Bis Christus un euch Gestalt gewinnt

Galater 4, 8 – 20

8 Ganz anders war es damals, als ihr Gott noch nicht kanntet. Da wart ihr Sklaven von Göttern, die in Wirklichkeit keine Götter sind. 9 Aber jetzt kennt ihr Gott, oder besser gesagt: Gott kennt euch.

Rückfallgefahr. Sie sind in Galatien drauf und dran, die Freiheit des Glaubens zu verspielen. Weil sie sich wieder einfangen lassen unter Gesetzmäßigkeiten, die göttlichen Rang behaupten, die aber keine Götter sind. Sklaven Von Göttern ist eine harte Formulierung. Aber sie bringt eine tiefe Wahrheit auf den Punkt. Es gibt eine Abhängigkeit von Slogans, von Forderungen des Zeitgeistes, die geradezu wie Sklaverei wirken können. Die Götter unserer Tage sind nicht im Himmel und irgendwelchen Tempeln zu verehren, sondern sie senden in den Botschaften der Massenmedien und die Gefolgschaft diesen Botschaften gegenüber ist wie Sklaverei. Follower sind ziemlich abhängig von denen, denen sie folgen.

Wie könnt ihr euch da wieder diesen schwachen und armseligen Elementen zuwenden? Wollt ihr ihnen von Neuem als Sklaven dienen? 10 Ihr beachtet bestimmte Tage und Monate, Festzeiten und besondere Jahre.

Es ist nicht nur damals eine angstbesetzte Gefolgschaft. Abhängigkeit von Horoskopen Sternenkonstellationen, von Glückstagen, von der Angst vor Freitag, dem 13.  Pflanzen unter Beachtung der Mondphasen. Alles nur törichtes Zeug? Die Sturm der Entrüstung, wenn eine Zeitung die Horoskope absetzt und nichtmehr druckt, ist ein Signal der Abhängigkeit. Die Freiheit, selbst zu entscheiden, ist anstrengend und manchmal eine gefühlte Überforderung. Damals. Heute.

11 Ich mache mir Sorgen um euch! Habe ich mich etwa vergeblich mit euch abgemüht? 12 Ich bitte euch, liebe Brüder und Schwestern: Werdet wie ich. Ich bin ja damals auch so geworden, wie ihr wart: frei gegenüber dem Gesetz.

Das alles sagt Paulus und hat die Sorge: Ich rede inzwischen gegen eine Wand. Es ist vergebliche Mühe. Sein Reden läuft ins Leere. Es wirkt fast wie ein verzweifelter Apell: Werdet wie ich. Folge doch meiner Freiheit, die ich euch damals gepredigt habe, der ihr geglaubt habt. Löst Euch aus der Abhängigkeit unter das Gesetz.    „Bis Christus un euch Gestalt gewinnt“ weiterlesen

Ich bin so frei: Abba!

Galater 4, 1 – 7

 4,1 Ich will damit sagen: solange der Erbe ein unmündiges Kind ist, unterscheidet ihn nichts von einem Sklaven. Dabei gehört ihm eigentlich alles. 2 Aber er ist von Vormündern und Verwaltern abhängig bis zu dem Zeitpunkt, den der Vater festgesetzt hat.

Wieder ein Rückgriff auf das, was alle aus ihrer Alltagserfahrung kennen. Kinder haben nichts zu melden. Auch dann nicht, wenn ihnen einmal eine großes Erbe zufallen wird. Sie sind erst dann frei und verfügungsberechtigt über ein Erbe, wenn die Zeit erreicht ist, die der Erblasser gesetzt hat. Vorher sind sie – das ist die zeitbedingte Sicht – wie Sklaven. Dass sie einmal über alles verfügen werden, ist Zukunftsmusik.

3 So verhält es sich auch bei uns. Solange wir unmündig wie Kinder waren, wurden wir von den Elementen dieser Welt beherrscht.

Das nimmt Paulus zum Vergleich für die Situation der Christus-Gläubigen. Sie stehen in der Zeit vor Christus unter der Herrschaft der „Mächte“ (Luther 2017), der Elemente der Welt. τ στοιχεα το κσμου (ta stoicheia tou kosmou)der Prinzipien, Grundbedingungen, wie sie in der Welt herrschen. Es scheint so, dass Paulus hier seine Gemeinde in Galatien daran erinnert: Ob es das Gesetz ist, dem sich die Juden zu unterwerfen haben oder die Herrschaft der Elemente, die für viele aus den Völkern mit Gottheiten in eins gesetzt werden – es läuft jedes Mal darauf hinaus: Es ist eine Fremdbestimmung, die ihr kennt, so wie sie auch die kennen, die aus den Juden stammen. Es ist nicht die Freiheit, zu der uns Christus befreit hat. „Ich bin so frei: Abba!“ weiterlesen

Nur ein Traum?

