Bau-Rückenwind

Haggai 2, 1 – 9

 1 Am einundzwanzigsten Tage des siebenten Monats geschah des HERRN Wort durch den Propheten Haggai: 2 Sage zu Serubbabel, dem Sohn Schealtiëls, dem Statthalter von Juda, und zu Jeschua, dem Sohn Jozadaks, dem Hohenpriester, und zu den Übrigen vom Volk und sprich:

Am letzten Tag des Laubhüttenfestes, am 17. Oktober 520, ergeht erneut des HERRN Wort. Wieder holt es die Menschen in ihrer inneren Situation ab. Leser und Leserinnen haben die Worte noch vor Augen: Und ich habe die Dürre gerufen über Land und Berge, über Korn, Wein, Öl und über alles, was aus der Erde kommt, auch über Mensch und Vieh und über alle Arbeit der Hände.(1,11) Man kämpft sich ab mit diesem herben Wort und der herben Wirklichkeit. „Die Ernte war vermutlich kümmerlich und kein zu starker Anlass für ein Erntedank- und Freudenfest.“ (G. Maier, aaO. S. 53) Es ist eine harte Zeit und die Seelen der Zurückgekehrten sind schwer belastet.

3 Wer ist unter euch noch übrig, der dies Haus in seiner früheren Herrlichkeit gesehen hat? Und wie seht ihr’s nun? Sieht es nicht wie nichts aus? 4 Aber nun, Serubbabel, sei getrost, spricht der HERR, sei getrost, Jeschua, du Sohn Jozadaks, du Hoherpriester! Sei getrost, alles Volk im Lande, spricht der HERR, und arbeitet! Denn ich bin mit euch, spricht der HERR Zebaoth, 5 nach dem Wort, das ich euch zusagte, als ihr aus Ägypten zogt; und mein Geist soll unter euch bleiben. Fürchtet euch nicht!

Und dann, nach ein paar Wochen Arbeit nur kümmerliche Anfänge. Mehr Stillstand als Fortschritt. Es ist nichts zu sehen von wachsendem Bau. Es liegt wohl eine große Wehmut über diesem Neubau des Tempels. Er reicht bei weitem nicht an die große Schönheit des zerstörten salomonischen Tempels heran. Es rührt mich an – Gott scheint die drohende Resignation seine Volkes beim Blick auf die Baustelle zu spüren und bringt sie zur Sprache: „Sieht er für euch nicht völlig unbedeutende aus?“(Basisbibel)

Wer so auf den Bau schaut, der ist drauf und dran, aufzugeben. „Enttäuschung, Verzagtheit, Resignation, Schmerz, Zweifel – all das schwingt hier mit.“ (G. Maier, aaO. S. 54). Die, die am Tempel arbeiten, brauchen Rückenwind, Bestätigung. Sie müssen frei davon werden, den jetzigen Bau ständig an dem alten Bau zu messen. Wenn es weitergehen soll, so ist es nötig, lebensnotwendig, dass sie aus der Negativ-Spirale herausfinden. Ja, es ist alles noch armselig, und Gottesdienste auf dem Platz vor der Baustelle sind ein Provisorium. Notbehelfe.

Dreimal in wenigen Worten die Aufforderung: Sei getrost,Seid stark!“(Basisbibel). Pakt an. Lasst euch nicht hängen. Es gibt viel zu tun. Damit sie aus dieser Trauer herausfinden, müssen sie sich auf den inneren Kern hin orientieren und konzentrieren: Denn ich bin mit euch. Es ist wie eine Erinnerung an den Auszug, an den Weg aus dem Haus der Knechtschaft durch die Wüste. Er wird auch durch die Trümmerlandschaft in Jerusalem helfen. Mein Geist soll unter euch bleiben. Fürchtet euch nicht! Es geht um die erneuerte Gegenwart Gottes. es geht nicht um die Schönheit und die Pracht des Tempels. Es gibt etwas, das wichtiger ist als die äußere Pracht: Sei getrost, alles Volk im Lande, spricht der HERR, und arbeitet! Denn ich bin mit euch, spricht der HERR Zebaoth.

