Freimütig – nach innen und außen

Apostelgeschichte 4, 23 – 31

23 Und als man sie hatte gehen lassen, kamen sie zu den Ihren und berichteten, was die Hohenpriester und Ältesten zu ihnen gesagt hatten.

 Petrus und Johannes wissen, wo sie hin gehören. Sie sind freigelassen und suchen die Gemeinde auf. Sie gehen zu den Ihren. Sie suchen die auf, mit denen sie zusammen gehören, durch den Glauben, durch die gemeinsame Erfahrung, durch den gemeinsamen Weg. Die, mit denen sie „eins“ (Johannes 17,11) sind. Die anderen, die mit Jesus unterwegs waren, die mit dem Geist erfüllt sind. Denen erzählen sie, was war. Denen erzählen sie von den Drohungen der Hohenpriester und Ältesten. Es ist gut, es macht stabil, wenn einer Menschen hat, denen er erzählen kann, was ihm passiert ist.

24 Als sie das hörten, erhoben sie ihre Stimme einmütig zu Gott und sprachen: Herr, du hast Himmel und Erde und das Meer und alles, was darin ist, gemacht, 25 du hast durch den Heiligen Geist, durch den Mund unseres Vaters David, deines Knechtes, gesagt (Psalm 2,1-2): »Warum toben die Heiden, und die Völker nehmen sich vor, was umsonst ist? 26 Die Könige der Erde treten zusammen, und die Fürsten versammeln sich wider den Herrn und seinen Christus.«

Sie, die ihnen zuhören, nehmen das Gehörte auf und bringen es vor Gott. Sie haben ein Gespür dafür: Der letzte Adressat dieses Erzählens sind nicht wir. Sondern es ist ein Erzählen im Angesicht Gottes. Es geht ja auch um seine Geschichte mit Menschen, um sein Evangelium.

 Δέσποτα Despot – so reden sie Gott an. Herr. Herrscher. Das hat für die Beter und Beteinnen offensichtlich nicht den negativen Klang, den das Wort Despot bei uns heute hat. In ihrem Beten vergewissern sie sich selbst: Wir hängen an dem Gott, der der Schöpfer der Welt ist. Wir hängen an dem Gott, der Himmel und Erde gesetzt hat, der dem Meer seinen Raum gibt, aber eben auch seine Grenze. Wir hängen an dem Gott, der weiß, wie die Völker sind: Sie sind im Widerstreit mit Gott. In dieser Auseinandersetzung zeigt sich nicht irgendeine besondere Bosheit, sondern das Wesen der Menschen. Sie sind aufrührerisch gegen Gott und darum auch voller Widerstreit gegen den Christus Gottes. „Freimütig – nach innen und außen“ weiterlesen

Zwei Welten

Lukas 11, 37 – 54

 37 Als er noch redete, bat ihn ein Pharisäer, mit ihm zu essen. Und er ging hinein und setzte sich zu Tisch. 38 Als das der Pharisäer sah, wunderte er sich, dass er sich nicht vor dem Essen gewaschen hatte.

In diesen Sätzen ist noch nichts zu spüren von der folgenden Eskalation der Ereignisse. Da bittet ein Pharisäer Jesus freundlich zu sich nach Hause, an den Tisch, zum Tischgespräch. Er sucht das Gespräch mit dem „prominenten“ Gast. Die Worte, die Lukas gebraucht, signalisieren: Er freut sich darauf. Die Auseinandersetzungen der vorigen Abschnitte scheinen vergessen – es könnte schön werden.

Nur eine winzig kleine Irritation verzeichnet Lukas bei dem Gastgeber: er wunderte sich, weil Jesus Reinheitsvorstellungen der Zeit schlicht ignoriert. Er verzichtet auf jede Waschung. Die ist zwar nicht im Gesetz geboten, wird aber von der frommen Tradition gefordert. Es ist, als habe Jesus nicht gelernt: „Vor dem Essen, nach dem Essen Händewaschen nicht vergessen.“

39 Der Herr aber sprach zu ihm: Ihr Pharisäer, ihr haltet die Becher und Schüsseln außen rein; aber euer Inneres ist voll Raubgier und Bosheit. 40 Ihr Narren, hat nicht der, der das Äußere geschaffen hat, auch das Innere geschaffen? 41 Gebt doch, was drinnen ist, als Almosen, siehe, dann ist euch alles rein.

 Jesus kann Gedanken lesen – das hat Lukas seine Leser und Leserinnen hinlänglich gelehrt. So auch hier: Er weiß, was sich im Kopf seines Gastgebers abspielt. Aber weit entfernt davon, damit freundlich und vielleicht ein wenig ironisch umzugehen, startet Jesus einen Frontalangriff. Narren nennt er die Pharisäer und damit doch auch seinen Gastgeber! Sein Gastgeber wird in Sippenhaftung für die ganze Bewegung der Pharisäer genommen.

