Sei wachsam

  1. Johannes 5, 13 – 21

 13 Dies alles habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst: Ihr habt das ewige Leben. Denn ihr glaubt an den Sohn Gottes.

Es geht um Gewissheit. Es geht um Zuversicht. Es geh um die Stärkung des Glaubens. Es geht um Wirkungen im Leben und Glauben der Lesenden. Sie sollen nicht in irgendeiner kirchlichen Lehre unterwiesen werden. Sondern sie sollen festen Boden unter die Füße bekommen. Glaubensgewissheit. Einen Halt im Leben und im Sterben.

14 So können wir uns voller Zuversicht an Gott wenden. Denn er hört uns, wenn wir ihn um etwas bitten, das seinem Willen entspricht. 15 Wir haben also die Gewissheit, dass er uns hört, wenn wir ihn um etwas bitten. Und das gibt uns auch die Gewissheit, dass wir erhalten, worum wir ihn gebeten haben.

Der Glaube an den Sohn bereitet den Weg zu einer zuversichtlichen Hinwendung zu Gott. Zu einem Beten, das kein Blatt vor den Mund nimmt. Darum einmal mehr das Wort παρρησα. Gleich viermal im ganzen Brief – Gott will Glaubende, die sich trauen, zu ihm zu rufen.  Die erwarten und damit rechnen, dass ihr Beten nicht in einen leeren, verschlossenen Himmel geht, nicht auf taube Ohren Gottes trifft, sondern ein Echo findet. Er hört uns, wenn wir ihn um etwas bitten.

Das ist eine Dauerfrage des Glaubens. Ist Beten denn mehr als ein Selbstgespräch, mehr als gute Worte für eine aufgeregte Seele, für sich selbst? „Was hilft ein Gebet, wenn man seelisch und körperlich „heil“ erden möchte? … Es hat Theologen gegeben, die das Bittgebet aufgeben wollten. Sie meinten, das Bittgebet sei nur der Versuch, Gottes Willen zu beugen und ihn für die eigenen Zwecke einzuspannen…. Das Glück des Betens besteht weniger darin, dass Bitten erhört werden, als eher darin, dass sie überhaupt gehört werden, dass also Seele und gott in Kontakt treten und sich gegenseitig verstehen.“ (J. H. Clausen, Einmal bitte Hilfe von oben, in Anders Handeln, Hamburg 1/2022, S. 53)

Das ist nicht ganz so viel und ganz so mutig, wie es der Brief sagt. Der will dazu ermutigen, auch mit Empfangen zu rechnen. Er nimmt Jesus beim Wort: „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopft an, so wird euch aufgetan.“ (Matthäus 7, 7) Es ist die Einladung, Erfahrungen zu machen. Mit den Vertrauen, mit der Zuversicht.

16Angenommen, jemand sieht, dass ein Bruder oder eine Schwester eine Sünde begeht – eine Sünde, die nicht zum Tod führt. Dann soll er für diesen Menschen bitten, und Gott wird ihm das wahre Leben schenken. Doch das gilt nur für die, deren Sünde nicht zum Tod führt. Es gibt aber auch eine Sünde, die zum Tod führt. Von der rede ich nicht, wenn ich euch sage, dass jemand bitten soll.

 Auch das ist eine immer neue Frage: Gibt es eine Grenze für die Fürbitte? Wenn jemand auf falschen Wegen unterwegs ist – darf ich dann immer noch für ihn beten? Nicht aufhören, sagt der Brief – vielleicht findet er ja doch den Weg zur Umkehr und Gott wird seine Suche nach dem Leben mit dem wahren Leben wandeln und ihm so den Weg zu sich selbst öffnen. Es bleibt eine offen Frage – bewusst offen gehalten: Sünde, die zum Tod führt – was ist das für eine Sünde?

Solange wir noch auf dem Weg sind, gibt es auch die Chance zur Umkehr zur Buße. Ninive hatte schon die Ansage des Gerichtes, schwarz auf weiß. In vierzig Tagen. Die Umkehr der Stadt aber wurde zur Freude Gottes: Das Gericht kann ausfallen.

17 Jedes Unrecht ist eine Sünde. Aber nicht jede Sünde führt zum Tod. 18 Wir wissen: Wer Gott zum Vater hat, begeht keine Sünde. Sondern weil er Gott zum Vater hat, ist er davor geschützt und der Böse kann ihm nicht schaden.

