Alle gehen den gleichen Weg zum Ende

Prediger 6, 1 – 12

 1 Es ist ein Unglück, das ich sah unter der Sonne, und es liegt schwer auf den Menschen: 2 Da ist einer, dem Gott Reichtum, Güter und Ehre gegeben hat, und es mangelt ihm nichts, was sein Herz begehrt; aber Gott gibt ihm doch nicht Macht, es zu genießen, sondern ein Fremder verzehrt es. Das ist auch eitel und ein schlimmes Leiden.

             Das gibt es: Menschen sind steinreich und dennoch arm dran. Menschen haben alles – Gott hat sie mit Gutem geradezu überschüttet. Mit Reichtum, Gütern und Ehre. Instinktiv denkt man an einen Hiob – angesehen, als ein Mann nach dem Willen und wohlgefallen Gottes geachtet. „Es handelt sich um den Idealfall, den viele Menschen herbeiträumen: Alles haben zu können, was das Herz begehrt.“(C-D. Stoll, Der Prediger, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1993, S. 99)Und doch ist da ein Aber in diesem Reichtum, ein Stachel im Fleisch. der es ihm unmöglich macht, sein Glück zu genießen. Diese Unmöglichkeit wird nicht in einem Fehlverhalten begründet – sie hat ihren tiefsten Grund darin, dass Gott ihm die Macht dazu verweigert. Das liegt auf ihm wie eine Sperre, stärker gesagt: wie ein Fluch.

 Hier trennt sich der geschilderte Fall von Hiob. Es sind nicht die vielen Unglücksschläge, die die Sippe treffen. Es kommt einer, ein Fremder, der sein Hab und Gut an sich nimmt und es verzehrt. Man muss in den Fremden nichts hinein geheimnissen – er „ist hier einfach der, dem der Besitz ohne eigene Beteiligung und Arbeit zufällt.“ (H.W. Hertzberg, Der Prediger, KAT XVII, 4 – 5, Gütersloh 1963, S. 133) Was der eigentlich reich Beschenkte nicht kann – die Gaben Gottes genießen, das vollzieht der Fremde. Warum dieser Fremde zu solchem Genießen befähigt ist, auch berechtigt ist, wird nicht erörtert.

Aber – so leben zu müssen – das ist eitel und ein schlimmes Leiden. Die Weichenstellung am Schluss macht den ganzen Weg zuvor bitter. Vielleicht ist es weit her geholt – aber die Schilderung Jesu vom reichen Mann und armen Lazarus könnte hier angeregt sein, muss der Reiche doch am Ende sehen, dass Lazarus genießt, was er sich erträumt hatte und ihm ist dieser Genuss verwehrt – für immer. „Alle gehen den gleichen Weg zum Ende“ weiterlesen

Geld sättigt nicht

Prediger 5, 9 – 19

 9 Wer Geld liebt, wird vom Geld niemals satt, und wer Reichtum liebt, wird keinen Nutzen davon haben. Das ist auch eitel. 10 Mehrt sich das Gut, so mehren sich, die es verzehren; und was hat sein Besitzer davon als das Nachsehen?

             Man könnte auf die Idee kommen, Dagobert Duck hat für diese Worte Pate gestanden. Der Enterich, der in seinem Geld badet und immerzu Angst hat vor der Panzerknacker-Bande. Ohne Augenzwinkern: hier wird ein Profil von Reichen gezeichnet, wie es bis heute weltweit und kulturübergreifend gültig ist. „Wer Geld, überhaupt Reichtum liebt, ist daran zu erkennen, dass er nie genug davon kriegen kann.“ (C-D. Stoll, Der Prediger, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1993. S. 94) Gilt das nur für die Kapitalisten, die Reichen, die Super-Reichen, deren Reichtum wie von selbst wächst, selbst wenn sie sich bemühen, ihr Geld mit beiden Händen zum Fenster heraus zu werfen?

