Das Wort in Herz und Mund

Römer 10, 5 – 13

5 Mose nämlich schreibt von der Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt (3. Mose 18,5): »Der Mensch, der das tut, wird dadurch leben.«

Auf das Tun kommt es an. Das ist das Credo unserer Zeit. Wobei wir uns nicht an das Gesetz gebunden fühlen, von dem Mose seinen Satz sagt – denn er redet von den Gesetzen Gottes, wie wir sie im Dekalog und den Weisungen der Tora finden. Mose stellt Seine Hörer*innen und Leser*innen vor die Forderung des Gesetzes. Oder anders: Vor das Gesetz als Forderung, die bis aufs kleinste Jota  – „Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht.“(Matthäus 5,20) – zu erfüllen ist. Das ist der „alte Weg“, den Paulus her unkommentiert und unbewertet zeigt. Aber in Wahrheit doch bewertet durch seine nun folgende Gegenüberstellung.

 6 Aber die Gerechtigkeit aus dem Glauben spricht so (5. Mose 30,11-14): »Sprich nicht in deinem Herzen: Wer will hinauf gen Himmel fahren?« – nämlich um Christus herabzuholen -, 7 oder: »Wer will hinab in die Tiefe fahren?« – nämlich um Christus von den Toten heraufzuholen -, 8 sondern was sagt sie? »Das Wort ist dir nahe, in deinem Munde und in deinem Herzen.« Dies ist das Wort vom Glauben, das wir predigen.

Es ist ein bewusst gewählter Kontrast: „Mose „schreibt“ und die Gerechtigkeit aus Glauben „sagt“. Dem „Schreiben“ des Mose entspricht das Gesetz wie dem „Reden“ der Gerechtigkeit aus Glaube das Wort des Evangeliums.“ (O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 225) In einem anderen Brief taucht ein verwandter Gedankengang auf: „Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.“(2. Korinther 3,6)

Zugespitzt: Wir müssen nichts mehr tun für die Gerechtigkeit aus dem Glauben. Nicht mehr in den Himmel steigen, nicht mehr in die Hölle hinabfahren – wir müssen nicht mehr Christus zu uns bringen. Weil er ja gekommen ist. Christus ist da. Sein Wort ist nah. Paulus geht in einer großen Freiheit mit den Worten seiner Bibel um. Er liest ihre Worte auf Jesus Christus hin, ohne sich großartig darum zu kümmern, ob sie von Anfang an so gemeint waren. Und er lässt weg, was ihm nicht in seine Argumentation passt: Denn im 5. Buch Mose geht der Satz weiter: „Das Wort ist dir nahe, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass Du es tust.“(5. Mose 30,14) Freilich täte man Paulus, diesem Missionsaktivisten bitter Unrecht, wenn man sagte: Mit dem Tun hat er es nicht so. Doch, aber nicht mehr als Weg zum Heil. „Das Wort in Herz und Mund“ weiterlesen

Kein blinder Eifer

Römer 9, 30 – 10,4

30 Was sollen wir nun hierzu sagen? Das wollen wir sagen: Die Heiden, die nicht nach der Gerechtigkeit trachteten, haben die Gerechtigkeit erlangt; ich rede aber von der Gerechtigkeit, die aus dem Glauben kommt.

Kann man aus alledem, was Paulus bis jetzt über Israel gesagt hat, Schlussfolgerungen ziehen? Und wenn ja welche? Hat Paulus eben noch aus der Schrift argumentiert, so führt er jetzt seine Erfahrung ins Feld: Die Heiden haben die Gerechtigkeit erlangt. Gemeint ist: Gerechtigkeit vor Gott, die aus dem Glauben kommt. Die Gerechtigkeit Gottes. Sie haben sie nicht gesucht. Aber als sie ihnen angesagt worden ist, verkündigt, da haben sie sie ergriffen. Es ist die Erfahrung, die Paulus in seinem Predigen macht, die er hier andeutet: Das Evangelium von Jesus Christus hat Glauben gefunden. Heiden haben sich rufen lassen, in Korinth, Athen, Ephesus, auch in Rom.

31 Israel aber hat nach dem Gesetz der Gerechtigkeit getrachtet und hat es doch nicht erreicht. 32 Warum das? Weil es die Gerechtigkeit nicht aus dem Glauben sucht, sondern als komme sie aus den Werken.

Israel dagegen hat die Gerechtigkeit verfehlt und das Gesetz gleich mit. Warum? Weil es das Gesetz nicht als Geschenk, sondern als Aufgabe gesehen hat, weil es nicht im Glauben mit dem Gesetz umgegangen ist, weil es nicht die Güte Gottes darin erkannt hat, sondern nur die Herausforderung, das „Gesetz als Leistungsruf“(U. Wilckens, aaO. S. 212) zu verstehen und zu befolgen. Vielleicht darf ich sagen: Israel hat hinter dem Gesetz nicht den schenkenden, sondern nur den fordernden Gott gesehen – und damit hat es Gott verfehlt und die Gabe Gottes missverstanden.

Ob mit dieser Sicht des Paulus wirklich Israel beschrieben ist oder ob das nicht nur ein Zerrbild der Frömmigkeit Israels ist, selbst schon zur Zeit des Paulus, das wird heute heftig diskutiert. Wer einmal Bilder vom Fest der Freude an der Tora gesehen hat, mag nicht glauben, dass Israel in der Gabe des Gesetzes nur Pflicht und nicht auch Geschenk gesehen hat. Und doch: Paulus schreibt das alles ja nicht von außen, sondern als einer, der mit all seinen Aussagen über Israel ja zugleich seine eigene Vergangenheit beschreibt: So hat er, Paulus, einmal selbst gedacht. So hat er den Glauben Israels gelernt.

