Zeit zu sterben

  1. Mose 20,22 – 29

22 Und die Israeliten brachen auf von Kadesch und kamen mit der ganzen Gemeinde an den Berg Hor.

 Israel bricht aus Kadesch auf- in Richtung auf das verheißene Land. Zuvor gab es erfolglose Verhandlungen mit den Edomitern über eine Wegfreigabe. Weil die ausbleibt, wird wohl der Weg eingeschlagen, der an den Berg Hor führt. „Über die Lage dieses Berges ist nichts Sicheres mehr zu ermitteln.“ (M. Noth, Das 4. Buch Mose – Numeri, ATD 7, Göttingen 1982, S. 134) So wie es ja häufig ist, dass uns Ortangaben der alten Texte verlegen und ratlos zurücklassen, weil wir sie nicht wirklich zuordnen können.

 23 Und der HERR redete mit Mose und Aaron am Berge Hor an der Grenze des Landes der Edomiter und sprach: 24 Aaron soll versammelt werden zu seinen Vätern; denn er soll nicht in das Land kommen, das ich den Israeliten gegeben habe, weil ihr meinem Munde ungehorsam gewesen seid bei dem Haderwasser.

             Dort, am Berg Hor redet der HERR mit Mose und Aaron. Es ist eine harte Rede. Gott kündigt den Tod des Aaron an. Jetzt, hier. An der Grenze des Landes der Edomiter. Die Begründung liegt nicht etwa in der Altersschwäche des Aaron, sondern in dem früher erzählten Geschehen am Haderwasser. Der verweigerte Glaube dort ist es, der Aaron den Weg in das Land versperrt. So soll er zu seinen Vätern versammelt werden. Es ist die gleiche Wendung, mit der auch der Tod Abrahams, Ismaels, Isaaks, Jakobs beschrieben wird. Ich zögere ein wenig, fraglos zuzustimmen: „Man kann ihn wohl nur so verstehen, dass die verstorbenen Vorfahren in irgendeiner Weise fortexistieren. Dann aber stecke darin ein Hinweis auf die Möglichkeit der Auferstehung.“ (G. Maier, Das 4. Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT 2, Wuppertal 1989; S. 282)

           Für die ältesten Schichten der hebräischen Bibel lässt sich die Erwartung der Auferstehung schlecht belegen. Nur wenn ich davor ausgehe, dass das 4. Buch Mose vielleicht doch erst seine Endgestalt nach dem Exil gewonnen hat, dann mag die Schlussfolgerung stimmen, dass hier Auferstehungshoffnung angedeutet wird.    „Zeit zu sterben“ weiterlesen

Am Haderwasser

  1. Mose 20, 1 -13

 1 Und die ganze Gemeinde der Israeliten kam in die Wüste Zin im ersten Monat, und das Volk lagerte sich in Kadesch. Und Mirjam starb dort und wurde dort begraben.

 Man kann den Eindruck haben: Die Wüstenwanderung hat gerade erst begonnen. In Wahrheit aber führt die Erzählung an den Ende der Wüstenwanderung, „kurz vor dem endgültigen Aufbruch ins Verheißene Land.“ (G. Maier, Das 4. Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT 2, Wuppertal 1989; S. 270) Kadesch soll der Ort werden, von dem aus der Weg angetreten wird.

Dort, im Lagerort Kadesch, in der Wüste Zin – zwischen Kanaan und der Sinaihalbinsel – stirbt Mirjam. Die Lobsängerin vom Schilfmeer. Die eifersüchtige Schwester Mose´s. Dort wird sie auch begraben. Ein anonymes Grab im Wüstensand. Es gibt keine genauere Angabe zu ihrem Begräbnisort, nur das ungefähre und dort.

Es ist ein karger Text, der keine Würdigung der Verstorbenen erkennen lässt. Späteren Zeiten wird es vorbehalten sein, ein helles Bild von Mirjam zu malen: „Es ist eindrucksvoll, dass die spätere Sicht von Mirjam sehr positiv ist. Das beginnt schon bei Micha 6,4 – Habe ich dich doch aus Ägyptenland geführt und aus der Knechtschaft erlöst und vor dir her gesandt Mose, Aaron und Mirjam – wo sie Glaubensbeispiel ist und setzt sich im Talmud und bei Josephus fort. Schwankend und doch vom Herrn gehalten, das könnte man als Überschrift über ihr Leben setzen.“ (G. Maier, aaO.; S. 271) Wie zurückhaltend ist dem gegenüber der biblische Text.

