Alle gehen den gleichen Weg zum Ende

Prediger 6, 1 – 12

 1 Es ist ein Unglück, das ich sah unter der Sonne, und es liegt schwer auf den Menschen: 2 Da ist einer, dem Gott Reichtum, Güter und Ehre gegeben hat, und es mangelt ihm nichts, was sein Herz begehrt; aber Gott gibt ihm doch nicht Macht, es zu genießen, sondern ein Fremder verzehrt es. Das ist auch eitel und ein schlimmes Leiden.

             Das gibt es: Menschen sind steinreich und dennoch arm dran. Menschen haben alles – Gott hat sie mit Gutem geradezu überschüttet. Mit Reichtum, Gütern und Ehre. Instinktiv denkt man an einen Hiob – angesehen, als ein Mann nach dem Willen und wohlgefallen Gottes geachtet. „Es handelt sich um den Idealfall, den viele Menschen herbeiträumen: Alles haben zu können, was das Herz begehrt.“(C-D. Stoll, Der Prediger, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1993, S. 99)Und doch ist da ein Aber in diesem Reichtum, ein Stachel im Fleisch. der es ihm unmöglich macht, sein Glück zu genießen. Diese Unmöglichkeit wird nicht in einem Fehlverhalten begründet – sie hat ihren tiefsten Grund darin, dass Gott ihm die Macht dazu verweigert. Das liegt auf ihm wie eine Sperre, stärker gesagt: wie ein Fluch.

 Hier trennt sich der geschilderte Fall von Hiob. Es sind nicht die vielen Unglücksschläge, die die Sippe treffen. Es kommt einer, ein Fremder, der sein Hab und Gut an sich nimmt und es verzehrt. Man muss in den Fremden nichts hinein geheimnissen – er „ist hier einfach der, dem der Besitz ohne eigene Beteiligung und Arbeit zufällt.“ (H.W. Hertzberg, Der Prediger, KAT XVII, 4 – 5, Gütersloh 1963, S. 133) Was der eigentlich reich Beschenkte nicht kann – die Gaben Gottes genießen, das vollzieht der Fremde. Warum dieser Fremde zu solchem Genießen befähigt ist, auch berechtigt ist, wird nicht erörtert.

Aber – so leben zu müssen – das ist eitel und ein schlimmes Leiden. Die Weichenstellung am Schluss macht den ganzen Weg zuvor bitter. Vielleicht ist es weit her geholt – aber die Schilderung Jesu vom reichen Mann und armen Lazarus könnte hier angeregt sein, muss der Reiche doch am Ende sehen, dass Lazarus genießt, was er sich erträumt hatte und ihm ist dieser Genuss verwehrt – für immer. „Alle gehen den gleichen Weg zum Ende“ weiterlesen

Geld sättigt nicht

Prediger 5, 9 – 19

 9 Wer Geld liebt, wird vom Geld niemals satt, und wer Reichtum liebt, wird keinen Nutzen davon haben. Das ist auch eitel. 10 Mehrt sich das Gut, so mehren sich, die es verzehren; und was hat sein Besitzer davon als das Nachsehen?

             Man könnte auf die Idee kommen, Dagobert Duck hat für diese Worte Pate gestanden. Der Enterich, der in seinem Geld badet und immerzu Angst hat vor der Panzerknacker-Bande. Ohne Augenzwinkern: hier wird ein Profil von Reichen gezeichnet, wie es bis heute weltweit und kulturübergreifend gültig ist. „Wer Geld, überhaupt Reichtum liebt, ist daran zu erkennen, dass er nie genug davon kriegen kann.“ (C-D. Stoll, Der Prediger, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1993. S. 94) Gilt das nur für die Kapitalisten, die Reichen, die Super-Reichen, deren Reichtum wie von selbst wächst, selbst wenn sie sich bemühen, ihr Geld mit beiden Händen zum Fenster heraus zu werfen?

