Haltet die Einigkeit fest

Epheser 4, 1 – 6

 1 So ermahne ich euch nun, ich, der Gefangene in dem Herrn, dass ihr der Berufung würdig lebt, mit der ihr berufen seid, 2 in aller Demut und Sanftmut, in Geduld.

Bis jetzt hat `Paulus` den Blick seiner Leserinnen und Leser vor allem auf Christus gelenkt, auf sein Tun. Weil er erwartet, dass dieser Blick ihnen Rückenwind gibt. Jetzt spricht er sie darauf an, dass sie in Christus auf einen Weg gerufen sind. Mehr noch: sie haben eine Berufung empfangen. κλη̃σις, Ruf meint Einladung, auch Vorladung und – „im NT: Berufung zur Seligkeit“.(Gemoll, aaO. S. 440) Das also sollen sie leben, das soll in ihrem Lebensstil sichtbar werden, dass sie schon dem Himmel angehören, dass sie nicht mehr eingesperrt sind in den engen Horizont der Welt. Schlicht gesagt: „Ethik ist von der Wirklichkeit der Kirche nicht zu trennen, die ihrerseits für die Welt da ist.“ (G. Zweynert, aaO. S. 47) Damit sie gehört und ernst genommen  wird, muss sie ernsthaft zu leben versuchen, was sie verkündigt.

Die Art, wie solche Ernsthaftigkeit gelebt wird, ist weit entfernt von Hochmut und Selbstsicherheit, von Übermut und Verachtung der Welt:  In aller Demut und Sanftmut, in Geduld. Das Wort für Demut – ταπεινοφροσνηhat für  griechische Leser*innen zur Zeit des Briefes einen Beiklang von „Selbsterniedrigung, Knechtsgesinnung, Unterwürfigkeit, ein Sichbücken und Sichdrücken von Menschen“. (F. Rienecker, aaO. S. 134) Nichts davon ist hier gemeint. Sondern es geht um eine Fähigkeit, die Gemeinschaft eröffnet – sich zurück nehmen zu können, anderen ihren Platz zuzugestehen. „Haltet die Einigkeit fest“ weiterlesen

In Gott eintauchen – bei den Armen auftauchen

  1. Mose 15, 1 -11

1 Alle sieben Jahre sollst du ein Erlassjahr halten. 2 So aber soll’s zugehen mit dem Erlassjahr: Wenn einer seinem Nächsten etwas geborgt hat, der soll’s ihm erlassen und soll’s nicht eintreiben von seinem Nächsten oder von seinem Bruder; denn man hat ein Erlassjahr ausgerufen dem HERRN.

             Was hier Erlassjahr – hebräisch šemiṭṭa -, wörtlich „Loslassung“ heißt, meint im Grunde Brache. „Dieser Brauch war nicht von sozialen oder gar ökonomischen Gesichtspunkten bestimmt, sondern eine ausgesprochen sakrale Begehung.“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, S. 75) Aus der Erinnerung, dass das Land das Land des HERRN ist und nicht, entgegen allen Grundbucheinträgen Land von XY. Das Land, so der Gedanke dahinter, soll Anteil an der Sabbat-Ruhe Gottes finden.

Die praktische Durchführung: mit dem 7. Jahr erlöschen Leihverträge. Oft genug sind,  auch schon damals in Palästina, Kleinbauern gezwungen, Geld aufzuheben, Schulden zu machen, um über die Runden zu kommen: „Durch eine Veränderung der sozialen und wirtschaftlichen Struktur innerhalb Israels in der Königszeit, durch das aufkommende Latifundienwesen, aber auch durch die Last staatlicher Abgaben, wurde die wirtschaftliche Freiheit der Bauern draußen in der Landschaft immer mehr bedroht.“((G. v. Rad, ebda.) Das alles legt nahe, in diesen Worten Regelungen für spätere Zeiten zu sehen, die dem Erzählduktus nach aber von Anfang an von Gott geordnet sind.

Auf das Eintreiben – nagas – solcher Schulden soll im Erlass-Jahr verzichtet werden. Kein Vorgehen gegen den, der Schulden hat. „Selbstverständlich stand dem Schuldner frei, die Schuld dennoch zu bezahlen, dann aber freiwillig.“ (D. Schneider, Das fünfte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1982, S. 154) Ich halte mir die Situation verarmter Leute vor Augen und wundere mich: Woher soll der Schuldner denn nehmen, wenn ihn seine Situation zum Schuldenmachen gezwungen hat. Man muss schon sehr aufpassen, dass man solche Regelungen nicht zu sehr aus unserer Situation heraus liest, wo Schulden ein eher „normaler Vorgang“ sind, erst recht, wenn sie langfristig abzutragen sind. „In Gott eintauchen – bei den Armen auftauchen“ weiterlesen

Wenn der Vorläufer kommt

Maleachi 2,17 – 3,12

17 Ihr macht den HERRN unwillig durch euer Reden! Ihr aber sprecht: »Womit machen wir ihn unwillig?« Dadurch dass ihr sprecht: »Wer Böses tut, der gefällt dem HERRN, und an solchen hat er Freude«, oder: »Wo ist der Gott, der da straft?«

             Wieder wird man Zeuge einer Disputation. Sie fängt mit dem Vorwurf an: Euer Reden ist für Gott eine Last. Unangemessen. Aber euer Reden verhallt nicht einfach im luftleeren Raum. Die Zurückweisung kommt prompt: Wir machen doch gar nichts – nur Worte. Was für eine armselige Vorstellung von Gott, wenn ihm unsere Worte zu schaffen machen könnten! Wir reden doch nur. Das macht Gott doch nichts. G.o.t.t. – das kann man auch so lesen: Guter Opa, total taub. Das ist mehr als der freche Spruch unreifer Jugendlicher. Es ist eine Lebenshaltung, die es zu allen Zeiten gegeben hat, damals in Israel und die es auch heute noch gibt. Gott ist doch nicht (mehr) wichtig. Er hat ja keine Durchsetzungsmacht. Er ist doch ein lieber Gott, der nie straft. „Vergeben ist sein Geschäft.“(Voltaire) Er kann ja gar nicht anders. Wer wird sich da schon nach Gott richten?

