Harsche Worte im Ringen um die Wahrheit

Galater 1,1 – 9

1, 1 Paulus, Apostel nicht im Auftrag von Menschen und auch nicht durch einen Menschen eingesetzt. Vielmehr wurde ich berufen durch Jesus Christus und Gott, den Vater, der ihn von den Toten auferweckt hat.

    Viel knapper und viel selbstbewusster geht es nicht. Mit einem Satz sagt Paulus, dass sie, die diesen Brief erhalten werden, nicht nur eine Meinung zur Kenntnis erhalten. Weil er, Paulus seine Apostelaufgabe nicht von Menschen erhalten hat – weder in ihrem Anfang noch in ihrem jetzigen konkreten Zustand. Er beruft sich, ganz wie ein Prophet Israel auf eine göttliche Berufung. Hinter seiner Arbeit stehen Jesus Christus und Gott, der Vater. Nicht zwei Götter, sondern der eine Gott in seiner Einheit von Vater und Sohn. Hinter ihm steht der, der den Sohn von den Toten auferweckt hat. Damit ist schon ein Zeichen gesetzt: Die Wirklichkeit, aus der Heraus Paulus das Wort nimmt, hat den engen Kreis der Weltwirklichkeit gesprengt. Es ist die persönliche Ostererfahrung, aus der heraus Paulus lebt, wirkt, redet, schreibt.

   2 Zusammen mit allen Brüdern und Schwestern, die bei mir sind, schreibe ich an die Gemeinden in Galatien: 3 Wir wünschen euch Gnade und Frieden von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. 4 Der hat sich selbst für unsere Sünden hingegeben. Dadurch hat er uns aus dieser Welt gerettet, die vom Bösen beherrscht wird. So wollte es unser Gott und Vater. 5Er regiert in Herrlichkeit für immer und ewig. Amen.

 Paulus ist nicht allein. Auch wenn er sie nicht namentlich aufzählt – er steht in einer Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern. Sie alle teilen seine Gedanken, seine Worte und sie alle teilen auch den Gruß: Gnade und Frieden von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.  Es ist ein Gruß an die Gemeinden in Galatien. Nicht nur an ein Gemeinde an einem Ort. Fast so etwas wie ein Rundschreiben an eine Propstei, eine Dekanat, eine Landeskirche. Ein verdeckter Hinweis darauf, dass es schon am Anfang der Christenheit nicht nur Gemeinde vor Ort gegeben hat, sondern Gemeinde in örtlicher Nähe und regionaler Verbundenheit. Aber eben auch in der Gewissheit: Wir gehören zusammen.

Es folgt der Hinweis auf das Werk Jesu Christi, auf das Heil, das die Christen in ihm haben. Er hat erlöst, befreit, gerettet. Durch seine Hingabe. Wie nebenbei fällt der Blick auf die Welt: sie ist kein freundlicher Ort.  Sie wird vom Bösen beherrscht. Nicht diese Herrschaft des Bösen, sondern die Rettung aus einer Gewalt ist der Wille des Vaters. Darauf ist Verlass. Gestern, heute, morgen.

            Man kann es diesen Worten abspüren: Die Welt in ihrem Zustand ist nicht die beste aller Welten. Aus ihr muss man gerettet werden. Weil man sonst in ihr zugrunde geht. An ihr zugrunde geht. Ob man zu weit geht, hinter diesem so kargen Satz, der in unseren Ohren so dogmatisch klingt, die Sehnsucht nach der Erlösung aus diesem bösen Weltenlauf zu hören. Paulus und seine Leser warten auf eine andere Welt.

6 Ich wundere mich doch sehr, wie schnell ihr euch von Gott abwendet. Er hat euch doch berufen, an der Gnade teilzuhaben, die Christus gebracht hat. Und ihr wendet euch einer anderen Guten Nachricht zu! 7 Dabei gibt es die gar nicht. Vielmehr führen gewisse Leute euch in die Irre. Sie wollen die Gute Nachricht von Jesus Christus ins Gegenteil verkehren.

Der Apostel kommt sofort zur Sache. Ist er nur sehr verwundert oder ist er nicht doch einfach sehr irritiert? Er hat offensichtlich Nachrichten aus Galatien erhalten, die ihn zum Briefschreiben bringen. Keine gute Botschaft, sondern eine, die ihn bestürzt. Da ist plötzlich eine neue, andere Guten Nachricht dabei, in den Gemeinden Fuß zu fassen. Eine, in deren Zentrum nicht mehr die Gnade steht. Nicht mehr die geschenkte Teilhabe an der Gnade, die Christus gebracht hat. Es ist eine Scheinnachricht, eine, die es in Wahrheit gar nicht gibt. Gemeint ist aus der Sicht des Paulus: Eine Nachricht, die es nicht gut mit euch meint. Eine Nachricht, die die in die Irre führt, die das Evangelium εαγγλιον steht im Griechischen da – verfälscht und ins Gegenteil verkehrt.  Es ist ein anderes Evangelium, das aber in Wahrheit kein Evangelium ist.