 6 Denn so spricht der HERR Zebaoth: Es ist nur noch eine kleine Weile, so werde ich Himmel und Erde, das Meer und das Trockene erschüttern.

  Das ist in Andeutungen die Sprache der Theophanie. Wenn Gott in der Welt erscheint, sich manifestiert, dann gerät die Erde in ihren Grundfesten in Erschütterung. Diese Worte hier drohen nicht das Ende der Welt an – sie sagen vielmehr das heilsame Kommen Gottes in diesen armseligen Bau an. Sie sagen auch an, dass das Handeln Gottes an den Grundfesten der Weltordnung, wie wir sie zu kennen meinen, rütteln wird. Damit sprengen die Worte den unmittelbaren Zusammenhang zu dem Baugeschehen. Es geht um mehr als um ein punktuelles Ereignis und es ist kein Erdbeben, das hier angesagt wird.

7 Ja, alle Völker will ich erschüttern. Da sollen dann kommen aller Völker Kostbarkeiten, und ich will dies Haus voll Herrlichkeit machen, spricht der HERR Zebaoth. 8 Denn mein ist das Silber, und mein ist das Gold, spricht der HERR Zebaoth. 9 Es soll die Herrlichkeit dieses neuen Hauses größer werden, als die des ersten gewesen ist, spricht der HERR Zebaoth; und ich will Frieden geben an dieser Stätte, spricht der HERR Zebaoth.

Noch einmal Ich will erschüttern. Diesmal die Völker, alle. Meine Deutung: Sie werden umdenken müssen im Blick auf das Volk Gottes. Aber der Tempel wird nicht armselig bleiben. Die Kostbarkeiten aller Völker werden darin Platz finden. Und wenn Gott da seine Wohnung nimmt, dann wird es ein Haus voll Herrlichkeit. Wo Gott wohnt, ist es immer herrlich. Es ist ja alles Gottes Eigentum. Silber und Gold und der Sand am Meer.

„Die Erde ist des Herrn und alles, was darinnen ist.                                  Der Erdkreis und die darauf wohnen.“                    Psalm 24, 1

Und er, der Herr des Himmels, Gott des Himmels, verspricht: Das neue Haus wird ein Ort des Friedens sein. Ein Ort des Heils. Fünfmal in wenigen Sätzen heißt es: spricht der HERR Zebaoth. Nachdrücklich wird so unterstrichen: Hier ist nicht ein optimistischer Prophet Wortführer, sondern hier nimmt der HERR das Wort, aus dessen Händen die Welt ihre Zukunft empfängt.

Zum Weiterdenken

                 Es ist so naheliegend, nur auf die Trümmer zu sehen. Nur auf die winzigen Fortschritte. Was da mit mühseliger Arbeit geleistet wird, ist doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Vor acht Wochen war die Ahrflut und noch immer ist alles ein einziges Trümmerfeld. Es wird Jahre dauern und ob es überhaupt wieder wird, wie es war, weiß kein Mensch. Die Gegenwart ist armselig, erst recht, wenn sie an der glanzvollen Vergangenheit gemessen wird, So zu denken wird zur Abwärtsspirale in Mutlosigkeit und Resignation. Man landet dann bei: Das wird sowieso alles nicht. Verleugnen der Gegenwart hilft nicht weiter. Es braucht andere Impulse, die nicht im Jetzt liegen. Die die enge Sicht sprengen. Darum sagt Haggai das Wort Gottes.