Es sind perverse Verdrehungen. Es sind Verfälschungen, die aus dem Wort Gott eine Leerformel, eine Worthülse machen. Es sind Spöttereien, wenn sie sagen: »Wo ist der Gott, der da straft?« Schon damals zur Zeit des Propheten gab es wohl die Stimmen, die sagten und fragten: Wo ist er denn? Warum macht er nichts? Warum straft er nicht? Es sind Worte, die den Weg zu Gott verstellen, weil sie ihn für lebensfern und unwichtig erklären.

 1 Siehe, ich will meinen Boten senden, der vor mir her den Weg bereiten soll. Und bald wird kommen zu seinem Tempel der Herr, den ihr sucht; und der Engel des Bundes, den ihr begehrt, siehe, er kommt!, spricht der HERR Zebaoth.

             Das ist die Antwort Gottes: Ein Bote. Ein Wegbereiter. Einer, der es aufleuchten lässt, dass Gott nicht irgendwo hinter den Sternen die Welt versäumt, sondern dass er nah ist, gegenwärtig. „Ein himmlischer Repräsentant Jahwes, der sein Kommen vorbereitet.“ (H. Graf Reventlow, aaO. S. 152) Ein Engel, der die Sehnsucht, die sich auch noch in den schrägen Sprüchen und Spötteleien zeigt, ans Licht bringt. Gott bleibt nicht in dem Schmollwinkel, in den Menschen ihn verbannen wollten. Er kommt.

Jüdische Deutung dieser Worte sieht hier so; „Der Bote sei der Messias, der nach jüdischer Meinung noch kommen soll. (so der jüdische Ausleger Ibn Ezra im 12. Jh.)“ (G. Maier, Der Prophet Maleachi, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1985, S. 166) Christen lesen diese Worte anders, auf Johannes den Täufer hin, vom Wort Jesu her: „Er ist’s, von dem geschrieben steht (Maleachi 3,1): »Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, der deinen Weg vor dir bereiten soll.«(Lukas 7,23)

 2 Wer wird aber den Tag seines Kommens ertragen können und wer wird bestehen, wenn er erscheint? Denn er ist wie das Feuer eines Schmelzers und wie die Lauge  der Wäscher. 3 Er wird sitzen und schmelzen und das Silber reinigen, er wird die Söhne Levi reinigen und läutern wie Gold und Silber.

            Es ist die Frage, die wieder und wieder in den Schriften der Hebräischen Bibel gestellt wird. Wer wird es aushalten können, so in die Gegenwart Gottes zu geraten? Wer kann auf den Berg Gottes gehen? Wer kann vor ihm bestehen? Jesaja ruft angesichts der Gegenwart Gottes: „Ich vergehe…..(Jesaja 6) Es ist kein harmloser Gast und kein netter Empfang, wenn Gott kommt. Das Leben wird geprüft im Feuer eines Schmelzers und der Lauge  der Wäscher. Es wird sich zeigen müssen, was in solcher Prüfung Bestand hat.

Es ist eine wichtige Korrektur: „Man kann hier schnell die Brücke zur Gegenwart schlagen, wenn man den häufig geäußerten Wunsch überlegt: „Da müsste Gott  doch endlich eingreifen.“ Müsste er dann nicht bei mir zuerst eingreifen?“(G. Maier, aaO. S. 170) In diesen Worten ist kein Raum für die Selbstsicherheit: Wir sind die Guten.

Das ist gesamt-biblisches Denken bis in die Schriften des Neuen Testamentes hinein. Das Kommen Gottes bringt die Wahrheit über das Menschenleben, unser Leben zu Tage. Und es ist an vielen Stellen eine erschreckende Wahrheit. Aber es ist zugleich auch eine Wahrheit, die neue Perspektiven öffnet, wenn auch „wie durch’s Feuer.“ ( 1. Korinther 3,15)

 Dann werden sie dem HERRN Opfer bringen in Gerechtigkeit, 4 und es wird dem HERRN wohlgefallen das Opfer Judas und Jerusalems wie vormals und vor langen Jahren. 5 Und ich will zu euch kommen zum Gericht und will ein schneller Zeuge sein gegen die Zauberer, Ehebrecher, Meineidigen und gegen die, die Gewalt und Unrecht tun den Tagelöhnern, Witwen und Waisen und die den Fremdling drücken und mich nicht fürchten, spricht der HERR Zebaot.

