Vorsicht!

  1. Johannes 2, 18 – 29

18 Ihr Kinder, die letzte Stunde ist da! Ihr habt gehört: Der Widersacher von Christus kommt. Und jetzt sind sogar viele Widersacher gekommen. Daran erkennen wir: Die letzte Stunde ist wirklich da.

Es ist kein freundliches Bild. Es sind keine ruhigen Zeiten, die der Schreiber kommen sieht. Letzte Stunde. Darum ist Durchhalten angesagt.  Es regt sich Feindschaft gegen die Gemeinde. Diese Feindschaft verdichtet sich in einem Widersacher. Die früheren Übersetzungen haben das griechische Wort ντχριστος unübersetzt übernommen, gewissermaßen zum Fachbegriff gemacht: Antichrist.

Seitdem ist dieses Wort in der Welt. Es ist auch zum Kampfbegriff geworden, der innerhalb der Christenheit benutzt worden ist. Für Luther war der Papst so etwas wie der Antichrist, für den Papst umgekehrt auch Luther. Und so mancher, der den Glauben in Frage gestellt hat, ist mit diesem Wort bezeichnet,bezichtigt und auch diffamiert worden.

Hier hat das Wort noch nicht diesen so absoluten Klang. Der eine Widersacher findet Verbündete. Es gibt viele Widersacher für die Gemeinde. Menschen, die ihr das Leben schwer machen. Menschen, die sie in Frage stellen. Die den Weg der Gemeinde stören.

19 Die Widersacher kamen aus unserer Mitte, aber sie gehörten nicht wirklich zu uns. Wenn sie zu uns gehört hätten, dann wären sie bei uns geblieben. Aber es sollte deutlich werden: Es gehören nicht alle zu uns.

Das ist der tiefste Schmerz: Es gibt nicht nur die Angriffe von außen. Die führen ja eher dazu, dass man zusammenrückt. Es gibt aber, viel schlimmer, die Widersacher aus der Mitte der Gemeinde. Sie haben sich getrennt von denen, für die Johannes schreibt. Se lehren anders. Sie leben anders. Sie glauben anders. Und darum seine Folgerung: Es gehören nicht alle zu uns. Es geht ein Riss durch die Gemeinde. Das allerdings gefährdet die ganze Gemeinde!

20 Doch ihr habt die Salbung empfangen von dem, der heilig ist, Jesus Christus. Und dadurch seid ihr alle in den Besitz der Erkenntnis gekommen. 21 Ich habe euch ja nicht geschrieben, weil ihr die Wahrheit nicht kennt. Vielmehr kennt ihr sie, und ihr wisst, dass aus der Wahrheit keine Lüge kommt.

Umso wichtiger: Ihr nicht. Ihr seid nicht auf der Seite derer, die Spaltung betreiben. Ihr seid nicht die, die nicht zu uns gehören. Ihr habt die Salbung empfangenχρσμα. Es ist bis heute Teil der orthodoxen Taufliturgie, dass der Täufling die Salbung empfängt – mit Salböl. Angelehnt an die Salbung Jesu. Die Salbung ist eine Bereitung zum Tod.      In der Erinnerung an die Bedeutung der Taufe, wie sie Paulus aussagt: „Alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft.“ (Römer 6,3)

 Weil ihr zu Christus gehört, seid ihr im Besitz der Erkenntnis. So ist der Brief auch nicht der Versuch, ihnen aus einem Defizit des Wissens und der Erkenntnis zu helfen. Sondern er ist nur gedacht zur Erinnerung und Bestärkung. Es ist wie ein Rückgriff auf prophetische Worte: „Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.“ (Jeremia 31, 34) Weil diese Zeit des neuen Bundes jetzt ist, weil sie Vergebung empfangen haben, darum ist der Brief keine Lehrschrift, keine Belehrung von oben nach unten. Sondern nur Bestärkung.

22 Wer ist denn hier der Lügner? Das ist doch wohl der, der abstreitet, dass Jesus der Christus ist. Der ist der Widersacher von Christus: Er lehnt mit dem Sohn auch den Vater ab. 23 Wer den Sohn ablehnt, kann auch nicht zum Vater gehören. Wer sich zum Sohn bekennt, gehört auch zum Vater.

Es gibt wohl wechselseitige Vorwürfe, wie sonst sollte die Frage zu verstehen sein:  Wer ist denn hier der Lügner? Das scheint die Vorhaltung zu sein, auf die der Brief antwortet: Wie kann Jesus der Christus sein, wenn alles in der Welt beim Alten bleibt?  Nur ein Mensch, nicht der Christus Gottes.  Nicht die Heilsgabe Gottes an die Welt. Wer so denkt, der lehnt nicht nur den Sohn ab, sondern damit zugleich den Vater. Es ist der schärfste denkbare Angriff auf die Gemeinde-internen Gegner: Sie gehören mit ihrem Nein zum Christus auch nicht zum Vater. Man könnte im Sinn des Schreibers gewiss ein „nur“ ergänzen:   Nur wer sich zum Sohn bekennt, gehört auch zum Vater. Es gibt, so ist tu lernen, Bekenntnisse, die für die Zugehörigkeit zur Gemeinde unverzichtbar sind.

24 Die Botschaft, die ihr von Anfang an gehört habt, sollt ihr in euch bewahren. Wenn ihr das bewahrt, was ihr von Anfang an gehört habt, könnt ihr gewiss sein: Ihr werdet stets mit dem Sohn und dem Vater verbunden bleiben. 25 Das ist das Versprechen, das uns Jesus Christus selbst gegeben hat: das ewige Leben. 26 Dies schreibe ich euch über die Leute, die euch in die Irre führen wollen.