      Der Bau mag langsam von statten gehen, Gott wird sich nicht verweigern, in dieser armen Hütte seinen Platz einzunehmen. Es ist nicht die Größe, die einen Tempelbau tauglich für die Gegenwart Gottes macht. Gott kommt nicht nur in die großen Dome und verweigert sich den kleinen Kirchen. Er kommt dahin, wo er erwartet, erhofft, erbetet wird. Gute 500 Jahre später wird Gott anschaulich werden in einem Stall, in einem armseligen Futtertrog liegen. Gott steht nicht auf Luxusherbergen. Jeder arme Stein und jeder dürre Strauch ist gut genug, dass er daran erfahrbar wird.  

Ich denke, dass diese Worte aus Haggai Pate gestanden hat für Worte in der Offenbarung des Johannes, wenn es da vom himmlischen Jerusalem heißt: „Und die Stadt bedarf keiner Sonne noch des Mondes, dass sie ihr scheinen; denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie, und ihre Leuchte ist das Lamm. Und die Völker werden wandeln in ihrem Licht; und die Könige auf Erden werden ihre Herrlichkeit in sie bringen. Und ihre Tore werden nicht verschlossen am Tage; denn da wird keine Nacht sein. Und man wird die Pracht und den Reichtum der Völker in sie bringen. Und nichts Unreines wird hineinkommen und keiner, der Gräuel tut und Lüge, sondern allein, die geschrieben stehen in dem Lebensbuch des Lammes.“ (Offenbarung 21,23-27) Da leuchtet es wieder auf, das Bild vom Ort des Friedens.  Das ist das Ziel, das die Schrift für Jerusalem sieht.

Du Heiliger Gott, der Du thronst über den Himmeln, dessen Herrlichkeit das All nicht zu fassen vermag. Du willst Dich finden lassen, wo wir nach Dir rufen. Du willst gegenwärtig sein, in unserer Mitte, wo nur zwei oder drei in Deinem Namen zusammen sind. Mache uns Dankbar für das Geschenk der Gotteshäuser, überall im Land. Gib, dass wir sie nicht leer stehen lassen, sonntags nicht, werktags nicht. Lass uns innerlich frei werden von der Vergötzung von Größe und Pracht. Lass uns frei werden zur Gewissheit, dass Du da bist, wo wir uns dir öffnen.     

 

Freimütig – nach innen und außen

Apostelgeschichte 4, 23 – 31

23 Und als man sie hatte gehen lassen, kamen sie zu den Ihren und berichteten, was die Hohenpriester und Ältesten zu ihnen gesagt hatten.

 Petrus und Johannes wissen, wo sie hin gehören. Sie sind freigelassen und suchen die Gemeinde auf. Sie gehen zu den Ihren. Sie suchen die auf, mit denen sie zusammen gehören, durch den Glauben, durch die gemeinsame Erfahrung, durch den gemeinsamen Weg. Die, mit denen sie „eins“ (Johannes 17,11) sind. Die anderen, die mit Jesus unterwegs waren, die mit dem Geist erfüllt sind. Denen erzählen sie, was war. Denen erzählen sie von den Drohungen der Hohenpriester und Ältesten. Es ist gut, es macht stabil, wenn einer Menschen hat, denen er erzählen kann, was ihm passiert ist.

24 Als sie das hörten, erhoben sie ihre Stimme einmütig zu Gott und sprachen: Herr, du hast Himmel und Erde und das Meer und alles, was darin ist, gemacht, 25 du hast durch den Heiligen Geist, durch den Mund unseres Vaters David, deines Knechtes, gesagt (Psalm 2,1-2): »Warum toben die Heiden, und die Völker nehmen sich vor, was umsonst ist? 26 Die Könige der Erde treten zusammen, und die Fürsten versammeln sich wider den Herrn und seinen Christus.«

Sie, die ihnen zuhören, nehmen das Gehörte auf und bringen es vor Gott. Sie haben ein Gespür dafür: Der letzte Adressat dieses Erzählens sind nicht wir. Sondern es ist ein Erzählen im Angesicht Gottes. Es geht ja auch um seine Geschichte mit Menschen, um sein Evangelium.

