Zwischen Schicksal und Schuld

Richter 1, 27 ‑ 2,5

27 Und Manasse vertrieb nicht Bet‑Schean und seine Ortschaften noch Taanach und seine Ortschaften noch die Einwohner von Dor und seinen Ortschaften noch die Einwohner von Jibleam und seinen Ortschaften noch die Einwohner von Megiddo und seinen Ortschaften. So blieben die Kanaaniter dort im Lande wohnen. 28 Als aber Israel mächtig wurde, machte es die Kanaaniter fronpflichtig, vertrieb sie jedoch nicht. 29Auch Ephraim vertrieb die Kanaaniter nicht, die in Geser wohnten, sondern die Kanaaniter wohnten mitten unter ihnen in Geser 30 Auch Sebulon vertrieb nicht die Einwohner von Kitron und Nahalol, sondern die Kanaaniter wohnten mitten unter ihnen und waren fronpflichtig. 31 Asser vertrieb nicht die Einwohner von Akko noch die Einwohner von Sidon, von Mahaleb, von Achsib, von Helba, von Afek und von Rehob,‑ 32 sondern die von Asser saßen mitten unter den Kanaanitern, die im Land wohnten, denn sie vertrieben sie nicht. 33 Naftali vertrieb die Einwohner nicht von Bet‑Schemesch noch von Bet‑Anat, sondern saß mitten unter den Kanaanitern, die im Lande wohnten. Aber die von Bet‑Schemesch und von Bet‑Anat wurdenfronpflichtig.

Was für eine Litanei ist das! Es wird aufgezählt, wo die Stämme Israels mit dem Vertreiben nicht ernst gemacht haben. Wo sie den Bann nicht vollstreckt haben. Wo sie sich darauf eingelassen haben, dass die ursprünglichen Einwohner irgendwie weiter bleiben konnten. Eingeschränkt zwar. Untertan gemacht. Manche auch fronpflichtig. Aber sie waren eben da. Bleiben da. „Israel vertrieb die Kanaaniter ganz und gar nicht, vielmehr nütze es deren Arbeitskraft aus.“ (M. Holland, aaO. S. 36) Diese Zugeständnisse ziehen sich vom Norden bis in die Mitte des Landes. Es ist nicht so, dass es nur einzelne Stämme sind, die so inkonsequent sind. Manasse, Ephraim, Sebulon, Asser – sie alle finden sich mit den Kanaanitern ab.  Fremdkörper im Lande Israel.

In diesen Sätzen bildet sich die Einwanderungsgeschichte Israels ab ‑ historisch genauer als im Buch Josua. Bei Josua entsteht der Eindruck einer militärischen Aktion von ganz Israel. Hier wird sichtbar, wie Stamm für Stamm in sein Gebiet einwandert ‑ und gar nicht anders kann, als sich mit den dort ansässigen zu arrangieren. Israel “blieb vor den Toren der Städte stehen” (A. Alt) Die einzelnen Stämme waren viel zu schwach, um über die Alt-Einwohner Herr zu werden. Erst als aber Israel mächtig wurde ‑ hier wird betont auf ganz Israel angespielt ‑ kann es die Kanaaniter unterwerfen und abhängig machen.

 34 Und die Amoriter drängten die Daniter aufs Gebirge und ließen nicht zu, dass sie herunter in die Ebene kämen. 35 Und die Amoriter blieben wohnen auf dem Gebirge Heres, in Ajalon und in Schaalbim. Doch wurde ihnen die Hand des Hauses Jose zu schwer und sie wurden fronpflichtig. 36 Und das Gebiet der Edomiter ging vom Skorpionensteig, von der Felsenstadt und weiter hinauf.

Es kommt noch schlimmer: Der Stamm Dan wird ins Gebirge abgedrängt. Er kann sich nicht in die Ebene hinein entfalten. Liest man das alles im Zusammenhang, in dieser Litanei, dann drängt sich ein Eindruck auf: Die einzelnen Stämme bleiben sich untereinander Hilfe schuldig. Jeder macht nur sein Ding. Deshalb bleibt die Eroberung des Landes unvollständig. Edom wird sogar nur erwähnt, weil es geographisch nahe liegt. Bei der Landnahme wird sein Gebiet nicht berührt.

2,1 Es kam aber der Engel des HERRN herauf von Gilgal nach Bochim und sprach: Ich habe euch aus Ägypten heraufgeführt und ins Land gebracht, das ich euren Vätern zu geben geschworen habe, und gesprochen, ich wollte meinen Bund mit euch nicht brechen ewiglich. 2 Ihr aber solltet keinen Bund schließen mit den Bewohnern dieses Landes und ihre Altäre zerbrechen. Aber ihr habt meiner Stimme nicht gehorcht. Warum habt ihr das getan?

