ratschluss verhüllt mit Worten ohne Verstand?« Darum hab ich unweise geredet, was mir zu hoch ist und ich nicht verstehe. 4 »So höre nun, lass mich reden; ich will dich fragen, lehre mich!«

             Hiob hat zugehört. Gleich zwei Worte, Fragen aus der Gottesrede nimmt er in seiner Antwort auf. Worte, in denen Gott ihn befragt hat. Herausgefordert hat zu Antworten. Die Antwort, die Hiob jetzt gibt: Ich habe mich übernommen. Ohne Einsicht gesprochen. Ohne den Durchblick und Überblick, der nötig gewesen wäre. In aller Kritik und aller Klage ist Hiob ein Opfer seiner engen, menschlichen Sicht geworden.

Es ist das Menschenmaß seines Sehens, das ihm zum Verhängnis wird, ihn blind sein lässt für die Wirklichkeit Gottes. Es ist der durch das Leiden getrübte Blick, der blind ist für die Größe Gottes. Ich neige allerdings immer noch dazu, sehr vorsichtig zu sein. Ich will nicht gerne so weit gehen zu sagen, dass ihm „die Hybris, Gott mit den Mitteln der Menschenweisheit begreifen zu wollen, nicht nur als Irrtum, sondern als Urschuld des Menschen bewusst wird.“ (A. Weiser, aaO.;S.264) Mir genügt es, dass Hiob versteht, dass er zu kurz gedacht hat, vielleicht auch zu klein geglaubt, dass er gefangen war in Spuren, die er gelehrt worden ist.

5 Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen.

             Das ist sein Zentralsatz: Alles, was er früher über Gott gesagt hat, gedacht hat, war ein Wissen und Reden aus zweiter Hand. Der Tradition geschuldet. Der Lehre über Gott in Israel. Der Theologie. Den Worten der Väter.

Aber jetzt ist eine neue Situation:  nun hat mein Auge dich gesehen. Wenn ich den Text des Hiob-Buches ganz streng nehme – da ist nicht von eine Vision die Rede. Hiob sieht „nur“ einen Wettersturm. (38,1; 40,6) Was ihm zuteil wird, ist, dass er eine Stimme hört. Der HERR sprach. So wie es auch bei den Propheten ist – sie hören, auch wenn sie nichts sehen.

Aber dieses Hören ist Hiob ein „Sehen“. Bringt ihm Einsicht und macht ihn einsichtig. „Dass es vom Hörensagen zur eigenen Gewissheit wird, ist immer ein ganz anderer Vorgang. Das kommt über und wie eine Offenbarung, wie eine Erleuchtung, oder sie wächst geheimnisvoll verborgen in uns und ist plötzlich da.“ (W. Reiser, aaO.; S.194)

Mir fällt eine Szene aus dem Neuen Testament ein, wo es auch um diesen Wechsel geht, vom Hörensagen zum eigenen Sehen, vom Reden und Glauben aus der zweiten Hand zur eigenen Erfahrung: „Da sagten die andern Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er aber sprach zu ihnen: Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und meinen Finger in die Nägelmale lege und meine Hand in seine Seite lege, kann ich’s nicht glauben.“ (Johanes 20,25) Und siehe, dieser Skeptiker, Frager Thomas, ein später Bruder des Hiob in seinem Fragen, erhält, was er erbittet: „Danach spricht Jesus zu Thomas: Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott!“ (Johannes 20, 27-28) 

 

Darf ich, muss ich so weit gehen: Hiob steht, genau wie Thomas für alle, die nicht mit dem Glauben aufs Hörensagen hin zufrieden sein wollen, die mehr wollen, die ihren eigenen Augen und ihrer eigenen Erfahrungen trauen können wollen. An Hiob wird wahr, was er mitten in der tiefen Anfechtung gesagt hat: „Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben. Und ist meine Haut noch so zerschlagen und mein Fleisch dahingeschwunden, so werde ich doch Gott sehen.“ (19,25-26)

 Ich lese diese Worte auch als eine Bestätigung des Ringens Hiobs um eine Gottesbegegnung, eine Gotteserfahrung: Es gibt ein Recht  auf die eigene Erfahrung, das eigene Sehen – nicht als einen objektiven Rechtsanspruch, wohl aber als ein Recht, das Gott uns einräumt und schenkt und um das wir kämpfen dürfen.