             Es ist eine Rückkehr zu den Aufgaben, die die Priester wirklich haben. Die Reinigung des Gerichts führt dazu, dass die Opfer wieder in Gerechtigkeit gebracht werden. Heißt nicht nur: Von Leuten mit weißer Weste, sondern auch in der Ordnung, wie sie anfänglich gesetzt ist. Die Propheten Israels haben keine freischwebende Religion im Sinn. Sie sind auch nicht einfach nur kultkritische Leute. Sie sind oftmals Rufer zum Ursprünglichen, Anfänglichen, zum Gott des Anfangs. Und sie wollen den ungeteilten Gehorsam des Herzens gegen die Wegweisungen Gottes.

             Für Maleachi ist kein Zweifel möglich: Es gibt Verhalten, das mit dem Glauben an Gott nicht zu vereinbaren ist. Manches zählen fromme Leute rasch und ohne Zögern auf: Zauberer, Ehebrecher, Meineidigen. Das eine sind okkulte Geschichten, das andere ist Unmoral und Lügengespinst. Da ist die Abgrenzung schnell klar: Keine Horoskope, keine Wahrsager, keine Hellseher. Und aller moralischen Grauzone zum Trotz: Mit Ehebruch und Meineid haben es fromme Leute auch nicht so. Da gibt es „gesunde“ moralische Klarheit.         

             Schwieriger ist das Andere: Die, die Gewalt und Unrecht tun den Tagelöhnern, Witwen und Waisen und die den Fremdling drücken. Wie umstritten ist auch bei frommen Leuten: Mindestlohn. Fürsorgepflicht für Witwen und Waisen. Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen, Schutzsuchenden – dafür steht das hebräische Wort ger. Wer wird schon freiwillig zum „Fremdling“? Erst recht in einem Land, in dem nach wie vor Parolen laut werden wie „Ausländer raus!“ –  „Geld für die Oma statt für Sinti und Roma“. Natürlich sind alle gegen Altersarmut. Nur kosten soll sie nichts.

Diese Gewalt tritt ja nicht mit Prügeltrupps auf, nicht mit Schläger-Kommandos aus der Nachtclub-Szene. Obwohl sie das auch kann, wie die Geschichte von Naboths Weinberg (1. Könige 21) zu erzählen weiß. Aber meistens ist diese Gewalt dezenter, erst recht heutzutage. Sie hat den feinen Zwirn an, bedient sich  der wirtschaftlich Sachverständigen und appelliert an die Vernunft der Verantwortlichen. Und ist doch unverblümte Gewalt gegen die, die keine Machtmittel in ihren Händen haben.

Maleachi hält hier eine Anklagerede, die sich seitdem unaufhörlich wiederholt. Es bewegt, wie hier im Grunde die Klagen unserer Zeit über den Zerfall der Gesellschaft,. über verweigerte Solidarität vorgeformt sind. Der Unterscheid zu den Klagen unserer Zeit: Hier werden Anklagen im Namen Gottes ausgesprochen. Und sie werden so Beweismaterial für den jüngsten Tag. Es ist die tiefe Überzeugung des Maleachi: alle diese Ungerechtigkeiten werden nicht folgenlos bleiben. sie kommen noch einmal zur Sprache am Tag des Kommens des Herrn.

Für all das entsolidarisierte Verhalten wird kein Platz mehr sein im Kommen Gottes. Was dann bleibt, ist Opfer in Gerechtigkeit. Ein Opfer, ein Gottesdienst, der Gott die Ehre gibt, weil er Menschen nicht schindet und klein macht, weil er sie erkennen lässt, wie gut Gott ihnen ist. Im Neuen Testament hört sich das dann so an: Die Gott „anbeten, werden ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.“ (Johannes 4,24) So war es von allem Anfang her gedacht und gewollt.

 

6 Ich, der HERR, wandle mich nicht; aber ihr habt nicht aufgehört, Jakobs Söhne zu sein: 7 Ihr seid von eurer Väter Zeit an immerdar abgewichen von meinen Geboten und habt sie nicht gehalten.

             Gott ist treu. Gott ist sich treu. Gott ist nicht heute so und morgen ganz anders. Auf ihn ist Verlass. „Jahwe ist derselbe geblieben!“(H. Graf Reventlow, aaO. S. 155) – durch allen Wandel der Zweiten hindurch. Aber – das ist Gottes Anklage: ach ihr seid dieselben geblieben. Eurer Art treu. Ihr seid nicht, wie ihr es sein sollt und sein könnt. Ihr lebt unter dem Niveau, dass ich euch zugedacht habe. Es ist eine harte Kritik: Der Stammvater Jakob war ein Täuscher und Betrüger und ihr seid von seiner Art, Jakobs Söhne.

Es ist richtig: „Natürlich bleiben die Nachfahren Jakobs Jakobssöhne, wenn man von den Blutsbanden ausgeht.“ (G. Maier, aaO.  S. 176) Aber hier geht es um mehr als um Biologie. Es ist eine eigenwillige Lektüre der Jakobs-Erzählung, die hier sichtbar wird: Nicht sein zähes Festhalten an der Verheißung ist im Blick, sondern sein Tricksen und Täuschen, seine Wandelbarkeit bis hin zur Falschheit. Was bei ihm sichtbar wird an Winkelzügen, List, Wandlungen, das hat Israel als Treulosigkeit und Ungehorsam immer neu wiederholt.