Was vorher erzählt worden ist, wird nun in der Botschaft des Engel des HERRN gedeutet. Wie im Zeitraffer. Von Gilgal her kommt der Engel, von dem Ort, an dem Gott sich als treu erwiesen hat. „Und die zwölf Steine, die sie aus dem Jordan genommen hatten, richtete Josua auf in Gilgal und sprach zu den Israeliten: Wenn eure Kinder später einmal ihre Väter fragen: Was bedeuten diese Steine?, so sollt ihr ihnen kundtun und sagen: Israel ging auf trockenem Boden durch den Jordan, als der HERR, euer Gott, den Jordan vor euch austrocknete, bis ihr hinübergegangen wart.“ Josua 4, 20-23) Der HERR hat Israel aus Ägypten geführt und ins Land gebracht. Er hat seine Verheißungen den Vätern gegenüber wahr gemacht, sie erfüllt. Er ist seinem Bund treu geblieben. An diese Treue erinnert der Engel.

Israel aber hat seinen Teil nicht erfüllt. Sie sollten sich nicht auf Bündnisse einlassen. Sie sollten keine fremden Altäre in diesem Land zulassen. „Der totale Besitz des Landes wird an die totale Absage gegenüber den Kanaanitern geknüpft.“ (H. W. Hertzberg, aaO. S. 154) Ganz das Land des HERRN sollte dieses Land sein. Statt den einen Bund aber zu halten haben sie viele Bündnisse geschlossen. Der Stimme des HERRN nicht gehorcht.

Die Anklage wird noch einmal schärfer dadurch, dass sie nicht als Rede des Engels, sondern in der Ich‑Form als Rede Gottes laut wird. Gott selbst wird verletzt durch diesen Ungehorsam Israels und er sagt es auch. Und fragt: Warum habt ihr das getan? Fast möchte ich ergänzen: Warum habt ihr mir das angetan? Das ist ja der Hintersinn dieser Frage. Es ist nicht einfach nur Ungehorsam. Es geht um die Missachtung Gottes, der in allem treu gewesen ist.

3 Da sprach ich: Ich will sie nicht vor euch vertreiben, damit sie euch zum Fangstrick werden und ihre Götter zur Falle.

Eine Antwort wird nicht gegeben. Stattdessen wird ein “Urteil” verkündigt: Dieser Zustand der Mischbesiedlung wird bleiben. „Wer die Gemeinschaft mit Angehörigen fremder Religionen pflegt, muss mit ihnen leben.“(M. Holland, aaO. S. 43) Das aber wird euch zum Fangstrick werden. Israel wird sich darin verfangen. In diesem Nebeneinander von Baal und Jahwe, von Astarte und Ischtar, Himmelsgöttin und dem Einen, Gott, Schöpfer des Himmels und der Erde.  „Dass dieses Damoklesschwert über den Haupt des Volkes schwebt, daran hat das Volk selbst schuld, indem es glaubte, mit einem Kompromiss zurechtkommen zu können. Hier wäre aber Kompromisslosigkeit am Platz gewesen; es geht nur so, wie Elia es dann gesagt hat: Jahwe oder Baal. ” (H. W Hertzberg; aaO.  S 155)

Der Kommentar hat Recht mit seinen Sätzen. Und doch ist es zugleich erschreckend. Denn die Kompromisslosigkeit, die er einklagt, hätte verbrannte Erde geheißen. Das Schicksal von Jericho und Ai für das ganze Land Kanaan. Vollstreckung des Banns an allen. Genozid nennen wir das heute. Das kann aber doch nicht die Konsequenz des Glaubens an „Jahwe allein” sein!

Wie habe ich diese Botschaft des Engels zu lesen? Es bieten sich zwei Möglichkeiten an. Einmal kann ich sie lesen als Urteil, als Botschaft, die herauf‑führt, was sie ansagt. Sozusagen ein prophetisches Wort aus dem Mund des Engels des HERRN. Ich kann aber auch sagen: In diesen Worten, die dem Engel des HERRN „in den Mund gelegt werden”, meldet sich die Sicht derer, die vom Ende her, von der Katastrophe im Jahr 586 v. Chr. her, auf den Weg Israels schauen und sagen: Es war von Anfang an ein Weg der Schuld des Volkes. Was da geschehen ist, das sehen wir „nicht bloß als Schicksal, sondern vielmehr auch als Schuld.“ (H. W Hertzberg, aaO.  S 155) Das ist ein lang reifender Prozess. Keine Augenblickseinsicht.

4 Und als der Engel des HERRN diese Worte zu ganz Israel geredet hatte, erhob das Volk seine Stimme und weinte. 5 Und sie nannten die Stätte Bochim und opferten dort dem HERRN.

Das Volk hört, was der Engel zu ganz Israel geredet hatte ‑ und weint. Eine Augenblicks‑Emotion? Immerhin, es gibt diesen Ort Bochim – die Weinenden. Eine bleibende Erinnerung. Eine Umkehr mit Folgen? Das ist die Frage, die sich oft stellt ‑ auch heute? Was wird aus einer religiösen Erfahrung ‑ wird sie der Anfang eines anderen, eines neuen Weges? Oder bleibt sie ein Augenblick? An den man sich später erinnert, der aber keine Lebensfolgen hat. Der in einer Biographie erzählt wird. So wie man erzählt: Als Deutschland 1954 Weltmeister wurde, da habe ich das im Fernsehen gesehen. Wie aufregend. Aber Folgen hat es keine gehabt.

