Mutter-Rat

Sprüche 31, 1 – 9

 Dies sind die Worte Lemuels, des Königs von Massa, die ihn seine Mutter lehrte.

            So wenig ich weiß, wer Agur ist, so wenig weiß ich auch, wer Lemuel ist. Und Massa kenne ich nur als einen Nachkommen Ismaels. Allerdings ist das nicht so wichtig. Wichtiger ist, was über Lemuel hier geschrieben steht. Es geht um seine Worte, die ihn seine Mutter lehrte. Das ist einzigartig in der Hebräischen Bibel, dass eine Textpassage ausdrücklich einer Frau zugeschrieben wird. Dahinter dürfte stehen: „Mütter haben für einen minderjährigen Thronfolger die Regierungsgeschäfte geführt.“ (W. Dietrich, Das Buch der Sprüche, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1985, S. 314) Dies gibt den nachfolgenden Worten noch einmal ein besonderes Gewicht.

Lemuel hat diese Worte mitbekommen auf den Weg seines Lebens. Worte einer königlichen Mutter. Sie haben sich so tief eingeprägt, dass er sie wieder hervorholen kann aus seinem Gedächtnis. Worte, die andere auf den Weg des Lebens gesagt haben, die es gut mit einem meinen. Worte der Großeltern, der Väter, der Mütter.

 Es sind nicht unbedingt die Väter, die königliche Söhne lehren. Jedenfalls nicht in den prägenden ersten Lebens-Jahren. Es sind vor allem – so ist das ja auch heute noch – Mütter, die Kinder auf den Weg des Lebens stellen. Sie lehren sie sprechen, laufen, die Welt sehen. Sie wenden sich ihnen zu und helfen ihnen damit, sich selbst der Welt zuzuwenden. Sie bieten ihnen Schutz und helfen ihnen damit, sich in die Welt zu wagen. Und sie geben ihnen ihre Worte mit auf den Weg.

2 Was, mein Auserwählter, soll ich dir sagen, was, du Sohn meines Leibes, was, mein erbetener Sohn? 3 Lass nicht den Frauen deine Kraft und geh nicht die Wege, auf denen sich die Könige verderben!

 Ob es typisch ist, weiß ich nicht, aber es fällt auf: Lemuels Mutter warnt. Ihre Weise, den Weg ins Leben zu zeigen ist Warnen: Leben ist gefährdet. Sie warnt wohl auch deshalb, weil sie in einer besonderen Verbindung zu ihrem Sohn steht: mein Auserwählter… , du Sohn meines Leibes, mein erbetener Sohn. Es ist ein ersehnter Sohn, ein Kind der Sehnsucht, der Liebe. Ein „Sohn meiner Gelübde.“(M. Buber / F. Rosenzweig, aaO. S. 272) Hat sie lange auf ihn warten müssen und die Hoffnung fast schon aufgegeben? Ist sie deshalb auch besonders besorgt um ihn? Es wäre kein Einzelfall in den biblischen Texten. Auch Samuel ist ein Sohn, der schon vor seiner Zeugung mit einem Gelöbnis verbunden ist. So heißt es von seiner Mutter Hannah: „Und sie war von Herzen betrübt und betete zum HERRN und weinte sehr und gelobte ein Gelübde und sprach: HERR Zebaoth, wirst du das Elend deiner Magd ansehen und an mich gedenken und deiner Magd nicht vergessen und wirst du deiner Magd einen Sohn geben, so will ich ihn dem HERRN geben sein Leben lang, und kein Schermesser soll auf sein Haupt kommen.(1. Samuel 1, 10-11) „Mutter-Rat“ weiterlesen

Meinen Grenzen Frieden

Sprüche 30, 1 – 19

1 Dies sind die Worte Agurs, des Sohnes des Jake, aus Massa.

 Wer ist Agur? Ich weiß nichts von ihm und ich habe keinen Kommentar, in dem ich etwas über ihn erfahren würde. Da steht auch nur: „Sowohl Agur als auch sein Vater Jake sind uns völlig unbekannt.“ (H. Ringgren, Sprüche, ATD16, Göttingen 1962, S. 115) Aber immerhin: Er gehört in eine Generationenfolge und an einen bestimmten Ort.

