Zeit zu sterben

  1. Mose 20,22 – 29

22 Und die Israeliten brachen auf von Kadesch und kamen mit der ganzen Gemeinde an den Berg Hor.

 Israel bricht aus Kadesch auf- in Richtung auf das verheißene Land. Zuvor gab es erfolglose Verhandlungen mit den Edomitern über eine Wegfreigabe. Weil die ausbleibt, wird wohl der Weg eingeschlagen, der an den Berg Hor führt. „Über die Lage dieses Berges ist nichts Sicheres mehr zu ermitteln.“ (M. Noth, Das 4. Buch Mose – Numeri, ATD 7, Göttingen 1982, S. 134) So wie es ja häufig ist, dass uns Ortangaben der alten Texte verlegen und ratlos zurücklassen, weil wir sie nicht wirklich zuordnen können.

 23 Und der HERR redete mit Mose und Aaron am Berge Hor an der Grenze des Landes der Edomiter und sprach: 24 Aaron soll versammelt werden zu seinen Vätern; denn er soll nicht in das Land kommen, das ich den Israeliten gegeben habe, weil ihr meinem Munde ungehorsam gewesen seid bei dem Haderwasser.

             Dort, am Berg Hor redet der HERR mit Mose und Aaron. Es ist eine harte Rede. Gott kündigt den Tod des Aaron an. Jetzt, hier. An der Grenze des Landes der Edomiter. Die Begründung liegt nicht etwa in der Altersschwäche des Aaron, sondern in dem früher erzählten Geschehen am Haderwasser. Der verweigerte Glaube dort ist es, der Aaron den Weg in das Land versperrt. So soll er zu seinen Vätern versammelt werden. Es ist die gleiche Wendung, mit der auch der Tod Abrahams, Ismaels, Isaaks, Jakobs beschrieben wird. Ich zögere ein wenig, fraglos zuzustimmen: „Man kann ihn wohl nur so verstehen, dass die verstorbenen Vorfahren in irgendeiner Weise fortexistieren. Dann aber stecke darin ein Hinweis auf die Möglichkeit der Auferstehung.“ (G. Maier, Das 4. Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT 2, Wuppertal 1989; S. 282)

           Für die ältesten Schichten der hebräischen Bibel lässt sich die Erwartung der Auferstehung schlecht belegen. Nur wenn ich davor ausgehe, dass das 4. Buch Mose vielleicht doch erst seine Endgestalt nach dem Exil gewonnen hat, dann mag die Schlussfolgerung stimmen, dass hier Auferstehungshoffnung angedeutet wird.    „Zeit zu sterben“ weiterlesen

Am Haderwasser

  1. Mose 20, 1 -13

 1 Und die ganze Gemeinde der Israeliten kam in die Wüste Zin im ersten Monat, und das Volk lagerte sich in Kadesch. Und Mirjam starb dort und wurde dort begraben.

 Man kann den Eindruck haben: Die Wüstenwanderung hat gerade erst begonnen. In Wahrheit aber führt die Erzählung an den Ende der Wüstenwanderung, „kurz vor dem endgültigen Aufbruch ins Verheißene Land.“ (G. Maier, Das 4. Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT 2, Wuppertal 1989; S. 270) Kadesch soll der Ort werden, von dem aus der Weg angetreten wird.

Dort, im Lagerort Kadesch, in der Wüste Zin – zwischen Kanaan und der Sinaihalbinsel – stirbt Mirjam. Die Lobsängerin vom Schilfmeer. Die eifersüchtige Schwester Mose´s. Dort wird sie auch begraben. Ein anonymes Grab im Wüstensand. Es gibt keine genauere Angabe zu ihrem Begräbnisort, nur das ungefähre und dort.

Es ist ein karger Text, der keine Würdigung der Verstorbenen erkennen lässt. Späteren Zeiten wird es vorbehalten sein, ein helles Bild von Mirjam zu malen: „Es ist eindrucksvoll, dass die spätere Sicht von Mirjam sehr positiv ist. Das beginnt schon bei Micha 6,4 – Habe ich dich doch aus Ägyptenland geführt und aus der Knechtschaft erlöst und vor dir her gesandt Mose, Aaron und Mirjam – wo sie Glaubensbeispiel ist und setzt sich im Talmud und bei Josephus fort. Schwankend und doch vom Herrn gehalten, das könnte man als Überschrift über ihr Leben setzen.“ (G. Maier, aaO.; S. 271) Wie zurückhaltend ist dem gegenüber der biblische Text.