Manchmal denke ich, dass das der Lernweg ist, der uns abverlangt wird: Aus einer Religiosität, aus einem Glauben heraus zuwachsen, der Gott nur um unseretwillen sucht. Weil es mir Vorteile bringt, weil es gut für mich ist, weil Gott es bringt. So sieht es ja bei Jakob am Anfang aus. Er profitiert von Gott. So unterstellt es der Satan auch Hiob: „Meinst du, dass Hiob Gott umsonst fürchtet? Hast du doch ihn, sein Haus und alles, was er hat, ringsumher beschützt. Du hast das Werk seiner Hände gesegnet, und sein Besitz hat sich ausgebreitet im Lande. Aber strecke deine Hand aus und taste alles an, was er hat: was gilt’s, er wird dir ins Angesicht absagen!“ (Hiob 1,9-11)

Hineinwachsen aber sollen wir in einen Glauben, der Gott um Gottes willen sucht, der nichts will als Gott selbst. „Wenn ich nur dich habe, frage ich nicht nach Himmel und Erde“ (Psalm 73,25) An Gott festhalten, selbst wenn er mich in die Hölle schickt. Ich schaue mich an und weiß: Das ist noch ein weiter Weg, bis mein Glaube so tief in Gott verankert ist. Ob ich je so weit kommen, ich weiß es nicht.

 So bekehrt euch nun zu mir, so will ich mich auch zu euch kehren, spricht der HERR Zebaoth.

             Aber diese Kritik ist nicht das letzte Wort. So seid ihr – sagt der Prophet – und ruft doch im Namen Gottes zur Umkehr. Der Ruf zur Umkehr gilt nicht makellosen Leuten. Er gilt denen, die sich abgekehrt haben, ihre eigenen Wege und Ziele verfolgt haben, denen Gott oft genug nur ein Mittel für ihre Zwecke war. Sie werden in eine neue Richtung, eine neue Ausrichtung ihres Lebens gerufen. Es gilt zu hören auf diesen Ruf, weil dahinter die Verheißung groß ist: so will ich mich auch zu euch kehren. Indem Gott so ruft, macht er den Weg frei und sichert seine Zuwendung zu, dem, der sich rufen lässt.

 Ihr aber sprecht: »Worin sollen wir uns bekehren?« 8 Ist’s recht, dass ein Mensch Gott betrügt, wie ihr mich betrügt? Ihr aber sprecht: »Womit betrügen wir dich?« Mit dem Zehnten und der Opfergabe! 9 Darum seid ihr auch verflucht; denn ihr betrügt mich allesamt.

         Immer noch trifft das Rufen Gottes auf begriffsstutzige Hörer. »Woran sehen wir, dass du uns lieb hast?- »Wodurch verachten wir denn deinen Namen?« »Womit opfern wir dir denn Unreines?« – »Womit machen wir ihn unwillig?« – »Womit betrügen wir dich?«. Fragen, die eine Unschuld beteuern, die es nicht gibt.“(G. Maier, aaO. S. 178) Es gehört zur Eigenart dieses Propheten Maleachi, dass er die Worte des Volkes aufnimmt, mit denen es die Anklagen Gottes abzuwehren versucht und sie dann entkräftet. Wenn  man so will: Maleachi ist ein Disputations-Prophet. das ist mehr als nur ein rhetorisches Stilmittel. Es ist das Wesen seiner Prophetie, dass sie in der Auseinandersetzung mit Volkes Stimme und Stimmungen Antworten sucht.

Wir doch nicht – das ist der Chor bis heute. Es gehört zum guten Ton, seine Hände in Unschuld zu waschen, sich als unbeteiligt zu verstehen, überhaupt nicht begreifen zu wollen, was denn der andere hat. Darum fragen sie auch: »Worin sollen wir uns bekehren?« Wer gelernt hat zu sagen: Ich bin o.k. – Du bist o.k. der versteht dieses Rufen Gottes zur Umkehr nicht. Umkehr – das ist doch nur etwas für die, die auf falschen Wegen sind – Räuber, Diebe, Mörder, Gewalttäter, Huren… Aber für uns doch nicht.

Die Kritik aber ist hart – und konkret: Die Lust, den Zehnten abzuliefern, ist überschaubar. Auch bei Nehemia finden sich deutliche Hinweise darauf, dass man sich um diese Zahlungen drücken wollte. „Und ich erfuhr, dass die Anteile der Leviten nicht eingegangen waren und deshalb die Leviten und Sänger, die den Dienst ausrichten sollten, fortgegangen waren, ein jeder auf sein Land. Da schalt ich die Ratsherren und sprach: Warum wird das Haus Gottes vernachlässigt?“(Nehemia 13,10-11) Es wird so sein, wie es bis heute ist: Gerade die gehören zu den Drückebergern, damals beim Zehnten wie heute bei der Steuer, die eher wohl begütert sind.

 10 Bringt aber die Zehnten in voller Höhe in mein Vorratshaus, auf dass in meinem Hause Speise sei, und prüft mich hiermit, spricht der HERR Zebaoth, ob ich euch dann nicht des Himmels Fenster auftun werde und Segen herabschütten die Fülle. 11 Und ich will um euretwillen den »Fresser« bedrohen, dass er euch die Frucht auf dem Acker nicht verderben soll und der Weinstock auf dem Felde euch nicht unfruchtbar sei, spricht der HERR Zebaoth