Ich neige der Sicht zu, die sagt, dies ist „die Feststellung eines menschlichen Wesenszuges, der nicht nur ein paar missratenen, allenfalls durch Erziehung zu heilenden Vertretern der Gattung Mensch zu eigen ist, sondern der ohne alle moralische Hochnäsigkeit als Rätsel des Menschen überhaupt konstatiert werden muss.“ (W. Zimmerli, Das Buch des Predigers Salomo, ATD 16, Göttingen 1967, S. 192)Es gibt eine Gier, die den Hals nicht voll kriegen kann, unabhängig von sozialem Status und Besitzstand. Das eigentlich Beängstigende: diese Gier wird heute nicht mehr als Todsünde gegeißelt, sondern als Grundzug des Menschen und Treibstoff kapitalistischen Denkens regelrecht gefeiert – zumindest, solange sie regelkonform handelt. „Geld sättigt nicht“ weiterlesen

Sparsam mit Worten

Prediger 4, 17 – 5,8

 17 Bewahre deinen Fuß, wenn du zum Hause Gottes gehst, und komm, dass du hörst. Das ist besser, als wenn die Toren Opfer bringen; denn sie wissen nichts als Böses zu tun.

             Das ist eine Konsequenz aus allem zuvor Gesagten: Keine Hektik. Kein aufgeregtes Hin und Her. Es ist eine direkte Anrede. Auffällig in einem Buch, das sonst eher von allgemeinem Nachdenken geprägt ist. Wenn einer schon zum Haus Gottes geht, dann nicht mit vorgefertigter Absicht: Ich bringe mein Opfer dar – gut ist`s.  Dann ist alles getan. Sondern es geht um bedachtes Kommen, um „einen Rat zur Vorsicht und Zurückhaltung.“ (H.W. Hertzberg, Der Prediger, KAT XVII, 4 – 5, Gütersloh 1963, S. 121) Nicht zuletzt: es geht um Offenheit zu hören. Um ein Hören, dass sich Gottes Wegweisung zum Guten  gefallen lässt. Das legt sich nahe, weil der Satz über die Toren folgt, die nichts wissen als Böses zu tun. Auch, weil es in den Schriften immer wieder die Aufforderung gibt, Gutes zu tun.  Ein Beispiel für viele andere: „Weigere dich nicht, dem Bedürftigen Gutes zu tun, wenn deine Hand es vermag.“(Sprüche 3,27) „Sparsam mit Worten“ weiterlesen

Besser nicht allein

Prediger 4, 1 – 12

 1 Wiederum sah ich alle, die Unrecht leiden unter der Sonne, und siehe, da waren Tränen derer, die Unrecht litten und keinen Tröster hatten. Und die ihnen Gewalt antaten, waren so mächtig, dass sie keinen Tröster hatten. 2 Da pries ich die Toten, die schon gestorben waren, mehr als die Lebendigen, die noch das Leben haben.

             Der Prediger – ein Zuschauer, kein Akteur. Einer, der hinschaut und nicht wegschaut. Der sieht, was im Gang ist. Was er sieht ist erschreckend. Er sieht den Einsatz von Macht, Kraft – koach – der zum Einsatz von Gewalt wird. Der Menschen zu Opfern macht, ihnen Unrecht zufügt. Es ist bedrängend, wenn einer Menschen zu  Opfer gemacht sieht, die in der Trostlosigkeit vereinsamen. Das ist keiner, der hilft, aufrichtet, tröstet. Es liegt nahe: Hinter solcher Gewalt „stehen die Verhältnisse im ptolemäischen Reich: eine erbarmungslose Ausbeutung nicht nur der unteren Schichten.“ (R. Micheel/F.J. Ortkemper, Jetzt leben, Texte zur Bibel 21, Neukirchen 2005, S. 51)

Das alles sieht der Prediger und stellt es fest. Unbeteiligt? Propheten machen aus solchen Beobachtungen Anklagen. Der Prediger dagegen? „Kohelet fällt auf durch die seltsame Schweigsamkeit im Blick auf den Appell zur Hilfe.“ (W. Zimmerli, Das Buch des Predigers Salomo, ATD 16, Göttingen 1967, S. 179) Aber an wen sollte er denn auch appellieren? An die Gewalttäter unter der Sonne im fernen Ägypten, in ihren Palästen und Regierungs-Sitzen? An die Rechtsstaatlichkeit? An die Achtung der Menschenwürde? Oder doch an Gott? Wie auch immer: „Der Prediger kann sozialkritisch treffend beschreiben und darin anklagen. Er sagt als öffentlicher Lehrer mehr als er sich in einer Diktatur mit Spitzeln leisten kann. Respekt!“(K. Teschner, Denn du kannst nicht wissen, Neukirchen 2005, S. 31)