Ich neige der Sicht zu, die sagt, dies ist „die Feststellung eines menschlichen Wesenszuges, der nicht nur ein paar missratenen, allenfalls durch Erziehung zu heilenden Vertretern der Gattung Mensch zu eigen ist, sondern der ohne alle moralische Hochnäsigkeit als Rätsel des Menschen überhaupt konstatiert werden muss.“ (W. Zimmerli, Das Buch des Predigers Salomo, ATD 16, Göttingen 1967, S. 192)Es gibt eine Gier, die den Hals nicht voll kriegen kann, unabhängig von sozialem Status und Besitzstand. Das eigentlich Beängstigende: diese Gier wird heute nicht mehr als Todsünde gegeißelt, sondern als Grundzug des Menschen und Treibstoff kapitalistischen Denkens regelrecht gefeiert – zumindest, solange sie regelkonform handelt. „Geld sättigt nicht“ weiterlesen

Sparsam mit Worten

Prediger 4, 17 – 5,8

 17 Bewahre deinen Fuß, wenn du zum Hause Gottes gehst, und komm, dass du hörst. Das ist besser, als wenn die Toren Opfer bringen; denn sie wissen nichts als Böses zu tun.

             Das ist eine Konsequenz aus allem zuvor Gesagten: Keine Hektik. Kein aufgeregtes Hin und Her. Es ist eine direkte Anrede. Auffällig in einem Buch, das sonst eher von allgemeinem Nachdenken geprägt ist. Wenn einer schon zum Haus Gottes geht, dann nicht mit vorgefertigter Absicht: Ich bringe mein Opfer dar – gut ist`s.  Dann ist alles getan. Sondern es geht um bedachtes Kommen, um „einen Rat zur Vorsicht und Zurückhaltung.“ (H.W. Hertzberg, Der Prediger, KAT XVII, 4 – 5, Gütersloh 1963, S. 121) Nicht zuletzt: es geht um Offenheit zu hören. Um ein Hören, dass sich Gottes Wegweisung zum Guten  gefallen lässt. Das legt sich nahe, weil der Satz über die Toren folgt, die nichts wissen als Böses zu tun. Auch, weil es in den Schriften immer wieder die Aufforderung gibt, Gutes zu tun.  Ein Beispiel für viele andere: „Weigere dich nicht, dem Bedürftigen Gutes zu tun, wenn deine Hand es vermag.“(Sprüche 3,27) „Sparsam mit Worten“ weiterlesen

Besser nicht allein

Prediger 4, 1 – 12

 1 Wiederum sah ich alle, die Unrecht leiden unter der Sonne, und siehe, da waren Tränen derer, die Unrecht litten und keinen Tröster hatten. Und die ihnen Gewalt antaten, waren so mächtig, dass sie keinen Tröster hatten. 2 Da pries ich die Toten, die schon gestorben waren, mehr als die Lebendigen, die noch das Leben haben.

             Der Prediger – ein Zuschauer, kein Akteur. Einer, der hinschaut und nicht wegschaut. Der sieht, was im Gang ist. Was er sieht ist erschreckend. Er sieht den Einsatz von Macht, Kraft – koach – der zum Einsatz von Gewalt wird. Der Menschen zu Opfern macht, ihnen Unrecht zufügt. Es ist bedrängend, wenn einer Menschen zu  Opfer gemacht sieht, die in der Trostlosigkeit vereinsamen. Das ist keiner, der hilft, aufrichtet, tröstet. Es liegt nahe: Hinter solcher Gewalt „stehen die Verhältnisse im ptolemäischen Reich: eine erbarmungslose Ausbeutung nicht nur der unteren Schichten.“ (R. Micheel/F.J. Ortkemper, Jetzt leben, Texte zur Bibel 21, Neukirchen 2005, S. 51)