Ich übertrage einmal für mich: Eines der Geheimnisse gesegneten Lebens ist die Freigiebigkeit, Hingeben, Loslassen. Nicht für sich selbst behalten wollen. Wer Gott gibt, wird nicht arm. Der Zehnte – hebräisch: maʽaser – dient ja handfest dem Betrieb des Tempels, dem Unterhalt der Priester und Leviten. „Der Zehnte ist eine Abgabe an Höhergestellte und drückt Anerkennung, Verpflichtung und Dank aus.“(G. Maier, aaO. S. 180) Hier eine Abgabe an Priester und Leviten, an die Leute, die im Tempel Dienst tun. Weil sie sich nicht um ihren Lebensunterhalt kümmern müssen, haben sie Zeit zur Fürbitte, zur Seelsorge, zum Opfer. Frühe Vorbilder für die Freistellung von der Mühe um den Lebens-Unterhalt, die bis heute das Pfarrer-Dasein in Deutschland prägt. Reichlich versorgt, um sich um andere sorgen und kümmern zu können

Auch wenn wir das heute nicht mehr so unmittelbar materiell sehen mögen. Geben macht glücklich. Helfen macht glücklich. Anderen Gutes tun macht glücklich – sagen die Psychologen. Aussteigen aus der Ich-Zentrierung, die Hinwendung zum anderen lernen – das lässt innerlich frei werden und oft genug auch äußerlich. Selbstvergessen. Und Gott – davon ist der Prophet überzeugt und das sagt er als Verheißung Gottes – Gott segnet so eine Lebenshaltung, die sich verschenken lernt.

 12 Dann werden euch alle Völker glücklich preisen, denn ihr sollt ein herrliches Land sein, spricht der HERR Zebaoth.

             Mit der Forderung ist die Verheißung verknüpft – in der Form einer Seligpreisung.  Die Völker werden staunen über das Wohlergehen Israels. „Die Seligpreisung gehört zur Weisheits- und Psalmensprache: Glückseligkeit wird den Frommen zugesprochen, die Gottes Willen tun.“ (H. Graf Reventlow, aaO. S. 156) Wo Menschen so miteinander leben, wo das zur Wirklichkeit eines Volkes wird, Achtsamkeit füreinander, Aufmerksamkeit den Schwachen, Respekt den Geringen, Hilfe den Hilflosen, da wird das Land hell und weit, gewinnt es Strahlkraft. „Seht, wie lieb sie einander haben“ haben die kritischen Beobachter der jungen Christenheit gesagt  und es war ein großer Anreiz zum Glauben.

„Wo Menschen sich vergessen, die Wege verlassen,
und neu beginnen, ganz neu,
da berühren sich Himmel und Erde,                                               dass Frieden werde unter uns.

Wo Menschen sich verschenken, die Liebe bedenken,               und neu beginnen, ganz neu,
da berühren sich Himmel und Erde,                                                dass Frieden werde unter uns,

Wo Mensch sich verbünden, den Hass überwinden,                  und neu beginnen, ganz neu,
da berühren sich Himmel und Erde,                                              dass Frieden werde unter uns.“                                                                          T.
Laubach 1989, Liederbuch Lebensweisen

Mission by attraction heißt das in der heutigen Sprache. Wo das Volk Gottes Gottvertrauen lebt und nicht nur redend beschwört, da wird es attraktiv.

 

Heiliger Gott, Du sorgst für uns. Du gibst, was wir zum Leben nötig haben. Du willst uns die Sorglosigkeit lehren aus der Erfahrung Deiner Fürsorge.

So willst du uns frei machen von der Sorge um uns selbst. Du willst unseren Blick hinlenken zu denen, die unsere Sorge brauchen. Hilf uns durch Deinen Geist zu solchem Zutrauen zu Dir. Amen

Aufstand

  1. Mose 14, 1 – 25

1 Da fuhr die ganze Gemeinde auf und schrie, und das Volk weinte in jener Nacht.

             Es ist kein Wunder: solche Schreckensnachrichten müssen verstören. Sie lösen Panik aus. Die ganze Nacht nimmt das Weinen kein Ende. Es sind nicht nur Einzelne, die so reagieren, es ist die ganze Gemeinde.

 2 Und alle Israeliten murrten gegen Mose und Aaron, und die ganze Gemeinde sprach zu ihnen: Ach dass wir gestorben wären in Ägyptenland oder in dieser Wüste, ach wären wir doch gestorben. 3 Warum führt uns der HERR in dies Land, damit wir durchs Schwert fallen und unsere Frauen und unsere Kinder ein Raub werden? Ist’s nicht besser, wir ziehen wieder nach Ägypten? 4 Und einer sprach zu dem andern: Lasst uns einen Hauptmann über uns setzen und wieder nach Ägypten ziehen!

             Besser tot. Besser in Ägypten gestorben als das. Plötzlich scheint der Rückweg nach Ägypten wie ein Ausweg aus dieser hoffnungslosen Lage. Bibelleser kennen diese Klage, diesen Aufschrei schon aus früheren Situationen. Am Schilfmeer, als die Truppen des Pharao anrücken: „Sie sprachen zu Mose: Waren nicht Gräber in Ägypten, dass du uns wegführen musstest, damit wir in der Wüste sterben? Warum hast du uns das angetan, dass du uns aus Ägypten geführt hast? Haben wir’s dir nicht schon in Ägypten gesagt: Lass uns in Ruhe, wir wollen den Ägyptern dienen? Es wäre besser für uns, den Ägyptern zu dienen, als in der Wüste zu sterben.“ (2. Mose 14,11-12) Auch nach dem Durchzug durchs Schilfmeer, nach der spektakulären Rettung beim Zug durch die Wüste: „Und die Israeliten sprachen: Wollte Gott, wir wären in Ägypten gestorben durch des HERRN Hand, als wir bei den Fleischtöpfen saßen und hatten Brot die Fülle zu essen. Denn ihr habt uns dazu herausgeführt in diese Wüste, dass ihr diese ganze Gemeinde an Hunger sterben lasst.“(2. Mose 16,3) Es ist das Murren, das Klagen, die Furcht, die diese Wüstengeneration prägt, die sie immer wieder dazu verführt, sich den Wegen Gottes zu verweigern.