 Δέσποτα Despot – so reden sie Gott an. Herr. Herrscher. Das hat für die Beter und Beteinnen offensichtlich nicht den negativen Klang, den das Wort Despot bei uns heute hat. In ihrem Beten vergewissern sie sich selbst: Wir hängen an dem Gott, der der Schöpfer der Welt ist. Wir hängen an dem Gott, der Himmel und Erde gesetzt hat, der dem Meer seinen Raum gibt, aber eben auch seine Grenze. Wir hängen an dem Gott, der weiß, wie die Völker sind: Sie sind im Widerstreit mit Gott. In dieser Auseinandersetzung zeigt sich nicht irgendeine besondere Bosheit, sondern das Wesen der Menschen. Sie sind aufrührerisch gegen Gott und darum auch voller Widerstreit gegen den Christus Gottes. „Freimütig – nach innen und außen“ weiterlesen

Zwei Welten

Lukas 11, 37 – 54

 37 Als er noch redete, bat ihn ein Pharisäer, mit ihm zu essen. Und er ging hinein und setzte sich zu Tisch. 38 Als das der Pharisäer sah, wunderte er sich, dass er sich nicht vor dem Essen gewaschen hatte.

In diesen Sätzen ist noch nichts zu spüren von der folgenden Eskalation der Ereignisse. Da bittet ein Pharisäer Jesus freundlich zu sich nach Hause, an den Tisch, zum Tischgespräch. Er sucht das Gespräch mit dem „prominenten“ Gast. Die Worte, die Lukas gebraucht, signalisieren: Er freut sich darauf. Die Auseinandersetzungen der vorigen Abschnitte scheinen vergessen – es könnte schön werden.

Nur eine winzig kleine Irritation verzeichnet Lukas bei dem Gastgeber: er wunderte sich, weil Jesus Reinheitsvorstellungen der Zeit schlicht ignoriert. Er verzichtet auf jede Waschung. Die ist zwar nicht im Gesetz geboten, wird aber von der frommen Tradition gefordert. Es ist, als habe Jesus nicht gelernt: „Vor dem Essen, nach dem Essen Händewaschen nicht vergessen.“

39 Der Herr aber sprach zu ihm: Ihr Pharisäer, ihr haltet die Becher und Schüsseln außen rein; aber euer Inneres ist voll Raubgier und Bosheit. 40 Ihr Narren, hat nicht der, der das Äußere geschaffen hat, auch das Innere geschaffen? 41 Gebt doch, was drinnen ist, als Almosen, siehe, dann ist euch alles rein.

 Jesus kann Gedanken lesen – das hat Lukas seine Leser und Leserinnen hinlänglich gelehrt. So auch hier: Er weiß, was sich im Kopf seines Gastgebers abspielt. Aber weit entfernt davon, damit freundlich und vielleicht ein wenig ironisch umzugehen, startet Jesus einen Frontalangriff. Narren nennt er die Pharisäer und damit doch auch seinen Gastgeber! Sein Gastgeber wird in Sippenhaftung für die ganze Bewegung der Pharisäer genommen.

 Er häuft Vorwurf auf Vorwurf: Ihr seid Spezialisten in Sachen Reinheit – und seid dabei doch merkwürdig blind. Ihr seid auf Äußerlichkeiten getrimmt, aber die innere Unreinheit ist euch gleichgültig. Ihr pflegt Fassaden, aber wie es dahinter aussieht, ist für euch kein Thema. Ihr seid Formalisten, und über dem Dringen auf die Einhaltung der Formalia vergesst ihr, worauf es wirklich ankommt: auf Liebe und Gerechtigkeit.

