Bis über die Ohren verliebt

Hohelied 4, 1 – 5,1

 1 Siehe, schön bist du, meine Freundin, / siehe, du bist schön. Hinter dem Schleier / deine Augen wie Tauben. Dein Haar gleicht einer Herde von Ziegen, / die herabzieht von Gileads Bergen. 2 Deine Zähne sind wie eine Herde / frisch geschorener Schafe, / die aus der Schwemme steigen, die alle Zwillinge haben, der Jungen beraubt ist keines von ihnen. 3 Wie ein purpurrotes Band sind deine Lippen / und dein Mund ist reizend. Dem Riss eines Granatapfels gleicht deine Wange / hinter deinem Schleier. 4 Wie der Turm Davids ist dein Hals, / in Schichten von Steinen erbaut; tausend Schilde hängen daran, / lauter Waffen von Helden. 5 Deine Brüste sind wie zwei Kitzlein, / die Zwillinge einer Gazelle, / die unter Lilien weiden.

Es ist nicht unsere Sprache. Weder die unserer Zeit noch die unseres Kultur-Raumes. Es ist die Sprache „arabischer Liebeslyrik“. (H. Ringgren, aaO. S. 264) Ob Araber heute noch so reden würden, mag dahin gestellt bleiben. Aber wir verstehen dennoch, trotz aller Sprachbarrieren sofort: Hier schwärmt einer. Hier sieht einer seine Freundin und sagt ihr: Du bist schön. In immer neuen Wendungen. Die Schönste aller Frauen. Es ist die Liebe, die nur noch Augen für diese Schönheit hat und sich an ihr nicht satt sehen kann.

Es ist ein Loblied auf die Schönheit, die ins Detail geht – Augen, Haar, Zähne, Lippen, Schläfe, Hals, Brüste. Nichts wird ausgelassen, nichts bleibt ungesehen, unbesungen. Die Siebenzahl wird kein Zufall sein, sondern sie ist der Hinweis auf die Vollkommenheit. Es ist nicht Liebe auf den ersten Blick, sondern Liebe, die sich nicht satt sehen kann. „Vielleicht ist es typisch für die wahre Liebe, dass sie bei den Augen beginnt.“ (G. Maier, aaO.  S. 90)

 Der Blickwechsel wird erlaubt sein – weil der Überschwang der Lobsänger so nahe beieinander liegt:

Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen;                                und weil ich nun nichts weiter kann, bleib ich anbetend stehen.                                 O dass mein Sinn ein Abgrund wär und meine Seel ein weites Meer,                        dass ich dich möchte fassen!                    P. Gerhardt 1853, EG 37

 6 Wenn der Tag verweht und die Schatten fliehen, / will ich zum Myrrhenberg gehen, / zum Weihrauchhügel.

Ich lese: „Berg und Hügel sind wohl als poetische Bilder für Brüste und sonstige Reize der Braut aufzufassen… Es handelt sich hier um ein nächtliches Beisammensein.“ (H. Ringgren, aaO.; S. 275) Von selbst wäre ich darauf nicht gekommen. Unklar ist, wer hier spricht – ob es der Freund ist oder doch die Geliebte, angebetete Freundin, die dann in einem „Zwischenruf“ ihr Entgegenkommen signalisieren würde.

7 Alles an dir ist schön, meine Freundin, / kein Makel haftet dir an. 8 Mit mir vom Libanon, Braut, / mit mir kommst du vom Libanon, vom Gipfel des Amana steigst du herab, / vom Gipfel des Senir und des Hermon, von den Lagern der Löwen, / von den Bergen der Panther.

Erneut fängt der Freund, der Bräutigam an zu schwärmen. Es wird nicht nur äußerlich gemeint sein: Kein Makel – eine makellose Schönheit. „Sie wird jedem Anspruch an Leib und Seele gerecht.“ (G. Maier, aaO. S. 96) Sie ist die Frau, die ihn einfach betört. Er will mit ihr einen gemeinsamen Weg gehen. Sind die geographischen Angaben symbolisch zu lesen? Von der Höhe herabsteigen in das Tal? Es könnte ja so zu lesen sein: Die Höhenflüge der Verliebtheit müssen sich wandeln zu dem lange dauernden Weg der Liebe. Aber ob der Text das hergibt?