Eindringlich schildert der Psalm-Sänger diese Haltung und greift sicherlich auch die Situation hier, die Zweifel an der guten Führung Gottes auf:

„Und sie achteten das köstliche Land gering;                                                               sie glaubten seinem Worte nicht und murrten in ihren Zelten;                                sie gehorchten der Stimme des HERRN nicht.“                  Psalm 106,24-25

Der ganze Psalm 106 ist ein einziges Spiegelbild der Wankelmütigkeit des Volkes. Nur: man hüte sich als Leserin und Leser, das gewissermaßen als moralischen oder geistlichen Defekt des Volkes Israel zu  bewerten und zu beurteilen, oder gar zu verurteilen. Wer ehrlich ist, entdeckt die gleiche Wankelmütigkeit wahrscheinlich oft genug im eigenen Leben. Solange es gut geht, geht es auch gut mit dem Gottvertrauen. Wenn aber die Schwierigkeiten kommen, die Wege verbaut erscheinen, das Unglück überhandnimmt ….     „Aufstand“ weiterlesen

Klarheit ins Leben bringen

Maleachi 2,17 – 3,5

17 Ihr macht den HERRN unwillig durch euer Reden! Ihr aber sprecht: »Womit machen wir ihn unwillig?« Dadurch dass ihr sprecht: »Wer Böses tut, der gefällt dem HERRN, und an solchen hat er Freude«, oder: »Wo ist der Gott, der da straft?«

             Wieder wird man Zeuge einer Disputation. Sie fängt mit dem Vorwurf an: Euer Reden ist für Gott eine Last. Unangemessen. Aber euer Reden verhallt nicht einfach im luftleeren Raum. Die Zurückweisung kommt prompt: Wir machen doch gar nichts – nur Worte. Was für eine armselige Vorstellung von Gott, wenn ihm unsere Worte zu schaffen machen könnten! Wir reden doch nur. Das macht Gott doch nichts. G.o.t.t. – das kann man auch so lesen: Guter Opa, total taub. Das ist mehr als der freche Spruch unreifer Jugendlicher. Es ist eine Lebenshaltung, die es zu allen Zeiten gegeben hat, damals in Israel und die es auch heute noch gibt. Gott ist doch nicht (mehr) wichtig. Er hat ja keine Durchsetzungsmacht. Er ist doch ein lieber Gott, der nie straft. „Vergeben ist sein Geschäft.“ (Voltaire) Er kann ja gar nicht anders. Wer wird sich da schon nach Gott richten?

Es sind perverse Verdrehungen. Es sind Verfälschungen, die aus dem Wort Gott eine Leerformel, eine Worthülse machen. Es sind Spöttereien, wenn sie sagen: »Wo ist der Gott, der da straft?« Schon damals zur Zeit des Propheten gab es wohl die Stimmen, die sagten und fragten: Wo ist er denn? Warum macht er nichts? Warum straft er nicht? Es sind Worte, die den Weg zu Gott verstellen, weil sie ihn für lebensfern und unwichtig erklären.  „Klarheit ins Leben bringen“ weiterlesen

In Athen

Apostelgeschichte 17, 16 – 34

16 Als aber Paulus in Athen auf sie wartete, ergrimmte sein Geist in ihm, da er die Stadt voller Götzenbilder sah. 17 Und er redete zu den Juden und den Gottesfürchtigen in der Synagoge und täglich auf dem Markt zu denen, die sich einfanden.

Paulus in Athen, schon damals Reise-Ziel vieler Bildungstouristen. Obwohl Athen damals von der Größe her – ca. 5000 Einwohner – nur ein Provinz-Nest ist, von seiner Ausstrahlung her ist es eine Metropole des Geistes. Es mag sein, Paulus ist hier und dort stehen geblieben, hat die Sehenswürdigkeiten der Stadt angestaunt, die Akropolis im strahlenden Glanz der Sonne, die wunderbaren Gebäude der Reichen  hat sich über manches wohl auch gewundert.

Aber was er gesehen hat, hat nicht nur seine Neugier befriedigt. Er ist innerlich in Fahrt gekommen, ergrimmt. „Die zahllosen Götterstatuen, der Stolz Athens, sind ihm Zeichen falscher, sündiger Religiosität, die den Schöpfer im von Menschen Geschaffen sucht, und erwecken darum seinen heiligen Zorn.“(J.Roloff, aaO.  S. 257) Nicht im Griechischen, wohl aber im Deutschen gibt es hier eine Parallele: Von Jesus heißt es im Johannes-Evangelium, als er den Schmerz der Maria und der Juden über den Toten Lazarus sieht: „Als Jesus sah, wie sie weinte und wie auch die Juden weinten, die mit ihr gekommen waren, ergrimmte er im Geist“ (Johannes 11,33) Ist es dort der Grimm über die Beugung unter die Herrschaft des Todes, so ist es bei Paulus in Athen der Grimm über die Herrschaft der Götzenbilder.