 2 Und die Gemeinde hatte kein Wasser, und sie versammelten sich gegen Mose und Aaron. 3 Und das Volk haderte mit Mose und sprach: Ach dass wir umgekommen wären, als unsere Brüder umkamen vor dem HERRN! 4 Warum habt ihr die Gemeinde des HERRN in diese Wüste gebracht, dass wir hier sterben mit unserm Vieh? 5 Und warum habt ihr uns aus Ägypten geführt an diesen bösen Ort, wo man nicht säen kann, wo weder Feigen noch Weinstöcke noch Granatäpfel sind und auch kein Wasser zum Trinken ist?

        Hört es denn nie auf? Durch die ganze Zeit der Wüstenwanderung, vierzig Jahre lang, hat Gott sein Volk versorgt. Haben sie daraus nichts gelernt? So möchte man fragen und muss sich doch gleich selbst erinnern: So sind wir Menschen. Schwierigkeiten werfen uns aus der Bahn und sie lassen uns alle guten früheren Erfahrungen gering achten. Wassermangel ist schrecklich – und in der Wüste eine tödliche Gefahr. Da ist Kadesch dann kein guter Ort mehr. Es ist „die übliche Klage und Anklage des Volkes“ (M. Noth, Das 4. Buch Mose – Numeri, ATD 7, Göttingen 1982, S. 128), geboren aus der Überzeugung: Gott ist es uns schuldig, uns zu versorgen, für unsere Wohlfahrt und unser Wohlergehen zu sorgen. In diesem Fall für Wasser.

  Einmal mehr die Klage: wenn wir doch umgekommen wären. Was wäre uns an Elend und Angst erspart geblieben! Diese ganze Wüste, das Verenden unseres Viehs. Das alles hätte man doch in Ägypten anders haben können – und plötzlich erscheint das Haus der Knechtschaft verlockend wie ein Schlaraffenland. Hier aber fehlt es an allem. An Feigen, Weinstöcken, Granatäpfel auch am Wasser zum Trinken. Was für ein böser Ort. Es ist die immer gleiche Klagelitanei, die sie anstimmen, nur ein wenig aktualisiert. „Am Haderwasser“ weiterlesen

Aus dürrem Holz Leben

  1. Mose 17, 16 – 26

16 Und der HERR redete mit Mose und sprach: 17 Rede mit den Israeliten und nimm von ihnen zwölf Stäbe, von jedem Fürsten ihrer Sippen je einen, und schreib eines jeden Namen auf seinen Stab. 18 Aber den Namen Aarons sollst du schreiben auf den Stab Levis. Denn für jedes Haupt ihrer Sippen soll je ein Stab sein. 19 Und lege sie in der Stiftshütte nieder vor der Lade des Zeugnisses, wo ich mich euch bezeuge. 20 Und wen ich erwählen werde, dessen Stab wird grünen. So will ich das Murren der Israeliten, mit dem sie gegen euch murren, zum Schweigen bringen.

 Es fängt mysteriös an. Alle Fürsten aus Israel, aus jedem der zwölf Stämme  einer, sollen einen Stab zur Verfügung stellen. Er wird von Mose zu beschriften sein – mit dem Namen des Stammes. Besonders erwähnt wird, dass Aarons Namen auf den Stab des Stammes Levi geschrieben werden soll. Es wird ein wenig umständlich erzählt, bestimmt dadurch, dass  „Aaron, um den es in der ganzen Geschichte geht, den Stamm Levi vertreten muss , da die vorgesehene Zwölfzahl der Stäbe einen besonderen Aaronstab neben dem Stab Levis nicht erlaubt.“ (M. Noth, Das 4. Buch Mose – Numeri, ATD 7, Göttingen 1982, S.116)

Es geht um eine Zeichenhandlung, angeordnet durch Gott. Das Zeichen: einer der Stäbe wird grünen, wird sich als fruchtbar erweisen. „Aus dürrem Holz soll grünendes und sprossendes Holz werden.“ (G. Maier, Das 4. Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT 2, Wuppertal 1989; S. 245) Das ist ein Wunderund sein Ziel: Das Murren der Israeliten soll  zum Verstummen gebracht werden.