8 Doch wer immer euch etwas anderes verkündet, als wir verkündet haben, soll verflucht sein. Das gilt auch dann, wenn wir selbst es tun oder gar ein Engel vom Himmel! 9 Wir haben das schon früher gesagt, und ich sage es jetzt noch einmal: Wer euch eine andere Gute Nachricht verkündet als die, die ihr bereits angenommen habt, soll verflucht sein!

Erschreckend harte Worte. Ist das nur der Ausbruch eines Monopolisten, der neben sich nichts anderes gelten lassen kann? Der für seine Botschaft Alleingültigkeit beansprucht? Die Wahrheit ist mein exklusiver Besitz und wer etwas anderes sagt, auch nur ein bisschen anders sagt – ab in die Verdammnis.

Es ist unsere Weise zu lesen, die darüber entscheidet, wie wir verstehen. Man kann so lesen: Wenn es Paulus in diesen Worte nur ums eigene Rechtbehalten geht, dann sind sie in der Tat furchtbar. Dann hören wir hier Worte eines vernagelten Typs, der sich in seinem Verständnis des Glaubens absolut setzt. Man kann allerdings auch anders lesen. Wenn es nämlich darum geht, dass er seine Leute in Galatien vor dem Irrweg bewahren will, der ihnen nur Lasten auferlegt und die Freiheit raubt, dann hat er mit seinen starken Worten doch auch ein wenig recht.

Es lohnt, sich klarzumachen:  In diesem Brief als einem der älteren Paulusbrie geht es ja nicht darum, die eigene Lebensleistung zu verteidigen. Die ist ja erst noch im Werden. Sondern am Anfang geht es allein darum, dass die Gemeinden – und das sind lebendige Menschen – auf dem Weg bleiben. Auf dem Weg der Freiheit, der durch die Hingabe Jesu eröffnet ist und durch die Gnade markiert.

Zum Weiterdenken

             Es ist ein Satz, der verstört, provoziert: „Unduldsamkeit ist die natürliche Begleiterscheinung eines starken Glaubens; die Duldsamkeit kommt nur hoch, wenn der Glaube an Gewissheit verliert; die Gewissheit ist tödlich.“ (W. Durant, Kulturgeschichte der Menschheit, Bd. XI, S. 382) Ist es die Gewissheit, die Paulus so radikal macht? Es ist schon gut, festzuhalten: Paulus, der hier schreibt, hat zwar Blut an den Händen – aber es ist nicht das Blut im innerchristlichen Streit um die Wahrheit. Nach deiner Umkehr vergießt Paulus kein Blut mehr. Er kämpft allerdings in aller Entschiedenheit um die Geltung des Evangeliums, der Botschaft von der Gnade als Geschenk. Neben der Gnade ist kein Platz für eine fromme Leistungsforderung. Wie auch immer.

Eine biographische Randnotiz: Ich bin Pfarrer geworden, weil es Menschen gab, die sich dafür eingesetzt haben. Weil es Menschen gab, die mir die Chance eröffnet haben, den Beruf zu wechseln, weil sie ein Berufung für mich geahnt haben, der ich selbst mühsam auf die Spur kommen musste. Diese Berufung ist die andere Seite meines Pfarrerseins. Ich glaube zutiefst, dass ich dazu berufen worden bin, dass es Gottes Weg mit mir ist, der mich über alle Umwege ins Pfarramt geführt hat. In die Aufgaben der Verkündigung des Evangeliums. Das unterscheidet mich dabei allerdings von dem Apostel: Gott hat sich für meine Wegführung gerne der Menschen bedient. Meine Berufung war keine senkrecht von oben, die ich wohl auch nicht verstanden hätte und ob sie die Akzeptanz bei Menschen gefunden hätte, weiß ich auch nicht. Was mich bleibend mit dem Apostel verbindet ist der Auftrag, das Evangelium weiterzusagen.

Mein Gott, manchmal reißt es mich und ich werde heftig. Vor allem, wenn ich das Gefühl habe, dass es nicht um Nebensächlichkeiten geht. Und die Wahrheit des Glaubens ist keine Nebensächlichkeit. Dein Evangelium kann und darf nicht nach Belieben verändert werden, angepasst an den Zeitgeschmack. Darum bitte ich Dich, dass Du mir hilfst, an Deinem Evangelium unverdrossen und unverzagt dran zu bleiben, es behutsam weiterzugeben und dabei doch klar und wahr zu bleiben. Amen