42 Aber weh euch Pharisäern! Denn ihr gebt den Zehnten von Minze und Raute und allerlei Gemüse, aber am Recht und an der Liebe Gottes geht ihr vorbei. Doch dies sollte man tun und jenes nicht lassen. 43 Weh euch Pharisäern! Denn ihr sitzt gern obenan in den Synagogen und wollt gegrüßt sein auf dem Markt. 44 Weh euch! Denn ihr seid wie die verdeckten Gräber, über die die Leute laufen und wissen es nicht.

Es folgt ein dreifaches Wehe. Οαὶ. Das ist nicht einfach nur ein Klagelaut, sondern ein Anklage-Ruf. Jesus ruft, genau betrachtet, Gericht über die Pharisäer aus, indem er sie anklagt. Ihr seid kleinlich, kleinkariert, würden wir heute sagen. Ihr seid eitel. Ihr seid falsche Leute mit Leichen im Keller. Ihr seid auf Ehre bedacht, aber in Wahrheit habt ihr allzu oft Dreck am Stecken. Der Vorwurf ihr seid wie die verdeckten Gräber besagt: wer es mit euch zu tun bekommt, verunreinigt sich, weil er euch fälschlicherweise für rein hält.

Ich stelle mir einen Augenblick vor. Da sagt einer heute, in eine Veranstaltung hinein, die sich um die Ordnung der Kirche müht: „Am Recht und an der Liebe Gottes geht ihr vorbei.“ Ich muss nicht Prophet sein, um mir die tumultartigen Reaktionen vorzustellen. Da werden auch besonnene Geister nicht ruhig sein können. Der Widerspruch gegen solche Worte ist vorprogrammiert. Denn sie kränken, weil sie das eigene Bemühen um Gott schlicht für verfehlt erklären. Was ihr tut, entspricht nicht dem, was Gott will. Wer Menschen gegen sich aufbringen will, der muss sie so angreifen.

45 Da antwortete einer von den Schriftgelehrten und sprach zu ihm: Meister, mit diesen Worten schmähst du uns auch. 46 Er aber sprach: Weh auch euch Schriftgelehrten! Denn ihr beladet die Menschen mit unerträglichen Lasten und ihr selbst rührt sie nicht mit einem Finger an. 47 Weh euch! Denn ihr baut den Propheten Grabmäler; eure Väter aber haben sie getötet. 48 So bezeugt ihr und billigt die Taten eurer Väter; denn sie haben sie getötet, und ihr baut ihnen Grabmäler!

   Jesus ist nicht der einzige Gast und das Befremden auch der anderen Gäste über ihn ist offenkundig. Darum interveniert jetzt ein Schriftgelehrter – ehrfurchtsvoll aber doch deutlich: Meister, mit diesen Worten schmähst du uns auch. Er nennt Jesus Meister, Διδσκαλε, erkennt ihn also an als einen, der weiß, was er sagt, der ein Lehrer in Israel ist. Aber er signalisiert vielleicht gerade deshalb auch persönliche Betroffenheit. Es geht um mehr als um eine Debatte. Was Jesus sagt, schmäht Menschen, setzt sie herunter, entwertet die Frömmigkeit einer ganzen Gruppe. Kurz, Jesus pauschalisiert. Und fast möchte man ihm über die Zeiten hinweg zurufen: So redet man nicht über das, was anderen wichtig ist!

     Auch wenn Jesus niemand geschlagen hat – seine Worte sind wie ein dichter Hagel an verbalen Schlägen.  Es sind harte Vorwürfe, wieder mit dem Wehe der Anklage eingeleitet: Ihr macht aus den guten Weisungen Gottes eine unerträgliche Last und helft den Menschen in keiner Weise, mit ihr zurecht zu kommen. Das wenigstens versuchten ja die Pharisäer noch. Obendrein seid ihr einig mit denen, die die Propheten getötet haben – ihr baut ihnen Denkmäler und bringt sie dadurch zum Schweigen, macht sie nachträglich mundtot. Ihr macht aus den Propheten goldene Worte der Vergangenheit – aber heute zählen sie nicht und ihr lasst euch nicht von ihnen leiten.