6 Darum spreche ich mich schuldig und tue Buße in Staub und Asche.

Das so hartnäckige Warum Hiobs wird in dieser Antwort abgelöst, durch ein doppeltes Darum. Weil er so Gott erfahren hat, darum gibt Hiob auf, ohne klein beizugeben, spricht er sich schuldig. Mir gefällt die Übersetzung besser: Darum widerrufe ich und atme auf, in Staub und Asche.(Einheitsübersetzung)Es ist das Eingeständnis: Alles von Hiob Gesagte ist unangemessen gewesen. Es hat hinten und vorne der Wirklichkeit Gottes nicht entsprochen. Aber mir ist schon wichtig: Hiob, der hier das Gefälle zwischen sich und Gott anerkennt, macht sich damit nicht klein. Er macht sich vielmehr menschlich. Und darin groß. Mir ist es immer ein Zeichen von Größe, dass jemand sagen kann, sich selbst eingestehen kann: ich habe etwas falsch gesehen, zu kurz gedacht. Ich war verblendet.

             Hiob ist nicht in irgendeinem moralischen Sinn schuldig. Es geht auch nicht um die Einsicht in die sündhafte Verfassung eines jeden Menschen. Sondern es geht schlicht um die Einsicht: Meine Worte konnten nicht zutreffen. Sie mussten Gott sozusagen zwangsläufig verfehlen. Ich bin in meinem Denken und Reden über Gott und auch zu Gott immer ein Gefangener meiner eigenen Lebens-Situation.

Zu der letzten Wendung: Ich tue Buße in Staub und Asche. ein kleiner Hinweis. Zur Ordnung des Bestattungsaktes gehört der dreifach Erd-Wurf, begleitet von den Worten „Erde zur Erde, Staub zum Staub, Asche zur Asche.“ Es ist ein Anerkennen: wir sind von Erde genommen und werden wieder zur Erde, ’ādām wird zur ’ādāmah.  In diesem Bußakt findet Hiob also dazu zurück, sein Menschsein anzuerkennen, zu akzeptieren. Das ist seine Umkehr, seine Buße, seine Einsicht.

„Ist Hiob etwa umsonst gottesfürchtig?“ So hat der Satan gefragt – und Gott damit herausgefordert.  Am Ende dieser Herausforderung steht die Einsicht Hiobs, die man auch Gottesfurcht nennen kann. Die Anerkennung, dass Gott der Schöpfer ist, der ganz Andere, der sich dem eigenen, zugreifenden Denken entzieht. Am Geschick Hiobs hat sich bis hierher nichts geändert. Seine Lebens-Situation ist immer noch der Aschehaufen. Aber er hat eine neue Sicht von Gott gewonnen, tiefer, abgründiger. Zwischen Gott und Hiob steht niemand. Nichts. Auch keine Lehre mehr.  Ja, Hiob ist umsonst gottesfürchtig. Ohne Gegenleistung Gottes. Aber gerade darin ist seine Gottesfurcht nicht vergeblich.

 

Mein Gott, Ich will nicht gottgleich sein. Ich will mir nicht anmaßen, Dein Werk tun zu können. Ich eigne mich nicht dafür, die gerechte Welt herzustellen.

Mein Gott, gib mir den Mut zu tun, was meinen Möglichkeiten entspricht, mich dem Bösen zu verweigern, das in mir selbst ist, mich der Versuchung zu verweigern, die mich oft genug befällt, eine Welt nach meinen Gusto zu zimmern, mir eine Welt wenigstens zurecht zu denken, in der ich Dir auch ein Plätzchen zugestehe.