Mich erinnert das an Luther, der von sich sagen konnte: „Aber mir hatte bis dahin nicht die Kälte des Herzens im Wege gestanden, sondern ein einziges Wort, das im ersten Kapitel [1,17] steht: Die Gerechtigkeit Gottes wird in ihm [dem Evangelium] offenbar. Denn ich hasste dieses Wort „Gerechtigkeit Gottes“, das ich durch den Gebrauch und die gewohnte Verwendung bei allen Gelehrten gelehrt worden war, philosophisch zu verstehen von der, wie sie sagen, formalen oder aktiven Gerechtigkeit, durch die Gott gerecht ist und die Sünder und die Ungerechten straft.“ (Luther, Vorrede zum 1. Bd der Gesamtausgabe seiner lateinischen Werke, Wittenberg 1545, WA 54) Weil er in ihm nur den fordernden, verurteilenden Gott sehen konnte. Es braucht eine Lebenswende, um die Augen geöffnet zu bekommen für die andere Sicht, den schenkenden, den erbarmenden Gott. Bei Paulus vor Damaskus, bei Luther im Studium des Römerbriefes.    „Kein blinder Eifer“ weiterlesen

Gott ist anders

Römer 9, 14 – 29

14 Was sollen wir nun hierzu sagen? Ist denn Gott ungerecht? Das sei ferne!

            Hier hat Paulus festen Boden unter den Füßen. Gott ist nicht ungerecht. Er kann es nicht sein, weil sein Wesen Gerechtigkeit ist. Einmal mehr entschärft er einen Einwand mit seiner geliebten Wendung. μ γνοιτο· Das sei ferne! Aber Paulus weiß: Die bloße Zurückweisung wird nicht reichen. Es müssen Argumente folgen.

15 Denn er spricht zu Mose (2.Mose 33,19): »Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig; und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.« 16 So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen. 17 Denn die Schrift sagt zum Pharao (2.Mose 9,16): »Eben dazu habe ich dich erweckt, damit ich an dir meine Macht erweise und damit mein Name auf der ganzen Erde verkündigt werde.« 18 So erbarmt er sich nun, wessen er will, und verstockt, wen er will.

            Paulus ist ein theologischer Lehrer, der sich auf die Schrift beruft. Seine Argumente kommen nicht aus dem, was der gesunde Menschenverstand lehrt. Er schöpft sie aus der Schrift. Da ist das Wort Gottes an Mose: »Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig; und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.« Es ist die Antwort Gottes auf die Bitte des Mose, sein Angesicht zu sehen, ihn also erkennen zu können, wie er ist, sein innerstes Wesen. Dann wäre das innerste Wesen Gottes seine Freiheit, die durch nichts limitiert, begrenzt ist, außer eben durch seine Gerechtigkeit. Darum geht es Paulus in den folgenden Worten: wie stehen Freiheit und Gerechtigkeit Gottes zueinander – wie können wir das das verstehen?

             Diese Freiheit und Gerechtigkeit Gottes wird nicht gelenkt, geleitet, kanalisiert durch unser Wohlverhalten. Was wir tun, auch was wir lassen, hat keinen Einfluss auf Gottes Handeln. Sie sind nicht von unserem Verhalten abhängig. „Gottes Gerechtigkeit kann nur in dieser absoluten Freiheit seines Handelns sein, da ein von Menschen abhängiger Gott nicht Gott und darum eine von Menschen abhängige Gerechtigkeit nicht Gottes Gerechtigkeit wäre.“(U. Wilckens, aaO. S. 200) Sein Handeln wird in seinem Erwählen einzig und alleine bestimmt durch sein Erbarmen. In meinen Worten: Wir können uns den Himmel nicht erkämpfen und verdienen, nicht erringen, durch unseren Willen erzwingen oder erlaufen – nach dem Motto: `Für dich gehe ich meilenweit, durch dick und dünn‘. Sondern wir empfangen den Himmel als Geschenk, das wir uns gefallen lassen oder gehen leer aus.   „Gott ist anders“ weiterlesen

Gott liebt – ungleich?

Römer 9, 6 – 13

6 Aber ich sage damit nicht, dass Gottes Wort sei hinfällig geworden.

            Wenn das so ist, wie es Paulus sagt, wenn Israel all diese Gaben Gottes empfangen hat, dann wird die Frage umso drängender: Warum glauben sie nicht an den Messias Jesus, an den Christus? Ist das Wort Gottes hinfällig? Kraftlos? Schwach? Leer? Das griechische Wort κπίπτειν kann auch „herausfallen“, „abgeschafft werden“ bedeuten. In der Apostelgeschichte wird durch das Wort das Stranden des Schiffes bezeichnet, mit dem Paulus unterwegs nach Rom ist.

Es ist für Paulus eine gänzlich unmögliche Vorstellung: Gottes Wort verliert seine Kraft. Es strandet auf seinem Weg durch die Geschichte. Unmöglich schon deshalb, weil er es doch weiß und gelernt hat: Das Wort Gottes „wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.“ (Jesaja 55, 11) Deshalb muss Paulus eine andere Begründung für den fehlenden Glauben mancher in Israel finden – und findet sie auch.

Denn nicht alle sind Israeliten, die von Israel stammen; 7 auch nicht alle, die Abrahams Nachkommen sind, sind darum seine Kinder. Sondern nur »was von Isaak stammt, soll dein Geschlecht genannt werden« (1. Mose 21,12),

Ein Blick in die Bibel reicht: Der Name Israeliten steht nicht allen zu, die, ich ergänze aus früheren Sätzen „dem Fleisch nach“(9,3) – von Israel stammen. So wie ja auch nicht Ismael, der erstgeborene Sohn Abrahams und der Hagar, der Sohn Abrahams ist, auf den die Israeliten sich berufen. Nur wer aus der Isaak-Linie stammt, darf sich auch auf Abraham berufen.

8 das heißt: nicht das sind Gottes Kinder, die nach dem Fleisch Kinder sind; sondern nur die Kinder der Verheißung werden als seine Nachkommenschaft anerkannt. 9 Denn dies ist ein Wort der Verheißung, da er spricht (1. Mose 18,10): »Um diese Zeit will ich kommen und Sara soll einen Sohn haben.«

            Und selbst da, in der Abrahams-Sippe gilt: Es ist nicht die leibliche Abstammung, die zu einem „wahren Israeliten“(Johannes 1,47) macht. Es ist die Verheißung. Auf sie kommt es an und sie macht den Unterschied. Ich könnte auch sagen: Es ist der Geist, der die Kindschaft (9,4) bewirkt – und hätte Paulus auf meiner Seite: „Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“(8,14)

Es gibt darüber hinaus in den Texten der Hebräischen Bibel oftmals die Differenzierung. Wenn von Israel als dem heiligen Volk Gottes die Rede ist, dann steht da „ganz Israel“.  Das zieht sich durch die Erzählungen vom Auszug hin zu den Erzählungen in der Königszeit. Davon unterschieden gibt es die kritische Verwendung von „Ephraim“, „Jakob“, „Juda“ – immer dann, wenn das Volk seiner Berufung nicht gerecht wird.  Immer is klar: die bloße Abstammung macht noch keinen „wahren Israeliten“.   „Gott liebt – ungleich?“ weiterlesen

Wie weit würden wir gehen?