Das alles sieht der Prediger und stellt es fest. Unbeteiligt? Propheten machen aus solchen Beobachtungen Anklagen. Der Prediger dagegen? „Kohelet fällt auf durch die seltsame Schweigsamkeit im Blick auf den Appell zur Hilfe.“ (W. Zimmerli, Das Buch des Predigers Salomo, ATD 16, Göttingen 1967, S. 179) Aber an wen sollte er denn auch appellieren? An die Gewalttäter unter der Sonne im fernen Ägypten, in ihren Palästen und Regierungs-Sitzen? An die Rechtsstaatlichkeit? An die Achtung der Menschenwürde? Oder doch an Gott? Wie auch immer: „Der Prediger kann sozialkritisch treffend beschreiben und darin anklagen. Er sagt als öffentlicher Lehrer mehr als er sich in einer Diktatur mit Spitzeln leisten kann. Respekt!“(K. Teschner, Denn du kannst nicht wissen, Neukirchen 2005, S. 31)

Man kann es leicht überlesen: Die Sätze des Prediger sind ein Lobprei., wenn auch einer, der einem regelrecht den Atmen nimmt: Die Toten werden gepriesen. Während sonst in allen Schriften der Hebräischen Bibel die Lebenden und das Leben gepriesen werden. Das ist kein Kokettieren mit dem Tod. Sondern es ist vielmehr eine indirekte Form der Anklage gegen alle, die durch ihr Verhalten das Geschäft des Todes betreiben. So schrecklich ist der Zustand der Gegenwart, dass es besser wäre, gar nicht erst geboren zu sein.  Dass der Tod dem Leben vorzuziehen ist.

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Alles hat seine Zeit

Prediger 3, 1 – 15

 1 Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde:

             Eine strenge, geradezu herbe Überschrift. Darauf läuft es hinaus: „Alles hat seine Stunde.“ Da ist kein Raum für Zufall. Wie nahe ist der Prediger mit diesem kurzen Satz bei dem Psalm Davids:  

 „Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es;                                                 du verstehst meine Gedanken von ferne.                                                   Ich gehe oder liege, so bist du um mich                                                und siehst alle meine Wege.                                                                      Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge,                                   das du, HERR, nicht alles wüsstest.                                                         Von allen Seiten umgibst du mich                                                        und hältst deine Hand über mir.“                 Psalm 139, 2-5

             Was in den Worten des Psalms das Gefühl einer großen Geborgenheit vermittelt, das wird hier in einer herben Spröde zum Grund der Welt. Alle Zeit ist Zeit aus Gott – unter dem Himmel. Der Prediger neigt nie zu einer frömmelnden Sprache. Wie viel ist da von ihm zu lernen im Hinblick auf das Programm: Religionslos von Gott und seiner Gegenwart zu sprechen.

Manchmal können Übersetzungen in die Irre führen: Alles Vorhaben – das klingt nach Planung, Zeitplan, Termin-Kalender. Nach aktiven Zugriff. Die Einheitsübersetzung macht auf den anderen Klang aufmerksam und hat damit wohl recht: „Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit.“ Von Anfang an stellt der Prediger klar: Wir sind nicht die Herren der Zeit, wir sind aber auch nicht ihre Sklaven.  Es gilt vielmehr, die Zeiten in ihrer Fülle anzunehmen und diesem Fluss des Geschehens zu entsprechen.

„Qohælæt ist es, dem die Frage der Zeit zum selbständigen Thema gerät. Er betont zunächst, dass für alles und jedes Zeit und Stunde gesetzt sind.  Jede Zeit (ʽet) und jede bestimmte Stunde (zemān) meinen nicht leere Kategorien, sondern die je gegebenen Gelegenheiten für ein Ereignis.(H. W. Wolff, Anthropologie des Alten Testaments, München 1974, S. 137)

Bezeichnenderweise übersetzt deshalb die Septuaginta die hebräischen Worte durchgängig nicht mit χρόνος , dem Wort für die verrinnende Zeit, sondern mit καιρς,  dem Wort für den besonderen Augenblick. Den Zeitpunkt, von dem wir im Deutschen sagen, es gelte zu wissen, was die Stunde geschlagen hat. Es gibt für den Prediger keine leere, nur mechanisch verrinnende Zeit. Der anonyme Zeittakt der Uhr ist erst seit dem Mittelalter im Umlauf. Der Prediger kennt nur die gefüllte Zeit. Gefüllt bis zum Überfluss – und manchmal wohl auch Überdruss .   „Alles hat seine Zeit“ weiterlesen

