Vom missglückten Einheitsversuch

  1. Mose 11, 1 – 9

War die Sintflut-Erzählung, trotz der Schilderung einer globalen Katastrophe, doch im Grunde auf ein Einzelschicksal ausgerichtet, auf Noah, so wird jetzt der Blickwinkel neu justiert. Schon die vorangehende Völkertafel hat nicht mehr erlaubt, nur Einzelschicksale zu sehen. Das Leben des Einzelnen findet sich immer in einer Generationen-Kette wieder. Es hat Anteil an dem, was früher war. Es trägt Spuren der Vorfahren. Und es gibt selbst Spuren vor an die, die später kommen. Von denen, die später kommen, nach Noah, ist jetzt im Folgenden die Rede.

1 Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache.

            Es beginnt mit einen unscheinbaren und doch so weitreichenden Satz: Alle haben die gleiche Sprache. Was hat dieser Satz nicht alles an Suchbewegungen ausgelöst – nach der Ursprache der Menschheit. Wie viele Gedanken sind in diese Suche eingegangen. Auch das berühmte Experiment, dass Friedrich der II., der aufgeklärte Stauferkaiser im 12. Jahrhundert gestartet haben soll, wird durch diese Suche angeregt: er verbot den Hebammen, einer bestimmten Zahl von Säuglingen mit irgendeinem Laut zu begegnen. Weil er hoffte, so der Ursprache auf die Spur zu kommen.

Das Experiment ging schief. Das allerdings, was daraus zu lernen war, ist folgenreich genug, bis zum heutigen Tag: Damit aus Säuglingen Menschen werden, damit sie ins Leben hinein wachsen, sind sie auf liebevolle Ansprache und Zuwendung angewiesen. Kein Menschen kann groß werden, wenn sich ihm nicht andere zuwenden, ihn anreden, liebkosen, ihm zeigen, dass er willkommen ist.

Es mag sein, die Ursprache wird nie entdeckt. Wichtiger ist, dass die Sprache der Liebe Tag um Tag neu entdeckt und gesprochen wird, gelallt, geweint, gelacht, geliebt. „Vom missglückten Einheitsversuch“ weiterlesen

Eine Erzählung von Achtsamkeit

  1. Mose 9,18 – 29

18 Die Söhne Noahs, die aus der Arche gingen, sind diese: Sem, Ham und Jafet. Ham aber ist der Vater Kanaans. 19 Das sind die drei Söhne Noahs; von ihnen kommen her alle Menschen auf Erden. 20 Noah aber, der Ackermann, pflanzte als Erster einen Weinberg.

Neustart auf der Erde. Mit Noahs Söhnen, von denen her alle Menschen ihr Herkommen haben. Wie nebenbei auch der Hinweis: Es gibt eine gemeinsame Herkunft mit dem Vater Kanaans. Das ist wie ein versteckter, weit in die Geschichte hinein reichender Hinweis: alle Streitigkeiten mit den Kanaanitern sind in Wahrheit Familienstreitigkeiten.  

 Für die nachfolgende Erzählung eine Vorbereitung: Der Landwirt, der Bauer Noah, erfindet eine neue Kultur-Technik: Er erfindet das Anlegen von Weinbergen.

 21 Und da er von dem Wein trank, ward er trunken und lag im Zelt aufgedeckt. 22 Als nun Ham, Kanaans Vater, seines Vaters Blöße sah, sagte er’s seinen beiden Brüdern draußen. 23 Da nahmen Sem und Jafet ein Kleid und legten es auf ihrer beider Schultern und gingen rückwärts hinzu und deckten ihres Vaters Blöße zu; und ihr Angesicht war abgewandt, damit sie ihres Vaters Blöße nicht sähen.

Eine merkwürdige Geschichte, die auch darauf hindeuten mag, dass die neue Kultur-Technik den Erfinder überfordert hat. „Noah muss als Erster das Geheimnis des Neuen erst erfahren, ja er wird von der ungeahnten Kraft dieser Frucht überwältigt.“( G. v. Rad, aaO. S. 113) Er weiß noch nicht, mit seinem neuen Produkt umzugehen. Noah trinkt und wird betrunken. Das wird völlig nüchtern ohne jeden moralischen Zeigefinger erzählt.   „Eine Erzählung von Achtsamkeit“ weiterlesen

Gottes Treue-Zeichen

  1. Mose 9, 1 – 17

1 Und Gott segnete Noah und seine Söhne und sprach: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde.

Den ersten Überlebenden der Sintflut  – Noah und seinen Söhnen – wendet Gott sich im Segen zu. Auf den ersten Blick ist es die Erneuerung des Segens, wie er ihn schon über den Menschen am Anfang gesprochen hat, in der Schöpfung. Ein Segen, der auf die Mehrung der Menschen hinzielt. Aber der Segen geht weiter – und wird jetzt irgendwie „angepasst“ an die neuen Lebensverhältnisse.  Es ist jetzt der Segen, der einem konkreten Menschen, Noah, und seinen Söhnen, Sem, Ham und Jafet zugesprochen ist.

 2 Furcht und Schrecken vor euch sei über allen Tieren auf Erden und über allen Vögeln unter dem Himmel, über allem, was auf dem Erdboden wimmelt, und über allen Fischen im Meer; in eure Hände seien sie gegeben. 3 Alles, was sich regt und lebt, das sei eure Speise; wie das grüne Kraut habe ich’s euch alles gegeben.