 Die Frage, die über das Wunder hinausführt, wird nicht beantwortet: wozu soll einer erwählt werden? Vielleicht aber geht es gar nicht um einen Auftrag, sondern es geht einfach um eine Demonstration der Schöpfermacht Gottes? Oder es geht in Wahrheit um eine Aussonderung, die die besondere Rolle eines Stammes hervorhebt. Dann ist das Wunder nicht Zielpunkt, sondern nur Mittel zum Zweck.

 21 Mose redete mit den Israeliten und alle ihre Fürsten gaben ihm zwölf Stäbe, ein jeder Fürst je einen Stab, nach ihren Sippen, und der Stab Aarons war auch unter ihren Stäben. 22 Und Mose legte die Stäbe vor dem HERRN nieder in der Hütte des Zeugnisses.

 Mose entspricht der Anweisung Gottes. Er sammelt  die Stäbe der Fürsten aus den Stämmen, unter ihnen auch den Stab Aarons. Das ist insofern eine Besonderheit, als Aaron zwar als Priester erwählt war, aber nicht als ein Fürst in Levi gelten muss. Wir wissen nichts von einer hierarchischen Position der Brüder Mose und Aaron im Stamm Levi, sie sind Leviten wie alle anderen auch.   „Aus dürrem Holz Leben“ weiterlesen

Der lange Weg zurück

  1. Mose 14, 39 – 45

39 Als Mose diese Worte allen Israeliten sagte, da trauerte das Volk sehr.

             Diese Worte – das ist wohl das Urteil Gottes. Das ist das Verhängnis vierzig Jahre Wüstenwanderung. Dass Mose die Worte weitergeben muss an das Volk, zeigt noch einmal: Das Urteil Gottes und das ganze Strafmaß war zunächst nur Mose anvertraut. Mose erfüllt mit seinem Weitersagen den Auftrag, den er empfangen hat: „Darum sprich zu ihnen.“ (14,28)

Jetzt also erfährt das Volk, was über es verhängt ist. Die erste Reaktion: da trauerte das Volk sehr. Wie diese Trauer ausgesehen hat, sich geäußert hat, dazu schweigt der sehr knappe Satz. Vielleicht steckt in diesem Schweigen verborgen schon eine Art Trauerkritik?  

 40 Und sie machten sich früh am Morgen auf und zogen auf die Höhe des Gebirges und sprachen: Hier sind wir und wollen hinaufziehen in das Land, von dem der HERR geredet hat; denn wir haben gesündigt.

             Ist das am nächsten Tag, früh am Morgen nach einer Trauernacht? Sie brechen auf – aber nicht in die Richtung, die Gott ihnen geboten hat, in die Wüste, zum Schilfmeer, sondern hinauf, auf die Höhe des Gebirges. Sie wollen in das Land, von dem der HERR geredet hat. Es ist eine merkwürdige Begründung für diesen Aufbruch: wir haben gesündigt. Das wirkt, als würden sie glauben, dass sie ihr Zögern jetzt durch Eile und Aktivität wieder gut machen können. Jetzt gehen wir den Weg, den wir zuvor verweigert haben. Das muss Gott doch gefallen.

Es fällt schon auf: „Es gibt keine Beratung, weder mit Gott noch mit Mose. Der jüdische Ausleger Josephus erklärt mir Recht, dass sie sich weigerten, den Worten Moses gehorsam zu bleiben. Wie soll aus Ungehorsam Segen werden?“ (G. Maier, Das 4. Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT 2, Wuppertal 1989; S. 207) Sie sind immer noch die, die ihrem eigenen Kopf folgen. Ihren eigenen Ideen. „Der lange Weg zurück“ weiterlesen

Vierzig Wüstenjahre

  1. Mose 14, 26 – 38

26 Und der HERR redete mit Mose und Aaron und sprach: 27 Wie lange murrt diese böse Gemeinde gegen mich? Ich habe das Murren der Israeliten, womit sie gegen mich gemurrt haben, gehört.