 Er häuft Vorwurf auf Vorwurf: Ihr seid Spezialisten in Sachen Reinheit – und seid dabei doch merkwürdig blind. Ihr seid auf Äußerlichkeiten getrimmt, aber die innere Unreinheit ist euch gleichgültig. Ihr pflegt Fassaden, aber wie es dahinter aussieht, ist für euch kein Thema. Ihr seid Formalisten, und über dem Dringen auf die Einhaltung der Formalia vergesst ihr, worauf es wirklich ankommt: auf Liebe und Gerechtigkeit.

42 Aber weh euch Pharisäern! Denn ihr gebt den Zehnten von Minze und Raute und allerlei Gemüse, aber am Recht und an der Liebe Gottes geht ihr vorbei. Doch dies sollte man tun und jenes nicht lassen. 43 Weh euch Pharisäern! Denn ihr sitzt gern obenan in den Synagogen und wollt gegrüßt sein auf dem Markt. 44 Weh euch! Denn ihr seid wie die verdeckten Gräber, über die die Leute laufen und wissen es nicht.

Es folgt ein dreifaches Wehe. Οαὶ. Das ist nicht einfach nur ein Klagelaut, sondern ein Anklage-Ruf. Jesus ruft, genau betrachtet, Gericht über die Pharisäer aus, indem er sie anklagt. Ihr seid kleinlich, kleinkariert, würden wir heute sagen. Ihr seid eitel. Ihr seid falsche Leute mit Leichen im Keller. Ihr seid auf Ehre bedacht, aber in Wahrheit habt ihr allzu oft Dreck am Stecken. Der Vorwurf ihr seid wie die verdeckten Gräber besagt: wer es mit euch zu tun bekommt, verunreinigt sich, weil er euch fälschlicherweise für rein hält.

Ich stelle mir einen Augenblick vor. Da sagt einer heute, in eine Veranstaltung hinein, die sich um die Ordnung der Kirche müht: „Am Recht und an der Liebe Gottes geht ihr vorbei.“ Ich muss nicht Prophet sein, um mir die tumultartigen Reaktionen vorzustellen. Da werden auch besonnene Geister nicht ruhig sein können. Der Widerspruch gegen solche Worte ist vorprogrammiert. Denn sie kränken, weil sie das eigene Bemühen um Gott schlicht für verfehlt erklären. Was ihr tut, entspricht nicht dem, was Gott will. Wer Menschen gegen sich aufbringen will, der muss sie so angreifen.

45 Da antwortete einer von den Schriftgelehrten und sprach zu ihm: Meister, mit diesen Worten schmähst du uns auch. 46 Er aber sprach: Weh auch euch Schriftgelehrten! Denn ihr beladet die Menschen mit unerträglichen Lasten und ihr selbst rührt sie nicht mit einem Finger an. 47 Weh euch! Denn ihr baut den Propheten Grabmäler; eure Väter aber haben sie getötet. 48 So bezeugt ihr und billigt die Taten eurer Väter; denn sie haben sie getötet, und ihr baut ihnen Grabmäler!

   Jesus ist nicht der einzige Gast und das Befremden auch der anderen Gäste über ihn ist offenkundig. Darum interveniert jetzt ein Schriftgelehrter – ehrfurchtsvoll aber doch deutlich: Meister, mit diesen Worten schmähst du uns auch. Er nennt Jesus Meister, Διδσκαλε, erkennt ihn also an als einen, der weiß, was er sagt, der ein Lehrer in Israel ist. Aber er signalisiert vielleicht gerade deshalb auch persönliche Betroffenheit. Es geht um mehr als um eine Debatte. Was Jesus sagt, schmäht Menschen, setzt sie herunter, entwertet die Frömmigkeit einer ganzen Gruppe. Kurz, Jesus pauschalisiert. Und fast möchte man ihm über die Zeiten hinweg zurufen: So redet man nicht über das, was anderen wichtig ist!

     Auch wenn Jesus niemand geschlagen hat – seine Worte sind wie ein dichter Hagel an verbalen Schlägen.  Es sind harte Vorwürfe, wieder mit dem Wehe der Anklage eingeleitet: Ihr macht aus den guten Weisungen Gottes eine unerträgliche Last und helft den Menschen in keiner Weise, mit ihr zurecht zu kommen. Das wenigstens versuchten ja die Pharisäer noch. Obendrein seid ihr einig mit denen, die die Propheten getötet haben – ihr baut ihnen Denkmäler und bringt sie dadurch zum Schweigen, macht sie nachträglich mundtot. Ihr macht aus den Propheten goldene Worte der Vergangenheit – aber heute zählen sie nicht und ihr lasst euch nicht von ihnen leiten.