Man kann es leicht überlesen: Die Sätze des Prediger sind ein Lobprei., wenn auch einer, der einem regelrecht den Atmen nimmt: Die Toten werden gepriesen. Während sonst in allen Schriften der Hebräischen Bibel die Lebenden und das Leben gepriesen werden. Das ist kein Kokettieren mit dem Tod. Sondern es ist vielmehr eine indirekte Form der Anklage gegen alle, die durch ihr Verhalten das Geschäft des Todes betreiben. So schrecklich ist der Zustand der Gegenwart, dass es besser wäre, gar nicht erst geboren zu sein.  Dass der Tod dem Leben vorzuziehen ist.

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Alles hat seine Zeit

Prediger 3, 1 – 15

 1 Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde:

             Eine strenge, geradezu herbe Überschrift. Darauf läuft es hinaus: „Alles hat seine Stunde.“ Da ist kein Raum für Zufall. Wie nahe ist der Prediger mit diesem kurzen Satz bei dem Psalm Davids:  

 „Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es;                                                 du verstehst meine Gedanken von ferne.                                                   Ich gehe oder liege, so bist du um mich                                                und siehst alle meine Wege.                                                                      Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge,                                   das du, HERR, nicht alles wüsstest.                                                         Von allen Seiten umgibst du mich                                                        und hältst deine Hand über mir.“                 Psalm 139, 2-5

             Was in den Worten des Psalms das Gefühl einer großen Geborgenheit vermittelt, das wird hier in einer herben Spröde zum Grund der Welt. Alle Zeit ist Zeit aus Gott – unter dem Himmel. Der Prediger neigt nie zu einer frömmelnden Sprache. Wie viel ist da von ihm zu lernen im Hinblick auf das Programm: Religionslos von Gott und seiner Gegenwart zu sprechen.

Manchmal können Übersetzungen in die Irre führen: Alles Vorhaben – das klingt nach Planung, Zeitplan, Termin-Kalender. Nach aktiven Zugriff. Die Einheitsübersetzung macht auf den anderen Klang aufmerksam und hat damit wohl recht: „Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit.“ Von Anfang an stellt der Prediger klar: Wir sind nicht die Herren der Zeit, wir sind aber auch nicht ihre Sklaven.  Es gilt vielmehr, die Zeiten in ihrer Fülle anzunehmen und diesem Fluss des Geschehens zu entsprechen.

„Qohælæt ist es, dem die Frage der Zeit zum selbständigen Thema gerät. Er betont zunächst, dass für alles und jedes Zeit und Stunde gesetzt sind.  Jede Zeit (ʽet) und jede bestimmte Stunde (zemān) meinen nicht leere Kategorien, sondern die je gegebenen Gelegenheiten für ein Ereignis.(H. W. Wolff, Anthropologie des Alten Testaments, München 1974, S. 137)

Bezeichnenderweise übersetzt deshalb die Septuaginta die hebräischen Worte durchgängig nicht mit χρόνος , dem Wort für die verrinnende Zeit, sondern mit καιρς,  dem Wort für den besonderen Augenblick. Den Zeitpunkt, von dem wir im Deutschen sagen, es gelte zu wissen, was die Stunde geschlagen hat. Es gibt für den Prediger keine leere, nur mechanisch verrinnende Zeit. Der anonyme Zeittakt der Uhr ist erst seit dem Mittelalter im Umlauf. Der Prediger kennt nur die gefüllte Zeit. Gefüllt bis zum Überfluss – und manchmal wohl auch Überdruss .   „Alles hat seine Zeit“ weiterlesen

Iss und trink

Prediger 2,  1 – 11.  24 – 26

 1 Ich sprach in meinem Herzen: Wohlan, ich will Wohlleben und gute Tage haben! Aber siehe, das war auch eitel. 2 Ich sprach zum Lachen: Du bist närrisch!, und zur Freude: Was machst du? 3 Da dachte ich in meinem Herzen, meinen Leib mit Wein zu laben, doch so, dass mein Herz mich mit Weisheit leitete, und mich an Torheit zu halten, bis ich sähe, was den Menschen zu tun gut wäre, solange sie unter dem Himmel leben.