Gib Du mir die Kraft, menschlich zu leben in einer Welt, die oft so menschenfeindlich ist, schöpfungsgemäß zu leben in einer Welt, in der wir so oft vergessen, dass es Deine Schöpfung ist und nicht unser Eigentum.

Lehre mich die Demut zu erkennen, dass ich das Geschöpf bin und Du mein Schöpfer, auch der Schöpfer meiner Grenzen. Amen

Nur ein Mensch

Hiob 38, 1 – 11; 40, 1 – 5

1 Und der HERR antwortete Hiob aus dem Wettersturm und sprach:

             Endlich, möchte man fast sagen. Nach diesen quälend langen Redeschlachten der Freunde mit Hiob, nach diesen so aufwühlenden Klagen und Anklagen, Unschuldsbeteuerungen Hiobs. Jetzt endlich antwortet der HERR. Nicht einfach aus heiterem Himmel. Aus dem Wettersturm.

Das ist die Andeutung einer Theophanie, einer Gotteserscheinung.

Er machte Finsternis ringsum zu seinem Zelt;                                                                     in schwarzen, dicken Wolken war er verborgen.                                                             Aus dem Glanz vor ihm zogen seine Wolken dahin mit Hagel und Blitzen.                 Der HERR donnerte im Himmel,                                                                                           und der Höchste ließ seine Stimme erschallen mit Hagel und Blitzen.                                                               Psalm 18,12-14

 In vielen biblischen Texten ist das Erscheinen Gottes mit einem Sturm verbunden. Mit Donner und Blitz, Erdbeben und Feuer. Wir sprechen von „Gotteserscheinung“ – aber zu sehen ist hier nur der Sturm, nicht Gott selbst. Ein kleiner Hinweis: Jede Offenbarung Gottes ist zugleich eine Verhüllung. Denn den „nackten Gott“ könnten wir Menschen nicht aushalten. „Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.“(2.Mose 33,20) So also zeigt sich Gott in den Sturm verhüllt.

 „Jetzt erst, wo Gott selbst in Erscheinung tritt, wird er mit dem Namen Jahwe genannt….Erst jetzt wird das wahre Wesen Gottes, um das es im Streit der Meinungen ging, enthüllt; nur wo Gott sich selbst offenbart, gibt es eine gültige Antwort auf die Gottesfrage.“  (A. Weiser, aaO. S. 243)Das ist ein ernüchterndes Urteil über den langen Diskussionsgang zuvor. Er ist nur ein Tasten nach dem Weg, nach Gott. Der Weg aber, Gott selbst ist in diesem Streit immer noch verborgen. Das ist auch eine Mahnung zur Bescheidenheit, zur Demut im Blick auf das eigene Erkenntnis-Vermögen.    

  2 Wer ist’s, der den Ratschluss verdunkelt mit Worten ohne Verstand? 3 Gürte deine Lenden wie ein Mann! Ich will dich fragen, lehre mich!

             Hiob hat Gott zum Rechtsstreit gefordert. Er hat ihm seinen Reinigungseid vorgelegt. Er hat ihn aufgefordert, sich dem kritischen Urteil zu stellen. Auf diese Forderungen Hiobs antworten jetzt die Worte Gottes. Jetzt fordert der Herr Hiob. Stelle dich wie ein Mann!  Und es steckt im ersten Satz schon eine Wertung: Alles, was bislang gesagt wurde –  Worte ohne Verstand. Nicht angemessen.  Nicht von weitem hinreichend. Das Dunkel, das Hiob über den –Wegen Gottes beklagt hat, ist in Wahrheit sein Dunkel. Er hat den Ratschluss – hebräisch: ʽeāh –  nicht erkannt, nicht ergründen können. Weil er Mensch ist. Kein Gott.  „Nur ein Mensch“ weiterlesen

Gott verteidigen?