Iss und trink

Prediger 2,  1 – 11.  24 – 26

 1 Ich sprach in meinem Herzen: Wohlan, ich will Wohlleben und gute Tage haben! Aber siehe, das war auch eitel. 2 Ich sprach zum Lachen: Du bist närrisch!, und zur Freude: Was machst du? 3 Da dachte ich in meinem Herzen, meinen Leib mit Wein zu laben, doch so, dass mein Herz mich mit Weisheit leitete, und mich an Torheit zu halten, bis ich sähe, was den Menschen zu tun gut wäre, solange sie unter dem Himmel leben.

             Das Leben ist zu kurz, um es nicht zu genießen. Darum geht der Prediger auf ein neues Lebensexperiment los: Lass es dir gut gehen. Wohlan, ich will Wohlleben und gute Tage haben! Man gönnt sich ja sonst nichts.  Er muss die einzelnen Stationen seiner Lustreise gar nicht ausmalen. Freude und sich Satt-Sehen – das muss es doch geben. Immerhin: die Vernunft soll die Kontrolle behalten, auch wenn er es bis zur Torheit treibt. Also: kein Exzess, keine maßlosen Orgien: „Bei allem Genuss musste er immer gleichsam neben sich stehen und hatte sich zu fragen, was das Ganze soll, ob es wirklich gut sei und glücklich mache.“ (C-D. Stoll, Der Prediger, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1993, S. 53) 

Er kommt nicht weiter als bis zu der ernüchternden Feststellung: Aber siehe, das war auch eitel. Viel Wind. Mehr nicht. Mag sein, man möchte ihn beneiden um diese Möglichkeit, das Leben auszukosten. Aber das Ergebnis lässt schon zu wünschen übrig und wird so zur Warnung: „Das Schöne und die Freude des Lebens lässt sich nicht aufaddieren, um dann ein großes Plus zu bilden. Die Summe von allem ist und bleibt eine große Null.“(M. Sachs/W. Schmückle, Weisheitsreden des Predigers, Bibel aktuell, Stuttgart 2005, S. 16)

 Daneben bleibt auch die stillschweigende Aufforderung an die Leser*innen, sich selbst ständig zu prüfen, worin sie das Leben suchen, zu fragen: Was tut mir gut? Wie geht es mir gut? „Vielleicht kann tatsächlich erst der Reiche diese Frage stellen. Wer arm ist oder sich arm fühlt, kann immer sagen: Mir geht es nicht gut, weil mir noch dies oder das fehlt! Nur der Reiche kann sagen: Ich habe alles – jetzt fragt sich nur wozu.“(M. Sachs/W. Schmückle, ebda.) Sein Fazit bleibt: auf diesem Weg findet sich das Glück nicht -nur die Leere.

 4 Ich tat große Dinge: Ich baute mir Häuser, ich pflanzte mir Weinberge, 5 ich machte mir Gärten und Lustgärten und pflanzte allerlei fruchtbare Bäume hinein; 6 ich machte mir Teiche, daraus zu bewässern den Wald grünender Bäume. 7 Ich erwarb mir Knechte und Mägde und hatte auch Gesinde, im Hause geboren; ich hatte eine größere Habe an Rindern und Schafen als alle, die vor mir zu Jerusalem waren. 8 Ich sammelte mir auch Silber und Gold und was Könige und Länder besitzen; ich beschaffte mir Sänger und Sängerinnen und die Wonne der Menschen, allerlei Saitenspiel, 9 und war größer als alle, die vor mir zu Jerusalem waren. Auch da blieb meine Weisheit bei mir.