Eine Stadt voller Götzenbilder – κατεδωλοι – diese Formulierung des Lukas steht nicht für religiöse Toleranz. Sie geht eher zurück auf die ironische Sicht der Propheten, was die Götterbilder der anderen Religionen angeht. Das wird später noch zum Thema werden, auf dem Areopag. „In Athen“ weiterlesen

Durchblick tut not

Offenbarung 13, 11 – 18

11 Und ich sah ein zweites Tier aufsteigen aus der Erde; das hatte zwei Hörner wie ein Lamm und redete wie ein Drache. 12 Und es übt alle Macht des ersten Tieres aus vor seinen Augen und es macht, dass die Erde und die darauf wohnen, das erste Tier anbeten, dessen tödliche Wunde heil geworden war.

             Es ist, als wollten die Schrecken keine Ende nehmen. Ein zweites Tier – ähnlich wie ein Lamm. Eine Nachahmung, Nachäffung Christi. „Es werden viele kommen unter meinem Namen und sagen: Ich bin der Christus, und sie werden viele verführen.“(Matthäus 24,5) Damit hat die erste Gemeinde immer gerechnet, dass sich Leute als falscher Christus seinen Namen anmaßen. seine Werke nachahmen.  Und das zweite Tier erreicht tatsächlich,  dass die Erde und die darauf wohnen, das erste Tier anbeten. Es erweist sich als der große Verführer, der den Glauben in der Anbetung der Macht missbraucht

  13 Und es tut große Zeichen, sodass es auch Feuer vom Himmel auf die Erde fallen lässt vor den Augen der Menschen; 14 und es verführt, die auf Erden wohnen, durch die Zeichen, die zu tun vor den Augen des Tieres ihm Macht gegeben ist; und sagt denen, die auf Erden wohnen, dass sie ein Bild machen sollen dem Tier, das die Wunde vom Schwert hatte und lebendig geworden war. 15 Und es wurde ihm Macht gegeben, Geist zu verleihen dem Bild des Tieres, damit das Bild des Tieres reden und machen könne, dass alle, die das Bild des Tieres nicht anbeteten, getötet würden.

             Dieses Pseudo-Lamm weist sich aus durch große Zeichen, wie Feuer vom Himmel. Es ruft dazu auf, ein Götterbild des ersten Tieres zu errichten. Hier wird es vermutlich um den Kaiserkult vor Kaiser-Statuen in den Tempeln des Ostens gehen. Kaiser Domitian hat sich dazu verstiegen, sich als Gott verehren zu lassen. Und alle dazu  zwingen, ihm diese göttliche Verehrung zutiel werden zu lassen.

Dieses Lügen-Lamm verleiht diesem Götterbild Stimme. Hier muss man nicht zuerst an Theater-Tricks erinnern, die es auch schon damals gab. Auch nicht, wie es angstvolle Gemüter vor Siebzig Jahren getan haben, an den Fernseh-Schirm, aus dem plötzlich Stimmen erschallen. Das alles greift zu kurz. In die falsche Richtung. Gemeint ist vielmehr, dass die machtvolle Ausstrahlung dieser Bilder, der sich Menschen einfach unterwerfen, getrieben von Angst. Denn alle, die das Bild nicht anbeten, würden getötet.

Hier spielen sicher Erfahrung im Osten des Reiches eine Rolle, wo die Anbetung vor Standbildern des Kaisers Domitian auch mit Todesdrohungen erzwungen worden ist. Es hat tödliche Konsequenzen, sich diesem Kult zu verweigern.

„Durchblick tut not“ weiterlesen

Licht der Welt

Johannes  8, 12 – 20

12 Da redete Jesus abermals zu ihnen und sprach: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.

            Hatte sich eben die Szene noch geleert, so sind jetzt plötzlich wieder Zuhörer da. Zu ihnen redet Jesus. Mit einem Ich-bin-Wort. Ein steiler und ein wenig unverhoffter Einstieg. Nicht vorbereitet durch das vorher erzählte Geschehen.

Es könnte passen, dass dieses Wort am letzten Tag des Laubhüttenfestes gesprochen ist. Wenn im Tempelbezirk riesige Kandelaber, Lichtträger entzündet werden, die weit über Jerusalem leuchten. Dann wäre das der Kontrast: Da das künstliche Licht der Leuchter und hier er, Jesus. Licht in Person.

Ich bin das Licht der Welt. „Er gibt das Licht und ist es zugleich; er gibt es, indem er es ist und er ist es, indem er es gibt.“ (R. Bultmann,aaO.; S.261) Ein Wort, das im Prolog schon vor-anklingt: „Das war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen.“(1,8) Erleuchtet sein – nicht mehr tastend herum tappen. Nicht mehr orientierungslos unterwegs, hin und her. Wer das Licht der Welt hat, der kann sichere Schritte tun.

In einer Zeit, die die Nächte taghell ausleuchtet, vermögen wir kaum zu verstehen, was für eine Lebensbedeutung Licht haben kann. Bei uns gibt es eine Sehnsucht, dass es doch einmal wirklich Nacht, wirklich dunkel sein möge, damit Ruhe einkehrt. Zu Zeiten Jesu ist das Dunkel der Nacht voller Gefahr und das Licht erlaubt sichere Schritte auf dem Weg. „Licht der Welt“ weiterlesen

Vorbereitung für harte Zeiten, steinige Wege

Matthäus 24, 1 – 14

1 Und Jesus ging aus dem Tempel fort und seine Jünger traten zu ihm und zeigten ihm die Gebäude des Tempels. 2 Er aber sprach zu ihnen: Seht ihr nicht das alles? Wahrlich, ich sage euch: Es wird hier nicht ein Stein auf dem andern bleiben, der nicht zerbrochen werde.

