Das geht zu weit

Johannes 10, 31 – 42

31 Da hoben die Juden abermals Steine auf, um ihn zu steinigen.

Die Antwort der Juden auf das letzte Zeugnis Jesu, auf seinen Satz: Ich und der Vater sind eins. ist eindeutig. Sie wollen ihn steinigen. Hatten sie ihn nicht genötigt, Klartext zu reden, unverschleiert, frei heraus (10,24)? Und jetzt hören sie nur Gotteslästerung. Das zeigt sich daran, dass sie ihn steinigen wollen. Da gibt es keine offenen Fragen, keinen Zweifel mehr. Jetzt ist er zu weit gegangen.

Es ist wahr: Sie gehören nicht zu seinen Schafen. Sie hören seine Stimme nicht. Die Worte wohl, aber nicht seine Stimme. Und ihre Reaktion ist eindeutig: So einen vertreibt man damals durch Steine, die man auf ihn wirft.

 32 Jesus sprach zu ihnen: Viele gute Werke habe ich euch erzeigt vom Vater; um welches dieser Werke willen wollt ihr mich steinigen?

 Warum? fragt Jesus. Und konfrontiert sie mit seinen Werken: Wasser ist zu Wein geworden. Der Sohn eines Herodes-Beamten ist gesundet. Ein Langzeitkranker ist auf die Füße gekommen. 5000 Männer sind satt geworden. Eine Frau, zugegeben eine Ehebrecherin, ist vor der Steinigung bewahrt worden. Ein Blinder kann sehen. Welches dieser Werke, die vom Vater her getan sind, ist todeswürdig. Wenigsten versuchen sollen sie, ihr Verhalten zu begründen.

 33 Die Juden antworteten ihm und sprachen: Um eines guten Werkes willen steinigen wir dich nicht, sondern um der Gotteslästerung willen, denn du bist ein Mensch und machst dich selbst zu Gott.

 Die Antwort ist eindeutig: Es sind nicht die Werke. Es ist die Gotteslästerung. Seine Gotteslästerung. Auf den Punkt gebracht: Du bist ein Mensch und machst dich selbst zu Gott. Sie scheitern an dem, was sie sehen: Einen Mann aus Nazareth, dessen Familie sie kennen. Und sie können es nicht zusammenbringen mit dem, was er sagt: Ich und der Vater sind eins.

Es ist immer ein Wunder, wenn einer oder eine zum Glauben kommt. Und in dem Menschen Jesus auf einmal den sieht, der eins ist mit dem Vater. Eins im Wesen, im Willen, in der Liebe, im Erbarmen. Gott vor unseren Augen. Wesensgleich mit dem Vater. Beides, ungetrennt und unvermischt, Mann aus Nazareth und Wort aus der Ewigkeit. Das kann keiner aus seiner Vernunft heraus erkennen – so weiß es die erste Christenheit: „Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Selig bist du, Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel.“ (Matthäus 16, 17) Daran hat sich bis heute nichts geändert: Christuserkenntnis und Christusbekenntnis werden aus dem Geist geboren.

 34 Jesus antwortete ihnen: Steht nicht geschrieben in eurem Gesetz (Psalm 82,6): »Ich habe gesagt: Ihr seid Götter«? 35 Wenn er “die” Götter nennt, zu denen das Wort Gottes geschah – und die Schrift kann doch nicht gebrochen werden -, 36 wie sagt ihr dann zu dem, den der Vater geheiligt und in die Welt gesandt hat: Du lästerst Gott -, weil ich sage: Ich bin Gottes Sohn? 37 Tue ich nicht die Werke meines Vaters, so glaubt mir nicht; 38 tue ich sie aber, so glaubt doch den Werken, wenn ihr mir nicht glauben wollt, damit ihr erkennt und wisst, dass der Vater in mir ist und ich in ihm.

Die Verteidigung Jesu: Ein Schriftbeweis. So ähnlich hat wohl die erste Christenheit im Gespräch mit jüdischen Menschen agiert. In der Sache wird nichts Neues gesagt. Der Vorwurf der Gotteslästerung wird zurück gewiesen. Er wird allerdings präzisiert: Du lästerst Gott -, weil ich sage: Ich bin Gottes Sohn?   Das ist ja, in anderen Worten, das, was Jesus zuvor gesagt hatte: Ich und der Vater sind eins. Jesus hält ihnen vor, was sie gehört haben: Gottes Sohn. Und fragt: Warum hört ihr darin eine Gotteslästerung? Kennt ihr die Schrift so wenig? Er zitiert Psalm 82. Ebenso gut hätte er Psalm 2 zitieren können, wo es vom König heißt:

Kundtun will ich den Ratschluss des HERRN.  Er hat zu mir gesagt:                       »Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt.«              Psalm 2,7

 Stattdessen wiederholt Jesus, was er schon früher gesagt hat. Meine Werke zeugen für mich. Sie sind in Wahrheit Gottes Werke. Später wird er seinen Jüngern sagen: „Glaubt mir, dass ich im Vater bin und der Vater in mir; wenn nicht, so glaubt doch um der Werke willen.“ (14,10) Es geht dabei nie um Wunderglauben, sondern darum, den Zusammenhang zu entdecken: Die Werke Jesu kommen aus der Einheit mit dem Vater. Sie beglaubigen ihn. Darin allein liegt ihr Wert.

 Das ist ein Erkennen, das sich auf dem Weg des Glaubens einstellt. Es ist nicht der Schlüssel zum Glauben. Es ist auch nicht als dogmatische Wahrheit einfach zu akzeptieren. Auf die Werke zu sehen kann die Frage wachrufen: Wer ist er, der so handelt? Und in der Offenheit, in der diese Frage gestellt wird, liegt die Chance, dass Gott diese Offenheit beantwortet – und es zum Hören seiner Stimme kommt und zum Folgen.

