Das Ende ist nicht das Ende

  1. Petrus 3, 10 – 18

10 Es wird aber des Herrn Tag kommen wie ein Dieb; dann werden die Himmel zergehen mit großem Krachen; die Elemente aber werden vor Hitze schmelzen, und die Erde und die Werke, die darauf sind, werden ihr Urteil finden. 11 Wenn nun das alles so zergehen wird, wie müsst ihr dann dastehen in heiligem Wandel und frommem Wesen, 12 die ihr das Kommen des Tages Gottes erwartet und erstrebt, an dem die Himmel vom Feuer zergehen und die Elemente vor Hitze zerschmelzen werden.

            Auf den ersten Blick ist das nur Ende, Untergang, Katastrophe. Petrus greift gemein-christliche Tradition auf, zumindest in seiner Wortwahl.  Der „Dieb in der Nacht“(Markus 3,27) ist eine Jesus-Formulierung für sein eigenes Kommen. Jesus „hat vom Kommen der Reichszukunft wie vom Kommen eines Diebes gesprochen, was auf das Kommen des Menschensohnes gedeutet wurde und damit auf die Parusie des Christus.“(W. Grundmann, aaO. S.117) Und die Sache – das Ende der Welt – sprechen fast alle NT-Texte an. Es ist auch eine Vorstellung, die in der Umwelt vorhanden ist. Vom Weltuntergang zu reden ist durchaus kein christliches Sondergut.

            Was mich beschäftigt: Sind das nur apokalyptische Vorstellungen? Oder ist so etwas wie der Untergang von Pompeji, der vermutlich damals über Jahrzehnte hin in aller Munde war und das Lebensgefühl sicherlich nicht nur in Rom bewegt hat, auch ein Impuls, über das Vergehen der Welt nachzudenken und sie nicht für unvergänglich zu halten? Ich habe es in letzter Zeit durch Lesen gelernt: Ein Meteoriten-Einschlag von der Größe des Meteoriten, der vor Millionen Jahren des Nördlinger Ries hat entstehen lassen, wird ein weltweites Inferno auslösen und die Gestalt der Erde so verändern, dass nichts mehr ist wie wir es kennen und wie es uns „ewig“ dünkt. Vorwarnzeit: Null. So ein Meteorit wird kommen wie der Dieb in der Nacht.

  Die Herausforderung ist schon deutlich zu greifen: Die Welt, die beständig ist, wird vergehen. Menschen, die vergänglich sind, werden bleiben. Normalerweise denken wir umgekehrt: „Eine Generation geht, eine andere kommt. Die Erde steht in Ewigkeit“. (Prediger 1,4) Erst recht: Was ist das für ein Denken, das dem kommenden Tag Gottes entgegen-wartet, ja ihn  ersehnt, ihn erstrebt. Dein Reich komme! beten ist die eine Sache. Es real erwarten und erhoffen eine andere. „Das Ende ist nicht das Ende“ weiterlesen

Noch ist Raum zur Umkehr

  1. Petrus 3, 1 – 9

1 Dies ist nun der zweite Brief, den ich euch schreibe, ihr Lieben, in welchem ich euren lauteren Sinn erwecke und euch erinnere, 2 dass ihr gedenkt an die Worte, die zuvor gesagt sind von den heiligen Propheten, und an das Gebot des Herrn und Heilands, das verkündet ist durch eure Apostel.

            Der Ton wird – Gott sei Dank – sanfter. Immerhin: Ihr Lieben. γαπητο. Die Stärkung des Glaubens hat es oft damit zu tun, dass wir erinnert werden. Erinnert an die Wege, die Gott mit uns gegangen ist, an die Worte, denen wir einmal Vertrauen geschenkt haben, an die Gebote, die uns den Weg des Lebens finden helfen, an die Menschen, die uns das Evangelium nahe gebracht haben. Erinnerung hilft dem schwachen Gedächtnis auf und macht widerstandsfähig gegenüber dem Heute, das so leicht alle früheren Erfahrungen und Entscheidungen für vergangen erklären will und zugleich die Zukunft als „noch nicht“ zu verschlingen droht.

            An die Worte der heiligen Propheten. An die Gebote des Herrn. Es ist hier deutlich: es geht um ein Erinnern an die Inhalte: „Das Gebot des Herrn und Retters umfasst den Inhalt des Glaubens und bestimmt die Weise des Lebens. Es ist das Gebot des Glaubens und des Lebens, das neue Gesetz.“ (W. Grundmann, aaO.; S.109) Die Vorstellung hinter diesen Worten ist offensichtlich: Es gibt so etwas wie einen Kanon, an den man sich zu halten hat, Lehrsätze, die zu glauben sind. Vermittelt sind sie durch das „Kollegium der Propheten und Apostel“. Diese sind „eine einheitliche, der ganzen Kirche zu- und vorgeordnete Größe“(W. Schrage, aaO. S.142) Ich fühle mich an die Deutsche Bischofskonferenz, den Rat der EKD oder gar das Kardinals-Kollegium in Rom erinnert. „Noch ist Raum zur Umkehr“ weiterlesen

Aneinander festhalten

  1. Petrus 2, 12 – 22

 12 Aber sie sind wie die unvernünftigen Tiere, die von Natur dazu geboren sind, dass sie gefangen und geschlachtet werden; sie lästern das, wovon sie nichts verstehen, und werden auch in ihrem verdorbenen Wesen umkommen 13 und den Lohn der Ungerechtigkeit davontragen.