Das ist ja ein Vorgang, der nicht auf damals beschränkt wird: Man bedient sich im Arsenal der Zitate bei Autoritäten, die man gleichzeitig damit erledigt, indem man sie vor den eigenen Karren spannt. Dabei ist kein  Gedanke daran, ihnen wirklich zu folgen. Das ist so in der politischen Arena unserer Zeit und es ist oft auch  im theologischen „Diskurs“ unserer Tage so. Fast keiner, der Marx oder Bonhoeffer oder auch Luther zitiert, denkt auch wirklich daran, ihnen zu folgen! Sie sind, wie so viele, tote Autoritäten und es ist wie ein zweiter Totschlag, so mit Gestalten der Vergangenheit umzugehen.

 49 Darum spricht die Weisheit Gottes: Ich will Propheten und Apostel zu ihnen senden, und einige von ihnen werden sie töten und verfolgen, 50 damit gefordert werde von diesem Geschlecht das Blut aller Propheten, das vergossen ist seit Erschaffung der Welt, 51 von Abels Blut an bis hin zum Blut des Secharja, der umkam zwischen Altar und Tempel. Ja, ich sage euch: Es wird gefordert werden von diesem Geschlecht.

Mir fällt eine Parallele zu den Worten der Weisheit ein – das Gleichnis von den bösen Weingärtnern: Da ist es der Herr des Weinbergs, der Boten sendet, einen nach dem anderen. Aber ihr Schicksal ist, dass sie nicht gehört werden, sondern geschlagen, zurückgeschickt, getötet – bis hin zum Sohn. So weit geht Jesus hier nicht, dass er sein Schicksal in Jerusalem hier schon mit ins Spiel brächte – aber seine Worte lassen sich so weiter denken.

  Historisch mag der Satz: Es wird gefordert werden von diesem Geschlecht. eine Anspielung auf den Untergang Jerusalems enthalten und darin ein Urteil der frühen Christenheit: Dieser Untergang war nicht einfach nur Werk der Römer, sondern war Gericht Gottes an seinem Volk – nicht zuletzt wegen des Todes Jesu in Jerusalem. Dann muss man hier schon sehr genau hinschauen, damit man Lukas nicht unversehens mit antijudaistischen Tönen in Einklang bringt.

52 Weh euch Schriftgelehrten! Denn ihr habt den Schlüssel der Erkenntnis weggenommen. Ihr selbst seid nicht hineingegangen und habt auch denen gewehrt, die hineinwollten.

    Der dritte Weheruf gegen die Schriftgelehrten treibt die Argumentation auf die Spitze: Weil ihr selbst in eurem frommen Ungehorsam gegen Gott bleibt, erlaubt ihr auch keinem und keiner Anderen den Weg Gottes. Weil ihr selbst euch in ein Regelwerk fesselt, erlaubt ihr auch keinem und keiner Anderen, die Freiheit Gottes zu genießen. Was ist das für ein Anspruch, nur selbst die Autorität in allen Fragen des Glaubens und Leben zu sein.

  Was könnte gemeint sein mit dem Schlüssel der Erkenntnis? Γνσις, Gnosis, meint mehr als intellektuelle  Einsicht. Es geht um ein Umgehen mit den Worten der Schrift, das eben nicht im Äußeren hängen bleibt, sondern das Innere des Menschen beansprucht, auch verwandelt: Erkennen geschieht da, wo das Herz ins Spiel kommt, die Liebe. Auch das gibt es in der rabbinischen Tradition: „Nimm diese Worte in dein Herz, denn aus diesen wirst du Gott erkennen.“ Von dieser Weite und Freiheit sieht Jesus Pharisäer und Schriftgelehrte weit entfernt.

53 Und als er von dort hinausging, fingen die Schriftgelehrten und Pharisäer an, heftig auf ihn einzudringen und ihn mit vielen Fragen auszuhorchen, 54 und belauerten ihn, ob sie etwas aus seinem Mund erjagen könnten.

  Zum Schluss bleibt die Frage: Warum ist Jesus so auf Krawall gebürstet? Was treibt ihn, dass er so scharf auftritt bei einer freundlich gemeinten Einladung? Warum muss er sich mit Pharisäern und Schriftgelehrten so anlegen, dass er sie schäumend vor Wut gegen sich aufbringt, dass er sie so völlig die Fassung verlieren lässt? Das Ergebnis ist folgerichtig und folgenreich eindeutig: Er macht sie sich zu Tod-Feinden – und wer das Lukas-Evangelium kennt, sieht schon das Synhedrium tagen und den Todesbeschluss fassen.