Hiob 32, 1 – 22

1 Da hörten die drei Männer auf, Hiob zu antworten, weil er sich für gerecht hielt.

      Hiobs Freunde schweigen. Wieder, wie zu Anfang. Weil sie spüren, dass ihre Worte an Hiob vorbei gegangen sind? Weil sie hören, dass sie nicht zusammenfinden, sie mit ihren Schuldsprüchen und er mit seiner Überzeugung von sich selbst, dass er gerecht ist. Da ist keine Verständigungsebene mehr erkennbar. Darum ist es besser zu schweigen.

2 Aber Elihu, der Sohn Barachels des Busiters, aus dem Geschlecht Ram, ward zornig. Er ward zornig über Hiob, weil er sich selber für gerechter hielt als Gott. 3 Auch ward er zornig über seine drei Freunde, weil sie keine Antwort fanden und doch Hiob verdammten. 4 Elihu aber hatte gewartet, bis sie mit Hiob geredet hatten, weil sie älter waren als er. 5 Als Elihu nun sah, dass keine Antwort war im Munde der drei Männer, ward er zornig.

Jetzt erst erfahren wir als Leser, dass da noch ein Vierter da ist. Elihu, der Sohn Barachels, Ein Freund? So wird er nicht vorgestellt, obwohl er doch ausgiebig vorgestellt wird, nach seiner Herkunft. Wichtiger ist dem Erzähler, das Elihu sich aufregt, zornig ist. Zornig über Hiob und zornig über die Freunde. Hiob hält er für selbstgerecht und anmaßend Gott gegenüber. Es empört ihn: „Ijob erklärt sich für gerecht und Gott für ungerecht; Ijob hält sich für ein schuldloses Opfer, Gott hingegen impliziert für einen Verbrecher.“ (P. Deselaers, in: Sehnsucht nach dem lebendigen Gott. Das Buch Hiob; Bibelauslegung für die Praxis 8, Stuttgart 1983, s. 119)  Die Freunde verärgern ihn, weil sie keine Antwort auf Hiob finden, aber ihn gleichwohl verurteilen.     

Es wirkt ein bisschen, als würden jetzt noch einmal früher gebrachte Argumente überprüft, korrigiert, auf den Punkt gebracht. „Elihu spielt in diesen Reden trotz seiner Jugend die Rolle eines Kritikers und Schiedsrichters.“(A. Weiser, aaO. S. 217)Seine Worte wirken wie ein Kommentar aus einer anderen Sicht, auch aus einer anderen Zeit. Es könnte durchaus ein, dass sie erst später zum Hiob-Buch hinzugefügt worden sind.

 6 Und Elihu, der Sohn Barachels des Busiters, hob an und sprach: Ich bin jung an Jahren, ihr aber seid alt; darum hab ich mich gescheut und gefürchtet, mein Wissen euch kundzutun. 7 Ich dachte: Lass das Alter reden, und die Menge der Jahre lass Weisheit beweisen. 8 Aber der Geist ist es in den Menschen und der Odem des Allmächtigen, der sie verständig macht. 9 Die Betagten sind nicht die Weisesten, und die Alten verstehen nicht, was das Rechte ist.

Wenn ich salopp formuliere, sagt Elihu: Alter schützt vor Torheit nicht. Der Vorschuss an Ehrfurcht, den er den anderen gegenüber aufgebracht hat, dass sie älter sind, mehr wissen, mehr Lebenserfahrung haben, dieser Vorschuss ist aufgebraucht. Es ist nicht das Alter, das weise macht, sondern – wie recht hat Elihu mit diesen Worten: der Geist ist es in den Menschen und der Odem des Allmächtigen, der sie verständig macht. Es ist fromm gesprochen, aber deshalb ja nicht falsch: „Wirkliche Weisheit ist ein Geschenk Gottes, ein Charisma.“ (Hj. Bräumer, aaO.; S. 154) „Gott verteidigen?“ weiterlesen

Ein guter Mensch klagt

Hiob 31, 1 – 15

 1 Ich hatte einen Bund gemacht mit meinen Augen, dass ich nicht lüstern blickte auf eine Jungfrau. 2 Was gäbe sonst mir Gott als Teil von oben und was für ein Erbe der Allmächtige aus der Höhe? 3 Wäre es nicht Verderben für den Ungerechten und Unglück für den Übeltäter?