Das ist ja ein Vorgang, der nicht auf damals beschränkt wird: Man bedient sich im Arsenal der Zitate bei Autoritäten, die man gleichzeitig damit erledigt, indem man sie vor den eigenen Karren spannt. Dabei ist kein  Gedanke daran, ihnen wirklich zu folgen. Das ist so in der politischen Arena unserer Zeit und es ist oft auch  im theologischen „Diskurs“ unserer Tage so. Fast keiner, der Marx oder Bonhoeffer oder auch Luther zitiert, denkt auch wirklich daran, ihnen zu folgen! Sie sind, wie so viele, tote Autoritäten und es ist wie ein zweiter Totschlag, so mit Gestalten der Vergangenheit umzugehen.

 49 Darum spricht die Weisheit Gottes: Ich will Propheten und Apostel zu ihnen senden, und einige von ihnen werden sie töten und verfolgen, 50 damit gefordert werde von diesem Geschlecht das Blut aller Propheten, das vergossen ist seit Erschaffung der Welt, 51 von Abels Blut an bis hin zum Blut des Secharja, der umkam zwischen Altar und Tempel. Ja, ich sage euch: Es wird gefordert werden von diesem Geschlecht.

Mir fällt eine Parallele zu den Worten der Weisheit ein – das Gleichnis von den bösen Weingärtnern: Da ist es der Herr des Weinbergs, der Boten sendet, einen nach dem anderen. Aber ihr Schicksal ist, dass sie nicht gehört werden, sondern geschlagen, zurückgeschickt, getötet – bis hin zum Sohn. So weit geht Jesus hier nicht, dass er sein Schicksal in Jerusalem hier schon mit ins Spiel brächte – aber seine Worte lassen sich so weiter denken.

  Historisch mag der Satz: Es wird gefordert werden von diesem Geschlecht. eine Anspielung auf den Untergang Jerusalems enthalten und darin ein Urteil der frühen Christenheit: Dieser Untergang war nicht einfach nur Werk der Römer, sondern war Gericht Gottes an seinem Volk – nicht zuletzt wegen des Todes Jesu in Jerusalem. Dann muss man hier schon sehr genau hinschauen, damit man Lukas nicht unversehens mit antijudaistischen Tönen in Einklang bringt.

52 Weh euch Schriftgelehrten! Denn ihr habt den Schlüssel der Erkenntnis weggenommen. Ihr selbst seid nicht hineingegangen und habt auch denen gewehrt, die hineinwollten.

    Der dritte Weheruf gegen die Schriftgelehrten treibt die Argumentation auf die Spitze: Weil ihr selbst in eurem frommen Ungehorsam gegen Gott bleibt, erlaubt ihr auch keinem und keiner Anderen den Weg Gottes. Weil ihr selbst euch in ein Regelwerk fesselt, erlaubt ihr auch keinem und keiner Anderen, die Freiheit Gottes zu genießen. Was ist das für ein Anspruch, nur selbst die Autorität in allen Fragen des Glaubens und Leben zu sein.

  Was könnte gemeint sein mit dem Schlüssel der Erkenntnis? Γνσις, Gnosis, meint mehr als intellektuelle  Einsicht. Es geht um ein Umgehen mit den Worten der Schrift, das eben nicht im Äußeren hängen bleibt, sondern das Innere des Menschen beansprucht, auch verwandelt: Erkennen geschieht da, wo das Herz ins Spiel kommt, die Liebe. Auch das gibt es in der rabbinischen Tradition: „Nimm diese Worte in dein Herz, denn aus diesen wirst du Gott erkennen.“ Von dieser Weite und Freiheit sieht Jesus Pharisäer und Schriftgelehrte weit entfernt.

53 Und als er von dort hinausging, fingen die Schriftgelehrten und Pharisäer an, heftig auf ihn einzudringen und ihn mit vielen Fragen auszuhorchen, 54 und belauerten ihn, ob sie etwas aus seinem Mund erjagen könnten.

