Gott ist gegenwärtig

  1. Mose 40, 34 – 38

 34 Da bedeckte die Wolke die Stiftshütte, und die Herrlichkeit des HERRN erfüllte die Wohnung.

             Als die Arbeit getan ist – „Mose macht alle Arbeit fertig“ (40,33) – da übernimmt Gott.  Er nimmt dieses Zelt der Begegnung an – als Ort, an dem er sich finden lässt. In dem er Wohnung nimmt. In seiner Herrlichkeit.  Das wirkt wie die Erinnerung: wir können bauen, was wir wollen. Erst wenn Gott sich dort finden lässt, ist es ein Ort der Gottesgegenwart. Vorher ein Haus, eine Hütte, ein Zelt wie jedes andere. Sakralbauten werden erst heilig, wenn sich Gott darin finden lässt. Er macht sie heilig. Keine Weihe durch uns kann das und sei sie noch so feierlich und zeremoniell ausgefeilt und beeindruckend.   „Gott ist gegenwärtig“ weiterlesen

Gottesorte

  1. Mose 40, 1 – 17

 1 Und der HERR redete mit Mose und sprach: 2 Du sollst die Wohnung der Stiftshütte aufrichten am ersten Tage des ersten Monats. 3 Und du sollst die Lade mit dem Gesetz hineinstellen und vor die Lade den Vorhang hängen; 4 und du sollst den Tisch hineinbringen und die Schaubrote auflegen und den Leuchter hineinstellen und die Lampen darauf setzen; 5 und du sollst den goldenen Räucheraltar vor die Lade mit dem Gesetz stellen und die Decke in der Tür der Wohnung aufhängen.

             Nichts ist nebensächlich. Schon gar nicht, wie das Zelt der Begegnung  – hier im Text: die Stiftshütte – aufgestellt und geordnet wird. Fast kleinlich wirken auf den heutigen Leser diese Anweisungen. Aber darin wird sichtbar: hier geht es nicht um Geschmacksfragen, die man so oder auch anders ordnen kann. Es geht um den Ort, an dem Gott den Menschen trifft. Und da geht es eben nach den „Spielregeln“ Gottes und nicht nach menschlichem Empfinden und Fühlen.

            Der Zeitpunkt der Errichtung wird festgelegt: der erste Tag des ersten Monats. Es geht also um den Beginn eines neuen Jahres. So wie einer, eine in dieses Jahr hineingeht, sorgsam, achtsam auf die Weisungen Gottes, so wird er oder sie wohl auch durch das Jahr gehen und es zu Ende bringen.

            Die Inneneinrichtung ist ganz Moses Aufgabe. „Mose soll die letzte Hand anlegen.“ (Hj. Bräumer, Das zweite Buch Mose, 2. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1999, S.384) Er soll dafür sorgen, dass im Zentrum des Zeltes in der Mitte ist, was Israel prägt und trägt: die Lade mit dem Gesetz. „Gottesorte“ weiterlesen

Das leuchtende Angesicht

  1. Mose 34, 18 – 35

 18 Das Fest der Ungesäuerten Brote sollst du halten. Sieben Tage sollst du ungesäuertes Brot essen, wie ich dir geboten habe, zur Zeit des Monats Abib; denn im Monat Abib bist du aus Ägypten gezogen. 19 Alle Erstgeburt ist mein, alle männliche Erstgeburt von deinem Vieh, es sei Stier oder Schaf. 20 Aber den Erstling des Esels sollst du mit einem Schaf auslösen. Wenn du ihn aber nicht auslöst, so brich ihm das Genick. Alle Erstgeburt unter deinen Söhnen sollst du auslösen. Und dass niemand vor mir mit leeren Händen erscheine! 21 Sechs Tage sollst du arbeiten; am siebenten Tage sollst du ruhen, auch in der Zeit des Pflügens und des Erntens. 22 Das Wochenfest sollst du halten mit den Erstlingen der Weizenernte und das Fest der Lese, wenn das Jahr um ist.

             Es sind Anweisungen für Feste, die nicht zu dem Volk in der Wüste passen. Wohl aber zu dem Land, in das der HERR Israel führen wird. Das gilt sowohl für das Fest der ungesäuerten Brote wie auch für das Wochenfest.

             Alle Erstgeburt ist mein. Auch die Regelungen zur Auslösung der Erstgeburt weisen auf die Zeit im Land. Sie sind zugleich eine Erinnerung: Alles Leben gehört dem Schöpfer, aus dem es kommt. Es ist nicht so, dass Gott diese Auslösung „braucht“, nötig hat für sein Selbstbewusstsein. Sondern wir Menschen haben die Erinnerung nötig, dass das Leben nicht in unserer Verfügungswalt ist, sondern unter dem Eigentumsvorbehalt Gottes. Das stellt diese „Auslösung“ der Erstgeburt inhaltlich der Taufen nahe. Auch sie sagt ja: dieses Leben gehört dem ewigen Gott.