Es spricht der Mann: Ich habe mich gemüht, o Gott, ich habe mich gemüht, o Gott, und muss davon lassen. 2 Denn ich bin der Allertörichtste, und Menschenverstand habe ich nicht. 3 Weisheit hab ich nicht gelernt, und Erkenntnis des Heiligen habe ich nicht.

Das ist ein bitteres Eingeständnis: Ich kann Gott nicht begreifen.  Trotz aller Mühe – es reicht nicht aus. Ich bin mit meiner Weisheit am Ende. Es liegt nicht am eigenen Denkvermögen, am guten Willen auch, Gott zu verstehen.  Dieses vergeblich des Suchens nach Erkenntnis liegt daran, dass Gott Gott ist und der Mensch nur ein Mensch. Es liegt daran, dass die Größe Gottes sich unserem Begreifen schlicht entzieht. Es ist das ein wenig resignierende Akzeptieren der Weisheit Israels: Wir vermögen es grundsätzlich nicht, Gott zu fassen.

4 Wer ist hinaufgefahren zum Himmel und wieder herab? Wer hat den Wind in seine Hände gefasst? Wer hat die Wasser in ein Kleid gebunden? Wer hat alle Enden der Welt bestimmt? Wie heißt er? Und wie heißt sein Sohn? Weißt du das? 5 Alle Worte Gottes sind durchläutert; er ist ein Schild denen, die auf ihn trauen. 6 Tu nichts zu seinen Worten hinzu, dass er dich nicht zur Rechenschaft ziehe und du als Lügner dastehst.

   Die Worte Agurs erinnern an die Rede Gottes an Hiob, in der er Hiob in die Schranken weist: „Wer ist’s, der den Ratschluss verdunkelt mit Worten ohne Verstand? Gürte deine Lenden wie ein Mann! Ich will dich fragen, lehre mich! Wo warst du, als ich die Erde gründete? Sage mir’s, wenn du so klug bist! Weißt du, wer ihr das Maß gesetzt hat oder wer über sie die Richtschnur gezogen hat? … Hast du zu deiner Zeit dem Morgen geboten und der Morgenröte ihren Ort gezeigt, damit sie die Ecken der Erde fasste und die Gottlosen herausgeschüttelt würden? Hiob 38, 2 –5. 12 – 13) Mit einer Kaskade an Fragen wird die Sicherheit des Menschen zerschlagen. Das Ergebnis: Hiob weiß nicht eine Antwort.

Beide Texte sind wohl zeitlich und inhaltlich nahe beieinander. Die Weisheit Israels mutet es zu, dem Glauben an Gott Raum zu geben, ohne auch nur annähernd Antwort auf alle Fragen zu haben. Sie verurteilt zu einem Schweigen, das sich unter die Größe Gottes beugt. Gott ist Schild denen, die auf ihn trauen. Mehr ist nicht zu sagen. Das alte Israel der Mosebücher und der Propheten hatte diese Zuversicht aus dem Geschichtshandeln Gottes gewonnen, aus seiner Führung und seiner Bewahrung. Davon reden die Bücher der Weisheit (Hiob, Prediger, Sprüche) nicht mehr. Sie sehen auf die Schöpfung und ahnen dahinter einen schweigenden, verborgenen Gott. Vor ihm beugen sie sich – und beschränken sich dann auf praktische Lebensweisheiten. „Meinen Grenzen Frieden“ weiterlesen

Bewahre uns, Gott

Sprüche 29, 1 – 18

1 Wer gegen alle Warnung halsstarrig ist, der wird plötzlich verderben ohne alle Hilfe. 2 Wenn der Gerechten viel sind, freut sich das Volk; wenn aber der Gottlose herrscht, seufzt das Volk. 3 Wer Weisheit liebt, erfreut seinen Vater; wer aber mit Huren umgeht, kommt um sein Gut. 4 Ein König richtet das Land auf durchs Recht; wer aber viel Steuern erhebt, richtet es zugrunde.