            Es ist nicht mehr die friedliche Welt des Paradieses, das friedliche Miteinander von Mensch und Tier, das hier sichtbar wird. Ein Segen außerhalb von Eden, keine Paradies-Segen mehr. Darum: Herrschaft ist ein Stichwort dieses Segens. Und, neu gegenüber dem Anfang, der Mensch darf Fleisch essen. Nicht: er muss. Aber er darf. Er ist nicht verpflichtet, Vegetarier zu sein, weil Gott es ihm auuferlegt und abverlangt. Der Mensch, ein Allesfresser von Gottes Gnaden?

Es ist zwiespältig zu lesen, was hier steht. Weil es missverstanden werden kann. Aber diese Worte sind keine Aufforderung zur Maßlosigkeit. Und schon gar keine Rechtfertigung für Tierquälerei, auch nicht für hemmungslosen Fleischgenuss. Vor allem  auch kein  Freibrief für „Produktion von Fleisch“ ohne Fragen nach dem Wie. Hühnerhaltung, Schweineställe, Gänsemast, die keine Ehrfurcht kennt, werden hier nicht irgendwie mit gerechtfertigt. Es bleibt dabei, dass die Ehrfurcht vor allem Leben, auch vor dem Tiere eingeschrieben ist in die Ordnung der Schöpfung.

 4 Allein esst das Fleisch nicht mit seinem Blut, in dem sein Leben ist!

In dem knappen Satz, der jüdische Reinheitsvorstellung aus viel späterer Zeit spiegelt, meldet sich mehr als der Einspruch gegen einen willkürlichen Umgang mit den Tieren.  Es geht um die Achtung vor dem Blut  – dām. 360-fach kommt dieses Wort im AT vor. Das Blut „gilt zur Hauptsache als Sitz der physischen Lebenskraft als solcher.“(H. W. Wolff,  Anthropologie des Alten Testamentes, München 1973, S. 98) Die aber ist tabu. Auch da, wo es zum Essen von Fleisch kommt, soll es nie vergessen werden: Da ist Leben mit im Spiel. „Gottes Treue-Zeichen“ weiterlesen

Freiraum in der Geduld Gottes

  1. Mose 8, 13 – 22

13 Im sechshundertundersten Lebensjahr Noahs am ersten Tage des ersten Monats waren die Wasser vertrocknet auf Erden. Da tat Noah das Dach von der Arche und sah, dass der Erdboden trocken war. 14 Und am siebenundzwanzigsten Tage des zweiten Monats war die Erde ganz trocken.

            Es ist immer noch das sechshundertunderste Lebensjahr Noahs. Mich lässt diese Altersangabe ratlos. Ich lese sie als Hinweis darauf, dass Noah hochbetagt, langlebig ist. Aber nicht als reale Angabe seiner Lebensjahre. Immerhin: Jetzt sind die Wasser vertrocknet. Der Weg in neues Leben ist frei.

Es ist wohl ein Signal der Vorsicht, dass Noah behutsam anfängt, die Arche zu öffnen, zunächst nur das Dach. Als er sieht, dass der Erdboden trocken ist. So wie er ihn aus der Zeit vor der Sintflut kennt.

 15 Da redete Gott mit Noah und sprach: 16 Geh aus der Arche, du und deine Frau, deine Söhne und die Frauen deiner Söhne mit dir. 17 Alles Getier, das bei dir ist, von allem Fleisch, an Vögeln, an Vieh und allem Gewürm, das auf Erden kriecht, das gehe heraus mit dir, dass sie sich regen auf Erden und fruchtbar seien und sich mehren auf Erden.

            Daran liegt dem Erzähler: So wie Noah auf Befehl Gottes in die Arche gegangen ist, so verlässt er sie jetzt mit allem Getier auf das Geheiß Gottes hin. Der neue Schritt auf die Erde folgt einem Wort, einer Anrede Gottes. „Es war also nicht menschliche Vitalität und Eigenmächtigkeit, die die frische, vom Chaotischen freigegebene Erde in Beschlag nehmen ließ; Gott selbst hat die Erde für die Überlebenden frei gegeben.“ (G. v. Rad, aaO. S. 106)  „Freiraum in der Geduld Gottes“ weiterlesen

Eine Zeit des Wartens

  1. Mose 8, 1 – 12

1 Da gedachte Gott an Noah und an alles wilde Getier und an alles Vieh, das mit ihm in der Arche war, und ließ Wind auf Erden kommen und die Wasser fielen.

Das ist der Anfang der Rettung: Da gedachte Gott an Noah und an alles wilde Getier und an alles Vieh. Das ist nicht: Plötzlich fällt Gott wieder der vergessen gegangene Noah samt Begleitung ein. Sondern Gedenken ist nichts anderes als „Erbarmen“. Das Gedenken Gottes ist der Anfang der Rettung. So ist es, als Gott des Lot in Sodom (1. Mose 19,29) gedenkt, als Gott Rahel in ihrem Flehen erhört (1. Mose 30,22). Wer in das Gedächtnis, in das Gedenken Gottes eingeschrieben ist, der kann nicht mehr verloren gehen.

Dieses Gedenken setzt nun den Prozess in Gang, der die Sintflut an ihr Ende kommen lässt. Mich erinnert das daran, dass es im ersten Schöpfungsbericht heißt: die Erde bringe hervor. Was in Gott als Wille und Gedanke vorgeht, was er will, findet seine Fortsetzung, Umsetzung in einem beschreibbaren Geschehen. Ein Wind  weht und die Wasser fallen. „Eine Zeit des Wartens“ weiterlesen