Römer 9, 1 – 5

1 Ich sage die Wahrheit in Christus und lüge nicht, wie mir mein Gewissen bezeugt im Heiligen Geist, 2 dass ich große Traurigkeit und Schmerzen ohne Unterlass in meinem Herzen habe.

       Unmittelbar zuvor hat Paulus eindrücklich seine Hoffnung beschrieben, wenn man so will, sein persönliches Bekenntnis formuliert. An dieses persönliche Bekennen schließen sich diese Worte „einer feierlichen Beteuerung(O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 192)  jetzt an. Sie  reden von dem Schmerz und der Traurigkeit, die Paulus empfindet, die ihm zu schaffen machen. Wobei die Versicherung Ich sage die Wahrheit in Christus und lüge nicht, ein Hinweis darauf ist, dass es nicht um Nebensächlichkeiten geht. „Der Apostel fühlt sich von außen angegriffen und von innen angefochten.“ (W. Klaiber, aaO. S. 165) Vielleicht hat er Sätze im Ohr, die ihm Verrat an Israel vorwerfen, ihn für abgefallenen vom Glauben der Väter erklären.

               So geht es im Folgenden nicht um etwas, das man auch einmal diskutieren kann, auch nicht nur um Lehrsätze. Es geht um Sachverhalte, die Paulus im Innersten schmerzen, die ihm schwer zu setzen, weil damit seine eigene Existenz als Jude mit auf dem Spiel steht. „Die Synagoge sieht ihn als “Abtrünnigen“ und als „Verführer“ an.“ (O. Michel, ebda.) Wir dürfen das nicht vergessen: Die Worte, die Paulus schreiben wird, sind die Worte eines „Juden“, der in Jesus Christus seine Gerechtigkeit erfahren hat. Es sind nicht die Worte eines Griechen, der zum Glauben  an den Christus gekommen ist.

„Der Schmerz, der ihn Israels wegen peinigt, setzt nie aus.“(A. Schlatter, aaO. S. 293) Dass es in diesem Schmerz um Israel geht, erfahren wir erst in den nachfolgenden Worten. Dann aber ist es der Größe des Schmerzes geschuldet, dass es Paulus einen langen Atem, viele Worte kostet, um seinen Schmerz und den Weg zu einer Lösung zu beschreiben. „Wie weit würden wir gehen?“ weiterlesen

In die Liebe geborgen

Römer 8, 31 – 39

31 Was wollen wir nun hierzu sagen? Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?

Jetzt holt Paulus Luft. Weil er nun zusammenfassen wird, was er bislang gesagt hat. „Der Schlussabschnitt Römer 8,31 – 39 beginnt mit einer Reihe anscheinend rhetorischer Fragen.“ (O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 183)Fragen, die zwar wie Fragen klingen, aber in Wahrheit keine sind. Es geht um vermutete oder tatsächliche Einwände, die der Apostel wiederlegen will und muss. Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? Beide Teile des Satzes kennt Paulus. Gott ist für uns – das hat er seit dem Beginn des Briefes unermüdlich wiederholt. Für uns, die keine tollen Leute sind. Für uns, die wir auf seine Gnade angewiesen sind. Für uns, die er gerecht macht, weil wir selbst das in keiner Weise können.

Paulus weiß, dass auch das stimmt: Es gibt eine Menge Menschen, die gegen uns sind. Heiden halten uns Christen für Atheisten, weil wir nicht im Tempel opfern. Juden halten uns für Spinner, weil wir nicht mehr auf den kommenden Messias warten, sondern sagen: er ist gekommen. Städtische Behörden halten uns für Unruhestifter, weil es öfters einmal zu Tumulten kommt, da, wo wir predigen. Und manchen sind wir einfach unheimlich, weil wir so rigoros unseren Vorstellungen folgen.

Aber das alles fällt nicht ins Gewicht gegenüber dieser alles überragenden Gewissheit: Gott ist für uns.

 32 Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?

             Das ist der Grund der Gewissheit des Paulus: Gott hat sich so für uns sehr engagiert, dass er den eigenen Sohn nicht verschont hat. Er ist bis zum Äußersten gegangen. So wie es Jesus im Gleichnis erzählt: „Da hatte er noch einen, seinen geliebten Sohn; den sandte er als Letzten auch zu ihnen und sagte sich: Sie werden sich vor meinem Sohn scheuen.“(Markus 12,6) Nur, dass hier der Ausgangspunkt ein anderer ist: Es geht nicht um den letzten Versuch, doch noch zur Umkehr zu bewegen. Sondern es ist in den Augen des Paulus die endgültige Übernahme aller Menschenschuld – durch den Sohn. Er ist dahingegeben, damit wir frei kommen, ausgelöst werden aus unserer Gottesferne. Wahrscheinlich „steht dem Apostel hier Jesaja 53,12 vor Augen: Gott hat seinen Sohn zum leidenden Gottesknecht gemacht, der stellvertretend für die Vielen in den Tod gegangen ist.(P. Stuhlmacher, aaO. S. 127) In ihm ist uns alles geschenkt. „In die Liebe geborgen“ weiterlesen

Wir habn einen Dolmetscher

Römer 8, 26 – 30

26 Desgleichen hilft auch der Geist unsrer Schwachheit auf.

            Das ist Trostwort an die, die es schwer haben mit dem Harren. Denen manchmal die Kraft zu warten ausgeht. Die nicht mehr wissen, ob sie ihren Glauben durchhalten, ob sie sich selbst ihren Glauben noch glauben können. So wie der Geist Hoffnung entzündet, so hält er sie im Brennen. Großartig: Der Geist passt sein Wirken denen an, in denen er wirkt.  Was hier gesagt ist, ist eine Entlastung: wir müssen als Christ*innen nicht immerzu stark im Glauben sein, kraftstrotzend. Wir können es uns – Gott gegenüber – erlauben, uns schwach zu zeigen, unsere Schwäche – σθενεα –  einzugestehen. Ob das bei den Brüdern und Schwestern immer gut ankommt, mag auf einem anderen Blatt stehen. Vor Gott müssen wir nicht die Starken mimen, wenn es uns schlecht geht.

Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt; sondern der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen. 27 Der aber die Herzen erforscht, der weiß, worauf der Sinn des Geistes gerichtet ist; denn er vertritt die Heiligen, wie es Gott gefällt.

            Auch darin zeigt sich unsere Schwachheit: wir wissen nicht, was wir beten sollen. Wie oft fehlen die Worte. Wie oft fehlt die Kraft, wie oft auch der Mut. „Auch der Christ steht vor dr Frage, o er in seinem Beten dem Willen Gottes gerecht wird.“ (O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 178) Manchmal auch wissen wir gar nicht, was wir denn erbitten sollen – Heilung, Genesung oder einen sanften Tod? Es ist nicht damit getan, sich seine Wünsche klar zu machen, um dann kräftig beten zu können. Manchmal verschließt es einem einfach den Mund.

Dann aber hört unser Beten nicht auf vor Gott. Der Geist selbst vertritt uns – über alle Worte hinaus. Es ist ein „rätselhafter Ausdruck στεναγμος λαλτοις.“ (O. Michel, ebda.) unaussprechliches Seufzen. Das Wort für unaussprechlich könnte auch übersetzt werden mit unausgesprochen. Dann würde der Geist sich unseren stummen Schrei zu eigen machen. Auch unser Schweigen, weil uns die Worte ausgegangen sind. Seufzer, die nicht in Worte zu fassen sind. Oder weil wir spüren, dass alle Worte nicht hinreichen zu sagen, was wir ersehnen. Das vertretende Wirken des Geistes ist eine Vorstellung, die mir sehr hilft. Weil sie mir frei sein hilft von der Vorstellung, irgendein Gebets-Programm oder irgendein Gebets-Formular ausfüllen zu müssen.  Keine Liste ist abzuarbeiten, keine heiligen Worte sind nötig, auch kein Herzens-Gebet. Ich habe Anteil am Atem Gottes, am Hauch seines Geistes und er weiß schon, was mein Seufzen ist.  „Wir habn einen Dolmetscher“ weiterlesen

Das Ziel vor uns

Römer 8, 18 – 25

18 Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.

            Paulus bleibt bei dem Thema der kommenden Herrlichkeit. Die offenbar werden soll, demnach noch nicht offenbar ist. Paulus neigt nicht dazu, die Schmerzen und Ängste der Gegenwart zu überspringen.  Sie sind ja sichtbar vor aller Augen, die Leiden, παθματα, die tief ins Leben reichen und es oft bitter machen: Ausgegrenzt sein, misstrauisch beobachtet werden, unter Verdacht stehen. Oder auch einfach nicht ganz ernst genommen werden. Das alles sind „Passionen um Christi willen“, nicht die kreatürlichen Leiden, die alle, ob gläubig oder ungläubig ertragen müssen.

Paulus kann von sich selbst sagen: „Ich bin oft in Todesnöten gewesen. Von den Juden habe ich fünfmal erhalten vierzig Geißelhiebe weniger einen; ich bin dreimal mit Stöcken geschlagen, einmal gesteinigt worden; dreimal habe ich Schiffbruch erlitten, einen Tag und eine Nacht trieb ich auf dem tiefen Meer. Ich bin oft gereist, ich bin in Gefahr gewesen durch Flüsse, in Gefahr unter Räubern, in Gefahr unter Juden, in Gefahr unter Heiden, in Gefahr in Städten, in Gefahr in Wüsten, in Gefahr auf dem Meer, in Gefahr unter falschen Brüdern;“(2. Korinther 11, 23 – 26) Und sagt dann: Das fällt alles nicht ins Gewicht gegenüber dem lohnenden Ziel, gegenüber der Ewigkeit Gottes, gegenüber dem „ihn sehen, wie er ist.“ (1. Johannes 3,2)

Es ist eine seltsame, für uns ungewohnte Weise des Vergleichens. Und doch kennen wir so etwas auch: Der Sportler nimmt um seiner Ziele willen Verzicht auf sich. Er/sie kann nicht feiern gehen wie die Alterskohorte. Er/sie muss sich immer wieder selbst disziplinieren, damit er das Ziel erreicht. Das Ziel lohnt alle Verzichte. Für Politiker gilt ähnliches, für große Künstler wohl auch. Immer ist es das größere Ziel, das alle Anstrengung relativiert, erträglich erscheinen lässt. So auch hier: „Das Maß des Leidens, das Gott zuteilt, und dass Maß der verheißenen Herrlichkeit haben ein ganz verschiedenes Gewicht.“ (O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 172) Vom Ende, dem Ziel her denken – das kann man bei Paulus lernen. Auch heute.    „Das Ziel vor uns“ weiterlesen

Aufatmen

Römer 8, 1 – 17

 1 So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind.

Weil das alles so ist, ist eine neue Wirklichkeit in Kraft. Für die, die in Christus Jesus sind. Und zwar jetzt und in Zukunft. ρα νν, so nun wirkt auf den ersten Augenblick wie bloß rhetorischer Anschluss: daraus folgt. Aber es ist mehr. „νν ist zunächst zeitlich, dann logisch gemeint.“(O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 160) Es ist die Konsequenz aus allem, was Paulus bisher über die Gerechtigkeit Gottes, über sein Rechtfertigen der Gottlosen gesagt hat. Weil das alles gilt – keine Angst mehr vor Verdammnis. κατκριμα. Nicht vor der gegenwärtigen und nicht vor der zukünftigen. Ihr seid als Christen im Schutzraum Christi. In diesem Schutzraum, der ein Raum des Lebens ist, sind die Christen seit ihrer Taufe und durch ihre Taufe, durch die sie „in einem neuen Leben wandeln.“(6,4)

2 Denn das Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus, hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.