 9 Verzaubert hast du mich, / meine Schwester Braut; verzaubert mit einem Blick deiner Augen, / mit einer Perle deiner Halskette. 10 Wie schön ist deine Liebe, / meine Schwester Braut, wie viel süßer ist deine Liebe als Wein, / der Duft deiner Salben köstlicher als alle Balsamdüfte. 11 Honigseim tropft von deinen Lippen, Braut, / Honig und Milch sind unter deiner Zunge. Der Duft deiner Kleider ist wie der Duft des Libanon.

Verzaubert hast du mich (Einheitsübersetzung) Das nennt man Blitzschlag. Im Italienischen gibt es dafür einen stehenden Ausdruck: Il colpo di fulmine. Einmal hat er sie gesehen, nur einen winzigen Ausschnitt, wie bei Dalli-Klick, „bezaubert mit einem einzigen Blick“ (Basisbibel) hat sie ihn, – und es hat gefunkt. Rettungslos verloren. „Verzaubert“, „verhext“, „das Herz beraubt“ – alles Varianten, die Bibel-Übersetzungen anbieten für Du hast mir das Herz genommen. Es ist vorbei mit dem freien Willen. Da ist einer in die Gefangenschaft der Liebe geraten. Eine Gefangenschaft freilich, der er sich nicht mehr entziehen will. Die schönste Geschenke bereit hält.

Es ist eine Parallele, die zum Verstehen helfen kann: Wie ein Gewächs auf dem Felde machte ich dich. Und du wuchsest heran und wurdest groß und sehr schön. Deine Brüste wuchsen und du bekamst lange Haare; aber du warst noch nackt und bloß. Und ich ging an dir vorüber und sah dich an, und siehe, es war die Zeit, um dich zu werben. (Hesekiel 16, 7 – 8) Von daher liegt es nahe, auch hier wieder auf die geistliche Doppelschichtigkeit der Worte zu verweisen.

12 Ein verschlossener Garten ist meine Schwester Braut, / ein verschlossener Born, / ein versiegelter Quell. 13 An deinen Wasserrinnen – / ein Granatapfelhain mit köstlichen Früchten, / Hennadolden samt Nardenblüten, 14 Narde, Krokus, Gewürzrohr und Zimt, / alle Weihrauchbäume, Myrrhe und Aloe, / allerbester Balsam. 15 Die Quelle des Gartens bist du, / ein Brunnen lebendigen Wassers, / das vom Libanon fließt.

Das Bild wechselt. Hinweis auf einen ursprünglich selbstständigen Text? „Gartenlied“ sagen darum manche Ausleger. „Die Braut gleicht einem verschlossenen Garten. Unantastbar, schwer zugänglich…. Jungfräulich.“ (H. Ringgren, aaO. S. 277) Ist sie damit auch unerreichbar?

 Der Garten mag  ein Hinweis sein auf das Paradies. Der bibelkundige Leser hat bei diesen Worten ja vielleicht auch die Schilderungen des ersten Paradiesgartens im Gedächtnis: „Dann pflanzte Gott, der Herr, einen Garten in Eden, im Osten gelegen. Dort hinein brachte er den Menschen, den er erschaffen hatte. Und Gott, der Herr, ließ alle Arten von Bäumen in dem Garten wachsen – schöne Bäume, die köstliche Früchte trugen. In der Mitte des Gartens wuchsen der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse.“ (1. Mose 2, 8-9) Eine Verlockung zum Leben. Und ist es nicht so: Wer diesen Garten erschließt, der erkennt mehr, als er je zuvor erkannt hatte?

16 Nordwind, erwache! Südwind, herbei! / Durchweht meinen Garten, / lasst strömen die Balsamdüfte! Mein Geliebter komme in seinen Garten / und esse von seinen köstlichen Früchten!

  Redner-Wechsel. Die Braut nimmt das Wort. Sie ruft den Geliebten hinein in den Paradies-Garten. Sie öffnet ihm den Garten, der zuvor für ihn unerreichbar ist. Verschlossen. Es braucht diese Einladung, damit aus dem Zutritt zum Garten nicht Gewalttat wird, die die Liebe zerstört. Ohne das gegenseitige Einverständnis gibt es keine erfüllte Liebe.

 5,1 Ich komme in meinen Garten, meine Schwester Braut, / ich pflücke meine Myrrhe samt meinem Balsam, ich esse meine Wabe samt meinem Honig, / ich trinke meinen Wein samt meiner Milch. Esst, Freunde, trinkt, / berauscht euch an der Liebe!