             Es ist wie ein Neuansatz. Die Vermutung der Exegeten: Hier wird aus einer anderen alten Quelle der gleiche Sachverhalt noch einmal dargestellt. Dann wäre es eine Art Doppelung.  Aber auch so kann man denken: diese Wiederholung trägt dem Ernst der ganzen Situation Rechnung, zeigt das Gewicht der Verfehlung und der Antwort Gottes. „Jahwe will den Aufruhr der bösen Gemeinde nicht mehr ertragen.“(M. Noth, Das 4. Buch Mose – Numeri, ATD 7, Göttingen 1982, S. 97)Das Maß ist voll, die Geduld Gottes erschöpft. Auch das mag mitschwingen: Das Vergeben Gottes, seine Gnade darf nicht billig gemacht werden.

Schließlich: sie sollen wissen, dass ihr Murren bemerkt wird, gehört wird. Gott ist nicht so weit weg, dass ihn nicht erreicht, was sie tun. Er ist auch nicht in der Weise weit weg, dass es ihn nicht angeht, ihm nichts ausmacht, wenn sie murren. Gott wird berührt von dem, was seine Menschen denken und sagen.     „Vierzig Wüstenjahre“ weiterlesen

Kundschafter – ohne Echo

  1. Mose 13, 1 – 3. 17 – 33

1 Und der HERR redete mit Mose und sprach: 2 Sende Männer aus, die das Land Kanaan erkunden, das ich den Israeliten geben will, aus jedem Stamm ihrer Väter je einen vornehmen Mann. 3 Da sandte sie Mose aus der Wüste Paran nach dem Wort des HERRN. Allesamt waren sie Häupter der Israeliten.

             „Gott selbst ordnet die Aussendung der Kundschafter an.“(G. Maier, Das 4. Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT 2, Wuppertal 1989; S. 181) Was auf den ersten Blick als ein Akt militärischer Vernunft erscheint, ist in Wahrheit doch ein Gehorsamsschritt. Es ist zugleich auch ein Zeichen dafür, dass es in Israel wirklich keinen Bereich gibt, der nicht unter Gottes Leiten gesehen wird. So etwas wie Eigengesetzlichkeit von Sachverhalten kennen die Schriften Israels nicht. Alles steht unter dem Gebot und der Weisung Gottes. Bis ins Detail regelt Gott: aus jedem Stamm ihrer Väter je einen vornehmen Mann. Fürsten sind damit gemeint, Männer, die in ihrem Stamm etwas gelten. Das müssen keine Militär-Spezialisten sein.

 17 Als sie nun Mose aussandte, das Land Kanaan zu erkunden, sprach er zu ihnen: Zieht da hinauf ins Südland und geht auf das Gebirge 18 und seht euch das Land an, wie es ist, und das Volk, das darin wohnt, ob’s stark oder schwach, wenig oder viel ist; 19 und was es für ein Land ist, darin sie wohnen, ob’s gut oder schlecht ist; und was es für Städte sind, in denen sie wohnen, ob sie in Zeltdörfern oder festen Städten wohnen; 20 und wie der Boden ist, ob fett oder mager, und ob Bäume da sind oder nicht. Seid mutig und bringt mit von den Früchten des Landes.

            Der Befehl Gottes wird umgesetzt in den Anweisungen, die Mose an die Kundschafter gibt. Wenn man so will: Gottes Auftrag macht die menschlichen Ausführungsbestimmungen nicht überflüssig, sondern geradezu notwendig. Die Kundschafter sollen sich ein Bild machen, damit man weiß, womit zu rechnen ist, wenn man den Weg in dieses Land auf sich nimmt.  Geographie, Anbauverhältnisse, Stadtbefestigungen, Mentalität der Einwohner – alles ist von Interesse. So wie Mose fragt, wird ein verantwortungsbewusster Führer des Volkes zu fragen haben.

 Es war aber eben um die Zeit der ersten Weintrauben. 21 Und sie gingen hinauf und erkundeten das Land von der Wüste Zin bis nach Rehob, von wo es nach Hamat geht. 22 Sie gingen hinauf ins Südland und kamen bis nach Hebron; da lebten Ahiman, Scheschai und Talmai, die Söhne Anaks. Hebron aber war erbaut worden sieben Jahre vor Zoan in Ägypten. 23 Und sie kamen bis an den Bach Eschkol und schnitten dort eine Rebe ab mit einer Weintraube und trugen sie zu zweien auf einer Stange, dazu auch Granatäpfel und Feigen. 24 Der Ort heißt Bach Eschkol nach der Traube, die die Israeliten dort abgeschnitten hatten.