             Die, von denen jetzt die Rede ist und sein wird, folgen der Natur. Sie sind wie Tiere. Es hat den Anschein, der Schreiber sagt: Sie sind zum Untergang, zum Verderben bestimmt. Vorherbestimmt. Für Tiere ist ihr Schicksal unabänderlich – sind  doch dazu geboren sind, dass sie gefangen und geschlachtet werden. Dieser Vergleich bestreitet den Irrlehrern auch nur die Möglichkeit, von ihrem Weg umzukehren. Sie sind an ihn ausgeliefert, im Unverstand und im verdorbenen Wesen. Sie sind hoffnungslose Fälle.

Sie halten es für eine Lust, am hellen Tag zu schlemmen, sie sind Schandflecken, schwelgen in ihren Betrügereien, wenn sie mit euch prassen, 14 haben Augen voll Ehebruch, nimmer satt der Sünde, locken an sich leichtfertige Menschen, haben ein Herz getrieben von Habsucht – verfluchte Leute!

 Die Hoffnung auf freundliche Worte hat getrogen. Wie ein Sturzbach ist das. Alles wird mitgerissen in einem Strom, der alle Dämme brechen lässt. Moralischer Verfall, menschliche Defizite, nichts als Untergang. Besonders beängstigend: Das ist nicht draußen vor der Tür. „..wenn sie mit euch prassen“ – offensichtlich geht es um Menschen, die zumindest im Kontakt zur Gemeinde stehen, wenn nicht um Gemeindemitglieder. Umso härter dieses so endgültige Urteil: verfluchte Leute! Sie sind zuchtlos, durch und durch verderbt. „Gerade bei den der gemeinsamen Mahlzeit schauen sie sich nach Frauen um, mit denen sich ehebrecherische Beziehungen anknüpfen lassen, auch darin wieder Schmutz- und Schandflecken, die ihre unreine Gier vergiftend in die Versammlungen hinein tragen.“ (W. de Boor, aaO. S. 228) Es ist ein Sprachmuster, dem der Ausleger folgt: Die anders lehren, sind moralisch fragwürdig, ansteckend. Es geht Infektionsgefahr von ihnen aus,

Vorsichtig frage ich: Maßt sich der Schreiber nicht etwas an, was ihm nicht zusteht? Das Urteil über die Brüder und Schwestern, die anders als ich glauben, ist doch nicht meine Sache. Wie anders und wie viel vorsichtiger und behutsamer ist Paulus: „Wer bist du, dass du einen fremden Knecht richtest? Er steht oder fällt seinem Herrn. Er wird aber stehen bleiben; denn der Herr kann ihn aufrecht halten.“(Römer 14,4) Da werden nicht alle Türen zu dem anderen zugeschlagen und alle Umkehrchancen verneint. 

15 Sie verlassen den richtigen Weg und gehen in die Irre und folgen dem Weg Bileams, des Sohnes Beors, der den Lohn der Ungerechtigkeit liebte, 16 empfing aber eine Strafe für seine Übertretung: Das stumme Lasttier redete mit Menschenstimme und wehrte der Torheit des Propheten. 17 Das sind Brunnen ohne Wasser und Wolken, vom Wirbelwind umhergetrieben, ihr Los ist die dunkelste Finsternis. 18 Denn sie reden stolze Worte, hinter denen nichts ist, und reizen durch Unzucht zur fleischlichen Lust diejenigen, die kaum entronnen waren denen, die im Irrtum ihr Leben führen, 19 und versprechen ihnen Freiheit, obwohl sie selbst Knechte des Verderbens sind. Denn von wem jemand überwunden ist, dessen Knecht ist er geworden.

„Erneut setzen Anklage und Urteil ein.“(W. Grundmann, aaO., S.98) Wir erinnern uns: Es geht um Menschen, die für sich die Autorität zu lehren beanspruchen. Sie wollen anderen den Weg weisen. Von ihnen sagt Petrus: Das sind Brunnen ohne Wasser und Wolken, vom Wirbelwind umhergetrieben, ihr Los ist die dunkelste Finsternis. Lehrer ohne Inhalt, ohne Tiefgang, ohne Wasser. „Eine Quelle war bildliche Bezeichnung für die Belehrung der Weisen oder die Fruchtbarkeit der Tora, eine ausgetrocknete Quelle hingegen Symbol für bittere Enttäuschung.“(A. Vögtle, aaO., S.205) Sie gleichen den toten Zisternen, vor denen schon der Propheten gewarnt hat. „Mich, die lebendige Quelle, verlassen sie und machen sich Zisternen, die doch rissig sind und kein Wasser geben.“(Jeremia 2,13)

Das Bild von der reinen Gemeinde in den Anfangsjahren wird hier gründlich zerstört. Aber es wird in einer Weise zerstört, die mich zugleich fragen lässt: Ist das nicht die Überzeichnung von Untergangsbildern? Hier versucht jemand, mit solchen Schreckensgemälden die Leute bei der Stange zu halten. „Aneinander festhalten“ weiterlesen