 2 Und die Gemeinde hatte kein Wasser, und sie versammelten sich gegen Mose und Aaron. 3 Und das Volk haderte mit Mose und sprach: Ach dass wir umgekommen wären, als unsere Brüder umkamen vor dem HERRN! 4 Warum habt ihr die Gemeinde des HERRN in diese Wüste gebracht, dass wir hier sterben mit unserm Vieh? 5 Und warum habt ihr uns aus Ägypten geführt an diesen bösen Ort, wo man nicht säen kann, wo weder Feigen noch Weinstöcke noch Granatäpfel sind und auch kein Wasser zum Trinken ist?

        Hört es denn nie auf? Durch die ganze Zeit der Wüstenwanderung, vierzig Jahre lang, hat Gott sein Volk versorgt. Haben sie daraus nichts gelernt? So möchte man fragen und muss sich doch gleich selbst erinnern: So sind wir Menschen. Schwierigkeiten werfen uns aus der Bahn und sie lassen uns alle guten früheren Erfahrungen gering achten. Wassermangel ist schrecklich – und in der Wüste eine tödliche Gefahr. Da ist Kadesch dann kein guter Ort mehr. Es ist „die übliche Klage und Anklage des Volkes“ (M. Noth, Das 4. Buch Mose – Numeri, ATD 7, Göttingen 1982, S. 128), geboren aus der Überzeugung: Gott ist es uns schuldig, uns zu versorgen, für unsere Wohlfahrt und unser Wohlergehen zu sorgen. In diesem Fall für Wasser.

  Einmal mehr die Klage: wenn wir doch umgekommen wären. Was wäre uns an Elend und Angst erspart geblieben! Diese ganze Wüste, das Verenden unseres Viehs. Das alles hätte man doch in Ägypten anders haben können – und plötzlich erscheint das Haus der Knechtschaft verlockend wie ein Schlaraffenland. Hier aber fehlt es an allem. An Feigen, Weinstöcken, Granatäpfel auch am Wasser zum Trinken. Was für ein böser Ort. Es ist die immer gleiche Klagelitanei, die sie anstimmen, nur ein wenig aktualisiert. „Am Haderwasser“ weiterlesen

Aus dürrem Holz Leben

  1. Mose 17, 16 – 26

16 Und der HERR redete mit Mose und sprach: 17 Rede mit den Israeliten und nimm von ihnen zwölf Stäbe, von jedem Fürsten ihrer Sippen je einen, und schreib eines jeden Namen auf seinen Stab. 18 Aber den Namen Aarons sollst du schreiben auf den Stab Levis. Denn für jedes Haupt ihrer Sippen soll je ein Stab sein. 19 Und lege sie in der Stiftshütte nieder vor der Lade des Zeugnisses, wo ich mich euch bezeuge. 20 Und wen ich erwählen werde, dessen Stab wird grünen. So will ich das Murren der Israeliten, mit dem sie gegen euch murren, zum Schweigen bringen.

 Es fängt mysteriös an. Alle Fürsten aus Israel, aus jedem der zwölf Stämme  einer, sollen einen Stab zur Verfügung stellen. Er wird von Mose zu beschriften sein – mit dem Namen des Stammes. Besonders erwähnt wird, dass Aarons Namen auf den Stab des Stammes Levi geschrieben werden soll. Es wird ein wenig umständlich erzählt, bestimmt dadurch, dass  „Aaron, um den es in der ganzen Geschichte geht, den Stamm Levi vertreten muss , da die vorgesehene Zwölfzahl der Stäbe einen besonderen Aaronstab neben dem Stab Levis nicht erlaubt.“ (M. Noth, Das 4. Buch Mose – Numeri, ATD 7, Göttingen 1982, S.116)

Es geht um eine Zeichenhandlung, angeordnet durch Gott. Das Zeichen: einer der Stäbe wird grünen, wird sich als fruchtbar erweisen. „Aus dürrem Holz soll grünendes und sprossendes Holz werden.“ (G. Maier, Das 4. Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT 2, Wuppertal 1989; S. 245) Das ist ein Wunderund sein Ziel: Das Murren der Israeliten soll  zum Verstummen gebracht werden.

 Die Frage, die über das Wunder hinausführt, wird nicht beantwortet: wozu soll einer erwählt werden? Vielleicht aber geht es gar nicht um einen Auftrag, sondern es geht einfach um eine Demonstration der Schöpfermacht Gottes? Oder es geht in Wahrheit um eine Aussonderung, die die besondere Rolle eines Stammes hervorhebt. Dann ist das Wunder nicht Zielpunkt, sondern nur Mittel zum Zweck.