  Zum Schluss bleibt die Frage: Warum ist Jesus so auf Krawall gebürstet? Was treibt ihn, dass er so scharf auftritt bei einer freundlich gemeinten Einladung? Warum muss er sich mit Pharisäern und Schriftgelehrten so anlegen, dass er sie schäumend vor Wut gegen sich aufbringt, dass er sie so völlig die Fassung verlieren lässt? Das Ergebnis ist folgerichtig und folgenreich eindeutig: Er macht sie sich zu Tod-Feinden – und wer das Lukas-Evangelium kennt, sieht schon das Synhedrium tagen und den Todesbeschluss fassen.

Zum Weiterdenken

Noch einmal warum? Hier prallen zwei Wesen des Umgangs mit dem Glauben Israels aufeinander. Da ist die Weise der Pharisäer und Schriftgelehrten, die mit Regelwerken, Unterscheidungen, Eingrenzungen den Weg zu Gott bahnen wollen. Sie können Gott nicht anders denken als einen, der sich Menschen unterwirft und ihre Unterwerfung will. Ihr Gehorsam gegen Gott ist eingefügt in ein System von Sätzen und er ist angst-geprägt. Wer hinter den Gesetzen zurück bleibt, der verfehlt Gott.

Ganz anders das Denken Jesu. Er sieht in Gott den Vater, der unser Vertrauen sucht. Sein Gott ist der schenkende Gott, der uns Anteil gibt an seiner Fülle. Jesus lässt im Gleichnis von den verlorenen Söhnen den Vater sagen: „Mein Sohn, du bist allezeit bei mir und was mein ist, ist doch auch dein.“(15,31) Von dieser Freiheit her gibt es keine Brücke zur gesetzlichen Normiertheit der Pharisäer und Schriftgelehrten. Es ist der Zorn über diese verweigerte Freiheit der Kinder Gottes, der Jesus so maßlos zornig sein lässt.

 

Jesus, so kenne ich Dich gar nicht, möchte ich sagen. Jesus, das bist Du doch nicht. Du suchst doch Umkehr aus Liebe und nicht aus Angst. Du drohst doch nicht.

Ich muss lange hinhören, gegen den ersten Augenschein, gegen den  schrillen Klang des Wehe, bis ich es ahne: Hinter den harten Worten führt doch Deine suchende Liebe das Wort. Du mutest uns die bittere Wahrheit zu, damit wir aus der Täuschung über uns selbst zur Wahrheit gelangen, die uns trägt – nicht, weil wir so gut wären – weil Du uns nicht lässt, uns Enttäuschte im Licht Deiner Wahrheit. Amen

Heile dieses Land

Klagelieder 5, 1 – 22

1 Gedenke, HERR, wie es uns geht; schau und sieh an unsre Schmach!

   In der Vulgata wird dieser Text „Gebet des Jeremia“ genannt. Aber das uns mag ein Hinweis sein. Nach der Stimme eines Einzelnen haben wir jetzt wieder die Klage des Volkes vor Augen. Und wieder das Rufen: Gedenke doch. Schau und sieh. Es ist die Hoffnung Israels, die Hoffnung auch der Einzelnen: Wenn Gott unser gedenkt, unsere Not sieht, dann wird das der Anfang seiner Hilfe sein. Darum macht es auch Sinn, nach ihm zu rufen, zu ihm zu beten. Ihm zu sagen, wie es um das Volk steht.

  2 Unser Erbe ist den Fremden zuteil geworden und unsre Häuser den Ausländern. 3 Wir sind Waisen und haben keinen Vater; unsre Mütter sind wie Witwen. 4 Unser Wasser müssen wir um Geld trinken; unser eigenes Holz müssen wir bezahlen. 5 Mit dem Joch auf unserm Hals treibt man uns, und wenn wir auch müde sind, lässt man uns doch keine Ruhe. 6 Wir mussten Ägypten und Assur die Hand hinhalten, um uns an Brot zu sättigen. 