Zusammenleben. Miteinander auskommen. Dafür sind Tugenden nötig, die heute nicht mehr allzu hoch im Ansehen zu stehen scheinen. Sich zurück nehmen können. Auch anderen Raum lassen. Bereit sein, sich raten zu lassen und Rat zugeben, aber nie ungefragt. Wahr erscheint mir: Wo solche Leute am Werk sind, da entsteht ein Freiraum, da kann man aufatmen und sich entfalten.

   Es wird immer wieder sichtbar, dass die Sprüche auch und gerade auf das Führungspersonal der Gesellschaft zielen. Es ist für das Volk eine Wohltat, wenn die Gerechten, „die Bewährten“ übersetzt Buber wiederholt, die Mehrheit haben, die Geschicke des Volkes bestimmen. „Wenn die Gerechten herrschen, ist alles gut.“ (H. Ringgren, Sprüche, ATD16, Göttingen 1962, S. 112) Wenn aber Gottlose, „die Frevlerschaft“ (Buber/Rosenzweig, aaO. S, 266) an der Macht sind, alte Seilschaften sich ihren Einfluss sichern, egal wie, dann geht es dem Chaos entgegen. An Anschauungsmaterial dafür ist aktuell weltweit leider kein Mangel.

Das Wort von den Steuern begleitet mich seit Jahren. Ein König richtet das Land auf durchs Recht; wer aber viel Steuern erhebt, richtet es zugrunde. Es ist ein Fünkchen Wahrheit drin: Wo die Steuern gefühlt unerträglich werden, entstehen Fluchtreflexe. Wann allerdings Steuern unerträglich sind, das ist eine sehr individuelle Wahrnehmung. Entscheidend ist allerdings der andere Hinweis: Es sind nicht die Steuern, die ein Land in Ordnung bringen, sondern die Art und Weise, wie mit dem Recht umgegangen wird. Damit wird einem deutschen Irrglauben gewehrt: Es ist nicht die Höhe der Steuereinnahmen, die die Qualität eines Landes ausmacht. Sondern es ist eher die Art, wie Recht und Gerechtigkeit zum Tragen kommen. „Bewahre uns, Gott“ weiterlesen

Kein Mitläufer sein

Sprüche 28, 12 – 28

 12 Wenn die Gerechten Oberhand haben, so ist herrliche Zeit; wenn aber die Gottlosen hochkommen, verbergen sich die Leute. 13 Wer seine Sünde leugnet, dem wird’s nicht gelingen; wer sie aber bekennt und lässt, der wird Barmherzigkeit erlangen. 14 Wohl dem, der Gott allewege fürchtet! Wer aber sein Herz verhärtet, wird in Unglück fallen.

Sind die Gerechten die Gerechten, die es im Land gibt, oder ist das eine Gruppe, die diesen Beinamen führt? So wie es bei uns Konservative und Christliche gibt und solche, die sich offiziell als Konservative und Christliche firmieren, aber in Wahrheit alles andere als das sind. Wann ist ein Mensch gerecht? Vielleicht hilft die Übersetzung weiter: “Wo die Bewährten triumphieren, ist das Gepränge groß. Wo sich Frevler erheben, muss ein Mensch aufgespürt werden.“ (M. Buber/ F. Rosenzweig, aaO. S. 265) bewährt ist einer, der Anderen das Leben nicht eng macht, der sich selbst nicht immer in den Mittelpunkt schiebt, der Gutes sagt, und es tut und Gutes tut, so wie er es sagt. Oder ist das zu formal gedacht?

            Es ist die Lebenserfahrung, wie sie Krimis transportieren: Vor Bösewichtern geht man besser auf Abstand. Sorgt dafür, dass sie einem nicht zu nahe kommen können. Engt ihren Wirkungskreis durch rechtliche Schutzmaßnahmen ein. Wenn aber eine Gesellschaft in die Hand von Frevlern fällt, dann hilft nur noch unsichtbar werden, sich verbergen. „Das laute Leben ist erstorben.“ (W. Dietrich, Das Buch der Sprüche, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1985, S. 282) Was bleibt, aus Furcht vor den Despoten ist der Rückzug in die eigenen vier Wände.