Wir sind keine reine Gemeinde

  1. Petrus 2, 1 – 11

 1 Es waren aber auch falsche Propheten unter dem Volk, wie auch unter euch sein werden falsche Lehrer, die verderbliche Irrlehren einführen und verleugnen den Herrn, der sie erkauft hat; die werden über sich selbst herbeiführen ein schnelles Verderben. 2 Und viele werden ihnen folgen in ihren Ausschweifungen; um ihretwillen wird der Weg der Wahrheit verlästert werden. 3 Und aus Habsucht werden sie euch mit erdichteten Worten zu gewinnen suchen. Das Gericht über sie bereitet sich seit langem vor, und ihr Verderben schläft nicht.

            Hier hat die Sorge das Wort und ein bisschen auch die Erfahrung. Zu allen Zeiten gibt es falsche Propheten, gibt es Täuscher und Schönredner. Davor ist die Gemeinde Christi nicht automatisch bewahrt. Aber es ist doch auch schwierig mit diesen Worten. Will Petrus warnen? Dann ist das nicht wirklich der richtige Weg, weil es so unausweichlich, fast schicksalhaft klingt: Es müssen falsche Propheten und falsche Lehrer kommen – aber warum das sein muss, dazu sagt er nichts. Dahinter scheint mir – unausgesprochen – das Bild von der Bewährung und der großen Scheidung zu stehen. Damit es sich zeigt, wer es ernst meint, muss es zu diesen Auftritten der Verführer kommen. So ähnlich sieht es auch Paulus, wenn er von den „notwendigen Spaltungen“ redet (1. Korinther 11, 19)

             ψευδοπροφται, ψευδοδιδσκαλοι – Pseudo-Propheten, Pseudo-Lehrer. Leute, die, weil sie mit Lügen umgehen, keinerlei Lehr-Autorität haben. Es wirkt wie ein Blick in die Zukunft, ist aber in Wahrheit wohl eine Sicht auf die gegenwärtige Gemeinde. Nicht erst das Kommen von Irrlehrern wird angekündigt, sondern ihr Wirken jetzt wird angegriffen. Es gibt Lehrer in den Gemeinden, denen der Briefschreiber jede Autorität zu Lehren abspricht. Ihr Verhalten schmerzt umso mehr, weil sie ja zu den Christen gehören: sie gehörten zu denen, die der Herr erkauft hat.

 Aber sie verleugnen ihn – in Worten und Werken, in ihren Lehren und ihrem Lebenswandel. Sie werden, das gehört regelrecht zum Repertoire  der Auseinandersetzung mit Irrlehrern, moralisch verdächtigt:  Ausschweifungen und Habsucht. Das besonders Skandalöse daran: „Wegen der Unmoral der Verführer wie der vielen Verführten wird die im Leben zu verwirklichende Glaubenslehre – diese ist mit dem semitischen Ausdruck „Weg der Wahrheit“ gemeint – von den Nichtchristen verlästert. Heiden, die das Christentum nach dem Lebenswandel dieser sich als Christen ausgebenden Libertinisten (=Freigeister, auch moralisch – Ergänzung Lenz)beurteilen, können jenes als minderwertig abtun, weil es zu nichts Gutem führe.“ (A. Vögtle, aaO. S.185) Daran hat sich bis heute nichts geändert: Die Lebensführung von Christen, vor allem von „hochgestellten Christen“ muss oft genug als Argument gegen den Glauben herhalten – ob es um sexuelle Übergriffe oder finanzielle Verschwendung, um Prunksucht oder Intoleranz geht.

4 Denn Gott hat selbst die Engel, die gesündigt haben, nicht verschont, sondern hat sie mit Ketten der Finsternis in die Hölle gestoßen und übergeben, damit sie für das Gericht festgehalten werden; 5 und hat die frühere Welt nicht verschont, sondern bewahrte allein Noah, den Prediger der Gerechtigkeit, mit sieben andern, als er die Sintflut über die Welt der Gottlosen brachte; 6 und hat die Städte Sodom und Gomorrha zu Schutt und Asche gemacht und zum Untergang verurteilt und damit ein Beispiel gesetzt den Gottlosen, die hernach kommen würden; 7 und hat den gerechten Lot errettet, dem die schändlichen Leute viel Leid antaten mit ihrem ausschweifenden Leben.

    Das ist ein merkwürdig einseitiger Griff in die Geschichte Gottes mit der Welt: Engelbestrafung, Sintflut und der Untergang von Sodom und Gomorrha. Es gibt auch andere Geschichten, die von der Lust Gottes erzählen, Leben zu schenken, auch den Gottlosen. Es gibt das Evangelium, das von der Zuwendung Jesu gerade zu denen erzählt, die Gott gern sind, ihn nicht kennen. „Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“ (Lukas 19,10)Es gibt das Evangelium des Paulus, dass die Rechtfertigung der Gottlosen ins Zentrum rückt. „Denn es ist hier kein Unterschied: 23 Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie vor Gott haben sollen, 24 und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist… So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.“ Römer 3, 22c-24.28) Es wirkt fast, als hätte diese Mitte des Evangeliums bei Petrus kein Echo gefunden, keine bleibende Wirkung. Sonst könnte er so nicht ungerührt Untergang beschwören.