Noch einmal ein Rückgriff auf bereits zuvor Gesagtes: Es gibt Sünden und Sünden. Es gibt schweres Unrecht und leichte Vergehen. Es ist nicht alles gleich schlimm – auch nicht vor Gott. Das ist eine eindeutige Position in einem innerjüdischen Gespräch, das danach fragt, ob es unter den Geboten Rangunterscheide gibt: „Und es trat zu ihm einer der Schriftgelehrten, der ihnen zugehört hatte, wie sie miteinander stritten. Als er sah, dass er ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn: Welches ist das höchste Gebot von allen?“ (Markus 12, 28) Jesus beantwortet diese Frage mit dem Hinweis auf das höchste Gebot: „Das höchste Gebot ist das: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft« Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«“ (Markus 12, 29 – 31)

Gibt es aber eine solche positive Rangliste, dann liegt es nahe – es gibt auch eine Unterscheidung im Schweregrad der Sünden. Was aber nichts daran ändert, dass Paulus sagen kann: „Selig ist, der sich selbst nicht verurteilen muss in dem, was er gut heißt.“ (Römer 14,22)

Darin sind sie sich einig, Paulus und der Briefschreiber: Es gilt, die Gewissen zu entlasten, sie aus der Skrupelhaftigkeit, die das Vertrauen zernagt, herauszuführen. Es gilt, das Vertrauen auf den Vater zu stärken, er ist „durch seinen Geist Schutz und Schirm vor dem Argen, Hilfe und Stärke zu allen Guten, durch unsern Herrn Jesus Christus.“ (Konfirmationssegen der Christusgemeinde Schlitzerland)

19 Wir wissen auch: Wir kommen von Gott her. Aber die ganze Welt ist in der Gewalt des Bösen. 20 Wir wissen aber zugleich: Der Sohn Gottes ist gekommen. Er hat uns die Augen geöffnet, damit wir den erkennen, der die Wahrheit ist. Wir sind mit dem verbunden, der die Wahrheit ist – weil wir mit seinem Sohn Jesus Christus verbunden sind. Der ist der wahre Gott und das ewige Leben.

Was hilft, in einer Welt, die im Argen liegt, die Zuversicht zu bewahren? „Wir dienen hier in einem Wirtshaus, wo der Teufel der Herr ist und die Welt die Hausfrau und die weltlichen Gelüste das Hausgesind sind und alle miteinander sind dem Evangelium feind.“ (M Luther, Evangelien-Auslegung 5, Göttingen 1954, S. 58) Diese Sichtweise ist nicht unbedingt geeignet, Zuversicht zu erzeugen, auch und gerade, weil sie so nahe an der Realität der Zeit ist. Damals. Heute.

Umso wichtiger die andere Blickrichtung. Aufsehen auf Jesus Aufsehen auf ihn, durch den die Christinnen und Christen mit ihm verbunden sind, der die Wahrheit ist. Mit dem ewigen Gott, der das ewige Leben ist und gibt. Nicht, um aus der Realität zu flüchten, die ist, wie sie ist. Sondern um in der Realität der Welt an der Hoffnung festzuhalten, die den engen Weltkreis übersteigt.

21 Ihr Kinder, hütet euch also vor den Götzen.

Ein ziemlich abruptes Schlusswort. Eine Aufforderung zur Wachsamkeit.  Den Götzen gegenüber. Ganz ohne den gewohnten versöhnliche Briefschluss eines Segens. Fast so, als sei die Tinte oder die Kraft zu schreiben ausgegangen.  So bleibt am Ende nur der Weckruf: φυλξατε sei wachsam.

Zum Weiterdenken

εδλον – „Bild, Schattenbild, Trugbild, Götzenbild“ (Gemoll, aaO. S. 242) Heute müsste man vielleicht sagen: Hütet euch der Bilderflut gegenüber, die über die Augen die Seele zu verschmutzen droht. Die Götzen heute tragen alle pseudoreligiöse Kleider und verbreiten Heilsansprüche und Heilsversprechen, die sie nicht halten können. Es gilt Misstrauen zu bewahren – den schönen Anzeigen gegenüber, ob von der FIFA oder anderen globalen Playern. Auch den Heilsversprechen gegenüber, die so tun, als konnte man von Deutschland aus den Planeten retten.