Galater 3, 19 – 29

19 Warum gibt es dann das Gesetz? Es wurde erlassen, damit deutlich wird: Wir leben gegen Gottes Willen.

Es ist die Frage, die sich aufdrängt: Wenn das Gesetz so „nebensächlich“ ist, zweitrangig, warum dann überhaupt? Die erste Antwort: Es hat eine aufdeckende Wirkung. Es macht sichtbar: Wir leben gegen Gottes Willen. Wir sind nicht die, die in allem dem Willen Gottes entsprechen. Im Gegenteil: Wir leben von Grund auf im Widerspruch gegen Gott.

Das Gesetz gilt so lange, bis der Nachkomme Abrahams da ist, auf den sich das Versprechen Gottes bezieht. Im Übrigen wurde es durch Engel angeordnet und von einem Mittelsmann überbracht. 20 Ein Einzelner braucht keinen Mittelsmann. Und Gott ist doch nur Einer.

 Die zweite Antwort: das Gesetz ist nur eine Zwischenlösung. Es hat seine Zeit, die endet, wenn der Nachkomme Abrahams da ist. Mit ihm ist die Zeit des Gesetzes abgelaufen. Dieser Gedanke der neuen Zeit, die mit Christus da ist, steht auch hinter dem Bild, das verschiedentlich von den Evangelisten verwandt wird: Wenn der Bräutigam da ist, ist die Zeit der Hochzeit da – hohe Zeit, erfüllte Zeit. So denken Lukas und Matthäus, Markus und auch Johannes.

 Es wirkt für heute Lesende wie ein Nebengedanke: Es sind Engel, die das Gesetz angeordnet haben und es wurde von Mose als Mittelsmann überbracht. Der Hinweis auf den Mittler Mose lässt sich nachvollziehen: „Ich stand zu derselben Zeit zwischen dem HERRN und euch, um euch des HERRN Wort zu verkündigen; denn ihr fürchtetet euch vor dem Feuer und gingt nicht auf den Berg.“ (5. Mose 5,5) Für die Ableitung des Gesetzes von Engeln gibt es jüdische Traditionen. Beispielsweise: „Unsere wichtigsten Satzungen und den heiligsten Teil unsere Gesetze haben wir durch Engel erhalten, die von Gott gesandt waren.“(Josephus, Jüdische Altertümer, XV, 5.3  Wiesbaden, o. J. S. 313f.) Josephus ist ein jüngerer Zeitgenosse des Paulus, von daher liegt es nahe – hier gibt es gemeinsame Traditionsstränge. Dann ist Paulus also einer, der mit seinem Reden nicht einfach Brücken einreißt und Forderungen stellt – er sucht zugleich auch eine Verständigungsebene. Woran Paulus mit einer Argumentation liegt: Das Gesetz kommt nicht unmittelbar von Gott und es schafft folgerichtig auch keine Unmittelbarkeit zu Gott.

 21 Steht dann das Gesetz im Widerspruch zum Versprechen Gottes? Auf keinen Fall! Das wäre anders, wenn ein Gesetz erlassen worden wäre, das Leben schenken kann. Dann könnte die Befolgung des Gesetzes dazu führen, von Gott als gerecht anerkannt zu werden. 22 Nun sagt aber die Heilige Schrift, dass die ganze Welt der Sünde unterworfen ist. Umso mehr gilt das Versprechen, das die Glaubenden erhalten haben: Es genügt der Glaube an Jesus Christus!

Daran liegt Paulus: Gott hat keine konkurrierenden Heilswege geschaffen. Gott hat gewusst, dass das Gesetz nicht in der Lage ist, das Leben zu schenken. Es ist nicht das Instrument, mit dem irgendjemand seine Anerkennung vor Gott als gerecht erreichen könnte. Die Wirkung des Gesetzes ist in der Sicht das Paulus vielmehr, zu zeigen und zu verdeutlichen, was die Heilige Schrift sagt, dass die ganze Welt der Sünde unterworfen ist.

 23 Bevor die Zeit des Glaubens kam, waren wir der Aufsicht des Gesetzes unterstellt. Wir sollten in Gewahrsam bleiben bis zur Offenbarung des Glaubens an Christus. 24 Das Gesetz war also unser Aufseher bis Christus kam. Denn aufgrund des Glaubens sollten wir vor Gott als gerecht gelten.

  Das ist die Beschreibung der Funktion des Gesetzes: Es ist eine Art „Aufsicht“. Eine „Verwahranstalt“, damit es nicht zum Chaos im miteinander kommt und zur offenen Rebellion gegen Gott.  Das Gesetz unterbindet das völlige Entgleisen in Gewalt. Darin aber ist es nur eine Zwischenlösung – bis Christus kam.