Zum Weiterdenken

Noch einmal warum? Hier prallen zwei Wesen des Umgangs mit dem Glauben Israels aufeinander. Da ist die Weise der Pharisäer und Schriftgelehrten, die mit Regelwerken, Unterscheidungen, Eingrenzungen den Weg zu Gott bahnen wollen. Sie können Gott nicht anders denken als einen, der sich Menschen unterwirft und ihre Unterwerfung will. Ihr Gehorsam gegen Gott ist eingefügt in ein System von Sätzen und er ist angst-geprägt. Wer hinter den Gesetzen zurück bleibt, der verfehlt Gott.

Ganz anders das Denken Jesu. Er sieht in Gott den Vater, der unser Vertrauen sucht. Sein Gott ist der schenkende Gott, der uns Anteil gibt an seiner Fülle. Jesus lässt im Gleichnis von den verlorenen Söhnen den Vater sagen: „Mein Sohn, du bist allezeit bei mir und was mein ist, ist doch auch dein.“(15,31) Von dieser Freiheit her gibt es keine Brücke zur gesetzlichen Normiertheit der Pharisäer und Schriftgelehrten. Es ist der Zorn über diese verweigerte Freiheit der Kinder Gottes, der Jesus so maßlos zornig sein lässt.

 

Jesus, so kenne ich Dich gar nicht, möchte ich sagen. Jesus, das bist Du doch nicht. Du suchst doch Umkehr aus Liebe und nicht aus Angst. Du drohst doch nicht.

Ich muss lange hinhören, gegen den ersten Augenschein, gegen den  schrillen Klang des Wehe, bis ich es ahne: Hinter den harten Worten führt doch Deine suchende Liebe das Wort. Du mutest uns die bittere Wahrheit zu, damit wir aus der Täuschung über uns selbst zur Wahrheit gelangen, die uns trägt – nicht, weil wir so gut wären – weil Du uns nicht lässt, uns Enttäuschte im Licht Deiner Wahrheit. Amen

Heile dieses Land

Klagelieder 5, 1 – 22

1 Gedenke, HERR, wie es uns geht; schau und sieh an unsre Schmach!

   In der Vulgata wird dieser Text „Gebet des Jeremia“ genannt. Aber das uns mag ein Hinweis sein. Nach der Stimme eines Einzelnen haben wir jetzt wieder die Klage des Volkes vor Augen. Und wieder das Rufen: Gedenke doch. Schau und sieh. Es ist die Hoffnung Israels, die Hoffnung auch der Einzelnen: Wenn Gott unser gedenkt, unsere Not sieht, dann wird das der Anfang seiner Hilfe sein. Darum macht es auch Sinn, nach ihm zu rufen, zu ihm zu beten. Ihm zu sagen, wie es um das Volk steht.

  2 Unser Erbe ist den Fremden zuteil geworden und unsre Häuser den Ausländern. 3 Wir sind Waisen und haben keinen Vater; unsre Mütter sind wie Witwen. 4 Unser Wasser müssen wir um Geld trinken; unser eigenes Holz müssen wir bezahlen. 5 Mit dem Joch auf unserm Hals treibt man uns, und wenn wir auch müde sind, lässt man uns doch keine Ruhe. 6 Wir mussten Ägypten und Assur die Hand hinhalten, um uns an Brot zu sättigen. 

             Der Beter sieht um sich, aber was er sieht, schmerzt die Augen und schlimmer noch die Seele. Wie Tiere unter dem Joch sind die Freie Israels. Es ist ein hilfloses Klagen, aus dem zwischenzeitlich trostloses Frage wird. Mit jedem Wort, so kann man fühlen, steigt der Schmerz.

            Das Land, Gottes gelobtes Land, das Land der Verheißung – jetzt ist es in der Hand von Fremden, Ausländern. Es ist, als würde die große Gabe Gottes an Israel hinfällig. „Das Land war der Inbegriff des göttlichen Lebensraumes, der Schutz und Geborgenheit, Ruhm und Lebensfülle bot. Die ganze Heilserwartung hatte sich über Jahrhunderte damit verbunden.“ (C-D. Stoll, aaO. S.139)

             Neben den Landverlust tritt die Mühsal des Lebens. Die eigenen Häuser sind zerstört oder enteignet. Menschen sind wie Waisen ohne Vater, wie Witwen ohne Mann. Rechtlos. Preisgegeben. Wasserrecht und Holzrecht sind dahin. Für die elementarsten Lebensmittel müssen sie schwer bezahlen. Sklavenarbeit verrichten. Unter dem Joch gehen wie das Vieh. In dem Land, das einmal die Verheißung der Ruhe Gottes getragen hatte, gibt es keine Ruhe. Sie werden gnadenlos getrieben. „Heile dieses Land“ weiterlesen

Meine Pfingstpredigt

Liebe Schwester und Brüder

Kennen Sie von BAP: „Verdammt lang her!“ So wird es dem einen oder der anderen ergangen sein. Der letzte Gottesdienst hier in der Kirche – vor Monaten. So lange her, dass man fast sagen möchte: Vor uralten Zeiten.  Verzicht auf den Gottesdienst aus Angst vor Corona, vor Ansteckungsgefahr. Zu Recht.

