Raum zur Umkehr

Lukas 13, 1 – 9

 1 Es kamen aber zu der Zeit einige, die berichteten ihm von den Galiläern, deren Blut Pilatus mit ihren Opfern vermischt hatte.

Pilatus, auch das wissen wir, hat einiges an harten Aktionen zu verantworten. Er kennt kein Zögern, wenn es darum geht, die römische Macht zu behaupten und die Ruhe im Land herzustellen. Es ist in seinen Augen wohl auch nicht schlimm, wenn es eine Friedhofs-Ruhe ist. So geht es hier um ein Ereignis, das die Zeitgenossen Jesu vermutlich heftig erregt hat: Im Tempelbezirk hat Pilatus galiläische Pilger umbringen lassen, die beim Opfer waren. Das weist auf die Passah-Zeit hin, denn nur da ist es so, dass die Pilger selbst opfern. Es ist brutale Gewalt: Beim Vollzug einer religiösen Handlung selbst zum Opfer zu werden, wohl unter dem Vorwurf des Terrorismus. Schon der Verdacht der Unruhen, die Vermutung der möglichen Gewalt genügt den Römern, um hart einzugreifen. Und es spricht für ein Maß an Arroganz und Ignoranz der jüdischen Seite und religiösen Gefühlen gegenüber, das schwer zu ertragen ist.

Das alles bewegt die Zeitgenossen Jesu, nicht nur in Galiläa.  Es ist, als würden sie mit der Schreckensmeldung in das Gespräch Jesu mit den Jüngern und der Menge hineinplatzen. Aufgeregt. Sie kommen zu ihm, weil sie wissen, dass Jesus aus Galiläa stammt. Weil sie ihm vielleicht deshalb eine besondere Nähe zu diesen Leuten unterstellen. Oder auch, um ihn zu warnen? Galiläa – so viel wissen wir, war in dieser Zeit ein Unruheherd, angeheizt mit sozialem Brennstoff durch Ungerechtigkeit und Gewaltakte.

2 Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Meint ihr, dass diese Galiläer mehr gesündigt haben als alle andern Galiläer, weil sie das erlitten haben? 3 Ich sage euch: Nein; sondern wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle auch so umkommen.

 Jesus greift den Bericht und die mit dem Bericht gestellte Frage auf: Haben sie es sich selbst zuzuschreiben? Greift auch hier der Tun-Ergehen-Zusammenhang, der von alters her ein Fundament jüdischen Denkens ist, der aber auch unser Denken heute noch tief bestimmt. So fragen die Erzählenden mit ihrem Erzählen und Jesus bringt ihr Fragen ans Licht. „Raum zur Umkehr“ weiterlesen

Urteilsfähig werden

Lukas 12, 54 – 59

          Bis hierhin waren die Jünger die Adressaten der Worte Jesu. Sie bekommen von ihm die Kosten ihrer Jüngerschaft vor Augen gestellt. Sie werden auch vor Illusionen gewarnt. Aber im Folgenden wechseln die Adressaten – jetzt wendet sich Jesus an die Menge.

 54 Er sprach aber zu der Menge: Wenn ihr eine Wolke aufsteigen seht vom Westen her, so sagt ihr gleich: Es gibt Regen. Und es geschieht so. 55 Und wenn der Südwind weht, so sagt ihr: Es wird heiß werden. Und es geschieht so.

  Ihr seid urteilsfähige Leute und kennt euch aus mit Wetterzeichen und Natur-ereignissen. Darin seid ihr fix.  Ihr macht euch – selbst wenn ihr das kaum bemerkt – wieder und wieder Bilder von der Wirklichkeit und von der Zukunft. Ihr könnt sehen, wie das Wetter wird. Ihr seid Realisten in vielen Dingen des Lebens.

56 Ihr Heuchler! Über das Aussehen der Erde und des Himmels könnt ihr urteilen; warum aber könnt ihr über diese Zeit nicht urteilen? 57 Warum aber urteilt ihr nicht auch von euch aus darüber, was recht ist?