 23 Dreimal im Jahr soll alles, was männlich ist, erscheinen vor dem Herrscher, dem HERRN, dem Gott Israels.

             Es sind wichtige Feste, die mit der dreimaligen Wallfahrt verbunden werden. Die Erinnerung an den Auszug, die Einprägung der Sabbatruhe, die Erntefeste – alles ist geeignet, um in Israel eine Religionskultur zu verankern, die die Verehrung des HERRN zur Mitte hat. Der besondere Hinweis, dass die Sabbatruhe auch in der Zeit des Pflügens und des Erntens  einzuhalten ist, unterstreicht die Bedeutung des Sabbats. Aber auch, dass „dem Einzelnen aus der Ausübung seiner religiösen Pflichten kein Nachteil entsteht“ (I. Willi-Plein, Das Buch vom Auszug, Kleine Biblische Bibliothek, Neukirchen 1988, S.230) Israel hat es ja beim Sammeln des Manna in der Wüste erfahren: Am Sabbat sorgt der HERR dafür, dass das vorher Gesammelte reicht.

             Die dreimalige Wallfahrt setzt im Grunde ein gemeinsames, von allen anerkanntes  Heiligtum voraus. Das wird in Israel erst zur Zeit Salomos mit dem Bau des Tempels in Jerusalem verwirklicht sein.  „Das leuchtende Angesicht“ weiterlesen

Komm in unsre Mitte

  1. Mose 34, 1 – 17

 1 Und der HERR sprach zu Mose: Haue dir zwei steinerne Tafeln zu, wie die ersten waren, dass ich die Worte darauf schreibe, die auf den ersten Tafeln standen, welche du zerbrochen hast. 2 Und sei morgen bereit, dass du früh auf den Berg Sinai steigst und dort zu mir trittst auf dem Gipfel des Berges. 3 Und lass niemand mit dir hinaufsteigen; es soll auch niemand gesehen werden auf dem ganzen Berge. Auch kein Schaf und Rind lass weiden gegen diesen Berg hin. 4 Und Mose hieb zwei steinerne Tafeln zu, wie die ersten waren, und stand am Morgen früh auf und stieg auf den Berg Sinai, wie ihm der HERR geboten hatte, und nahm die zwei steinernen Tafeln in seine Hand.

             Das Gespräch setzt sich fort. Gott erteilt Mose Anweisungen. Er soll Ersatz beschaffen für die ersten zwei Tafeln, die er im Zorn zerbrochen hat. Die soll er vorbereiten, so dass Gott die Worte darauf schreibe, die auf den ersten Tafeln standen. So wird sichtbar: Das Zerbrechen der Tafeln hat nicht den Bund zerbrochen.

            Wo hält sich Mose bei all diesen Worten auf? Auf diese Frage kann man kommen, weil alle Ortsangaben nur ins Ungefähre weisen. Er könnte im Lager sein, aber auch im Zelt der Begegnung und auch auf halber Höhe des Berges, weil er am Morgen früh auf den Sinai steigt. Es scheint, den Erzählern liegt wenig an genauen Ortsangaben, wie wir sie gerne hätten.

            Woran ihm aber liegt, ist dass er „das Tabu des heiligen Berges streng gewahrt wissen will.“ (M. Noth, Das zweite Buch Mose, ATD 5, Göttingen 1968, S.215) Es bleibt dabei, dass es das Privileg des Mose ist, sich Gott auf dem Berg zu nahen. Niemand sonst soll sich auf dem Berg sehen lassen. So wird noch einmal die Sonderstellung des Mose unterstrichen.

 5 Da kam der HERR hernieder in einer Wolke, und Mose trat daselbst zu ihm und rief den Namen des HERRN an. 6 Und der HERR ging vor seinem Angesicht vorüber, und er rief aus: HERR, HERR, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue, 7 der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertretung und Sünde, aber ungestraft lässt er niemand, sondern sucht die Missetat der Väter heim an Kindern und Kindeskindern bis ins dritte und vierte Glied!

              Der HERR kommt, verhüllt in einer Wolke, „Die Wolke ist für Mose das Zeichen: Gott ist da!“(Hj. Bräumer, Das zweite Buch Mose, 2. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1999, S.348)Mose tritt zu ihm – wie soll man das verstehen? – und ruft ihn an. Ruft den Namen an, den er gelernt hat. Am Dornbusch. Auf dem Weg durch die Wüste, am Schilfmeer,

                Gott setzt einen neuen Anfang. In seinen Zorn, in die Anklagen, in die Verzweiflung und den Schmerz hinein über diesen Treuebruch seines Volkes hört Mose: “Barmherzig und gnädig, geduldig und von großer Treue ist Gott.”