 21 Mose redete mit den Israeliten und alle ihre Fürsten gaben ihm zwölf Stäbe, ein jeder Fürst je einen Stab, nach ihren Sippen, und der Stab Aarons war auch unter ihren Stäben. 22 Und Mose legte die Stäbe vor dem HERRN nieder in der Hütte des Zeugnisses.

 Mose entspricht der Anweisung Gottes. Er sammelt  die Stäbe der Fürsten aus den Stämmen, unter ihnen auch den Stab Aarons. Das ist insofern eine Besonderheit, als Aaron zwar als Priester erwählt war, aber nicht als ein Fürst in Levi gelten muss. Wir wissen nichts von einer hierarchischen Position der Brüder Mose und Aaron im Stamm Levi, sie sind Leviten wie alle anderen auch.   „Aus dürrem Holz Leben“ weiterlesen

Der lange Weg zurück

  1. Mose 14, 39 – 45

39 Als Mose diese Worte allen Israeliten sagte, da trauerte das Volk sehr.

             Diese Worte – das ist wohl das Urteil Gottes. Das ist das Verhängnis vierzig Jahre Wüstenwanderung. Dass Mose die Worte weitergeben muss an das Volk, zeigt noch einmal: Das Urteil Gottes und das ganze Strafmaß war zunächst nur Mose anvertraut. Mose erfüllt mit seinem Weitersagen den Auftrag, den er empfangen hat: „Darum sprich zu ihnen.“ (14,28)

Jetzt also erfährt das Volk, was über es verhängt ist. Die erste Reaktion: da trauerte das Volk sehr. Wie diese Trauer ausgesehen hat, sich geäußert hat, dazu schweigt der sehr knappe Satz. Vielleicht steckt in diesem Schweigen verborgen schon eine Art Trauerkritik?  

 40 Und sie machten sich früh am Morgen auf und zogen auf die Höhe des Gebirges und sprachen: Hier sind wir und wollen hinaufziehen in das Land, von dem der HERR geredet hat; denn wir haben gesündigt.

             Ist das am nächsten Tag, früh am Morgen nach einer Trauernacht? Sie brechen auf – aber nicht in die Richtung, die Gott ihnen geboten hat, in die Wüste, zum Schilfmeer, sondern hinauf, auf die Höhe des Gebirges. Sie wollen in das Land, von dem der HERR geredet hat. Es ist eine merkwürdige Begründung für diesen Aufbruch: wir haben gesündigt. Das wirkt, als würden sie glauben, dass sie ihr Zögern jetzt durch Eile und Aktivität wieder gut machen können. Jetzt gehen wir den Weg, den wir zuvor verweigert haben. Das muss Gott doch gefallen.

Es fällt schon auf: „Es gibt keine Beratung, weder mit Gott noch mit Mose. Der jüdische Ausleger Josephus erklärt mir Recht, dass sie sich weigerten, den Worten Moses gehorsam zu bleiben. Wie soll aus Ungehorsam Segen werden?“ (G. Maier, Das 4. Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT 2, Wuppertal 1989; S. 207) Sie sind immer noch die, die ihrem eigenen Kopf folgen. Ihren eigenen Ideen. „Der lange Weg zurück“ weiterlesen

Vierzig Wüstenjahre

  1. Mose 14, 26 – 38

26 Und der HERR redete mit Mose und Aaron und sprach: 27 Wie lange murrt diese böse Gemeinde gegen mich? Ich habe das Murren der Israeliten, womit sie gegen mich gemurrt haben, gehört.

             Es ist wie ein Neuansatz. Die Vermutung der Exegeten: Hier wird aus einer anderen alten Quelle der gleiche Sachverhalt noch einmal dargestellt. Dann wäre es eine Art Doppelung.  Aber auch so kann man denken: diese Wiederholung trägt dem Ernst der ganzen Situation Rechnung, zeigt das Gewicht der Verfehlung und der Antwort Gottes. „Jahwe will den Aufruhr der bösen Gemeinde nicht mehr ertragen.“(M. Noth, Das 4. Buch Mose – Numeri, ATD 7, Göttingen 1982, S. 97)Das Maß ist voll, die Geduld Gottes erschöpft. Auch das mag mitschwingen: Das Vergeben Gottes, seine Gnade darf nicht billig gemacht werden.

Schließlich: sie sollen wissen, dass ihr Murren bemerkt wird, gehört wird. Gott ist nicht so weit weg, dass ihn nicht erreicht, was sie tun. Er ist auch nicht in der Weise weit weg, dass es ihn nicht angeht, ihm nichts ausmacht, wenn sie murren. Gott wird berührt von dem, was seine Menschen denken und sagen.     „Vierzig Wüstenjahre“ weiterlesen