Mir scheint, dass diese Auswahl mehr über die Untergangs-Phantasien des Petrus erzählt als über den wechselvollen Weg Gottes mit seinem Volk. Wenn man die Sätze hintereinander weg liest, so hat man eine düstere, verkommene Welt vor Augen, eine Welt, die dem Untergang zutreibt. Und eine Gemeinde, die dem nichts entgegen zu setzen hat, sondern die einfach nur mitgerissen wird.

Worauf kommt es Petrus aber an? Gott beantwortet Sünde mit Strafe. Er verschont sogar die Engel nicht. Sondern gerade an ihnen zeigt sich der ganze Ernst der Strafen Gottes: Sie werden mit Ketten der Finsternis in die Hölle gestoßen und übergeben, damit sie für das Gericht festgehalten werden. Die Leser sollen es wissen: Es gibt kein Entrinnen vor dem Gericht Gottes. Mag sein, Gottes Mühlen mahlen langsam. Aber sie stehen eben nicht irgendwann untätig still.

Daneben tritt als zweite Botschaft: Dieses Gericht trifft nicht alle. Es trifft die nicht, die durch ihre Gerechtigkeit zu Gott gehören –  Noah, den Prediger der Gerechtigkeit, mit sieben andern und auch den gerechten Lot. Hier ist kein Zweifel: die Gerechtigkeit, die er Noah und Lot und ihrer Begleittruppe attestiert, ist nicht Geschenk, nicht eine zugesprochene Gerechtigkeit, sondern sie resultiert aus ihrem gerechten Leben.

 8 Denn der Gerechte, der unter ihnen wohnte, musste alles mit ansehen und anhören und seine gerechte Seele von Tag zu Tag quälen lassen durch ihre bösen Werke. 9 Der Herr weiß die Frommen aus der Versuchung zu erretten, die Ungerechten aber festzuhalten für den Tag des Gerichts, um sie zu strafen, 10 am meisten aber die, die nach dem Fleisch leben in unreiner Begierde und jede Herrschaft verachten. Frech und eigensinnig schrecken sie nicht davor zurück, himmlische Mächte zu lästern, 11 wo doch die Engel, die größere Stärke und Macht haben, kein Verdammungsurteil gegen sie vor den Herrn bringen.

        Im Bild des Lot soll die Gemeinde sich wohl wiederfinden. So wie Lot in Sodom und Gomorra leben auch sie in einer Welt, deren Laster ihnen zusetzt. Sie sehen Unmoral, wohin das Auge blickt. Sie sind umgeben von einem Meer von Sünden. Sie sehen eine Welt, in der nichts mehr heilig ist. Es ist ein Bild von der Welt, das manche frommen Leute auch heute haben. Für sie besteht die einzige Hoffnung darin: Der Herr weiß die Frommen aus der Versuchung zu erretten.

             Es ist eine gefährliche Botschaft: „In der eigenen Gemeine als „Fremdling“ zu gelten, als rückständig, und eng verlacht zu werden, vielleicht sogar von den neuen Männern bedroht zu sein, das war schwer. Seht auf Lot! Ruft Petrus diesem Teil der Gemeinde zu. Stärkt euch an seinem Vorbild. Und bedenkt, wie er gerettet wurde, während die anderen mit ihrem zügellosen Leben und ihren großen Worten schrecklich umkamen.“ (W. de Boor, Die Briefe des Petrus und Judas, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1976, S.224)Wer die Härte innergemeindlicher Debatten um den rechten Glauben und das richtige Leben kennt, erschrickt: Wird hier Material geliefert, um die anderen denen gleichzusetzen, die in Sodom und Gomorra vernichtet worden sind? Dient so eine Denkfigur im Ernst der Verständigung oder stempelt sie nicht einfach die anderen ab: Verlorene Seelen, dem Gericht preisgegeben. Rettungslos.         

            Da hoffe ich einen Augenblick auf einen neuen Ton in diesen Worten. Es gibt Gerechte in einer ungerechten Welt. Es gibt Fromme, die ihre Frömmigkeit durchhalten. Es gibt auch Ungerechte. Und Gott hält sie alle. Das wäre doch eine Botschaft, die zumindest mir gut tut. So klingt es ja auch bei Jesus: „Gott lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ (Matthäus 5, 43) Ich halte ja auch nichts davon, die Welt in ihrem Zustand rosarot zu färben. Aber eben auch nicht schwarz – und das Gefühl habe ich hier: Da wird nur noch schwarzgesehen.