            Dieser Schutzraum ist gekennzeichnet durch das Gesetz des Geistes, der lebendig macht. Man kann auch, näher am griechischen Text übersetzen: Das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus. Das macht die Gegenüberstellung deutlicher: Hier das Gesetz des Lebens – da das Gesetz der Sünde und des Todes.  Das ist Zuspruch und Zusage an die Christen – es fällt auf, dass Paulus hier auf einmal in der Anrede formuliert: Du bist frei gemacht. Du kannst anders leben – in diesem Bereich der Freiheit, die der Geist des Lebens eröffnet. „Der Geist macht den Menschen zum Wollenden; ein Anspruch wird an ihn gerichtet, ein Ziel ihm gezeigt, eine Norm in ihm befestigt.“ (A. Schlatter, aaO. S. 254) Das also gilt es: sich vom Geist leiten zu lassen, ihm zu folgen. Das Gesetz ist dem gegenüber, so könnte man sagen, nur noch ein Relikt aus deiner alten Welt.

3 Denn was dem Gesetz unmöglich war, weil es durch das Fleisch geschwächt war, das tat Gott: Er sandte seinen Sohn in der Gestalt des sündigen Fleisches und um der Sünde willen und verdammte die Sünde im Fleisch, 4 damit die Gerechtigkeit, vom Gesetz gefordert, in uns erfüllt würde, die wir nun nicht nach dem Fleisch leben, sondern nach dem Geist.

            Das Gesetz konnte seine Aufgabe, zum Leben zu leiten, nicht erfüllen. Es ist den Menschen zum Fallstrick geworden, weil sie selbst es geschwächt, ich würde sagen: missbraucht und missverstanden haben. Missbraucht in der Übertretung, missverstanden in der Weise, dass sie es als  eine Leiter zum Himmel begriffen haben, die sie emporsteigen müssen und nicht als einen Schutzraum zum Leben auf der Erde. Die Missachtung im Brechen der Gebote und die Missdeutung als Aufstiegshilfe haben beide dem Gesetz seine Kraft genommen.

             Deshalb – das macht schon deutlich: Es ist ein neuer Weg, der jetzt benannt wird, – hat Gott gehandelt. Er sandte seinen Sohn. Das ist Bekenntnis der Christen, wie es sich öfters findet: „Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan.“(Galater 4,4) „Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingeborenen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen.“(1. Johannes 4,9) Das ist die Antwort Gottes auf die Verlorenheit unter dem Gesetz, auf die ausweglose Gefangenschaft. Er gibt den Sohn in die wirkliche Welt – so verstehe ich: in der Gestalt des sündigen Fleisches und um der Sünde willen. Jesus Christus kommt in eine schuld-beladene und schuld-verfallene Welt. So wie wir das Weihnachten singen, ohne uns wirklich klar zu machen, was wir da singen:

 Welt ging verloren. Christ ist geboren.                                                                        Freue, freue dich, o Christenheit!                    J. D. Falk 1819  EG 44 

             Paulus in Kurzfassung. „Anstatt die sündigen Menschen zu verdammen, hat Gott die Sünde (als über-persönliche Macht vorgestellt) verdammt.“ (K. Haacker; aaO. S. 152) Man könnte auch sagen: Die Sünde hat ihre Zugriffsmöglichkeiten auf die Christen verloren. Die stehen jetzt unter neuem Kommando: Unter der ihnen geschenkten Gerechtigkeit im Geist. Dieser Gerechtigkeit folgen sie nun in einem erneuerten Gehorsam. „Dieser neue Gehorsam vollzieht sich im Glaubenden so, dass er den Maßstab des Fleisches verwirft und dem Maßstab des Geistes gehorcht.“ (O. Michel, aaO. S. 161)

5 Denn die da fleischlich sind, die sind fleischlich gesinnt; die aber geistlich sind, die sind geistlich gesinnt. 6 Aber fleischlich gesinnt sein ist der Tod, und geistlich gesinnt sein ist Leben und Friede. 7 Denn fleischlich gesinnt sein ist Feindschaft gegen Gott, weil das Fleisch dem Gesetz Gottes nicht untertan ist; denn es vermag’s auch nicht. 8 Die aber fleischlich sind, können Gott nicht gefallen.

Ich glaube, dass diese Sätze alle kontaminiert sind – belastet durch eine Leseweise, die fleischlich gesinnt sein automatisch verbindet mit purer, ungezügelter Sexualität, Sinnenlust, Sündiger Meile und Rotlicht-Milieu. mit alle, was Film-Serien wie Berlin Babylon zu bieten haben. Nichts davon ist bei Paulus gemeint. Ihm geht es um eine andere Art Fleischlichkeit. Um die Fleischlichkeit hinter des Sätzen: Du bist nur, was du aus dir machst. Du verdankst alle Erfolge deines Lebens nur dir selbst und deiner harten Arbeit. Das wachsende Gewerbe der Coaches, Berater, Influencer bedient diese Erwartung nach Hilfe, das eigene Potential freizusetzen – und verdient dabei. Das alles hat mit unmoralischer Sinnlichkeit nicht allzu viel zu tun. Aber vieli zu tun hat es mit dem Versuch der Selbstoptimierung. Mit der Unterwerfung unter ein Gesetz, das nur eine Autorität kennt und anerkennt: Ich. Ich, Ich.

Der neue Gehorsam, die neue Existenz ist nichts nur Äußerliches, nicht nur ein Habitus. Es geht um eine Wesenswandlung. Wenn man so will: um Transformation. „Jedes Sein hat ein „Gesinntsein“, ein „Trachten“ bei sich.“(O. Michel, aaO. S. 162) φρνημα – Gesinnung.  Aus fleischlichen Leuten werden geistliche Leute. Verkürzt gesagt: Fleischlich ist „die Beschränkung auf die eigenen Möglichkeiten und Gefährdungen.“ (W. Klaiber, aaO. S. 137) Der fleischliche Mensch ist zurück geworfen allein auf sich selbst. Das kann, heroisch, tapfer, dann so klingen:

Es rettet uns kein höh’res Wesen,                                                                                         kein Gott, kein Kaiser noch Tribun                                                                                          Uns aus dem Elend zu erlösen                                                                                              können wir nur selber tun!            Eugène Pottiers  1871, Die Internationale

            Die dem gegenüber ihr Leben aus den Geist führen, die geistlich gesinnt sind, schöpfen aus der Kraft Gottes, leben aus dem Geschenk seiner Gerechtigkeit, bergen sich in seinen Frieden. Sie müssen sich auch nicht mehr fürchten vor Gott und können damit alle innere Feindschaft gegen Gott lassen.