Ein Wahlplakat zerrissen auf dem nassen Rasen
Sie grinsen mich an, die alten aufgeweichten Phrasen
Die Gesichter von auf jugendlich gemachten Greisen
Die dir das Mittelalter als den Fortschritt anpreisen
Und ich denk’ mir, jeder Schritt zu dem verheiß’nen Glück
Ist ein Schritt nach ewig gestern, ein Schritt zurück
Wie sie das Volk zu Besonnenheit und Opfern ermahnen
Sie nennen es das Volk aber sie meinen Untertanen
All das Leimen, all das Schleimen ist nicht länger zu ertragen
Wenn du erst lernst zu übersetzen, was sie wirklich sagen
Der Minister nimmt flüsternd den Bischof beim Arm:
“Halt’ du sie dumm, ich halt’ sie arm!”

 Du machst das Fernsehen an, sie jammern nach guten, alten Werten
Ihre guten, alten Werte sind fast immer die verkehrten
Und die, die da so vorlaut in der Talk-Runde strampeln
Sind es, die auf allen Werten mit Füßen rumtrampeln
Der Medienmogul und der Zeitungszar
Die schlimmsten Böcke als Gärtner, na wunderbar!
Sie rufen nach dem Kruzifix, nach Brauchtum und nach guten Sitten
Doch ihre Botschaften sind nichts als Arsch und Titten
Verrohung, Verdummung, Gewalt sind die Gebote
Ihre Götter sind Auflage und Einschaltquote
Sie biegen die Wahrheit und verdrehen das Recht
So viel gute alte Werte, echt, da wird mir echt schlecht!

 Wir hab’n ein Grundgesetz, das soll den Rechtsstaat gerantier’n
Was hift’s, wenn sie nach Lust und Laune dran manipulieren
Die Scharfmacher, die immer von der Friedensmission quasseln
Und unterm Tisch schon emsig mit dem Säbel rasseln?
Der alte Glanz in ihren Augen beim großen Zapfenstreich
Abteilung kehrt, im Gleichschritt marsch, ein Lied und Heim ins Reich!
“Nie wieder soll von diesem Land ein Krieg ausgehen!”
“Wir müssen Flagge zeigen, dürfen nicht beiseite stehen!”
“Rein humanitär natürlich und ganz ohne Blutvergießen!”
“Kampfeinsätze sind jetzt nicht mehr so ganz auszuschließen”
Sie ziehen uns immer tiefer rein, Stück für Stück
Und seit heute früh um fünf Uhr schießen wir wieder zurück

 Ich hab Sehnsucht nach Leuten, die mich nicht betrügen
Die mir nicht mit jeder Festrede die Hucke voll lügen
Und verschon’ mich mit den falschen Ehrlichen
Die falschen Ehrlichen, die wahren Gefährlichen!
Ich hab’ Sehnsucht nach einem Stück Wahrhaftigkeit
Nach ‘nem bisschen Rückgrat in dieser verkrümmten Zeit
Doch sag die Wahrheit und du hast bald nichts mehr zu Lachen
Sie wer’n dich ruinier’n, exekutier’n und mundtot machen
Erpressen, bestechen, versuchen dich zu kaufen
Wenn du die Wahrheit sagst, lass draußen den Motor laufen
Dann sag’ sie laut und schnell, denn das Sprichwort lehrt:
Wer die Wahrheit sagt braucht ein verdammt schnelles Pferd!

 Sei wachsam. Präg’ dir die Worte ein!
Sei wachsam und fall nicht auf sie rein!
Paß auf, dass du deine Freiheit nutzt
Die Freiheit nutzt sich ab, wenn du sie nicht nutzt!
Sei wachsam. Merk dir die Gesichter gut!
Sei wachsam. Bewahr dir deinen Mut
Sei wachsam. Und sei auf der Hut!

 

Mein Gott und Herr, ich danke Dir für alle Zuversicht, die Du mir ins Herz legst, die Du mir in mein Fühlen und Denken hinein gibst. Ich bitte Dich demütig, dass Du mir immer neu die Augen öffnest, hinter der Wirklichkeit der Welt Deine Liebe, Deine Güte zu sehen und mein Handeln davon prägen zu lassen. Gib mir den liebevollen Blick auf Deine Gemeinde. Gib mir auch die gesunde Skepsis, die sich nicht von Heilsversprechen irgendwoher einlullen lässt. 

 Mache mich wachsam. Stärke mir das Vertrauen auf Dein Wort. Auf Jesus  Christus, Deinen Sohn, meinen Herrn und Heiland. Amen  

 

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