             Das Leben ist zu kurz, um es nicht zu genießen. Darum geht der Prediger auf ein neues Lebensexperiment los: Lass es dir gut gehen. Wohlan, ich will Wohlleben und gute Tage haben! Man gönnt sich ja sonst nichts.  Er muss die einzelnen Stationen seiner Lustreise gar nicht ausmalen. Freude und sich Satt-Sehen – das muss es doch geben. Immerhin: die Vernunft soll die Kontrolle behalten, auch wenn er es bis zur Torheit treibt. Also: kein Exzess, keine maßlosen Orgien: „Bei allem Genuss musste er immer gleichsam neben sich stehen und hatte sich zu fragen, was das Ganze soll, ob es wirklich gut sei und glücklich mache.“ (C-D. Stoll, Der Prediger, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1993, S. 53) 

Er kommt nicht weiter als bis zu der ernüchternden Feststellung: Aber siehe, das war auch eitel. Viel Wind. Mehr nicht. Mag sein, man möchte ihn beneiden um diese Möglichkeit, das Leben auszukosten. Aber das Ergebnis lässt schon zu wünschen übrig und wird so zur Warnung: „Das Schöne und die Freude des Lebens lässt sich nicht aufaddieren, um dann ein großes Plus zu bilden. Die Summe von allem ist und bleibt eine große Null.“(M. Sachs/W. Schmückle, Weisheitsreden des Predigers, Bibel aktuell, Stuttgart 2005, S. 16)

 Daneben bleibt auch die stillschweigende Aufforderung an die Leser*innen, sich selbst ständig zu prüfen, worin sie das Leben suchen, zu fragen: Was tut mir gut? Wie geht es mir gut? „Vielleicht kann tatsächlich erst der Reiche diese Frage stellen. Wer arm ist oder sich arm fühlt, kann immer sagen: Mir geht es nicht gut, weil mir noch dies oder das fehlt! Nur der Reiche kann sagen: Ich habe alles – jetzt fragt sich nur wozu.“(M. Sachs/W. Schmückle, ebda.) Sein Fazit bleibt: auf diesem Weg findet sich das Glück nicht -nur die Leere.

 4 Ich tat große Dinge: Ich baute mir Häuser, ich pflanzte mir Weinberge, 5 ich machte mir Gärten und Lustgärten und pflanzte allerlei fruchtbare Bäume hinein; 6 ich machte mir Teiche, daraus zu bewässern den Wald grünender Bäume. 7 Ich erwarb mir Knechte und Mägde und hatte auch Gesinde, im Hause geboren; ich hatte eine größere Habe an Rindern und Schafen als alle, die vor mir zu Jerusalem waren. 8 Ich sammelte mir auch Silber und Gold und was Könige und Länder besitzen; ich beschaffte mir Sänger und Sängerinnen und die Wonne der Menschen, allerlei Saitenspiel, 9 und war größer als alle, die vor mir zu Jerusalem waren. Auch da blieb meine Weisheit bei mir.

      Das Projekt Salomo wird gestartet. Es liegt sicherlich in der erzählerischen Absicht des Predigers, dass man hinter diesen Worten die Königspraxis des großen Salomo erkennt. Auch wenn es nicht zu verkennen ist, dass die Schilderung so allgemein gehalten ist, dass es jeder Großkönig zur Zeit des Kohelet sein könnte, der hier seine Prachtentfaltung vor Augen stellt. Salomo hat ja nur so gehandelt, wie alle Majestäten – modifiziert bis auf den heutigen Tag.  „Vor unseren Augen entsteht ein wahrhaftes Paradies…Es geht ihm um die Darstellung der verlockenden Möglichkeit, die Welt nach eigenen Vorstellungen gestalten zu können, sich seine eigene Welt, ein eigenes Paradies schaffen zu können.“(F.-J. Ortkemper, Kohelet – ein Querdenker in der Bibel, Stuttgart 1999, S. 15) „Iss und trink“ weiterlesen