             Die Kundschafter brechen auf. Es ist Erntezeit, Zeit der ersten Traubenlese. Sie kommen durch den Negev, hinauf aufs Gebirge, bis nach Hebron. Bis dorthin auch, wo die Enaks-Söhne leben, Riesenkerle. „Es scheinen Gestalten einer sagenhaften Vorzeit bezeichnet zu sein, von denen eine Lokalüberlieferung von Hebron zu erzählen wusste, und zwar mächtige, riesenhafte Gestalten, die für Fremde, die etwa der Stadt Hebron sich zu bemächtigen versuchen wollten, abschreckend und furchtbar waren.“ (M. Noth, Das 4. Buch Mose – Numeri, ATD 7, Göttingen 1982, S.94) Im „Traubental“, so der Name Eschkol erfüllen sie einen Teil ihres Auftrages. Sie schneiden dort eine Weinrebe ab, die so riesengroß ist, dass zwei Männer sie an einer Stange tragen müssen – ein beliebtes Bildmotiv für Bilderbibeln bis in unsere Zeit. „Kundschafter – ohne Echo“ weiterlesen

Geschwisterstreit

  1. Mose 12, 1 – 16

1 Da redeten Mirjam und Aaron gegen Mose um seiner Frau willen, der Kuschiterin, die er genommen hatte. Er hatte sich nämlich eine kuschitische Frau genommen. 2 Und sie sprachen: Redet denn der HERR allein durch Mose? Redet er nicht auch durch uns? Und der HERR hörte es. 3 Der Mann Mose war sehr demütig, mehr als alle Menschen auf Erden.

             Auch geistliche Leute bieten Angriffsflächen für Kritik, Eifersucht, vermeintlich notwendige Klarstellungen. Das Problem, um das es geht, wird benannt: Gibt es einen Alleinvertretungsanspruch Mose´s auf Offenbarungsempfang? Ist nur Mose der Mund, durch den der HERR sprechen will, durch ihn allein? Oder ist Mose nicht doch nur einer unter vielen – so wie es sich ja gerade gezeigt hat, als die Siebzig angefangen haben, verzückt prophetisch zu reden begonnen haben. Und wenn schon die Siebzig, dann doch sicher auch die Familienmitglieder, Aaron und Mirjam. Der eine ist doch schon lange der Sprecher Mose´s. Und Mirjam hat doch das Siegeslied am Schilfmeer angestimmt, inspiriert durch den Geist.

Der Auslöser der Kritik ist allerdings äußerlich. Die Ehe des Mose mit einer Frau aus Kusch. Allerdings wird überhaupt nicht erklärt, was an dieser Heirat anstößig war. Schließlich war ja auch die frühere Ehe Mose´s mit Zippora nicht beanstandet worden. Erst in der Zeit nach dem Exil gibt es ein offensives Drängen darauf, keine Ehe mit fremdstämmigen Frauen einzugehen! Es könnte sein, das diese Begründung der Kritik an Mose ein winziger Hinweis darauf ist, dass  in den Text Gedanken eingeflossen sind, die nicht aus der Anfangszeit stammen, sondern eben aus den Jahren nach dem Exil. Vorher, in früheren Zeiten, sind solche Fremdehen kein Anlass zur Kritik. Nicht bei Joseph, der ein Ägypterin geehelicht hat, nicht bei Boas, der die Moabitern Ruth zur Ehefrau nimmt, nicht bei David. Es ist wohl so: In Wahrheit meldet sich geschwisterliche Eifersucht zu Wort. Die Ehe ist nur ein Vorwand.

            Es stellt sich die Frage: Wo reden Aaron und Mirjam so? Wo wird ihre Kritik laut? Unter vier Augen, miteinander oder Mose gegenüber? Es ist so: „Mose wird überhaupt nicht angeredet. Vielmehr geben Aaron und Mirjam nur – offenkundig innerhalb des israelischen Lagers – deutlich kund, dass nach ihrer Meinung zu Unrecht es so aussehe, als rede Jahwe nur mit Mose.“(M. Noth, Das 4. Buch Mose – Numeri, ATD 7, Göttingen 1982, S.84) So gesehen ist es keine Sache nur zwischen den Geschwistern. Man kann diese Geschichte nicht im geschwisterlichen Gespräch regeln. Dazu ist sie zu öffentlich geworden. Selbst wenn Mose das gerne wollte. „Vielleicht hat Mose gehört, aber er reagiert nicht. Denn der Mann Mose ist sehr bescheiden.“ (R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen. Bd. 3, Stuttgart 1988, S. 107) „Geschwisterstreit“ weiterlesen