Das trifft genau die Situation der Leute, von denen unser Predigt-Text erzählt. Sie waren abgetaucht, aus der Öffentlichkeit verschwunden. Aus Angst – nicht vor Corona, aber vor Ansteckungsgefahr. Was, wenn die Kreuzigung Jesu nur ein Anfang war und jetzt die geistlichen und Weltlichen Machthaber sich daran machen, diesen Spuk endgültig zu beseitigen. Das Feuer auszulöschen, damit es nicht zum Flächenbrand wird. Damit die Saat, die dieser merkwürdige Wanderprediger Jesus in Galiläa und Jerusalem ausgesät hatte, nicht plötzlich doch fruchtet.  Der eine oder die andere in der Jüngerschar mag gedacht, vielleicht sogar gesagt haben: Ostern hin oder her – es ist besser, jetzt nicht auffällig zu werden. Stillhalten ist angesagt.

Und dann kommt der Tag der Pfingsten. Für Juden ein wichtiger Tag mit einer klaren Botschaft: Dankbarkeit für das Gesetz. Pfingsten – jüdisch gefeiert: wir haben eine Wegweisung, auf die wir uns verlassen können – das Gebot vom Sinai. Gott meint es gut mit uns, darum hat er uns die Gebote gegeben: Du sollst… Du sollst nicht…. Keine Überraschungen. Klare Regeln. Nicht: Jeder wie er will – mit Maske, ohne Maske, mit Abstand, ohne Abstand. Damit wir miteinander leben können, braucht es klare Regeln. Verkehrsregeln, Hygiene-Regeln, Anstands-Regeln. Damals in Jerusalem – da war das auch klar: An Pfingsten feiern wir das Gesetz. Die Wohltat des Gebotes Gott hat geredet – und wir wissen, was er von uns will.    „Meine Pfingstpredigt“ weiterlesen

Nicht voreilig!

Matthäus 13, 24 – 30. 36 – 43

 24 Er legte ihnen ein anderes Gleichnis vor und sprach:

Ich gerate ins Stolpern: Er legt ihnen vor statt des sonst so schlichten: „er sagte ihnen“ oder „er redet zu ihnen.“ Es ist fast, als würde er mit dem, was folgt, herausfordern wollen: Werdet euch klar, wo ihr steht, was ihr wollt. Ein früher Vorläufer: Mose kam und berief die Ältesten des Volks und legte ihnen alle diese Worte vor, die ihm der HERR geboten hatte. Und alles Volk antwortete einmütig und sprach: Alles, was der HERR geredet hat, wollen wir tun. Und Mose sagte die Worte des Volks dem HERRN wieder.“(2. Mose 19,7-8) Es geht um Entscheidungen. Darum, sich selbst zu positionieren. Zuzustimmen.

 Das Himmelreich gleicht einem Menschen, der guten Samen auf seinen Acker säte. 25 Als aber die Leute schliefen, kam sein Feind und säte Unkraut zwischen den Weizen und ging davon.

Eine Alltags-Geschichte erzählt Jesus. Aber sie ist durchsichtig auf das Himmelreich. So geht es zu mit der Gottes-Herrschaft. Himmelreich, βασιλεα τν ορανν ist nur eine Umschreibung für die „Gottesherrschaft“, geboren aus der Scheu im Judentum, den Namen Gottes auszusprechen und im Aussprechen zu missbrauchen. Himmel steht für Gott. Mit dem „Wohnort“ Gottes ist Gott selbst im Spiel.

Ein Bauer sät – natürlich guten Samen. Kein Bauer kommt auf die hirnrissige Idee, schlechten Samen auszubringen auf seine Felder. Aber, auch das ist Alltagserfahrung der Zuhörer Jesu: es gibt Feinde und Feindseligkeiten. So kommt hier zu nachtschlafender Zeit, wenn ordentliche Leute von der Mühe der Arbeit ruhen, sein Feind – und sät Unkraut. ζιζνια. Taumellolch. Ein Gewächs, das aussieht wie Weizen, aber giftig ist. Ein Unkraut eben.

 26 Als nun die Saat wuchs und Frucht brachte, da fand sich auch das Unkraut. 27 Da traten die Knechte zu dem Hausvater und sprachen: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher hat er denn das Unkraut? 28 Er sprach zu ihnen: Das hat ein Feind getan.