 39 Da suchten sie abermals, ihn zu ergreifen. Aber er entging ihren Händen. 40 Dann ging er wieder fort auf die andere Seite des Jordans an den Ort, wo Johannes zuvor getauft hatte, und blieb dort. 41 Und viele kamen zu ihm und sprachen: Johannes hat kein Zeichen getan; aber alles, was Johannes von diesem gesagt hat, das ist wahr. 42 Und es glaubten dort viele an ihn.

Die Reaktion ist eindeutig. Heftig. Erneut voller Wut. Wie sie vorher nicht verstanden, nicht gehört haben, so verstehen und hören sie auch jetzt nicht. Sie erkennen Jesus nicht und wollen ihn auch nicht anerkennen. Es ist, als folgten sie einem Befehl an all – Zugriff. Sie wollen ihn ergreifen.

Er aber entzieht sich. Seine Stunde ist noch nicht gekommen. Er geht über den Jordan, an die Taufstelle des Johannes. Nach Betabara? Oder doch nach einem Betanien, das es jenseits des Jordan gibt? Es bleibt unklar. Aber die Ortswahl nimmt der Evangelist als Anlass zu einer Zwischenbemerkung, einer Art Zwischenfazit. Er legt es den Leuten in den Mund: Alles, was Johannes von diesem gesagt hat, das ist wahr.

An welche Worte des Täufers will der Evangelist so erinnern? Eine Möglichkeit: Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!“ (1,29) Oder doch an dieses Wort:  „Der mich sandte zu taufen mit Wasser, der sprach zu mir: Auf wen du siehst den Geist herabfahren und auf ihm bleiben, der ist’s, der mit dem Heiligen Geist tauft. Und ich habe es gesehen und bezeugt: Dieser ist Gottes Sohn.“ (1,33-34) Oder noch einmal anders: „Wer von der Erde ist, der ist von der Erde und redet von der Erde. Der vom Himmel kommt, der ist über allen und bezeugt, was er gesehen und gehört hat; und sein Zeugnis nimmt niemand an. Wer es aber annimmt, der besiegelt, dass Gott wahrhaftig ist.“ (3, 31-33) Johannes lässt uns als Leserinnen und Lesern die Wahl.

 Einmal mehr, leicht zu überlesen: Und es glaubten dort viele an ihn. Es ist eine wechselhafte Geschichte, die der Prediger Jesus erlebt. Zulauf und Abwendung, Widerstand und Feindschaft – und jetzt, an diesem Ort wieder – viel, die glauben. Sich anrühren lassen. Es bleibt im Gang des Evangeliums offen, was aus diesem Glauben werden wird. so wie es ja bis heute immer offen bleibt, ob aus dem Glauben, der an einer Stelle auflebt, ein Weg wird. O aus der Zustimmung zu den Worten über Jesus Lebenspraxis werden wird, die sich ihm anvertraut. Es ist gut, dass Johannes, wie auch die anderen Evangelisten, an dieser Stelle sein Erwählen immer wieder offen lässt. Weil es darum geht, welche Antwort wir auf das Zeugnis von Jesus finden. Heute.    

 Zum Weiterdenken

 Sie scheitern an ihrem eigenen Denken und Sehen. Es ist ein Scheitern, das ich zutiefst verstehe. Es ist ein Scheitern, dass sich bis heute durchzieht. Wie oft habe ich das gehört, aus dem Mund von Suchenden, Fragenden, aus dem Mund von Leuten, die dem Glauben fremd gegenüber stehen und aus dem Mund von Leuten im Dienst der Verkündigung: „Jesus ist doch auch nur ein Mensch.“ Nicht mehr und nicht weniger. Es ist kein Wunder, wenn wir daran scheitern.

 Die Herausforderung von damals ist nicht geringer geworden durch die Jahrhunderte hin. Heute nennt keiner mehr Jesus einen Gotteslästerer. Aber das glauben auch heute viele, dass er den Mund zu voll genommen hat. Dass seine Aussage über sich selbst – Sohn Gottes – eine Aussage ohne Grund und worden ist. Wenn es keinen Gott gibt, was soll da ein Sohn Gottes sein?  Es ist eine Leerformel, hinter der keine Wirklichkeit steht. Der Mann aus Nazareth hat sich – im guten Glauben – übernommen.

  In der Sprache späterer, aufgeklärter Zeit klingt das so: „Die Religion ist nicht wahr, weil die Evangelisten und Apostel sie lehrten, sondern sie lehrten sie, weil sie wahr ist. Zufällige Geschichtswahrheiten können der Beweis notwendiger Vernunftwahrheiten nie werden.” (G.E. Lessing) Genau daran scheitern die Juden. Sie sehen einen Menschen, nichts als einen Menschen und sollen es glauben: in ihm ist der ewige Gott auf dem Plan.

 

Mein Gott, es ist nicht zu begreifen, dass Du uns in Jesus gegenüber trittst. Unsere Vernunft scheitert an diesem Weg, den du gewählt hast. Du bleibst unsichtbar für uns und wirst nur sichtbar in diesem Menschen. Er ist Dein Bild, Deine Gegenwart unter uns.  

 Mein Jesus, Du hast mir die Augen geöffnet durch das Wort, das von Dir erzählt. Durch die Worte, die andere Menschen mir von Dir gesagt haben. Es ist das Wunder meines Glaubens, das ich nie begreifen werde. Wenn ich vom Glaube rede, so rede ich von diesem Wunder – in der Hoffnung, dass Du es auch an denen tust, mit denen ich rede. Amen