Geistausgießung in der Wüste

  1. Mose 11, 24 – 35

24 Und Mose ging heraus und sagte dem Volk die Worte des HERRN und versammelte siebzig Männer aus den Ältesten des Volks und stellte sie rings um die Stiftshütte. 25 Da kam der HERR hernieder in der Wolke und redete mit ihm und nahm von dem Geist, der auf ihm war, und legte ihn auf die siebzig Ältesten. Und als der Geist auf ihnen ruhte, gerieten sie in Verzückung wie Propheten und hörten nicht auf.

 Mose antwortet auf die Worte Gottes, indem er sie weitergibt an das Volk. Er antwortet auch, indem er  siebzig Männer aus den Ältesten des Volks sammelt und sie um die Stiftshütte stellt. Sie suchen, so lese ich, die Nähe des Heiligtumes, des Ortes der Gottesgegenwart. Mit anderen Worten: Mose zeigt sich, seinen Einwänden zum Trotz, den Worten Gottes gegenüber gehorsam.

Wir haben hier Elemente der ältesten Traditionen in gedrängter Form beieinander – die Gegenwart Gottes in der Wolke, das Herabkommen Jahwes, das Begegnungszelt außerhalb des Lagers. Das alles ist ganz nahe an den Schilderungen aus den Anfängen am Sinai. „Mose aber nahm das Zelt und schlug es draußen auf, fern von dem Lager, und nannte es Stiftshütte. …Und wenn Mose ins Zelt hineinging, so kam die Wolkensäule hernieder und stand am Eingang des Zeltes, und der HERR redete mit Mose. Und alles Volk sah die Wolkensäule am Eingang des Zeltes stehen, und sie standen auf und neigten sich, ein jeder in seines Zeltes Tür.“(2. Mose 33,7.9-10) Es bleibt auch hier dabei: In der Mitte steht allemal dass der HERR mit Mose redete. Er ist vor allen anderen dadurch ausgezeichnet.

Was folgt, ist umständlich formuliert, aber in der Sache klar: In der Wolke kommt Gott. Er ist gegenwärtig. „Ich steige nieder ist gleichbedeutend mit Ich offenbare Mich“ (R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen. Bd. 3, Stuttgart 1988, S. 105)Er spricht mit Mose, nur mit ihm, kein Wort direkt an die Ältesten. „Gott spricht immer zum „Hauptdarsteller“, zum wichtigsten Sprecher des Volkes. Sein Auftrag geht zuerst an die Persönlichkeit an der Spitze, und erst durch sie wird der Auftrag – oft hierarchisch – an die Volkspyramide weitegeleitet. Der“ Hauptdarsteller“ aber ist Mose.“ (R. Gradwohl, aaO. S. 88)Aber er teilt dann den gleichen Geist der auf Mose ist,  an die Ältesten aus. Es gibt keine zwei Sorten Geist Gottes.  Auch keine zwei Stufen des Geistes.

Seltsam ist dann, was geschieht: die Ältesten werden verzückt, geraten in Ekstase. „Es handelt sich um prophetische Verzückung, um einen Zustand der Ekstase, aus dem nicht – oder jedenfalls nicht notwendig – verständliche „prophetische“ Worte hervorgehen.“ (M. Noth, Das 4. Buch Mose – Numeri, ATD 7, Göttingen 1982, S.79) Man darf schon fragen: sieht so die Entlastung aus, die Mose durch die Siebzig erhoffen durfte? Oder steht hinter den geistbegabten Ältesten eine frühe Erinnerung an eine charismatische Prophetie, die sich mit Verzücken, Ekstasen verbindet?  „Geistausgießung in der Wüste“ weiterlesen

Keine Hast

  1. Mose 9, 15 – 23

15 Und an dem Tage, da die Wohnung aufgerichtet wurde, bedeckte eine Wolke die Wohnung, die Hütte des Zeugnisses, und vom Abend bis zum Morgen stand sie über der Wohnung wie ein feuriger Schein. 16 So geschah es die ganze Zeit, dass die Wolke sie bedeckte und bei Nacht ein feuriger Schein.