9 Ihr aber seid nicht fleischlich, sondern geistlich, wenn denn Gottes Geist in euch wohnt. Wer aber Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein. 10 Wenn aber Christus in euch ist, so ist der Leib zwar tot um der Sünde willen, der Geist aber ist Leben um der Gerechtigkeit willen.

Jetzt wird Paulus zum Prediger, zu einem, der den Christen in Rom, die er doch gar nicht wirklich kennt, das Heil zuspricht. Ihr aber seid geistlich, wenn denn Gottes Geist in euch wohnt. Das denn, επερ markiert keinen Vorbehalt den Leserinnen und Lesern gegenüber, wohl aber eine Voraussetzung, ohne die die Zusage hinfällig wäre. Es könnte aber auch eine Verstärkung sein: „wenn ja wirklich, so gewiss“ (Gemoll, aaO. S.246) Das ist die feste Glaubensgewissheit des Paulus – als Erfahrung und als theologische Lehre: Es ist der Geist Gottes, der aus fleischlichen Leuten geistliche macht.

Gleichzeitig legt hier ein Satz den anderen aus: Wenn denn Gottes Geist in euch wohnt wird einige Worte später so ausgesagt: Wenn aber Christus in euch ist. Im Geist wohnt Christus in den Menschen. Für Paulus ist es nicht möglich, den Geist von Christus abzulösen, auch nicht Christus vom Geist. „Niemand kann Jesus den Herrn nennen außer durch den Heiligen Geist.“ (1. Korinther 12,3) Umso wichtiger ist Paulus, dass er das seinen Leuten in Rom zusagen kann, Sie, die Christen, „sind nicht nur von seiner Kraft berührt, nicht nur von seinem Wirken erfasst, sondern ihr personhaftes Wesen wird der Ort seiner Gegenwart.“ (A. Schlatter, aaO. S.261)

Aber umgekehrt gilt auch: Wer aber Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein. Das ist eine harte, aber zugleich klärende Aussage. „Sollte jemand nicht vom Geist Christ erfüllt sein, würde er nicht zu Christus gehören. Man kann nicht nur dem Namen nach Christ sein. Wer wirklich zu Christus gehört, dessen Leben wird auch von seinem Geist bestimmt und geleitet.“ (W. Klaiber, aaO.S.139f. ) 

11 Wenn nun der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt.

            Jetzt wird der Gedankengang gewissermaßen trinitarisch erweitert: Die Rede ist jetzt vom Vater, von Gott, der Jesus von den Toten auferweckt hat. Das hatte Paulus ja schon zuvor, in seiner Auslegung Abrahams gesagt:  „Was Gott verheißt, das kann er auch tun…. Wir glauben an den, der unsern Herrn Jesus auferweckt hat von den Toten.“ (4, 21.24) Es ist sein Geist, der in euch wohnt. Der Geist des drei-einigen Gottes.

            Weil dieser Geist aber leben-schaffend ist, gar nicht anders kann, als Leben wirken, auch da, wo der Tod am Werk ist, darum werden auch die sterblichen Leiber der Christen lebendig gemacht werden. Deshalb nennt sie Paulus auch geistlich. Die gegenwärtige geistliche Existenz ist, so gesehen, die Vorwegnahme der kommenden Existenz, der kommenden Herrlichkeit, des Lebens jenseits allen Todes. „Der Geist ist Unterpfand, Bürgschaft für das zukünftige Geschehen. Einmal wird der Zwiespalt zwischen göttlichem Wort und menschlicher Existenz aufgehoben werden.“ (O. Michel, aaO. S. 164)Diese Aufhebung ist im Geist schon im Anbruch. Und darum eben nicht nur Zukunftsmusik.

12 So sind wir nun, liebe Brüder, nicht dem Fleisch schuldig, dass wir nach dem Fleisch leben.

            Wir können anders leben. Alternativ. Das heißt ja: Von neuem, von oben geboren. Aus einer anderen, neuen Wirklichkeit. Einmal mehr sehe ich eine große Nähe von Paulus-Formulierung zu Worten, die Johannes in seinem Evangelium gebrauchen wird. „Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren ist, das ist Geist.“(Johannes 3,6) Für Christen ist das Leben in seinen Möglichkeiten geöffnet hin zur Wirklichkeit, die Gott uns eröffnet. Nicht mehr alternativ-los κατ σρκα, nach dem Fleisch.  

 13 Denn wenn ihr nach dem Fleisch lebt, so werdet ihr sterben müssen; wenn ihr aber durch den Geist die Taten des Fleisches tötet, so werdet ihr leben.

Es ist eine schroffe Gegenüberstellung: Nach dem Fleisch – durch den Geist. Schroff auch darin, dass es nur ein Entweder-oder gibt. Keinen dritten Weg. So wenig, wie frau ein bisschen schwanger sein kann oder auch nicht, so wenig kann man leben im „sowohl-als auch“ – ein bisschen nach dem Fleisch und ein bisschen durch den Geist. Da herrscht nach Paulus Unverträglichkeit. Sondern, was Paulus erwartet, ist radikal: „Der Christ tötet die „Handlungen des Leibes“, indem er in den Stunden der Anfechtungen ein klares und entschlossenes Nein zu ihnen sagt.“ (O. Michel, aaO. S. 166) So ist das neue Leben im Geist also auch eine Willenssache, die sich in konkreten Entscheidungen manifestiert! Es ist nicht nur Gefühl.

