Der Herr, der Freiheit schenkt

Johannes 6, 66 – 71

66 Von da an wandten sich viele seiner Jünger ab und gingen hinfort nicht mehr mit ihm.

Es kommt zum Bruch. Es ist nur Johannes, der davon erzählt, dass es einen Zeitpunkt gibt, an dem viele aussteigen aus der Bewegung der Menge in Galiläa. Der Zulauf zu Jesus bricht in sich zusammen. Mehr noch: Viele seiner Jünger wenden sich ab. Suchen wieder andere Wege. Gehen ihren eigenen Weg. Aber mit keiner Silbe wird angedeutet: Sie waren gar keine richtigen Jünger. sie waren nie wirklich dabei. So zu denken, bleibt anderen johanneischen Schriften vorbehalten – späteren als das Evangelium: „Sie sind von uns ausgegangen, aber sie waren nicht von uns. Denn wenn sie von uns gewesen wären, so wären sie ja bei uns geblieben; aber es sollte offenbar werden, dass sie nicht alle von uns sind.“  (1. Johannes 2, 19)

Ich denke, dass sich darin auch die Erfahrung der Gemeinde spiegelt, für die Johannes das Evangelium schreibt. Auch da sind viele gegangen. Weil es gefährlich geworden ist. Weil sie ratlos wurden über dem, was sie gehört und erfahren haben. Weil sie nicht zurecht gekommen sind mit dem Glauben an Jesus. Trotz Essen und Trinken.

Mir ist es wichtig: Es kommt nicht so zur Scheidung unter den Jüngern, dass Jesus welche wegschickt. Dass er die Qualifikationshürden für Jüngerschaft hochsetzt und manche daran scheitern lässt.  Es sind die Jünger, die gehen. Nicht einverstanden sind mit seinen Worten und darum sich auch von ihm distanzieren. Es bleibt dabei: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen.“ (6,37) Jesus schickt keinen weg, stößt keinen zurück, sagt zu keinem: Du genügst mir nicht. es sind Jünger, die sich abwenden. Es ist eine Selbstabschließung, keine Ausstoßung. 

 67 Da fragte Jesus die Zwölf: Wollt ihr auch weggehen?

Für mich ist das ein Schlüsselwort des Evangeliums. Es sind wenige, einige nur, die noch da sind. So viel ist deutlich: Jesus steht vor den Zusammenbruch seiner Massenbewegung, selbst wenn er sie nie mit Absicht gesucht und gewollt hat. Übrig sind womöglich nur noch die Zwölf. Sie nun fragt Jesus. Aber nicht: Ihr bleibt doch bei mir? Sondern er fragt: Wollt ihr auch weggehen? Räumt mit dieser Frage ein, dass sie weggehen könnten. Gibt sie frei. Klammert nicht. Seinen engsten Jüngerkreis, die er berufen hat, Namen für Namen, die er wollte (Markus 3,13), stellt er hier in die Freiheit – zu gehen oder zu bleiben.

 Es kommt unglaublich viel darauf an, wie ich diese Frage höre. Ob ich Angst in ihr höre oder Gelassenheit. Freiheit oder Zwang. “Geh du nicht auch noch weg von hier” heißt ein Lied, das Gerhard Schöne gesungen hat in der Zeit um 1989, in der DDR-Bürger scharenweise über Ungarn und anderswo den Weg in den Westen gesucht haben.

68 Da antwortete ihm Simon Petrus: Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens; 69 und wir haben geglaubt und erkannt: Du bist der Heilige Gottes.

Ich “sehe”, wie Simon Petrus da steht – ein Kerl, ein gestandener Mann, die Hände hebt, um sich sieht und sagt: Wohin denn? Was bliebe uns, wenn wir nicht mit dir gingen? Bleiben, weil die Alternativen zu schwach sind – so könnte man es fast deuten. Und manchmal höre ich das auch: Wenn ich etwas Besseres finde, bin ich weg.

So aber redet Petrus nicht. Sein Bleiben ist nicht begründet im Mangel an guten Alternativen. Sein Bleiben – und er spricht hier für die anderen Jünger mit – ist begründet im Wort Jesu:  Du hast Worte des ewigen Lebens. Ich übersetze in mein Denken: Worte aus der Ewigkeit, die die Sehnsucht nach der Ewigkeit wecken. Worte, die uns  ahnen lassen, dass unser Leben angelegt ist auf die Vollendung im Vaterhaus, die uns glauben lassen, dass wir geliebt sind mit einer niemals ans Ende kommenden Liebe.

 Und dann fügt Petrus, wie zur Klarstellung, hinzu: Es sind aber nicht nur die Worte. Du bist es. Du bist der eine, wahre Grund, um zu bleiben. Nicht eine Lehre – Du. Immer nur Du. Und “bedient” sich dabei dessen, was er doch nie gelernt hat: Du bist der Heilige Gottes. Das sagt sonst keiner. Bei Markus und Lukas sind es Dämonen, die so sprechen: “Was willst du von uns, Jesus von Nazareth? Du bist gekommen, uns zu vernichten. Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes!” (Markus 1,24; Lukas 4,34) Hier aber wird es zum Bekenntnis des Petrus – jenseits aller Hoheitstitel, die sonst gebraucht werden und  aller dogmatischer Formeln, die die junge Christenheit entwickelt. Vielleicht ist gerade das ein Zeichen für die Ursprünglichkeit dieses Bekenntnisses.