             Mit den Wehe-Rufen gegen die Pharisäer ist in der Öffentlichkeit alles gesagt. Es gibt jetzt keine Rede mehr an das Volk. Jesus verlässt den Tempel und nur noch seine Jünger sind bei ihm.

Wo darf ich mir die erzählte Szene denken? Am Hang des Ölberges, von wo aus man eine unglaubliche Sicht auf den Tempelberg hat? Sind die Jünger beeindruckt und wollen sie, dass Jesus ihr beeindruckt Sein bestätigt?

Skeptisch könnte man  sagen: Wie oft hat die Kirche auch späterer Jahre auf die Pracht der Steine gesetzt. Mit Gebäuden beeindruckt. Sich selbst und auch das Volk. Und ein wenig traurig stelle ich fest: Mancherorts sind es nur noch die Steine, die eine Geschichte des Glaubens erzählen.

Jesus aber sieht anders. Er beginnt seinen Jüngern die Augen zu öffnen. Allen Jüngerinnen und Jüngern, nicht mehr nur den vieren – Petrus und Andreas,  Jakobus und Johannes. Es sind wirklich alle, „die seine Belehrung empfangen. Das erleichtert den Leser/innen in den Gemeinden die Identifikation: Jetzt sind sie und nur sie angesprochen.“ (U.Luz, aaO.; S.418)

Augen auf für das, was kommen wird, was geschehen wird mit Jerusalem, mit dem Tempel. Es ist die Ansage eines Unterganges, wenn auch ohne Termin-Angabe. So wie er sich im Jahr 70 n.Chr. auch wirklich abgespielt hat. „Vorbereitung für harte Zeiten, steinige Wege“ weiterlesen

Der Verführung standhalten

  1. Mose 39, 1 – 23

 1 Josef wurde hinab nach Ägypten geführt, und Potifar, ein ägyptischer Mann, des Pharao Kämmerer und Oberster der Leibwache, kaufte ihn von den Ismaelitern, die ihn hinabgebracht hatten. 2 Und der HERR war mit Josef, sodass er ein Mann wurde, dem alles glückte. Und er war in seines Herrn, des Ägypters, Hause. 3 Und sein Herr sah, dass der HERR mit ihm war; denn alles, was er tat, das ließ der HERR in seiner Hand glücken, 4 sodass er Gnade fand vor seinem Herrn und sein Diener wurde. Der setzte ihn über sein Haus; und alles, was er hatte, tat er unter seine Hände.

Szenenwechsel. Aus dem jüdischen Bergland in die Stadtkultur nach Ägypten. Josef wird Haus-Sklave bei einem angesehenen Mann. Potifar, ein ägyptischer Mann, des Pharao Kämmerer und Oberster der Leibwache. Was im Luther-Text eindeutig wirkt, ist so eindeutig nicht. Die hebräische Bezeichnung sarissim ­ kann einfach einen diplomatischen, militärischen oder Verwaltungsbeamten bezeichnen. Sie kann aber auch die Bedeutung „Eunuch“ haben, Kastraten waren prädestiniert für die Beamtenlaufbahn in den königlichen Harems, und das nicht nur in Ägypten. Die zweite Beamtenbezeichnung könnte gelesen werden: Potifar ist der „oberste Metzgermeister“ oder „Küchenchef“ des Pharao. Jedoch kann sich hinter der Bezeichnung auch ein militärischer Rang verbergen. War er also der „Oberste der Leibgarde“? Das ist iin manchen dikataturen ja fast deckungsgleich mit dem „obersten Metzegermeiser“.

           Josef hat in seinem Tun in diesem Haus eine glückliche Hand. „Der Gott der Väter ist jetzt in der Ferne mit Josef wie er mit seinen Vätern war.“ (C. Westermann, aaO; S.394) Aber von einem aktiven Handeln Gottes, gar von einem Reden Gottes wird in diesen Josefs-Geschichten nicht die Rede sein. Es ist der Erzähler, der weiß: Es ist der Herr, der mit Josef ist, auch in dem fremden Land.

Das bleibt nicht verborgen. Potifar sieht, dass er einen guten Fang gemacht hat mit diesem Sklaven. Wie man sich das vorstellen muss: sein Herr sah, dass der HERR mit ihm war, ist mir nicht ganz klar. Aber es ist öfters so, dass die Heiden an den Israeliten etwas aufleuchten sehen von der Wirklichkeit Gottes.  Es ist regelrecht eine Erwartung an Israel: In seiner Existenz soll sichtbar werden: „Zu der Zeit werden zehn Männer aus allen Sprachen der Heiden „einen“ jüdischen Mann beim Zipfel seines Gewandes ergreifen und sagen: Wir wollen mit euch gehen, denn wir hören, dass Gott mit euch ist.“(Sacharja 8,23) Was Sacharja in Zukunft erwartet, sieht Potifar schon an Josef!

Es ist eine Botschaft über die erzählte Geschichte hinaus. Gott segnet, wo seine Leute sind. Er lässt sich nicht exklusiv einschränken mit seinem Segen. Gottes Leute sind Segensträger in die Welt hinein, auch in die Welt hinein, die mit Gott nichts (mehr) anzufangen weiß. „Der Verführung standhalten“ weiterlesen