  Die Antwort auf die Einladung an den Geliebten. Es ist nicht zum Sagen, trotz der vielen Worte, was der Bräutigam erlebt. Süß ist die Liebe. Überwältigend süß. Es sind Worte, die wohl ausgeliehen sind aus den Beschreibungen der Überfülle einer Opfermahl-Feier. Es muss deshalb nicht gleich eine ekstatische „heilige Hochzeit“ sein, die hier Pate gestanden hat. Israel hat es nicht so mit der „heiligen Hochzeit.“ Aber eine vorsichtige Andeutung darauf mag es sein, dass die gelebte Sexualität weit über den Horizont des normalen Lebens hinaus fliegen kann, geradezu den Charakter einer „religiösen Erfahrung“ gewinnen kann. „Lernen Sie jetzt, Gott auch mit ihrem Leib zu loben.“ Ein seelsorgerlicher Ratschlag angesichts der Hochzeit. Unvergesslich.

Es ist eine sehr besondere, eine exklusive Beziehung, die sich in diesen Worten zeigt. Da ist für die Geliebte und den Geliebten keine Konkurrenz denkbar. „Du, du allein.“ Niemand sonst. Umso erstaunlicher der Schluss: Esst, Freunde, trinkt, berauscht euch an der Liebe! Diese Beziehung ist exklusiv – aber sie öffnet sich zum Fest, zur Freude für viele. Für alle, die sich zu diesem Fest einladen lassen. Ob diese Worte ein spätes Echo im Mund des Täufers finden: „Wer die Braut hat, der ist der Bräutigam; der Freund des Bräutigams aber, der dabeisteht und ihm zuhört, freut sich sehr über die Stimme des Bräutigams. Diese meine Freude ist nun erfüllt.“ (Johannes 3,29)

Zum Weiterdenken

 Je mehr ich lese, umso mehr beschäftigt mich die Vielschichtigkeit dieser Passagen. Sie können gewiss auf einer Ebene gelesen werden, die „nur“ die Anziehungskraft der Liebe im Blick hat. Sie sind eindrücklich Beschreibung der Macht, der Anziehungskraft, der regelrechten Überwältigung durch die Liebe. Eros hat Macht. Zugleich aber lesen sich viele Passagen auch wie ein Gleichnis – diese Liebe spielt auch zwischen Gott und dem Volk, zwischen Gott und der Gemeinde. Das Schöne daran ist der Hinweis, dass es beim Glauben nicht um strohtrockene Glaubensätze geht, nicht um Gedankenakrobatik und Stupide Gelehrsamkeit. Glaube ist zuerst und zuletzt Hingerissensein, Gewonnensein, Beziehung, die geschenkt ist und in der ich leben darf und Leben entdecke.

Jesu, meine Freude, meines Herzens Weide, Jesu, meine Zier,
Ach wie lang, ach lange ist dem Herzen bange und verlangt nach dir!
Gottes Lamm, mein Bräutigam, außer dir soll mir auf Erden nichts sonst Liebers werden.
                                       J. Franck 1653, EG 396

Es ist viel verloren gegangen, wenn uns die Sprache der Liebe in Sachen des Glaubens verloren geht. Mir scheint die Sprache der Liebe angemessener für die Sprache des Glaubens als es die Sprache der Bekenntnisse ist. „Ich liebe Jesus“ ist näher dran an dem menschensuchenden Gott: „Da sie nun das Mahl gehalten hatten, spricht Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr, als mich diese lieb haben? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Lämmer! 16 Spricht er zum zweiten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe! 17 Spricht er zum dritten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Petrus wurde traurig, weil er zum dritten Mal zu ihm sagte: Hast du mich lieb?, und sprach zu ihm: Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe!“ Johannes 21, 15-17)

 

Mein Gott, ich habe Warten gelernt. Manchmal ist es mir schwer gefallen, manchmal war es ganz leicht. Die Zeit des Wartens ist nie vorbei. Sie ist auch in der Liebe nie vorbei. Sie beginnt alle Tage neu.  Jede tiefe Erfüllung weckt neues Erwarten, weist über sich selbst hinaus, ins Offene, zu Dir.

Mein Gott, lass mich neu erfüllt werden mit Deiner Liebe und lass in mir die Antwort der Liebe zu Dir wachsen und reifen. Lehre Du mich die Sprache, die Deine schönheit lobt und preist. Amen  

 

Ein Gedanke zu „Bis über die Ohren verliebt“

  1. Danke für die Auslegung dieses so schönen, aber auch schwierigen Textes. Ich bin begeistert von den Querverbindungen, die du aufzeigt.
    Da steckt sehr viel Arbeit dahinter!!

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