      Das Projekt Salomo wird gestartet. Es liegt sicherlich in der erzählerischen Absicht des Predigers, dass man hinter diesen Worten die Königspraxis des großen Salomo erkennt. Auch wenn es nicht zu verkennen ist, dass die Schilderung so allgemein gehalten ist, dass es jeder Großkönig zur Zeit des Kohelet sein könnte, der hier seine Prachtentfaltung vor Augen stellt. Salomo hat ja nur so gehandelt, wie alle Majestäten – modifiziert bis auf den heutigen Tag.  „Vor unseren Augen entsteht ein wahrhaftes Paradies…Es geht ihm um die Darstellung der verlockenden Möglichkeit, die Welt nach eigenen Vorstellungen gestalten zu können, sich seine eigene Welt, ein eigenes Paradies schaffen zu können.“(F.-J. Ortkemper, Kohelet – ein Querdenker in der Bibel, Stuttgart 1999, S. 15) „Iss und trink“ weiterlesen

Wir haben Gottes Spuren

Prediger 1,1 – 18 

1 Dies sind die Reden des Predigers, des Sohnes Davids, des Königs zu Jerusalem.

 Auf den ersten Blick erscheint alles klar: Was in den folgenden zwölf Kapiteln zur Sprache kommen wird, sind Reden des Sohnes Davids, des Königs zu Jerusalem. Der hier so eindeutig benannt wird, wird mit Salomo (3. Viertel des 10. Jahrhunderts v. Chr.) in eins gesetzt, dessen Weisheit weit über die Grenzen Israels gerühmt ist. Der König als Prediger – das klingt gut. Wer wünschte sich das nicht: Einen König, der weise ist, einen König, der ein Lehrer des Volkes ist: So  kann man qohælæth auch wiedergeben Volkslehrer. Wer wollte sich solch einen Weisen nicht wünschen, in Zeiten, in denen es den Fürsten und Präsidenten erkennbar an Weisheit mangelt,  die über 250 Zeichen nicht hinauskommen, in denen sie ihren Wählern nach dem Mund reden, sie aber nicht lehren, schon gar nicht Demut, weil es ihnen selbst erkennbar vor allem daran fehlt.

Nur, was so eindeutig erscheint, ist es doch nicht. Der Text als Ganzes legt nahe, dass er nicht aus der Königszeit Israels um 1000 – 900 stammt, dass es sich nicht um Protokolle von Salomo-Reden handelt, sondern dass das Werk weit später entstanden sein muss. „In Verbindung mit zahlreichen sprachlichen Beobachtungen ist eine späte zeitlichen Ansetzung im 4. oder 3. Jahrhundert v. Chr. nicht auszuschließen.“(C.-D. Stoll, Der Prediger, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1993, S. 22) Was aber führt dazu, dass hier einer in die Maske des weisen Königs schlüpft, wenn es nicht Anmaßung oder arglistige Täuschung sein soll.  Es liegt nahe, hier einen Einfluss aus Ägypten zu vermuten, erst recht, weil die Entstehungszeit in die Zeit der Ptolemäer weist und ihr Einfluss auf Israel unbestritten ist. Dort gibt es die Tendenz, „Weisheitslehren als Königslehren auszugeben“(O. Kaiser, Einleitung in das AT, Gütersloh 1969, S. 307) Nicht zuletzt, weil es die Sehnsucht vieler ist, dass die Mächtigen auch weise sein möchten und nicht nur mächtig.

 2 Es ist alles ganz eitel, sprach der Prediger, es ist alles ganz eitel.

             Es könnte sein, dieser Satz ist eine zweite Überschrift, von fremder Hand. Deutlich gekennzeichnet als Wort, das nicht der Prediger sagt, sondern das ihn zitiert – mit der Quellenangabe: so sprach der Prediger. Der Eindruck soll entstehen: Überlieferung seit uralten Zeiten aufbewahrt.

            Gleich fünfmal das eine, gleiche Wort: hēbēl. Hauch, Windhauch. „Es drückt Vergänglichkeit, Wertlosigkeit, Sinnlosigkeit – Nichtigkeit in jedem Sinne – aus.“ (H.W. Hertzberg, Der Prediger, KAT XVII, 4 – 5, Gütersloh 1963, S. 69) Die Luther-Übersetzung versucht diese Nichtigkeit mit dem Wort eitel einzufangen. Die Einheitsübersetzung bleibt nahe am Hebräischen: „Windhauch.“ Die Volxsbibel überträgt: „Was auf der Erde abgeht, ist letztlich ganz egal.“ „Wir haben Gottes Spuren“ weiterlesen

Ein neuer Hiob – alt und lebenssatt

Hiob 42, 10 – 17

10 Und der HERR wandte das Geschick Hiobs, als er für seine Freunde Fürbitte tat. Und der HERR gab Hiob doppelt so viel, wie er gehabt hatte.