Zum Weiterdenken

            Es scheint, der Schreiber dieser Passage sieht die Gemeinde auf dem Weg ins Verderben. Es ist nichts zu hören von Vertrauen auf die geistliche Urteilsfähigkeit der Briefempfänger, nichts von der orientierenden Kraft der Gottesdienste, nichts vom Halt, den sie alle im Evangelium finden können. Nur schwarz in schwarz. Das geht mir auch deshalb nahe, weil ich es ständig zu hören bekomme: „Mit der Kirche geht es bergab. Da ist keine Klarheit. Da ist nur Anpassung. Kein Aufsuchen derer, die allein und einsam sind. Niemand schaut nach mir – seit Jahre nicht.“ Ich kann die Klagen meiner Schwiegermutter deckungsgleich auf die Worte des Petrus legen. Sie passen auch heute auf eine Sicht, die nur noch Versagen, Abfall, Verlust in der Kirche sieht. Ich weiß von mir, dass ich das auch deshalb nicht gut aushalte, weil ich es unfair denen gegenüber finde, die in unseren Gemeinden gute Arbeit leisten, Aber wenn ich ehrlich bin, muss ich mir eingestehen: Diese harte Kritik ist in vielem auch meinem Denken nicht ganz fremd. Ich kämpfe innerlich gegen sie an, weil sie unfruchtbar ist.

Nicht alle biblischen Texte haben eine schöne Wirkungsgeschichte. So liefern auch diese Sätze hier reichlich Material für innergemeindliche Abgrenzungen: Wir sind die Erwählten, die richtigen Frommen. Ihr seid es nicht. Es ist erschreckend, mit welcher Härte solche Auseinandersetzungen geführt worden sind. Erschreckend auch, weil der andere Wege, die anderen durch Respekt und Liebe zu gewonnen, so oft unter den Tisch gefallen ist. Was bleibt ist die Herausforderung, den eigenen Umgang mit denen zu prüfen, die auf dem falschen Weg zu sein scheinen. Wo regiert die Härte, wo die Liebe?  Und wie kann es gelingen, die anderen zu gewinnen?

„Wind und Sonne machten Wette, wer die meisten Kräfte hätte,                                Einen armen Wandersmann seiner Kleider zu berauben.  

Wind begann; doch sein Schnauben                                                                                   Tat ihm nichts; der Wandersmann zog den Mantel dichter an.

 Wind verzweifelt nun und ruht; und ein lieber Sonnenschein                                      Füllt mit holder, sanfter Gluth Wanderers Gebein.

 Hüllt er nun sich tiefer ein? Nein!                                                                                         Ab wirft er nun sein Gewand, und die Sonne überwand. 

Übermacht, Vernunftgewalt, Macht und lässt uns kalt;                                                Warme Christusliebe – Wer, der kalt ihr bliebe?“                                                                                 J. Herder Gedichte, Fünftes Buch, Geschichte und Fabel, 4. Fabel.

      

Mein Gott, wie viel Schmerz liegt hinter diesen Worten. Wie viele Versuche, Wege zueinander zu finden. Wie viel Resignation auch, weil alle Versuche zur Verständigung gescheitert sind.

Gott, ich bitte Dich, dass Du uns hilfst, zäh aneinander festzuhalten. Gerade auch an denen, mit denen wir es schwer haben.Sie haben es ja auch mit uns schwer. Und Du hast es mit ihnen nicht schwerer als mit mir. Amen

Letzte Worte?

  1. Petrus 1, 12 – 21

12 Darum will ich’s nicht lassen, euch allezeit daran zu erinnern, obwohl ihr’s wisst und gestärkt seid in der Wahrheit, die unter euch ist. 13 Ich halte es aber für richtig, solange ich in dieser Hütte bin, euch zu erwecken und zu erinnern; 14 denn ich weiß, dass ich meine Hütte bald verlassen muss, wie es mir auch unser Herr Jesus Christus eröffnet hat. 15 Ich will mich aber bemühen, dass ihr dies allezeit auch nach meinem Hinscheiden im Gedächtnis behalten könnt.

            „Der nun folgende Abschnitt macht den 2. Petrusbrief zum Testament des Petrus.“ (W. Grundmann, Der Brief des Judas und der zweite Brief des Petrus, Theol. Handkommentar zum NT, Bd. 15. Berlin 1979, S.78) Zu letzten Worten mit dem besonderen Gewicht letzter Worte.  Was bleibt noch zu sagen, wenn die Tage abkürzen? Was möchte ich noch gerne sagen, wenn das „big white door(Chris Rea) schon in Sichtweite ist? Petrus spürt, dass der Weg seines Lebens sich dem Ende zuneigt. Und darum will er wesentlich werden – und das heißt: Er will erinnern an die Fundamente des Lebens und des Glaubens. Das, was trägt, worauf man sich verlassen kann – das war sein Thema und soll es auch bis zum Ende hin bleiben. Gut, dass das nicht wehmütig klingt, sondern nüchtern.

Petrus will mit diesen Worten auch Kontinuität erreichen. Seine Leserinnen und Leser sollen die Spur sehen und halten können, die er gelegt hat. Sie sollen im Gedächtnis behalten, was er sie gelehrt hat. Es geht ihm also auch um eine Verpflichtung seiner Gemeinde, auf dem Weg zu bleiben, den er sie mit diesen Worten lehrt.

