Nüchtern bleiben – warten

  1. Thessalonicher 2, 1 – 12

1 Was aber das Kommen unseres Herrn Jesus Christus angeht und unsre Versammlung bei ihm, so bitten wir euch, 2 dass ihr nicht so schnell wankend werdet in eurem Sinn und dass ihr euch nicht erschrecken lasst, weder durch eine Weissagung noch durch ein Wort noch durch einen Brief, die von uns sein sollen und behaupten, der Tag des Herrn sei schon da.

 Es ist das Thema, das in den Anfängen offensichtlich mehr und mehr an Bedeutung gewinnt. Wie steht es um das Kommen unseres Herrn Jesus Christus?  Direkt damit verbunden: was wird mit unsere Versammlung bei ihm, unserer „Vereinigung“ (Basisbibel) mit ihm. Das Warten wird lang uns es gibt Irritationen. So wie sie auch in Texten des Evangeliums spürbar sind: Der kommende Herr verzieht, lässt auf sich warten. (Lukas 12, 35 – 40) und das Warten fällt schwer.

Es scheint Leute, wichtige Leute gegeben zu haben, die Unruhe in die Gemeinde gebracht haben. Es scheint zudem, dass es in der jungen Christenheit Stimmen gibt, die anders über das Kommen Christi reden. Die wissen wollen, dass es noch gute Weile hat. Oder auch andere, die sagen: der Tag des Herrn ist doch schon da. Was das allerdings heißen könnte, bleibt vage. Eine Botschaft dieser anderen Stimmen, die konkret fassbar wäre, ist nicht zu erkennen. Nur ihre Wirkung: die einen werden verunsichert, die anderen erschreckt. Darum wird jetzt dieser neuer Anlauf genommen, um zu klären. Es ist ein bisschen mühsam zu lernen. Es gibt viele Fragen im Leben – und auch im Glauben, die sind nicht mit einem Mal ein für alle Mal geklärt. Sie melden sich wieder, beunruhigen wieder. Sie erfordern nicht unbedingt neue Antworten. Aber sie verlangen neue Aufmerksamkeit.

3 Lasst euch von niemandem verführen, in keinerlei Weise; denn zuvor muss der Abfall kommen und der Mensch des Frevels offenbart werden, der Sohn des Verderbens. 4 Er ist der Widersacher, der sich erhebt über alles, was Gott oder Heiligtum heißt, sodass er sich in den Tempel Gottes setzt und vorgibt, er sei Gott. 5 Erinnert ihr euch nicht, dass ich euch dies sagte, als ich noch bei euch war? 6 Und jetzt wisst ihr, was ihn noch aufhält, bis er offenbart wird zu seiner Zeit.

 Die Antwort ist fast so etwas wie ein Zeitplan der Vorzeichen. Es ist noch nicht so weit. ES muss erst noch schlimmer werden. Und eine Figur, die göttliche Machtansprüche erhebt und göttliche Ehren für sich selbst einfordert, muss erst noch auftreten.  Die verschleiernde Wortwahl lässt Spekulationen zu, wer denn wohl gemeint gewesen sein könnte.

Es ist nicht nur ein römische Kaiser, der eine Verehrung als Gott erwünscht und sogar eingefordert hat.  Ein Kandidat für den Titel Mensch des Frevels ist sicher Domitian (81 – 96 Princeps Romanum, also Kaiser) „Er verlangte von den Beamten, in ihren Dokumenten von ihm als von Dominus et Deus Noster – Unser Herr und Gott – zu sprechen.“ (W. Durant, Kulturgeschicht der Menschenheit, Bd. 8 , S. 155) In diesen Anwandlungen, gottgleiche Verehrung zu erwarten, ist er kein Einzelfall, auch bei weitem nicht der Erste auf dem Thron in Rom. Gleichwohl muss aber offen bleiben, ob die Briefschreiber in ihren Formulierungen an vergleichbare Größen gedacht haben.

Schon der erste Brief nach Thessalonich ist ein seelsorgerliches Schreiben, das die Angst nehmen will. Daran liegt nun auch diesem Brief: Das, was da jetzt im Schwange ist, das haben wir doch schon vor Zeiten bei euch angesagt. Darum ist kein Anlass, in aufgeregte Hektik zu verfallen. Ob der Tag nahe ist oder noch weiter weg – was macht da den Unterschied. Niemand wird den Tag versäumen. Niemand muss Angst um die haben, die schon gestorben sind. Auch sie werden nicht ausgeschlossen sein von der Freude über den wiederkommenden Herrn. Es gilt heute in Treue zum Glauben zu leben. Es ist bemerkenswert, wie der Brief argumentiert: Erinnert ihr euch nicht…  und jetzt wisst ihr. Was hier verhandelt wird, ist in der Gemeinde bekannt. Das könnte auch heißen: Die Lesenden in Thessaloniki wissen, von wem hier verschleiert die Rede ist, auch wenn wir heute es nicht wissen.