Bei dem Propheten Jesaja begegnet häufig für Gott die Wendung “der Heilige Israels“. (Jesaja 5, 19; 12,6; 30,12 und mehr) Daran erinnert – mich zumindest – dieses “der Heilige Gottes.” Es ist eine Parallelität, die mir kein Zufall zu sein scheint. Ist doch Jesus als der Heilige Gottes gleichzeitig der Heilige Israels, der, in dem sich alles Warten Israels erfüllen wird.

 70 Jesus antwortete ihnen: Habe ich nicht euch Zwölf erwählt? Und einer von euch ist ein Teufel. 71 Er redete aber von Judas, dem Sohn des Simon Iskariot. Der verriet ihn hernach und war einer der Zwölf.

Das ist hart: Unter den Erwählten, den Zwölf, ist einer, der doch auf der anderen Seite stehen wird. In diesem einer von euch ist ein Teufel höre ich nicht eine Seins-Festlegung. Auch Judas ist nicht der Teufel. Aber er spielt eine teuflische Rolle, ein teuflisches Spiel. Und muss doch damit letztlich dem Heilswillen Gottes dienen. Hier, in Galiläa gehört er zu denen, die bleiben. Weil sie erkannt haben: Du hast Worte des ewigen Lebens.

Ja, auch für Judas spricht Petrus mit seinem Bekenntnis. Und nochmals ja – diesen Judas hat Jesus nicht weggeschickt. Er hat nie versucht, ihn loszuwerden. Gerade darum ist noch in dieser so knappen Notiz, die Verunsicherung zu spüren, die das Geschehen des Verrates, der Auslieferung durch einen aus dem Jünger-Kreis in der Gemeinde bewirkt hat. Es ist so, dass man sich nicht darüber beruhigen kann: Einer musste es ja sein. Es ist Schmerz, der bis zu uns heute reicht. Über Judas zu reden und nicht die unmöglichen Möglichkeiten des eigenen Verrates zu sehen, der eigenen Abwendung, des eigenen Nicht-Verstehens dieser Liebe – das geht nicht.

Zum Weiterdenken

Es war ein Lernweg für den jungen Pfarrer: Ich kann keinen festhalten von meinen Konfirmanden. Ich kann keinen festhalten aus dem Jugendkreis. Je mehr ich versuche zu halten, festzuhalten, umso größer wird die Sehnsucht nach der Freiheit werden. Es verträgt sich nicht mit dem Glauben, mit dem Vertrauen, mit der Freiheit, die es braucht, wenn ich anfange zu klammern, zu betteln, den Weg zu blockieren.

Wer Glauben will, der aus der Liebe lebt, muss mit Jesus fragen: Wollt ihr auch weggehen? Das ist der Preis der Freiheit, die der Glaube braucht, damit er wahrhaft freier Glaube ist.

 

Mein Herr und Gott, wie viele kehren in unseren Tagen der Kirche den Rücken. Wie viele finden sich nicht mehr wieder in der Weise, wie wir von Glauben reden, Gottesdienst feiern. Ob sie, die gehen, sich damit auch von Dir abwenden? Ich weiß es nicht.  Was mir bleibt, ist die Frage an uns, die wir bleiben. An mich? Will ich auch gehen?

 Ich will bei Dir bleiben – mit den anderen, die auch bleiben, weil wir Dich erkannt haben und in Dir die Liebe, die uns liebt bis zum Äußersten. Den Sohn, der sich gibt für uns. Von Dir lerne ich: Es ist gerade die große Liebe, die selbstlos ist, die loslassen kann, loslassen muss.

 Gib mir, in der Treue zu Dir zu leben, Zu Dir in Deiner Treue. Und gib, dass wir keinen und keine aufgeben, die gegangen sind. Amen  

 

2 Gedanken zu „Der Herr, der Freiheit schenkt“

  1. “Einer von euch ist ein Teufel”. Bei Lukas steht:”Da fuhr der Satanin Judas” Das sind Texte, die mir zu schaffen machen. Harte Worte. Ich denke immer, es war Gottes Plan. Es brauchte keinen Verrat und Judas wird für diese Rolle gebraucht. Es gab genug Möglichkeiten. Jesus zu verhaften. Das alles ist mir zu schwer! Dennoch, so hoffe ich, kann mich nichts von Jesus trennen, wie das ja auch Paulus so wunderbar beschreibt.

    1. Es ist für die Christenheit bleibend eine schwere,belastende Botschaft: Einer aus den Zwölfen hat Jesus ausgeliefert. Das wehrt aller Selbstsicherheit im Blick auf den eigenen Glauben: Ich stehe felsenfest. Nein, ich bin darauf angewiesen, dass ich gehalten werde, weil mein Vertrauen oft genug ins Wanken gerät. Weil ich Gottes Wege nicht verstehe. Die mit der Welt nicht und die mit mir auch nicht. Es muss mir reichen: Es sind seine Wege und er ist da. auch da, wo ich ihn nicht sehe, spüre und erwarte.

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