            Jetzt geht Hiob ins Detail. Zählt mögliche Vergehen auf und beteuert gleichzeitig: Ich nicht. Ich bin nicht meinen Augen gefolgt. Ich habe nicht hier jungen Frauen hergeschaut und mir ausgemalt, wies wäre, wenn… Ich habe mich innerlich immer zur Ordnung gerufen und mich so vor dem Verderben für den Ungerechten und Unglück für den Übeltäter zu bewahren gesucht. Was mich getroffen hat, so muss man ergänzen, ist keine Antwort auf Schuld.

 4 Sieht er nicht meine Wege und zählt alle meine Schritte? 5 Bin ich gewandelt in Falschheit, oder ist mein Fuß geeilt zum Betrug? 6 Gott möge mich wiegen auf rechter Waage, so wird er erkennen meine Unschuld! 7 Ist mein Gang gewichen vom Wege und mein Herz meinen Augen nachgefolgt und blieb etwas hängen an meinen Händen, 8 so will ich säen, aber ein anderer soll es essen, und meine Nachkommen sollen entwurzelt werden.

             Hiob hat es immer gewusst: Gott sieht. Er sieht alles. Nichts ist vor ihm verborgen. Darum ist es auch nicht Unschuldbeteuerung gegenüber den Freunden. Es ist vielmehr eine Erklärung Gott gegenüber: es gibt keine Falschheit, keinen Betrug, der gegen Hiob zeugen würde. Das ist kein Plädoyer wegen Mangel an Beweisen, sondern die Forderung nach Freispruch wegen erwiesen Unschuld.  Wäre es anders, würde Hiob jede Strafe akzeptieren.

9 Hat sich mein Herz betören lassen um einer Frau willen und hab ich an meines Nächsten Tür gelauert, 10 so soll meine Frau einem andern mahlen, und andere sollen bei ihr liegen. 11 Denn das ist eine Schandtat und eine Schuld, die vor die Richter gehört. 12 Ja, das ist ein Feuer, das bis in den Abgrund frisst und all meine Habe bis auf die Wurzel vernichtet.

             Noch einmal kommt Hiob auf die eheliche Treue zurück. Nein, er ist keiner fremden Frau nachgelaufen. Nein, er ist in keine Ehe eingebrochen. Nein, er hat seinen Bonus an angesehener Mann nicht ausgenützt. Niemals. Es ist ein Blick in sein Inneres. Er weiß: Sexualität ist wie ein Feuersturm, eine Macht und sie kann vernichten. Darum hat er widerstanden.

13 Hab ich missachtet das Recht meines Knechts oder meiner Magd, wenn sie eine Sache wider mich hatten, 14 was wollte ich tun, wenn Gott sich erhebt, und was würde ich antworten, wenn er heimsucht? 15 Hat nicht auch ihn erschaffen, der mich im Mutterleibe schuf, hat nicht der Eine uns im Mutterschoß bereitet?

             Die Gewissenerforschen geht weiter: Er ist nie unfair seinen Lohnabhängigen gegenüber gewesen. Knecht und Magd, ihm untergeben, haben nicht unter ihm leiden müssen. Er hat es immer geachtet: Sie sind Gottes Geschöpf, so wie er selbst. Gleichwürdig, wenn auch in anderer soziale Rolle. „Ein guter Mensch klagt“ weiterlesen

Für immer bei Gott

Hiob 19, 1 – 29

 1 Hiob antwortete und sprach:

2 Wie lange plagt ihr meine Seele und peinigt mich mit Worten? 3 Ihr habt mich nun zehnmal verhöhnt und schämt euch nicht, mir so zuzusetzen. 4 Habe ich wirklich geirrt, so trage ich meinen Irrtum selbst. 5 Wollt ihr euch wirklich über mich erheben und wollt mir meine Schande beweisen?