7 Denn das Geheimnis des Frevels ist bereits wirksam; nur muss der, der es jetzt aufhält, erst hinweggetan werden; 8 und dann wird der Frevler offenbart werden. Ihn wird der Herr Jesus töten mit dem Hauch seines Mundes und wird ihm ein Ende machen durch seine Erscheinung, wenn er kommt. 9 Der Frevler aber wird kommen durch das Wirken des Satans mit großer Kraft und lügenhaften Zeichen und Wundern 10 und mit jeglicher Verführung zur Ungerechtigkeit bei denen, die verloren werden.

 Es ist eine Passage, die über den engen Gemeindehorizont hinaus weist. Es geht nicht, wie es in späteren Briefen des Paulus oft sein wird, um Sonderlehren in der Gemeinde, nicht um abweichenden Auslegungen des Evangeliums, nicht um „Irrlehren“. Der als dieser Frevler erwartet wird, ist einer, der das perfekte Chaos herbeiführt. . Ein Gesetzloser, einer, der nur sich selbst als Maß hat. Einer, der sich Einfluss zu verschaffen weiß. Der lügenhaften Zeichen und Wunder produziert und sich so eine Gefolgschaft gewinnt. Einmal mehr: auch hier stehen wir vor Rätseln, weil die Andeutungen uns nicht mehr Klarheit verschaffen.

Manchmal retten wir uns dann in die Floskel: Gemeint sei der Anti-Christ. Da wird eine unerklärte Lage durch einen ungeklärten Begriff erklärt. Denn klar ist nur – hier ist einer bezeichnet, der im krassen Gegensatz zum Wesen Christi seinen Weg geht – nicht sanftmütig, demütig, den Menschen zugewandt, keiner, der das geknickte Rohr aufrichtet und den glimmenden Docht nicht verlöschen lässt. Der Frevler ist einer, der über Leichen geht.

Denn sie haben die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen, dass sie gerettet würden. 11 Und darum sendet ihnen Gott die Macht der Verführung, dass sie der Lüge glauben, 12 auf dass gerichtet werden alle, die der Wahrheit nicht glaubten, sondern Lust hatten an der Ungerechtigkeit.

Die hinter ihm herlaufen sind Verführte. Sie glauben ihm und versäumen so den Weg, auf dem Sie gerettet würden. Sie haben die Liebe zur Wahrheit verloren oder nie besessen. Drum sind sie anfällig für Lügen, für das, was wir heute Fake News oder „alternative Fakten“ nennen. Sie laufen auf einem Weg, er Erfolg verspricht, wenn man nur skrupellos genug ist und die Ungerechtigkeiten nicht scheut, die einem zum eigenen Vorteil gereichen.

Zum Weiterdenken

 Das Schwebende, Ungefähre, Andeutende dieser ganzen Diskussion hat wohl dazu geführt, immer wieder nach den Menschen zu suchen, die diesem Bild des Frevlers entsprechen. Es ist nicht so schwer, in einer Geschichte, durch die sich eine Blutspur von Gewalt und Lügen Zeit, auf Identifikations-Beispiele zu stoßen. Es ist auch nicht schwer, in der eigenen Gegenwart solche Figuren zu finden, die in ihrem Begehren nach Macht keine Grenzen akzeptieren und keine Moral, die ihnen Grenzen auferlegen könnte. N der Zeit der modernen Medien hast sich die Möglichkeit solcher Frevler gegenüber allen früheren Zeiten potenziert, weil es immer einfacher ist, ihre Lügen im Netz mit dem Schein der Wahrheit versehen zu transportieren.

Sind wird deshalb dem Ende der Zeiten näher gerückt? Ich weiß es nicht. Und er hält die Herrschaft dieser Frevler nachhaltig auf? Auch das weiß ich nicht. Ich hoffe, wie in allen Zeiten zuvor die Christenheit gehofft hat –  dass der Herr der Welt, der Schöpfer von Himmel und Erde, der Vater Jesu Christi sich seine Welt und seine Geschöpfe nicht nehmen lässt.  Dass er festhält an dem Werk der Erlösung, das er im Sohn gestartet hat.

 

Herr Jesus, wehre Du aller Faszination des Bösen. Lenke meine Blicke auf das Gute. Mache mich frei von der Angst, die vergisst oder zu vergessen droht, dass Du der Sieger bist, dass Du uns in die Güte Gottes stellst, dass Du die Tür für den Weg zu Gott aufgemacht hast, und niemand kann sie mehr zuschließen

 Lass mich nüchtern sein und damit rechnen, dass es manches gibt, was belastet, Leben zerstört. Bosheit von Menschen und genauso auch Entwicklungen in der Welt, die als unsere Lebensgrundlagen aufs Spiel setzen. Für die wir keinen Einzelnen verantwortliche machen können, die aber dennoch da sind.  

 Aber lass es mich nie aus den Augen verlieren, dass über der Welt der Satz Gottes steht: Und siehe da, es war sehr gut. Amen

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