Und doch – und jetzt schlägt das Lob in kritische Anfrage um: Wenn es darum geht zu sehen, was im Gange ist, was von euch gefordert ist, was der nächste Schritt wäre – warum verweigert ihr euch da? Heuchler nennt er die Leute, die so ihr Urteilsvermögen reduzieren. Nur auf das Wetter und nicht auf das Leben. Hypokritiker sind sie, die sich weigern, im Blick auf das soziale und geschichtliche Geschehen genauso wachsam und urteilsfähig zu sein und zu werden wie im Blick auf das Wetter. Es gehört zur Ironie der Geschichte: Gerade überkritische Leute stellen oft penibel Fehlverhalten weltweit fest, fühlen sich aber in keiner Weise zum Handeln genötigt. Rechtes Urteilen aber wäre: sich einmischen. Recht tun. „Urteilsfähig werden“ weiterlesen

Verstörende Worte

Lukas 12, 49 – 53

 49 Ich bin gekommen, ein Feuer anzuzünden auf Erden; was wollte ich lieber, als dass es schon brennte!

 Wenn es Worte Jesu gibt, die uns schwer zu schaffen machen, dann doch diese Worte. Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, dass Jesus für Frieden steht, für Versöhnung, für Harmonie, dass wir mit diesen Worten hoffnungslos überkreuz sind. Ein Feuer statt Frieden? Das kann nicht Jesus im Originalton sein. Brandstifter Jesus? Hat ihn der Täufer doch besser verstanden als wir, der einen nach sich kommen sah mit dem Feuerbrand des Gerichtes? (3,9) Unheimlich und fremd bleiben diese Worte. Sperrig für eine Christenheit, die den guten Gott beschwört und den lieben Herrn Jesus.

So wie die Forderung nach Wachsamkeit Worte gegen eine schläfrige, selbst-zufriedene Haltung sind, so sind auch diese Worte widerständig gegen Anpassungen und Verharmlosungen der Botschaft Jesu. Mit dem Jesus dieser Worte ist ein verbürgerlichtes Christentum nicht zu machen.

Wie viel näher ist da Sören Kierkegaard dem, was Jesus hier sagt.

 „Die Geschichte erzählt, dass ein Reisezirkus in Dänemark in Brand geraten war. Der Direktor schickte daraufhin den Clown, der schon zur Vorstellung gerüstet war, in das benachbarte Dorf, um Hilfe zu holen, da die Gefahr bestand, dass über die abgeernteten, ausgetrockneten Felder das Feuer auch auf das Dorf übergreifen würde. Der Clown eilte in das Dorf und bat die Bewohner, sie mögen eiligst zu dem brennenden Zirkus kommen und löschen helfen. Aber die Dörfler hielten das Geschrei des Clowns lediglich für einen ausgezeichneten Werbetrick, um sie möglichst zahlreich in die Vorstellung zu locken; sie applaudierten und lachten Tränen. Dem Clown war mehr zum Weinen als zum Lachen zumute. Er versuchte vergebens die Menschen zu beschwören und ihnen klarzumachen, dass dies keine Verstellung und kein Trick sei, sondern bitterer Ernst. Sein Flehen steigerte nur das Gelächter, man fand, er spiele seine Rolle ausgezeichnet – bis schließlich in der Tat das Feuer auf das Dorf übergegriffen hatte und jede Hilfe zu spät kam, so dass Dorf und Zirkus gleichermaßen verbrannten.“ (Gleichnis von Søren Kierkegaard, Wortlaut aus Ratzinger, Joseph: Einführung in das Christentum. München : Kösel, 4. Auflage 1968, S. 17.) „Verstörende Worte“ weiterlesen

Seid bereit

Lukas 12, 35 – 48

35 Lasst eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen 36 und seid gleich den Menschen, die auf ihren Herrn warten, wann er aufbrechen wird von der Hochzeit, damit, wenn er kommt und anklopft, sie ihm sogleich auftun.

 Das ist – jedenfalls auf den ersten Blick – ein völliger Themenwechsel. Es geht nicht mehr um den irdischen Besitz. Es geht um Wachsamkeit, um Wachsein für das Kommen Gottes. Das war bisher noch nicht Thema. Wieso wird es das jetzt?