Wir haben Gottes Spuren

Prediger 1,1 – 18 

1 Dies sind die Reden des Predigers, des Sohnes Davids, des Königs zu Jerusalem.

 Auf den ersten Blick erscheint alles klar: Was in den folgenden zwölf Kapiteln zur Sprache kommen wird, sind Reden des Sohnes Davids, des Königs zu Jerusalem. Der hier so eindeutig benannt wird, wird mit Salomo (3. Viertel des 10. Jahrhunderts v. Chr.) in eins gesetzt, dessen Weisheit weit über die Grenzen Israels gerühmt ist. Der König als Prediger – das klingt gut. Wer wünschte sich das nicht: Einen König, der weise ist, einen König, der ein Lehrer des Volkes ist: So  kann man qohælæth auch wiedergeben Volkslehrer. Wer wollte sich solch einen Weisen nicht wünschen, in Zeiten, in denen es den Fürsten und Präsidenten erkennbar an Weisheit mangelt,  die über 250 Zeichen nicht hinauskommen, in denen sie ihren Wählern nach dem Mund reden, sie aber nicht lehren, schon gar nicht Demut, weil es ihnen selbst erkennbar vor allem daran fehlt.

Nur, was so eindeutig erscheint, ist es doch nicht. Der Text als Ganzes legt nahe, dass er nicht aus der Königszeit Israels um 1000 – 900 stammt, dass es sich nicht um Protokolle von Salomo-Reden handelt, sondern dass das Werk weit später entstanden sein muss. „In Verbindung mit zahlreichen sprachlichen Beobachtungen ist eine späte zeitlichen Ansetzung im 4. oder 3. Jahrhundert v. Chr. nicht auszuschließen.“(C.-D. Stoll, Der Prediger, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1993, S. 22) Was aber führt dazu, dass hier einer in die Maske des weisen Königs schlüpft, wenn es nicht Anmaßung oder arglistige Täuschung sein soll.  Es liegt nahe, hier einen Einfluss aus Ägypten zu vermuten, erst recht, weil die Entstehungszeit in die Zeit der Ptolemäer weist und ihr Einfluss auf Israel unbestritten ist. Dort gibt es die Tendenz, „Weisheitslehren als Königslehren auszugeben“(O. Kaiser, Einleitung in das AT, Gütersloh 1969, S. 307) Nicht zuletzt, weil es die Sehnsucht vieler ist, dass die Mächtigen auch weise sein möchten und nicht nur mächtig.

 2 Es ist alles ganz eitel, sprach der Prediger, es ist alles ganz eitel.

             Es könnte sein, dieser Satz ist eine zweite Überschrift, von fremder Hand. Deutlich gekennzeichnet als Wort, das nicht der Prediger sagt, sondern das ihn zitiert – mit der Quellenangabe: so sprach der Prediger. Der Eindruck soll entstehen: Überlieferung seit uralten Zeiten aufbewahrt.

            Gleich fünfmal das eine, gleiche Wort: hēbēl. Hauch, Windhauch. „Es drückt Vergänglichkeit, Wertlosigkeit, Sinnlosigkeit – Nichtigkeit in jedem Sinne – aus.“ (H.W. Hertzberg, Der Prediger, KAT XVII, 4 – 5, Gütersloh 1963, S. 69) Die Luther-Übersetzung versucht diese Nichtigkeit mit dem Wort eitel einzufangen. Die Einheitsübersetzung bleibt nahe am Hebräischen: „Windhauch.“ Die Volxsbibel überträgt: „Was auf der Erde abgeht, ist letztlich ganz egal.“ „Wir haben Gottes Spuren“ weiterlesen

Ein Klagelied – auch für heute

Habakuk 3, 1 – 19

Am Gedenktag für 2003-9-11:

1 Dies ist das Gebet des Propheten Habakuk, nach Art eines Klageliedes:

             Das ist ein ungewöhnlicher Satz. Irgendwie wie von fremder Hand hinzugesetzt. Es wirkt wie die Anmerkung eines späteren Bearbeiters des Buches, wenn das Gebet so als Gebet des Propheten Habakuk vorgestellt wird. „tephillāh ist in der Regel das kultisch formalisierte Gebet.“ (L. Perlitt, Habakuk, ATD 25,1. Göttingen 2004, S. 83) Nicht das individuelle Gebet eines Einzelnen, der ganz persönlich formuliert.