       Das wagte Mose sich und dem Volk nicht mehr zu sagen. Darauf wagte Mose nicht mehr zu setzen. Viel zu klar stand es ihm vor Augen: Wir haben alles vertan. Alles spricht gegen uns. Wir sind halsstarrige, treulose Leute, nicht in der Lage, auch nur einigermaßen dem zu entsprechen, wie Gott ist und was er will. „Komm in unsre Mitte“ weiterlesen

Der zu helle Glanz

  1. Mose 33, 1 – 23                                       

1 Der HERR sprach zu Mose: Geh, zieh von dannen, du und das Volk, das du aus Ägyptenland geführt hast, in das Land, von dem ich Abraham, Isaak und Jakob geschworen habe: Deinen Nachkommen will ich’s geben. 2 Und ich will vor dir her senden einen Engel und ausstoßen die Kanaaniter, Amoriter, Hetiter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter 3 und will dich bringen in das Land, darin Milch und Honig fließt. Ich selbst will nicht mit dir hinaufziehen, denn du bist ein halsstarriges Volk; ich würde dich unterwegs vertilgen.

            Ein erneuter Befehl zum Aufbruch. Der Weg Israels wird nicht am Sinai enden. Es geht weiter in das Land, von dem ich Abraham, Isaak und Jakob geschworen habe: Deinen Nachkommen will ich’s geben. Es ist die Treue Gottes zu seinen Zusagen an die Väter, die hier in den Vordergrund gerückt wird. Um dieser Treue willen hält Gott an dem Volk fest, von dem er weiß: „Nicht besser als andere Menschen – ein Volk harten Nackens, unbeweglich, von sich aus nicht fähig, den Blick zu Gott zu heben.“ (I. Willi-Plein, aaO.;S. 217)

            In den Worten steckt auch Distanzierung. Ich selbst will nicht mit dir hinaufziehen, Der Treuebruch des Volkes im Tanz um das Kalb wird nicht einfach ad acta gelegt. Es stimmt nicht so: „Jahwe will nicht noch einmal das Risiko eingehen, durch selbstgemachte Götter der Menschen ersetzt zu werden.“ (Hj. Bräumer, aaO.; S.338) Aber das ist eine zu große Gefahr – für Israel: Würde Gott mit auf dem Weg sein – er könnte einen weiteren Treuebruch nicht noch einmal durchgehen lassen.

      Darum: Gottes Gegenwart „nur“ durch einen Engel. Der aber wird reichen, um den Weg frei zu machen. Völker zu vertreiben, für Israel Platz zu schaffen. Israel hat es nie vergessen: Das Land, in dem es lebt, das Land, darin Milch und Honig fließt, gehörte früher anderen Völkern. Israel ist der Gewinner einer Vertreibungsgeschichte. Etwas von dieser Bitterkeit der geschichtlichen Erbmasse ist bis heute in den Konflikten rund um Israel zu spüren.

4 Als das Volk diese harte Rede hörte, trugen sie Leid und niemand tat seinen Schmuck an. 5 Und der HERR sprach zu Mose: Sage zu den Israeliten: Ihr seid ein halsstarriges Volk. Wenn ich nur einen Augenblick mit dir hinaufzöge, würde ich dich vertilgen. Und nun lege deinen Schmuck ab, dann will ich sehen, was ich dir tue. 6 Und die Israeliten taten ihren Schmuck von sich an dem Berge Horeb.

           Menschen vor den Trümmern ihrer Beziehung zu Gott – das sind die Israeliten. Sie haben die Trümmer vor Augen: Die Tafeln des Gesetzes, die Mose zerbrochen hat. Der Bund, der ihnen zum Leben gegeben ist – mit den Tafeln zerbrochen. Die gute Wegweisung, die ihnen zum Leben gegeben ist – in diesen Tafeln zerbrochen.

           Was bleibt da zu sagen und zu hoffen? Was bleibt, ist bittere Selbstanklage: Wir haben den Anfang Gottes vertan und uns selbst die Zukunft verbaut, bevor sie überhaupt richtig anfangen konnte. Wir tragen selbst die Schuld. Wie soll es da noch einmal einen neuen Anfang geben können?

             Die Antwort des Volkes auf diese Einsicht ist ein Trauerritus. Sie legen den Schmuck ab, weil sie des größten Schmucks beraubt sind durch eigene Schuld – der Gottesgegenwart. Es wirkt wie eine Doppelung – aber es kann auch so gelesen werden: da kommt ein innerer Impuls des Volkes zusammen mit einem Wort Gottes. Es ist ein hartes Wort, das sie trifft und betroffen macht.  Das ihre Wesensart aufdeckt, ihnen zeigt: Gott macht sich über uns keine Illusionen. Er schützt uns, vor uns selbst und vor seinem Zorn, indem er auf Distanz geht. „Der zu helle Glanz“ weiterlesen