            Die Wohnung – das ist die Stiftshütte. Sie wird überschattet, bedeckt  von einer Wolke. Das ist nicht einfach Wetterbeobachtung. Wolke und der feurige Schein des Nachts „sind beide der sichtbare Ausdruck der Gegenwart Gottes.“ (G. Maier, Das 4. Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT 2, Wuppertal 1989; S.140) So war es ja schon beim Auszug aus Ägypten. Daran hat sich in der Zwischenzeit nichts geändert. Gott erweist sich in seiner Gegenwart als beständig.

17 Sooft sich aber die Wolke von dem Zelt erhob, brachen die Israeliten auf; und wo die Wolke sich niederließ, da lagerten sich die Israeliten. 18 Nach dem Wort des HERRN brachen sie auf, und nach seinem Wort lagerten sie sich. Solange die Wolke auf der Wohnung blieb, so lange lagerten sie.

Darauf kommt es dem Erzähler an, aufzuzeigen, wie ganz und gar abhängig Israel in seinem Bleiben,  Verweilen und Aufbrechen von den Signalen Gottes ist. Es sind non-verbale Signale. Mit keinem Wort wird hier davon berichtet, dass Gott spricht. Aber im Achten auf die Wolke geschieht ein Achten auf das Wort des HERRN.  Das also sollen wir als Leserinnen und Leser verstehen: die Wolke ist ein  sprechendes Zeichen. „Keine Hast“ weiterlesen

Segen

  1. Mose 6, 22 – 27

Die Kapitel 1 – 10 im Text des 4. Buch Mose  sind in der geographischen Anordnung dem Sinai als Aufenthaltsort des Volkes zugeschrieben. Das ist mehr als eine zufällige historische Notiz. Dort, am Sinai  erhält Israel die Bundes-Ordnung, die es zum Volk Gottes macht. Dort macht es seine erste große Krise im Tanz um das Goldene Kalb durch. Dort erfolgt nach der Erzählung aus dem 3. Mose-Buch die Einsetzung der aaronitischen Priesterschaft. Mit anderen Worten: der Sinai ist der Ort der grundlegenden geistlichen und gemeinschaftlichen Ausrichtung Israels.

Wenn also der aaronitische Segen hier im 4. Buch Mose am Sinai verortet wird, dann ist das eine eindrückliche Unterstreichung: Segen ist nichts Nebensächliches. Nichts, was nur am Schluss eines Gottesdienstes sagt: „Ich habe fertig.“(Trapattoni) Sondern Segen ist geistlicher Grundbestand.

22 Und der HERR redete mit Mose und sprach: 23 Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet:

              Was folgen wird ist eine Anordnung Gottes – durch Mose weitergegeben. Daran liegt dem 4. Mose-Buch, es einzuprägen: die Anordnungen, die in Israel Gültigkeit beanspruchen, gehen auf Anordnungen Gottes zurück. Mose ist nur der, der sie weitergibt, nicht der, der sie sich ersinnt. „Immer wieder begegnen wir der Redewendung, man habe so gehandelt, „wie Jahwe dem Mose geboten hatte“. Dieses Motiv zieht sich von 1,19 bis 36,10, also vom ersten bis zum letzten Kapitel des Buches, hindurch.“ (G. Maier, Das 4. Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT 2, Wuppertal 1989; S. 24) Es ist Gehorsam gegen Gott, der den Weg Israels prägt und unter den Segen führt.

„Woher ergibt es sich, dass der Priester, der die Plattform (zum Segnen) betritt, sich nicht denkt: Nachdem mir die Tora erlaubt Israel zu segnen, will ich meinen  eigenen Segenspruch beigeben? Weil es heißt: Fügt nichts zur Sache hinzu(Deuteronomium 4,2). Seit Jahrtausenden besteht der Priestersegen tatsächlich unverändert fort.“(R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen. Bd. 3, Stuttgart 1988, S. 88)

Sehr persönlich: ich hänge an dieser so kargen Formulierung. Ich bin innerlich auf Abstand gegenüber den nach eigenem Gutdünken und Geschmack entfalteten Segenssätzen, die in meinen Augen nichts erklären, nur in einer für mich übergriffigen Weise „pädagogisieren“, erläutern und darin allzu oft die Schönheit der Worte verstellen. „Segen“ weiterlesen