Zum Weiterdenken

Die Bibel ist ‑ so sehe ich das ‑ nie nur daran interessiert zu erzählen, wie es war. Sondern sie ist immer vor allem daran interessiert zu deuten, wie Geschichte von innen heraus, “unter den Augen Gottes“ (H. W Hertzberg, aaO.  S. 155) zu verstehen ist. „Was der Oberflächliche als Schicksal sieht, erkennt der Glaubende als Folge des Unglaubens.“ (M Holland, aaO. S. 44) Das Risiko, so Geschichte zu deuten, sie von Gott her zu sehen und zu beurteilen, nehmen die Autoren der Bücher der Richter, der Könige, der Chronik, der Samuel‑Bücher auf sich.

Dem würde entsprechen, wenn einer es heute auf sich nimmt, den Weg der Bundes-Republik auch theologisch, geistlich zu deuten. Also: Das Geschenk des Neu‑Anfangs 1945 und des Mauerfalls 1989 als unverdiente Gnade; die Anbetung des Wirtschaftswunders als verweigerten Glauben; die Preisgabe so vielen ungeborenen Lebens als Weigerung, der Güte Gottes zu trauen; das ungezwungene Opfern so vieler verlorener Kinder für die eigene Karriere und die eigene Selbstfindung als Herzenshärtigkeit. Den Zustrom von Flüchtlingen aus der Ukraine als eine zweite Chance nach 2015, als Volk Gastfreundschaft zu bewähren. Und, und, und….

Heiliger Gott, Du ersparst uns nicht, dass wir uns auseinandersetzen mit unserem Heute, mit dem, wie es geworden ist, was daran Schuld ist und was Schicksal.  Du willst, dass wir heute so leben, wie es Dir und Deinem Willen entspricht, und unseren Weg suchen  und darin nach Deinem Weg fragen, unter den Bedingungen unserer Zeit.

Mein Gott, immer leben wir auch auf Kosten anderer. Wir nehmen unseren Platz in der Welt ein und machen damit auch anderen ihren Raum zum Leben enger.  Bewahre uns davor, anderen ihr recht auf Leben und Lebensraum abzusprechen. Gib uns, dass wir lernen, miteinander achtsam umzugehen, weil wir doch alle Deine geliebten Geschöpfe sind.  Amen

4 Gedanken zu „Zwischen Schicksal und Schuld“

  1. Ich tue mich mit diesen Eroberungsgeschichten sehr schwer.
    Was können die ursprünglichen Bewohner des Landes Kanaan dafür, dass sie dort gesiedelt haben, als das Volk Israel noch in Ägypten und auf der Wanderung war? Es stand doch kein Schild da mit dem Hinweis, dass das versprochenes Land ist an ein Nomadenvolk, dass irgendwann kommen wird.

    1. Es ist die falsche Frage! Die Kanaaniter sind nicht im Blickfeld des Autors. Sie interessieren im Grunde nicht. Nur auf Israel und sein Verhalten richtet er die Aufmerksamkeit. Es geht um den Gegensatz zwischen Gott und seinem Israel. “Auf der Gotteseite werden Barmherzigkeit und Gerechtigkeit, auf der Menschenseite UNdankbarhkeit und Schuld sichtbar.” (Hertzberg) Unsere Vorstellung von friedlicher Ko-Existenz zwischen Lebensweisen, Religionen und Völkern ist nicht die Vorstellung, die hinter diesen Texten steht. Für sie gilt: Der Kompromiss birgt Ansteckungsgefahr. Wir dagegen glauben: Er ist ein Schritt zur Lebenssicherung. Es ist ein Lernprozess, vpon dem ich glaube, dass er bis heute nicht gelernt worden ist! Nicht nur von Putins Russland, das eine eigenständige Ukraine nicht denken kann und nicht akzeptieren will.

      1. Die vielen Muslime in unserem Land, bergen doch auch eine “Ansteckungsgefahr”?
        Als Christen sollen wir da gegen Versuchung besser gewappnet sein?

        1. Sie sind mit ihrer Art zu Glauben eine Herausforderung an uns als Christen. Wir müssen unseren Glauben klären. Wir dürfen uns festmachen an Jesus Christus. Die Ansteckungsgefahr durch den Islam ist nicht größer als die durch unseren gesellschaftlichen Mainstream: Du bist, was Du aus Dir machst. Du musst Erfolg haben, dann bist du wer. Ich-AG statt Wir. Ich-AG statt Sohn oder Tochter Gottes. Das sind die Verführungskräfte, die uns wirklich bedrohen.

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