            Es ist ein Erinnern, das anknüpft an das, was die Leserinnen und Leser selbst wissen, gelernt haben, glauben. An die Wahrheit, die unter euch ist. ληθεα. Diese Wahrheit ist belastbar.  „Wahrheit ist die Mitteilung, auf die man sich verlassen kann, weil sie zuverlässig ist und in die man sein Leben gründen kann, weil sie nicht trügt.“ (W. Grundmann, aaO.; S.79) Es ist kein Zweifel – diese Wahrheit „hat“ die Gemeinde in der Überlieferung, die sich auf die Apostel zurück bezieht. „Letzte Worte?“ weiterlesen

geschenkt

  1. Petrus 1, 1 – 11

1 Simon Petrus, ein Knecht und Apostel Jesu Christi, an alle, die mit uns denselben teuren Glauben empfangen haben durch die Gerechtigkeit, die unser Gott gibt und der Heiland Jesus Christus: 2 Gott gebe euch viel Gnade und Frieden durch die Erkenntnis Gottes und Jesu, unseres Herrn!

  Damit fangen damals alle Briefe an, dass der Schreiber sich selbst benennt, vorstellt. Hier also Simon Petrus, ein Knecht und Apostel Jesu Christi. Die Ausleger sind sich weitgehend einig: Dieser Simon Petrus ist nicht der erste Jünger Jesu. Da schreibt einer, der sich den Namen und die Autorität des Jüngers „leiht“. Warum? „Wer die Christen insgesamt oder doch einen größeren Kreis von Gemeinden auf die Auseinandersetzung mit Dissidenten ansprechen wollte, konnte das in der zweiten oder dritten Generation unter Berufung auf Augen- und Ohrenzeugenschaft tun, mangels universal anerkannter Lehrkompetenz aber nicht im eigenen Namen.“(A. Vögtle, Der Judasbrief/der zweite Petrusbrief, EKK XXII, Neukirchen 1994, S.122)

      Es geht bei der Namensleihe nicht um Anmaßung oder Selbsterhöhung – es geht um die Bereitschaft der Leser zu hören und zu verstehen. Was wir als durchaus problematisch empfinden, sich den Namen eines anderen Autors für die eigenen Worte anzueignen, war in früheren Zeiten zwar nicht gang und gäbe, aber doch eine Praxis, die nicht als verlogen zu gelten hatte.

        Neben die Absender-Nennung – ich bleibe für meine Betrachtungen bei Petrus – tritt die Angabe der Adressaten. Sie fällt aus dem gewohnten Rahmen. Keine Ortsangabe. Keine Anrede: „An die Heiligen in…“ sondern eine Anrede, die die Gleichartigkeit ihres Glaubens mit dem Briefschreiber betont: an alle, die mit uns denselben teuren Glauben empfangen haben. Dabei zielt Gleichartigkeit „nicht auf dieselbe subjektive Intensität oder Ergriffenheit, die den Normalchristen mit den Aposteln verbindet, sondern auf den objektiven Inhalt des Glaubens.“ (W. Schrage, Der zweite Petrus-Brief, NTD 10, Göttingen 1973, S.124f.) Es geht um die Gleichartigkeit, wie sie das sonntäglich im Gottesdienst gesprochene Glaubensbekenntnis zum Ausdruck bringt. Das ist, unabhängig von meiner augenblicklichen Befindlichkeit der Inhalt des Glaubens, den ich mit allen Christen auf der Welt teile.  „geschenkt“ weiterlesen

Heile dieses Land

Klagelieder 5, 1 – 22

1 Gedenke, HERR, wie es uns geht; schau und sieh an unsre Schmach!

   In der Vulgata wird dieser Text „Gebet des Jeremia“ genannt. Aber das uns mag ein Hinweis sein. Nach der Stimme eines Einzelnen haben wir jetzt wieder die Klage des Volkes vor Augen. Und wieder das Rufen: Gedenke doch. Schau und sieh. Es ist die Hoffnung Israels, die Hoffnung auch der Einzelnen: Wenn Gott unser gedenkt, unsere Not sieht, dann wird das der Anfang seiner Hilfe sein. Darum macht es auch Sinn, nach ihm zu rufen, zu ihm zu beten. Ihm zu sagen, wie es um das Volk steht.

  2 Unser Erbe ist den Fremden zuteil geworden und unsre Häuser den Ausländern. 3 Wir sind Waisen und haben keinen Vater; unsre Mütter sind wie Witwen. 4 Unser Wasser müssen wir um Geld trinken; unser eigenes Holz müssen wir bezahlen. 5 Mit dem Joch auf unserm Hals treibt man uns, und wenn wir auch müde sind, lässt man uns doch keine Ruhe. 6 Wir mussten Ägypten und Assur die Hand hinhalten, um uns an Brot zu sättigen. 

             Der Beter sieht um sich, aber was er sieht, schmerzt die Augen und schlimmer noch die Seele. Wie Tiere unter dem Joch sind die Freie Israels. Es ist ein hilfloses Klagen, aus dem zwischenzeitlich trostloses Frage wird. Mit jedem Wort, so kann man fühlen, steigt der Schmerz.