            Am Anfang sieht man den Unterschied nicht. Aber wenn die Frucht entsteht, wird sichtbar, was ist. Und verlangt nach Erklärung. Darum fragen die Knechte den Hausherrn (im Griechischen οκοδεσπτος, den Oiko-Despoten!) nach dem Unerklärlichen: wie kann aus gutem Samen Unkraut werden? Im Hintergrund mögen frühere Worte Jesu mitschwingen: „Ein guter Baum kann nicht schlechte Früchte bringen und ein fauler Baum kann nicht gute Früchte bringen.“(7,18)Muss dann nicht auch guter Same wie von selbst gute Früchte bringen?

Woher kommt dann das Unkraut? Der Hausherr weiß eine Antwort: Das hat ein Feind getan. Das klingt noch reichlich unbestimmt. Aber auch klar genug: es ist kein Zufall und kein Missgeschick. Und: es liegt nicht am Samen und seiner Qualität.

Da sprachen die Knechte: Willst du denn, dass wir hingehen und es ausjäten? 29 Er sprach: Nein! Damit ihr nicht zugleich den Weizen mit ausrauft, wenn ihr das Unkraut ausjätet. 30 Lasst beides miteinander wachsen bis zur Ernte; und um die Erntezeit will ich zu den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, damit man es verbrenne; aber den Weizen sammelt mir in meine Scheune.

             Nachdem die Frage zur Ursache so in der Schwebe bleibt, wendet sich die nächste Frage der Gegenwart  zu: Wie sollen wir damit umgehen? Was sollen wir gegen das Unkraut tun? Ausreißen? Den Acker vom Unkraut säubern?

Es wird wohl so sein, dass das Gleichnis auf Fragen ausgelegt ist, die bis heute Menschen umtreiben: „Warum gibt es so viel Leid, so viel Unrecht  und Böses in der Welt, wenn doch das Reich Gottes ganz nahe ist? Und warum greift Gott oder sein Beauftragter, der Messias, nicht durch und trennt die Spreu vom Weizen, wie dies Johannes der Täufer angekündigt hat. Muss das, was Verderben bringt und das Leben zu vergiften droht, nicht möglichst bald ausgemerzt werden?“(W. Klaiber, aaO.  S.273)

Eine andere Verstehensmöglichkeit: Es gibt gewiss auch in den Gemeinden, an die das Matthäus-Evangelium gerichtet ist, Unterschiede in der Frömmigkeit. Theologische Debatten, ethische Streitfragen. Und das hat es so an sich, dass aus dieser Ungleichheit im Denken und Glauben Fragen entstehen: Wie kommt es zu so unterschiedlichen Antworten auf das Evangelium? Zu Antworten, die die einen als die einzig richtige Antwort sehen und andere als hochproblematisch. die einen als Frucht und die anderen als Unkraut. Muss man da nicht aufräumen, säubern, auf Reihe und auf Linie bringen?

             Der Hausherr fällt seinen tatkräftigen Knechten in den Arm. Nicht ihr. Nicht jetzt. Wenn ihr die große Säuberung anfangt, wird es nicht bei ausgerissenem Unkraut bleiben. Der gute Samen, der Weizen wird ja auf jeden Fall wachsen. Was macht es da, dass das Unkraut auch noch seine Zeit zu wachsen hat? „Doch ist das Nebeneinander kein endgültiges Stadium.“(E. Schweizer , aaO.  S.198 )

             Alles hat seine Zeit. „pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit.“(Prediger 3,2)Wenn die Zeit der Ernte da ist, dann wird unterschieden werden. Erst das Unkraut, dann den Weizen. Das Unkraut für das Feuer, den Weizen für die Scheuer. Es fällt auf: die Knechte, die die Aussaat gemacht haben, werden die Ernte nicht einbringen. Die Schnitter werden sammeln. Nur Arbeitsteilung? Oder doch schon in der Erzählung der Hinweis: Es ist nicht eure Aufgabe, die Aufgabe der Knechte, die große Scheidung durchzuführen.

Hier nur so viel: wie viel Blutvergießen wäre im Lauf der Kirchengeschichte unterblieben, wenn man sich immer an diese Trennung gehalten hätte: Ihr seid Knechte zur Aussaat, aber nicht die Schnitter Gottes. Ihr seid nicht die, die scheiden müssen, sammeln für das Feuer.

„Das Nebeneinander von Unkraut und Weizen steht in jüdischen Gleichnissen nicht selten für die Völker und Israel… Stimmig ist in diesem Kontext auch, dass die Lolchhalme zuerst eingesammelt und verbrannt werden, denn nach jüdischer Erwartung werden in den Enddrangsalen oder im Vernichtungsgericht die Bösen vernichtet und die Gerechten bewahrt.”(U. Luz, aaO.  S.325) Die gleiche Abfolge spiegelt sich auch in der Offenbarung, in der erst das Gericht und dann die Heilszeit in der himmlischen Stadt in den Blick genommen werden.