Das passt zusammen mit dem Eindruck, den das Gebet vermitteln wird: Vieles sind Versatzstücke, wie Zitate aus Psalmen.  Dazu stimmt auch die Singanweisung: nach Art eines Klageliedes und das später mehrfach folgende Sela, dessen Bedeutung bis heute völlig im Dunkeln liegt.  Es kann eine Anweisung für die Musik sein, auch eine Geste mag gemeint sein. Es könnte auch schlicht „Zwischenspiel“ bedeuten. Oder schlicht: Pause.

  2 HERR, ich habe die Kunde von dir gehört, ich habe dein Werk gesehen, HERR! Mache es lebendig in naher Zeit, und lass es kundwerden in naher Zeit. Im Zorne denke an Barmherzigkeit!

             Die Worte scheinen auf das „Wie lange“(1,2) zurück zu verweisen. Der Prophet ist des Wartens müde. Habakuk hat doch gehört und gesehen.  Das soll doch nicht bloße Einbildung bleiben. Gott soll endlich tun, was er angekündigt hat. Das Werk, das Habakuk gesehen hat, das er „fürchtet“ – so die andere Übersetzungsmöglichkeit – ist das „Gericht“. „Bei dem Gericht (paʽaleka) handelt es sich nicht um ein allgemeines Werk Gottes, etwa im Sinn der Erschaffung seines Volkes Israel“ (G. Maier, Habakuk, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1986, S. 98) Furcht ist unangebracht, wenn Gott sein Heil wirkt.

Aber Furcht ist sehr wohl dann angesagt, wenn der gerechte Zorn Gottes auflodert. Dann soll Gottes Erbarmen seinen Zorn hindern. Ganz nahe sind diese Worte bei Worten aus Hosea: „Mein Herz wendet sich gegen mich, all mein Mitleid ist entbrannt. Ich will nicht tun nach meinem grimmigen Zorn noch Ephraim wieder verderben. Denn ich bin Gott und nicht ein Mensch, heilig in deiner Mitte. Darum komme ich nicht im Zorn.“(Hosea 11, 8-9) Sich vor Gott in Gott bergen – das steckt in diesen Worten.           „Ein Klagelied – auch für heute“ weiterlesen

Fünfach: Wehe

Habakuk 2, 4 – 20

 4 Siehe, wer halsstarrig ist, der wird keine Ruhe in seinem Herzen haben, der Gerechte aber wird durch seinen Glauben leben.

             Einmal mehr kann man über die Weisheit der Kommission rätseln, die die Abschnitte der fortlaufenden Bibellese bestimmt. Gehört dieser Satz nicht doch zur Gottesrede, die ihm vorausgeht? Zur Verheißung, dass das Wort der Weissagung sich erfüllt?

Es ist sprachlich im Hebräischen ein schwieriger Satz. Es könnte sein rāšāʽ der Gottlose fehlt.  das wird mit einer defizitären Verbform umschrieben, die in der Übersetzung wiedergegeben ist mit wer halsstarrig ist. Es läuft auf die Gegenüberstellung hinaus: der eine verwirkt die Ruhe im eigenen Herzen und damit das Leben. Ein Getriebener, hin und her gejagt, ohne je an ein Ziel zu gelangen.

„Ich habe die Menschen gesehen,                                                   und sie suchen spät und früh,
sie schaffen, sie kommen und gehen,                                                 und ihr Leben ist Arbeit und Müh.