             Der Beter sieht um sich, aber was er sieht, schmerzt die Augen und schlimmer noch die Seele. Wie Tiere unter dem Joch sind die Freie Israels. Es ist ein hilfloses Klagen, aus dem zwischenzeitlich trostloses Frage wird. Mit jedem Wort, so kann man fühlen, steigt der Schmerz.

            Das Land, Gottes gelobtes Land, das Land der Verheißung – jetzt ist es in der Hand von Fremden, Ausländern. Es ist, als würde die große Gabe Gottes an Israel hinfällig. „Das Land war der Inbegriff des göttlichen Lebensraumes, der Schutz und Geborgenheit, Ruhm und Lebensfülle bot. Die ganze Heilserwartung hatte sich über Jahrhunderte damit verbunden.“ (C-D. Stoll, aaO. S.139)

             Neben den Landverlust tritt die Mühsal des Lebens. Die eigenen Häuser sind zerstört oder enteignet. Menschen sind wie Waisen ohne Vater, wie Witwen ohne Mann. Rechtlos. Preisgegeben. Wasserrecht und Holzrecht sind dahin. Für die elementarsten Lebensmittel müssen sie schwer bezahlen. Sklavenarbeit verrichten. Unter dem Joch gehen wie das Vieh. In dem Land, das einmal die Verheißung der Ruhe Gottes getragen hatte, gibt es keine Ruhe. Sie werden gnadenlos getrieben. „Heile dieses Land“ weiterlesen

Meine Pfingstpredigt

Liebe Schwester und Brüder

Kennen Sie von BAP: „Verdammt lang her!“ So wird es dem einen oder der anderen ergangen sein. Der letzte Gottesdienst hier in der Kirche – vor Monaten. So lange her, dass man fast sagen möchte: Vor uralten Zeiten.  Verzicht auf den Gottesdienst aus Angst vor Corona, vor Ansteckungsgefahr. Zu Recht.

Das trifft genau die Situation der Leute, von denen unser Predigt-Text erzählt. Sie waren abgetaucht, aus der Öffentlichkeit verschwunden. Aus Angst – nicht vor Corona, aber vor Ansteckungsgefahr. Was, wenn die Kreuzigung Jesu nur ein Anfang war und jetzt die geistlichen und Weltlichen Machthaber sich daran machen, diesen Spuk endgültig zu beseitigen. Das Feuer auszulöschen, damit es nicht zum Flächenbrand wird. Damit die Saat, die dieser merkwürdige Wanderprediger Jesus in Galiläa und Jerusalem ausgesät hatte, nicht plötzlich doch fruchtet.  Der eine oder die andere in der Jüngerschar mag gedacht, vielleicht sogar gesagt haben: Ostern hin oder her – es ist besser, jetzt nicht auffällig zu werden. Stillhalten ist angesagt.

Und dann kommt der Tag der Pfingsten. Für Juden ein wichtiger Tag mit einer klaren Botschaft: Dankbarkeit für das Gesetz. Pfingsten – jüdisch gefeiert: wir haben eine Wegweisung, auf die wir uns verlassen können – das Gebot vom Sinai. Gott meint es gut mit uns, darum hat er uns die Gebote gegeben: Du sollst… Du sollst nicht…. Keine Überraschungen. Klare Regeln. Nicht: Jeder wie er will – mit Maske, ohne Maske, mit Abstand, ohne Abstand. Damit wir miteinander leben können, braucht es klare Regeln. Verkehrsregeln, Hygiene-Regeln, Anstands-Regeln. Damals in Jerusalem – da war das auch klar: An Pfingsten feiern wir das Gesetz. Die Wohltat des Gebotes Gott hat geredet – und wir wissen, was er von uns will.    „Meine Pfingstpredigt“ weiterlesen