Wir sind bei Trost

Johannes 15, 26 – 16,4

26 Wenn aber der Tröster kommen wird, den ich euch senden werde vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, der wird Zeugnis geben von mir. 27 Und auch ihr seid meine Zeugen, denn ihr seid von Anfang an bei mir gewesen.

Als würde Jesus spüren, wie viel er seinen Jüngern zumutet mit diesem Blick in ihre Zukunft – jetzt wechseln Ton und Thema. Nichts mehr von der Fremdheit in der Welt, von dem Hass der Welt: Der Tröster wird kommen. Hier ist vom Geist ausdrücklich als dem Tröster die Rede. Das ist das Versprechen Jesu. In eine Welt, die sich von ihm absondert, sendet er mit dem Vater, durch den Vater den Geist. Tröster und Beistand, Fürsprecher und Rückenwind. Der das Zeugnis vorsagt, so dass es die Jünger nachsagen. Der vorspricht, damit sie nachsprechen.

 Diese Doppelung ist kein Zufall. Sie ist sachlich begründet. Der Geist redet durch das Zeugnis der Jünger und er befähigt zum Zeugnis. Das Zeugnis des Geistes dispensiert nicht von der Verantwortung für das eigene Reden, sondern es setzt es regelrecht in Bewegung. Und gibt ihm Kraft. Vollmacht.

 Das ist das Versprechen Jesu an die Jünger. Sie sind seine Zeugen, denn ihr seid von Anfang an bei mir gewesen. Mir fällt Lukas ein, der erzählt, was für die Nachwahl des Judas-Ersatzes wichtig ist: „So muss nun einer von diesen Männern, die bei uns gewesen sind die ganze Zeit über, als der Herr Jesus unter uns ein und aus gegangen ist, von der Taufe des Johannes an bis zu dem Tag, an dem er von uns genommen wurde -, mit uns Zeuge seiner Auferstehung werden.“ (Apostelgeschichte 1,21-22) Dafür stehen die Zeugen Jesu, dass sie von seinem Weg erzählen, dass sie ihn bezeugen als den, der den Weg Gottes gegangen ist und den Gott nicht in den Toten gelassen hat. Das ist gewiss mehr als nur ein historischer Bericht. Aber es nimmt zugleich ernst, dass da auch ein Weg erzählt wird, der irdische Spuren hinterlassen hat. Der Geist der Wahrheit öffnet die Augen und Herzen für das, was tragfähig ist, was dem Leben festen Boden verleiht und den Glaubendem sichere Schritte tun lässt. „Wir sind bei Trost“ weiterlesen

Schicksalsgemeinschaft

Johannes 15, 18 – 25

18 Wenn euch die Welt hasst, so wisst, dass sie mich vor euch gehasst hat. 19 Wäret ihr von der Welt, so hätte die Welt das Ihre lieb. Weil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich euch aus der Welt erwählt habe, darum hasst euch die Welt.

Es ist ein harter Wechsel: Ist das Wesen der Jüngerschaft Liebe, so ist das Wesen der Welt Hass auf die Jünger. Es ist die folgerichtige Konsequenz ihrer Jüngerschaft. Ihnen widerfährt, was Jesus widerfahren ist: „Er kam in sein Eigentum, und die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ (1,11)

Dabei ist die Welt durchaus „liebesfähig“ – sie liebt, was ist wie sie selbst. Aber es ist eine Liebe, die nie selbstlos ist – die immer einen Deal macht, auf Gewinn aus ist. Jesus weiß: Die Welt wird sie hassen, weil sie weltfremd sind, nicht mehr zur Welt gehören. Dieses Fremde in ihrer Mitte, diesen Fremden und mit ihm diese Fremden liebt sie nicht. Das wird ja später sogar eine Benennung der Christen: „An die auserwählten Fremdlinge“ (1. Petrus 1,1) Dass sie zu Christus gehören, das macht die Christen weltfremd, entfremdet sie der Welt. Das ist aber, so gewendet, nicht gleichzusetzen mit lebensuntüchtig oder gar lebensuntauglich. Nur: Sie sind von anderer Art.

Es ist in diesem Zusammenhang ein Satz, der mich nachdenklich macht. Ich halte ihn für richtig und gleichzeitig für falsch, für gefährlich. weil er Menschen Druck machen kann. Der mehr oder weniger offenkundige Hass, den einer erfährt, ist kein wirklicher Maßstab des Glaubens. Der Maßstab des Glaubens ist die Liebe zu Christus und den Brüdern und Schwestern. „Schicksalsgemeinschaft“ weiterlesen

Freunde der Freude

Johannes 15, 9 – 17

9 Wie mich mein Vater liebt, so liebe ich euch auch. Bleibt in meiner Liebe!

            Es ist ein Kreislauf der Liebe – vom Vater zum Sohn, vom Sohn zu den Jüngern, von den Jüngern zu den anderen Jüngern. Die Liebe zu den Schwestern und Brüdern nimmt Gott nichts, so wie die Liebe zum Sohn dem Vater nichts nimmt. Wer einen Gegensatz zwischen der Liebe zu Gott und der Liebe zu den Menschen konstruiert, der hat nichts von Johannes verstanden. Aber wohl auch nichts von Jesus, wie ihn die anderen Evangelisten bezeugen. „O-Ton“ Jesus: „Du sollst den Herren, deinen Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Matthäus 22, 37-39) Wie arm ist eine Liebe zu Gott, die den Menschen vergisst. Und wie bedroht ist die Liebe zu den Menschen, die sich nicht aus der Liebe Gottes nährt.