 Ältere Übersetzungen haben an dieser Stelle einen harschen Klang. Das Gesetz ist „unser Zuchtmeister“ (so auch noch Luther 2017). Die Basisbibel sagt: unser Aufseher. Im Griechischen klingt es doch ein wenig behutsamer: παιδαγωγς (paidagogos)- unser Pädagoge, unser Erzieher. Mir scheint, dass diese Übersetzungen in die Falle laufen, die sich durch eine negatives Verständnis des Gesetzes öffnen. Paulus hat so ein negatives Verständnis nicht! Er relativiert nur da Gesetz als Weg zum Heil, zur Anerkennung vor Gott, nicht als Ordnungsfaktor im Zusammenleben.

25 Aber seit die Zeit des Glaubens gekommen ist, sind wir nicht mehr dem Aufseher unterstellt. 26 Ihr seid alle Kinder Gottes, weil ihr durch den Glauben mit Christus Jesus verbunden seid. 27 Denn ihr habt in der Taufe Christus angezogen. Und durch sie gehört ihr nun zu ihm.

Mit Christus ist eine Zeitenwende gegeben. Davon reden auch die Evangelien immer wieder. Mit ihm fängt das Reich Gottes mitten unter den Bedingungen der Zeit schon an. Dadurch, dass die Glaubenden Kinder Gottes sind. Söhne und Töchter, weil sie durch den Glauben mit Christus Jesus verbunden sind. Was ich sachlich formuliere, ist in den Worten des Paulus Zusage: Ihr seid! Darum schreibt er ja diesen Brief, nicht um ein Lehrstück christlichen Glaubens zu entfalten, sondern um verunsicherte Leute in ihrem Glauben zu vergewissern. Ihnen aus ihrer Verunsicherung zu helfen. Es ist Brief-Seelsorge, die Paulus hier betreibt, auch in der Gestalt der Diskussion von Glaubensinhalten.

28 Es spielt keine Rolle mehr, ob ihr Juden seid oder Griechen, Sklaven oder freie Menschen, Männer oder Frauen. Denn durch eure Verbindung mit Christus Jesus seid ihr alle wie ein Mensch geworden. 29 Wenn ihr aber zu Christus gehört, dann seid ihr Abrahams Nachkommen. Damit bekommt ihr auch das Erbe, das Gott ihm versprochen hat.

Es folgt der Spitzensatz, der bis auf dem Tag heute größte Herausforderung an die Wirklichkeit aller christlichen Kirchen und Gemeinden ist. Er ist das Schlüsselwort für das Gemeindeverständnis des Paulus. In der Gemeinde sind alle sozialen, kulturellen und gesellschaftlichen Merkmale, wie sie sonst in der Welt gelten, zweitrangig geworden. Sie sind nicht weg, aber sie sind kein Ordnungsfaktor mehr.

Ob jemand Bischof oder Straßenfeger, Dr. oder Hilfsschüler, ob einer klug und gebildet oder unbeholfen und stoffelisch ist, charmant oder grobschlächtig, Mann oder Frau, hochgestellt oder auf Unterstützung angewiesen – das spielt alles keine Rolle mehr. Darin zeigt sich der neue Mehrwert der Gemeinde. Alle sind einer und gleich – in Christus.

Vielleicht muss in Umkehrung gesagt werden: wenn die Gemeinde das nicht lebt, dann vergeht sie sich an ihrer Würde als Nachkommenschaft Abrahams. Dann verspielt sie die Freiheit, zu der sie befreit ist.

Zum Weiterdenken

Es gibt Sätze, die lesen sich wunderbar. Es gibt Sätze, die eignen sich für Leitbilder auf Hochglanz-Papier. Die Frage ist allerdings: Werden sie auch gelebt? Die Gleichheit aller im Leib Christi, wie sie Paulus als Gegenwart beschreibt und damit als Norm für alle Zeiten in der Christenheit einfordert, ist so ein Satz. In der Wirklichkeit dagegen gibt es die geistlichen Würdenträger, die Laien mit Doktortitel und Professorenadittüde, die einflussreichen Leute aus der Wirtschaft – und sie alle werden anders hofiert als der Obdachlose und die Arbeitslose, als die Sozialhilfeempfängerin und die alleinstehende Mutter mit mehreren Kindern. In meiner Zeit als Synodaler meiner Kirche gab es nicht einen Sozialhilfeempfänger unter den Synodalen männlichen und weiblichen Geschlechts. Und das Gewicht einer Wortmeldung eines Chefs von Böhringer, Merck, Fresenius in der Presse, der Synodalversammlung oder beim Landeskirchenamt ist allemal höher als wenn Lieschen Müller sich zu Wort meldet.