36 Da ließ Jesus das Volk gehen und kam heim.

             Jesus entlässt die Leute und kehrt in das Haus zurück. Ob es sein Haus ist, wie die Übersetzung heim signalisiert, geht aus dem Text nicht hervor. Mir ist das eher fraglich. Deshalb weiß das er kam heim in der Luther-Übersetzung mehr als der Text hergibt. Nur so viel ist klar: Die Zeit der öffentlichen Rede ist jetzt erst einmal vorüber.

 Und seine Jünger traten zu ihm und sprachen: Deute uns das Gleichnis vom Unkraut auf dem Acker.

             Seine Jünger aber wollen Aufschluss. Eine Deutung des Gleichnisses. Offensichtlich steht dahinter ihr Eindruck: Wir verstehen alles, was du sagst, aber nicht so ganz. Und: das Gleichnis vom vierfachen Ackerfeld hatte er, Jesus, doch auch gedeutet. Also liegt es nahe, ihn auch jetzt wieder zu fragen. „Jüngerschaft bedeutet fortgesetzte „Schule“ bei Jesus – Unterricht und Lebensschule.“(U. Luz, aaO.  S.339) Lebenslanges Lernen an Wort und Tat.

 37 Er antwortete und sprach zu ihnen: Der Menschensohn ist’s, der den guten Samen sät. 38 Der Acker ist die Welt. Der gute Same sind die Kinder des Reichs. Das Unkraut sind die Kinder des Bösen. 39 Der Feind, der es sät, ist der Teufel. Die Ernte ist das Ende der Welt. Die Schnitter sind die Engel.

             Knapper geht es kaum. „Dass der Sämann Jesus ist, der Feind der Teufel, ist fast selbstverständlich.“(E. Schweizer , aaO.  S.201) Jedenfalls naheliegend. Auffallend ist allenfalls, dass der gute Same nicht das Wort ist. Die Gleichsetzung mit den Kindern des Reiches überrascht. Aber sie drückt eine große Wertschätzung aus – so wie sie auch in der Bergpredigt schon angeklungen ist: „Ihr seid das Salz der Erde. Ihr seid das Licht der Welt.“(5,13.14)Es ist nicht die Sache des Matthäus-Evangeliums, die Christen klein zu machen. Es will sie vielmehr stark reden. Ihr seid Gottes guter Same für die Welt.

Auch das Andere ist wichtig: Die Schnitter sind die Engel. Es ist nicht der Auftrag des Samens, der Kinder des Reiches, die Trennung zu vollziehen. Es ist gut, sich daran zu erinnern: es gibt im Reich der Himmel Aufträge, für die wir Menschen nicht zuständig sind. Weil sie uns überfordern oder vielleicht auch, weil sie uns gefährden. Es ist ja gefährlich, zu unterscheiden: gut oder böse, gerecht oder ungerecht, weil darin die Selbstüberhebung stecken kann. Eine Gefährdung von Anfang an. „Ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“(1. Mose 3,5)      

40 Wie man nun das Unkraut ausjätet und mit Feuer verbrennt, so wird’s auch am Ende der Welt gehen. 41 Der Menschensohn wird seine Engel senden, und sie werden sammeln aus seinem Reich alles, was zum Abfall verführt, und die da Unrecht tun, 42 und werden sie in den Feuerofen werfen; da wird Heulen und Zähneklappern sein. 43 Dann werden die Gerechten leuchten wie die Sonne in ihres Vaters Reich.

             Die Schilderung des Endes fällt ungleich aus. Das Gericht nimmt breiten Raum ein. Dass die Gerechten leuchten, wird gerade nur knapp erwähnt. Aber: Es ist der Menschensohn, nicht irgendein Gott, der das Gericht initiiert. Es sind seine Engel. Letzte Hoffnung für alle, die es trifft, dass der Retter der Richter sein wird? Weil er doch in seiner Liebe bis ans Ende geht, bis ans Äußerste, auch im Gericht?

Das Gericht trifft die, die Falsches, Böses tun. Nicht die mit dem falschen Bekenntnis. Alles, was zum Abfall verführt und Unrecht tun. Das ist hilfreiche Unterscheidung. Es gibt τ σκνδαλα, daher unser deutsches Skandale, Sachverhalte, die zum Abfall verführen. Es gibt nicht nur die, die Unrecht tun, sondern auch die ungerechten Sachverhalte – die ungerechte Verteilung der Güter der Erde, dass nicht alle gleich sind in ihren Lebenschancen, dass Menschen fliehen müssen, dass Menschen ausgebeutet werden, dass Menschen die Würde geraubt wird durch anonyme „Sachzwänge“, usw. Für all das wird kein Platz mehr sein. Aber eben auch nicht für die Profiteure solcher skandalösen Zustände.