Sie suchen, was sie nicht finden,                                                           in Liebe und Ehre und Glück,
und sie kommen belastet mit Sünden                                             und unbefriedigt zurück.“                                                                                  E.
Fürstin von Reuß 1867, EG Bayern/Thüringen 621

Der andere, der Gerechte wird leben. Durch seinen Glauben. Wörtlich: „durch seine Treue.“ Wobei wichtig ist:  ʼæmȗnāh ist „vor allem die Treue Gottes, die von Geschlecht zu Geschlecht währt, ebenso wie die des Menschen.“ (L. Perlitt, Habakuk, ATD 25,1. Göttingen 2004, S. 65) Das macht die Gerechtigkeit des Gerechten aus, dass er wartet auf Gott, auf sein Reden, auf sein Wort. „Es geht hier nicht um eine moralische Haltung, sondern um das Warten auf Gott und sein Handeln. … Wer ganz treu an Gott hält, der passt zu Gott, der ist gerecht.“ (G. Maier, Habakuk, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1986, S. 79) Der Satz ist für Paulus eine Art Schlüsselwort. Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht (Habakuk 2,4): »Der Gerechte wird aus Glauben leben.«(Römer 1,4) Und Luther ist überzeugt: „Dis ist der text, der auff der Tafel grob und klar geschrieben gewest ist.“(M. Luther, zit nach (L. Perlitt, aaO. S. 66)   „Fünfach: Wehe“ weiterlesen

Warten lernen – Ausschauen üben

Habakuk 1, 12 – 2, 3

 12 Aber du, HERR, bist du nicht mein Gott, mein Heiliger, von Ewigkeit her?

             Es ist ein Wort gegen die eigene Angst, die nach dem Propheten greift. nicht die Mächte, nur Gott ist von Ewigkeit her. Daran erinnert er sich. Nur Gott ist ewig: die Mächte sind es nicht. Und auch daran erinnert sich der Prophet, indem er es zum HERRN sagt: Ich gehöre zu Gott. „Der Heilige Israels“ heißt es öfters bei Jesaja: Unser Erlöser ist der Heilige Israels – HERR Zebaoth ist sein Name.“(Jesaja 47, 4) Schon früher die gleiche Formel – 1,4, 5,19, 10,24, um nur eine kleine Auswahl zu nennen. „Mein heiliger Gott ist von daher ein verständliches, aber kein geläufig gewordenes Prädikat.“ (L. Perlitt, Habakuk, ATD 25,1. Göttingen 2004, S. 57) Die Wendung hier ist dem gegenüber noch eine Idee inniger:  Mein Heiliger sagt der Prophet und wird so sehr persönlich. Das kann keine allgemeine Anrede werden. Das geht nur von innen heraus und individuell.

  Lass uns nicht sterben; sondern lass sie uns, o HERR, nur eine Strafe sein, und lass sie, o unser Fels, uns nur züchtigen.

             Habakuk sieht, was auf das Volk zukommt. Er sieht die Militärmaschine im Anmarsch und ahnt den Untergang. Darum bittet er Gott um Begrenzung. Nur eine Strafe, aber nicht Vernichtung. Nur für kurze Zeit die, die uns züchtigen. Aber nicht die, die uns für immer in den Staub treten. In dieser Bitte zeigt sich unausgesprochen: Habakuk glaubt nicht mehr an eine Wende im Geschehen. Er glaubt nicht an eine wundersame Bewahrung Israels und Jerusalems. Er sieht das unausweichliche Eintreffen der Gerichte, ähnlich, wie es auch bei anderen Propheten ist.  Er ruft nicht mehr zur Umkehr Israels, weil er ahnt: zu spät.

 13 Deine Augen sind zu rein, als dass du Böses ansehen könntest, und dem Jammer kannst du nicht zusehen!

             Das aber macht ihm zu schaffen: „Seine Not ist das Schweigen Gottes zu dem Unrecht in dieser Welt.“ (G. Maier, Habakuk, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1986, S. 72)Es kann doch nicht sein, dass Gott gewissermaßen unbeteiligt zusieht, dem Bösen nicht in den Arm fällt, den Jammer nicht an sich heran lässt. Die Worte greifen in ihrer unbestimmten Allgemeinheit zurück auf die Beschreibung des Chaos in den Anfangszeilen des Buches. Es ist eben nicht nur die Gefahr von außen, die der Prophet sieht, es ist auch die innere Not und Zerrissenheit des Volkes, die ihn fragen und klagen lässt. So Gott zu fragen heißt festzuhalten an dem Vertrauen: er wird nicht weiter nur zusehen. Er wird sich bewegen lassen zu helfen, einzugreifen. „Warten lernen – Ausschauen üben“ weiterlesen