            Das Land, Gottes gelobtes Land, das Land der Verheißung – jetzt ist es in der Hand von Fremden, Ausländern. Es ist, als würde die große Gabe Gottes an Israel hinfällig. „Das Land war der Inbegriff des göttlichen Lebensraumes, der Schutz und Geborgenheit, Ruhm und Lebensfülle bot. Die ganze Heilserwartung hatte sich über Jahrhunderte damit verbunden.“ (C-D. Stoll, aaO. S.139)

             Neben den Landverlust tritt die Mühsal des Lebens. Die eigenen Häuser sind zerstört oder enteignet. Menschen sind wie Waisen ohne Vater, wie Witwen ohne Mann. Rechtlos. Preisgegeben. Wasserrecht und Holzrecht sind dahin. Für die elementarsten Lebensmittel müssen sie schwer bezahlen. Sklavenarbeit verrichten. Unter dem Joch gehen wie das Vieh. In dem Land, das einmal die Verheißung der Ruhe Gottes getragen hatte, gibt es keine Ruhe. Sie werden gnadenlos getrieben. „Heile dieses Land“ weiterlesen

Klagebank – Anklagebank und geschenkter Neuanfang

Klagelieder 3, 34 – 66

34 Wenn man alle Gefangenen auf Erden unter die Füße tritt 35 und eines Mannes Recht vor dem Allerhöchsten beugt 36 und eines Menschen Sache verdreht, – sollte das der Herr nicht sehen? 37 Wer darf denn sagen, dass solches geschieht ohne des Herrn Befehl 38 und dass nicht Böses und Gutes kommt aus dem Munde des Allerhöchsten?

   So kann man sich vorkommen, wenn die Menschenrechte verletzt werden, wenn man ohne jeden Schutz dem übermächtigen Feind ausgeliefert ist: Wie unter einem verschlossenen, bleiernen Himmel. Da ist keiner, der hört, keiner, der sieht, keiner, der Anteil nimmt. Das will der Beter des Klageliedes nicht mehr akzeptieren. Er ringt sich zu einer Einsicht durch, vor der bis heute viele zurückschrecken: „Die Fäden von allem, was dem Menschen widerfährt, Freude wie Leid, Glück wie Unglück, laufen in Gottes Hand zusammen.“ (C-D. Stoll, aaO. S.108) Schon Amos hatte viel früher gesagt:Ist etwa ein Unglück in der Stadt, das der HERR nicht tut?(Amos 3,6)

             Die frommen Versuche, Gott zu entlasten von dem Bösen, Schweren, dem Unheil, das geschieht, scheitern. Sie scheitern auch an der herben Botschaft des Jeremia. Am Klagelied:  Wer darf denn sagen, dass solches geschieht ohne des Herrn Befehl und dass nicht Böses und Gutes kommt aus dem Munde des Allerhöchsten? Es ist mit der Bibel nicht zu machen: Das Böse in der Welt wird dem Satan angelastet. Wenn man so will: Seine Handlungsfreiheit ist immer nur das Zugeständnis des Stärkeren, Gottes.

 39 Was murren denn die Leute im Leben? Ein jeder murre wider seine Sünde!

Umgekehrt gilt aber auch: Es scheitert auch die heutige Variante: was gut geht in der Welt, das haben wir gemacht. Wir sind die Guten. Aber wo etwas schief geht, da hat „der liebe Gott gepennt.“ Seine Hausaufgaben nicht gemacht. Der Versuch, sich zulasten Gottes als Menschen aus der Verantwortung zu stehlen, scheitert gleichfalls, eindrucksvoll bestätigt durch Jeremia, auch durch die Klagelieder. Es ist unsere Schuld, dass es in der Welt zugeht, wie es zugeht. Es ist immer wieder unser Tun, das uns in unserem Ergehen einholt. „Klagebank – Anklagebank und geschenkter Neuanfang“ weiterlesen

Aus den Tiefen der Angst

Klagelieder 3, 1 – 33

1 Ich bin der Mann, der Elend sehen muss durch die Rute des Grimmes Gottes.

             Nicht mehr die Stadt, nicht mehr die junge Frau. Ein Einzelner, ein Mann hat hier das Wort. „Was Stadt und Volk als Ganzes durchgemacht haben, wird nun am Beispiel eines bestimmten Menschen anschaulich, der offenbar als Soldat an vorderster Front gestanden hatte.“(C-D. Stoll, aaO. S.99) Es ist aber auch möglich, in diesen Worten den Propheten, Jeremia, zu hören. Denn was er hier sagt, passt zu seiner Botschaft, die ihm aufgetragen war: Das Elend Israels ist die Folge des Grimmes Gottes.

 2 Er hat mich geführt und gehen lassen in die Finsternis und nicht ins Licht. 3 Er hat seine Hand gewendet gegen mich und erhebt sie gegen mich Tag für Tag. 4 Er hat mir Fleisch und Haut alt gemacht und mein Gebein zerschlagen.  5 Er hat mich ringsum eingeschlossen und mich mit Bitternis und Mühsal umgeben. 6 Er hat mich in Finsternis versetzt wie die, die längst tot sind. 7 Er hat mich ummauert, dass ich nicht herauskann, und mich in harte Fesseln gelegt.