              Es ist in dieser Situation wie ein Aufschrei. Wie lange wollt ihr mir noch so zusetzen? Weil ihre Worte auf ihn einprasseln, weil sie seinen Schmerz nicht erkennen, sondern nur immer neu Wunden aufreißen, wird es langsam unerträglich. Es ist absurd: „Alles, was Hiob noch geblieben ist, ist Beschimpfung und Misshandlung und zwar als Dauerzustand.“(Hj. Bräumer, aaO. S. 291 Zehnmal – immerzu. Sie prügeln auf ihn ein.

Die Freunde halten ihm seine Worte als Irrweg vor, als Irrtum – als ob er es nicht selbst wüsste: Nichts ist leichter, als sich im Wort zu verfehlen. Sich zu verrennen in dem, was man sagt. Das allerdings ist auch wahr: es regt ihn auf, dass die Freunde ihm so gegenübertreten, als könnte sie ihm zeigen, beweisen, wie sehr er sich verrannt hat. Es ist so: sie stehen um ihn herum, sie sind da.

 6 So merkt doch endlich, dass Gott mir unrecht getan hat und mich mit seinem Jagdnetz umgeben hat. 7 Siehe, ich schreie »Gewalt!« und werde doch nicht gehört; ich rufe, aber kein Recht ist da. 8 Er hat meinen Weg vermauert, dass ich nicht hinüberkann, und hat Finsternis auf meine Steige gelegt. 9 Er hat mir mein Ehrenkleid ausgezogen und die Krone von meinem Haupt genommen. 10 Er hat mich zerbrochen um und um, dass ich dahinfuhr, und hat meine Hoffnung ausgerissen wie einen Baum. 11 Sein Zorn ist über mich entbrannt, und er achtet mich seinen Feinden gleich. 12 Vereint kommen seine Kriegsscharen und haben ihren Weg gegen mich gebaut und sich um meine Hütte her gelagert.

             Haben die Freude vor ihm wortreich gleich zweimal das Bild und Schicksal des Frevlers gemalt, jetzt malt Hiob das Bild Gottes, der ihn angreift, ihm Unrecht zufügt, Gewalt antut. hinter allem, was ihm widerfahren ist, steht Gott. Der hat ihn aller Pracht entkleidet, der hat seine Leib, schlimmer noch seine Seele zerbrochen. Der hat ihm seine Ehre kābŏd – genommen und ihm so alle Hoffnung ausgerissen.

Es ist die Klage, die auch im Psalm begegnet:

„Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe;  denn es ist hier kein Helfer.             Gewaltige Stiere haben mich umgeben, mächtige Büffel haben mich umringt. Ihren Rachen sperren sie gegen mich auf wie ein brüllender und reißender Löwe.  Ich bin ausgeschüttet wie Wasser, alle meine Gebeine haben sich zertrennt;             mein Herz ist in meinem Leibe wie zerschmolzenes Wachs.                                         Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe,                                                            und meine Zunge klebt mir am Gaumen, und du legst mich in des Todes Staub.“                               Psalm 22, 12 – 16

Hiob ist nicht der einzige, der so klagen muss. Es gibt mehr Hiobs-Gestalten, auch unter den Betern der Bibel. Nur, dass macht seine Lage zusätzlich schier unerträglich: der, den sie alle um Hilfe rufen, der stellt sich gegen ihn! „Für immer bei Gott“ weiterlesen

Hoffnung für den Hoffnungslosen?

Hiob 14,  1- 22

 1 Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, 2 geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht.

  Hiob hat sehr wohl aus der Glaubenstradition Israels gelernt. Er kennt sich aus, nicht weniger als die Freunde. Er weiß, dass der Mensch vergänglich ist. Jeder, auch er selbst. Darüber macht er sich nichts vor. Er sagt, wie  es ist: Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit – und sagt es wie ohne Bedauern. Nüchtern: So steht es um uns, um mich.

Wir sind alle nur für kurze Zeit hier Gast auf Erden. Schattenhafte Gestalten, wenn man auf das Ganze der Welt und Zeit sieht. Ein nichts angesichts der Größe des Alls, angesichts der Millionen Jahre, die die Welt ist. Es besteht kein Anlass zur Selbstüberschätzung.