            Schlimm wird es immer dann, wenn einer eine Doppelexistenz führt – nach außen hui, nach innen pfui. Pharisäer seien das, sagen wir und nehmen damit eine ganze Gruppe unter Verdacht. Das geht leicht und entlastet. Anstrengend wird es dann, wenn ich mich selbst prüfe: Verberge ich meine Innenseite, meine Schuld? Und wahr ist – auf alle Fälle vor Gott – wer seine Schuld bekennt, der kann auf Barmherzigkeit hoffen. Nicht in den Medien, nicht in der politischen Arena. Da wird das Schuld-Bekenntnis gnadenlos ausgenützt. Wohl aber da, wo es darauf ankommt – unter Menschen – und eben bei Gott. „Kein Mitläufer sein“ weiterlesen

Offene Augen für mich selbst

Sprüche 27, 1 – 7  

 1 Rühme dich nicht des morgigen Tages; denn du weißt nicht, was der Tag bringt.

  Manchmal kann ich mich nicht genug tun mit Planen. Es gibt mir ein gutes Gefühl, wenn ich Termine vereinbare. Noch gefragt zu sein, noch gesucht zu werden – für einen Ruheständler ist das schön, wenn er gleichzeitig darauf achtet: nicht zu viel.

            Der Satz in den Sprüchen erinnert an zwei Warnungen. Einmal: „Aber Gott sprach zu ihm: Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und wem wird dann gehören, was du angehäuft hast?“ (Lukas 12,20) Wer wird die Termine wahrnehmen, die ich verabredet habe? Oder fallen sie einfach weg, wenn ich wegfalle? Glaube nicht so an den Reichtum deines Terminkalenders, höre ich in diesem Satz.

Die andere Warnung: „Und nun ihr, die ihr sagt: Heute oder morgen wollen wir in die oder die Stadt gehen und wollen ein Jahr dort zubringen und Handel treiben und Gewinn machen -, und wisst nicht, was morgen sein wird. Was ist euer Leben? Ein Rauch seid ihr, der eine kleine Zeit bleibt und dann verschwindet.“ (Jakobus 4, 13-14) Die Zukunft ist nicht in meinen Händen. Sie gehört nicht mir. Zukunft ist Gottes Gabe. Sie wird empfangen, allem Planen zum Trotz.

2 Lass dich von einem andern loben und nicht von deinem Mund, von einem Fremden und nicht von deinen eignen Lippen. 3 Stein ist schwer, und Sand ist Last; aber der Ärger über einen Toren ist schwerer als beide. 4 Zorn ist ein wütig Ding, und Grimm ist ungestüm; aber wer kann vor der Eifersucht bestehen?

  Das alles lese ich als Hinweise zum Umgang mit mir selbst. Wenn niemand einen lobt, ist es gefährlich, sein eigener Lobredner zu werden. Es ist peinlich, wenn jemand von sich selbst redet und sagt: Ein Lothar Matthäus… Warum die Scheu davor zu sagen: Ich? Es berührt mich seltsam, wenn einer sagt: Meine Wenigkeit. Dahinter höre ich heimliche Eitelkeiten. Von denen ist kaum jemand frei, ich auch nicht. Wenn aber die Gier nach Anerkennung das eigene Handeln regiert, wird es richtig gefährlich.

 Es scheint eine Steigerung zu sein: Zorn – Grimm – Eifersucht. Wobei Zorn und Grimm auch dadurch belastend sein können, dass sie einem nicht nur entgegentreten, sondern in einem selbst wüten. Es ist nüchtern: „Eifersucht (vielleicht die eines Ehemannes) ist schlimmer als der Zorn eines Gegners.“(H. Ringgren, Sprüche, ATD16, Göttingen 1962, S. 107)  Sie zerfrisst von innen und raubt  jede Gewissheit. Getreu dem Motto: „Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft.“ Das klingt wie weisheitliches Spruchgut, ist aber Volksmund unserer Zeit.   

  5 Offene Zurechtweisung ist besser als Liebe, die verborgen bleibt. 6 Die Schläge des Freundes meinen es gut; aber die Küsse des Hassers sind trügerisch. 7 Ein Satter tritt Honigseim mit Füßen; aber einem Hungrigen ist alles Bittre süß.