 

Du heiliger Gott willst Dich uns schenken und in Deiner Gnade uns frei machen von allen Versuchen, uns selbst vor dir ins rechte Licht zu rücken. Du willst unser Vertrauen, dass Du uns in Jesus den Weg zu Dir geöffnet hast, und dass wir Dir mit leeren Händen und verzagten Herzen willkommen sind. Du wartest nicht darauf, dass wir Dir unsere Leistungsbilanz präsentieren. Du wartest auf unser Vertrauen.  Das will uns Dein Evangelium lehren. Dazu will uns Dein Geist leiten. Gib, dass wir uns Dein Leiten gefallen lassen. Amen

Der eine Nachkomme

Galater 3, 15 – 18

15 Brüder und Schwestern, ich will es euch an einem Beispiel aus dem alltäglichen Leben erklären: wenn jemand ein Testament macht und es rechtskräftig wird, kann es niemand mehr außer Kraft setzen. Man kann auch keine Klausel mehr hinzufügen.

Es gibt nicht nur die Bibel und ihre Schriften. Es gibt auch die allgemeine Lebenserfahrung und das allgemeine Recht. Darauf greift Paulus jetzt zurück. Ein Testament kann nicht nachträglich durch irgendjemand geändert werden. Nur der, der das Testament gemacht hat, hätte die Vollmacht dazu besessen, es zu ändern.

16 Nun wurde Abraham und seinem Nachkommen von Gott ein Versprechen gegeben. Er sagt nicht: »und den Nachkommen«, als ob damit viele gemeint wären. Nein, es geht nur um einen: »dein Nachkomme«. Und das ist Christus.

Es ist ein kühner Gedanke: Das Versprechen Gottes an Abraham hat die Qualität eines Testamentes. Es gilt, als ob Gott nicht mehr da wäre. Als ob er sich ins Schweigen zurückgezogen hätte. So weit, so gut. „Der eine Nachkomme“ weiterlesen

Vom Kern des Glaubens

Galater 3, 1 – 14

3,1 Ach, ihr unvernünftigen Galater! Wer hat euch so verhext? Ist euch denn Jesus Christus nicht eindrücklich genug als Gekreuzigter vor Augen gestellt worden?

  Ein Seufzer, keine Beschimpfung. Auch keine Frage nach dem Schuldigen, dem Sündenbock. Es klingt eher wie: Was ist da nur passiert? Auch wie die Frage: Haben wir nicht klar genug geredet? Es kommt sehr darauf an, wie man an dieser Stelle hört. Man könnte eine Anklage gegen die Galater hören, man kann allerdings auch eine kritische Anfrage an sich selbst in diesen Worte hören.

2 Ich möchte nur eines von euch wissen: Warum habt ihr denn den Heiligen Geist empfangen? Weil ihr das Gesetz befolgt oder weil ihr die Botschaft des Glaubens gehört habt? 3 Seid ihr wirklich so unvernünftig? Begonnen habt ihr aus der Kraft des Heiligen Geistes. Und jetzt wollt ihr aus eigener Kraft zum Ziel kommen? 4 Habt ihr etwas so Großartiges umsonst erfahren? – Wenn es denn wirklich umsonst war! – 5 Gott gibt euch den Heiligen Geist und lässt bei euch Wunder geschehen. Geschieht das, weil ihr das Gesetz befolgt oder weil ihr die Botschaft des Glaubens angenommen habt? 

Es wirkt ein bisschen wie eine Suggestivfrage, die nur eine Antwort zulässt: Warum habt ihr denn den Heiligen Geist empfangen? Was war der Auslöser? Der Ruf unter das Gesetz oder die Botschaft des Glaubens? Das kann doch nicht in Vergessenheit geraten sein, aus den Augen, aus dem Sinn. Paulus gibt selbst die Antwort auf seine Frage: Begonnen habt ihr aus der Kraft des Heiligen Geistes. Im wahrsten Sinn des Wortes: begeistert. Und jetzt soll das alles vorüber sein und es zählt nur noch die eigene Anstrengung? Nur noch: allein, aus eigener Kraft. Alles vorher umsonst, nur eine Irrtum, nur eine Illusion? Das kann doch nicht sein.

Eine Frage reiht sich an die andere. Weil Paulus nur fragen will und mit einem Fragen aufrütteln möchte. Weil er davor zurück scheut, aus seinen Fragen Tatsachen zu machen. Es ist das rhetorische Stilmittel der Frage, das ein Fehlverhalten benennt und einlädt, es zu korrigieren, es zu verändern. „Vom Kern des Glaubens“ weiterlesen