 Eben noch hatte es geheißen: der Herr erhörte Hiob. Gemeint ist wohl: in seiner Fürbitte für die Freunde. Zu diesem Erhören Gottes kommt jetzt das andere hinzu: Hiobs Leben erfährt eine Wende. Darf man sagen: Eine Re-Vision? Weil es bei Hiob zu einer neuen Innensicht auf Gott gekommen ist, kommt jetzt auch ein neues Leben in Sicht. Zuallererst – und knapp angedeutet: er wird doppelt entschädigt – für den Verlust an Habe, an Kamelen, Schafen, Viehzeug.

Eine Entschädigung für den Tod seiner Kinder vermag ich nicht zu denken. Es gibt keinen Ersatz  für verstorbene Kinder durch Nachgeborene. Das wird beiden nicht gerecht – nicht dem Verlust und nicht den Nachgeborenen. Sie dürfen doch nie nur als Ersatz, als Entschädigung angesehen werden.

 11 Und es kamen zu ihm alle seine Brüder und alle seine Schwestern und alle, die ihn früher gekannt hatten, und aßen mit ihm in seinem Hause und sprachen ihm zu und trösteten ihn über alles Unglück, das der HERR über ihn hatte kommen lassen. Und ein jeder gab ihm ein Goldstück und einen goldenen Ring.

             Jetzt taucht auch die Verwandtschaft auf. Die sich lange bei dem Unglückseligen nicht hat blicken lassen. Die den Freunden den Vortritt gelassen hat. Man kann das schäbig finden: Jetzt, wo das Blatt sich wendet, sind sie wieder da. Aber es ist so menschlich. Es gibt sie doch wirklich, die Angst vor der Ansteckungskraft des Unglücks. „Es ist nicht nur feige und unbeholfen, wenn so viele verschwinden, auf der Straße das Trottoir wechseln oder nicht mehr anrufen.“ (W. Reiser, aaO.; S.200) Es ist allzu menschlich. „Ein neuer Hiob – alt und lebenssatt“ weiterlesen

Entlassen in guter Zuversicht

Hiob 42, 7 – 9

7 Als nun der HERR diese Worte mit Hiob geredet hatte, sprach er zu Elifas von Teman:

Man kann es leicht überlesen: Mit der Gottesrede an Hiob ist noch nicht alles gesagt. Auch Elifas von Teman wird vom HERRN angesprochen. Auch er „bekommt“ ein Gotteswort, seine direkte Gotteserfahrung. Ich habe den Eindruck: wir sind es so sehr gewöhnt, die Freunde Hiobs als theologische Rechthaber und Langweiler zu sehen, dass wir regelrecht blind dafür sind: Elifas wird von Gott einer Antwort gewürdigt. Er wird nicht mit Nichtachtung bestraft!

 Mein Zorn ist entbrannt über dich und über deine beiden Freunde; denn ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Hiob.

             Die Worte der drei Freunde sind Gott seinen Zorn wert. Sie sind nicht ungehört in einer Himmelsleere verhallt. Gott, der HERR, hat sie wahrgenommen. Und bewertet sie: sie sind nicht recht von ihm geredet. Sie haben nichts Zutreffendes über ihn gesagt. Obwohl sie doch ihrer innersten Überzeugung und der Tradition der Weisheit Israels gefolgt sind – nicht recht geredet. Obwohl ihre Sätze nach dem Urteil vieler korrekt sind – nicht zutreffend. Sie haben Gott in ein Denk-System gesperrt und ihn genau darin verloren, verpasst, verfehlt.