Ihr aber – so kann man lesen – ihr steht auf der richtigen Seite. Ihr seid dadurch bewahrt, dass ihr die Botschaft bewahrt, die am Anfang eures Weges als Gläubige steht. Hier steht im Griechischen eines der johanneischen Leitworte – in den Briefen und im Evangelium: μένω. Bleiben – in der Basisbibel mit bewahren übersetzt. Gleich dreimal in den verschiedenen Verbformen. Christsein ist bleiben, Nicht der gelegentliche Besuch, der zufällige Rückgriff. Christsein ist Beständigkeit. Weil Gott in seiner Treue und Liebe beständig ist, können und sollen Christen in ihrer Treue und Liebe beständig bleiben. Das bewahrt auch vor den Irrführungen, die im Schwange sind.

 27 Aber ihr habt von Jesus Christus die Salbung empfangen, und diese Salbung bleibt in euch wirksam. Ihr habt es nicht nötig, dass euch jemand belehrt. Denn seine Salbung lehrt euch alles. Was sie euch lehrt, ist wahr und keine Lüge. Und wie sie es euch gelehrt hat, sollt ihr mit Christus verbunden bleiben. 28 Also, Kinder, bleibt mit Jesus Christus verbunden.

Da capo. Noch einmal. Kein versehentlicher Fehler am PC, wo man die Copy-Taste gedrückt hat. Sondern eine bewusste Doppelung. Was wichtig ist, wird wiederholt. Das weiß jeder Redner/jede Rednerin für ihr mündliches Vortragen. So wie es von Jesus immer wieder heißt: μν μν. Wahrlich, wahrlich. „Doppeltgenäht, hält besser“ weiß der Volksmund.   Also, Kinder, bleibt mit Jesus Christus verbunden. Darum dreht sich alles.  Dazu will er ihnen helfen. Noch zweimal verbunden bleiben – μένω.

Dann werden wir voller Zuversicht sein, wenn er erscheint. Und wenn er wiederkommt, müssen wir vor ihm nicht beschämt dastehen. 29 Wenn ihr wisst, dass Gott gerecht ist, erkennt ihr: Jeder, der sich in seinem Handeln von der Gerechtigkeit leiten lässt, hat Gott zum Vater.

Es geht nicht nur um den Augenblick, nicht nur um das Hier und Jetzt. Es geht in der letzten Stunde darum, für die Zukunft des kommenden Christus bereitet zu sein. Die Gegenwart ist Vorbereitungszeit für den Kommenden. Das gibt ihr ihr Würde und Gewicht. Darum darf man sie auch nicht vertun. Es gilt ein zuversichtliches Warten – hier steht im Griechischen παρρησα. Freimut, die freimütig reden und bekennen lässt. Die davor bewahrt, sich für das eigene Schweigen schämen zu müssen. Nicht irgendwie entschuldigend: „Pardon, ich bin Christ.“ Sondern fröhlich sich zu Christus stellen. In Worten und Werken. Sich leiten lassen von der Gerechtigkeit Gottes, die vor allem anderen Erbarmen ist. Um im eigenen Leben zu beglaubigen, dass wir Gott zum Vater haben.

Zum Weiterdenken

Geschrieben in den Anfangsjahren des 30-jährigen Krieges. Das sehr häufige Schlusslied aus den Gottesdiensten meiner Jugendzeit. Weil unser Gemeindepfarrer durch das Feuer des Weltkriegs gegangen war? Damals von mir ohne großes Nachdenken gesungen. Heute nehme ich es wahr als eine Auslegung der Gedanken des Johannes

Ach bleib mit deiner Gnade bei uns, Herr Jesu Christ,
dass uns hinfort nicht schade des bösen Feindes List.

Ach bleib mit deinem Worte bei uns, Erlöser wert,
dass uns sei hier und dorte dein Güt und Heil beschert.

Ach bleib mit deinem Glanze bei uns, du wertes Licht;
dein Wahrheit uns umschanze, damit wir irren nicht.

Ach bleib mit deinem Segen bei uns, du reicher Herr;
dein Gnad und all’s Vermögen in uns reichlich vermehr.

Ach bleib mit deinem Schutze bei uns, du starker Held,
dass uns der Feind nicht trutze noch fäll die böse Welt.

Ach bleib mit deiner Treue bei uns, mein Herr und Gott;
Beständigkeit verleihe, hilf uns aus aller Not.                                                                                            J.
Stegemann 1627, EG 347

 

Mein Gott, bewahre mich davor, die Welt nur noch schwarz zu sehen, überall Untergang und Feindschaft gegen den Glauben zu wittern. Bewahre mich vor der Selbstgerechtigkeit, die mich denken lassen könnte: Ich gehöre zu denen, die richtig sind, die den Ansprüchen Gottes entsprechen. Hilf mir, mich demütig und geduldig jeden Tag neu auszustrecken nach Dir. Hilf mir, festzuhalten an der Treue zu den Anfangen des Glaubens, an der Treue zur Liebe, an der Treue zum Erbarmen. Hilf mir, mich zu bergen in Dein Vergeben und Dein Vergeben weiterzugeben an die, die schuldig geworden sind.  Amen  

 

2 Gedanken zu „Vorsicht!“

    1. In meinen ausführlichen “Privat-Text steht: “Ihr habt ja doch Christi Geist – das meint Salbung. χρῖσμα.”

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