Umso wichtiger ist es Freunde zu haben, die einem den Widerspruch gönnen, die einem die Kritik nicht ersparen. Die Schläge des Freundes meinen es gut; aber die Küsse des Hassers sind trügerisch. Was für ein wundervolles Wort. Noch näher und berührend in der Übersetzung: „Zum Trauen sind die Wunden, die der Liebende schlägt, aber wirblig sind die Küsse des Hassers.“ (M. Buber/ F. Rosenzweig, aaO. S. 262) Es ist ja so wahr. Wer mich kritisiert, den empfinde ich auf den ersten Augenblick hin feindselig, und seine Worte mögen für das eigene Selbstbewusstsein wie Schläge sein. Aber die Umarmung derer, die einem dabei ein Messer in den Rücken jagen, sind ungleich gefährlicher.

Mir fallen Situationen aus dem Leben Jesu ein. Sind nicht seine Versuchungen tatsächlich wie Umarmungen, wie Küsse des Hassers? Und, ein wenig seltsam mag es klingen, ist nicht der Einspruch des Petrus gegen den Weg nach Jerusalem wie Schläge des Freundes – er hilft Jesus dazu, umso deutlicher zu sehen, was wirklich sein Weg, der Weg Gottes mit ihm ist.

Ganz eng liegt der andere Satz bei diesen Gedanken. Offene Zurechtweisung ist besser als Liebe, die verborgen bleibt. Wer mir das ehrliche Wort gönnt, der ist gut zu mir. Wer mir die Wahrheit über mich selbst sagt, der meint es gut mit mir. Wer mir die unangenehme Wahrheit verschweigt – und sei es nur: „Du hast Mundgeruch“ – der lässt mich hängen. Mit der verborgenen Liebe, die mir so etwas erspart, kommt keiner weiter.

Freunde sind selten und selten bequem
sind manchmal kantig und unangenehm
woll’n nicht gefallen, woll’n zu dir gehören
steh’n auf der Matte, auch wenn sie mal stör’n           C. Bittlinger

Zum Weiterdenken

  In den letzten Jahren ist mir ein Satz immer wichtiger geworden. Jesus sagt: „Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“(Johannes 8,31-32) Die Wahrheit, auch die unangenehme Wahrheit ist barmherzig. Das ist ihr Wesen als æmæt“, dass sie nicht kalte Richtigkeiten ans Licht zerrt, sondern auf einen gangbaren Weg stellt, sichere Schritte erlaubt. Sie verlangt nach Vertrauen. „Das eigentliche Wort für Vertrauen“, „Treue“, hebräisch „æmuna“, ist deshalb sprachlich aufs Engste mit dem Wort für Wahrheit verwandt“ (K. Koch, der hebräische Wahrheitsbegriff im griechischen Sprachraum, in Was ist Wahrheit, Hamburger theologische Ringvorlesung 1965; S. 53) Die Wahrheit führt im Vertrauen in die Weite, heraus aus der Gefangenschaft der Lüge, auch der Lüge über sich selbst.

 In der Begegnung mit Jesus erkenne ich mich selbst. Ich kann erkennen, wie oft Zorn und Grimm, Ärger und Eifersucht auf mir liegen, mich belasten, mir das Leben eng machen. Es ist ja wahr, dass das manchmal zentnerschwer auf einem liegt. Das leugnen zu wollen, ändert gar nichts. Nur das Eingeständnis: „So bin ich“, kann einen neuen Weg öffnen. Jesus ist der Freund, der mir die Augen öffnet über mich selbst.

 Jesus, öffne mir die Augen für mich selbst, mein Verhalten, meine Gedanken, meine Sehnsüchte, meine Worte. Öffne mir die Augen, auch wenn es weh tut, enttäuscht zu werden, sehen zu müssen, wie viel ich mir vorgemacht habe über mich selbst, meine Motive, meine inneren Einstellungen.

Jesus, Du mutest mir die Wahrheit zu, auch die unangenehme und schreibst mich doch nicht ab. Du willst mir den Weg öffnen, den Weg in Deiner Wahrheit, die mich trägt. Amen