   Das vorige Leitthema war der Besitz und die Aufmerksamkeit, die er Menschen abverlangt. Jetzt aber geht es um die andere Aufmerksamkeit. Die Stichwort-Verbindung nach hinten ist wohl mit dem Satz „Trachtet vielmehr nach seinem Reich, so wird euch das alles zufallen.“(12,31) gegeben. Jesus will, dass sich seine Jünger auf das Reich ausrichten. Und gerade weil es nicht in demonstrativer Größe und mit großem Getöse kommt, ist Wachsamkeit geboten. Nicht die Sorge um das, was sie haben, sondern die Erwartung des kommenden Herrn soll die Aufmerksamkeit der Jünger beanspruchen.

Dabei ist durchaus auffällig, wie Jesus einsetzt:  Lasst eure Lenden umgürtet sein. Eine ganz profane, alltägliche Geste. Sich reisefertig halten. Das ist Bereitschaft zum Aufbruch. Hier und Jetzt, im Alltag.

Das ist für den Bibelleser zugleich Erinnerung – an die Nacht des Aufbruchs aus Ägypten. An die Ordnung des Passamahles:So sollt ihr’s aber essen: Um eure Lenden sollt ihr gegürtet sein und eure Schuhe an euren Füßen haben und den Stab in der Hand und sollt es in Eile essen; es ist des HERRN Passa.“ (2. Mose 12,11) 

Lukas, der sein Evangelium schreibt, weiß um die Gefahr, dass die Sehnsucht nach dem Kommen des Herrn erschlaffen kann, dass über alle dem, was zu tun ist und was wir haben, der Blick nach vorne verloren geht.

  Dabei setzen die Worte Jesu voraus, dass seine Jünger sofort verstehen, wovon die Rede ist. Er redet völlig selbstverständlich vom Kommen des Herrn. Diese Welt ist sich nicht selbst genug. Diese Welt hat eine Zukunft vor sich, die sie nicht selbst herbei führt, die den Rahmen der normalen Zeitläufe sprengt. Diese Zukunft ist das Kommen Gottes – und er kommt wie einer von einer Hochzeit kommt. „Seid bereit“ weiterlesen

Sorglos werden

 Lukas 12, 22 – 34

 Weiter geht es im Text. Jesus bleibt nicht bei dem negativen Beispiel des reichen Kornbauern stehen. Er möchte seine Jünger zu einem Leben „verleiten“, das die größere Freiheit atmet, das sich nicht erschöpft in der Sorge um die Lebensmittel.

22 Er sprach aber zu seinen Jüngern: Darum sage ich euch: Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen sollt, auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen sollt. 23 Denn das Leben ist mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung.

Ausdrücklich: Jünger-Rede. Obwohl es doch sinnvoll wäre, es allen Menschen zu sagen. Man könnte sogar doch auch auf die Idee kommen: Die Jünger haben ja alles hinter sich gelassen. Sie haben der alltäglichen Sorge ums Auskommen Abschied gegeben. Sie sind doch auf dem Weg der Nachfolge. Aber diese Anrede zeigt: Es ist nicht selbstverständlich und ist auch nicht mit dem einen Schritt in die Nachfolge getan. Auch wer alles aufgegeben hat, kann leicht wieder der Sorge anheimfallen um Essen und Trinken, um Kleidung und Aussehen.

 Mir fallen Besuche bei Kommunitäten ein – und die Unterschiedlichkeit im Tragen der einheitlichen Tracht. Da ist der Verzicht auf das individuelle Gepräge von Kleidung Programm und doch: Die einzelnen Leute sind durchaus individuell in ihrer Einheitstracht. Auch hinter der Tracht zeigt sich der wählende und gestaltende Wille der Einzelnen. Ich sehe das und denke: Wie schön, dass hier Individualität sichtbar wird. Gut so! dass eine und einer auch auf sein Äußeres achtet.

Darum ist die Erinnerung Jesu für seine Jünger nicht des Guten zu viel. Sie ist wichtig, damit die naturgemäße Sorge nicht auf einmal unter der Hand und unter dem frommen Deckmantel doch wieder das Regiment übernimmt. „Sorglos werden“ weiterlesen