Der Weg zu diesem Leben und in ihm ist ein Kampfgeschehen. Der Kampf besteht im Töten der Taten des Fleisches. Es gilt, sich von den πρξεις το σματος, den Taten, Handlungen, der Praxis des Fleisches – meint: der  alten xistwenz azuwenden, sich ihnen zu verweigern.  So erklärt Luther im Zusammenhang seiner Taufunterweisungen: „Es bedeutet, dass der alte Adam in uns durch tägliche Reue und Buße soll ersäuft werden und sterben mit allen Sünden und bösen Lüsten; und wiederum täglich herauskommen und auferstehen ein neuer Mensch, der in Gerechtigkeit und Reinheit vor Gott ewiglich lebe.“ (M. Luther, Kleiner Katechismus, 4. Hauptstück, 1529) Diese Worte machen es deutlich, dass das eine bleibende Aufgabe ist, kein Prozess, der irgendwann abgeschlossen ist, perfekt. Den „perfekten“ Christen, der alle Kämpfe durchgestanden, hinter sich hat, abgeschlossen hat, gibt es nicht.

 14 Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.

            Wohl aber gibt es die, die der Geist Gottes treibt. Die der Geist unruhig macht, auch umtriebig. Die er nicht in Ruhe lässt.γειν heißt „treiben, führen, leiten“ (Gemoll, aaO. S.8) Das kennzeichnet die Christen, dass sie vom Geist geleitet werden, dass sie sich nicht selbst leiten, dass sie Leute sind, die auf das Hören ausgerichtet sind, auf die Weisungen Gottes. Weil sie wissen: Wir sind seine Kinder – er ist unser Vater.

Es ist ein kühner Schritt, den Paulus hier geht. Von Leuten, die er zuvor als Gottlose gekennzeichnet hat, als die, die keine eigene Gerechtigkeit zustande bringen und vorweisen können, von diesen Leuten zu sagen: Sie sind Gottes Kinder. υο θεο könnte man auch übersetzen: Söhne Gottes. Und weil stimmt, dass die maskuline Form die feminine einschließen kann, auch: Töchter Gottes.

Ob nun Kinder Gottes oder Söhne und Töchter Gottes, jedenfalls gilt: „Der Christi wird nicht zur Marionette Gottes, der mit dieser macht, was er will. Er ist gefragt, sich für das Wirken des Geistes offen zu halten.“(W. Klaiber, aaO. S. 143) Der Geist schafft ein Vertrauensverhältnis, eine Beziehung, in der man sich dem Leiten des Geistes anvertrauen kann.

15 Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater!

            Wunderbar finde ich das hier Angedeutete ausgesagt in den Worten Jesu: „Mein Sohn, du bist allezeit bei mir und alles, was mein ist, das ist dein.“(Lukas 15, 31) Das ist der Geist, den Gott uns schenken will, der aus dem Vertrauen auf den Vater umgehen kann mit den Gaben der Welt. Das meint Abba, lieber Vater! Ich darf diese Welt nehmen aus den Händen des Vaters. In der Verantwortung vor ihm und in der Freiheit, die er mir zutraut. Wer Gott gegenüber nie aus der Gesinnung eines Knechtes, aus dem Geist der Pflichterfüllung heraus findet, der lebt unter den Möglichkeiten, die Gott ihm zutraut. Unter dem Stand, in den er uns versetzt hat.

Wir sind nicht mehr Knechte, sondern Söhne und Töchter Gottes. Beschenkt mit dem Geist der Kindschaft, so wörtlich im Griechischen. Eine Wendung, die auf die Adoption anspielt, nicht so sehr auf das ebenfalls denkbare Bild der Neugeburt. Also Söhne und Töchter, und wie der eine, eingeborene Sohn immer im Gespräch mit dem Vater: „Dein Wille geschehe.“(Matthäus 6,10) Und: „doch nicht, was ich will, sondern was du willst!.“(Markus 14,36) 

Ich denke, dass Paulus hier sehr bewusst das Wort υἱοὶ θεοῦ wählt. Er hat keine Scheu davor, dass dadurch eine zu große Nähe zu dem einen, dem eingeborenen Sohn Gottes entsteht. Sondern er will diese Nähe bewusst, weil gerade so deutlich wird, was geschehen ist: Wir werden mit Jesus Christus durch die gemeinsame Sohnschaft, υοθεσα, Kindschaft untrennbar verbunden. Der Unterschied zwischen uns und Christus wird nicht aufgehoben, aber betont wird die Zugehörigkeit, die uns Anteil gibt an seinem Sohn-Sein. Den gleichen Sachverhalt kann Paulus auch so ausdrücken: „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben.“(Galater 2,20)

16 Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind.

            Woran aber erkennen wir, dass wir Gottes Kinder sind? Wie wird aus dem Satz, der in unsren Ohren erst einmal nur eine Behauptung ist, ein Satz, der unsere Erfahrung durchdringt?

Denk nicht in deiner Drangsalshitze, dass du von Gott verlassen seyst
Und dass Gott der im Schoße sitze, der sich mit stetem Glükke speist.
Die Folgezeit verändert viel und setzet Jeglichem sein Ziel.                                                                                 G. Neumark 1641, EG 369

            Es sind nicht die Attribute eines erfolgreichen, von Gelingen geprägten Lebens, die uns gewiss machen in der Gotteskindschaft. Das ist die Erfahrung des Lieder-Dichters, dass wir das  gerne hätte, uns festmachen zu können im Gelingen unsere Pläne und Wege, auch unserer Frömmigkeit, dass Gott uns als seine geliebten Kinder sieht.

Paulus sagt: Es ist der Geist, der uns Zeugnis gibt. Es ist der Geist, der uns rufen lässt:  Abba, lieber Vater! „Mit unserem Gebetsruf zugleich erfolgt die Bestätigung des Geistes, dass wir Gottes Kinder sind.“(O. Michel, aaO, S. 169) Wir sind es, weil und indem wir Gott Vater nennen, ihn so anrufen. Man könnte zuspitzen: Sage mir, wie du von Gott redest, wie du mit Gott redest und ich sage dir, wie Du dich ihm gegenüber siehst – ob nah, ob fern, ob als Kind Gottes, Sohn oder Tochter, oder als eind*r, der Gott gegenüber auf Distanz hält.