Oder anders gesagt: „Die Freunde haben sich hinter ihren religiösen Sätzen und Weisheiten verschanzt, haben ihre schönen und weisen Bilder Gottes sorgfältig hingepinselt, haben ihn gerechtfertigt und verteidigt, weil sie ja Bescheid wussten über ihn. Sie standen mit ihrem Wissen über ihm und darin fest und brauchten sich keinen Zentimeter von sich weg zu ihm hin zu bewegen. Darum hat sich an ihnen auch nichts verändert. Sie blieben, die sie waren.“ (W. Reiser, aaO.; S.196) Das sind erschreckende Worte und wohltuende Warnungen für jemand, der selbst leidenschaftlich gerne Theologie treibt, Prediger ist.

Es gehört zur mich beglückenden Weisheit des Hiob-Buches, dieses unbekannten Schreibers, dass er dem verfehlten Reden der Freunde jetzt keine „richtige Theologie“ entgegensetzt. Gott „verkündet keine Theologie, die ihm angemessen wäre. … Denn dann würden wir hurtig nach seinen theologischen Sätzen greifen und rufen: Das ist es nun… Das wäre nur wieder ein Gott vom Hörensagen, ein Gott der angelernten Sätze, der angelesenen Buchstaben und der einstudierten Wendungen, ein lehrbarer Gott, der rasch wieder ein leerer Gott wäre.“ (W. Reiser, aaO.;,S.195f.) Nichts davon in diesem Buch. Nur der Hinweis: eure Lehre ist es nicht.   „Entlassen in guter Zuversicht“ weiterlesen

So lannge nur aus zweiter Hand

Hiob 42, 1 – 6

1 Und Hiob antwortete dem HERRN und sprach: 2 Ich erkenne, dass du alles vermagst, und nichts, das du dir vorgenommen, ist dir zu schwer.

             Immerhin: Hiob antwortet: Es ist ein Schritt weiter. Er hat verstanden. „Der Macht und den Möglichkeiten Gottes sind keine Schranken gesetzt.“       (A. Weiser, aaO.; S.263) Gott kann, was er will. Und, im Unterschied zu uns Menschen,  was er will, kann er auch.

Das hat Hiob „erkannt.“ Eingesehen. Aber es ist mehr als: ich habe verstanden. „Das Zeitwort erkennen (hebräisch jādaʽ) verdeutlicht, dass es um eine Erfahrung geht, die die ganze Existenz umfasst.“ (Hj. Bräumer, aaO.; S.255) Das gleiche Wort wird auch gebraucht, wenn „Adam seine Frau Eva erkennt“, wenn es zum Geschlechtsverkehr kommt. In dem Erkennen des HERRN geschieht eine Verwandlung des Hiob. Er ist nicht mehr der „alte Hiob“. Da beginnt Neuwerdung.

Was Hiob erkannt hat, ist schlicht gesprochen: Gott ist allem gewachsen. Gott hat sich mit seiner Schöpfung nicht übernommen. Es ist, als würde Hiob den Satz aus dem Schöpfungsbericht bestätigen: „Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“(1. Mose 1,31)

  3 »Wer ist der, der den Ratschluss verhüllt mit Worten ohne Verstand?« Darum hab ich unweise geredet, was mir zu hoch ist und ich nicht verstehe. 4 »So höre nun, lass mich reden; ich will dich fragen, lehre mich!«

             Hiob hat zugehört. Gleich zwei Worte, Fragen aus der Gottesrede nimmt er in seiner Antwort auf. Worte, in denen Gott ihn befragt hat. Herausgefordert hat zu Antworten. Die Antwort, die Hiob jetzt gibt: Ich habe mich übernommen. Ohne Einsicht gesprochen. Ohne den Durchblick und Überblick, der nötig gewesen wäre. In aller Kritik und aller Klage ist Hiob ein Opfer seiner engen, menschlichen Sicht geworden.

„Meine engen Grenzen, meine kurze Sicht
bringe ich vor dich.
Wandle sie in Weite, Herr, erbarme dich.“      E.
Eckert 1981, EG 584 „So lannge nur aus zweiter Hand“ weiterlesen