  3 Doch du tust deine Augen über einen solchen auf, dass du mich vor dir ins Gericht ziehst.

             Und doch: Gott sieht auf dieses vergängliche Wesen. Hat ein Auge auf ihn. Achtet auf ihn. Einmal mehr erweist sich Hiob als einer, der den Psalmen nahe ist:

Wohin soll ich gehen vor deinem Geist,                                                                                 und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?                                                              Führe ich gen Himmel, so bist du da;                                                                                     bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.                                               Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer,                           so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.                                Psalm 139, 8-10  

             Der Unterschied: Im Psalm ist die unausweichliche Gegenwart Gottes beängstigend und tröstend in gleicher Weise. Ambivalent, zwiespältig. Sie kann erdrücken, aber eben auch schützen. In den Worten Hiob ist sie nur noch beängstigend: Gott ist nur so gegenwärtig, dass er vor Gericht zerrt.  Anders vermag ihn Hiob nicht mehr zu sehen.

4 Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer!

             Dabei ist es ja unausweichlich, Schicksal. Von Anfang an, vom Wesen des Menschen her. Was die Freunde ihm als Anklage vorhalten, was sie aus ihrer Dogmatik ableiten, dass er doch ein Sünder sein muss, unrein und alle seine Unschuldsbeteuerungen nur Selbstbetrug, das bringt Hiob jetzt vor – aber als Klage gegenüber Gott. „Hoffnung für den Hoffnungslosen?“ weiterlesen

Wenn Gott weit weg scheint

Hiob 12, 1 – 25

 1 Da antwortete Hiob und sprach: 2 Ja, ihr seid die Leute, mit euch wird die Weisheit sterben!

Manchmal bleibt nur noch Ironie. Hiob ist physisch und psychisch fast am Ende. Aber das macht ihn noch nicht wehrlos, noch nicht gefühllos. So antwortet er auf die Attacken der Freunde, auf ihre Verhaltung mit einem Gegenangriff. „Wofür haltet ihr euch eigentlich?“ lese ich zwischen den Zeilen. „Die Freunde sollen nur nicht glauben, die Leute zu sein, die die Weisheit gepachtet haben.“(Hj. Bräumer, aaO. S. 197) Hiob treibt es auf die Spitze: ohne euch und eure Weisheit wäre die Welt ein dunkles Loch!

 3 Ich hab ebenso Verstand wie ihr und bin nicht geringer als ihr; wer wüsste das nicht?

             Ohne Umschweife: ich bin nicht dümmer als ihr. Ich bin nicht weniger bewandert in den Schriften wie ihr. Ich kann auch denken. Es wirkt, als würde Hiob sich darauf berufen, dass die Leute ihn doch kennen, dass es doch dieses Bild von ihm gibt: „fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und mied das Böse.“(1,1) Hiob kann sich durchaus sehen lassen, auch mit seinem Verstand, seinem Verstehen und Begreifen.  Es ist wohl richtig beobachtet: „Die Temperatur der Auseinandersetzung steigt merklich an und wird hitzig. Mit der Hellsichtigkeit eines Patienten, dem man nichts mehr vormachen kann, und mit der Rücksichtslosigkeit, die keinen Gesunden mehr schont, seziert er die empfohlene Weisheit.“(W. Reiser, aaO. S. 86)

 4 Ich muss von meinem Nächsten verlacht sein, der ich Gott anrief und den er erhörte. Der Gerechte und Fromme muss verlacht sein. 5 Dem Unglück gebührt Verachtung, so meint der Sichere; ein Stoß denen, deren Fuß schon wankt! 6 Die Hütten der Verwüster stehen ganz sicher, und Ruhe haben, die wider Gott toben, die Gott in ihrer Faust führen.