            Er, er, er. Nicht mehr das vertrauensvolle Du. Keine Anrede an Gott. Sondern ein Klagen, das doch kein Lamentieren ist. Denn in diesen Worten ist die Einsicht ausdrücklich, dass es kein blindes Schicksal ist, nicht die anonyme Macht irgendwelcher Götter, sondern er. Der HERR. Jahwe. Gott. Es ist nicht einfach: mitgehangen, mitgefangen. Man muss das Schicksal des Volkes eben teilen und wird mit in das Elend gezogen. „Was er als persönliche Leid erfahren musste, liegt auf der gleichen Ebene wie das, was er als gemeinsames Leid beklagt hat.“ (A. Weiser, aaO. s. 336) Vorsichtig formuliert: Es ist auf das persönliche Geschick angewendet, was der Prophet glaubt: Jahwe ist der Herr der Geschichte und der, von dem jedes einzelne Leben seinen Weg empfängt. Nicht als stummes Fatum, nicht blind. Sondern im wahrsten Sinn des Wortes als Zumutung. Es ist Gott, der ihm diesen Weg zumutet.

            Er hat eingeschlossen, eingeschnürt, ins Eisen, in Fesseln gelegt. Eingemauert. Es sind die Strafmethoden der Assyrer, mit denen sie Gefangene zu Tode quälten. Foltermethoden, an denen es keinen Mangel hat und die von Sieger zu Sieger regelrecht „vererbt“ werden. Wehe den Besiegten. Das alles legt der Beter Gott zur Last. Ob das noch sein „guter Gott“ ist? Es wirkt, als ginge der Beter auf Distanz. Weil Gott sich zuvor distanziert hat von ihm und seinesgleichen – weil er aus dem Du zum Er geworden ist. „Aus den Tiefen der Angst“ weiterlesen

DerSchmerz hat das Wort

Klagelieder 1, 1 – 22

 Es wird wohl zutreffend sein: „Regelmäßig haben die Überlebenden sich in Trümmern zusammengefunden, auch als immer wieder feindliche Soldaten die Ruinen und unzerstörten Häuser durchkämmten und nach den Vornehmen und Waffenfähigen suchten, auch an Frauen und Kindern ihren Mutwillen trieben. Sie haben es miterlebt, wie Stadt und Tempel vollständig eingerissen wurden… All das hat sich in den Klagegesängen niedergeschlagen. Es lebt dort so unmittelbar auf, dass Vergangenheit und Gegenwart nicht auseinander zu halten sind. So ist die Abfassung der Klagelieder in dieser Zeitspanne von ungefähr zwei Monaten nach Einnahme und Zerstörung der Stadt anzusetzen.“ (C-D. Stoll, Die Klagelieder, Wuppertaler Studienbibel AT 7, Wuppertal 1986, S.23)

 Im ursprünglichen hebräischen Text heißt das Buch einfach nur „Klagelieder“ – qinot –  während der Name Jeremia erst in der griechischen Übersetzung der Septuaginta zugewachsen ist, aus einem Wort vor dem ersten Vers, wie er in den Bibelausgaben heute steht: „Es geschah, nachdem Israel gefangen geführt und Jerusalem verwüstet worden war, da setzte sich Jeremia weinend nieder und beklagte Jerusalem mit diesem Klagelied und sprach…“ Diese Zuweisung ist nicht aus der Luft gegriffen, hat doch der Prophet den Schmerz des Untergangs mit getragen und hat er auch darunter gelitten, dass Gott ihm die Fürbitte für die so störrische Stadt untersagt hatte. So bleibt ihm jetzt nur noch die Klage.

1 Wie liegt die Stadt so verlassen, die voll Volks war! Sie ist wie eine Witwe, die Fürstin unter den Völkern, und die eine Königin in den Ländern war, muss nun dienen. 2 Sie weint des Nachts, dass ihr die Tränen über die Backen laufen. Es ist niemand unter allen ihren Liebhabern, der sie tröstet. Alle ihre Freunde sind ihr untreu und ihre Feinde geworden.

             Das erste Wort: Ach. Was für ein Schmerz. Verlassen. Leer. Nur noch eine tote Hülle. Aus einer strahlenden Stadt, einer Fürstin unter den Völkern, einer Königin in den Ländern ist ein Trümmerhaufen geworden. Eine Witwe, um die sich keiner mehr sorgt, die auch keiner tröstet. Die früher um sie geworben haben, haben sich alle abgekehrt. In den Liebhabern sind sicher die Verbündeten einer gescheiterten Politik gemeint, aber zugleich auch die, die Jerusalem zur Untreue gegen Gott gelockt haben, zum Götzendienst mit fremden Gottheiten.    Alle sind sie weg. Es ist diese Fallhöhe – einst der Wohnort Gottes und jetzt menschenleer – und Gott weit weg.

           „Das unvorstellbare Elend der unter Belagerung, dem Hunger und der Gewalttätigkeiten feindlicher Soldaten leidenden Bevölkerung, das in schmerzdurchzitterter Erinnerung an erschütternde Einzelschicksale und grauenvolle Szenen in der Klage immer wieder durchbricht, ist nicht der einzige Grund trostloser Niedergeschlagenheit im Volk.“ (A. Weiser, Klagelieder, ATD 16, Göttingen 1967, S. 302) Es ist der Gegensatz, der beklagt wird. Die glanzvolle Vergangenheit und das grauenhafte Elend jetzt. Worte aus dem Sprachmuster der Totenklage. Der Schmerz hat das Wort. „DerSchmerz hat das Wort“ weiterlesen