Darum auch hier wieder: Bleibt in meiner Liebe. Bleiben ist beständig werden. Beharrlich. Für das Johannes-Evangelium gibt es keinen Glauben, der sich nicht in der Liebe fest macht, nicht aus Liebe beharrlich dranbleibt – an Gott, an Jesus, am Nächsten. Bleiben ist Weg und nicht gelegentlicher Standpunkt. „Freunde der Freude“ weiterlesen

Der wahre Weinstock

Johannes 15, 1 – 8

Nach dem Satz: Steht auf und lasst uns von hier weggehen. könnte gut der Weg der Passion beginnen. Nicht so bei Johannes. Er fügt an diese Stelle – vor seinem „Bericht über die Passion“ – drei lange Kapitel ein mit Reden Jesu und einem Gebet Jesu. Den „Abschiedsreden“ und dem „Hohenpriesterlichen Gebet“ So die Bezeichnungen dieser Passagen, die sich auch in Bibelausgaben finden.

Warum? Kann man fragen. Hat der Schreiber nicht aufgepasst? Wer so denkt, unterstellt ihm doch ein Stück Naivität oder, wenn nicht sogar Dummheit. Aber Johannes ist bestimmt nicht dumm oder naiv. Er weiß, was er tut, auch mit diesem Einschub. Er hält den Gang des Geschehens auf mit diesen Reden. Darin, so denke ich, zeigt er: Was folgen wird, ist nicht unglückliches Schicksal, sondern der Weg, den Jesus wählt in Gehorsam und Liebe – Gehorsam gegen den Vater, Liebe zu uns.

 Es sind Abschiedsreden, nicht nur letzte Worte. Die werden eindrücklich genug am Kreuz folgen. In den Worten jetzt wird noch einmal zusammengefasst, was den Weg Jesu ausmacht und wer er ist. Jesus ist das Thema dieser Worte, nicht nur seine Funktion. Er selbst.

1 Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner.

 Folgerichtig fängt Jesus an. Ich bin. Und dann folgt: der wahre Weinstock.  Es ist das letzte der Ich-bin-Worte. Das erste war das Wort: Ich bin das Brot des Lebens (6,35; 6,48) Am Anfang dieser Reihe von sieben Ich-bin-Worten das Brot, am Ende der Weinstock. Man muss nicht phantasie-begabt sein, um in dieser Anordnung der Ich-bin-Worte einen nur wenig verhüllten Hinweis auf Brot und Wein, die Gaben des Abendmahles zu lesen.

Der wahre Weinstock – das ist Hinweis auf andere Weinstöcke, die nicht die wahren sind.  Es mag sich darin auch eine Erinnerung daran melden, dass bei den Propheten mit den Worten von Weinstock und Weinberg auch Enttäuschungen Gottes verbunden sind. Der Weinstock Israel hat nie gehalten, was sich Gott von ihm versprochen hat.

 Es ist ein weit verbreitetes Motiv, das Jesus aufgreift. Es ist die Suche nach dem Leben, nach der Freude, die sich mit der Frucht des Weinstocks verbindet. Diese Suche läuft ins Leere, wenn sie nicht in Jesus erfüllt wird.

  Das allerding ist von größter Bedeutung: Der über diesen Weinstock wacht, ist der Vater als der Weingärtner. Was immer dem Weinstock widerfährt, es geschieht unter dem Wachen des Vaters. Einmal mehr unterstreicht Jesus die innige, ja unauflösliche Verbindung zwischen sich und dem Vater. Dass er der wahre Weinstock ist, hängt eben daran, dass der Vater der Weingärtner ist. Ohne sein Handeln an dem Sohn und durch den Sohn würde der Sohn nicht Frucht bringen. „Der wahre Weinstock“ weiterlesen

Euer Herz erschrecke nicht

Johannes 14, 27 – 31

27 Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.

 Frieden! Shalom! Ειρήνη Das ist der Gruß im Judentum, schon im Alten Testament und auch in der ersten christlichen Gemeinde.  „Der Zuspruch dieses Friedens gehört fest zum gottesdienstlichen Segen.“ (U. Wilkens, aaO. S. 233) Hier ist  es Abschiedsgruß eines Scheidenden. Hier aber ist es mehr als ein Gruß. Es ist eine Zusage, ein Versprechen. Und der Charakter des einfachen Grußes wird auch gesprengt durch das „meinen Frieden“. Jesus sagt seinen Jünger zu: Ihr empfangt meinen Frieden. Ich nehme ihn nicht mit in die Welt Gottes. Ich lasse ihn euch. Ich gebe ihn euch. Er bleibt bei euch. Er umhüllt euch – als Schutzmantel, als Wirklichkeit mitten in der Welt.

Jesus vergisst nicht: Die Jünger leben in einer Welt, die oft genug zum Erschrecken ist, friedlos, von Gewalt durchtränkt. Darum sagt er ihnen noch einmal, was er schon am Anfang dieser Rede gesagt hat: Euer Herz erschrecke nicht und fügt hinzu und fürchte sich nicht.

 Wieder geht es mir so, dass ich das gesungen höre, mir zugesungen. Und indem ich das innerlich so höre, bin ich berührt, bewegt. Es ist ja wahr, dass ich das brauche in dieser Welt, in der ich so oft erschrecke, die ich so wenig verstehe, die mir in vielem ein Rätsel ist. Ich will mich nicht dem Erschrecken preisgeben. Gewiss, es berührt mich, aber es soll mich nicht bestimmen dürfen. Es springt mich an, aber es soll mir nicht sagen dürfen: Das ist die einzige Wirklichkeit des Lebens. Die tragende Wirklichkeit meines Lebens ist der Frieden, in den mich Jesus gestellt hat. Mitten in dieser so friedlosen Welt.   „Euer Herz erschrecke nicht“ weiterlesen