             Aber – wie auch immer Hiob sich selbst sieht, andere sehen ihn anders. Er ist zum Gespött geworden. Er ist in den Augen der Freunde einer, der mit seiner Frömmigkeit und Gerechtigkeit gescheitert ist. „Hohlkopf“ hat ihn Zofar genannt und damit auf den Punkt gebracht, was sie wohl alle drei denken: Das, was sie jetzt vor Augen haben, Hiob auf seinem Aschehaufen, sagt, was ist: sein Leben ist nichts mehr wert. Seine Überzeugungen sind widerlegt. Alles, was er gesagt, getan, geglaubt hat, ist wie ein Kartenhaus in sich zusammen gebrochen. Ein einziges Trümmerfeld – sein Leben, sein Glauben. Und sie sind dabei, ihm den letzten Stoß zu versetzen. „Wenn Gott weit weg scheint“ weiterlesen

Zofars These: Alles nur Blabla

Hiob 11, 1 – 20

 1 Da hob Zofar von Naama an und sprach:

          Endlich kommt auch der dritte der Freunde, Zofar von Naama, zum Zug. Er hat lang genug warten müssen. Aber diese lange und heftige Klage des Hiob darf nicht ohne Antwort, ohne Entgegnung bleiben. Diese Entgegnung übernimmt Zofar

 2 Muss langes Gerede ohne Antwort bleiben? Muss denn ein Schwätzer immer Recht haben? 3 Müssen Männer zu deinem leeren Gerede schweigen, dass du spottest und niemand dich beschämt?

Seine ersten Worte schon zeigen es: hier führt der Ärger das Wort, bestimmt Tonfall und Wortwahl. Was er gehört hat, ist ihm leeres Gerede. So wenig Gespür hat Zofar für einen Mann in Trauer, im Schmerz? Es erschreckt mich, dass jemand über einen Klagenden, zu einem Klagenden sagen kann: alles nur leeres Stroh, was du drischst. Es lässt mich, selbstkritisch, danach fragen, wie es denn mit meinem Zuhören steht, wenn jemand wieder und wieder in die gleichen Klagen verfällt, nicht herausfindet aus dem, was ich innerlich vielleicht für unfruchtbar halte.

 4 Du sprichst: »Meine Rede ist rein, und lauter bin ich vor deinen Augen.« 5 Ach, dass Gott mit dir redete und täte seine Lippen auf 6 und zeigte dir die Tiefen der Weisheit – denn sie ist zu wunderbar für jede Erkenntnis -, damit du weißt, dass er noch nicht an alle deine Sünden denkt.

Das ist die Antwort Zofars auf die Unschuldsbeteuerung Hiobs: Wenn Gott redete, würde er es dir zeigen, dass noch viel mehr gegen dich spricht. Die Unschuldsbeteuerungen Hiobs treffen bei Zofar auf taube Ohren. Er hört und hört doch nicht. Weil seine Anthropologie ihn etwas anderes lehrt? Davon ist Zofar überzeugt: Gott sieht in den Tiefen seiner Weisheit auf die dem Hiob selbst verborgenen Fehle, auch die ihm nicht bewusste Schuld. Vor Gott liegt alles offen zu Tage. Es ist sicher nicht falsch zu sagen: Das ist eine Sicht, die die Psalmen teilen.

„HERR, du erforschest mich und kennest mich.                                                                 Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es;                                                                                   du verstehst meine Gedanken von ferne.                                                                               Ich gehe oder liege, so bist du um mich                                                                                  und siehst alle meine Wege.                                                                                                        Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge,                                                                 das du, HERR, nicht schon wüsstest.                                                                                    Wohin soll ich gehen vor deinem Geist,                                                                                   und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?“            Psalm 139, 1 – 4.7

           Die tröstliche Gottesgegenwart hat gleichwohl auch  das Potential, etwas Bedrängendes zu sein. Sie kann auch zur unausweichlichen Gegenwart werden, vor der keine Flucht hilft, vor der es kein Verbergen gibt. Ob sie tröstet oder bedrängt hat vor allem mit der inneren Verfassung des Menschen zu tun, der diese Gegenwart erfährt. „Zofars These: Alles nur Blabla“ weiterlesen