Dem gegenüber stehen die Gerechten. Lichtgestalten, weil das Licht auf sie fällt. Leuchtend wie die Sonne. Griechische Leser lesen hier im Wort λιος mehr als nur den Himmelskörper. Ist doch Helios eine geradezu göttliche Figur. Die orthodoxe Kirche des Ostens hat daraus eine theologische Schlussfolgerung gezogen: Das Ziel Gottes mit den Christen ist ihre Vergöttlichung. Gottgleich zu werden. So wie Jesus gottgleich ist. So kühn haben wir im Westen nie über den Menschen zu denken gewagt.

Wer Ohren hat, der höre!

             Dreimal kommt diese Aufforderung im Matthäus-Evangelium: Siebenmal wird sie in der Offenbarung verwendet – immer am Ende der Sendschreiben (Offenbarung 2-3) Es ist ein Hinweis, auf die Wichtigkeit dessen, was gesagt worden ist. Zugleich auch eine Warnung: nicht einfach weiter so. Ein Weckruf auch an die Leserinnen und Leser, nicht nur an die ersten Hörer des Gleichnisses.

Herausforderungen für unser Denken und Glauben

Es ist schon von einiger Bedeutung: der Acker ist die Welt. Die Christen werden in die Welt hinein gesät. Nicht in den abgegrenzten Raum der Kirche. Das Ziel der Aussaat Gottes ist eine Welt, die Frucht bringt. Die Kinder des Reiches sollen guter Same in der Welt und für die Welt sein. Unbekümmert darum, dass es auch eine andere Saat in der Welt gibt.

Von diesen Worten her ist eines nicht möglich: Christsein so zu betrachten, als sei es die große „Heimholaktion“ Gottes für ein paar fromme Leute. Ja, Jesus sammelt das Volk Gottes. Aber er sammelt es nicht, um es in Sicherheit zu bringen, sondern um es auszustreuen. In diesem Ausstreuen, σπείρω, steckt unser Wort „Diaspora“ mit drin. Das also gilt es zu hören: Die Christen sind das ausgestreute Saatgut Gottes. Und es ist der Weg dieses Saatgutes, dass es, „wie das Weizenkorn in die Erde fällt und erstirbt. Wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“(Johannes 12,24) Was ist das für ein starkes Bild dafür, welche Hoffnung Jesus auf die Kinder des Reiches setzt. Samen der guten Zukunft Gottes mit der Welt!

Wie steht es nun für uns heute mit diesem Gleichnis und seiner Deutung? Zuvorderst: Es gibt keine Rechtfertigung für die Herstellung der reinen Gemeinde durch Ausschluss, Wegsperren, Ausmerzen des Unkrautes. Diese Worte zielen in die Zeit des Evangelisten: Es ist nicht die Aufgabe der matthäischen Gemeinden, sich von der jüdischen Synagoge zu trennen, sozusagen durch den Auszug aus der Synagoge Gericht zu vollziehen. Im Acker der Welt ist Raum genug für beide und es ist doch noch Wachstums-Zeit.

Aber es ist – zumal heute – höchst fragwürdig, aus einer Zwischenzeit eine Art Grundsatz-Definition der Kirche zu machen: die Kirche ist immer und für alle Zeit corpus permixtum. Ein Mischgebilde aus Bösen und Gerechten. Das bringt die Gefahr mit sich, „dass eine solche Definition die Kirche auf ihrem Weg des Gehorsams nicht fördert sondern lähmt.“ (U. Luz, aaO.  S.345)

             Matthäus hat ein anderes Bild und die Deutung Jesu sucht etwas anderes als die Formel des corpus permixtum. Vielmehr geht es darum, dass die Kinder des Reiches Weizen sind und nicht Taumellolch werden, dass sie sich so verhalten, wie es dem Vater im Himmel entspricht und nicht so, wie es das Wesen der Welt ist. Es ist die Überzeugung, die sich in Worten des Matthäus immer wieder findet: Das Tun entspricht dem Wesen. Aus dem guten Samen wird Gutes erwachsen. Und durch das Gute wirst du, der Gutes tut, in deinem Gut-Sein bestätigt werden.

 

Jesus, bewahre uns vor den schnellen Urteilen, den selbstgerechten Einschätzungen: Der ist gut. Die ist gerecht. Der ist jenseits von gut und böse. Bewahre uns vor der Anmaßung, die Dein Urteil glaubt vorweg nehmen zu können.

Mache Du uns demütig. Stärke uns in dem Bemühen, in Deiner Spur zu bleiben, barmherzig, liebevoll, und immer  darum zu ringen, einander auf dem Weg des Glaubens zu stützen. Amen