 Für mich ist gut vorstellbar, dass es hier auch um Erfahrungen im Gottesdienst geht. Dass es eine Gewissheit des Glaubens ist, die durch den gemeinsamem Gebetsruf gestützt, stabilisiert wird. „Paulus stellt hier neben den Glaubensakt den inspirativen Vorgang. Er weist ihm die zweite Stelle zu; die erste hat der durch die Botschaft Jesu begründete Glaube.“(A. Schlatter, aaO. S. 266) Das Wort von außen und das innere Zeugnis wirken so zusammen. Gehört und geglaubt. Später wird Paulus sagen, dass das Glauben aus dem Hören kommt. (10,14.17)

17 Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, wenn wir denn mit ihm leiden, damit wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden.

            Der Blick öffnet sich. Der Horizont wird weit. Was Paulus bis hierher gesagt hat, gilt jetzt. Aber es eröffnet zugleich Zukunft, über den morgigen Tag hinaus. Zukunft in der Herrlichkeit Gottes. Gottes Erben und Miterben Christi – so sieht Paulus die Christen. Christsein erschöpft sich nicht im Mitleiden. Sondern es hat seine Perspektive im mit erhoben werden. Diese Perspektive gilt allen, denen in Bedrängnis damals und denen in Bedrängnis heute. So sieht Paulus die Gemeinden. Das kleine Häuflein in Rom. Die Hauskirchen in Korinth und Philippi, die Gemeinde in Jerusalem. Die Kirche aller Zeiten. Das ist das Versprechen: Der Geist ist die Verheißung, der Vorgeschmack der größeren Zukunft.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

Den „perfekten“ Christen, der alle Kämpfe durchgestanden hat, hinter sich hat, abgeschlossen hat, gibt es nicht. Nicht im Denken Luthers, auch nicht im Denken des Paulus. So schreit er ja auch: „Nicht, dass ich’s schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich’s wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin.“(Philipper 3,12)  Dieses „noch nicht“ hindert Paulus nun freilich nicht, den Römern ihre neue Existenz zuzusprechen. Nicht als Beschreibung, wohl aber als eine Verheißung, die schon Gegenwart gestaltet und Gegenwart ist. Es geht ihm um die Vergewisserung ihres Standes, dass sie untrennbar, als Erben, als Kinder Gottes, – Söhne und Töchter – mit ihm verbunden sind. Das macht ethische Mahnungen, wie sie ab Kapitel 12 folgen werden, nicht überflüssig. Das Leben in Christus will auch eingeübt werden.

 

Mein Gott, manchmal treiben mich andere Geister. Widerspruchsgeister, der Geist der Anpassung, Ängste, Sorgengeister. Es fällt mir schwer, diese Geister abzuschütteln, sie los zu werden, sie in ihre Schranken zu verweisen.

Darum brauche ich das Treiben Deines Geistes, das die Schatten vertreibt, die Luft reinigt, mir die Furcht nimmt, mich füllt mit der Zuversicht, die mich rufen lässt: Abba, lieber Vater. Amen

 

Das bin gar nicht ich

Römer 7, 14 – 25

14 Denn wir wissen, dass das Gesetz geistlich ist; ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft.

Einmal mehr sucht Paulus das Einverständnis, die gemeinsame Basis: wir wissen  – οδαμεν. Weil Paulus das Gesetz auf der Seite Gottes sieht, es als geistlich, πνευματικς sieht, von Gottes Geist gewirkt und geleitet, deshalb liegt das Problem ganz auf der Seite des Menschen. Ich aber bin fleischlich. Ein Mensch aus Fleisch und Blut. Von Trieben gesteuert, nicht so frei, wie ich es gerne wäre. „Der Abstand zwischen dem Lehrsatz „Wir wissen…“ und dem persönlichen Bekenntnis. „Ich aber bin…“ darf nicht übersehen werden. MLuther sah in dem Nebeneinander dieser beiden Aussagen einen Beweis dafür, dass so nur ein „geistlicher und weiser Mensch“ reden könne.“(O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 150)

Ich denke nicht, dass Paulus unsere modernen Vorstellungen von Triebstruktur kennt Aber sie sagen genau das, was Paulus meint:  dass wir nicht so Herr im eigenen Haus der Gefühle und Empfindungen, des Denkens und Willens sind, wie wir es gerne wären.  Da wird uns mancher Streich gespielt von dem, was in den tiefen Schichten des Unbewussten und Unterbewussten bei uns aktiv ist. Paulus nennt das: Wir sind unter die Sünde verkauft. 

 15 Denn ich weiß nicht, was ich tue. Denn ich tue nicht, was ich will; sondern was ich hasse, das tue ich. 16 Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, so gebe ich zu, dass das Gesetz gut ist. 17 So tue nun nicht ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt.

Das „spielt“ Paulus gedanklich weiter durch – für sich selbst, deshalb sagt er „ich“. Aber auch für uns alle – dieses Ich hat eine Öffnung zur kollektiven Seite der Menschheit hin.  So sind wir. Wir verfangen uns mit dem besten Willen und Wollen so oft in Widersprüchen. Und aus dem, was wir gut wollten, bleibt ein hilfloses: „Ich habe es doch nur gut gemeint“ und eine erschrockene Einsicht: „Was habe ich da angerichtet!“ übrig, Manchmal wissen wir nicht, was wir tun. Manchmal aber auch entdecken wir uns bei einem Tun, von dem wir wissen: Das geht gar nicht!

Dieses innere Wissen aber, sagt, Paulus, überführt uns. Es klagt uns an, wobei völlig klar ist: Die Anklagen bestehen zu Recht. Steuerbetrug ist Betrug. Ehebruch ist Vertrauensbruch. Lüge ist Lüge, auch wenn sie Vorteile bringt. Ausbeutung bleibt Ausbeutung, auch wenn sie den Schein der Legalität hat. Und Gewalt bleibt Gewalt, auch wenn sie bemäntelt wird: nur strukturelle Gewalt, nur Liebesentzug, nur eine präventive Maßnahme, kein entwürdigendes Schlagen. Die Gewalt der Worte und der Meinungsmache ist nicht weniger entwürdigende Gewalt wie der mittelalterliche Pranger. „Das alles will ich doch gar nicht“, sagen wir und sind doch beteiligt – und das Gewissen klagt uns an.  „Das bin gar nicht ich“ weiterlesen